Schulzeit

Selbstklebende Folie - ein großer Spaß
Selbstklebende Folie – ein großer Elternspaß zum Beginn des Schuljahres

Da ist sie wieder: die Schulbüchereinbindezeit
Die letzten Jahre bin ich schier daran verzweifelt. Selbstklebende Folie klebt bei mir überall nur nicht an dem Buch. Es sei denn man hat schief angefangen. Dann klebt sie für immer. Unentfernbar.
Ausflippen könnte ich da. Und ich schwöre, auch wenn das im Blog vielleicht manchmal nicht so wirkt: Ich bin ein total ruhiger Mensch. Eher etwas verlangsamt. Leicht faultierhaft. Meine Gedanken ruhen sich oft aus und wenn dann der Groschen fällt, ist es meist zu spät.
Mein Symbol ist der erhobene Zeigefinger in der Luft, der anzeigt, dass mir gerade was eingefallen ist. Ca. eine halbe Stunde zu spät.
So bin ich. Sehr ruhig und langsam.

Aber selbstklebende Folie zum Einbinden von Schulbüchern ist mein Feind, mein Endgegner, in Sekunden pochen meine Schläfen, das Blut rauscht, der Mund wird trocken, die Hände zittern, ich werde zum Einbindehulk.

Ja und wenn ich dann für ein Kind die Bücher eingebunden habe [1] (so schlecht, dass die Lehrerin dem Kind was ins Elternheft schreibt: „Bitte das nächste Mal einen Elternteil die Bücher einbinden lassen“ …), dann kommt die zweite Disziplin: Das Beschriften.

Auf diverse Bücher, Hefte und Plastikhefter muss ich den Namen des Kindes schreiben.
Wer schon mal die dünnen Papierstreifen aus Plastikheftern raus- und v.a. wieder reingepult hat, der weiß wovon ich spreche. (I hear you sister! )

Immer und immer wieder. Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, .

Die Hände werden schwach, die Schrift schwabbelig (wieder ein Eintrag im Elternheft, neinneinnein!).

Und ab 2016 sind alle drei Kinder Schulkinder. Yeah!
Zwei Wochen Urlaub kann ich im Sommer nehmen. Eine zum Urlaub machen, eine um Schulmaterialien vorzubereiten.

Hass. Hass. Hass.

Wo ist das Zeitalter der Digitalisierung geblieben? Warum muss ich Bücher im Umfang einer Dorf-Bibliothek einbinden und beschriften und das Kind muss sie täglich schleppen?

WARUM?

Ein schönes, kleines Ebook täte es doch auch?

Nein, natürlich nicht. In 100 Jahren nicht. Die Kulturpessimisten halten fest am jährlichen Elterfolterritual. (Und ganz ehrlich: Wir müssen jedes Jahr für rund 130 Euro Schulbücher kaufen… das mit dem technischen Endgerät kann keine Frage des Preises sein)

Gut und kultiviert ist eben nur das Papier. Danke Herr Spitzer.

So klebe und beschrifte ich, wie die Goldmarie Betten ausschüttelt. Nur dass ich hinterher durch kein Tor schreite und mit Gold übergossen werde, sondern Einträge ins Elternheft bekomme, die mir sagen, ich soll es besser machen.

Und dann heute, heute ist was wunderbares passiert.
Nach all den Jahren der Tortour habe ich mich überwunden und fertige Buchumschläge gekauft. Weil die auf Twitter mir das gesagt haben: Geh mit den Büchern in einen Laden und suche dir die passenden Umschläge dazu.

Gut, meinen Geiz zu überwinden war nicht leicht. Kostentechnisch ein Gau. Gut zehn Mal so teuer wie die verhasste Klebefolie. Aber was solls. Die Kinder sind im Urlaub – ich muss gerade kein Essen kaufen. Dann esse ich eben mal Kühlschrankreste. Einen kleinen Klumpen Butter. Einen Haps Lavendel vom Balkon. Etwas geraspelte Folie mit Käserinde und schon ist das Konto wieder ausgeglichen.

