Wien

Eine Woche Wien reicht leider nicht, um Wien wirklich kennenzulernen. Aber das Wien, das ich in der einen Woche kennengelernt habe, die ich da war, hat mir sehr gefallen.

Ich habe in vielen Situationen einen Lochkrampf bekommen. Das Wort Lochkrampf gefällt mir ausgesprochen gut. Ich hab es in der U-Bahn gehört. Da hat eine Frau in ihr Telefon gesagt „Und dann hoab I oan Lochkrampf bekommen.“ Seitdem ist Lochkrampf mein Lieblingswort.

Ich stelle mir vor, wie ein Beamter plötzlich bei der Verrichtung seiner Arbeit einen Lochkrampf bekommt. Eigentlich wollte er nur ein bestimmtes Formular abheften und nimmt den Locher in die Hand und dann bekommt er einen Lochkrampf und locht das Formular zu Konfetti. Das Konfetti wirft er aus dem Fenster auf die Straße, es rieselt leise auf den Gehweg, wird vom Wind ein wenig verteilt und unten läuft einer, der schaut hoch und denkt sich: „Da hat schon wieder einer einen Lochkrampf gehabt“ und geht kopfschüttelnd weiter.

Nicht dass man mich hier falsch versteht. Ich liebe diese Sprache. Ich habe  die Serie Braunschlag nur geschaut, weil mir die Sprache so gut gefällt. V.a. wenn die Österreicher schimpfen. Dann sagen sie „Oahschloch!“ und das finde ich jedes Mal wieder toll.

Ich frage mich immer, wie ich in ihren Ohren klinge. Ob es so klingt wie für meine italienischen Verwandten. Die immer sagen, dass Deutsch KRATZ RRRAKATZ BRRRAAARATZ! klingt. Sehr unschön also und auch sehr hart.

Jedenfalls neben der Aussprache gibt es tatsächlich sogenannte „Austriazismen„. Worte, die in Österreich ganz anders sind als in Deutschland. Manchmal versteht man sie, manchmal aber auch gar nicht.

Ich musste z.B. tatsächlich googeln was ein Vogerlsalat mit Paradeisern ist.

Wahrscheinlich sind die Wiener alle so entspannt, weil sie jeden Tag Sacher-Torte, Wiener Schnitzel und Kaiserschmarrn essen.

Interessant fand ich umgekehrt z.B. dass ich in einem Café einen Möhren-Muffin bestellt habe und die Bedienung mich ein wenig ratlos angeschaut hat und mir dann vorgeschlagen hat: „Das haben wir leider nicht. Ich kann ihnen aber einen Karotten-Muffin anbieten.“

Überhaupt wurde ich eigentlich nie verstanden. Wahrscheinlich weil man schon alles falsch gemacht hat, wenn man in ein Geschäft kommt und nicht „Grüß Gott“ sondern „Guten Tag“ sagt.

Sobald man dann erstmal „Guten Tag“ gesagt hat, ist klar: die spricht kein ordentliches Deutsch. Wahrscheinlich eine, die es versucht, aber nicht so gut kann. Man nickt dann freundlich und redet Englisch mit mir.

Das hat mich sehr gefreut. In England auf der anderen Seite, habe ich noch nicht mal „Hello“ gesagt und werde immer gefragt „Are you from Germany?“.

In Wien haben sie gar keine Tags auf den Hauswänden. Wie machen die das?

Doch zurück zu den Wienern. Die Wiener sprechen nicht nur schön und meistens ein paar Takte langsamer als ich es von den Deutschen kenne, sie sind auch wahnsinnig entspannt.

Irre. Die Autofahrer z.B. – die fahren nicht wie die Verrückten, sondern man hat den Eindruck sie achten auf die anderen Verkehrsteilnehmer. An Zebrastreifen wird gehalten und nicht nur das! Sie bremsen auch vorher schon ab. Nicht so wie die Berliner, die gerne nochmal Gas geben und dann genervt halten, wenn man doch gedenkt die Straße zu kreuzen.

Auch habe ich mehrere Male beobachtet, dass die Ampel auf grün sprang und das erste Auto nicht sofort losgefahren ist. In Berlin wird man da nach 10 Millisekunden durch hupen freundlich erinnert, dass es doch schon zehn ganze Millisekunden grün ist. Die Wiener warten einfach.

Es geht immer schön nach der Reihe und alle sind furchtbar freundlich.

Ich habe versucht zu verstehen woran das liegen könnte und was in Berlin so stresst, dass eigentlich alle immer kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen.

Wien ist mit 1,8 Mio Einwohnerinnen und Einwohnern wirklich keine kleine Stadt. Auch ist alles viel, viel enger als in Berlin. Daran kann es also nicht liegen.

Berliner Gehsteige sind ja sehr breit und dann die Straße… hier in Wien kann ich die Irisfarbe der Person im gegenüberliegenden Haus sehen, so nah ist das andere Haus.

(Übrigens gegenüber von unserer Ferienwohnung ist eine Versicherungsgesellschaft. Dort sitzen die ganzen Mitarbeiter in Anzügen vor ihren Rechnern und schauen ein wenig traurig. Manche fläzen sich auch wichtigtuerisch in ihre Bürostühle und telefonieren mit ausladenden Gesten über ihre Headsets. Ich tanze dann auf unserer Seite einen Tanz, der dem I-told-you-so-Tanz von Scrubs nachempfunden ist, den aber in der Variante Ich-hab-Urlaub-und-ihr-ja-nihich bis dann einer ans Fenster tritt und „Du Oahschloch!“ schreit. So süß!!)

Diverse österreichische Filme, die ich gesehen habe (eigentlich ausschließlich Ulrich Seidl Filme), legen ja nahe, dass die Österreicher ein wenig speziell sind und auch das ein oder andere dunkle Geheimnis haben.

Gehängsel in der S-Bahn

Das ist mir jedenfalls gleich in den Kopf geschossen, als ich vom Flughafen mit der S-Bahn in die Innenstadt fuhr. Die U- und S-Bahnen haben nämlich Haltegriffe, die so eine Mischung aus Sado-Maso- und Metzger-Aufhängung sind.

Jugendstil. Oben links z.B. im Amalienbad. Innen darf man nicht fotografieren.

Der Eindruck hat sich dann bestärkt, als ich heute eine gute Stunde eine Frau im Amalienbad (das ist so schön! Geht da mal hin!) beim „Schwimmen“ beobachtet habe. Ich schreibe Schwimmen in Anführungszeichen, weil sie hatte irgendwas schweres um den Bauch und ist dann recht mühsam durch das Wasser geschritten. Aufrecht, die Beine so als würde sie laufen, die Arme ein wenig wie es die Hunde beim Schwimmen machen. Dabei hat sie ihren Kopf sehr weit aus dem Wasser gestreckt (sie war sehr bunt geschminkt und auch die Haare waren sehr fesch gemacht) und sie murmelte Dinge vor sich her. Verstanden habe ich nichts, obwohl ich einige Zeit sehr langsam neben ihr geschwommen bin. Sie sah angestrengt aus, aber auch sehr freudig. So als würde sie sehr hart und konzentriert an einem Orgasmus arbeiten.

Jedenfalls das Sado-Maso-Gehängsel und der Eindruck dieser Frau, legen die Vermutung nahe, dass die Wiener sich vielleicht an anderen Dingen abarbeiten als die Berliner.

Vielleicht ist es auch nur das gute Essen. Allein Brot und Brötchen (gut doppelt so teuer wie in Berlin) sind der Wahnsinn. Ganz zu schweigen von all den anderen Speisen wie Wiener Schnitzel, Tafelspitz, die ganzen Suppen, das Gulasch und die Torten.

Vielleicht finde ich es noch raus. Ich bleib‘ dran.

P.S. In Wien dürfen sich offenbar auch Männer um Kinder kümmern.

[Verlosung] „Das magische Labyrinth“ und Bücher „Die drei Magier“

Disclosure: Für den Artikel habe ich das Brettspiel, die zwei Bücher und das Freundebuch von arsedition zur Verfügung gestellt bekommen.

Die drei MagierDer Herbst ist da! Brettspielzeit! Bei euch auch?

Im Herbst und Winter haben wir sogar einen festen Spielenachmittag. Da bekomme ich Handyverbot und die Kinder dürfen sich ein Spiel aussuchen, das wir zusammen spielen.

Das ist je nach Wahl der Kinder sehr unterhaltsam oder aber sehr, sehr langweilig.

Mir machen v.a. schnelle Spiele, deren Regeln relativ einfach zu verstehen sind, Spaß. Ich finde es gräßlich, wenn man Spiele erst drei, vier Mal spielen muss und dabei hundert Mal in die Spieleanleitung schauen muss, bis man sie endlich so beherrscht, dass man sich auf das Spielen  konzentrieren kann.

Spiele, die sich über Stunden hinziehen, finde ich auch nervtötend. Man baut dann ewig eine Strategie auf, die am Ende aufgeht oder nicht. Geht sie ausnahmsweise mal auf, weinen die Kinder – weil ihre ja nicht aufgegangen ist. Geht sie nicht auf, habe auch ich das Gefühl stundenlang auf mein Versagen hingearbeitet zu haben.

Deswegen hab ich mich gefreut, dass wir gefragt wurden, ob wir das Brettspiel „Das magische Labyrinth“ [Amazon Werbelink] testen möchten.

