Das Miniaturwunderland

Ne, der Artikel ist nicht gesponsert (schade, ich würde da gerne einziehen oder zumindest ein paar Tage verbringen, um all das zu sehen und zu erfahren, was man verpasst hat, weil man nur vier Stunden dort war), aber mein tldr zum Miniaturwunderland in Hamburg lautet: Geht da hin! Warum seid ihr da noch nicht gewesen? Husch!

Es ist großartig im Miniaturwunderland. G R O S S A R T I G!

Es ist ausdrücklich erwünscht dort Fotos zu machen. Es gibt Handyaufladestationen. Alle sind freundlich. Man kann sich Speicherkarten kaufen, wenn man die eigene Karte aus Versehen voll geknipst hat. Man kann alles sehen, auch wenn es proppenvoll ist und das gilt auch für Kinder in allen Größen.

Was wirklich bemerkenswert ist: es ist liebevoll gemacht und es geht den Betreibern nicht um Gewinnmaximierung – das merkt man in jedem Detail.

Z.B. kann man sehr gut dort eine Pause im hauseigenen Café machen ohne arm zu werden. Die Plätze sind so gestaltet, dass man sich von den Eindrücken und der drohenden Reizüberflutung etwas erholen kann. Ginge es um maximalen Umsatz, hätte man gut und gerne die doppelte Menge Sitzplätze in die Räume pferchen können. So hat man das Gefühl abgeschieden in kleinen Zugabteilen zu sitzen und darf mit (im Zweifel) angeschmodderten Händen das Buch zur Ausstellung lesen.

Es war toll! Man kann sich in acht Abschnitten auf 1.300 qm 13 km (!) verlegte Schienen anschauen. Der längste Zug ist über 14 Meter lang!
Die Zahlen sind einfach irre. Im Abschnitt der Schweiz z.B. wurden 4 Tonnen Gips und 15 Tonnen Stahl verbaut. Der Abschnitt Skandinavien hat eine 33.000 Liter fassende Nordsee, die Ebbe und Flut simuliert.

Ich könnte ja noch stundenlang diese Zahlen zitieren. Allein schon wie die Schifffahrt umgesetzt wurde! Es ist gar fantastisch. Und diese Detailliebe. Die Autos blinken beim Abbiegen. Die Flugzeuge heben ab. Es gibt Heißluftballons mit kleinen Flammen. Es gibt Männer, Frauen, Kinder, Aliens, Große, Kleine, Dicke, Dünne.

Kinder kann man im Grunde da abstellen. Die können auf die Ballustraden klettern (es gibt extra Stellflächen) oder über den Boden kriechen und sich dort die eingelassenen Zugstrecken in den Treppen und Wänden anschauen. Sie können unter die Wasseroberfläche schauen und unterirdische Tropfsteinhöhlen oder die geheime Area 51 bestaunen.
Es gibt zahlreiche Knöpfchen, die Dinge fahren oder leuchten lassen.
Es gibt sogar einen Wechsel zwischen Tag und Nachtbeleuchtung. Es gibt „Suchbildchen“ ach und überhaupt! Bringt mich zum Miniaturwunderland zurück.

Kühe

mondlandung

bepackt

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Ich will hier nie wieder weg. #miniaturwunderland #hamburg #b Adern #miwula

Ein von @monoxyd gepostetes Video am

#planespotter #miwula

Ein von @monoxyd gepostetes Video am

Die Videos sind alle vom Monoxyd

Ach P.S. Wenn man keine Lust auf Warten hat, einfach online ein Zeitfenster reservieren, dann kommt man gleich rein.

P.P.S. Die Toiletten übrigens – ein Elterntraum! Wir mussten 7x hin, weils da so schön ist. Normalerweise hasse ich es gefühlte Stunden gelangweilt darauf zu warten, dass die Kinder fröhlich rufen „FEEEERTICH!“. Weil die Toiletten aber so hübsch mit kleinen Kästchen mit winzigen Figürchen dekoriert waren, hätte ich stundenlang dableiben können. SOOO schön!

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Muddi sagt was zum Muddi-Interview

So, ihr lieben Hasis! Ich sach jetzt mal als Muddi was zum LeFloid Interview mit der Kanzlerin.

Tatsächlich regen mich die herablassenden Kommentare, die ich auf Twitter dazu lese auf. Zuallererst: Ohne die re:publica 2013 wäre das Phänomen LeFloid völlig an mir vorbei gegangen. Ich bin 40. Ich bin zu alt für YouTube. Diese Bussibussi Haul Videos, die Beauty Channels, die Lets Plays… ich kann sie nicht ertragen. Genauso wenig LeFloid mit seinen LeNews. Die zack-zack Schnitte, das Gefuchtel und diese Sprache – das ist nicht auszuhalten für mich (ich rufe das aus meinem gepolsterten Schaukelstuhl und fuchtele mit einem Stock dazu)! Aber das ist egal. ICH bin nicht die Zielgruppe, ich bin zu alt, ich muss das nicht verstehen und nicht gut finden. Allerdings muss ich das kennen. So. Weil es interessiert nämlich meine Kinder und zwar brennend.

So wie mich als Kind und Teenager bestimmte Dinge interessiert haben, die meine Eltern nicht beschäftigt haben. Ich überlege mal kurz, was mich interessiert hat: türkisfarbene Bomberjacken mit übergroßem Fellkragen und schlabbrige Diesel Tyler Jeans, Bonnie Bianco, das Musikmagazin Formel Eins, der Atari meines Schulfreundes, den ich nur anschauen, nicht anfassen durfte, die Bücher von Wolfgang und Heike Hohlbein, Zungenküsse muss das sein? Ist doch ziemlich ekelig, oder?

Warum ich das aufzähle:

a) Meine Eltern hat das (in meiner Wahrnehmung) nicht besonders interessiert
b) Das waren nicht gerade die hochgeistigen Themen der 80er Ära

Zurück zu LeFloid: die Kinder interessieren sich für diesen Typen, sind regelrecht Fan, schauen regelmäßig was er macht und denken nach über das was er erzählt. Ohne LeFloid würden sie ziemlich sicher nicht über aktuelle (politische) Themen Bescheid wissen und eine Meinung dazu haben, die man auch mit ihnen diskutieren kann.

Wieder zurück zu mir: Ich bin politikverdrossen. Die Haltung der großen Parteien zu Themen, die mir wichtig sind (z.B. Netzpolitik, Familienpolitik, Europapolitik, Asylpolitik), sind für mich unerträglich.
Ich bin ein Kind der Kohlära und wie es mir scheint, steuern wir mit Frau Merkel auf eine ziemlich ähnlich unbewegliche und konservative Ära zu. Wenn sich jetzt meine Kinder für Politik interessieren – was soll ich dagegen haben?

