Ich habe Blutdruck

Eigentlich hatte ich mir zu dem Vortrag zur Digitalen Demenz von Manfred Spitzer handschriftliche Notizen gemacht. Leider habe ich sie verloren. Hätte man nicht das Smartphone ausschalten sollen, wären meine Notizen & Fotos in der Cloud und… aber lassen wir das.

Von Herrn Spitzer hatte ich schon viel im Internet gelesen und war wirklich sehr gespannt. Der Vortrag war 1,5 Std lang und die erste halbe Stunde war wirklich informativ. Es ging im Wesentlichen um Neuroplastizität und auch wenn ich einiges an Vorwissen aus meinem Psychologie Studium mitgebracht habe, fühlte ich mich informiert und unterhalten. Gegen 17.30 (der Vortrag begann um 17.00) bin ich vermutlich kurz eingenickt, denn ich habe den Punkt, an dem der Vortrag für mich so extrem kippte, irgendwie verpasst. Meine Augen drehten sich langsam nach oben bzw. ich musste sie peinlich berührt unter meinen Handflächen verdecken und ich glaube gegen 18.15 bluteten meine Ohren.

Den Inhalt über den ich mich so echauffierte (andauernd bis heute und ich habe eigentlich selten starke Gefühle), kann man wie folgt zusammenfassen:

  • Bis 20 sollten Menschen nicht fernsehen, keine DVDs schauen, keine Spielkonsolen benutzen, um Gottes Willen aus dem Internet fernbleiben und auch keine eBooks lesen. Selbst Produkte wie der TipToi-Vorlese-Stift sind Produkte aus der Hölle.

plus

  • Wenn man den Kindern und Jugendlichen Zugang zu solchem Teufelswerk verschafft, trägt man aktiv zu deren Verdummung bei. Die Regierung macht das in unterschiedlichen Programmen auch – das ist eine Verschwörung der (Spielkonsolen und Computer) Industrie.

Kann man behaupten und auch mit zahlreichen Studien belegen, z.B. hat man Mäuse in ihrer Kindheit mit Fernsehprogramm beleuchtet und es zeigt sich eindeutig, dass sie unruhiger, unkonzentrierter und risikobereiter im Erwachsenenalter waren als es die Mäuse der Kontrollgruppe waren.

Ok, jetzt mache ich das selbe wie Spitzer, nämlich polemisieren. Aber wahrlich, er ist unangefochtener Meister auf diesem Gebiet auch wenn er selbst sagte “Ich bin doch kein Krawallwissenschaftler oder Kulturpessimist, wie mich die Feuilletons beschimpfen, ich zeige hier lediglich Fakten auf.”

Diese selektiven Fakten, die meistens monokausal argumentieren und immer nur ein entweder oder zulassen, haben gefühlt 80% der anwesenden Eltern im Saal begeistert und das ist das, was mich eigentlich so wütend macht.

Da sitzen internetunerfahrene Menschen (mein Eindruck nach zahlreichen Gesprächen), die sich unsicher fühlen, die nach einem Umgang mit einem Thema suchen, das ihnen selbst fremd ist, weil sie damit nicht aufgewachsen sind und dann steht da vorne jemand der Benzin in deren glühenden Ängste schüttet.

Um differenziert zu bleiben: Wenn man über 20 ist, dann darf man diese Dinge benutzen (so Spitzer), da ist das Gehirn ausgereift und dann ist das nicht mehr so gefährlich.

Seine Argumentationsweise folgt jedoch ansonsten komplett allen Klischees der Technologie”kritik” (eigentlich wäre “Angst” das korrektere Wort). Es gibt einen Text von Dorothee Bär, der meinen eigenen Eindruck von dem Vortrag und dessen Inhalte hervorragend wiedergibt: Macht das Internet dumm? Dorothee Bär antwortet Prof. Manfred Spitzer

“Das Gefährliche an Theorien wie dieser ist, dass sie nicht nur unendlich undifferenziert sind, sondern auch noch verletzend, geradezu zynisch wirken und vor allem Eltern und Menschen mit Erziehungsverantwortung ein Gefühl der Machtlosigkeit und der Inkompetenz vermitteln – also ganz bewusst mit der Angst der Menschen spielen und diese bis zum Äußersten schüren.”

Wie immer macht die Dosis das Gift. Aber mit Argumenten zum Thema Medienkompetenz muss man Spitzer nicht kommen. Das ist alles Unsinn. Kann er ja gerne denken. Ich sehe das – wenig überraschend – völlig anders. Ich bin dafür Kindern einen sinnvollen und maßvollen Umgang mit den Themen Fernsehen, Spiele, Computer, Internet etc. beizubringen. Sie zu begleiten. Mich selbst damit zu beschäftigen, darüber zu sprechen, mich auszutauschen und natürlich auch Grenzen zu setzen.

