[Anzeige] Let’s talk – Staffel 2

Let's talk
Foto: geralt @Pixabay

Gemeinsam mit SCHAU HIN! habe ich eine kleine Serie zum Thema Kinder und digitale Medien gestartet. Die Serie kam hervorragend an und es wurde schnell klar: es gibt viel Rede- und Informationsbedarf.

Ich freue mich deswegen, dass es 2018 weitergeht – allerdings in modifizierter Form. Nachdem ich in der ersten Runde v.a. allgemein über Nutzung und Plattformen gesprochen habe, soll es jetzt konkreter werden. Wie sieht Medienalltag bei anderen aus? Hierzu hat SCHAU HIN! bereits das Hashtag #Medienmomente etabliert.

#Medienmomente kann und soll von allen auf allen Plattformen benutzt werden, um ein Guckloch in ihre eigene Welt zu bieten. Wie gehen Familien mit digitalen Medien um? Was wird wann erlaubt? Was wird konsumiert etc.? Gesammelt findet ihr alles zu #Medienmomente auf dem Social Media Hub „Medien erleben“.

Genau diesen und einigen anderen Fragen wird sich die Fortsetzung meiner Kooperation mit SCHAU HIN! zuwenden. An dieser Stelle nochmal zur Transparenz: Meine Kooperation mit SCHAU HIN! ist bezahlt, jedoch werden mir keine inhaltlichen Vorgaben gemacht. Es wird nichts beworben. Mir ist eine Kennzeichnung in Abgrenzung zu meinen privaten Posts dennoch wichtig. Deswegen steht über der Let’s talk Serie [Anzeige].

Freut euch also auf die kommenden Beiträge. Es werden weiterhin die Vorteile, die (neue) Medien mit sich bringen, im Vordergrund stehen, weil Risiken und Gefahren durch Kulturpessimisten aller Ausrichtungen zu genüge beklagt werden.


Staffel 1 Let’s talk

Teil 1 von Let’s talk: Nicht wie lange sondern was
Teil 2 von Let’s talk: Messenger
Teil 3 von Let’s talk: Computerspiele
Teil 4 von Let’s talk: YouTube
Teil 5 von Let’s talk: Fernsehen und Streaming-Dienste
Teil 6 von Let’s talk: Hörwelten
Teil 7 von Let’s talk: Augmented Reality und Virtual Reality
Teil 8 von Let’s talk: Programmierbares Spielzeug zu Weihnachten?
Teil 9 von Let’s talk: Mitbestimmung beim Medienkonsum
Teil 10 von Let’s talk: Nutzung digitaler Medien nach Alter

Ferienjobs

Ferienjobs
Nägel musste man bei der Baumarktinventur zum Glück nicht zählen. Die konnte man wiegen.

Wie lange können bzw. sollen für die Kinder Ferien Ferien sein? Das habe ich mich schon sehr oft gefragt, denn schon in der Grundschule fanden die Lehrerinnen es eine gute Idee, den Kindern (meist freundlicherweise auf der persönlichen Schiene, ohne Eintrag ins Hausaufgabenheft) Aufgaben mit in die Ferien zu geben. Teilweise in absurdem Ausmaß. Ich habe mich bislang beharrlich geweigert die Kinder in der Grundschule umfangreiche Ferienhausaufgaben machen zu lassen.

Schon da habe ich mich gefragt, ob a) ich jetzt komplett Hippie geworden bin oder ich b) die Kinder verweichliche.

Brennender wird die Frage je älter die Kinder werden, da sie irgendwann in ein Alter kommen, in dem sich die Frage stellt, ob sie nicht mal den ein oder anderen Ferienjob machen könnten.

Ich selbst habe ab dem Grundschulalter regelmäßig Aufgaben erledigt, für die ich bezahlt wurde. Ich hab zum Beispiel das Treppenhaus des Mietshauses von oben bis unten durchgeputzt und dafür zwei Mark bekommen. Später habe ich Zeitungen ausgetragen und dann neben der Schule (nicht nur in den Ferien) regelmäßig gearbeitet. Ich musste. Zum einen, weil meine Eltern das wollten und zum anderen, weil es die einzige Möglichkeit für mich war an Geld zu kommen.

Ich habe so viele Jobs gemacht, ich kann mich gar nicht an alle erinnern. Die, die ich im Gedächtnis habe, habe ich aus Gründen im Kopf. So z.B. Inventuren in Baumärkten, bei denen ich ohne Handschuhe Sägeblätter gezählt habe, bis meine Finger blutig waren (Hey! Immerhin 15 Mark gab das pro Stunde. Irre. Wenn man da einfach 10 Stunden durchgearbeitet hat, war man reich!). Ich habe lange Zeit in einer Kneipe gekellnert, wo ich gelernt habe, wie man Schimmel abkratzt und Typen abwehrt, die einem Mal gerne die Gegend im Auto zeigen wollen, weil man nicht den typischen Lokaldialekt gesprochen hat: „Na, bist ned von hier, gell? Soll I dir amol die Gegend im Audo zeigen, hm?“

Ich habe nachts in Call-Centern gearbeitet, ich habe gebabysittet, ich habe Straßenumfragen gemacht, ich habe Nachhilfe gegeben, ich habe tagelang per Hand Tausende von Briefen eingetütet, ich habe VHS händisch digitalisiert, ich habe Lochkarten in einen Auswertungsautomaten eingespeist, ich habe komische Chipkarten eingelesen und irgendwelche Daten in großen Aktenschränken hinterlegt, die man über mehrere Etagen heranholen konnte und an Rechnern gearbeitet, die einen grünen Bildschirm und noch keine Maus hatten. Ich habe als Hiwi Forschungsarbeiten begleitet und in Kantinen gearbeitet, in denen ich morgens um 8 erstmal 150 halbe Brötchen mit Mett beschmiert habe.