Ich rechne es LeFloid hoch an, dass er schafft nicht unwesentlich viele Kinder und Jugendliche für Politik und Tagesgeschehen zu interessieren. Punkt.

Zum Interview selbst. Da sitzt ein 27jähriger YouTuber, der mit der Bundeskanzlerin spricht. Ich halte mich für klug und kritisch aber ich habe zuletzt in meinem Gespräch mit Murkudis gemerkt wie wahnsinnig schwierig es ist, kritisch zu bleiben, wenn jemand einem sympathisch ist, seine Sache gut verkauft und ein Kommunikationsprofi ist. ICH möchte kein kritisches Interview mit Frau Merkel führen. Ich habe sie einmal live gesehen und war geschockt, wie sympatisch sie rüberkam, obwohl sie über die Aufhebung der Netzneutralität in Deutschland sprach. Hinterher hätte ich mir gerne das Hirn mit Kernseife ausgewaschen und mich drei Mal geohrfeigt, aber die Frau ist ein Medienprofi.

Ich glaube, es ist extrem schwierig ein kritisches Interview zu führen. Die Grenze es dann überhaupt führen zu dürfen stelle ich mir eng vor. Man hat also vermutlich die Wahl zwischen einem gefälligen Mittelweg oder gar keinem Interview und in diesem Licht hat LeFloid das gut gemacht.
Zumal, er wirkte auf mich wirklich sehr gut vorbereitet. Es gibt andere Formate von „Journalisten“, welche versuchen die Medienglätte von Politikerinnen und Politikern zu knacken, indem sie sich doof stellen und sich wie ein Kasper benehmen. Ich konnte mir dieses Format nicht anschauen. Zu viel Gekasper für zu wenig überraschenden Output.

Für mich ist dieses Interview nicht der Untergang des Journalismus, es ist der Anfang eines Dialogs.

Und wenn ich LeFloid einen Verbesserungstipp geben müsste, das hat Leitmedium bereits sehr gut formuliert: „Ein paar Interview-Kniffe hätten das Gespräch bei gleichem Inhalt wahrscheinlich weniger zustimmend wirken lassen. LeFloid sagt oft “absolut!” an Stellen, die eigentlich nicht passen. Ich kenne das aus meinen Podcasts: Man möchte dem Gegenüber mitteilen, dass man zuhört und verstanden hat. Für ZuhörerInnen wirkt es aber wie eine inhaltliche Zustimmung. Es ist besser, hier auf ein leises Nicken zu setzen: Das hört man nicht, aber GesprächspartnerInnen sehen, dass man ihnen weiterhin folgt.

Das habe ich auch so empfunden. Das „absolut“ war in vielen Fällen gar keine Zustimmung sondern eine Worthülse. Jede weitere Kritik an der Sprache ist albern. Ob jemand sagt „Ja, cool“ oder „Frau Bundeskanzlerin, ich verstehe ihren Punkt“, das ist doch egal.

Deswegen: Ich fands gut. „LeNews“ war bislang nicht bekannt ein kritisches Medienformat zu sein (ich glaube, es läuft unter Boulevard-Magazin), den Anspruch, dass das Interview nun aber kritisch investigativ sein sollte, kann ich nicht nachvollziehen. LeFloid war gut vorbereitet, er hat eine Diskussion angestoßen und er hat sogar die Eltern der Kinder und Jugendlichen erreicht.

 

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12 von 12 im Juli

Der 12. Juli ist auf ein kinderfreies Wochenende gefallen. Kinderfreie Wochenenden dauern ca. 100 Stunden. Es ist erstaunlich, was ich an zwei Tagen alles schaffen kann. Ausschlafen bis 8 Uhr zum Beispiel. Aufstehen fällt allerdings  ziemlich schwer, wenn die Kinder nicht darauf bestehen, dass ich Frühstück mache. Ich lese also ein bisschen Internet und schreibe dann die erste Fassung meines ElterngeldPlus Artikels.

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Nachdem ich gefühlt zwanzig Artikel und ein duzend Broschüren gelesen habe, ist es plötzlich zehn Uhr. Ich äh muss mich noch anziehen, denn ich bin mit Frau Kirsche zum Frühstück verabredet. Ich hab sie über einen gemeinsamen Freund kennengelernt und wir haben neulich zusammen gepodcastet. Der Freund hat gesagt: Ihr werdet euch verstehen. Er soll Recht behalten.

Ich fahre mit dem Fahrrad nach Kreuzberg, wo ich am Tag zuvor schon frühstücken war. Es ist wirklich total leer. Das fällt mir erst auf, nachdem ich den Artikel über die Berlinreise bei Maximilian Buddenbohm gelesen habe.

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Ich habe Frau Kirsche noch nie in echt gesehen, aber ich erkenne sie sofort an ihrem phänomenalen Rock. Frau Kirsche ist Nähnerd. Die Kleider, die ich bislang auf instagram gesehen habe, sind großartig.

Wir gehen ins Bastard. Das Frühstück dort ist toll. Genau deswegen sind alle Plätze besetzt. Wir stehen enttäuscht auf der Straße und gucken so lange traurig, bis der Kellner uns einen Platz organisiert. Ich bestelle mein Essen ohne Obst. Der Kellner sagt: „So einen Quatsch machen wir hier nicht“. Ich jammere und sage ihm, dass ich lieber Vogelspinnen als Mandarinen essen würde. Er sagt mir, er wolle in die Natur, man könne halt nicht alles haben. Am Ende macht er mich doch glücklich. Mir wird ein Frühstück ohne Obstdeko serviert.

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Frau Kirsche und ich unterhalten uns lange und das obwohl ich Psychologin bin und sie Soziologin ist. Eigentlich gibt es sowas wie eine traditionelle Feindschaft zwischen diesen beiden Disziplinen (oder zumindest totales Unverständnis, weil die Blickrichtung entgegengesetzt ist). Mir fällt auf, dass der Kellner die ganze Zeit mit uns schäkert. Das ist mir ca. 100 Jahre nicht mehr passiert. Ich verstehe ihn, ich finde Frau Kirsche auch toll.

Am Nachmittag fahre ich wieder nach Hause und lege mich erstmal hin. Mittagsschlaf! So toll!

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Danach steht Hausarbeit an. Ich bin fasziniert wie viel Arbeit unter der Woche liegen bleibt, obwohl ich die ganze Zeit was mache. Alleine fünf Maschinen Wäsche. Ich träume von einer Haushälterin. Auch denke ich immer, dass es ja Menschen gibt, die auch noch bügeln oder die jeden Tag staubsaugen oder so. Wie machen die das?

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Ich brauche Folge 30, 31 und 32 des Lila Podcast bis ich zur Hälfte fertig bin mit dem ganzen ******. Besonders gut gefällt die Folge zu den Serien. „Hit and Miss“ und „Raised by Wolves“ muss ich unbedingt sehen.