Zu dem Spiel gab es begleitend zwei Bücher unter dem Titel „Die drei Magier“ und da Kind 2.0 im Moment Bücher weginhaliert, so dass selbst die Bibliothek nicht ausreichend Nachschub gewährleisten kann, war dieses Angebot ein Geschenk des Himmels.

Zumal – ich weiß nicht wie es in anderen Familien ist – Harry Potter ist bei uns jedenfalls noch gern gelesen und somit alles, was irgendwie mit Magie zu tun hat, interessant.

Mich hat an den Büchern gefreut, dass tatsächlich mal zwei der drei Hauptfiguren weiblich sind: Vicky, Mila und Conrad.

Doch erstmal zum Spiel:

Das Spiel „Das magische Labyrinth“

Vorweg die großen Pros:

  • Die Spielregeln sind schnell erklärt und verstanden.
  • Die Spielzeit ist durch die Anzahl der magischen Symbole, die aufgesammelt werden müssen, justierbar.
  • Auch die Schwierigkeit ist anpassbar, indem man mehr oder weniger „unsichtbare“ Mauern aufstellt.

Das magische Labyrinth

Hier eine kurze Erläuterung: Die Spieler und Spielerinnen müssen magische Symbole sammeln, die auf einem Spielbrett verteilt eingezeichnet sind. Dazu ziehen sie aus einem Säckchen ein magisches Symbol und suchen es dann auf dem Spielbrett, wo es fest eingezeichnet ist. Um zum Symbol zu gelangen, wird gewürfelt.

Das magische Labyrinth
Das Spielbrett liegt links im Bild. Es wird auf das vorbereitete Labyrinth rechts im Bild aufgelegt. Im Labyrinth steckt man selbst die Holzwände ein.

Den Weg dorthin müssen sie selbst herausfinden. Unter ihren magnetischen Spielfiguren befindet sich eine Metallkugel, die an Mauern, die man an der Oberseite des Spielfeldes nicht sieht, abprallen kann. Der Spieler oder die Spielerin muss dann zum Startpunkt zurück und einen neuen Weg ausprobieren.

Das magische Labyrinth
Magnetische Spielfigur mit Metallkugel an der Unterseite.

Die Bücher „Die drei Magier“

Im Zentrum der Bücher stehen die Menschenkinder Conrad, Vicky und Mila, die durch Zufall in der magischen Welt Algravia landen. Dort hält man sie für die dringend gesuchten „Drei Magier“ und sie werden gebeten die Bewohner von dem räuberischen Zauberer Rabenhorst zu befreien.

Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn im magischen Labyrinth befinden sich die Drei-Magier-Zauberstäbe, mit denen Rabenhorst ganz Algravia beherrschen könnte! Die drei Kinder versuchen ihm zuvor zu kommen und machen sich deswegen auf die abenteuerliche Reise zum Labyrinth.

Im zweiten Teil der Reihe werden Mila, Conrad und Vicky erneut nach Algravia gerufen. In Fia Feus gemütlicher Mühle haben sich alle Gespenster des Geisterwalds eingenistet und veranstalten jede Menge Unsinn. Die Geister sind alle aus ihrem Geisterwald geflohen, weil dort angeblich ein schreckliches Waldmonster sein Unwesen treibt. Auch hier sind die drei Magier wieder gefragt.

Viele Kinderbücher sind ätzend anspruchslos geschrieben. Hauptsatz. Hauptsatz. Hauptsatz. Das ist bei den „Die drei Magier“ nicht der Fall. Sie sind gut geschrieben – man kann sie hervorragend vorlesen – und auch die Illustrationen sind sehr schön gemacht. Lest doch selbst rein, um euch einen Einruck zu verschaffen (Teil 1 und Teil 2 [Amazon Werbelink]).

Die beiden Bücher bilden den Start einer Serie, die 2018 fortgesetzt wird.

Das Freundebuch „Die drei Magier“

Ein Freundebuch [Amazon Werbelink] eben – allerdings haben sich hier schon die Hauptcharaktere der Bücher eingetragen, was Kind 3.0 sehr witzig fand. Mir hat gefallen, dass man nicht irgendeinen Schwachsinn wie das Gewicht eintragen muss und nicht in irgendwelche Gender-Schubladen unterteilt wird. Eine Seltenheit wenn man sich die aktuellen Freundebücher so anschaut.

Die drei Magier

Für meine Berliner Leserinnen und Leser noch ein

Veranstaltungshinweis

Wann?: Sonntag, 24. September 2017 um 15.30 Uhr ist die Premierenlesung der Bücher.

Wo?: Backfabrik Clinker Lounge, Saarbrücker Straße 36a, 10405 Berlin

Angekündigt ist eine interaktiven Leseshow mit dem Autor Matthias von Bornstädt, zu der der Illustrator Rolf Vogt live auf der Bühne zeichnen wird.

Und ganz zum Schluss für alle noch eine Verlosung:

Was ihr tun müsst, um zu gewinnen

  • verlost wird ein Set bestehend aus dem Spiel „Das magische Labyrinth“ und den beiden Büchern „Die drei Magier“ sowie dem Freundebuch.
  • das Set wird verlost unter allen Kommentaren im Blog – beantwortet mir folgende Frage: Welche Brett- oder Kartenspiele spielt ihr besonders gerne mit Kindern und warum?
  • mitmachen können alle volljährigen natürlichen Personen mit Wohnort Deutschland
  • die Verlosung läuft bis zum 29. September 2017 23.59 Uhr
  • der/die Gewinner:in wird ausgelost und per Mail benachrichtigt
  • der Rechtsweg ist ausgeschlossen
  • eine Barauszahlung des Gewinns ist ausgeschlossen
  • erhalte ich innerhalb einer Woche keine Rückmeldung auf die Gewinnbenachrichtigung, verfällt der Gewinn

Die Preise werden gestellt von Drei Magier.

[Anzeige] Let’s talk – YouTube der Jugend liebste Internetplattform

YouTube
rifkiedr @pixabay

Gemeinsam mit SCHAU HIN! habe ich eine kleine Serie zum Thema Kinder und digitale Medien gestartet.

Im Zentrum meiner Serie sollen die Chancen, die (neue) Medien mit sich bringen, stehen und ich will beschreiben, wie wir als Familie im Alltag damit umgehen und gerne auch von Euch hören, wie ihr den Alltag mit Kindern und digitalen Medien gestaltet.

Risiken und Gefahren werden durch Kulturpessimisten aller Ausrichtungen zu genüge beklagt. Viele Eltern reagieren mit Unsicherheit und statt sich mit den einzelnen Themen auseinanderzusetzen, wird schnell mal ein Verbot verhängt.

Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass Verbote in Sachen Medienkonsum nichts bringen. Deswegen versuche ich mit meinen Kindern im Gespräch zu bleiben und Lösungen zu erarbeiten, die für uns beide alle passen. Das ist auch der Grund warum ich die Serie Let’s talk nenne.

Im dritten Teil geht es um: YouTube

YouTube – eine „junge“ Plattform

81 Prozent der 12 bis 19jährigen schauen sich mehrmals pro Woche Videos und Clips auf YouTube an. Drei Stunden verbringt diese Altersgruppe im Schnitt täglich im Internet – den Großteil davon auf YouTube (Quelle: JIM-Studie 2015).

Würde ich gefragt werden, über welches neue Medium ich gerne krückstockwedelnd schimpfen möchte, käme die Antwort wie aus der Pistole geschossen: YouTube!

Allerdings habe ich mir ja vorgenommen über die Chancen der einzelnen Plattformen und Medien zu sprechen und mich nicht in die Reihe der spitzerischen Kulturpessimisten einzureihen.

Damit mir das gelingt, musste ich erstmal der Frage nachgehen, warum ich mich mit YouTube so unwohl fühle.

Die erste Teilantwort ist ganz einfach. YouTube ist nicht meine Plattform. Ich bin zu alt.

Mit Computerspielen, Messengern, Chats und Blogs bin ich aufgewachsen. YouTube  gibt es seit 2005, doch selbst 12 Jahre später habe ich noch nie selbst was auf dieser Plattform gemacht, folge niemanden und schaue lediglich sporadisch kurze Clips. Aktuelle Entwicklungen bekomme ich von alleine nicht mit.

Der Zugang ist bildlich gesprochen so, dass ich zeitungslesend im Ohrensessel sitze und dort lese, dass YouTuberIn XY gerade sehr angesagt ist, weil er oder sie drei Phantastillionen Follower hat.

Das war zumindest bis 2014 so. 2014 ist das Jahr in dem Simon Unge sein YouTube-Netzwerk „Mediakraft Networks“ verließ und das für unser ältestes Kind plötzlich etwas war, das ein ernstzunehmendes Ereignis im Lebensalltag darstellte.

Mir wurde da erst klar, dass YouTube-Stars große Vorbildwirkung haben und auch in unserer Familie regelmäßig deren Inhalte konsumiert werden.

Also hab ich gemacht, was ich regelmäßig empfehle: Gefragt, was Kind 1.0 sonst noch so schaut und warum es das gerne tut.

Danach habe ich mich stichprobenartig durch die Videos ge…quält und mich unendlich alt gefühlt.

