Jeder ihren Dilettanten-Feminismus

Feminismus
Viele, vielleicht auch kleine, Feminismen | Fotoquelle: geralt @Pixabay

Neulich habe ich eine Überraschungsparty für jemanden organisiert, sprich Kontakt zu Menschen ausserhalb meiner eigenen Lebensrealität aufgenommen und sie zu 20 Uhr an einen bestimmten Ort geladen.

Meine Lebensrealität, das sind zum größten Teil Eltern mittelgroßer, schon relativ selbständiger Kinder, die sich durchaus schon selbst ins Bett bringen und auch mal ein zwei Stunden alleine bleiben.
Einer der geladenen Gäste fand die Uhrzeit total unpassend. 20 Uhr! Genau da bringt man doch die Kinder ins Bett. Selbst wenn es einen Partner oder eine Partnerin gibt, der das übernehmen kann, ist die Uhrzeit irgendwie doof.
Da habe ich mich ertappt gefühlt.
Aus dem Kleinkindelternleben bin ich entwachsen. Es ist wirklich nicht lange her, da war das meine Realität – umso seltsamer, dass ich einfach so vergessen habe, wie genervt ich immer war, wenn just um 20 Uhr beispielsweise das Telefon klingelte.
Wenn mir jetzt Freundinnen erzählen, dass sie mit ihren Kindern um 5 Uhr morgens aufstehen, weil die nicht mehr zum Schlafen zu bewegen sind, denke ich im ersten Impuls immer (shame on me!): „War das bei uns auch so? Das muss doch anders gehen? Man muss doch einem Kind klar machen können, dass 5 Uhr eine wirklich ätzende Uhrzeit ist.“

Glücklicherweise habe ich 13 Jahre gebloggt und mir ein schönes Archiv meiner Vergangenheit angelegt und ja, auch ich bin zu unmöglichen Uhrzeiten mit den Kindern aufgestanden, auch ich hatte feste Zeiten, in denen ich die Kinder ins Bett gebracht habe (und es war mir wirklich wichtig, dass das jeden Tag bis 20 Uhr spätestens durch ist)… und trotzdem habe ich alles vergessen.

Umgekehrt als ich noch keine Kinder hatte… ach, ich will vielleicht doch gar nicht davon berichten, was ich alles dachte, was doch erziehungstechnisch möglich sei…

Jedenfalls, was ich sagen möchte: Es gibt im selben Leben unterschiedliche Abschnitte, in denen unterschiedliche Dinge wichtig sind. Und dann gibt es noch unterschiedliche Leben, in denen sowieso alles anders ist als in einem anderen, das zur selben Zeit stattfindet.

Filterblasen sagt man in der Zwischenzeit zu sowas.

Wie bekomme ich jetzt den Bogen zum eigentlichen Thema?

Ich bezeichne mich heute mit fast 42 ohne mit der Wimper zu zucken als Feministin. Mit 20 hätte ich mir den Vogel gezeigt.

Wie bin ich da eigentlich gelandet?

Ich habe kein einziges Standardwerk des Feminismus gelesen. Nicht Simone de Beauvoir, nicht Judith Butler, nicht Raewyn Connell.

Ich hatte es immer gut. Keine Probleme in der Schule, nicht im Studium, nicht mit dem Arbeitgeber. Ich hatte fast kostenlose Kinderbetreuung ab 12 Monaten, konnte problemlos Elternzeit nehmen und in den selben Job zurückkehren und dass obwohl ich in einem männerdominierten Feld gearbeitet habe und noch arbeite.

Dennoch bin ich Feministin geworden. Einfach weil ich Mutter geworden bin. Plötzlich sah die Welt anders aus (v.a. im privaten Umfeld) und plötzlich war ich umgeben von Freundinnen, die nach der Elternzeit am 1. Arbeitstag aus angeblich betrieblichen Gründen gekündigt wurden.

Zudem waren es die kleinen Erlebnisse, die mich aufgeweckt haben. Der Sohn, der kein Junge/Mann sein kann, weil er Glitzer liebt? Den es also entwertet, weil er etwas mag, was eher dem Weiblichen zugeordnet wird. Die Tochter, die im Alter von 5 Jahren vom Fußballverein abgelehnt wird, weil der Verein keine weiblichen Trainerinnen hat und sie deswegen keine Mädchen aufnehmen (was totaler Unsinn ist und mit nichts etwas zu tun hat, denn selbst der DFB sagt „Bis zu den B-Junioren ist es laut DFB-Statuten gestattet, dass Mädchen und Jungen zusammen spielen“ da sind die Kinder 15 Jahre alt…) und der andere beim Fußballspielen zurufen: „Vorsicht! Du machst dich schmutzig!“ statt „JOOOAAAAHHHH. GEEEIL! Tooooooorrrrr!!!“.

Also lese ich interessiert Tagespresse, höre feministische Podcasts, zähle Frauen auf Podien, suche nach sprechenden weiblichen Hauptrollen in Filmen, lese Kommentare unter YouTube Videos von Computerspielerinnen, frage meine männlichen Kollegen, die das selbe arbeiten wie ich, was sie verdienen und wundere mich.

Dann lese ich Bücher wie „Untenrum frei“ (was ich wirklich sehr empfehlen kann) und folge interessanten Frauen auf Twitter.

So fühle mich mich abwechselnd erhellt, schockiert, bereichert, ändere meine Meinung, ändere meine Wahrnehmung, wundere mich wieder.