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Betten neu beziehen ist auch mal wieder dran. Ich hatte ne zeitlang einen 70er Jahre Stoffsammelfetisch. Diese Kinderbettwäsche habe ich ein halbes Jahr gejagt. Jetzt sind die Kinder eigentlich raus aus dem Alter. Dann kommt der Bezug eben auf eine der zahlreichen Spieldecken, die die Kinder zum Bauen verwenden. Ich wünschte, ich könnte nähen… dann könnte man daraus vielleicht noch was schönes machen.

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Als letztes räume ich das Kinderzimmer auf. Ich hab mich neulich mit anderen Eltern unterhalten, dass ich Waffen hasse und meine Kinder deswegen keine haben. Ich glaube, ich habe mich geirrt.

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Jetzt habe ich erstmal keine Lust mehr. Zeit mal in den Comic zu schauen, den ich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Außerdem ist es nach vier.

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Nebenher mache ich Backups. Dieses vorwurfsvolle Popup „Schon 10 Tage kein Backup“ ist ja nicht auszuhalten auf Dauer.

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Glücklicherweise besitze ich seit kurzem einen Hammer. Ich hänge ein neues Bild auf, das mir meine Freundin Katia geschenkt hat. Katia ist großartig. Nicht nur was ihre Kunst angeht, auch ihr Blog muss man sehr lieben.

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Dann vertrödele ich noch unfassbar viel Zeit. Ich schaue „Suits“* und lackiere meine Fuß- und Fingernägel. Weil die nicht schnell genug trocknen, komme ich äh 25 min zu spät zum Burgeressen und vergesse auch noch meinen Burger zu fotografieren! Dieses Tussileben ist nichts für Anfängerinnen. Vermutlich hätte ich ohnehin Salat bestellen müssen.

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*dafür komme ich in die Hölle. Die Serie ist nicht nur angereichert mit Klischees (die Typen mächtig und kompetente Anwälte, die Frauen Anwaltsgehilfinnen und Sekretärinnen oder Quotenfrau, alle gutaussehend, toll gekleidet, superdünn) sondern auch voll mit sexistischen Sprüchen und Gesten (über die die Frauen aber immer lachen, die haben halt Humor).

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Anderswo, eine Sammlung der letzten Wochen

Bei Frau Mutter habe ich was zum Thema Schönheit erzählt. Ich mag die Serie „Eine schöne Mama: Das große Beauty Interview mit….!“ sehr gerne. Da dürfen sogar Väter mitmachen. In Sachen abendliches Pflegeritual bin ich da ganz nah an den Vätern, würde ich denken.

Bei Berlinmittemom habe ich etwas über das Muttersein erzählt. Auch hier ist die ganze Serie „Die gute Mutter“ sehr lesenswert. Ach was, das ganze Blog sollte man kennen und lesen…

Hatte ich schon „Ein Blick hinter…dasnuf“ bei M i MA verlinkt?

Als Nebenfigur trete ich in einem Comic über Eis und Bärte auf. Beetlebum ist übrigens toll. Ich bin größtes Fangirl auf der Welt. Deswegen freue ich mich so sehr, dass er mein bald erscheinendes Buch illustriert hat.

Und völlig ohne Kontext der Spot zum „Frauengold“. Ich will auch „über den Dingen stehen und objektiver urteilen“. Wer besorgt mir das? Einen Jahresvorrat bitte.

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ElterngeldPlus unterstützt die Vereinbarkeit von Job und Familie

Vieles war mir, bevor die Kinder dann da waren, nicht bekannt. Banale Dinge wie z.B. dass man ein Kind in der Regel erst zum August in den Kindergarten geben kann. Ich dachte, man sei da an kein Datum gebunden. Mein erstes Kind wurde im Frühling geboren. Ich habe 12 Monate Elternzeit eingereicht und hatte dann keinen Betreuungsplatz und musste alles neu aushandeln. Das war organisatorisch und finanziell eine Herausforderung.

Tatsächlich werden die Kindergartenplätze mit der Einschulung eines anderen Kindes erst frei. D.h. ein Kind kommt in die Schule, ein anderes Kind bekommt den frei gewordenen Kindergartenplatz. Gut für alle Eltern, deren Kinder zwischen August und maximal Oktober geboren worden sind, „doof“ für alle anderen.
Zumindest, wenn man, wie in Berlin relativ üblich, nach einem Jahr Elternzeit wieder arbeiten gehen möchte.

Ich schätze mich in der glücklichen Lage, den familienfreundlichsten Arbeitgeber der Welt zu haben und mit einigen Absprachen haben wir ein gutes Wiedereinstiegsmodell gefunden. Beim ersten Kind habe ich Teilzeit von Zuhause aus gearbeitet und beim zweiten Kind konnte ich meine Elternzeit verlängern bis ich schließlich Teilzeit wieder eingestiegen bin. In beiden Fällen habe ich meinen alten Job wieder bekommen und zu keinem Zeitpunkt irgendeine Art von Druck erfahren. Ganz anders bei gefühlt 70% meines Freundeskreises. Da erfahren die Mütter, man kann es wirklich nicht anders sagen, die absurdesten Formen von Diskriminierung wenn es darum geht in den alten Job zurück zu kehren.

Teilzeit zu arbeiten, stellt für mich einen der Hebel zur Vereinbarkeit dar. Bestenfalls arbeiten beide Partner zeitversetzt Teilzeit und teilen sich die Erziehungsarbeit 50/50*.

Theoretisch jedenfalls. Praktisch sieht es so aus, dass ein Großteil der Kinderversorgungsarbeit sowie Haushaltstätigkeiten weiterhin an den Frauen hängen bleibt. Selbst wenn man auf die Führungsetagen schaut, „kümmern sich [die Frauen] fast doppelt so lange um den Nachwuchs wie Männer in einer vergleichbaren Position.

Ich habe ein bisschen Hoffnung, dass sie Einführung des ElterngeldPlus diese Verteilung langfristig ändert. ElterngeldPlus gilt für alle, die nach dem 1.7.2015 ein Kind bekommen haben oder bekommen werden.

Sehr einfach gesagt, bietet das ElterngeldPlus die Möglichkeit aus einem Monat Elterngeld (in dem man gar nicht erwerbstätig ist) zwei Monate ElterngeldPlus zu machen, wenn man nach der Geburt des Kindes bis zu 30 Wochenstunden arbeiten geht.
Bislang war es so, dass das Teilzeiteinkommen auf das Elterngeld angerechnet wurde, mit der ElterngeldPlus-Reform kann jetzt das halbe Elterngeld parallel bezogen werden. Das bringt tatsächlich mehr Geld, wie man mit dem Elterngeldrechner prüfen kann.