Was reden die da? Warum reden die so schnell? Wieso blinkt und wackelt alles und muss man wirklich alle drei Sekunden einen Schnitt machen?


Unschöne Reproduktion von Rollenstereotypien

Engagiert wie ich bin, habe ich dann mal geschaut, welches die YouTuber mit der größten Reichweite sind und mir exemplarisch deren Beiträge zu Gemüte geführt und mich plötzlich in längst überwunden geglaubten Klischeewelten wiedergefunden.

Frauen reden über Lifestyle, gehen shoppen, zeigen dann was sie eingekauft haben, geben Schmink- und Stylingtipps und reden darüber wie man die Boys klar macht, ohne zu bitchy rüberzukommen.

Große Teile der Jugendsprache musste Oma Nuf im Urbandictionary nachschlagen.

Die Jungs auf der anderen Seite, erzählen ihre Heldengeschichten, stellen sich irgendwelchen haarsträubenden Herausforderungen (Challenges), verarschen sich gegenseitig (Pranks!) oder unterhalten sich darüber was an Mädchen nervt oder wie kurz der Rock sein darf.

Plötzlich wurde mir klar: die großen YouTube-Kanäle transportieren inhaltlich eigentlich nichts anderes als früher Bravo Girl! oder Zeitschriften wie Mädchen, nämlich widersprüchliche Botschaften („So kaschierst du deine Problemzonen“, „10 Regeln, damit ER dich wahrnimmt“ und „Sei ganz Du selbst“) und widerliche Körperbilder („Mit dieser Diät zum Beach-Body“, „Diese 5 Tricks lassen Deine Cellulite verschwinden“).

Jetzt mit über 40 weiß ich natürlich, was das alles für ein Unsinn ist. Mit 13 war das anders. Da war ich unsicher und empfänglich für solche Botschaften. Am Ende blieb ein Gefühl: Ich bin auf jeden Fall falsch. Zu aktiv, zu passiv, zu dick, Nase zu groß, Haare zu zottelig, Style kacke.

Die nächsten anderthalb Jahrzehnte habe ich damit verbracht diese Komplexe zu überwinden.

In diesem Rahmen hat es mir sehr geholfen keine Mädchen/Frauenmagazine mehr zu lesen und den Fernseher abzuschaffen. Denn auch dort wird genau das vermittelt: Für Frauen zählt v.a. das Aussehen und wenn das nicht perfekt ist, hilft es vielleicht noch gut kochen zu können und ansonsten sind Hopfen und Malz verloren.

Allein die Werbung im Fernsehen! Letztes Jahr im Urlaub habe ich nach Jahren mal wieder einige Zeit vor dem Fernseher verbracht und mir die sieben Zeichen der Hautalterung (Check! Check! Check! Check! Check! Check! Check!) erläutern lassen.

Screenshot mit Vorschlagsalgorithmus nachdem ich einige große YouTube-Kanäle angesehen habe

Und genau da habe ich verstanden: YouTube ist nichts anderes als Fernsehen, Rückkehr der Mädchenmagazine, Untergang des Abendlandes!

(Deswegen finden auf der anderen Seite wahrscheinlich die meisten Erwachsenen, die noch aktiv Analogfernsehen schauen, YouTube gar nicht so schlimm und sorgen sich eher um computerspielende Kinder.)

Doch Moment! Hat da etwa wieder Manfred Spitzer Besitz von mir ergriffen?

Ich fürchte ja. Denn natürlich ist YouTube nicht gleichzusetzen mit den zehn allerseits bekannten Spitzen-YouTuberinnen und YouTuber.

Selbst unter denen, gibt es (sagt man das so?) Broadcaster wie LeFloid, die genau diese Entwicklungen durchaus reflektieren. Sogar top aktuell in einem Beitrag, der „Schw*nze, Är*che & Geld… SO WIDERLICH SIND DIE YOUTUBE-TRENDS & was sonst noch so abgeht..“ heißt.

Einen wirklich, wirklich hörenswerten Beitrag zum Thema Rollenklischees auf YouTube haben Almut Schnerring und Sascha Verlan für den Deutschlandfunk gemacht: „10 Dinge, die an Mädchen nerven. Geschlechterklischees in der YouTube-Szene“ – hört ihn Euch unbedingt an. Hier werden auch Gegenbeispiele genannt und das Thema wird wunderbar differenziert angegangen.

kinkate @pixabay

Denn tatsächlich ist das Thema Reproduktion von Geschlechterklischees ein Thema über das sich Eltern mal Gedanken machen und für die sie auch ihre Kinder sensibilisieren sollten, so dass die diese nicht einfach hinnehmen sondern hinterfragen.

Für alle Eltern, die sich noch nicht damit auseinandergesetzt haben und sich immer noch fragen, was eigentlich so problematisch ist, wenn Mädchen rosa mögen, hier die Kurzfassung:

Natürlich ist es gar kein Problem wenn Mädchen die Farbe rosa, Barbies und Prinzessinnenkleider mögen. Das Problem liegt in den Konnotationen, die diese Dinge transportieren (süß, niedlich, hübsch, zart, sensibel, passiv) und dass diese gegenüber den typisch männlichen Eigenschaften (durchsetzungsstark, mutig, cool, aktiv) weniger wertvoll bewertet werden.

Wer dem widersprechen möchte, dem sei das Gedankenexperiment ans Herz gelegt: Wie begegnen in der Regel Menschen einem vierjährigen Jungen, der als Fee verkleidet Nagellack tragen will und wie finden die selben Menschen es, wenn ein Mädchen sich als Astronaut, Feuerwehrfrau oder Polistin verkleiden will?

Der Junge wird abgewertet durch die Übernahme eines weiblichen Klischees (Oh Gott! Wie unmännlich! Verweichlicht gar? Ist das normal?), das Mädchen wird aufgewertet (Du bist ja cool! Das ist ja eine ganz Aufgeweckte!).

Hier erstmal ein Schnitt zum Thema Geschlechterklischees – denn – oh Wunder, so wie es nicht DAS Computerspiel gibt, gibt es auch nicht DAS YouTube.

Es gibt nicht DAS YouTube

YouTube ist unendlich vielseitig.

Meine Kinder googeln z.B. keine Probleme bzw. deren Lösungen – sie geben ihre Fragen in YouTube ein und bekommen Antworten in Form von Videotutorials – die v.a. was komplexe Inhalte angeht unendlich hilfreicher sind als eine bloße Textbeschreibung.

Es gibt wirklich Tutorials zu jeder Fragestellung und zu jedem Hype. Was hätte ich bloß zu den Hochzeiten der Loom-Gummis oder der Fidget-Spinner ohne YouTube gemacht?

Wie würde ich mich ohne YouTube über neue Computerspiele informieren? Wer hätte mir die ganzen Pokémon Go Tricks verraten?

Genauso hilfreich finde ich Kanäle, die mir bei spannenden, komplexen Serien mit mehreren Staffeln (an deren Inhalt ich mich kaum erinnere) Plot-Theorien erläutern.

Viele Serien wie Game of Thrones, The Leftovers oder Lost hätte ich ohne YouTube nicht ansatzweise verstanden.

Nicht zu vergessen die ganzen lustigen Katzenvideos! Was wäre die Welt ohne niedliche Tiervideos? Faultiere, Pandas und skateboardfahrende Hunde. Dagegen kann man nun wirklich nichts haben.

Beim Thema YouTube hilft also auch Differenzierung. YouTube ist nicht nur das Reproduzieren von Geschlechterklischees mit shoppenden jungen Frauen (sogenannte Hauls) und Schminktipps.

Auch wenn ihr selbst nicht viel YouTube konsumiert – lasst euch zeigen, was eure Kinder schauen – sprecht mit ihnen darüber, wie ihr das findet und begründet warum ihr evtl. Bedenken habt.

Zur Schonung der Kinder sollte man das nicht allzu penetrant machen und ab einem gewissen Alter auch darauf vertrauen, dass die vielen Jahre vorangehende Erziehung, die hoffentlich das kritische Denken gefördert haben, bereits Wirkung zeigen und dass das Schauen der Videos nicht unbedingt heisst, dass alles kritiklos hingenommen wird.

Schön illustriert z.B. von Lilith, die auf der Tincon etwas zu dem Thema Rollenklischees erzählt und z.B. Honigball, Simone Giertz oder Liza Koshy als Alternativen empfiehlt.

Authentizität und Wirtschaftlichkeit

Im Jahr 2015 sollen die YouTube-Umsätze nach Schätzungen von Evercore ISI bereits bei 9,0 Milliarden Dollar gelegen haben.

Best bezahlter YouTuber ist aktuell „PewDiePie“ mit 50 Millionen Abonnenten. Laut Forbes war er im vergangenen Jahr mit 15 Millionen Dollar der bestbezahlte YouTuber (Quelle: Börse ARD).

Dabei kommt nur ein vergleichsweise geringer Teil direkt von YouTube. Haupteinnahmequelle sind die Sponsorings, Produktwerbungen und das Merchendising.

Auch in Deutschland verdienen die Top 10 in der Zwischenzeit mindestens im sechsstelligen Bereich.

Sensibilisiert eure Kinder deswegen auch für das Thema Authentizität. Die bei den reichweitenstarken YouTubern vermutlich irgendwann nur noch zu einem gewissen Maße vorhanden ist.