Und was soll ich sagen? Zwanzig Minuten hab ich gebraucht. ZWANZIG – MINUTEN – statt DREI STUNDEN!

So springe ich also durch die Wohnung. Zahlen schreiend. Wie Rumpelstilzchen. Da blickt der Freund etwas träge in meine Richtung und sagt vier magische Worte:

Ich

habe

eine

Etikettiermaschine.

Wie leicht sich das sagen lässt. Etikettiermaschine.
Er kramt und holt ein Gerät hervor, das aussieht wie einer der übergroßen Taschenrechner mit denen meine Mutter in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Buchhaltung gemacht hat. Ratratrat. Brrrrr. Brrrr. Ratrat.

Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie ein Schleier vom Hirn. Die Kinder, sie haben verdammt nochmal alle den selben Namen. Also Nachnamen – und – jetzt kommt es: Ihre Vornamen beginnen alle mit dem selben Buchstaben.

Wie eine Ärztin (einfingrig und mit Nachdruck, so als ob man die Tasten einer Schreibmaschine anschlägt) gebe ich den Namen ein: „T. Cammarata“. Ich beginne mit den Materialien des ältesten Kindes. „T PUNKT CAMMARATA, Klasse drölzig A“ und da höre ich eine Stimme, an der Zimmerdecke tut sich ein Riss auf, ein Licht kommt auf mich zu – ich – bin – erleuchtet.

Ab jetzt bis in alle Zukunft spare ich Arbeit. Wenn das eine Kind aus der höheren Klasse eine Klasse weiterrückt, muss ich nur noch die bereits eingebundenen und beschrifteten Materialien von dem einen in den anderen Schulranzen legen.

Fertig.

FERTIG!

VERSTEHEN SIE?

Wieviel Zeit man spart?

Ratratrat. „T. Cammarata“.

Wenn Sie also gerade schwanger sind – die Bedeutung eines Namens, der Klang, die Schreibweise, das Verhunzungspotential, die Schreibarkeit am Spielplatz – es. ist. alles. egal.

Hauptsache gleicher Anfangsbuchstabe.

Das ist mein Rat.
Ich bin leidgeprüfte und erfahrene Mutter.

Hören Sie auf mich.


 

[1] Drei Stunden brauche ich im Schnitt

Der Rückblick 2015

[Werbung] Escape Berlin – rätsel dir deinen Weg in die Freiheit

Escape Berlin Sherlock Rästsel
Pressefoto www.escape-berlin.de / Sherlock

Von Escape Berlin wurde ich eingeladen eines der Escape Games auszuprobieren. Ingesamt sind drei Varianten im Angebot:

  • Big Bang
  • RAW (Horror, erst ab Oktober 2016)
  • Sherlock Holmes

Die Entscheidung, welches Spiel wir ausprobieren, fiel mir ziemlich schwer. Big Bang und Nerd-Kram liegt mir sehr, aber Sherlock im Sinne von Zeitreise, fand ich am Ende doch interessanter.

(Horror hätte ich so oder so nicht genommen. Ich bin sehr schreckhaft und erinnere mich gut, dass mir jemand mal „The Ring“ nacherzählt hat und ich dann eine Woche Albträume hatte…)

Aber Moment! Was ist eigentlich ein Escape Game?

Ein Escape Game ist eine Art Rätselspiel. In einer kleinen Gruppe wird man in einen Raum gesperrt und rätselt sich den Weg zurück in die Freiheit.