Ich versuche mir bestimmte Mechanismen oder Klischees, denen ich vielleicht auch selbst unterliege, zu vergegenwärtigen.
In unserem Podcast derWeisheit arbeiten wir z.B. hart an ausgeglichenen Redeanteilen. Wir haben sogar sekundengenau mitgestoppt. Wir reden nach jeder Folge darüber wie wir uns gefühlt haben, ob die Themen ausgegleichen waren, warum der ein oder andere wenig gesagt hat und finden dann Kleinigkeiten, wie z.B. dass meine Leitung etwas länger ist als die meines männlichen Mitpodcasters, der in Gesprächspausen schnell das Wort ergreift, was dazu führt, dass ich nichts sage. Also vereinbaren wir, dass wir Gesprächspausen aushalten lernen. Statt zwei Sekunden eben fünf  Sekunden warten und schon dreht sich der Redeanteil.
Es ist ein Miteinander, wir arbeiten dran und wir unterstellen uns nicht gegenseitig Böses, sondern dass wir bestimmte Dinge anders leben oder wahrnehmen.

Zu wenig Frauen auf Bühnen und als Interviewpartnerinnen? Ich habe mir irgendwann einfach vorgenommen mein Impostor Syndrom zu übergehen: Egal zu was ich anfragt werde – ich sage einfach ja – denn auch wenn ich selbst eigentlich von allen Themen denke: Da gibt es ganz bestimmt jemanden, der/die sich besser auskennt (und das ist zweifelsohne IMMER der Fall), wird der/die Anfragende einen Grund haben MICH zu fragen. Also sage ich ja.

Das wiederum führt dazu, dass ich mir mehr zutraue, denn nach ein paar Podcasts, Interviews, Artikeln oder Vorträgen merke ich vielleicht: Hey, so schlecht bin ich gar nicht.

Aber jetzt schweife ich ab. Was ich sagen will: Ich beobachte immer wieder, dass gefordert wird, dass man sich zum Thema Feminismus nur äußert, wenn man Fundiertes zu sagen hat und/oder sich auskennt. Dann wird vielleicht noch ins Feld gebracht, dass der oder diejenige grundsätzlich dem falschen Feminismus folgt, falsche Dinge im Fokus hat, nicht ausreichend vernetzt ist oder das who is who der deutschen, amerikanischen, weltweiten Feministinnen-Szene kennt oder dies und jenes nicht gelesen hat.

Das schreckt mich ab. Warum soll nicht jede/r seinen eigenen, kleinen Feminismus haben und beleuchten können? Muss man wirklich zwanzig Bücher gelesen (und verstanden) haben, bevor man was zu Feminismus sagen darf?

Ist es bei Feminismus nicht gerade anders, weil jede/r seine eigenen Erfahrungen mit dem Frausein (und auch Mannsein!) macht? Weil man auch im kleinen was bewegen kann? Schon in einer Paarbeziehung Verbesserungen erzielen kann, die Erleichterung bringen?

Den einen holt der fremdwortgespickte Feminismus ab, der alles historisch korrekt einordnen kann. Den anderen die Instagrammerin, die nichts anderes macht als ihre Achselhaare zu fotografieren.

So what?

Heute, an meinem Yoga-Tag, fühle ich mich sogar so gechillt, da lasse sogar Papi Gabriel als Feministin durchgehen.

Es fällt mir ja schwer das dauerhaft zuzugeben, aber anscheinend läuft er ja wirklich (zwar SEHR anders) in die selbe Richtung (oder besser: ebnet er den Weg für andere), damit wir gemeinsam unsere Ziele der Gleichberechtigung erreichen.

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Olympiastadion Berlin
Blick auf das Marathontor

2006 war ich das letzte Mal im Olympiastadion, denn da war Herrenfußball-WM in Deutschland und ich habe mir das Topspiel Ukraine gegen Tunesien angesehen.

Da sich ja doch recht viele Menschen für Herrenfußball erwärmen können, war es damals recht voll. 100.000 Menschen passen immerhin ins Olympiastadion.

Gestern bin ich freundlicherweise zum Saisonstart eingeladen worden, das Stadion nach über 10 Jahren mal wieder zu besuchen (auf dem Bild sieht es so aus, als hätte man das Stadion für mich ganz allein geöffnet – es durften tatsächlich aber noch andere Menschen hinein…).

Ostereier konnte man suchen oder eine der Touren* durch das Stadion machen. Leider war das Wetter etwas spröde, so dass das Stadion recht leer war.

Das wiederum hat mich sehr fasziniert, denn 2006 – komplett gefüllt – wirkte das Stadion riesengroß auf mich – fast wie eine eigenständige Stadt. Es war damals gar nicht so lange her, dass ich aus Bamberg nach Berlin gezogen bin. Bamberg inklusive Umland hat ca. 70.000 EinwohnerInnen – insofern würden die BewohnerInnen Bambergs ohne Probleme in das Stadion passen.

Noch faszinierender fand ich damals, dass man eigentlich fast nicht anstehen musste. Weder für die sanitären Einrichtungen, noch beim Getränkestrand. Während der Halbzeit mussten naturgemäß gefühlte 30.000 Menschen gleichzeitig Pipi (ich natürlich auch) – aber ich habe es geschafft in der Pause zwischen erster und zweiter Halbzeit meine Blase zu entleeren UND ein Getränk zu kaufen. Alles war 1A organisiert und picobello sauber.

Insofern war das Durchschreiten des fast leeren Stadions tatsächlich eine interessante Kontrasterfahrung.