Wo viel Geld fließt – und das ist ab einer gewissen Followerzahl beinahe zwangsläufig der Fall – da stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Authentizität abnimmt, da die dahinterstehende Vermarktungsmaschine eigene Interessen verfolgt.

Ich habe lange überlegt, warum es für mich gefühlt nicht soooo schlimm ist, wenn bestimmte Computerspiele Geschlechterklischees reproduzieren (der starke, handelnde Actionheld und die zu rettende sexy Frau, die nicht redet), ich aber ein ganz anderes Gefühl habe, wenn es um YouTube geht.

Meine Antwort war, dass ich (auch als Kind und Jugendliche) bei Computerspielen einen ganz anderen Abstand zu den Charakteren habe, dass mir immer voll und ganz bewusst ist, dass es sich um Fiktion handelt.

Anders sieht es bei den nahbar erscheinenden YouTube-Stars aus. Das sind am Ende einfache Menschen, die (vorgeblich) authentisch über ihr Leben berichten. Sie haben ein ganz anderes Identifikationspotenzial und es gibt so etwas wie „Nähe“.

Auch im oben erwähnten Deutschlandfunk-Feature von Almut Schnerring und Sascha Verlan geht es um das Thema Authentizität:

„YouTube verspricht Authentizität. Das echte Leben im Gegensatz zur Drehbuchrealität, zur Scripted Reality des Fernsehens. Und viele Videos verdanken ihren Erfolg allein diesem Authentizitäts-Versprechen.

Angeblich thematisieren und zeigen die Videos, was jemand wirklich denkt und tut. Allerdings investiert das Unternehmen Millionen in die Förderung und Beratung seiner aktuellen und zukünftigen Stars und richtet weltweit YouTube-Spaces ein mit Büros, Studios, Video-Schnittplätzen und kostenlosen Fortbildungsangeboten, in denen Interessierte lernen können, wie man erfolgreiche Videos dreht.“

Dass die Sache mit der Authentizität am Ende eine Illusion ist, ist vielleicht nicht jedem Fan/Follower klar.

Wenn aber diese Differenzierung getroffen wurde und auch das Wissen um den Wirtschaftsfaktor, der hinter den großen Formaten steht, vorhanden ist, dann ist YouTube wie alle anderen digitalen Medien natürlich kein Teufelszeug mehr und auch ich kann dann meinen Krückstock wieder einpacken.

Abschließend noch einige Empfehlungen aus meiner Followerschaft. Schaut mal rein:

Eine sehr umfangreiche, phantastische Liste an Empfehlungen hat Steve Rueckwardt zusammengestellt. Unbedingt mal reinschauen.

Von ihm kam auch der Tipp, dass gestern YouTube Kids gestartet ist.


Was schauen eure Kinder und wie fühlt ihr euch damit? Gibt es YouTube Kanäle, die ihr empfehlen würdet? Habt ihr auch ein schlechtes Gefühl mit YouTube und was tut ihr dagegen?

Kommentiert einfach hier, teilt eure Medienmomente auf Instagram, bloggt selbst darüber, twittert oder schreibt darüber auf Facebook. Wenn ihr euren Beiträge mit dem Hashtag #medienmomente markiert, können sie später eingesammelt und geteilt werden.

Weiterführende Links:

Teil 1 von Let’s talk: Nicht wie lange sondern was
Teil 2 von Let’s talk: Messenger
Teil 3 von Let’s talk: Computerspiele

Gebt mir Serientipps

9124Bilder@pixabay

Kinder sollen ja nicht so viel fernsehen, weil äh… das macht man als Erwachsene ausreichend – oder wie war das Argument?

Ich schaue sehr gerne Serien. Einen Teil der Serien schlafe ich auch. Zu Serien einschlafen, ja, ich glaube, das ist mein Hobby. Gibt gar nicht so viele Serien, bei denen ich nicht einschlafe.

Bald kommt Star Trek Discovery – aber was mache ich bis dahin? Habt ihr weitere Empfehlungen? Ich hab mal versucht aufzuschreiben, welche Serien ich mag und welche nicht.

Höchstens 10 min pro Folge verschlafen:

The Handmaid’s Tale, The OA, The Honourable Woman, Ozark, Jessica Jones, Dr. Foster, Happy Valley, Glow, Please Like Me, River, I love Dick, Game of Thrones, The Fall, The Affair, Black Mirror, Stranger Things, Die Brücke, Rectify, The Good Wife, Deep Space Nine (3 mal geschaut), The Killing, The Americans, Hit & Miss, Broadchurch, Good Girls‘ Revolt, Bletchley Circle, Pushing Daisies (soooo romantisch!), Bored to Death, Top of the Lake, Braunschlag, Chef’s Table, IT Crowd, Modern Family, Tatortreiniger, Les Revenants, Homeland, Breaking Bad, Westworld, The Leftovers, Misfits, Battlestar Galactica, Mr. Robot, Boston Legal, Firefly, This is us, Orange is the new black, Limitless, Lucifer

So ungefähr die Hälfte der Folge verschlafen:

True Detective, American Gods, alle anderen Star Trek Serien, Halt and Catch Fire, Lilyhammer, Orphan Black, Heroes (bis Staffel irgendwas), Suits, Designated Survivor (ätzend, ich weiß auch nicht, warum ich das schaue), Paranoid, Prison Break, Daredevil, Master of None, Rita, The Mentalist, Sherlock, Six Feed Under, True Blood, The Crown, Sons of Anarchy, Shameless, Lovesick, White Collar, Better Call Saul, Narcos, Travelers, You are wanted, Awake, Lie to me

Meist drei Folgen ausgehalten und dann als sehr gute Einschlafhilfe benutzt (es sei denn, ich habe mich geekelt. Sowas wie Hannibal ist gar nicht mein Fall):

Fargo, The Wire, Gotham, Penny Dreadful, Hannibal, Dexter, Sneaky Pete, The Night Manager, The Expanse, Peaky Blinders, Blacklist, Marcella, Sense 8, Tote Mädchen lügen nicht, Mad Men, War Machine, Iron Fist, Luke Cage, Dirk Gently, Taboo, House of Cards, Call the Midwife, Under the Dome

Werde ich nie schauen: Dr. Who, Nurse Jackie (für einen Dauergag – ich bin mir sicher, die Serie gefällt mir sehr, aber man muss manchmal Opfer bringen)

Wahrscheinlich habe ich einige Serien vergessen. Aber vielleicht habe ich auch einfach nur _die_ eine Serie, die man un-be-dingt sehen muss, verpennt. Die sagt ihr mir jetzt aber, oder?

Prinzipiell mag ich Sci-Fi und Fantasy. Gemetzel und viel Blut liegt mir nicht so. Glattgebügelte Charaktere auch nicht so. Ich finds toll, wenn die Hauptfiguren leiden, Falten haben, auf Klo gehen und beim Sex den BH ausziehen. Absurde Szenarien mag ich auch und bunt. Serien, die so düster sind, dass ich selbst im Dunkeln kaum was sehe und eigentlich Licht in der Serie anmachen will, nerven.

Erinnerungsessen

Man beachte die äußerst geschmackvollen Servietten mit Photoshopdesign!

Es gibt wenig, das einen so schnell in die Vergangenheit zurückbringt, wie Gerüche und Geschmäcker, finde ich.

Vor einigen Wochen war ich in meiner Geburtsstadt Köln und habe mich auf die Suche nach Spuren meiner Vergangenheit gemacht. Danach hatte ich das große Bedürfnis nicht nur die Orte sondern auch das Essen meiner Kindheit zu finden.

Dafür will ich ein bisschen ausholen. Ich bin die Enkelin eines italienischen Gastarbeiters.

Mein Großvater ist nach dem Krieg nach Köln gekommen, um dort zu arbeiten und somit seine Familie zu versorgen. Erst als ein wenig Geld angespart war, ist der Rest der Familie nachgekommen.

Bis Mitte der 80er waren meine Großeltern in Köln und wir waren dort oft zu Besuch. Als sie zurück nach Sizilien gegangen sind, waren wir immer in den Sommerferien dort und obwohl meine Mutter Deutsche ist, haben wir fast nur italienisch gegessen.

Sehr selten gab es mal rheinischen Sauerbraten, aber sehr viele deutsche Gerichte habe ich tatsächlich erst mit Mitte 20 als ich nach Berlin gezogen bin, kennengelernt.

Bestimmte andere Gerichte, die ich mit Ost-Deutschland verbinde, kannte ich nicht mal. Senfeier zum Beispiel oder so abgefahrene Sachen wie Würzfleisch.

Bei uns gab es – ganz dem Vorurteil über Italiener entsprechend – v.a. Nudeln, die Penne, Rigatoni, Tagliatelle, Linguine, Bucatini, Farfalle, Fusili lunghi (wie ich die liebe!), Lumache, Maccheroni oder Orecchitte hießen und nicht Spaghetti (ich hab erst ganz spät verstanden, dass für viele Deutsche „Spaghetti“ der Sammelbegriff für Nudeln ist).

Es gab viel Zucchini und Auberginen, Brokkoli und Oliven.

Sardellen habe ich für mein Leben gern gegessen. Pizza konnte ich mir ohne Sardellen, Oliven und Kapern gar nicht vorstellen. Wer isst denn sowas?