Die Beschreibung zum Sherlock-Spiel lautet wie folgt:

„Sherlock Holmes ist verschwunden! Seit Sherlocks Erzfeind Professor Moriaty wieder in der Stadt ist, habt ihr nichts mehr von Sherlock gehört. Im Auftrag von Scotland Yard stürmt ihr Sherlocks Wohnung und begebt euch auf die Spuren des berühmten Meisterdetektivs. Nur wenn ihr alle Hinweise richtig kombiniert und als Team zusammenarbeitet, wird es euch gelingen, die Spuren von Sherlock aufzunehmen.“

Quelle

Ich habe mir also fünf Freundinnen und Freunde zusammengesucht und mich zu dem Spiel angemeldet.

Irgendwie ist unsere Gruppengröße anders beim Veranstalter angekommen und so kam es, dass ein Rätsel weniger vorbereitet war. Insgesamt aber kein Problem. Wir haben das erstens nicht gemerkt und der Spieleleiter war super freundlich und nach einem kurzen Schreck sehr kooperativ.

Tatsächlich hatten wir aufgrund meiner Verpeilung sogar Kinder dabei. Offiziell empfiehlt der Veranstalter als Mindestalter 12 (beim Horrorspiel 18). Unsere waren deutlich jünger, durften aber trotzdem mitmachen.

Natürlich ist es so, dass man das Spiel jederzeit verlassen kann. Hätten die Kinder sich irgendwie gegruselt (uns wurde gesagt, es sei in den Räumen sehr atmosphärisch und nicht alle [Kinder] kämen gut damit klar), kann man einfach die Tür öffnen und rausgehen. Man wird also nicht wirklich eingeschlossen.

Abgesehen davon sind die Räume videoüberwacht, was auch genutzt wird, um den Spielenden kleine Tipps zu geben, wenn sie nicht weiterkommen.

Tatsächlich hat sich das als nützlich erwiesen. Ich weiß nicht, ob es Gruppen gibt, die es schaffen ohne Tipps durch die Rätsel zu kommen – wir haben es jedenfalls nicht ohne kleine Hilfen geschafft.

Für meinen persönlichen Geschmack hätte es sogar etwas weniger Hilfe sein können. Ich war zu keinem Zeitpunkt des Spiels irgendwie entmutigt oder genervt oder komplett ideenlos was man jetzt noch ausprobieren könnte.

Ja – und wie fand ich es denn eigentlich?

Mein tldr würde lauten: Das hat wirklich Spaß gemacht, ich würde es jederzeit wieder tun.

In lang lautet mein Bericht wie folgt:

Ich liebe Brettspiele, Rätsel, Rollenspiele. Im Escape Game kann ich das quasi alles auf einmal haben.

Die Rätsel sind spannend gemacht, die Räume schön gestaltet, ich hätte sogar gerne länger gespielt.

Ich habe nur kleine Kritikpunkte:

Ich hätte zum Beispiel gerne mehr Zeit gehabt. Bevor es ans eigentliche Rätsellösen ging, hab ich erst verstehen müssen, wie das Ganze funktioniert. Was ich tun muss, wie Dinge zusammen passen, dass sie überhaupt zusammen passen. Was alles zum Rätsel gehört und was nicht. Mir hätte also eine Aufwärmphase plus eigentliche Spielzeit gut getan. Daran dockt auch das Eingreifen des Spieleleiters an. Auch hier hätte mir mehr Zeit, noch mehr Freude bereitet (Ich verstehe natürlich dass die Räume zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder für die nächste Gruppe frei sein müssen…).

Zum anderen (und das ist eine Kritik aus der Gruppe, ich selbst bin völlig blind für Details – bitte ladet mich nie als Zeugin für irgendwas), hätten die Details besser ausgearbeitet werden können. Man nimmt viele Gegenstände in die Hand, schüttelt sie, dreht und wendet sie. Wenn dann ein halb abgerissenes Preisschild von Nanu-Nana zu sehen ist, kann das störend sein, weil es einen natürlich aus der Illusion reißt, sich im späten 19. Jahrhundert zu befinden.