Am grauenhaftesten war ein Ferienjob in einem Kleidungsversand, in dem man große Pakete öffnen und dann die einzelnen Kleidungsstücke für Boutiquen neu zusammenpacken musste. Ich erinnere mich noch ganz genau, dass man optisch nichts auseinander halten konnte: Mausgraue Pullover, steingraue, anthrazitfarbene, hellgraue, betongraue und dann rindenbraune, erdbraune, dunkelbraune, ebenholzfarbige, kaffeebraune, umbrafarbene und zimtfarbige. Schwarze, nachtschwarze, tiefschwarze, schwarzgraue, lackschwarze und zur Abwechslung purpurrote, tomatenrote, rubinrote, verkehrsrote, orientrote, braunrote und oxitrote Oberteile.

Mit einem großen Teppichmesser wurden die Kartons aufgeschlitzt und dann hat man sich die Bestelllisten geholt, die Teile durchgezählt, die richtige Paketgröße besorgt und anschließend wurden die Kleidungsstücke einsortiert. Man musste alles gebückt machen. Es war schrecklich anstrengend und unsäglich monoton. Glücklicherweise hab ich diesen Job mit meiner damaligen Teenagerfreundin gemacht, so dass wir wenigstens gackern konnten. Tatsächlich haben wir irgendwann so einen Unsinn veranstaltet, dass wir gefeuert wurden. Allerdings haben sie uns zwei Tage später wieder angerufen, ob wir nicht doch wieder arbeiten wollten, denn sie hatten niemanden gefunden, der in der Hochsaison aushelfen konnte. Und ja, wir gingen wieder hin. Immerhin gab es 12 DM die Stunde.

Mich haben diese Jobs sehr demütig gemacht. Ich wußte bei jedem Teil wie viele Stunden, Minuten, ja Sekunden ich dafür arbeiten musste. Eine Nacht Inventur im Baumarkt entsprach einer Diesel Jeans. Unglaublich teuer war die, aber ich wollte unbedingt eine schwarze mit weit ausgestellten Beinen.

Darüberhinaus haben mich die Jobs für die Schule motiviert. Viele der Leute, mit denen ich gearbeitet habe, haben diese Arbeiten als Festanstellung gemacht. Tagein, tagaus. Mir wurde ein guter Schulabschluss immer wichtiger. Um jeden Preis wollte ich nach dem Abitur die freie Auswahl, kein NC sollte mich an einem Studium hindern.

Mein Studium hätte ich ohne diese Jobs nicht geschafft. Manchmal hatte ich die letzten Tage vor Monatsende keinen Pfennig mehr und auch nichts zu essen. Ich hab mich dann einfach immer in WGs eingeladen und dort Nudeln gegessen oder bei Freundinnen und Freunden, die noch bei ihren Eltern wohnten und von den Eltern bekochen lassen.

All diese Erinnerungen haben in mir den Wunsch geweckt, dass meine Kinder so lange es geht ihre Ferien genießen können sollen. Ich wünsche mir, dass sie eine entspannte Zeit haben und dass sie sich bestenfalls auch mal tierisch langweilen.

Ich weiß nicht, ob ich ihnen dadurch etwas schenke oder im Gegenteil etwas nehme. Ich hab durch meine Jobs sehr viel gelernt. Die Praktika in meinem Studium waren nicht meine einzige Berufserfahrung, die ich dann bei Bewerbungen einbringen konnte.

Bis heute weiß ich, wie lange ich für welchen Gegenstand arbeiten muss. Oft rechne ich auch aus, was es kostet meine neu gekauften Schuhe zu tragen bzw. wie oft ich sie tragen muss, damit einmal Schuhe tragen weniger als einen Euro kostet und ich frage mich bevor ich in sie schlüpfe, ob ich den Betrag X jetzt in eine Schuhausleihstation einwerfen würde, wenn ich müsste.

Manchmal wird mir auch klar, dass ich jetzt ohne Probleme für eine Nacht in einem Hotel so viel ausgebe, wie ich für einen Monat in meinem Zimmer als Studentin Miete gezahlt habe. Ich weiß nicht, ob man das je vergißt und ich weiß auch nicht, ob das hilfreich ist.

Deswegen weiß ich auch nicht, ob ich den Kindern irgendwann mal sagen sollte: So, jetzt seid ihr alt genug, jetzt könnt ihr auch mal arbeiten gehen.

Früher hätte ich auch hier gesagt: Geschadet hat es mir nicht. In der Zwischenzeit denke ich – doch hat es. Es hat mich hart gemacht, auch hart mir selbst gegenüber und ich habe v.a. gelernt: egal wie scheiße ein Job ist, du machst ihn jetzt und du meckerst nicht rum.

Schöne Kinderbücher

Gerne lasse ich mich ausführlich darüber aus wie schrecklich ich die meisten Kinderbuchserien finde. Allen voran Conni. Conni das Mädchen, das mich zu Tode langweilt. Conni, Conni, mit der Sch****e im Haar! Kind 3.0 liebte Conni. Ich musste alle Conni-Bücher immer und immer wieder vorlesen.

Ich hab mich immer damit aufgebaut, dass es der Kinderseele gut tut völlig vorhersehbare Geschichten in Dauerschleife vorgelesen zu bekommen. Sie lernen ja erst wie die Welt funktioniert. Wenn sie dann selbst Vorhersagen über die Zukunft, zumindest im Rahmen der Vorlesegeschichte machen können, wenn sie sich also einen stabilen Erwartungshorizont bilden können und dann wirklich eintritt, was sie vorausdenken, dann stabilisiert das das Selbstbewusstsein.

Wie glücklich und dankbar bin ich deswegen, wenn uns Kinderbücher in die Hände kommen, die nicht nur den Kindern beim Vorlesen Freude bereiten. (Eine zuverlässige Quelle für Inspirationen beim Kinderbuchkauf sind übrigens die Empfehlungen von Rike Drust. )

Erst kürzlich wurde uns „Das große Buch vom Räuber Grapsch“ (Amazon Werbelink) geschenkt und dazu muss ich jetzt unbedingt schreiben. Räuber Grapsch, das sind eigentlich mehrere Bücher, geschrieben von Gudrun Pausewang. Ein Kinderbuchklassiker, wie mir gesagt wurde. Offensichtlich einer, den ich komplett verpasst habe – auch als Kind.

Gudrun Pausewang war mir zumindest ein Begriff als Autorin. Von ihr stammt auch das Buch „Die Wolke„, das ich damals in der Schule gelesen habe und das mich sehr stark beeindruckt und emotional mitgenommen hat.