Einen schönen (maßvollen) Text gibt es z.B. im Blog von Alexander Matzkeit: “Reduktion statt Abschaffung: Fünf Schritte zur entspannteren Mediennutzung

Was mir abschließend dazu einfällt: Ein anderer der Referenten, Herr Renz-Polster, seines Zeichens angenehm undogmatisch, hat in einem anderen Kontext gesagt: Auf die wesentlichen Erziehungsfragen gibt es keine finalen Antworten. Wenn sie reich werden wollen, schreiben sie einen Ratgeber, in dem sie einen 100% wahren und umzusetzenden Weg formulieren. Zum Beispiel zum Thema Kleinkindschlaf. Verzweifelte Eltern werden ihn kaufen.

Das ist, was meiner Auffassung nach Spitzer getan hat: nur eben zum Thema Internet & Co. Seinen Thesen ist schließlich einfach zu folgen. Kinder und Jugendliche raus aus dem Netz und gut ist. Keine Unruhe mehr, keine Verhaltensauffälligkeiten, keine schlechten Noten und keine Verdummung. So einfach ist das.

Wie schön, ich lese gerade bei mir im Blog, dass ich mich 2012 bereits über Spitzer aufgeregt habe. Wahrscheinlich hat er doch recht und ich bin digital dement.

 

 

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Die glückliche Region

Vergangenes Wochenende war ich am JAKO-O Familienkongress. Ich wurde dazu eingeladen, was mich sehr gefreut hat. Ich kannte JAKO-O selbst schon und wurde im Zusammenhang meines Artikels zum Thema geschlechtergetrennte Kinderkleidung in den Kommentaren von LeserInnen oft darauf hingewiesen, dass man das Thema mit JAKO-O ganz gut umschiffen kann.

Auf viele der ReferentInnen war ich sehr neugierig. Jan-Uwe Rogge kannte ich z.B. schon von der FEZ Elternakademie*, Manfred Spitzer aus den Medien und die Bücher von Herbert Renz-Polster liebe ich sehr.

Meine Eindrücke zu den Vorträgen verarbeite ich noch in einem anderen Artikel. Was neben den Inhalten nämlich wirklich großen Eindruck hinterlassen hat, ist die HABA-Firmenfamilie selbst.

(Wenn ich das jetzt schreibe, dann sind das meine persönlichen Eindrücke und die Zahlen, die ich mir gemerkt habe. Ich habe keine umfassende Recherche gemacht, sondern gebe lediglich das wieder, was mir aufgefallen ist.)

Die HABA-Firmengruppe beschäftigt über 2.500 MitarbeiterInnen. Das ist gemessen an der Größe des Standorts (Bad Rodach hat um die 6.000 EinwohnerInnen) ein ziemlich großer und wichtiger Arbeitgeber für die Region.

Der Firmeninhaber hat sich bewusst dafür entschieden an diesem Traditionsstandort zu bleiben. Kostentechnisch wäre es sicherlich günstiger näher an einem Logistikknotenpunkt zu sein. Allein zur Autobahn fahren die LKWs länger als eine Stunde. Das finde ich bemerkenswert, denn diese Haltung findet sich an vielen Punkten wieder. Die Firma bleibt in der Region, stellt dort her und hat auch sonst beeindruckende Konzepte in Sachen Nachhaltigkeit.

Ich habe eine Führung durch die Versand-Abteilung gemacht (JAKO-O hat wenig Filialen und lebt hauptsächlich vom Versand) und eine durch die Produktion (HABA stellt hauptsächlich Holzspielzeug her).

Was überall zu sehen ist, sind z.B. Zisternen zum Sammeln von Regenwasser, um dieses dann wieder als Brauchwasser (z.B. Toilettenspülungen) zu verwenden und so kein Trinkwasser zu verschwenden. In der Holzspielzeugproduktion fallen zwischen 50-60% Verschnitt an. Dieser Verschnitt wird jedoch zum Heizen der Firmengebäude und einiger Privathaushalte benutzt. Natürlich gibt es auch Photovoltaikanlagen, die Strom produzieren.

Auch in Sachen Familienfreundlichkeit war ich beeindruckt. Die Firmengruppe hat eigene Kinderbetreuungsmöglichkeiten (sogar eine Krippe und Ferienbetreuung, was in der Region dort noch eher selten ist) und ermöglicht problemlos Elternzeit. Wenn die MitarbeiterInnen (hauptsächlich Frauen in dem Fall) aus der Elternzeit zurück kommen, müssen sie acht Jahre keinen Schichtdienst mehr machen, damit sie zu vernünftigen Zeiten für ihre Familie da sein können. Samstagsarbeit ist die Ausnahme (z.B. vor dem Weihnachtsgeschäft), sonntags wird nicht gearbeitet.  Es gibt nur zwei Schichten. Die dritte Schicht – also die Nachtschicht – wurde abgeschafft. Eltern können nach der Elternzeit ohne Probleme an ihren Arbeitsplatz zurück kommen.