Persönlich fand ich unsere Gruppe zu groß. Bei dem Sherlock Spiel ist die empfohlene Gruppengröße 2 bis 7. Wenn ich nochmal gehe, würde ich eine Gruppengröße von 4 nicht überschreiten. Es ist einfach sehr schwer den Überblick zu behalten. Alle suchen, knobeln, entdecken zeitgleich und man muss seine Entdeckungen auch noch in der Gruppe kommunizieren, so dass man Puzzlestücke zusammen bringen kann. Dafür finde ich vier Personen überschaubarer als sechs oder sieben.

Was kostet das Ganze?

Man zahlt 19 Euro pro Person, wobei das Spiel ca. 90 Minuten dauert. Wenig finde ich das nicht (an anderer Stelle habe ich mich über entsprechende Kino-Preise echauffiert) – aber ich finde das Preis-Leistungsverhältnis an dieser Stelle völlig in Ordnung. Das Escape Game hat viel mehr Event Charakter im Sinne von Einmaligkeit als Kino zum Beispiel. Man teilt diese Erfahrung als Gruppe und nimmt das als schöne Erinnerung mit.

Zusammenfassend: Unbedingte Empfehlung. Das Ganze macht wirklich Spaß, reißt einen aus dem Alltag und ist was besonderes. Tatsächlich waren übrigens v.a. die Kinder in unserer Gruppe sehr begeistert und ich fand es auch hier mal wieder toll zu beobachten, wie anders Kinder im Vergleich zu Erwachsenen denken und deswegen beim Lösen der Rätsel total hilfreich sind.

Also: Wenn ihr mal was außergewöhnliches machen wollt, besucht doch mal Escape Berlin.

Ohrenzeugin anderer Leute Ideale

Gestapeltes Geschirr scheint eine Bedrohung für manche Menschen zu sein
Quelle: Pixabay @Hans

– Und? Habt ihr schon einen Nachmieter?
Ein Mann im Anzug und eine Frau mit stark blondierten Haaren laufen vor mir.
– Ja, ne. Ik will da schon jemanden empfehlen, den ik ruhijen Jewissens empfehlen kann. So ordentlische Leute. Die meisten, ne, die sind ja heutzutage naja.
– Ach?
– Ja, die jungen Leute im Haus!
– Junge Leute?
– Ja, ne. Zum Beispiel jestern. Da komm ik nach Haus und da steht die Wohnungstür vonne Nachbarn offen. Ik guck da rin, aber war niemand da. Die andere Nachbarin hat dann jesacht, die sin mit ihrem Kind inne Notaufnahme. Da haben die vermutlisch verjessen die Tür zuzuziehen. Da jeh ich also rein, kann ja nich die Tür zuziehen, am Ende haben die jar keenen Schlüssel bei sisch, ja und da such isch in der Wohnung den Schlüssel… und meine Jüte, wie es da ausjesehen hat! Diese Unordnung. Mit dem kleenen Kind! Allet liescht da rum. Sowas haste noch nich jesehen!
Dat die Menschen ditte nich auf Kette kriegen. Ich meine, die sind zweie! Aber dit is ja überalle so. Meine andere Nachbarin sacht och immer: „Mensch Bärbel, tut mir so leid, aber es is total unaufjeräumt.“ Und ik denk mir dann immer, wat is bloß los mit de junge Leut. Nix kriejen die jebacken. Ik hatte doch och zwei kleene Kinder und ik war alleene und dann hab ik och noch 40 Stunden jearbeitet… hab ik doch och allet jeschafft. Und beschwert hab ik mir och nich. Dat muss doch jehen. Ik versteh‘ et einfach nich.

Ihr Monolog über die unfähigen, jungen, verweichlichten, jungen Leute ging dann noch eine Weile. Ich war wirklich kurz davor mich einzumischen, aber dann wäre ich wohl ungefähr so übergriffig wie sie gewesen.

Ich verstehe solche Menschen nicht. Also die, die sich drum scheren, was in der Privatsphäre anderer passiert, wenn es sie doch gar nicht betrifft. Ich meine, was geht sie es bitte an wie viel Zeug am Boden bei den Nachbarn liegt und ob die da Wäscheberge haben oder ungewaschenes Geschirr rumsteht?