Zurück zum Räuber Grapsch. Als ich das Inhaltsverzeichnis gelesen habe, bin ich davon ausgegangen, dass mich eine Geschichte nach Art Räuber Hotzenplotz erwartet:

„Der Räuber Grapsch mit seinen zwei Metern Länge und dem struppigen Bart sieht wirklich zum Fürchten aus. Besonders klug ist er nicht, aber dafür sehr stark. Weder Fledermausdreck in der Suppe noch Eiszapfen in seiner Räuberhöhle können ihn aus der Ruhe bringen. Und wenn er Stiefel braucht, dann raubt er sie sogar dem Polizeihauptmann persönlich! Alle Leute haben vor ihm Angst, bis sich eines Tages Olli in seinen Wald verirrt – und sich keineswegs vor ihm fürchtet. Sie wird sogar seine Räuberfrau. Dazu muss er sich aber erst mal bei Ollis Tante vorstellen, was gar nicht gut läuft … Die witzig-skurrilen Geschichten über den furchtlosen Räuber, von Rolf Rettich mit viel Detailfreude illustriert, sind längst ein Klassiker geworden.“

Dass ich ein großartiges Buch über die Liebe, Freundschaft, Verlust und Tod in den Händen halte, das zudem noch sehr, sehr lustig ist, hätte ich nicht gedacht.

Wenn mich Bücher begeistern, dann möchte ich sie gerne anderen Familien schenken. Ich steuerte deswegen Amazon an und bin über eine Rezension gestolpert, die mich sehr amüsiert hat:

anfangs war ich etwas genervt von der heteronormativen darstellung der frau olli, die kaum in der höhle sämtliche hausarbeiten an sich reißt, aber nach und nach wird doch ein bild entworfen von einer sehr ausgewogenen beziehung zwischen den beiden. kein heiteiteibuch, sondern irgendwie erfrischend lebensnah.

Denn genau das trifft auch meine Empfindung. Ohne ein paar Jahre Twitterbeschallung, wäre mir der Begriff heteronormativ um Zusammenhang mit einem Räuberbuch vermutlich nicht in den Sinn gekommen, aber jetzt passt es einfach.

Denn das Räuberbuch dreht sich in großen Teilen um die Beziehung von Räuber Grapsch und einer sehr kleinen Frau namens Olli. Olli ist fasziniert vom großen, wilden und starken Räuber Grapsch. Oberflächlich gesehen erfüllt er alle Männlichkeitsklischees, die man sich denken kann.

Grapsch führt ein freies Räuberleben, jenseits gesellschaftlicher Strukturen und lebt in den Sümpfen in einer Höhle im Wald. Olli ist gefrustet von ihrem gutbürgerlichen Leben, in dem sie als Fabrikarbeiterin tagein tagaus Sparschweinchen bepinselt. Als sie durch Zufall den Räuber Grapsch kennenlernt, fühlt sie sich zu ihm hingezogen, denn er besitzt alles, was sie nicht hat: grenzenlose Freiheit.

Kaum sind die beiden ein Paar, zieht sie zu ihm in die Räuberhöhle und plötzlich muss aufgeräumt werden, die Fledermäuse stören und der Räuber soll bitteschön seinen Beruf an den Nagel hängen und rechtschaffen werden. Wie zu erwarten durchleben die beiden viele Konflikte. Doch was sie beide verbindet ist eine tiefe Liebe, die ihnen ermöglicht die schönsten Kompromisse auszuhandeln.

„Aber Fledermäuse und Sauberkeit, das verträgt sich nicht“, sagte [Olli] eigensinnig.

„Du bist hier nicht mehr bei deiner Etepetete-Tante“, rief [Räuber Grapsch]. „Du lebst jetzt in einer Räuberhöhle!“
„Und warum solles ncht auch saubere Räuberhöhlen geben?“, fragte sie. „Ich will jeenfalls keinen Fledermausdreck in meiner Suppe haben.“
„Dann iss du draußen“, brummte er. „Ich esse drin. Und die Fledermäuse bleiben in der Höhle.“
Es regnete. Olli konnte die Suppe nicht vor der Höhle löffeln. Trotzdem fiel ihr kein Dreck in den Teller, denn sie spannte ein Tuch unter den Fledermäusen aus, genau über dem Tisch. Da konnte nichts mehr fallen. Und sie versöhnten sich wieder

S 50/51

Oh, es klingt so kitschig und spießig, aber es hat mir wirklich das Herz erwärmt wie die beiden immer wieder erkennen, dass sie sich gegenseitig so lieben, weil sie sind, wie sie sind und dass sie versuchen aufeinander zuzugehen, so dass es beiden gut geht. Sie handeln ihre Beziehung aus und wachsen miteinander. Sie lernen ihre Beziehung zu pflegen und wertzuschätzen und überwinden so alle Hindernisse, die das Leben ihnen in den Weg stellt.

Ich mochte auch die Botschaft, dass es nie die EINE richtige Lösung gibt, sondern dass es immer viele Lösungen gibt, auf die man ohne das miteinander reden nie gekommen wäre.

Würde ich jetzt Kind 3.0 fragen, um was es bei Räuber Grapsch geht, würde mir das bestimmt nicht sagen: „Top Beziehungsratgeber!“. Es war einfach amüsiert und gespannt, was der Räuber so erlebt, ob ihn die Polizei schnappt und konnte einige Male einwenden, dass der Grapsch wohl gar nichts von ordentlicher Kindererziehung wisse.

Zugleich kann ich aber versichern, dass sowohl Kind 3.0 als auch ich mehrere Male laut gelacht haben beim Lesen.

[Olli und Grapsch brauchen eine Säge]
„Du, ich hab eine Säge!“
„Geraubt, was?“ sagte sie, ohne sich umzudrehen.
„Was sonst?“, fragte er gereizt. „Es ist sogar eine Motorsäge. Allerdings hängt ein Waldarbeiter dran. Er will die Säge nicht hergeben, was machen wir mit ihm?“
Olli warf einen Blick hinter sich. Tatsächlich zerrte ein finster dreinblickender Mann an der Säge, die Grapsch in den Fäusten hielt. „Ganz einfach“, sagte sie. „Zeig ihm die Bäume, die er fällen soll [und dann lass ihn wieder laufen.] Samt der Säge.