Was ich im Sinne von Gleichberechtigung super finde: „Entscheiden Mütter und Väter sich, zeitgleich mit ihrem Partner in Teilzeit zu gehen – für vier Monate lang parallel und zwischen 25 bis 30 Wochenstunden – erhalten sie mit dem Partnerschaftsbonus vier zusätzliche ElterngeldPlus-Monate.

Es werden also deutliche Anreize gesetzt, die Erziehungsarbeit gleichwertig zwischen beiden Partnern aufzuteilen.

Neben den finanziellen Aspekten, kann durch die Einführung des ElterngeldPlus die Elternzeit flexibler gestaltet werden. Zum Beispiel ist es möglich, maximal 24 der 36 Monate Elternzeit bis zum vollendeten achten Lebensjahr des Kindes in Anspruch zu nehmen. Eltern können diese Elternzeit in bis zu drei Abschnitte aufteilen. Arbeitgeber können erst vor dem dritten Abschnitt dringende betriebliche Gründe anführen, wenn sie einen Antrag ablehnen wollen, was der BDA kritisiert**.

Schön für Elternpaare! Was ist denn mit den Alleinerziehenden?

Alleinerziehende können das ElterngeldPlus inklusive Partnerschaftsbonus natürlich auch nutzen. Alles andere würde ja nicht wirklich Sinn ergeben!

Wie gut das ElterngeldPlus letztendlich den Familien in Sachen Vereinbarkeit hilft, wird sich zeigen. Auf jeden Fall macht es flexibler und bringt mehr Geld in die Familienkasse wenn (beide) Partner Teilzeit arbeiten gehen. Wenn ich mit FreundInnen über Vereinbarkeit spreche, dann geht es immer wieder um mangelnde Flexibilität. Da sollte das ElterngeldPlus einen größeren Handlungsspielrahmen eröffnen. Persönlich finde ich sehr gut, das Paare so von Anfang an überlegen, ob es nicht sinnvoll ist, wenn beide Elternteile Teilzeit arbeiten. Vielleicht mindert diese Option das ganze Thema Frauen Wiedereinstieg in den Job, Altersarmut etc.***

Dennoch – es bleibt kompliziert. Meine persönliche Empfehlung ist deswegen – ausführlich mit dem Partner besprechen, wie man sich das die nächsten Jahre vorstellt, ein Modell entwerfen und dann bei der Beantragung des Elterngelds einen Termin im Amt ausmachen. Wenn nicht beide vor der Geburt Vollzeit als Angestellte arbeiten, ist der Antrag – sagen wir komplex. Die Damen und Herren beim Amt haben viel Erfahrung und führen einen gemeinsam durch den Formulardschungel. Man erspart sich ein Antragspostpingpong.

Zusammenfassend

Mit dem ElterngeldPlus wird es ab 1.7.2015 für Eltern einfacher, Elterngeldbezug und Teilzeitarbeit miteinander zu kombinieren. Paare können nun wählen, ob sie nach der Geburt gar nicht erwerbstätig sein wollen (und weiterhin das bereits bekannte Elterngeld beziehen) oder aber, ob sie bis zu 30 Wochenstunden arbeiten gehen wollen (und dann ElterngeldPlus beziehen). Sollten sich Mutter und Vater entscheiden gleichzeitig Teilzeit arbeiten zu gehen, erhalten sie mit dem Partnerschaftsbonus vier zusätzliche ElterngeldPlus-Monate.

Im nächsten Schritt wird dann hoffentlich etwas in Sachen Kinderbetreuung und v.a. Krippenplätze getan.

Weiterführende Links

FAQ zum Elterngeld PLUS

ElterngeldPlus in Leichter Sprache

Mehr Geld für teilzeitarbeitende Eltern, Zeit Online (inkl. Rechenbeispiel)

 

32 Stunden sind genug, Süddeutsche Zeitung

„Arbeitgeber müssen ihren Mitarbeitern zutrauen, auch in weniger Stunden ihren Job hinzukriegen, ja sogar führen zu können. Weg von ewigen Abendschichten, hin zu Doppelspitzen und Jobsharing-Modellen; und keine Konferenzen mehr nach 16 Uhr. Die effizientesten Mitarbeiter sind schon jetzt Mütter in Teilzeit, weil sie sich schlicht aus Zeitmangel die Hälfte der Flurgespräche sparen.“


 

*Allen Paaren, die ein 50/50 Modell in Sachen Kindererziehung und Arbeit anstreben, empfehle ich übrigens das Buch „Papa kann auch stillen

** Die Kritik lautet dass das Aufsplitten der Elternzeit in drei Teile die die betriebliche Personalplanung erheblich belaste, weil bei jeder Elternzeit bis zu drei Mal Ersatz gesucht werden müsse. Besonders für kleine und mittlere Unternehmen sei dies schwer umzusetzen.
Ich kann dazu nur sagen: Sollte Elternzeit wirklich in drei Teile gesplittet werden, wird sie dadurch aber deutlich kürzer und somit leichter zu überbrücken sein. Unternehmen werden sich umstellen müssen. Know-how nicht auf einzelne Personen zu konzentrieren ist immer sinnvoll – auch im Sinne einer allgemeinen Vertreterregelung. Es gibt durchaus Möglichkeiten Wissen ordentlich zu dokumentieren und an mindestens eine weitere Person zu übertragen. Das ist auch im Sinne des Unternehmens.

Die Elternzeit muss im Übrigen nun mit 13 statt mit 7 Wochen Vorlauf angekündigt werden. Ich finde das ist ein Planungshorizont mit dem man gut arbeiten kann.

***Das wäre ein ganzer Artikel, deswegen nur die Stichworte


 

Dieser Text ist mit freundlicher Unterstützung vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entstanden.

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Den armen triebgesteuerten Menschen muss doch geholfen werden

Eines meiner Lieblingssprichwörter lautet „The road to hell is paved with good intentions“. Gut gemeint ist z.B. der Brief einer Realschule an die Eltern, der verargumentiert, dass Mädchen in Zukunft bitte keine aufreizende Kleidung mehr tragen. Wer es dennoch tut, der muss ein weites Shirt tragen, das er (in dem Falle eigentlich „sie“) vor Ort zur Verfügung gestellt bekommt. Die Schule möchte dadurch nicht in die Individualität der Kinder eingreifen, nein, man „[will] damit ein kleines Stück zu einem gesunden Schulklima beitragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.“

War klar, dass ich darüber schreiben muss, oder? Wollte schon lange mal wieder ein paar zensierenswerte Kommentare sammeln. Also go for it!