Hier noch einige Eindrücke des Tages:

Olympiastadion Berlin

 

Olympiastadion Berlin
Olympiastadion Berlin – transluzente Membran

Olympiastadion Berlin

Olympiastadion Berlin
Olympisches Feuer ohne Feuer
Olympiastadion Berlin
Osttor mit 35 m hohen Bayernturm im Süden und Preußenturm im Norden inkl. olympische Ringe

Wie dem auch sei – für Sportinteressierte (schließlich finden nicht nur Fußballspiele sondern auch Turnfest, ISTAF und Leichtathletik EM 2018 dort statt), ist ein Besuch auch ausserhalb der Events sicherlich zu empfehlen.

Kind 3.0 war mal zur Kitajade im Stadion und hat monatelang von diesem Event berichtet.

Apropos Kinder: ich habe gestern etwas sehr seltenes beobachtet – die anderen Besucherinnen und Besucher des Saisonstarts waren meist Familien mit Teenagerkindern, die, entgegen weitläufiger Vorurteile nicht uninteressiert mit langen Gesichtern hinter ihren Eltern hertrotteten, sondern sehr aufmerksam die Umgebung scannten und entspannte Gesichter machten.

Verwirrend, diese Jugendlichen heutzutage.

Olympiastadion Berlin

Olympiastadion Berlin


P.S. Wen es interessiert: die Laufbahn ist blau weil naaa? Naaa? Wer kommt drauf? Hertha BSC das so wollte und bei der Stadionrenovierung 2004 bis 2006 auch gezahlt hat. Der Denkmalschutz war von dieser Idee nicht so angetan. Die Befürchtung einiger Umweltschützer, dass zukünftig Wasservögel auf der Bahn versuchen könnten zu laden und sich dann verletzen, konnte nicht bestätigt werden.

P.P.S. Wer mal von einem 10 Meter Turm springen möchte, dem sei das dazugehörige Schwimmbad empfohlen, das seit letztem Jahr als Teil der Berliner Bäderbetriebe wieder öffentlich zugänglich ist.

Olympiastadion Berlin
50 m Becken und 10 m Sprungturm inkl. Tribüne, die für mehr als 7.000 Menschen Platz bietet

*Gestern nicht angeboten, aber ganz sicher sehr interessant [zufällig arbeite ich in diesem Bereich] die Technik-Tour, die Einblicke ins Gebäudemanagement in all seinen Facetten gibt und wer könnte schon wiederstehen, wenn es um Worte wie „transluzente Membran“, „Medienabwurfschacht“ oder „Entmüdungsbecken“ geht?

The Haus

The Haus
H – wie The Haus

Am Sonntag bin ich mal wieder einem meiner Lieblingshobbys nachgegangen: dem Schlangestehen

Vier Stunden stand ich damals für die MoMa Ausstellung (und hatte Glück – denn nie wieder war die Wartezeit so kurz während der gesamten Ausstellungsdauer!), fast eine Stunde für den Photography Playground, anderthalb Stunden für Frida Kahlo, eine Stunde für Olafur Eliasson.

Wie dem auch sei: es hat sich jedes Mal gelohnt – so auch für THE HAUS.

Was ist THE HAUS* überhaupt? Laut Beschreibung der Homepage:

THE HAUS ist die fresheste* Urban Art Galerie – ever! Auf dich warten 108 überkrasse Kunsträume zum Anschauen, Fühlen, Erleben und Erinnern. Alles geschaffen von 165 Künstlern aus Berlin und der ganzen Welt. Doch sei dir bewusst, dass THE HAUS geschaffen wurde, um zerstört zu werden – Ende Mai schließt THE HAUS seine Pforten und die Abrissbirne folgt!

Also: Es handelt sich um ein altes Bankgebäude, das im Juni abgerissen werden wird. Bis dahin wurde das Gebäude 165 Künstlerinnen und Künstlern überlassen, die dort 108 Räume auf fünf Etagen gestaltet haben.

Wo? Nürnberger Str. 68 (quasi gegenüber des Aquariums)

Wann? Jetzt bis 31. Mai, Dienstag bis Sonntag 10 bis 20 Uhr

Wir standen so ein Stündchen, aber das war wirklich sehr OK, denn was man dafür bekommt, sind verhältnismäßig leere Räume, die man dann auch wirklich in Ruhe entdecken kann.

Aus der Frida Kahlo Ausstellung habe ich optisch v.a. Hinterköpfe mitgenommen. Das war im THE HAUS gar nicht so. Die 199 Leute, die rein dürfen, verteilen sich gut auf die Räume.

Was mich etwas genervt hat, war das Gebot die Handys in Tüten zu packen. Ich finde ja, man kann erwachsenen Menschen auch einfach sagen: „Leute, Handy bitte in die Tasche.“

The Haus
Handyverbot für die Gäste

In allen Reportagen zu THE HAUS und auch dort in der Schlange gabs immer einen kulturpessimistischen Vortrag darüber, dass Handys nerven, dass sie den Kunstgenuss kaputt machen, dass niemand mehr hinschaut, dass alle nur knipsen und dann weiterziehen.

Finde ich argumentativ total albern. Selbst wenn: Was geht das eine andere Person an, wie ich Kunst verdaue?

(Tatsächlich drucke ich immer einige Fotos aus und klebe sie in unser Familientagebuch, wo wir festhalten, wem welches Kunstwerk von wem warum am besten gefallen hat. Ich google dann die Künstlerinnen und Künstler, folge ihren Seiten oder instagram-Streams und habe dann zukünftig auf dem Schirm, wo sie wieder ausstellen.)