S. 158

Auch der Fäkalhumor kommt nicht zu kurz und selbst das Männlichkeitsklischee wird nach und nach aufgelöst. Denn der Räuber wird Vater und bekommt Gefühle:

Als Max Kartoffeln und Rührei auf Grapschs Teller häufte, winkte der Räuber traurig ab und wischte sich mit seinem Bart über die Augen.
„Du hast keinen Hunger?“, rief Max bestürzt. „Dann geht’s dir schlecht. Erzähle! Kratz dir’s von der Seele, Mann!“
Da geschah etwas Unglaubliches: Grapsch, der riesige, haarige Kerl fing an zu weinen. Er weinte so heftig, dass sein Bart troff und das Rührei vom Tisch geschwemmt wurde. Vor Rührung weinte Max mit.“

S. 207/208

Kind 3.0 hat lediglich kritisiert, dass Olli und Grapsch ständig Kinder bekommen, ohne dass ausführlich Sexszenen beschrieben werden. Das sei irritierend, man wird schließlich nicht einfach so schwanger.

Also langer Rede kurzer Sinn: Wer den Räuber Grapsch noch nicht kennt, der sollte ihn kennenlernen.

Die perfekte Mutter

Ich sage das ja auch sehr gerne: „Ich war die perfekte Mutter… bevor ich Kinder bekommen habe.“ Äußerst sympathisch finde ich, dass diese andere Mutter sich ganz offensichtlich auch in der Speisekammer vor ihren Kindern versteckt. Mein Lieblingsplatz war lange beim Verstecken spielen der überdimensionale Wäschekorb. Jetzt verstecke ich mich auch gerne in der Kammer und esse dort heimlich Schokolade (wenn ich mich richtig erinnere, hab ich sogar im Buch darüber geschrieben).

Late Adopter

Ich selbst habe seit vielen Jahren kein Fernsehgerät mehr. Fernbedienungen der Art wie im Tweet gezeigt, kenne ich nur aus dem Urlaub (wo, egal wie klein die Ferienwohnung ist, mindestens ein Fernseher rumsteht) oder wenn ich _meine_ Eltern besuche. Dort ist es ganz selbstverständlich ein Fernsehgerät zu haben, die Programme kommen per Satellit und meistens gibt es einen Festplattenrekorder.

Ein typisches Szenario ist folgendes: Die Eltern sind unterwegs, ich langweile mich und denke: „Hm. Schon seit Monaten nicht ferngesehen, mach‘ ich doch mal das Empfangsgerät an.“ Ich stehe also vom Sofa auf, wo ich vorher interessiert eine Fernsehzeitschrift gelesen habe, öffne den Schrank, in dem das Fernsehgerät versteckt ist und finde mindestens fünf Fernbedienungen. Durch Abgleich der Gerätemarken versuche ich zunächst die Fernbedienung zu finden, die das bildgebende Medium steuert. Dort drücke ich auf „Power“. Meistens zeigt der Monitor dann eine Meldung der Art: Empfangsquelle nicht gefunden. Also scrolle ich alle möglichen Quellen durch. Die HDMI Eingänge, Scart, DVI, VGA, USB und auch den anderen Krempel von dem ich noch nie gehört habe. Vorher habe ich ebenfalls durch Betätigen des Powerknopfes das Satellitenempgangsgerät aktiviert.

Gefühlte 15 Minuten später habe ich endlich ein Bild. Werbung um genauer zu sein. 7 Zeichen der Hautalt… ich schalte um… Werbung. Werbung. Werbung. Fünf Minuten später drücke ich wieder „Power“ um das bzw. die Geräte auszuschalten.

Damit ich es bei der Vielzahl der Fernbedienungen und der Vielzahl der Knöpfe  nicht mit der Angst zu tun bekomme, nehme ich die Fernbedienungen übrigens genauso wahr, wie sie oben abgeklebt sind. Ich frage mich auch, wofür sind die anderen Schalter? Benutzt sie jemand? Macht man mehr als an/aus, Programm hoch/runter und laut/leise? Und wenn ja, warum ist das so ein Usability-Dreck? Und v.a. warum wird so ein Tweet so oft gelikt?

Ich wollte schon Weihnachten über die Unart schreiben, sich über die eigenen Eltern in Sachen Technikhilflosigkeit lustig zu machen, habs dann aber wieder vergessen. Über die Feiertage fahren ja viele zu ihren Eltern und lösen dort Technikprobleme. Da häufen sich die Hahaha-meine-dummen-Eltern-Tweets und Beiträge auf den sozialen Plattformen.

Eingefallen ist mir das Ganze wieder als ich den Artikel „Die sieben Stufen der großelterlichen Internetnutzung“ las. Da wird sich ein bißchen darüber lustig gemacht, wie schwer es Menschen fällt einen Einstieg in Thema Internet zu finden, wenn sie nicht schrittweise mitgewachsen sind.

Interessanterweise ist dieser Einstieg meist WhatsApp (was ich prinzipiell von Whatsapp halte, kann man gerne unter Let’s talk – about Messenger nachlesen), gespeist von dem Wunsch mehr Kontakt zu den Enkeln zu haben, deren Kommunikation eben nicht mehr über Briefe oder Festnetztelefonie einzufangen ist.

Dass WhatsApp so verbreitet ist, scheint eben auch an der grundsätzlich einfachen Bedienbarkeit zu liegen (und einem mangelnden Bewusstsein für Datenschutz). Jedes Kind versteht WhatsApp und früher oder später eben auch jede Oma und jeder Opa.

Alle anderen Apps und Plattformen sind meist sehr viel schwieriger zu vermitteln.

Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben. Ich wollte eigentlich darüber schreiben, dass man auch wertzuschätzen könnte, dass ältere Menschen, die sich vielleicht lange nicht mit Technik beschäftigt haben, versuchen aufzuholen.