Ganz ehrlich? Was soll der Scheiß? Dass Mädchen und Frauen anziehen können sollen, was sie wollen, steht für mich außer Diskussion. Drehen wir die Sache doch mal um. Im Grunde sagt der Brief folgendes. Die aufreizende Kleidung wird nur verboten, um die Mädchen zu beschützen. Denn schließlich könnten „die knappen Klamotten […] jemanden reizen, etwas zu tun. Hinzugucken. Hinzugreifen.“ (und im schlimmsten Fall zu sexuellen Übergriffen auffordern).

Ich frage mich da immer: Warum lassen sich Jungs und Männer zum größten Teil sowas gefallen? Und die Mütter von Söhnen? Diese Forderung bedeutet nämlich: Wenn Jungs oder Männer zu viel nackte Haut sehen, dann können sie sich nicht mehr kontrollieren, verlieren jede Kulturtechnik und werden zur Gefahr.
Das ist eine bodenlose Beleidigung. Ich möchte meine Söhne nicht so dargestellt wissen.
Ich finde das schlimm. Richtig schlimm. Mich würde das als Mann stören, immer wieder in die Ecke des hirnlosen Idioten gedrängt zu werden. Der nicht anders kann als geifernd auf nackte Haut (womöglich „weiches Gewebe„) zu schauen. Dessen Konzentrationsfähigkeit und IQ auf Null sinken, sobald ein weiblicher Körper nicht in weite Kleidung gehüllt wird. Der sich am Ende nicht beherrschen kann und die Mädchen oder Frauen belästigen, angrabschen und zudringlich werden muss.
Denn das steht doch als Gegenstück hinter der Forderung, dass Mädchen und Frauen sich bitte verhüllen müssen.

Natürlich ist es komplizierter, Jungs und Männern zu erklären, wie sie sich verhalten sollten, als Frauen einen Sack überzustülpen. Es gibt keine einfache und schnelle Lösung für das Problem.“

Ich verstehe es nicht. Warum lassen sich Männer sowas gefallen?
Warum ist diese Objektifizierung und Sexualisierung so allgemein akzeptiert?
Verbote sind am Ende immer ein Zeichen von Hilflosigkeit oder „der einfache Weg“.
Ich würde mich freuen, wenn man mal mehr Energie investieren würde, diese Denkstrukturen aufzulösen als dass man bestehende (falsche) Strukturen durch Verbote dieser Art zementiert.

___
Nachtrag: Und ich glaube nicht, dass es da um neutrale Kleidungscodes geht, die z.B. vorbereiten, wie man sich als Lehrling in einer Bank (oder einem anderen Kontext) zu kleiden hat. (Mal abgesehen davon, dass ich persönlich nicht die Kompetenz meines Finanzberaters an seinem Anzug festmachen würde)

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Andreas Murkudis

Als ich die Nachricht bekomme, dass ich bei der GLS Blog-Kooperative dabei bin, freue ich mich sehr. Ich schreibe meistens kurze Texte und hab nur wenig Zeit. Mir gefällt die Idee, mich mal länger mit etwas auseinanderzusetzen. Natürlich habe ich eine bestimmte Erwartung welche Art Projekt mir zugewiesen wird. Die GLS Bank fördert laut Website vor allem soziale, sinnstiftende und ökologische Projekte. Ich rechne mit einem Bio-Bauernhof, einer Behindertenwerkstatt oder einem Jugendprojekt. Als ich die Mail bekomme, über wen ich schreiben soll, bin ich total (sagen wir es ehrlich) enttäuscht. „Wir haben für dich Andreas Murkudis ausgesucht.“ Aha, kenne ich nicht. Ich google also und gelange auf seine Website und verstehe nur Bahnhof:

Aspesi, Barena, Boglioli, Bouchra Jarrar, Céline, Christophe Delcourt, Common Projects, CristaSeya, Dries Van Noten, E15, Felisi, Giorgio Brato, Isaac Reina, J. W. Anderson, Kolor, Kostas Murkudis, Leica, Ludwig Reiter, Lutz Huelle, Mackintosh, Maison Margiela, Mansur Gavriel, Marni, Marsèll, Michael Anastassiades, Mykita, Neri Firenze, Nymphenburg Porzellan, Officine Generale, Oyuna, Roberto Collina, Rosa Maria, Samuel Gassmann, Saskia Diez, Society, Sofie D´hoore, Sophie Bille Brahe, Stephanie Schneider, The Row, Tonello, Truzzi, Und Gretel, Venini, Werkstatt München, Yohji Yamamoto

Nun. Sagt mir alles rein gar nichts.

Ich schaue auf einen fast schon leer anmutenden Verkaufsraum und klicke als nächstes auf „Shop online“. Es geht irgendwie um Designer und Life Style. Luxus, soso. Meine Laune verschlechtert sich. Die meisten Artikel kosten deutlich über 500 Euro.

Ich frage mich: Warum ausgerechnet ich? Ich interessiere mich nicht für Life Style. Ich kenne keine Marken, sie interessieren mich nicht und ich bin furchtbar geizig.

Warum  tun mir die von der GLS Bank sowas an und vor allem was haben die denn bitte mit so jemanden zu schaffen?

Die folgenden Tage lese ich Interviews mit Andreas Murkudis, schaue mir Videos an und besuche sogar einen seiner Concept Stores im Bikini-Haus. Concept Store. Nie gehört das Wort vorher und ich verstehe es auch nicht.

Concept Stores sind laut Wikipedia Läden „mit einer ungewöhnlichen, meist hochwertigen Kombination von Sortimenten und Marken. Concept Stores vertreten eine moderne Auffassung von erlebnisreichem Einkaufen und Kundenbindung„.

Mittelprächtig gelaunt stapfe ich durch einen der besagten Läden. Drei gibt es allein im Bikini-Haus. Da hängen Kleidungsstücke, ja nun. Es gibt Kosmetika, Schmuck, ich sehe Dekoartikel aus Holz. Ich erkenne kein Konzept. Wie passt das alles zusammen? Was soll das? Ist das irgendwie ökologisch? Sozial? Sinnstiftend ganz bestimmt nicht. Wenigstens an dem Holzzeug steht: Aus heimischen Hölzern. Irgendwas mit nachhaltig. Ja, ja. Schönes Buzzword. Ich schlendere durch den Laden, der in beide Richtungen in einen weiteren Laden übergeht. Nach zehn Minuten bin ich fertig. Das wird ein Spaß.

bikiniberlin

#bikinihaus toll! 1A Bahnhofsakustik. Absurd teure Läden und man kann auf Affenpopos schauen.

Ich fahre wieder nach Hause, öffne den Browser, recherchiere wieder. Im Grunde lese ich in allen Artikeln das selbe – egal ob Zeit, Vogue oder Süddeutsche: Andreas Murkudis ist eine Art Kurator für hochwertige Konsumartikel. Alles ist handverlesen. Seine Läden sind in ganz Europa bekannt. Er ist sowas wie ein Star in Sachen Concept Stores.