Der Herr, der uns durch den Versand führte, hat so begeistert erzählt, dass ich den Eindruck hatte, dass er wirklich die gelebte Firmenphilosophie repräsentiert (einer der Slogans auf der Website lautet: “Wir kommen mit Ehrlichkeit ans Ziel”) und nicht etwas runterbetet, das lediglich so sein sollte, in der Realität aber nicht so ist. Es gab einen sehr offenen Umgang mit Fehlern und ich dachte oft: OK, das ist also eines dieser “lernenden Unternehmen”. Es wurden alle Fragen beantwortet – auch wenn sie kritisch waren – sei es nun zum Thema Kinderarbeit oder zum Thema Frauen in Führungspositionen.

Was die Versandzeiten angeht (z.B. als Kontrast zu dem was man bei Amazon z.B. hört), verzichtet JAKO-O bewusst auf diese irrsinnig kurzen Lieferfristen. “Die Frage ist, ob Kunden das eigentlich wollen…” (persönlich sage ich: nein, da kann ich dankend verzichten) “…und am Ende gibt es jemanden, der das zahlt, wenn es nicht der Kunde ist, dann im Zweifelsfall die Mitarbeiter und das wollen wir hier nicht.” Sprich, JAKO-O liefert eben nicht über Nacht, aber dafür arbeiten die MitarbeiterInnen zu vernünftigen Bedingungen und werden auch deutlich über Mindestlohn bezahlt. LeiharbeiterInnen werden auch zum Abarbeiten saisonaler Peaks nicht eingesetzt. Im heutigen höher-schneller-weiter-Zeitalter finde ich das sehr beeindruckend.

Egal in welchem Kontext man den Firmennamen erwähnte (Hotel, Regionalbahn, …) ich habe den Menschen einfach anmerken können, dass sie wissen wie wichtig das Unternehmen für die Region ist und wie fair und gut alle anstehenden Probleme und Herausforderungen – eben auch im wirtschaftlichen Kontext – gelöst werden. Selbst die AnwohnerInnen von Bad Rodach (sie hätten von den über 500 umherlaufenden KongressteilnehmerInnen durchaus genervt sein können) waren freundlich und hilfsbereit, haben ungefragt Wege erklärt und sich über die Neugierde der BesucherInnen gefreut. Ich hatte deswegen am ersten Abend auf dem Weg ins Hotel wirklich den Gedanken “Das ist eine glückliche Region.”

Wie gesagt, ich fand das alles sehr, sehr beeindruckend. Selbst wenn für den Kongress ganz sicherlich alles auf Hochglanz poliert wurde – es ist schön zu sehen, dass wirtschaftlich orientierte Unternehmen auf Nachhaltigkeit, Familienfreundlichkeit,   eigentlich Menschenfreundlichkeit (!) und Umwelt achten und nicht nach ausschließlich Gewinnmaximierung streben – vielleicht kommt das gerade von der privaten Führung und den Ideen der Familie Habermaaß.

 

* Wer die nicht kennt, kann ich sehr empfehlen. Kinderbetreuung ist hier inklusive

Nachtrag als Anpassung auf eine Rückfrage: Die HABA-Firmengruppe umfasst HABA, JAKO-O, Wehrfritz und Qiéro.

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Im Laufrad

Seit einem Jahr habe ich immer wieder kinderfreie Zeit. In diesen Zeiten habe ich versucht zu entschleunigen. Zu Beginn hat das gut geklappt, aber ich merke, wie mir das wieder entgleitet. Das Nichtstun, das Liegenlassen. Wenn ich das wirklich schaffen will, muss es mir vornehmen und mich daran erinnern. Ansonsten laufe ich im Alltagsmodus und da heisst es immer alles sofort erledigen. Egal, ob man Lust (hahahahaha!) drauf hat, ob man müde ist, erschöpft oder krank. Egal. Zähne zusammenbeißen und jeden Punkt erledigen und komplett abarbeiten.

Wenn man das mit Kindern nämlich nicht tut, dann kommt es zu Ketteneffekten, die man so leicht nicht mehr aufholt. So jedenfalls meine Erfahrung. Unter Garantie ist immer ein Kind spontan krank, will überraschend irgendwo abgeholt werden oder die Welt geht unter, wenn man nicht JETZT sofort irgendwas bastelt, was der Schule am Vortag eingefallen ist.

Mein Tag beginnt um 6 und endet quasi um 22 Uhr. Aber nur, wenn ich nicht zwischendrin anhalte. Frühstück machen, Schulbrote schmieren, sich selbst fertig machen, den Kindern beim Anziehen und Zähne putzen helfen, in die Schule bringen, in den Kindergarten bringen, weiter in die Arbeit, arbeiten, von der Arbeit in den Kindergarten, einkaufen (oft), nach Hause, Schulsachen erledigen, Hausarbeit, Abendbrot, Kleinkram erledigen, Kinder bettfertig machen, vorlesen, singen, Küche aufräumen. Dazwischen fallen Vorsorgetermine, Amtstermine, Kinderverabredungen, Kindersport, Sondereinkäufe (Schuhe, ständig wachsen die Kinder aus den Schuhen raus!), Steuererklärung etc. etc. an.