Kleiner Exkurs:

Ich kenne einen ähnlichen Effekt aus dem Sport. Mir wurde als Kind und Jugendliche in der Schule ständig gesagt, dass Mädchen zu doof seien, um z.B. Bälle zu werfen. Wenn ich also möglichst weit werfen sollte, stand neben mir ein Sportlehrer, der lustige Sprüche parat hatte wie „So Jungs, jetzt mal vorsichtig – v.a. hinter Patricia – sie wirft jetzt gleich einen Ball.“ Natürlich hätte der Lehrer auch mal was von Armstellungen, Wurfwinkel, Schrittfolgen, Stellung der Füße etc. sagen können, aber darauf wurde verzichtet. Es gab eben die, die gut werfen konnten und die, die es nicht konnten: z.B. mich

So entmutigt, habe ich mich gedrückt wo es nur ging. Dementsprechend fehlte mir die Übung und ich blieb auf dem Niveau einer Grundschülerin. Später als am Strand z.B. Volleyball gespielt wurde, war ich immer die Pupe, der der Ball auf den Kopf fiel.

To keep a long story short: Mir wurde es nie richtig gezeigt und dann habe ich den Anschluss verloren. Je mehr Erfahrung andere sammelten, desto größer wurde der Abstand zwischen denen und mir. Irgendwann war der Abstand so groß, dass ich das Problem für mich als „Ich bin halt unsportlich, wahrscheinlich irgendein Defekt im Kleinhirn“ abhakte.

So ist es offenbar mit Technik auch. Wer sich geistig ausklinkt und sich dann nur Menschen gegenüber sieht, die gefühlte Lichtjahre voraus sind, der traut sich einfach nicht mehr Schritt für Schritt aufzuholen und Fragen zu stellen.

(Dabei liegt es oft nicht an den Eltern sondern daran, dass man z.B. berufsbedingt daran gewöhnt ist Schmerzen zu ertragen was Usability/Logik angeht, weil man sich mit Systemen auseinandersetzen muss, die man freiwillig niemals bedienen würde, wenn man die Wahl hätte. Oder es liegt daran, dass älteren Menschen unfassbare Scheiße aufgeschwatzt wird. Wenn ich z.B. an den Handyvertrag denke, der meiner Mutter angedreht wurde, dann würde ich den Verkäufer gerne verklagen. Selbiges gilt für bestimmte Smartphonemodelle, die so ****** sind, dass ich googeln musste, wie man es anstellt!)

Es ist unfair und herablassend sich über Menschen lustig zu machen, die sich bemühen aufzuholen. Wie schnell man selbst abgehängt ist, merke ich immer wieder, wenn ich sehe, was meine Kinder alles wissen und können und v.a. wie angstfrei sie an solche Systeme gehen. Und das ist nämlich auch ein Thema: Die Angst Dinge kaputt zu machen.

Nach einigen Erfahrungen wissen wir tolle Poweruser eben: Wenn man vorher ein Backup macht, dann kann man alles ausprobieren und wenn dann wirklich mal was kaputt geht, dann stellt man eben den Stand des Backups wieder her.

Ich habe in meinem Umfeld einige extrem technikaffine Menschen, die mir schon stunden- und tagelang Dinge erklärt haben. Ich durfte immer fragen, ausprobieren, noch mehr fragen und manchmal hab ich Dinge auch einfach gemacht bekommen, weil ich keine Lust und keinen Ehrgeiz hatte mich mit einem speziellen Problem auseinanderzusetzen. Das hat mir sehr geholfen.

Außerdem bin ich tatsächlich der festen Überzeugung: Ganz oft liegt es nicht an den Menschen (die etwas nicht verstehen), sondern an den Systemen, die scheiße sind. Eine Mikrowelle*, deren Grundfunktion „Erhitzen durch Mikrowellen“ nicht ohne Lesen der Bedienungsanleitung aktivierbar ist, ist eine Scheißmikrowelle. Auch wenn sie 200 Funktionen mehr hat als ein anderes Modell.

Deswegen liebe EinsteigerInnen: Herzlich Willkommen im Internet. Schön, dass Sie sich durchgekämpft haben. Wenn Sachen nicht funktionieren, wie sie sollen, dann sind nicht immer Sie schuld – manchmal sind auch die Sachen doof.


*Gilt auch für Apps, Telefone, Computer, Tablets und sonstige Hardware.

 

Eintopf-Monopol

Eine Woche lang wachen wir mit der Sonne auf und werden müde wenn sie untergeht. Dazwischen strahlend blauer Himmel. Wenn wir die Fenster unserer Unterkunft öffnen, hören wir das Meer rauschen – ganz selten mal eine Möwe schreien.

Die Siedlung ist so leer, dass ich nach einigen Tage google, ob wir gerade wirklich Winterferien haben oder ob ich mir das nur ausgedacht habe. Alles hat geschlossen – selbst die Cafés, die Google als „geöffnet“ angibt. Wenn man anruft, nimmt meistens jemand den Hörer ab und vertröstet uns auf Ostern. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist drei Kilometer entfernt. Ein kleiner EDEKA mit Bäckerei. Wochentags geöffnet von 7 bis 13 Uhr. Wenn man reinkommt, wird man mit „Moin, Moin“ begrüßt. Ich bestelle Brötchen fürs Frühstück und Butterkuchen für den Nachmittag. Auf einem Schild steht „Cappuccino – 2 Euro“. Tatsächlich sehe ich auch eine Maschine. „Einen Cappuccino hätte ich gerne noch.“ „Cappuccino haben wir nicht“, sagt die Verkäuferin „erst Ostern wieder. Filterkaffee könnense haben.“ „Ok, dann einen Filterkaffee bitte.“ Ich habe keine Erwartung an den Kaffee. Er soll mich nur wärmen. Während ich in meinem Kaffee rumrühre, kommt ein zweiter Kunde: „Moin, Moin“ grüßt man sich wieder. „Na, Sandra? Wie gehts?“ „Muss ja“, sagt Sandra „Und Dir Jörgen?“ „Ich muss zum Zahnarzt. Aber nur Kontrolle.“ Sandra und Jörgen schweigen sich kurz an. „Wie immer, Jörgen?“ Wie immer.“ „Ich musste heute kratzen. Von innen. Das hatt‘ ich noch nie.“ „Is kalt“, bestätigt Jörgen.