Als ich mal bei einer deutschen Nachbarin war und die keine Sardellen auf die Pizza machte, verstand ich die Welt nicht mehr. (Die Nachbarin umgekehrt fragte sich was Sardellen sind und warum dieses Kind unbedingt welche haben wollte).

Nach meinem Trip nach Köln, wo ich auf den Spuren meiner Großeltern feststellte, dass es dort noch heute eine große italienische – sogar eher süditalienische – Community gibt, hatte ich große Lust auf einen italienischen Abend im Kreise meiner Freundinnen und Freunde.

Ich wollte da all das essen und trinken, was ich als Kind so liebte und es sollte alles so sein wie in meiner Erinnerung (auch wenn das unter Umständen gar nicht der tatsächlichen Vergangenheit entsprach).

Ich habe Italien v.a. als laut in Erinnerung. In jedem Wohnzimmer, in jeder Küche, manchmal sogar am Balkon oder im Garten, läuft ein Fernsehgerät und zwar den ganzen Tag.

Auf den mir bekannten Kanälen laufen Quizshows mit halbnackten Frauen, dramatische Soaps, Nachrichten und Formate wie hier in Deutschland Explosiv und ähnliches.

Wir haben also RAI gestreamt und die Lautstärke so eingestellt, dass es durchaus etwas nervte.

Für Familienfeste wurde der Tisch nicht etwa schick gedeckt, sondern es wurde eine Papiertischdecke verwendet und alles andere war aus Plastik. Unmengen an Plastik. Plastikflaschen, Plastikbecher, Plastikteller. Nur das Besteck – v.a. die Messer waren aus Metall.

Aufgeräumt war am Ende des Abends in Sekunden. Einfach die Tischdecke an den vier Zipfeln nehmen und ALLES in einen großen Plastiksack. Fertig!

Haben wir auch gemacht. Großartig – wäre es nicht so eine große Umweltsauerei, ich würde es jeden Tag machen.

Ich habe als Kind natürlich keinen Wein getrunken. Deswegen hab ich ein vier Gänge Menü mit Limobegleitung zusammengestellt.

Als Aperitif gab es Sanbitter [Amazon Werbelink]. Als Kind habe ich Sanbitter eigentlich gehasst (viel zu bitter) – aber weil ich die Farbe so toll fand, hab ich ihn trotzdem getrunken.

Mich erinnert Sanbitter heute an diese Präparate, die man nach dem Zähneputzen im Mund hin- und herspühlen kann und dann hinterher sieht, wo man nicht gut geputzt hat.

Zum nächsten Gang gab es Chinotto. Ein ebenfalls eher bitteres Getränk, das gleichzeitig sehr süß ist – zumindest so lange es sehr kalt ist. Es sieht aus wie Cola und ich glaube, als Kind dachte ich auch, dass es Cola ist und kam mir sehr groß vor, wenn ich Chinotto trinken durfte.

Chinotto ist aus der (haha) Chinotto-Frucht gewonnen. Eine Art Bitterorange, die eigentlich aussieht wie eine rundliche Zitrone. Wird Chinotto warm, schmeckt es ein bisschen nach Hustensaft.

Als nächstes gab es Birnensaft – Succo di Pera. Süß und sehr dickflüssig – verkauft in winzigen Fläschchen.

Wer länger schon im Blog mitliest, weiß vielleicht, dass ich quasi seit immer kein Obst und irgendwelche Dinge mit Obst esse oder trinke. Tatsächlich hab ich als Kind ganz lange Birnensaft getrunken, bis ich eines Tages herausfand, dass Succo die Pera B I R N E N S A F T heisst und vermutlich aus Birnen (ihhhh!) gemacht wird.

Danach gab es einfach Aranciata (Orangenlimo) und Lemonsoda (Zitronenlimo) – beides in der Zwischenzeit auch in italienischen Restaurants fester Teil der Getränkekarte.

Als Antipasti habe ich Grillgemüse gemacht. Peperonata, gegrillte Auberginen und gegrillte Zucchini.

Die Auberginen habe ich vor dem „grillen“ im Ofen in Scheiben geschnitten und dann mit Salz bestreut. Das Ganze gut eine Stunde ziehen lassen und sie dann unter fließendem Wasser abgespült, trocken getupft und dann 40 min mit Ober/Unterhitze bei 200 Grad im Ofen auf Backpapier auf einem Blech schmoren lassen. Dazu nur Olivenöl, Knoblauchscheiben und frischen Rosmarin.

Für 6 Personen
3 große Auberginen
6 Zehen Knoblauch
1 Bund Rosmarin (den mit den langen weichen Blättern äh oder sagt man da Nadeln?)

Kurz vor dem Servieren habe ich die Auberginen mit Salz und Pfeffer gewürzt und mit etwas Zitrone beträufelt.

Die Zucchini waren noch einfacher: in Scheiben schneiden, mit Öl und Knoblauch ebenfalls 20-30 min im Ofen grillen.

Für 6 Personen
6 kleine Zucchini
6 Zehen Knoblauch

Die Paprika (ingesamt 5 rote und gelbe) habe ich geviertelt und dann mit 3 geviertelten Zwiebeln in der Pfanne auf der Hautseite in Olivenöl angebraten. Als sie etwas braun wurden, habe ich sie mit einem Schuss Balsamico abgelöscht und ein halbes Glas Wasser dazugeschüttet. Deckel auf die Pfanne und bei kleinster Flamme fast eine Stunde schmoren lassen. Vor dem Servieren ein bisschen Thymian dazu – fertig.

Für 6 Personen
3 rote, 2 gelbe Paprika
4 mittelgroße Zwiebeln
Schuss Balsamico
Thymian

Das Gemüse gab es dann mit Kauf-Balsamicozwiebeln (war zu faul die zu machen), getrocknete Tomaten mit gerösteten Pinienkernen und Weißbrot.

Ach und ganz wichtig! Es gab Simmenthal! Das ist Rindfleisch in Globsch. Mit Zitrone und Petersilie. Riecht wie Katzenfutter.

Als Primo piatto gab es Spaghetti Aglio Olio und Pasta alla Norma.

Die Nudelgerichte habe ich leider vergessen zu fotografieren. Es war einfach zu lecker!

Die Spaghetti meiner Kindheit waren viermal so lang wie sie heute üblicherweise sind. Tatsächlich habe ich solche Spaghetti im italienischen Supermarkt gefunden.

Wenn man sie kocht, muss man sie nach und nach in den Topf ins sprudelnde Wasser drücken. Eine schöne Erinnerung aus meiner Kindheit.

Aglio Olio ist dann nichts anderes als sehr viel Knoblauch sehr klein schneiden und zusammen mit Chili in Olivenöl braten. Die fertig gekochten Spaghetti mit etwas Nudelwasser dann in die Pfanne werfen und ordentlich Parmesan und Pfeffer dazu.

Für 6 Personen (es gab ja 2 Nudelgerichte)
300 Gramm lange Spaghetti
2 rote Chili
10 Zehen Knoblauch
Parmesan

Da fehlen noch die Auberginen, die ich separat angebraten habe.

Für Pasta alle Norma habe ich Maccheroni (oder wie man hier schreibt: Makkaroni) genommen.

Die Soße besteht aus kleinen, geschmorten Pflaumentomaten, Basilkum und in Würfel geschnittenen Auberginen.

Für die Auberginengerichte ist es wirklich wichtig, dass sie entwässert sind, dass ihnen dabei die Bitterstoffe entzogen wurden (passiert beim Ausschwitzen der Flüssigkeit mit dem Salz) und dass sie schön weich gekocht bzw. geschmort werden.

Manchmal gibt es hellere Auberginen (pinkfarbene oder sogar weiße), die sind noch milder und süßlicher. Wenn ihr die seht, lieber die nehmen.

Zu den Auberginen und Tomaten wirft man ein bisschen Knoblauch, würzt mit Salz und Pfeffer und mischt das Ganze mit den Maccheroni. Ganz am Ende gibt man im Idealfall Ricotta salata drauf – wenn man den nicht bekommt, tut es zerbröselter Feta auch.

Für 6 Personen
300 Gramm Maccheroni
2 mittelgroße Auberginen
20 Pflaumentomaten
Handvoll Basilikum
1/2 Feta

Die große Wurst ist die mit Fenchel und die kleinen sind Salsiccia ohne Fenchel – es soll ja so komische Menschen geben, die keinen Fenchel essen.

Als Hauptgang gab es Salsiccia fresca al finocchio – Fenchelbratwurst. Frisch aus dem italienischen Supermarkt und absolut großartig.

Zweiter Teil des Hauptgangs war etwas, das ich als „Pizzaiola“ in Erinnerung hatte.

Rouladenfleisch vom Rind, belegt wie Pizza. Also statt des Hefeteigs Fleisch (so war das in den 80ern! Fleisch mit Fleisch!).

Die Rouladen werden ordentlich geklopft, sehr heiß und sehr kurz angebraten und dann auf ein Blech gelegt. Auf die Rouladen kommen gehackte Tomaten (abgetropfte), Büffelmozzarella, sehr dünne Zwiebeln und Kapern sowie Oregano.