Ich schreibe also an die mir übermittelten Kontaktdaten eine Mail. Ich denke, ich sag mal offen wie es ist: Ich bin keine Life Style Bloggerin, hab keine Ahnung von Mode und werde auch ohne großes Interview- und Fotoequipement kommen.

Kein Problem, antwortet mir die Assistentin. Ein Termin ist schnell gefunden. Man ist sehr entgegen kommend. „Kommen Sie in unser Hauptgeschäft in der Potsdamer Straße, die Läden im Bikini-Haus sind nur Ableger.“

Zum vereinbarten Termin fahre ich mit der U-Bahn. Nicht gerade das schönste Viertel Berlins. Alles ein bisschen schmuddelig, viele Baustellen, nicht gerade einladend. Wenn man die Adresse nicht kennt, ahnt man nicht, dass sich im Hof ein gut 1.000 Quadratmeter (!) großes Geschäft versteckt. Ganz klein steht vorne an dem Durchgang zum Hof der Schriftzug „Andreas Murkudis“.

Eingang

Etwas verschüchtert betrete ich den Laden. Nicht meine Welt. Ich hab H&M Klamotten an und fühle mich schäbig. Drinnen werde ich herzlich begrüßt. Ich sage meinen Namen und dass ich zu Herrn Murkudis möchte. „Ich gebe gerne Bescheid, wollen Sie ein Glas Wasser oder einen Kaffee vielleicht?“. „Wasser“. Ich sehe mich um und sehe ein Sofa, auf dem ich Platz nehme. Hoffentlich kein Verkaufsstück. Das wäre ja ein schön peinlicher Einstieg ins Gespräch. Das Sofa ist schlicht und über die Lehne gelegt ist eine Decke, auf der „Kosta“ zu lesen ist. Kosta Murkudis ist der Bruder von Andreas Murkudis. Das weiß ich aus meinen Recherchen. Er ist Modedesigner und so bekannt, dass er einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat.

Ich warte nicht lange, bis Andreas Murkudis kommt. Er läuft auf mich zu, sagt Hallo und dreht dann noch mal ab, um der Verkäuferin etwas zu sagen, dann kommt er wieder und setzt sich. Er wirkt sehr gehetzt. Schnell erklärt sich warum: Am Wochenende, im Rahmen des Gallery Weekends steht eine große Eröffnung an. Das verfallene Kaufhaus Hertzog in Mitte wurde wiederbelebt, um die Dries Van Noten Frühlings/Sommer Kollektion zu präsentieren. Es gibt offenbar noch Baumängel. Er drückt mir einen Flyer in die Hand und fängt an zu reden. Aha, so einer, der nur werben will, denke ich und dann sagt er: „Ich habe nur sehr wenig Zeit.“

Wie ärgerlich, denke ich und frage: „Wie lange ist nur sehr wenig?“ „Zehn, vielleicht fünfzehn Minuten“, sagt er. Ich bekomme wieder schlechte Laune. Was soll ich in 15 min aus unserem Gespräch ziehen. Egal, das ziehe ich jetzt durch.

Ich falle also mit der Tür ins Haus. „Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, was Sie mit der GLS Bank verbindet. Ich hätte eher gedacht, ich bekomme einen Bio-Bauern oder ein Bildungsprojekt zugewiesen.“ Andreas Murkudis lacht: „Ja, die GLS Bank hat das scheinbar auch nicht so richtig verstanden.“ „Dann ist das die Gelegenheit das nochmal zu erklären.“ In der Zwischenzeit ist Andreas Murkudis aufgestanden, er zeigt mir eiförmige Vasen der Porzellan Manufaktur Nymphenburg.

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„Die hier zum Beispiel, die haben eine Geschichte. Mich fasziniert handwerkliche Kunst, vor allem dann wenn sie etwas sehr traditionelles hat. Diese Vasen, werden aus Porzellanmasse gefertigt, die handgeknetet ist. Sie müssen sich das so vorstellen, da sitzt ein kräftiger Typ, der auch noch Zeus heisst und knetet die Masse solange bis sie blasenfrei ist.“ Ich wage nicht auf den Preis zu schauen, aber die Vorstellung gefällt mir. Sehen ja hübsch aus. Die Porzellan Manufaktur Nymphenburg gibt es seit 260 Jahren. „Stellen sie sich das Mal vor! 260 Jahre und in der Art wie diese Vasen hergestellt werden, hat sich fast nichts geändert. Firmen wie Nymphenburg erhalten das kulturelle Gedächtnis. Ja, das hat was anachronistisches, aber ich finde das toll. Und ja Handarbeit hat ihren Preis.“

Noch bevor ich anmerken kann, dass die Preise tatsächlich ziemlich hoch sind, sagt Andreas Murkudis: „Es ist richtig, dass die Preise eine gewisse Schicht ausgrenzen. Das ist so und es ist auch nicht leicht, Menschen, die ausreichend Geld haben, zu überzeugen genau dieses in einzelne Stücke zu investieren, wie ich sie in meinen Läden anbiete,“ führt er weiter aus. „Am Ende will ich durch Qualität überzeugen. Qualität der Produkte und Qualität der Beratung.“

Ich frage ihn, ob das der Grund ist, dass er keine Werbung macht und drauf vertraut, dass man ihn kennt. Es gibt ja nicht mal ein ordentliches Ladenschild. „Ja, der größte Teil der Kunden sind Stammkunden. Manche Kunden kommen auch extra zu bestimmten Anlässen in den Laden. Zum Beispiel wenn wie jetzt gerade das Gallery Weekend stattfindet.“

Murkudis erzählt mir, dass es wirklich Arbeit ist die einzelnen Stücke im Laden zu verkaufen. Die Beratung muss eine hohe Qualität haben. Die Dinge müssen zu den Leuten passen und sie müssen eine Wertschätzung für die Gegenstände entwickeln. Deswegen werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontinuierlich von den Herstellern geschult, die neu ins Sortiment kommen.

Um den Druck zu nehmen, erhalten sie im Gegensatz zu dem, was in diesem Bereich normalerweise üblich ist, keine Verkaufsprovision sondern ein gutes Festgehalt. Ich notiere mir das. Vielleicht habe ich später noch Gelegenheit eine der Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter zu befragen.

„Wie kann ich mir denn die Käuferinnen und Käufer vorstellen?“, frage ich ihn.