Was ich verstehen könnte, wäre ein Argument derart, dass fotografiert und verbreitet wird, ohne dass die Künstlerinnen und Künstler Anerkennung dafür bekommen oder dass sie auf dem Foto oft nicht genannt werden. Damit bringt es ihnen ja nichts, wenn tausende von Menschen ihre Werke liken und teilen.

Ich finde aber, sowas kann man auch anders lösen. Twittername oder Facebookseite z.B. an die Räume, Schilder mit Hashtags, die man verwenden kann etc.

Die Ausstellung selbst (keine Fotos, ihr müsst selbst hingehen, das Buch zur Ausstellung, das ich sehr gerne gekauft hätte, war schon 8 Stunden nach Ausstellungseröffnung ausverkauft und kann auch nur vor Ort und nicht im Internet gekauft werden…) war wirklich sehr sehenswert.

Ein Großteil Graffiti, viel Kunst mit Klebebändern, Gips, ein Raum, der mich an den Nebelraum von Olafur Eliasson erinnert hat, Bäume, Moos, Laub und mein persönliches Highlight – eine Art Höhle mit leuchtenden Blüten und flirrenden Kiefernadeln.

Ich hab leider ein sehr schlechtes Gedächtnis und konnte mir wegen des Fotoverbots auch nicht die Namen der Künstlerinnen und Künstler „notieren“, sonst hätte ich die hier gerne verlinkt. Nach über 100 Räumen, kann ich leider auch nicht über die Homepage rekonstruieren wer wo ausgestellt hat.

Sehr schön auch die Filme, die dort gezeigt wurden. U.a. über Ad-Busting. Ad-Busting war mir bislang unbekannt und ich musste wirklich laut lachen als ich das Schredderprojekt von Farewell gesehen habe, der an diese Werbekästen, die Werbeplakate rauf- und runterfahren, einfach Cutter anbaut und sie so zu großen Schreddermaschinen umfunktioniert.

Die ganze Serie „Urban Explorers“ auf ARTE Creative kann ich sehr empfehlen!

Ein bisschen metalustig fand ich auch dem Umstand, dass bei einigen Künstlern, die ihre Kunst v.a. im öffentlichen Raum auf Züge und Gebäude sprühen, stand: Please respect the artwork

Ach, ich klinge jetzt ein wenig übellaunig wie Luise Koschinsky… dabei ist die Ausstellung wirklich absolut großartig. Geht hin.

Man kann sogar in Kunst pullern! (Die Toiletten sind auch komplett umgestaltet, aber offiziell benutzbar – was ein bisschen lustig ist, wenn man wirklich pullern muss und sich an den Kunstinteressierten vorbei quetscht und zu verstehen geben muss, dass man jetzt wirklich mal Pipi müsste)

Ich hab auch gesehen, dass Schwangere, Menschen mit Kleinkindern und sehr alte Leute netterweise aus der Schlange gezogen und vorgelassen werden.

Der Eintritt ist frei und somit ist der Kunstgenuss nicht abhängig davon, ob man sich sowas leisten kann oder nicht. Extraliebe dafür!

(Und alle, die es sich leisten können – am Ende der Ausstellung kann man spenden – was man auch tun sollte – denn Kunst kostet Material und Arbeitszeit).

Einen guten Eindruck zu den Räumen bekommt man übrigens hier im Lunatix Dance Project Video.

Ansonsten:

 


 

*Bitte immer ganz hip aussprechen, ja? [Sii Haus!] [frräscheste Örban Art!]

This is us

Ich gebe zu dass ich seriensüchtig bin. Ich habe mal versucht mitzuschreiben, was ich so alles schaue, aber nach ca. 4 Wochen war mir das zu anstrengend.

(Seit Januar z.B. Travelers, Please Like Me, Good Girls Revolt, Fleabag, Awake, Iron Fist, You are wanted, Broadchurch 3. Staffel, Lovesick…)

Ausserdem gruselt mich die Vorstellung, dass ich dann eine Statistik erstellen kann, die mir sagt: Sie haben fünf Schrillionen Stunden ihres Lebens vor ihrem Rechner mit Serien verbracht.

Wie wird das vor meinen Enkeln klingen? „Eure Oma hat 28.000 Stunden Serien geschaut.“ Gehaltvoller klänge es natürlich, wenn ich sagen könnte: „Ich habe 3.840 Bücher gelesen.“

Aber sei es drum. Ich kann später ja auch noch lügen.

Ich schaue also Serien. Mittelgute zur Entspannung (Travelers, Designated Survicor, Touch), gute mit Freude (Broadchurch, River, The Killing, Orange is the new Black, The Americans), wunderbare mit gespanntem, aufrechten Rücken (The Good Wife, Top of the Lake, Goliath, Black Mirror) und dann noch großartige wie Please like me, Fleabag oder aktuell This is us.

Ich habe vor einiger Zeit bei Felix von This is us gelesen und angefangen die Serie zu schauen. Seitdem schaue ich jeden Tag zwei, drei Folgen und meistens muss ich irgendwann Rotz und Wasser heulen.

This is us ist eine Familiengeschichte. Sie startet irgendwann in den 70ern mit einem Paar, das Drillinge erwartet. Bei der Geburt stirbt eines der Kinder, zeitgleich wird ein ausgesetztes Kind im Krankenhaus abgegeben. Die Familie nimmt dieses Kind auf.

Ab da begleitet man die fünf über die verschiedenen Zeitebenen hinweg.