Ich hab das Ganze in der obersten Schiene im Backofen so 10 min gebraten. Der Ofen war auf 200 Grad vorgeheizt und dann habe ich auf Ober/Unterhitze und Grill gestellt und gewartet bis der Mozzarella schön braun war.

Tatsächlich habe ich kein Rezept gefunden, das irgendwie in diese Richtung geht. Vielleicht habe ich das auch völlig falsch erinnert oder es ist irgendein Familienrezept. Falls irgendwer irgendwann mal was ähnliches gegessen hat oder ein Rezept kennt oder den korrekten Namen weiß – freue ich mich über Hinweise.

Als Nachtisch gab es Mandelgebäck. Madorle heißen die Plätzchen in Sizilien obwohl sie oft auch aus Pistazien sind. Die Plätzchen sind sehr mächtig und schmecken eigentlich wie Marzipanklumpen mit verschiedenen Gewürzen wie Anisstreußeln z.B.

Man kann sie fertig kaufen, was ich gemacht habe.

Ebenso fertig gibt es Cannolihüllen. Die befüllt man mit Ricotta, den man mit Puderzucker süßt und in den man Bitterschokolade in Tropfenform mischt. Oft wirft man auch Zitronat und Orangeat rein, was ich aber nicht mag.

Da ich keine Küchenwaage hatte, hab ich einfach alles nach Gefühl zusammengemischt. 500g Ricotta, so 70g Puderzucker, eine kleine Handvoll Schokotropfen. Die Paste lässt man mindestens eine Stunde ziehen und füllt sie dann in die Cannolihüllen.

Die Enden der Cannoli dekoriert man mit gehackten Pistazien und halbierten, kandierten Kirschen. Ganz oben drauf kommt dann ein Hauch Puderzucker.

Spätestens jetzt waren alle Gäste sehr satt und man nahm dankbar den Espresso an.

Doch! Ha! Wenn man sich entspannt hat und denkt: Das wars! kommt ja erst der Höhepunkt des Abends! Die Eisbombe!

Arbeitet jemand in der Eventgastronomie und weiß wie man 10 Wunderkerzen gleichzeitig anzündet?

Eisbomben sind Eistorten, die aussehen wie ein halber Ball. In meiner Erinnerung wurden sie mit Wunderkerzen serviert und zwar wirklich dann wenn alle der Auffassung waren, dass man jetzt eine Woche nichts mehr essen kann.

In Berlin kann man Eisbomben wirklich bestellen. Wir haben einfach ein Vineta-Eis genommen, weil das so schön 80er ist und das noch ein bisschen dekoriert.

Als Abschluss – diesmal wirklich – gab es noch Averna auf Eis.

Der Abend war wirklich toll und ich sehr, sehr happy. Es geht doch nichts über schöne Kindheitserinnerungen.

Leider hat niemand temperamentvoll den Plastikteller beim Essen durchgesäbelt (auch das kam früher vor) – aber immerhin wurde entdeckt, dass die Spaghetti wirklich sehr, sehr lang waren.

Das Einkaufen und Kochen war zwar nicht kompliziert, aber doch relativ aufwändig und hat sehr, sehr lange gedauert.

Wie zum Ferragosto habe ich tagelang gekocht und alle Phasen durchlebt. Erst war ich interessiert und motiviert, habe hier und da nebenher gelesen, wo kommt was her, wie macht man es in Sizilien? Dann war ich so begeistert, dass ich dachte: „Mensch! Ich könnte doch auch ein Restaurant aufmachen!“ Am Ende war ich bei: „Nie wieder werde ich kochen! Zum Essen ins Restaurant einladen tut’s doch auch!


Wen es interessiert: Die meisten Zutaten habe ich im Centro Italia in der Greifswalder Straße gekauft. Sehr nett da – v.a. die Frischetheke ist spitze.

Kinderkino

asi24 @pixabay

Mein Freund ist so unbescholten wie Maria zum Kinde gekommen.

Wenn man selbst aktiv Kinder bekommt, sich also wirklich entscheidet: Jetzt will ich ein Kind, dann weiß man zwar nicht mehr oder ist irgendwie besser qualifiziert als jemand anders – aber ich denke mir oft – man hat sich wenigstens bewußt entschieden und wächst so langsam rein in die Sache.

Das Reinwachsen wird außerdem durch Hormone begünstigt und durch den stetigen Schlafmangel ist man ja auch leicht verblödet, so dass man vieles zu Beginn gar nicht so richtig registriert.

Mein Freund allerdings, der ist irgendwie in diese Sache reingeraten und manchmal beobachte ich ihn und habe ein bißchen Angst, dass er sich fragt: Was mache ich hier eigentlich und warum zur Hölle?

Neulich zum Beispiel waren wir mit den Kindern im Kino.

Nachmittagsvorstellung in einem Kleinstadtkino. Es sei schon ziemlich voll, sagt die Ticketverkäuferin, ob wir Popcorn wollen. Ach! Was kostet die Welt, denke ich, wir haben Ferien, na klar wollen wir Popcorn.

Wie groß soll die Packung sein? Mittel? Ich stimme zu. 43 Euro mit den Eintrittskarten.

43 Euro!

DREIUNDVIERZIG EURO? Na klar. HAHAHAHAHa.

Aber es sind ja Ferien.

Das eine Kind muss jetzt noch dringend pullern, dem anderen reiche ich die gigantische Packung Popcorn. Wollte man ein Baby mit in den Kinosaal schmuggeln, die mittlere Packung Popcorn böte eine hervorragende Möglichkeit.

Ich reiche also den Umzugskarton Popcorn an das andere Kind weiter, hier, ups, nicht aufgepasst, das Popcorn fällt auf den Boden. Überall Popcorn. Popcorn! Knirsch. Hier, da, überall, knirsch, knirsch.

Ich weiß nicht, wie ich jetzt all das Popcorn aufheben soll, das andere Kind derweil: ICH MUSS JETZT ABER WIRKLICH PULLERN.

Knirsch, knirsch, wir laufen durchs Popcorn, der Freund winkt mir aufmunternd zu. Ich glaube, das soll heißen, er kümmert sich.

Im Klo dann das Kind voller Panik, der Film könne schon anfangen – für Händewaschen sei da wirklich keine Zeit. Doch, nein, doch!

Tatsächlich ist das Popcorn am Rückweg bereits zum größten Teil verschwunden.

Wir laufen die Treppe hoch. Kinosaal 4.

Es ist wirklich voll. Wir setzen uns auf unsere reservierten Plätze. Hinter uns sitzen Kinder, die auf eine gefühlt 3 cm lange Ablage Popcorn (die GROSSE PACKUNG!), Nachos mit Käsesoße und 0,5 l Softdrinks abgestellt haben.

Ich schaue auf die Leinwand. Sehr klein. Erst als nach der Werbung der Vorhang aufgezogen wird, ist die Leinwand so groß wie beim Freund in der Wohnung.

Überall raschelt und knistert es. Kind 3.0 weint, weil der Freund es wagt vom verbliebenen Kubikmeter Popcorn drei Popkörnchen essen zu wollen.

„Nein! Man wartet bis der Film anfängt! Nicht vorher essen!!!“

Da! Der Film beginnt.

„Ist das deren Ernst?“, fragt der Freund zweifelnd. Der Ton, er ist zugegebenermaßen ein wenig sehr leise.

„Die machen das wegen der Kinder ein bisschen leiser als sonst“, versuche ich zu erklären.

„Ein wenig leiser, das ist OK, aber die Soundanlage AN-machen könnten sie doch, oder?“

Hinter uns knuspern die Kinder Nachos, schlürfen durch die Strohhalme nicht enden wollende Softdrinkmassen, knabbern Chips und Popcorn. Die Kinder unterhalten sich in Zimmerlautstärke und machen sowas wie Audiodeskription für Gehörlose: „Jetzt fährt er über den Platz und gibt richtig Gas. Man sieht das am Tacho. Tacho ist die Anzeige da vorne, Mama!“

Einige haben den Film schon gesehen und schreien jede Szene, die einen überraschen könnte, vorher schon eine Inhaltsangabe: „DER IST NICHT TOT!“ „DER BÖSE GEWINNT NICHT!“ „GLEICH KOMMEN DIE RETTER UM DIE ECKE.“

Ich stelle mir einen Raum voller sensibler Twitterer vor und dann diese Kinder, die jede Szene bei Game of Thrones spoilern. Da wär‘ aber was los hier!

Im Augenwinkel betrachte ich meinen Freund. Er hat sich nach vorne gebeugt. Er muss synchronisierte Filme schauen, er bekommt ständig von rechts und links das Popcorn weggenommen und hat gerade wirklich viel Geld gezahlt, um auf eine Leinwand zu schauen, die kleiner als seine eigene ist. Dabei sind die Umgebungsgeräusche ein bisschen lauter als der Film selbst.

Dennoch wirkt er entspannt. Ich weiß nicht warum, doch ich versuche das nicht zu hinterfragen.

Eine lustige Szene. Alle Kinder im Saal grölen. Einige springen auf. So z.B. die hinter uns mit dem Eimer Limo auf der 3cm Ablagefläche. Das Getränk schwankt, es wackelt, neinneinennein, doch, leider doch, es kippt nach vorne auf meinen Freund.

Der reagiert sehr gelassen. Langsam werde ich skeptisch. Der nimmt ja wohl hoffentlich keine Drogen, wenn wir mit den Kindern unterwegs sind?