Alles auf die Minute getaktet. Wenn dem Kind auf halben Weg zur Schule einfällt, dass es sein Hausaufgabenheft am Schreibtisch vergessen hat, gerät der ganze Plan durcheinander. Zu spät in der Schule, die Türen geschlossen, die Tram verpasst, die Bringzeit ist vorbei… zu spät in der Arbeit, Minusstunden…

Egal wie gut man plant, egal wie viel Zeitpuffer, irgendwie passiert immer irgendwas, das das ganze Gebilde zum Einsturz bringt. Schneller! Das muss doch effizienter gehen? Hetzen! Kinder anflehen. Schneller. Schneller! Im Kopf schon immer beim nächsten Punkt auf der Agenda. Ich muss doch noch! Hab ich eigentlich schon? Wäre es nicht an der Zeit endlich mal wieder?

Das hatte ich so satt. Denn das Resultat ist immer das selbe. Am Ende des Tages hab ich nicht alles geschafft, ich bin völlig erschöpft und schlimmstenfalls hab ich eine Kacklaune.

Also hab ich damit aufgehört. Ich zwinge mich mit dem Kopf bei einer Sache zu bleiben. und nicht schon geistig in den nächsten Punkt der ToDo-Liste abzugleiten. Den Weg zum Kindergarten muss ich ohnehin gehen. Ob ich ihn in 8 oder 12 Minuten gehe, ist egal. Ich kann ihn hetzen, mein Kind an meiner Hand mit mir zerren und abgenervt sein, wenn es bei einer Baustelle stehen bleibt. Ich kann das aber auch lassen. Ich kann mein Kind an die Hand nehmen, ihm zuhören, mich beim Baggeranschauen entspannen und mich über das milde Herbstwetter freuen. Ich renne keiner verpassten Tram mehr hinterher. Wenn ich müde bin, gibts Pommes oder Tiefkühlpizza. Wenn die Sonne scheint, gibts Eis. Auch im Winter. Ich kaufe Fertiglaternen. Der Weihnachtsbaum ist künstlich. Wir schauen Shaun das Schaf und Sendung mit der Maus, wenn wir alle platt sind. Das Kinderzimmer wird nicht jeden Tag aufgeräumt. Die Klamotten haben manchmal Flecken und an und ab finden sie ihren Weg vom Wäscheständer gar nicht mehr in den Schrank sondern direkt an den Körper. Wenn wir was zum Kindergartenbuffet beisteuern müssen, besorge ich einen Kuchen, den man einfach nur auftaut.

Seitdem ich das so entschieden habe, geht es mir und damit auch den Kindern besser. Ich muss nicht mehr auf Wochenenden oder Urlaub warten, um schöne Sachen zu erleben oder um auf Entspannung zu hoffen. Die schönen Momente warten einfach im Alltag auf mich. In den Gesichtern meiner Kinder, die mir mit leuchtenden Augen was aus ihrem Alltag erzählen, in ihren Händen, die sie mir beim Vorlesen auf den Arm legen oder in ihrem Lachen, wenn ich sie beim Schaukeln so hoch anschubse, wie ich kann.

Ich muss mich nur immer wieder ermahnen nicht in dieses Hamsterrad Alltag zu fallen. Natürlich kann man nicht immer tiefenentspannt sein und manchmal muss man eben doch einem Bus hinterher rennen – aber wenigstens habe ich gelernt zu differenzieren und eben nicht jedem verpassten Bus fluchend nach zu hetzen.

 

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MAMAAAA?!?