Soweit so unspektakulär erstmal. Die Großartigkeit der Serie liegt in den Details. Ich habe ungelogen noch nie eine Serie (oder einen Film) gesehen, in der das Zwischenmenschliche so fein beobachtet ist und dabei so gnadenlos „echt“ dargestellt wird. Die Dialoge sind so warmherzig, „so menschlich, so herzerweichend […] — und das alles auch noch ohne pathos und holzhammer, sondern ganz subtil und sanft.“

Die Menschen scheitern ohne Happy End, sie treffen unwiderrufbare Entscheidungen,  sie tun einander weh, sie finden auf quälende Fragen keine Antworten. Dem gegenüber steht all die Liebe, das Glück eines Moments, die Wärme, das Dazulernen, das Andersmachen, das immer wieder Neuanfangen.

Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Die Serie berührt mich so sehr, weil sie darauf verzichtet Folge für Folge hundertfach gesehenen hollywoodähnlichen Relief zu verschaffen. Es gibt da zum Beispiel zwei Brüder, die einfach nicht zusammen kommen. Sie wollen das vielleicht beide im Herzen (der eine mehr, der andere weniger), aber sie schaffen es nicht. Der eine, weil er sich so sehr zurückgesetzt fühlt und der andere, weil er einfach stehen gelassen wird, egal wie viele Annäherungs- und Versöhnungsversuche er startet. Sie haben Momente der Nähe aber es gibt nie den großen Clash und dann ist alles für immer gut.

Oder die übergewichtige Schwester, die egal wie sie sich anstrengt an sich selbst scheitert, die schon lange verstanden hat, dass sie selbst der Hebel ist, dass es um Selbstliebe geht und bei der es trotzdem nicht einfach „Klick“ macht und alles wird gut. Nicht mal als sie jemanden findet, der sie, genauso wie sie es sich immer gewünscht hat, von ganzen Herzen liebt.

Der Trailer ist leider sehr cheesy und gibt eigentlich die Tiefe der Serie überhaupt nicht wieder.

Die Serie läuft auf NBC. Im Mai kommt This is us auf Pro Sieben.

P.S. Wer gerne Podcasts hört, dem wird vielleicht auf YouTube auch das Aftershow Format zur jeweiligen Sendung gefallen.

Lieblingstweets von äh irgendwann

ControllerInnen kennen das. Monatlich ist ein Bericht zu erstellen, doch dann vergisst man ihn einmal … und niemandem fällt es auf. Nicht so bei den Lieblingstweets (oder wie andere sie liebevoll nennen: Der unverständliche Scheiß in deinem Blog). Deswegen heute creohn gewidmet:

12von12 im März

#1 Wochenende! In den letzten Wochen klappt es immer besser, dass die Kinder morgens alleine aufstehen, sich Müsli machen, ich in die Küche schleiche, mir einen Kaffee mache und dann im Bett bis ca. 9 Uhr lese.

#2 Danach gibt es ein gemeinsames Zweitfrühstück. Ich habe mir dafür extra einen Käse gekauft, den ich als Studentin total gerne gegessen habe, den ich mir aber fast nie leisten konnte. Er schmeckt leider sehr langweilig.

Anderer Leute instagram-Fotos haben mich außerdem so weit, dass ich keine Paraffinkerzen mehr mag. Also erst mochte ich ja nicht mal Kerzen und jetzt hätte ich gerne echtes Wachs. Man versnobt halt zunehmend im Alter.

#3 Nach dem Frühstück folgen die üblichen Rituale: Schulsachen durchgehen, ggf. Hausaufgaben machen, Kinder baden und dann mache ich mich gemeinsam mit Kind 3.0 auf zur Galerie Baku, wo heute ein Malworkshop für Kinder angeboten wird.

Kind 3.0 liebt malen. Zum Geburtstag waren wir in einer anderen Galerie, da war der Workshop doch etwas seltsam. Die anleitende Dame hat den Kindern keinen Spielraum gelassen und so Dinge gesagt wie: „Es wäre doch toll, wenn du das jetzt lila malst und dann auch ein bisschen schöner, oder? Deine Eltern wollen doch stolz auf dich sein!“

Ich musste Kind 3.0 deswegen etwas überreden. Einer der Künstlerinnen, Karin Lubenau (Mit ohne Rosa!), die den Workshop ausgerichtet haben, folge ich auf instagram. Ich habe Kind 3.0 gezeigt, dass sie pupsende Katzen malt. Das war Argument genug.

#4 Ich gebe Kind 3.0 also in der Galerie ab und suche ein Café, wo ich einen Kaffee trinken und „Untenrum frei“ (Amazon Werbelink) von Margarete Stokowski lesen kann. Das Buch wurde mir mehrfach empfohlen und es ist wirklich sehr fluffig geschrieben. Dass die Inhalte wichtig sind, steht ja außer Frage.

Rechts und links neben mir sitzen Paare, die sich wohl gerade erst kennengelernt haben. Die rechts von mir werden glücklich werden miteinander. Die links von mir nicht. Er zeigt ihr faszinierende Fotos von Supertankern, die sie nur mäßig interessiert betrachtet.

#5 Ich hole Kind 3.0 wieder ab. Es hat entsprechend des Stils der Ausstellung Wale gemalt. „Wie war’s?“, frage ich. „Note 1 minus“, sagt das Kind. „Warum minus?“ „Es war zu kurz. Ich wollte die Bilder in der Ausstellung länger anschauen und von meinen Augen in den Kopf laufen lassen.“
„Verstehe. Und was hat dir besonders gefallen?“
„Alles andere.“

#6 Wir brechen Richtung Zuhause auf und entdecken eine Grünformation, die uns an eines unserer Lieblingsvorlesebücher „Das grüne Schiff“ (Amazon Werbelink) erinnert. Toll!