Ich nehme meinen Kaffee und meine Brötchen, stopfe alles in meinen Rucksack. Während wir wieder die drei Kilometer am Strand zurück laufen, fällt mir auf, dass das Boot an Strandaufgang 26 „Sandra“ heißt.

Die Sonne steht noch tief, sie macht unsere Schatten lang. Die Luft ist klar und ich stelle fest, wie wunderschön ich das Meer finde. An Wald und Bergen sehe ich mich schnell satt. Es dauert keine zwei Tage und da habe ich das Gefühl: Kenn‘ ich einen Baum, kenn‘ ich alle. Mit dem Meer ist es anders. Ich kann mich an der Weite nicht satt sehen. Der unverstellte Blick, das Wasser mal dunkelblau, mal schwarz, mal klar, mal eine braune Brühe.

Ich blicke auf den Boden. Überall Muscheln und Steine. Als Kind wollte ich immer Bernstein finden, dabei ist Bernstein so häßlich. Orangenes, fossiles Harz. Immerhin brennt er. Viel schöner sind glatt geschliffene Glasscherben, trüb, in braun, milchig weiß, grün. Ich nehme sie alle hoch, betrachte sie und stecke sie mir in die Manteltasche.

Am Nachmittag laufen wir wieder am Strand entlang, diesmal noch weiter im Westen. Drei Stunden lang. Die Häuser hinter dem Damm stehen alle leer. Aus den Kaminen steigt kein Rauch auf. Wie es hier wohl im Sommer aussieht? Obwohl ich meinen wärmsten Mantel und mehrere Schichten Kleidung trage, bin ich irgendwann durchgefroren. Was gäbe ich jetzt für eine warme Suppe. Das nächste Restaurant, das geöffnet hat, gehört zu einer Klinik. Uns kommen ältere Damen mit Rollatoren entgegen. Die Tische und Stühle sehen aus wie in allen Alten- und Pflegeheimen, die ich bereits besucht habe. Helles, abgerundetes Holz, die Bezüge irgendein Farbton zwischen Lachs und Pflaume.

Ich trete an den Tresen und frage: „Was haben sie denn Warmes zu essen da?“ „Pichelsteiner Suppe.“ Ich warte noch ein bißchen, aber Pichelsteiner Suppe bleibt die Antwort. Kein und – keine Aufzählung. Pichelsteiner Suppe. „Was ist Pichelsteiner Suppe?“, frage ich. Die Frau hinter der Kasse sieht mich entgeistert an. „Ein Eintopf mit Kohl.“ „Dann hätte ich gerne eine.“ Die Frau nickt, verschwindet in der Küche und reicht mir einen Eintopf mit Kohl, Möhren und Fleischstücken. Ich zahle, setze mich an einen der Plätze und denke darüber nach, wie das Leben hier ist.

In Berlin wird man von der Auswahl erschlagen. Welches Restaurant hat nur eine Suppe, geschweige denn ein einziges warmes Gericht? Ich hasse eigentlich Auswahl, wenn ich ehrlich zu mir bin. Monopole sind an sich eine gute Sache. Der EINE Stromanbieter, der EINE Mobilfunkanbieter, die EINE Versicherung. Wie viel Lebenszeit würde ich sparen, wenn ich vor jeder Entscheidung tagelang Features und Preise vergleichen müsste. „Guten Tag, was kann ich für sie tun?“ „Ich habe Hunger.“ „Schön, setzen sie sich, ich bringe ihnen unser Gericht.“ Unvorstellbar.

Ich weiß auch gar nicht, ob ich das aushalten würde. Was wenn ich nicht mehr zwischen Bao Burger, Sushi, Bibimbap und Shakshuka entscheiden kann? Ich glaube meine Seele braucht die Möglichkeit theoretisch die Wahl haben zu können. Am Ende gehe ich dann doch immer in den selben Laden und rege mich innerlich auf, wenn es mal anders als sonst schmeckt.

Apropos aufregen. In unserer Siedlung sind wir wirklich die einzigen. Gleich hinter dem Damm gibt es keinen Durchgangsverkehr. Keine Restaurants, keine Imbisse, keine Supermärkte und auch sonst keinen Grund hier vorbei zu fahren. Absolute Stille. Als am Donnerstag die Müllabfuhr durch das Viertel rollt, bekomme ich fast einen Nervenzusammenbruch. Was soll dieser Krach? Was ist hier los??? Eine Stunde später fährt sogar ein fremdes Auto durch unsere Straße. Nicht auszuhalten! Interessant dass sich die Sensorik je nach Angebot anders eicht.

Wunderbarer Winterurlaub

Winterurlaub
Winterurlaub an der Ostee: zu perfekt

Mein Partner, der relativ viel mit Computerspiele zu tun hat, hat es vermutlich geschafft uns alle k.o. zu schlagen und VR-Brillen aufzusetzen, ohne dass wir es gemerkt haben.

Das ist jedenfalls die naheliegendste Erklärung für den Umstand, dass wir gerade ein freistehendes, bezahlbares Häuschen mit Kamin 50 Meter von einem Ostseestrand beziehen und es zu schneien beginnt.

Als ich mir die Inneneinrichtung und die Deko der Ferienwohnung anschaue, bin ich mir sicher: sowas gibt es nicht in echt. Man hat mir ein VR-Feriendings implantiert. In der Real World gibt es keine dezente und ansprechende Deko. Nie.

Winterurlaub
Deko im Ferienhaus, bei deren Anblick man nicht erbrechen muss: unrealistisch

Auch die Kinder sind verdächtig gut gelaunt. Sie gehen am folgenden Abend ohne Murren ins Bett, willigen sogar in die regelmäßige Durchführung von Körperhygiene ein und schlafen bis 8 Uhr.

Mein Freund, ich erwähnte an anderer Stelle, dass er gar nicht mal so dumm ist, weiß natürlich, dass ich weiß, dass eine allzu perfekte Winterferienumgebung verdächtig erscheinen würde. Das mit den dicken, herumwirbelnden Schneeflocken konnte er sich aber nicht verkneifen. Schließlich hatten wir bislang alle Winterferien im Schnee verbracht und Schnee am Meer ist besonders romantisch. Also hat er sich diverse andere Elemente ausgedacht, alle für sich höchst unperfekt, so dass ich ingesamt denken muss: „Hm, virtuelle Realität kann das nicht sein, da wäre alles wunderbar. Aber weil es eben nicht alles perfekt ist, haben wir dieses Jahr einfach nur Glück mit unserer Unterkunft, dem Wetter und der Lage.“

Naheliegend ist dieses Vorgehen, denn so weckt er keinen Verdacht, dass ich einem Fake-Urlaub aufsitze. Tatsächlich bin ich in Wirklichkeit wie in der Matrix nackt in einem Kasten voller Glibber an irgendwelche technischen Geräte angeschlossen.