Unsere Wohnung hat vier Zimmer – was zugegebenermaßen reichlich ist, aber dennoch recht überschaubar. In meiner Vorstellung jedenfalls. Um einmal in jedes Zimmer zu schauen, benötigt man ungefähr zehn Sekunden.
Was ich in innerhalb unserer Wohnung tue, ist ebenfalls sehr vorhersehbar, da regelhaft. Ich möchte fast behaupten, dass es sehr wahrscheinlich ist, mich zu bestimmten Uhrzeiten in bestimmten Zimmern zur Verrichtung bestimmter Tätigkeiten anzutreffen.
Die Kinder rennen den ganzen Tag in der Wohnung umher. Die einzige Regel, die ich bislang ableiten konnte lautet: Da wo Mama ist, spiele ich. Also z.B. in der engen Küche, vorzugsweise direkt hinter meinen Füßen oder aber an engen Durchgängen. Im Flur oder auch gerne mal in einem Türrahmen. Sie haben ein wahnwitziges Feingefühl für die toten Winkel meines Körpers und wenn sie nicht so laut wären, sie hätten mich durch ihr plötzliches Auftreten schon einige Male zu Tode erschreckt.
Was das Verschwinden angeht, muss ich eine ähnliche Fähigkeit haben, die ich aber nicht steuern kann. Die Kinder sind gelegentlich so in ihr Spiel vertieft, dass sie mich vergessen und mir nicht folgen, wenn ich den Ort wechsle. In einem Zyklus, deren Intervalle ich bislang noch nicht näher untersuchen konnte, fällt ihnen dann plötzlich ein, dass ich nicht mehr da bin. Statt sich durch die Wohnung an die wahrscheinlichen Plätze meines Aufenthalts zu begeben, bleiben sie wie Salzsäulen stehen und brüllen plötzlich: Mama? MAMA? MAAAAAMAAAA??!! MAAAAAMMMAAAA!
Zwischen dem ersten Mama und dem zweiten Mama liegen in der Regel keine zehn Millisekunden. Es ist mir meistens unmöglich zwischen dem einen und dem nächsten verzweifelten Mama-Ruf “Hier bin ich!” zu rufen. Weswegen die Mamarufe immer lauter werden und schon nach fünf Wiederholungen kurz vor einem Panikausbruch stehen.
Dieses Verhalten treibt mich in den Wahnsinn. Ich habe schon viel versucht. Ignorieren z.B., weil ich hoffte, die Kinder beruhigen sich von selbst, weil ihnen klar wird, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass ich sie von einer Sekunde auf die andere verlasse.
Oft habe ich auch schon versucht, zu ihnen zu gehen und sie zu bitten für die Zukunft zwischen dem einen und dem anderen Mamaruf langsam bis zehn zu zählen, so dass ich überhaupt reagieren kann.
Nach dem zweiten Mamaruf laut “Ich bin im <beliebiges Zimmer>” brüllen, in der Hoffnung, dass sie mich hören und dann zu mir kommen.
Alles ohne Erfolg.
Die Kinder schreien einfach so lange, bis ich alles stehen und liegen lasse und zu ihnen eile. Wenn sie mich sehen, hören sie auf. Wenn ich frage, was denn los ist, spielen sie weiter als sei nicht gewesen.
Es ist rätselhaft.

Fiel mir so ein, als ich diesen Tweet las heute:

Ti Na
@w3rd3nunds3in
Würde die Höhe meiner Rente dadurch bestimmt, wie oft ich “Ich bin auf dem Klo!” durch die Wohnung brülle, ich wäre so sorgenfrei …
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Bochum, ich komme (vorerst) nicht

Ich hatte mich schon auf Bochum und Köln gefreut. Wegen des Streiks der Lokführer muss die geplante Lesung “Eine Runde ums Blog” mit Isabel Bogdan, Maximilian Buddenbohm, Johannes Korten und mir  leider auf den 6.2.2015 verschoben werden.

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Twitterliebe 10/14

CarFreiTag
@CarFreiTag
Ich glaub die Katze ist jetzt fertig geladen… pic.twitter.com/ysI6vZlDT1
Stephan Noller
@holadiho
Man muss einmal ‘sie surfen jetzt mit reduzierter Geschwindigkeit’ erlebt haben, um bei Netztneutralität mitreden zu dürfen.
bov bjerg
@bov
“Kultivierte Singles”. Boah, das ist ja eklig. In der Petrischale oder wo?
Pi
@pi_post
“Ich liebe Dich”

“Fass!”

Ich verstehe das nicht. Ich esse und esse und bin immer noch müde.
Henning Rucks
@henningrucks
Während des Pyramidenbaus nicht mit dem Pharao sprechen.
Enno Lenze
@ennolenze
Jobinterview: “So, what make you an IT security expert?” – “I invited myself to this interview from your email account.”
Maori
@MaoriHH
Früher hat man sich mit der Peitsche den Rücken blutig gehauen, heute scrollt man auf einer Nachrichtenseite bis zu den Kommentaren.
Zach Galifinakas
@ZachGalifinak
I would lose weight, but I hate losing.
Count Pinky
@HiddenPinky
Your password must contain at least two female characters who talk to each other about something other than a man.
Jörg Braun
@bjoerngrau
ich will ein tumblr von dir! (sagen die jungen leute sowas heute noch?)
Caspar C. Mierau
@leitmedium
Dialog mit gestern Abend:
sie: „Warum wurdest Du da eingeladen?“
ich: „Als »Influencer«“
sie: „Als INFLUENZA?!“