#7 Die Sonne scheint. Das ist schon sehr schön. Kind 3.0 hopst ausgelassen vor mir her.

#8 Kurz vor unserem Haus, treffen wir auf unseren Nachmittagsbesuch. Ich hab lange mit mir gerungen, ob ich selbst backe, aber es hat mal wieder die Faulheit bzw. der Unwille für Zusatzstress gewonnen. Es gibt Mini-Berliner. (Ich werde niemals nicht Pfannkuchen sagen, denn eigentlich heissen die Dinger ja Krapfen!)

Beim Kaffee trinken erzählt uns Kind 2.0 von einer Dame, die sieben Kinder hat. Sechs Mädchen und einen Jungen. Es sind sechs Mädchen geworden, weil sie einen Jungen haben wollte. Man stelle sich vor eines dieser Mädchen zu sein. Kind 2.0 sagt: „Die Mädchen haben sich ein Zimmer geteilt, der Junge hatte ein eigenes.“ Ich habe das exakt so (bezogen auf eine andere Familie) gerade in „Untenrum frei“ gelesen und bin wieder einmal fassungslos.

#9 Unsere Ernährung heute lässt zu wünschen übrig, jaja. Aber ich hab gerade erst einen neuen Sandwichmaker gekauft, der ausprobiert werden muss. Es gibt Quetschtoast mit Chemiekäse. (Nächstes Mal schreibe ich mit „veganem Käse“, das klingt gesünder)

#10 Eigentlich ist Quetschtoast immer eine riesige Sauerei, weil der Käse grundsätzlich ausläuft und sich in die Ritzen und Schrauben des Geräts klebt. Ich gebe euch deswegen einen Top-Haushaltstipp:

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Einfach Backpapier ums Toast und dann erst quetschen!

#11 Nach dem Essen lesen. Die Kinder haben mit der verpönten Silbenmethode lesen gelernt. Die kleinen Bücher, die mir Kind 3.0 abends vorliest, sind sehr zu empfehlen.

Die Bücher sind nach Lesestufen geordnet, die ersten zehn haben nur einen Zweiwortsatz pro Seite. Die nächste Stufe hat schon etwas komplexere Sätze. UND! Sie gefallen mir inhaltlich sehr gut. Zum Beispiel „Was ich werden kann“ (Amazon Werbelink). Da sieht man auf einer Seite immer ein Kind mit einem Interesse und auf der anderen Seite einen passenden Beruf. Wunderbar gleichverteilt auf die Geschlechter und total klischeefrei. Mädchen können z.B. Wissenschaftlerin werden. Und Jungs, die gerne anderen helfen – Lehrer.

#12 Nach dem Lesen (erst bekomme ich vorgelsen und dann soll ich aus der Arschbombe vorlesen) wird noch gekuschelt. Die Kinder wollen dazu immer gewärmte Kirschkernkissen. Gute Nacht!

Mehr 12 von 12 bei Draußen nur Kännchen, die hat’s nämlich erfunden!

Frauenkampftag, delayed

@adjomargonzalez Pixabay

8. März, Internationaler Frauentag

Das erste Mal ist er mir 2001 begegnet. Ich arbeite in einem Unternehmen, das viele MitarbeiterInnen hat, die aus Ost-Berlin kommen. Mir wird eine Rose überreicht und die Hand geschüttelt.

Crazy.

2001 finde ich es süß einfach so eine Rose zu bekommen. Wie aufmerksam!

Fünfzehn Jahre später: aus einem mir unbekannten Gedenktag ist der Frauenkampftag geworden.

An der U-Bahn-Haltestelle verteilen Menschen eine farblich passenden Partei rote Rosen an Passantinnen. Die meisten springen erschreckt beiseite. „Alles Gute zum Frauentag! Ich habe hier eine Rose für sie!“

V.a. die jüngeren Frauen machen einen großen Bogen um die Rosen. Mein 2001er-Ich wäre auch kopfschüttelnd weitergelaufen.

Ich hatte es gut da. Keine Probleme. Ich war ungebunden, qualifiziert und eigentlich habe ich nichts anderes gemacht als von morgens bis spät abends zu arbeiten. Nie wäre ich auf die Idee gekommen vor 17 Uhr nach Hause zu gehen. Meetings, die um 16 Uhr starten? Was ist das Problem?

Dass mein Kollege mehr Geld für die gleiche Arbeit bekommt, war mir nicht klar. Dass meine Vorgesetzten, dass eigentlich fast ALLE Vorgesetzten des Unternehmens männlich waren: normal

Ich habe auf mein Gewicht geachtet, regelmäßig Diäten gemacht und fand Frauen, die ihre Beine nicht täglich rasieren furchtbar (hatten die überhaupt noch Sex??)! Ich hab sogar Germanys Next Top Model geschaut.

Mehr als ein Jahrzehnt, ein paar Kinder und eine gescheiterte Ehe später, habe ich meine Sicht auf die Dinge geändert.

Feministin. Einundvierzig Jahre musste ich werden, um das Wort Feministin nicht mehr leicht schamhaft auszusprechen.

Ich lese gerade ein Buch (Sungs Laden), in dem steht, in einem völlig anderen Kontext sinngemäß:

„Das Leben forderte nicht mehr viel, vielleicht war es jetzt an der Zeit dem Leben etwas abzufordern.“

Daran musste ich denken. Vielleicht kann man sich als etwas über 20jährige kaum leisten, etwas zu fordern. Neu im Job, kaum Berufserfahrung, geringes Einkommen. Vielleicht ist das viel riskanter etwas zu fordern als es das mit 40 ist.