Vor mir in der Bank eine leere Tüte Chips. Probeweise raschle ich mit dem Silberpapier. Ah, doch, eine Reaktion. Er hat doch noch Reaktionen. Alles gut. Ich schaue liebevoll in seine blutunterlaufenen Augen.

Es ist mir rätselhaft. Vor den eigenen Kindern darf man ja nicht weglaufen, auch wenn man es manchmal gerne täte (man darf das schreiben, die Kinder würden ja auch manchmal gerne vor den eigenen Eltern weglaufen und man tut es jeweils nicht, weil man doch familiär gebunden ist), warum jemand, der ganz einfach weglaufen könnte, nicht läuft, es ist mysteriös.

Ich halte seine Hand. Morgen soll er als Zeichen meiner Dankbarkeit bis 7.45 Uhr ausschlafen dürfen. Das hat er sich mit seiner stoischen Gelassenheit allemal verdient.

Italienisch Essen gehen in Polen

Dieses Jahr fahren wir nicht ans Meer. Dieses Jahr fahren wir Richtung Osten. So weit in den Osten, dass der östlichste Punkt Deutschlands ganz in unserer Nähe ist.

Kind 3.0 ist seit Wochen aufgeregt. Sein bester Freund hat polnische Wurzeln und so will es unbedingt „auf“ Polen gehen. Mit dem Boot fahren wir die Neiße entlang und jeder Grenzpfahl muss fotografiert werden.

Weil wir nicht so recht wissen, wie wir das Boot festmachen sollen, können wir auf der polnischen Seite nicht halten und Kind 3.0 muss noch einige Tage warten bis wir abends in Görlitz sind.

Über eine Brücke laufen wir nach Zgorzelec und Kind 3.0 wird ganz beschwingt: „Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich ganz, ganz glücklich auf Polen zu sein. Ich muss das Bartosz unbedingt sagen.“

Während Kind 3.0 so glücklich ist, bin ich auch glücklich. Es ist ein lauer Sommerabend, die Neiße schlängelt sich durch die Altstadt, die Straßenlaternen sind mit Petunien geschmückt, die prächtig blühen, wir gehen in ein italienisches Restaurant gleich hinter der Grenze und ich freue mich, dass es Europa gibt.

Die Kinder waren noch nie außerhalb der Eurozone. Dass hier auf der Karte Preise in einer anderen Währung stehen, können sie nur schwer verstehen.

Wir haben eine Reihe alter Münzen zuhause. Die Kinder benutzen sie für ihren Kaufladen. Peseten, Lire, Franc… Bislang war ihnen gar nicht klar, aus welcher Zeit diese Münzen stammen und warum es sie nicht mehr gibt.

Es gibt viel zu erklären. Warum ist es gleich hinter der Grenze so viel billiger als nur wenige Meter in die andere Richtung? Ist das, was uns hier auf der Speisekarte günstig erscheint, wirklich günstig? Können hier auch polnische Familien essen gehen?

Warum gibt es Grenzen? Wieso wird an manchen kontrolliert und an anderen nicht?

Wie kommt es, dass in den Grenzregionen so viele Polen perfekt deutsch sprechen, die allermeisten Deutschen aber kaum polnisch?

Wir warten lange auf unser Essen, doch unsere Geduld wird belohnt. So gut italienisch wie in Zgorzelec habe ich lange schon nicht mehr gegessen. Ich komme mir vor wie die kleine Raupe Nimmersatt: Am Montag essen wir Vitello tonnato, am Dienstag Bruscetta, am Mittwoch Antipasti, am Donnerstag Pizza, am Freitag Saltimbocca alla romana, am Samstag Spaghetti aglio olio und am Sonntag Profiteroles und Tartufo.

Nur dass sich keiner in einen Schmetterling verwandelt. Wir werden einfach nur runder.

Die Kinder sind begeistert. Die beste Pizza ihres Lebens. Polen ist toll!

Wir sitzen draußen auf der Veranda und mit der Dämmerung kommen die Mücken und ein bisschen später ein paar große, schwarze Spinnen. Guten Appetit auch sie bekommen jetzt Abendbrot.

Auf der Rückfahrt fahren wir durch Dörfer, die zum größten Teil mit NPD Plakaten gepflastert sind.  Ganz selten sieht man mal ein Plakat der SPD.

Ich frage mich, haben die anderen Parteien diese Landstriche schon aufgegeben oder warum hängen sie nicht auch ihre Wahlwerbung auf?

Die Kinder fragen: Was ist die NPD und was will sie?

Ich erkläre so gut ich kann. Und die SPD, was will die? Und Frau Merkel? Das ist doch die von der SPD? Nein, das ist die von der CDU. Und was will die CDU. Ich kann die Unterschiede nicht gut rausarbeiten.

Wie findest Du Frau Merkel? Willst Du, dass sie wieder Bundeskanzlerin wird.

„Männer können auch Bundeskanzlerin sein!“, weiß Kind 3.0. Gibt es überhaupt andere Kandidaten? Martin Schulz? Nie gehört.

Die Grünen? Gibt es die hier? In Berlin gibt es die doch, oder? Und die Linke? Wenn es eine Linke gibt, wieso gibt es dann keine Rechte? Was ist links, was ist rechts?

Was ist die Partei? Gibt es die hier auch?

Wir fahren durch ein Land ohne Internetverbindung. Alles, was ich erzähle, muss ich aus meinem Kopf erzählen. Nichts kann ich googeln. Wie anstrengend das ist. Wie wenig ich weiß.

Wieso gibt es noch ganze Landstriche ohne Internet?

Ich bin erschöpft. Ich weiß nur eines: ich wünsche meinen Kindern, dass sie auch in ihrer Zukunft einfach so über Grenzen laufen können und dass es Europa dann noch gibt. Als Länderverbund, als Währungsunion, als Nationalität.

[Anzeige] Let’s talk – Hilfe, mein Kind spielt Computerspiele!

Computerspiele
Olichel @pixabay

Gemeinsam mit SCHAU HIN! habe ich eine kleine Serie zum Thema Kinder und digitale Medien gestartet.

Im Zentrum meiner Serie sollen die Chancen, die (neue) Medien mit sich bringen, stehen und ich will beschreiben, wie wir als Familie im Alltag damit umgehen und gerne auch von Euch hören, wie ihr den Alltag mit Kindern und digitalen Medien gestaltet.

Risiken und Gefahren werden durch Kulturpessimisten aller Ausrichtungen zu genüge beklagt. Viele Eltern reagieren mit Unsicherheit und statt sich mit den einzelnen Themen auseinanderzusetzen, wird schnell mal ein Verbot verhängt.

Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass Verbote in Sachen Medienkonsum nichts bringen. Deswegen versuche ich mit meinen Kindern im Gespräch zu bleiben und Lösungen zu erarbeiten, die für uns beide alle passen. Das ist auch der Grund warum ich die Serie Let’s talk nenne.

Im dritten Teil geht es um: Computerspiele

Seit ungefähr 15 Jahren spiele ich keine Computerspiele mehr – oder besser gesagt: ich spiele wirklich nur sehr sporadisch.
Mein Partner hingegen spielt relativ häufig und weil ich dem Spielen auch gar nicht abgeneigt bin, haben wir mehrere Male versucht miteinander zu spielen.

ptra @pixabay – Früher war alles besser!

Die Idee war einfach:
„Hey! Lass uns Helldivers spielen! Ich koche heute und du spielst das Tutorial durch. Wir essen und danach spielen wir zusammen.“, sagte der Freund.
Top Plan! Ich setze mich also an die PlayStation, schaue den Controller an und starte das Tutorial.
Eine dreiviertel Stunde später ist der Freund fertig mit dem Kochen und ich mit den Nerven.
Ich habe ca. 15% des Tutorials geschafft, bin sehr, sehr oft gestorben und kann mir immer noch nicht merken, was die Tasten X, Kreis, Dreieck, Viereck, R1, R2 sowie L1 und L2 bedeuten.

Ähnliche Erfahrungen habe ich mit Injustice gemacht und das obwohl ich früher wirklich großen Spaß an Street Fighter und Mortal Kombat hatte. Vor, vor, zurück, irgendwas Super Combo!!!

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich spiele einfach zu wenig, um die Bedienung der einzelnen Controller so automatisiert zu haben, um mich auf das Spiel konzentrieren können und selbst wenn ich das im Ansatz schaffe – mein Skill ist einfach so schlecht, dass ich überall runterfalle, daneben springe, versehentlich reinspringe (Lava, Sägen, Säure) oder von jedem Gegner sofort getötet werde, so dass ich seltenst in den Genuss komme, dass mir Spiele Spaß machen.

Lediglich wenn Spiele so angelegt sind, dass man gar nichts können muss, habe ich Freude.
Die Zweiterspiele der Switch sind ein Beispiel. Beim wetttelefonieren, melken und Bart rasieren hab ich echt gut Chancen.
Auch sowas wie Tricky Towers (spielt das, erinnert an Tetris, nur dass die Linien nicht verschwinden) macht mir großen Spaß.

Was ich eigentlich sagen will: Schaut man sich z.B. den Jahresreport der Computer- und Videospielbranche in Deutschland 2016 an, stellt man fest: fast die Hälfte der Deutschen – unabhängig vom Alter (!) spielt (S. 30 ff.) – das bedeutet aber auch, dass die andere Hälfte nicht spielt.