Sonst gehts gut

Alex
@Cynx
Jedem Morgen wohnt ein Saubär inne…
Gib Dich nicht auf. Lern resignieren.
Marlene K. aus R.
@et_halve_hahn
Dieses Knisterbad klingt ja, als würde das Kind in einer Friteuse sitzen.
Und ich habe nun Hunger auf Pommes.
Rob Kwasowski
@liquidmetalrob
I’ve been making a lot of video game characters in Lego lately and I had to give some love to Prince of Persia :) pic.twitter.com/rVUzMq6FA0
Nicole Diekmann
@nicolediekmann
Ladegerät verschlampt. Kann jetzt keine Zeitung lesen. (Die erwachsene, digitale Version von “Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen.”)
Frohmann Verlag
@FrauFrohmann
Ich möchte einen Ozean voller grüner Smoothies kotzen.
Marin Majica
@MarinMajica
Suchmaschinen, humanoid. Archivists, France, 1937. pic.twitter.com/5QlIM1miDW
Nils Markwardt
@FJ_Murau
“Cranberries taste like cherries who hate you.” (John Oliver)
Ute Weber
@UteWeber
Heute hätte ich gerne den Eimer von Odo aus Star Trek DS9, um mich in Ruhe zu regenerieren.
Naum Burger
@Naum_Burger
Ich bin so arm, ich trinke meinen Tomatensaft ohne Flugzeug.
Hans Olo
@Lobotobi
Ich will nicht sagen, dass ich einsam bin, aber die Zeugen Jehovas kratzen seit Stunden an der Tür und wollen raus.
Peter Breuer
@peterbreuer
Seit vier Jahren drücke ich jeden Tag mehrmals auf den toten Lichtschalter, der zu keiner Lampe gehört. Das ist dieses lebenslange Lernen.

Denkt mal drüber nach:

Die Wissensbox
@Wissensbox
Eine #Frau kommt schneller zum #Orgasmus, wenn sie beim #Sex ihre #Socken trägt.
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Der wahrhaftig existierende Hipster

Es ist 6.15 Uhr an einem Montag Morgen. Ich warte auf die U-Bahn. Ich fühle mich müde und erschöpft. Am Vortag bin ich mit einem Buch früh ins Bett gegangen und schon nach 50 Seiten werden mir die Augen so schwer, dass ich das Licht ausmache und um 21.00 Uhr tief und fest schlafe. Als Ausgleich wache ich um kurz vor 4.00 Uhr auf. Es gelingt mir nicht mehr einzuschlafen. Zwei Stunden später bin ich müde. Zu müde für alles. Ich ziehe mich lustlos an, trinke einen Kaffee, suche meine Kopfhörer und stehe schließlich musikhörend am Bahngleis und betrachte die anderen Wartenden.

Mein Blick fällt auf einen außergewöhnlich großen Mann mit Bart. Sein Bart ist dunkel und voll. Ein bißchen zu lang für meinen Geschmack aber sehr prachtvoll. Tatsächlich ist “prachtvoll” das Wort, das mir zu seinem Bart einfällt. Den Falten in seinem Gesicht nach zu urteilen ist er über vierzig. Er hat ganz wunderhübsche Falten. Fast so wie Brad Pitt, dessen Tränensäcke ich echt sexy finde. Er trägt einen Undercut. Dieses Wort kenne ich nur, weil ich es irgendwo im Internet gelesen habe. In seinen Ohren weiße Ohrstöpsel. Er hört regungslos Musik. Seine dunkelgraue Jeans ist nach oben gekrempelt. Sie hängt tief, der Schnitt ist gerade, gehalten wird  sie von einem schwarzen Ledergürtel. Man sieht seine Unterhosen – besser gesagt: Boxershorts. Am Gummiband steht tatsächlich Calvin Klein. Ich überlege, ob ich das albern finde. Seine Füße stecken in Sneakern. Er trägt keine Socken. Als ich später den Begriff Hipster google steht da “Shoes without socks: to say – I’m aware of convention but I reject it.”

Die U-Bahn fährt ein. Da die S-Bahn heute nicht fährt, ist sie sehr voll. Wir quetschen uns zu den anderen. Der Typ hält sich an einer der oberen Stangen fest. Ich komme da nur ran, wenn ich meine Arme gerade ausstrecke. Er ist so groß, dass er seinen Arm beim Festhalten anwinkeln muss. Er trägt eine schwarze Steppjacke. Ich betrachte die Rauten und denke daran, dass ich diese Art Stoff das letzte Mal bei meiner Mutter auf dem Bett liegen sah. Unter seiner Jacke sehe ich ein weißes T-Shirt mit Aufdruck, den ich nicht vollständig entziffern kann, weil er seitlich steht. Es ist kurz. Weil er seinen Arm nach oben streckt, sieht man ein winziges Stück seines flachen Bauchs.

“Ob dem nicht kalt ist?”, ist mein erster Gedanke und ich muss lachen. Ich bin so eine Mutti geworden.

Der Typ sieht genau genommen aus wie aus einem Hipster-Magazin ausgeschnitten. Ich finde faszinierend wie jedes Detail stimmt. An seiner Seite sieht man ein großflächiges Tattoo.  Seine Ohren haben Tunnel. Ich bin zu alt, um Tunnel schön zu finden. Ich hab nur einmal Tunnel gesehen, bei denen ich dachte: das macht Sinn. Die hatten ungefähr 5 cm Durchmesser und in dem Ring war eine Batman-Fledermaus zu sehen. Ich hab mir vorgestellt, wie man in der Dunkelheit hinter der Trägerin steht und ihre Batman-Tunnel mit einer Taschenlampe anstrahlt, so dass der Schatten auf die gegenüberliegende Hauswand fällt.