Das erste Feature der Furchtbarkeit entdecke ich am Morgen. Es ist der Kaffee. Es gibt nur Filterkaffee und egal in welchem Verhältnis man Wasser und Pulverkaffee zusammensetzt, er schmeckt bitter und verbrannt. Im Abgang hat er einen leichtes Kotzearoma und wenn man zum Trinken ansetzt, erinnert der erste Geschmackseindruck, der eigentlich nur ein Geruch ist, an abgestandenen Aschenbecher.

Natürlich kann man auch nirgendwo guten Kaffee kaufen. Am Sonntag ohnehin nicht, außerhalb der Saison auch unter der Woche nur schwer und wenn, dann handelt es sich um Bäckerei-Kaffee aus Automaten, die einfach seit der Eröffnung der Traditionsbäckerei – also seit 1865 – laufen. Der Kaffee ist zu dünn, zu bitter, zu verbrannt, zu bah. Wenn man Cappuccino bestellt, wird auf den Kaffee einfach Sprühsahne gesprüht (mit Kakaopulver!) oder aber man erhitzt in einem Extragefäß liebevoll Magermilch auf 90 Grad (stellt dabei sicher, dass das letzte Bisschen Milchzucker abgetötet ist) und schüttet dann die viel zu heiße Milch wieder auf den eben erwähnten Bitterkaffee. Bei näherer Betrachtung der versifften Erhitzungsdüse bin ich sogar recht froh, dass alles ordentlich erhitzt wurde, so dass ich nicht an einer Bakterieninfektion sterben muss. Berliner Kaffeehipster schimpfe ich mich selbst. Es wird doch EINMAL eine Woche ohne Kaffee gehen, während ich google, ob es Koffeinkaugummis gibt, die ich übergangsweise kauen kann.

Als zweites Urlaubsechtheitsfeature hat er sich überlegt, dass sich die Kinder jeden Strandspaziergang nasse Füße machen. Das hat mich insofern überrascht als dass die Kinder eigentlich schon lange aus dem „Mama-hat-Wechselklamotten-dabei“-Alter heraus sind und gefütterte Gummistiefel tragen.

Den ersten Tag kommen wir 400 Meter weit bis es das erste Mal passiert. Ich ziehe bei -6 Grad meine Socken aus und reiche sie dem weinenden Kind, das die eigenen nassen Eissocken auszieht und gegen meine tauscht. Wir gehen zurück in die Ferienwohnung.

Am zweiten Tag kommen wir 800 Meter weit. Der Wind ist viel kälter als am Vortrag und ich bin eigentlich fast schon erleichtert, dass es passiert, denn dann haben wir einen Grund wieder zurück zu gehen.

Am dritten Tag scheint die Sonne und ich sage leichtfertig: „Ihr könnt gerne schwimmen gehen.“, worauf eines der Kinder enthusiastisch die Schuhe abstreift und im hohen Bogen ins Wasser wirft.

„Sehr, sehr witzig, mein Lieber.“ denke ich bei mir und wir gehen wieder nach Hause.

Auch das nächste Realitätsfeature hat mich überrascht. Musste auch so sein, denn zu dem Winterwonderland-Szenario verkündet der Freund: „Wir haben übrigens eine eigene Sauna.“ Hammer! In einer kaum einsehbaren Ecke des 1.000 Quadratmeter großen Gartens steht ein hübsches Saunahäuschen. Am Abend werfen wir also unsere Klamotten von uns und laufen in Bademänteln zum Saunahäuschen, das schon auf lauschige 90 Grad angeheizt ist.

Als wir uns auf unsere Handtücher setzen um zu entspannen, sagt der Freund: „So fangen eigentlich Horrorgeschichten an.“ Ich denke sofort an Funny Games und die Kinder, die nicht mal den Film kennen, fangen gleich an zu wimmern: „Was wenn uns jemand in der Sauna von außen einsperrt???“ Da haben sie Recht. Außen war ein Riegel, den man vorschieben kann. Was wenn den jemand vorschiebt, während wir hier drin sind? Wir werden dann über Stunden und Tage bei 90 Grad gedörrt wie in einem Dörrautomaten. Ja, selbst wenn wir es überleben, werden wir aussehen wie getrocknete Apfel- oder Mangoscheiben. Heldenhaft erläutere ich in einem fünfzehnminütigem Vortrag, wie ich dann eine der Scheiben mit meiner bloßen Hand einschlagen werde und meinen Körper wie eine Schlange durch die Scherben ins Freie schlängeln werde um uns alle zu retten. „Äh, Mama, die Fenster kann man auch einfach am Griff öffnen“, entgegnet eines der Kinder nachdem es geduldig meinen Schilderungen lauschte.

Ja, OK. Das geht auch. Aber die eigentliche Gefahr geht ja vom Psychopathen aus, der sich in der Zwischenzeit in unser leerstehendes Haus geschlichen hat und dort unter unseren Betten auf uns wartet, um uns mit den stumpfen Messern[1] aus der Ferienwohnung zu massakrieren. Ein sehr unangenehmer Gedanke. Ich hoffe inständig, er bringt sein eigenes Mordwerkzeug mit.

Plötzlich erscheint die Variante, dass ich Dörrobst werde, sehr attraktiv und ich beschließe die restlichen Tage in der Sauna zu verbringen. Vielleicht gibt es auch einfach einen Stromausfall oder mein Blutdruck geht so in die Höhe, dass der Freund mir den Beatmungsschlauch der Matrix aus dem Hals reißt. Es hätte so ein schöner Urlaub sein können.


[1] Ferienwohnungen verfügen NIE über scharfe Messer.