„Das sind auf jeden Fall nicht diese Klischeefrauen, wie man vielleicht annimmt. Gelangweilte Ehefrauen gut verdienender Männer, die das Geld des Mannes ausgeben. Das sind ganz unterschiedliche Menschen, die bedarfsorientiert einkaufen gehen.“ Er erzählt mir, dass die meisten mit einem konkreten Anliegen herkommen. Sie suchen ein Geschenk oder etwas, das ihnen noch fehlt. Sie zählen auf die Beratung und darauf, dass sie nichts aufgeschwatzt bekommen. Am Ende kommen sie wieder, so Murkudis, weil sie von dem was sie gekauft haben, überzeugt sind. Von der Qualität und der damit verbundenen Langlebigkeit. Murkudis scheint es am Thema Langlebigkeit zu liegen. Langlebigkeit der Produkte, Langlebigkeit der Beziehung zu den MitarbeiterInnen, Langlebigkeit zu den KundInnen und nicht zuletzt Langlebigkeit der Beziehungen zu den DesignerInnen, die er in seinem Laden verkauft. Er erzählt mir von Lutz Hülle. Lutz Hülle ist ein Designer, der vor allem in Frankreich sehr bekannt ist. Hier in Deutschland hat er sich nie richtig etablieren können. Murkudis aber glaubt an die Qualität und die Ideen von Lutz Hülle. Seit neun Jahren hat er ihn in seinem Sortiment.

Murkudis erzählt mir, dass es in der Branche gang und gäbe ist, dass Kollektionen, die bis Mitte der Saison nicht zu 60% verkauft sind, zurück an den Hersteller zu schicken und sie aus dem Sortiment zu nehmen. Die Verkäufe der Lutz Hülle Kollektion liefen alles andere als prächtig. Murkudis hält aber fest an dem Designer. Er behält die Stücke. Später finde ich in der Welt ein Zitat dazu „Die deutschen Einzelhändler sind nicht besonders wagemutig, sie schauen nicht nach rechts und nach links. Sie wollen einfach eine Klientel bedienen, die Geld hat, und kaufen ganz platt bekannte Marken ein. Keiner hat Lust darauf, Designer zu etablieren.“ Tatsächlich verkauft sich Lutz Hülle in der letzte Zeit plötzlich ganz gut. „Die Ausdauer und Beharrlichkeit hat sich gelohnt.“ schließt Murkudis das Thema ab.

Wir schlendern durch den Laden. Andreas Murkudis erzählt mir zu sehr vielen Artikeln eine Geschichte. Er weiß wo und zu welchen Bedingungen alles hergestellt wird. Er kennt sich aus mit den Materialien und man merkt ihm seine aufrichtige Begeisterung an. Immer wieder geht es um das kulturelle Gedächtnis, um Traditionen, um Handarbeitskunst und um Langlebigkeit. „Etwas, das man hier kauft, wird man lebenslang besitzen.“

Über 8.000 Produkte hat er in seinem Laden ausgestellt, der mich von der Anmutung an ein Museum erinnert. Gut 200 kosten unter 100 Euro. Murkudis zeigt mir eine Schuhcreme von Ed Meier. Die Glasbehälter sehen kunstvoll aus. Murkudis schraubt einen auf und hält ihn mir unter die Nase. Instinktiv rümpfe ich die, Schuhcreme ist meistens ja kein olfaktorisches Hocherlebnis. Die Schuhcreme allerdings riecht angenehm. „Sieht gut aus, oder? Wie Nutella!“ Murkudis freut sich und er hat Recht. Man möchte eigentlich gleich mit einem Löffel ins Glas. Murkudis indes erzählt mir total begeistert was über Schuhpflege. Am Ende habe ich das dringende Bedürfnis diese Schuhcreme zu kaufen. Murkudis ist wirklich ein guter und überzeugender Verkäufer. Zum Glück bin ich so geizig. Noch eine halbe Stunde länger und ich hätte angefangen Dinge zu kaufen. Als Übersprungshandlung kritzle ich auf meinen Notizblog „Schuhcreme. Geschenk für Papa?“

Wir sind schon viel länger als eine halbe Stunde unterwegs. Ich bin schon ganz weich geredet. Finde alles nachvollziehbar und merke wie ich meine Übellaunigkeit und Skepsis schon in den ersten Minuten fröhlich über Bord geworfen habe.

Ich versuche wieder etwas kritischer zu werden und frage mich, ob man das wirklich komplett so durchziehen kann? Im eigenen Laden und im eigenen Leben?

Wir kommen auf Kinder zu sprechen. „Meine Tochter findet diese Dinge hier alle gar nicht so spannend. Die will das, was ihre Freundinnen haben und das ist H&M. Es ist gar nicht so leicht, sie davon zu überzeugen, dass es besser ist einige wenige, wertige Stücke zu haben als eine ganze Reihe minderwertiger Kleider, die zudem unter schlechten Bedingungen hergestellt wurden. Man muss lernen mit diesen Widersprüchen umzugehen.“

Wir sprechen weiter über Ernährung und das eigene Konsumverhalten, fragen uns warum es Menschen verantworten können bei Primark und Co. einkaufen zu gehen. Ich finde alles nachvollziehbar und glaubhaft. Andreas Murkudis erscheint mir ungewöhnlich offen und ehrlich.

Wir bleiben vor mehreren Tischen stehen. ClassiCon Bell Table steht da. Verschiedenfarbige Tische mit bauchigen Glasfüßen, die aussehen wie umgedrehte Vasen. Die Tischplatte ist in Metall eingefasst. Der Glasfuß ist mundgeblasen. Bevor der Bell Table in Serie ging und zum „Verkaufsschlager“*, stand die Manufaktur kurz vor dem Konkurs. Jetzt, da sich der Tisch gut verkauft, konnten nicht nur bestehende Arbeitsplätze erhalten sondern auch neue geschaffen werden. „Sowas ist doch großartig, oder?“, fragt Murkudis.

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In der Zwischenzeit ist schon eine dreiviertel Stunde vergangen. Das Telefon hat gut fünf mal geklingelt und es haben sich Menschen im Laden gesammelt, die alle auf Herrn Murkudis warten. Andreas Murkudis ist jetzt aber in Fahrt, ich höre noch viele Geschichten zu einem Nagelpflegeset von Neri Firenze, Bettwäsche der Ege-Textilmanufaktur und Schmuck von Stephanie Schneider.

Nach einer Stunde verabschiedet sich Andreas Murkudis. Am Verkaufstresen steht mittlerweile eine ganze Gruppe von Menschen, die auf ihn warten. Ich darf gerne noch Bilder machen und mich umschauen.

Tatsächlich laufe ich noch ein bisschen durch den Laden und berühre einige der Artikel, die wir uns vorher angeschaut haben. Die Materialien sind wirklich toll. Gerade bei bestimmten Lederverarbeitungen ist der Impuls des Anfassens kaum zu unterdrücken.