Mittlerweile wünsche ich mir, dass alle Feministin sind – auch die Männer. Ich sehe sie als Verbündete. Einem Mann kann doch auch nichts daran liegen eine völlig erschöpfte Frau an seiner Seite zu haben, seine Kinder nicht versorgen zu können, ja ich glaube sogar, die meisten hätten nicht dagegen, wenn die Kollegin genauso viel verdient und wenn man(n) einfach zur Chefin gehen kann und sagt: „Ich würde gerne 7 Monate Elternzeit machen“ und die Chefin antwortet: „Das freut mich aber. Da müssen wir bald mal über eine Verteilung ihrer Aufgaben sprechen, aber das bekommen wir hin!“

Mir persönlich fällt das Motto des Frauenkampftags #MeinTagohnemich schwer. Streiken sollen die Frauen, sie sollen sich eine Welt ausmalen, in der die Frauen fehlen.

Auf den Seiten des feministischen Netzwerks lese ich:

Erzähl uns deine Geschichte. Deine persönliche Dystopie (oder auch Utopie) vom Tag ohne dich. Was passiert denn eigentlich, wenn du einfach mal 24 Stunden nichts machst? Wer übernimmt die Care-Arbeit, was passiert mit deiner Lohnarbeit und wofür würdest du die Zeit endlich mal nutzen?

Ich verstehe die Idee, aber wenn ich ehrlich bin, in meinem Leben würde derzeit folgendes passieren: nichts

Mein Partner ist nämlich in alle Prozesse eingebunden. Vielleicht würde er einige Dinge anders machen als ich, aber die Kinder kämen mit Pausenbrot pünktlich in die Schule, sie bekämen Abendbrot, Schultasche wäre ausgeräumt, die Zettel bearbeitet, die Termine in den Kalender übertragen, die Hausaufgaben gemacht, die Zähne geputzt, die Einschlafgeschichte vorgelesen.

Irgendwie fühle ich mich schlecht, dass ich bei #MeinTagohnemich nicht mitmachen kann, wenigstens trage ich an diesem Tag als Zeichen meiner Solidarität rot.

Auf dem Weg in die Arbeit schaue ich die anderen Frauen an. Kein Rot, keine Pussy Hats. Ich bin ein bisschen enttäuscht.

Ich bin fest entschlossen mich allerorten als Feministin zu outen. Mir ist klar, dass ich damit einige erschrecken werde, wie ich mich 2002 erschreckt habe, wenn mir zugetragen wurde „Die Anna ist Feministin.“

Huuu! Ohhhh! Feministin!

Am Wort kleben weiterhin Humorlosigkeit und Beinhaare.

Vielleicht hilft das Outing am Ende aber. Vielleicht wissen andere Frauen damit, dass sie auf mich als ihre Verbündete an ihrer Seite zählen können. Ich hoffe es.

Während ich in der Tram sitze, gruselt es mich. Bedeutet #MeinTagohnemich bei vielen Familien immer noch, dass alles still steht? Dass es kein Essen gibt, dass nicht vorgelesen und gekuschelt wird, dass die Kinder die Strumpfhose statt einer Mütze am Kopf tragen?

Was passiert, wenn #MeinTagohnemich auf #MeineWocheohnemich ausgedehnt wird?

Was wenn es #MeinMonatohnemich wird?

Wie gesagt, ich glaube, so richtig viel würde bei mir nicht passieren. Aber schaue ich in Familien meiner Freundinnen oder Bekannten… so ein Ausfall der Frauen hätte doch ganz schöne Auswirkungen. Es gibt noch genug Kommentare der Art: „Haha, mein Mann kann nicht kochen!“ und „Nachts stehe nur ich auf. Mein Mann braucht den Schlaf.“

Deswegen bleibe ich Feministin – denn ich möchte, dass wir irgendwann austauschbar sind (sind wir als geliebte Individuen Mamas und Papas nicht – aber in unseren Verantwortlichkeiten hoffentlich doch). Dass Frau gegen Mann getauscht werden kann, Mann gegen Frau, Frau gegen Frau und Mann gegen Mann.

Alles ist geteilt, das selbe Geld ist im selben Job verdient, der selbe wichtige Vortrag in der Öffentlichkeit gehalten, die Kinder schreien genauso oft MAAAAAmmmaaa! wie sie Paaaaapaaaa! schreien.

Und so lange das nicht für alle erreicht ist, nehme ich gerne die Blume, sage auch wohlerzogen Danke, wünsche mir aber weiterhin: gleiche Chancen, gleiche Bezahlung, gleiche Arbeitsteilung und gleiche Rechte.

und v.a. vergesse nicht die Lebensumstände anderer Frauen und möchte auf den Artikel von Rike Drust verweisen:

Trotzdem bin ich jeden Tag schockiert, wütend, traurig und fassungslos über Videos, Tweets, Posts und Nachrichten von Pussy GrabbernVergewaltigungen (bei denen die Täter, wenn sie weiss sind und gut schwimmen können, mit einem kleinen Dududu davonkommen)Gender Pay oder Gender Care GapsSechsjährigen Mädchen, die schon verinnerlicht haben, dass Jungs angeblich klüger sind.  Von Revenge PornHate Speech. Ich möchte vor Wut meine Faust aufessen, wenn ich lese, mit was für einem Scheiss sich viele alleinerziehende Mütter (und ein paar Väter) herumschlagen müssen, wofür sie sich gerade machen, obwohl sie weder Geld noch Zeit haben und sich dafür noch in der alleruntersten Schublade beleidigen und bedrohen lassen müssen. In die Finger beissen tu ich, wenn ich Eltern höre, die ihren Kindern sagen, sie sollen nicht weinen „wie ein Mädchen“ oder Kinder, die meinem Sohn sagen, dass pink eine Mädchenfarbe ist. Ich könnte ewig so weitermachen. Aber es soll ja nicht ewig so weitergehen.