Begriffe, die Gefühle machen

Working Mom
War hier eine Working Mom am Werk? Bezahlt oder unbezahlt?

Es gibt manche Begriffe, die erzeugen in mir eine Art starken Widerwillen. „Working Mom“ [1] gehört für mich dazu. Ich lese ihn immer wieder in Profilen von Frauen zur Selbstbeschreibung.

Es ist schwer für mich auf den Punkt zu erläutern, welches Problem ich mit dem Begriff habe. In aller Linie ist es wohl die Konnotation, dass eine „Working Mom“ irgendwie was betonenswertes ggü.  Der „Ohne weiteren Zusatz Mom“ ist.

Eine Mom, die workt scheint begrifflich was anderes zu sein als eine Mom.

Und das ist einfach totaler Unsinn. Die Nur-Mütter arbeiten eben auch. Nur bekommen sie kein Geld (und keine gesellschaftliche Anerkennung dafür) und können nie Urlaub einreichen.[2]

Warum müssen sich also Mütter, die bezahlt arbeiten gehen, gegen Mütter, die aus welchen Gründen auch immer, nicht arbeiten gehen, abgrenzen?

Dazu muss ich sagen, persönlich finde ich das Arbeitengehen und finanzielle Unabhängigkeit, eine ziemlich gute Sache. Auf der anderen Seite möchte ich Familienarbeit aber nicht abwerten. Ganz und gar nicht. Ich habe einige Freundinnen und Freunde, die sagen, dass sie großartige Mütter hatten oder haben, die in ihrer Kindheit präsent waren und immer alles geregelt haben.

Als Berufstätige merke ich außerdem an vielen Arbeitstagen, dass es mir überhaupt gar nicht möglich wäre zu arbeiten, wenn auf der anderen Seite nicht mein Partner die Familienarbeit übernehmen würde. Wie absurd wäre es also Familienarbeit als berufstätige Frau abzuwerten?

Gefühlt versuchen also Frauen, die arbeiten und sich als „Working Mom“ bezeichnen ihr eigenes Muttersein aufzuwerten und geben damit ironischerweise zu, dass sie das Muttersein ohne Zusätze minderwertig finden.

Zusätzlich hat der Begriff von Seite der Arbeit (wenn ich ihn als Arbeitgeber höre) immer so ein seltsame „Arbeit ist zweitranig für mich“-Botschaft, denn offenbar muss man betonen, dass man nicht nur Job XY hat, sondern eben auch Mutter ist.

Das wiederum führt mich zu dem Gedanken, dass ich tatsächlich erst 2x „Working Dad“ gelesen habe. Und bei näherem Nachdenken, finde ich es sogar gut, wenn berufstätige Männer sich als „Working Dad“ bezeichnen.

Sie drehen nämlich die ganze Botschaft um und signalisieren, dass sie nicht bereit sind den alten Rollenklischees zu folgen und nur für die Arbeit zu leben und sich dann abfeiern zu lassen, wenn sie abends mal eine Geschichte vorlesen.

Das fand ich in meinem Empfinden ganz spannend.

Ähnlich unterschiedlich bewerte ich übrigens Eltern, die im Job ständig über ihre Kinder sprechen oder die lang und breit erzählen, wann und wie oft ihre Kinder krank sind oder die deutlich machen: Da kann ich nicht, da hole ich die Kinder ab, da kann ich nicht, da ist Kindergartenfest.

(Ich weiß, ich begebe mich gerade auf dünnes Eis.)

Wenn Männer das tun (in meinem Umfeld sehr oft Führungskräfte), möchte ich rufen „Yes!“ und freue mich, dass die Aussage „Da hole ich mein Kind ab, meeten um 16 Uhr ist nicht.“ Ziemlich sicher allen Frauen in der Runde ebenfalls zu Gute kommt.

Die Kinder durch Fotos auf dem Schreibtisch oder Desktop etc. deutlich sichtbar zu machen, finde ich ebenfalls ein geeignetes Mittel, anderen auf den Schirm zu holen: Da gibt es noch andere Verpflichtungen.

Auf der anderen Seite (und ja, ich schäme mich dafür und ich fühle mich u.a. unsolidarisch) nerven mich Mütter zunehmend, die eben zu jedem Anlass ihr Handy zücken und Kinderfotos zeigen oder oft ausfallen, weil sie sich um die Kinder kümmern. (Ich merke dann immer wieder, dass ich mir denke: Wenn da zwei berufstätige Menschen Kinder haben, warum kann dann eigentlich nie der Vater mal kinderfrei nehmen? Wahrscheinlich komme ich jetzt in die Hölle.)

Denn ich kenne auf der anderen Seite eine Menge Frauen mit mehreren Kindern, die einfach top Arbeitskräfte sind und denen man das Muttersein nicht anmerkt. (Auch traurig, dass ich das Gefühl habe, dass man jemanden das Muttersein im Idealfall im Arbeitskontext nicht unbedingt anmerken soll).

Ja, ja. Ich merke es selbst. Double Standards. Die aber von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellungen kommen, die Frauen und Männer derzeit haben.

Bis die Gleichberechtigung und Gleichverteilung erreicht ist, wäre es also ideal, wenn Frauen sich den „Working Mom“ Schuh nicht mehr anziehen und an die Männer weitergeben, die gerne „Working Dads“ sein können.

Das wäre gutes Teamwork um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: Beides sein zu können. Eltern und ArbeitnehmerIn.


[1] vgl. auch Powerfrau oder Mompreneur und bitte auch mal das Wort „Familienvater“ auf der Zunge zergehen lassen.

[2] Und pscht! Geheimnis: Ich finde sowohl Job als auch das Muttersein gelegentlich stressig, aber den Job finde ich anders stressig und man kann oft auch mal drei Minuten durchatmen, während man als Mutter nicht mal aufs Klo kann, ohne dass jemand ruft.

Einen lesenswerten Artikel hat Teresa Bücker schon 2015 in der Edition F geschrieben: „Jede Mutter ist eine Working Mom“.


Also erzählt mir mal. Wie denkt ihr über diesen Begriff und wie geht es euch im Beruf mit Müttern und Vätern, die ihre Kinder sehr sichtbar machen? Ich lasse mich auch gerne eines besseren belehren und lerne was dazu.