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Hinter der Kasse hängen Kinderzeichnungen. Das erfüllt mich mit Freude. Ich finde es toll, wenn Kinder sichtbar sind. In einem Laden, der eigentlich Luxusartikel verkauft, hätte ich das nicht erwartet. Ich spreche die Mitarbeiterin an der Kasse an. Sie erzählt mir, dass es sich um Zeichnungen der Kinder von Andreas Murkudis handelt. Manchmal sind sie auch im Laden. Ich ergreife die Chance und frage die Mitarbeiterin, ob sie gerne hier arbeitet. Am Anfang ist sie etwas zögerlich mit den Antworten. Sie arbeitet seit einigen Jahren hier, ist gerade aus der Elternzeit zurück gekommen. Elternzeit anzukündigen fällt vielen Frauen nicht leicht. Schnell kämpft man mit einem schlechten Gewissen. Ihr wurde aber gleich signalisiert, dass es völlig klar sei, dass ich danach wieder in ihren alten Job zurück kommen könne.

Ich freue mich über diese Aussage, denn in meinem Freundeskreis höre ich sehr oft, wie viele Steine Frauen in den Weg gelegt werden, die aus der Elternzeit zurück kommen wollen. Ich frage nach der Sache mit der Provision. Ja, das stimmt, bestätigt die junge Frau. Im Vordergrund stünde immer das Team. Es gäbe natürlich zwei bis drei MitarbeiterInnen, die wirklich gute Verkäufer sind, aber am Ende mache hier jeder das, was er besonders gut kann und würde dafür geschätzt. Niemand würde hier unter Druck gesetzt.

Wir reden noch ein bisschen. Im Hintergrund sehe ich einen zweiten Mitarbeiter durch den Laden gehen. Er rückt die Artikel gerade und poliert, wo nötig ist. Als die Sonne durch die Fenster scheint, entfernt er winzige Schlieren an den Glasscheiben. Er ist sehr präzise. Man sieht, dass er eine ähnlich wertschätzende Beziehung zu den Gegenständen hat, wie Murkudis selbst.

Ich verlasse den Laden mit einem Stapel Notizen. Das Gespräch ist völlig anders verlaufen als erwartet. Darüber freue ich mich und ich finde auch ein bisschen lustig, dass ich tatsächlich nach und nach Kaufimpulse entwickelt habe. Ich bin offenbar leicht zu beeinflussen – naja, oder – das wäre eine schöne Alternative – Andreas Murkudis hat ein überzeugendes Konzept.


 

 

* Sofern man bei Produkten dieser Preisklasse von sowas sprechen kann…

Der Artikel ist im Rahmen der GLS Blogkooperative entstanden. D.h. die GLS Bank hat jemanden ausgesucht, über den ich schreibe und ich bin dafür bezahlt worden.

Original veröffentlicht im GLS Blog

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12 von 12 im Juni

Im Juni? OMG! Bald ist Weihnachten…

Der Tag startet – wie immer – viel zu früh. Früher war ich wenigstens früh müde. Jetzt kann ich meistens nicht vor 24h einschlafen und dann verursacht der Wecker um 6h jedes Mal leichtes Määähhh nööööö.

weg

Also erstmal Kaffee.

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Wir sind heute früh sehr pünktlich. Nachdem ich Kind 2.0 in der Schule abgeliefert habe, gehts weiter zum Kindergarten. Der macht allerdings erst um 8h auf. Kind 3.0 freut sich: Heute sind wir Sieger!

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Im Büro trinke ich immer meinen 2. Kaffee. Der Milchschäumer der Kaffeemaschine macht sensationell guten Milchschaum. Er muss jeden Morgen gereinigt werden. V.a. im Sommer, wenn der weiße Milchschleim am Morgen leicht gelblich, manchmal mit einem Hauch grün ist, empfiehlt sich die sorgfältige Reinigung.

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Ich bin heute alleine im Büro. Dann muss ich eben auch alleine Witze machen *seufz*.

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Alles total unspektakulär heute. Ich esse fast jeden Tag ein Frosta-Gericht.

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Heute erscheint die neue Staffel „Orange Is The New Black“. Ich freue mich drauf, die vorangehenden Staffeln haben mich begeistert.

Offenbar ist jetzt Sommer. Die Spiegelung meines Bildschirms der Außenwelt lässt dies zumindest vermuten.

Ich arbeite heute lange und als ich fertig bin, habe ich exorbitant schlechte Laune. Ich fahre mit dem Rad zurück und am liebsten möchte ich mich in einer Höhle verkriechen. Ich hab das Gefühl, dass ich manchmal die Verbindung zu der Außenwelt verliere. Sie gleitet mir einfach zwischen den Händen weg und es tut sich ein bodenloses Loch auf. Ich lege mich auf mein Bett und starre an die Zimmerdecke. Erfahrungsgemäß geht dieses Gefühl irgendwann wieder weg. Ich glaube, ich brauche eine Stunde bis ich aufstehen kann. Ich laufe die zwei Meter zu meinem Schreibtisch, hole meinen Rechner und schaue mir die letzten beiden Folgen „Top Of The Lake“ an. Eine hervorragende Serie. Ich will auch nach Neuseeland, am besten gleich in dieses Containercamp zu GJ und mich ein bisschen anschreien lassen. Es sieht so aus, als wäre es da wenigstens kühl.

Ich hab kinderfrei. Das ist einerseits gut, weil ich nicht funktionieren muss und keinerlei Verpflichtungen habe. Andererseits fehlen sie mir, selbst wenn es nur ein Wochenende ist. Kind 3.0 hat mir am Vortag einen Glücksfänger gebastelt. Der fällt mir ins Auge. Ich soll ihn in die Hand nehmen und hoch halten, dann fällt das Glück rein. Dafür muss man geduldig sein, sagt Kind 3.0. Ich nehme den Glücksfänger und halte ihn eine zeitlang nach oben.

Es ist spät geworden. Ich bin noch verabredet und statt wie sonst mit dem Rad zu fahren, entschließe ich mich zu einem Spaziergang. Die Stadt stinkt und ist laut. Ich denke an ein Peter Fox Lied.
Bin außerdem erstaunt, wie langsam man ist, wenn man zu Fuß läuft. Als ob ich Honig unter den Sohlen habe. Es ist noch sehr warm. Die ganze Stadt scheint unterwegs zu sein. Überall haben die Cafés ihre Tische und Stühle raus gestellt.

Ich bekomme noch einen Gin Tonic zur Nacht. Das find ich gut. Hätte ich Bargeld dabei gehabt, ich hätte mir erstmalig in meinem Leben ein Wegbier gekauft. Es ist nach 24h. Das letzte Bild ist bei 12 von 12 irgendwie immer das schwierigste.


 

Die Gesamtsammlung 12 von 12 bei Draußen nur Kännchen.

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