Wie aber soll ich als Elternteil beurteilen, ob das, was die Kinder spielen, „gute“ Spiele sind? Wie soll ich zum Teil völlig unerfahren einschätzen lernen, was ein vernünftiger Umgang mit Computerspielen ist und wie viel Zeit man dafür einräumen soll, damit die Kinder Spaß haben und gleichzeitig nicht  … ja – was eigentlich? Verrohen? Verdummen?

Die Vorurteile gegenüber Spielern (und da mal bewusst die männliche Form) in unserer Gesellschaft sind ausgeprägt.
Wenn man nichts mit Spielen zu tun hat, dann hört man v.a. das: Spiele machen süchtig! Spiele machen aggressiv! Kinder, die zu viel spielen, vereinsamen und werden dick.

Nicht ganz verwunderlich, wenn die meisten Eltern da aus Angst einfach alles verbieten und das Thema Comuterspiele zum Zankapfel wird. Ich schrieb vor einiger Zeit mal über entsprechende Vorbehalte.

Und selbst wenn Eltern nicht alles verbieten – Unwissenheit führt oft auch zu (Kinder)Frust. Ein wunderbares Beispiel zum Thema Savepoints habe ich neulich auf Twitter gelesen (es lohnt auf den Tweet zu klicken und alles zu #momvsffxv zu lesen):

Also: Was sind meine Tipps zum Computerspielethema? Wie gehen wir in unserem Haushalt damit um?

1. Redet mit euren Kindern.

Was spielen sie, warum spielen sie es, spielen sie es alleine? In einer Gruppe mit Freundinnen und Freunden? Gibt es Level? Gibt es irgendwelche günstigen Ausstiegspunkte (z.B. wenn man zeitliche Grenzen setzen will)? Wie fühlen sie sich nach dem Spielen und warum?
Es gibt eine Menge Fragen, die man stellen kann.
Fragt doch mal, ob ihr zuschauen dürft und lasst euch die Spiele erklären.
Je jünger das Kind, desto erklärfreundiger würde ich wetten.
Irgendwann kommt man bestimmt in das Thema pupertäre Rückzugsräume – da muss man vielleicht nicht neben dem Kind sitzen und rumnerven, aber wenn man grob erklärt bekommt, um was es geht, kann man sich ja vielleicht ein Let’s Play anschauen, um einen Eindruck von der Spielmechanik zu bekommen (dafür einfach „Let’s Play <Spielename>“ in die YouTube Suche eingeben).

2. Schaut, ob es Kriterien gibt, die ihr für euch zur Bewertung von Spielen entwickeln könnt.

Ich finde z.B. gut wenn Spiele endlich sind. Man hat dann einen vorgegeneen Spannungsbogen, den man erfolgreich und befriedigend abarbeiten kann. Endlosspiele (World of Warcraft, League of Legends ) finde ich anstrengend und die machen mir auch ein ungutes Gefühl, wenn die Kinder sie spielen. Denn es gibt – egal wie lange man spielt immer noch diese eine Gegend zu erkunden, diese eine Waffe zu ergattern, diesen einen Kampf zu bestehen

Ich mag Spiele, die einfach funktionieren, ohne dass man was dazu kaufen muss. Also ohne sogenannte In-App Purchases.

Ich bevorzuge Spiele, in denen es divers zugeht und die keine Klischees bedienen (wenigstens nicht allzu stark).

Spiele, in denen man etwas erschaffen kann (Paradebeispiel Minecraft), gefallen mir auch.

Es gibt Spiele, die weiterlaufen, auch wenn man nicht spielt. Das übt Druck auf die Kinder aus. Deswegen finde ich Spiele besser, die da stoppen, wo man aussteigt und einen dort auch wieder einsteigen lassen.

Idle Clicker Games sind die Pest.

3. Baut euch eine Games-Filterbubble.

Holt euch das Thema Spiele bewusst in euer Leben. Wenn ihr auf Twitter seid, folgt Leuten die spielen und davon Ahnung haben.
Mir fallen da spontan Rainer Sigl, Christian Huberts und Marcus Richter ein.

Ich habe außerdem aus Empfehlungen, die ich bekommen habe, eine Twitterliste mit Frauen zusammengestellt, die sich ebenfalls mit Computerspielen auskennen (z.B. Linda BreitlauchJana Reinhardt, Sabine Hahn oder Rae Grimm). Und falls euch das nicht genügt, schaut euch mal die Liste der Top 50 Frauen der deutschen Games-Branche an.

Ihr seid nicht auf Twitter? Abonniert zB bei piqd den Games-Kanal* und lasst euch Artikel empfehlen.

Ihr hört lieber Radio? Hört euch doch z.B bei Deutschlandfunk Kultur Kompressor die Games-Rubrik „Vorgespielt“ an.

Abonniert Podcasts zu dem Thema.

Schaut euch Voträge zum Thema an:

Geht mit euren Kindern zu eSports Events. Wirklich physisch zu einem Event hingehen – nicht nur den Videostream anschauen. Oder wagt es mal die gamescom zu besuchen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich so eine Menge Vorurteile und Ängste abbauen lassen und ihr überraschende Erkenntnisse gewinnen könnt.

4. Gebt den Kindern Geld für werbefreie Spiele.

Die grässlichsten Spiele sind die, die mit Werbung zugeknallt sind. Unerträglich. Hier ist es ähnlich wie beim Thema Messenger. Durch irgendwelche Hintertürchen werden Nutzerdaten gesammelt – ganz abgesehen davon wird das Spiel ständig durch irgendwelche Grütz-Werbung, deren Inhalt ihr ja auch nicht bestimmen könnt, unterbrochen.

Für jemanden, der ein eigenes Einkommen hat, ist es vielleicht kein Problem zwei bis fünf Euro (z.B. bei Handyspielen) auszugeben. Wenn man zwei bis fünf Euro Taschengeld pro Woche bekommt, tut man sich da schon wesentlich schwerer.
Geld für Spiele ausgeben, ist eine gute Idee. Auch SpielentwicklerInnen wollen Geld verdienen und Qualität hat eben einen Preis.

5. Wenn ihr mit bestimmten Spielen Probleme habt, bietet den Kindern Alternativen.

Weil ihr Punkt 3 beherzigt habt, kennt ihr jetzt nämlich einige Spiele, die interessant klingen, oder?

Apropos Alternativen. Das hört man ja auch so oft. Die Kinder sollen mal raus an die frische Luft! Sport machen!

Dazu bitte an die eigene Nase fassen. Kinderfreier Abend – ihr könnt machen, was ihr wollt! Naaa? Sechs Folgen eurer Lieblingsserie binchwatchen oder äh Sport?

Mal abgesehen davon, glaube ich, dass das Alternativen-Thema schon Jahre vorher gelegt wird. Wenn die Kinder nicht schon im Kleinkindalter regelmäßig auf den Spielplatz gehen oder im Schulalter mit Sport beginnen, dann stellt sich Bewegungslust im Teenageralter nicht von Zauberhand ein.

Wenn man als Eltern also Wert auf Bewegung, Sport, Bücher lesen etc. (was auch immer ihr für eine wertvolle Alternative haltet) legt, dann muss man das von klein auf fördern und mit gutem Vorbild voran gehen. Da muss man dann eben mit auf den Spielplatz, muss mit den Kindern in den Wald, zum See, ins Schwimmbad. Nehmt die Kinder mit auf die Yoga-Matte, lasst sie neben her Fahrrad fahren, wenn ihr joggen geht, fahrt gemeinsam Fahrrad – was auch immer

Und ganz am Ende: Vergesst nicht wie ihr als Kinder und Teenager wart.
Ich glaube nach wie vor, dass es eine Lebensphase gibt, in der man enthusiastisch in Themen versinkt. Ich habe wie irre gelesen, mir Stunden und Tage mit Point-and-Click-Adventures um die Ohren gehauen und ich möchte nicht wissen, wie viele Stunden ich vor Trash TV wie Big Brother und Popstars verbracht habe.

Anekdotische Evidenz: ABER AUS MIR IST TROTZDEM WAS GEWORDEN


Wie geht ihr mit dem Wunsch eurer Kinder um Computerspiele zu spielen? Habt ihr Vorurteile? Wenn ja, hinterfragt ihr die und zu welchen Erkenntnissen seid ihr dabei gekommen?

Gibt es für euch gute und schlechte Spiele? Habt ihr Empfehlungen?

Kommentiert einfach hier, teilt eure Medienmomente auf Instagram, bloggt selbst darüber, twittert oder schreibt darüber auf Facebook. Wenn ihr euren Beiträge mit dem Hashtag #medienmomente markiert, können sie später eingesammelt und geteilt werden.


Wen es interessiert, wie andere Familien mit der Computerspiellust ihrer Kinder umgehen, der liest das im Blog von Heiko Bielinski nach: sehr lesenswert

Weiterführende Links:

Teil 1 von Let’s talk: Nicht wie lange sondern was
Teil 2 von Let’s talk: Messenger


*Der Games-Kanal ist seit kurzem in den Fundstücke-Kanal integriert (was ich persönlich sehr schade finde). Die URL leitet um.