Aber auch diese Lebensbedingungen und Erfahungen, die nicht in Prozent ausdrückbar schlimmer sind als meine Lebensumstände, lasse ich nicht als Argument gelten für meine Rechte einzustehen übrigens.
Das „Was beschwerst du dich, dir geht es doch gut“-Argument bedeutet Stillstand. Stillstand ist nicht was ich möchte. Aber wie Rike oben sagt:

Es soll ja nicht ewig so weitergehen.

Deswegen: so lange wir die selben Ziele haben, lasst uns Seite an Seite stehen. Egal, ob man sich nun Feministin nennen möchte oder nicht. Egal welchem Feminismus man sich zugehörig findet (z.B. dem 2012er).

Sonja von Mama Notes schreibt so passend:

Es geht nicht um Dich. Es geht um die alle Frauen, die noch nicht so gleichberechtigt leben können, wie Du. Es geht nicht um Deine individuelle Situation, nicht um Deine Filterbubble. Sondern es geht darum, gemeinsam solidarisch zu sein.

Das möchte ich auch und zwar nicht nur am 8. März.

Causa Kelly

Ich hatte es gefühlte zwanzig Mal mit dem Hinweis: „So funny!“ in meiner Timeline. Als ich das Video anschaute, waren meine Erwartungen groß. Statt amüsiert, war ich aber verwundet. Was soll daran lustig sein?

Ein Vater führt ein Skype (?) Interview mit der BBC und im Hintergrund erscheinen seine Kinder. Er schiebt das ältere Kind ohne Hinzusehen weg, das Baby erscheint, einige Sekunden später slidet die Mutter um die Ecke, sammelt hektisch die Kinder ein, das Interview geht weiter.

Lustig fand ichs nicht. Mir fehlte etwas der Galgenhumor (oder wie man das nennt, wenn etwas schief geht und man trotzdem drüber lacht).

Also tweete ich:

Sekunden später bereue ich es aber irgendwie. Eigentlich ist es doch auch eine Botschaft an die Welt, dass mal ein Vater im  Homeoffice sitzt und bei der Arbeit in aller Öffentlichkeit von seinen Kindern gestört wird.

Der Moderator bei BBC nimmt es seinerseits sehr gelassen.

Und während ich eigentlich dafür kämpfe, dass sich Männer auch mehr als Väter sichtbar werden und es somit auch Normalität wird, dass sie als Teil der Familie in Erscheinung treten, meckere ich, dass er sein Kind ohne Hinzusehen weggeschoben hat.

Asche auf mein Haupt.

Schlimmer noch. Weil die erscheinende Frau im Hintergrund so panisch reagiert, nehme ich an, es sei die Kinderfrau, die jetzt um ihren Job bangt.

Dass es tatsächlich die Mutter Jung-a Kim Kelly ist, kommt mir nicht in den Sinn.

Einer Kurzrecherche zu folge handelt es sich aber um die Mutter.

Auch wird mir gesagt, dass die Kinder auf koreanisch sagen: „Was ist denn, Mama?“ (Das koreanische Wort „Mama“ klingt wie [Omma])

Wahrscheinlich hatte ich im Hinterkopf auch das beschämenswerte Vorurteil, dass ein weißer Professor natürlich eine Migrantin als Nanny hat.

Alles sehr haarsträubend, denn es ist schließlich ein in Südkorea lebender Mann.

Also pfui, Frau Cammarata. Pfui.

Ich schaue mir das Video also noch zehn Mal an und plötzlich sehe ich auch ein Lächeln im Gesicht des Korea-Experten und ich stelle mir vor, dass er nicht aufstehen und das Kind auf den Schoß nehmen konnte, weil im Homeoffice hat schließlich niemand Hosen an und in Unterhose auf BBC ist wahrscheinlich doch peinlicher als die Kinder wortlos wegzuschieben.

Nach acht Mal schauen, meine ich, dass die Mutter die Hose nicht ganz oben hat, irgendwas zwischen Pulli und Hose scheint rosa durch. Wahrscheinlich war sie gerade auf Toilette und da haben sich die Kinder auf die Reise zu Papa gemacht.

Alles in allem ganz normaler Familienalltag. Alltag wie ich ihn mir eigentlich in der Öffentlichkeit wünsche. Nicht dieser unrealistische und polierte Werbequatsch. Nicht die Väter im Anzug, die so tun als hätten sie keine Familie. Nicht die Väter, die nie gefragt werden: Ist denn die Kinderbetreuung sicher gestellt? Nicht die Väter, die für ihre Kinder irgendwie fremd sind sondern eben Papa, bei dem man im Homeoffice auch mal rein schauen kann, was da los ist.

Also Professor Kelly, my apologies.

Oder wie Dirk von Gehlen es formuliert hat:

Marion und James Kelly ist heute etwas geglückt, womit sich Parteien und Medien derzeit etwas schwer tun: Sie haben ein Bild geschaffen, mit dem sich eine ganze Generation identifizieren kann.

P.S. Marion ist das Mädchen im gelben Pulli. James das Baby.