Der bärtige Mann hat keine Fledermäuse in den Tunneln. Sie sind nicht übertrieben weit gedehnt und es sieht zu seinem Look sehr stimmig aus. Ich grüble, ob es erst diese Menschen gibt und die Zeitungen dann über sie schreiben oder ob die Zeitungen solche Menschen erfinden und bestimmte Menschen das so toll finden, dass sie los ziehen, sich die entsprechenden Accessoires besorgen und dann mit einer Abbildung zum Frisör gehen, um sich entsprechend stylen zu lassen.

Der Mann, der so aussieht wie eine Fotografie, sieht in all seiner Inszeniertheit wirklich unfassbar toll aus. Unbewusst prüfe ich meine Spiegelung im U-Bahnfenster. Der Pony sitzt schief und auch sonst sehe ich echt nicht so toll aus. Während ich mein Spiegelbild betrachte, sehe ich eine Frau hinter mir, die scheinbar das selbe tut. Ich drehe mich um und mir fällt auf, dass sie ungewöhnlich gerade steht und ebenfalls diesen Mann anschaut. So wie die Frau daneben und die daneben und die daneben. Ein seltsamer Anblick. Normalerweise starren alle ohne Fokus vor sich hin, lassen die Schultern hängen oder tippen in ihre Telefone. Ich stehe aber in einem U-Bahn-Abteil mit Damen, die ihren Rücken gerade durchgestreckt und ihre Bäuche eingezogen haben. Eine zieht ihren Lippenstift nach. Um 6.18 Uhr. So lange kann es nicht her sein, dass sie den Lippenstift drauf gemacht hat.

Der Typ indes schaut weiter in sein Telefon und blättert seine iTunes Bibliothek durch. Er scheint nichts von dieser Szene mitzubekommen.

Wir kommen an der Endhaltestelle an. Die Türen öffnen sich, der Mann zieht den Kopf ein und tritt auf den Bahnsteig. Dann verschwindet er mit dem Menschenstrom. In der U-Bahn höre ich ein Ausatmen. Vielleicht war es auch ein kollektives Seufzen.

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Herzleiden

In Vorstellungsrunden sage ich gerne, dass mein Blog mein Verdauungsorgan ist. Das finden alle ekelig und der Raum raunt gerne leise üüüüääähhh – aber ich finde diese Analogie sehr treffend. Leider ist sie nicht von mir, sondern von Felix Schwenzel, das sage ich dann auch ab und zu dazu – aber jetzt ist es googelbar. “Mein Blog ist mein Verdauungsorgan” ist ein Zitat von Felix Schwenzel und es ist wahr.

An dieser Stelle möchte ich meinen Krankenhausaufenthalt im Sommer verdauen.

Erzähle ich die Geschichte von Anfang an und beginne mit: “Alles fing mit Rückenschmerzen an.” verursache ich bei meinem Gegenüber immer ein besonders gutes Gefühl. Rückenschmerzen habe ich sehr oft. Seit ich Kinder habe eigentlich andauernd und wenn ich mich belastet fühle, dann merke ich das an meinen Rücken am besten. Ich war also im Urlaub, alleine mit den Kindern im tiefsten Bayern an einem See und hatte unglaubliche Rückenschmerzen, die mich nachts wach hielten und mir tagsüber wirklich schlechte Laune machten. Ich war stinksauer. Ich hatte Urlaub! Ich wollte mich wohl fühlen und entspannen. Abends hatte ich ein bisschen Fieber und ganz ehrlich, normalerweise wäre ich nicht zum Arzt gegangen, aber weil ich meinen Urlaub genießen wollte, hoffte ich, der Arzt könne mir irgendein Knallermedikament verschreiben, das ich nehme – eine Chemiekeule die innerhalb von 24 Stunden wirkt.

Ich ging also zu einem Arzt, der zufällig Internist war, schilderte meine Beschwerden und der kräuselte die Stirn. Ein EKG und ein Bluttest später wollte der Arzt gerne, dass ich sofort ins Krankenhaus gehe.

Meine Kinder konnte ich bei einem lieben Freund abgeben und dann fuhr ich ins Krankenhaus. Zehn Minuten nach der ersten Untersuchung wurde ich an alle möglichen Geräte angeschlossen und durfte mich nicht mehr eigenständig bewegen. Mein Herz schlug im Ruhezustand 130 Mal pro Minute. 70 bis 80 Schläge sind normal, ich war also tachykard. Die Blutwerte legten nahe, dass ich einen Herzinfarkt gehabt haben könnte. Ich war völlig schockiert. Ich bin 39 und gehöre in keine der bekannten Risikogruppen. Ich habe keine Vorbelastungen, kein Übergewicht, kein Cholesterin, ich rauche nicht, ich nehme nicht die Pille. Temperamentmäßig gleiche ich eher einer geschlossenen Eisdecke als einem Vulkan.

Es folgte eine Herzkatheteruntersuchung. Ich war sehr beunruhigt. Man muss da so ein Zettelchen unterschreiben was alles passieren könnte und ich sage mal so: Man will nicht dass etwas passiert. Die Ärzte beruhigten mich: “Alles sehr unwahrscheinlich, nichts davon wird bei ihnen eintreffen.” Ich glaube ab da habe ich durchgeweint. Der Satz “alles sehr unwahrscheinlich” hatte für mich keine Bedeutung mehr seit eine liebe Freundin eine Woche zuvor von einem LKW überrollt worden war.

Man bot mir freundlicherweise Scheissegaltropfen für die Untersuchung an und ich kann sie sehr empfehlen. Für den Herzkatheter sucht der Arzt sich am rechten Arm eine Stelle am Handgelenk und schiebt dann den Schlauch bis zum Herzen um sich dann mit Hilfe von Kontrastmittel die Koronararterien anzuschauen. Der Kardiologe sagte: “Das Suchen und Schneiden ist ein wenig unangenehm, aber das wird ihnen egal sein.” Er hatte recht. Es war mir völlig egal. Im Vergleich zu einer Magenspiegelung ist eine Herzkatheteruntersuchung ein Wellnesstreatment. Ich kanns sehr empfehlen.

Die Untersuchung zeigte, dass ich keinen Herzinfarkt gehabt hatte, sondern lediglich eine Herzmuskelentzündung. Auch nichts was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Um mir zu verdeutlichen wie ernst es ist, teilte man mir meinen Troponinwert mit. Troponin ist ein Protein, welches (laienhaft gesagt) das Herz bei einer Muskelschädigung ins Blut freisetzt. Wenn ich mich recht erinnere, sollte der bei höchstens 14 (unter 20 auf jeden Fall) liegen. Mein Wert war bei 1800. Das fand ich, ohne den blassesten Schimmer von irgendwas zu haben, beeindruckend.

Ich kam auf die Überwachungsstation und musste da beinahe zehn Tage bleiben, bis die Werte wieder im grünen Bereich waren. Die Infektion ist viral. Deswegen kann man medikamentös nichts tun. Man wartet einfach ab und beobachtet.

Ohne Ablenkung, an piepsende Geräte angeschlossen, hatte ich viel Zeit über den Tod und das Leben nachzudenken. Aufmunternde Bemerkungen der pragmatisch veranlagten Ärzte: “Keine Sorge! Schlimmstenfalls hilft immer noch eine Herztransplantation!”, gaben mir weiteren Anlass nachdenklich zu sein.

Unvergessen bleibt eine Visite. Die Ärzteschar, alles Männer in ungefähr meinem Alter, stellten sich wie die Sternsinger vor mir auf und zählten auf, was ich die nächsten Wochen und Monate nicht mehr tun dürfte. “Sport auf keinen Fall!”, “Keine Treppen steigen!”, “Einkaufen besser nicht!”, “Meiden sie Hausarbeiten!”. Dann gab es eine Pause und die Ärzte schauten sich gegenseitig an. Einer sagte: “Normalweise müssen wir das nicht thematisieren, weil die Standardpatientin eher um die 80 ist…” Räuspern “Aber… in ihrem Fall…” Ich wartete gespannt. Der Assistenzarzt wurde ein Stück nach vorne geschubst. In übertrieben beiläufigem Tonfall sagte er: “In ihrem Fall: Sie dürfen sechs Wochen keinen Sex haben.” Schweigen. Der zweite Arzt dann: “Und danach nur normalen.” Alle stehen unschlüssig rum und ich frage mich, ob ich nochmal nachfrage, was genau normaler Sex ist und was dann gegebenenfalls unnormaler Sex wäre, den ich ja nicht haben dürfte.

“Immerhin ist das Wetter schön…” überbrückt einer der Ärzte die Gesprächspause. “Mit etwas Glück werden sie noch rechtzeitig entlassen, so dass sie auch etwas davon haben.”

Seitdem denke ich über normalen Sex nach und wie ich die Ansage hätte auslegen sollen. Vielleicht war das ja gar kein Verbot Sex zu haben sondern eine Option für einen schönen Tod? Ich habe wirklich viel über den Tod nachgedacht. Eher gesagt, über die Art zu sterben. Das tut man automatisch, wenn Freunde sterben, man selber fast stirbt und man das Zimmer mit Menschen teilt, die Herzinfarkte oder Aneurysmen haben. Das Alter und all seine Gebrechen, das ist keine verlockende Perspektive. Leider sind die sechs Wochen vorbei und damit die Chance auf einen schönen Tod erstmal verstrichen. Man soll halt immer zuhören und nachdenken, wenn Ärzte was sagen. Ansonsten YOLO.

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