Noch weniger verstehe ich Menschen nicht, die sich selbst als Maßstab nehmen und dann darüber schimpfen, wenn andere Menschen nicht ihre Kapazitäten haben oder nicht hart zu sich sind.

Sie hatte zwei kleine Kinder, die Wohnung war immer picobello aufgeräumt und sie hat Vollzeit gearbeitet! Herzlichen Glückwunsch! Was hat das aber mit dem Lebensmodell und der Belastbarkeit anderer tu tun?

Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die an ihre Grenzen kommen, gerade von solchen Menschen (Jetzt reiß dich doch mal zusammen! Früher ging das auch! Geschadet hat uns das nicht!) noch mehr unter Druck gesetzt werden. Von den Ansprüchen, von der Härte.

Für wen soll eine Wohnung bitte aufgeräumt sein? Für die Nachbarin hinter der anderen Wand? Für „die Gesellschaft“, die aufgeräumte Wohnungen mag?

Eine unaufgeräumte Wohnung, nichtgefaltete Wäsche, ein benutztes Glas am Esstisch … all das scheint für manche bedrohlich. Eine Bedrohung ihres Lebenskonzeptes. Bestimmt ist es für solche Menschen tatsächlich auch nicht einfach neben Kindern, Job und sonstigen Verpflichtungen alles auf 100% laufen zu lassen. Wahrscheinlich schneiden sie sich das aus dem eigenen Sein sozusagen. Sie betreiben vermutlich Raubbau an sich und ihren eigenen Bedürfnissen, an ihrem Glück zuletzt?
Und wenn man dann sieht, dass andere sich gestatten diese Selbstausbeutung nicht zu betreiben, dann ist das offenbar eine Bedrohung, gegen die man sich wehren muss, die man bewerten muss, die man schlecht machen muss.
Vermutlich möchte man nicht sehen, dass es auch einfacher gegangen wäre. Womöglich hätte man sogar ein glücklicheres Leben gehabt ohne den Perfektionimus?

Also liebe junge, verlotterte Familien mit den unaufgeräumten Wohnungen: ich hoffe, euch geht es gut und ihr sitzt abends in dem Chaos, lasst Sauberkeitsnormen Normen sein und erfreut euch des Lebens.

Senioren-Technik

„Können Sie mir sagen, ob es heute Abend stürmen wird?“
Die alte Dame auf der Seebrücke schaut mich fragend an. Ich warte auf die Kinder.
Die letzten Tage hab ich immer wieder in die Wetter App gestarrt und versucht herauszubekommen, wann es regnet und wann nicht und dabei festgestellt, dass das Wetter am Meer zu schnell wechselt als dass die Vorhersage wirklich zuverlässig wäre.
„Leider nein, ich habe es aufgegeben in die App zu schauen. Das ändert sich am Meer zu schnell.“
„Sie haben ja eigentlich Recht.“ Sie hält ein Handy nach oben, das aussieht wie eine Vergrößerung eines Handys. Lediglich das Display ist ungewöhnlich klein.
„Ich würde so gerne eine Wetter App haben. Aber ich kann mit meinem Seniorenhandy nur meine Kinder und die Taxizentrale anrufen. Nicht mal Fotos kann ich machen.“
Sie senkt das Telefon und zuckt mit den Schultern. „So ist das als Seniorin. Ich bin hier mit einer Seniorengruppe. Mitgehangen mitgefangen. Heute machen wir einen Ausflug nach Zingst. Morgen müssen wir Bingo spielen.“
Sie wirkt alles andere als vorfreudig.
„Ach, Bingo. Das kann Spaß machen. Und falsch machen kann man ja nichts. Die lesen Zahlen vor und wenn die Reihe voll ist, muss man laut schreien. In Berlin spielen das viele jungen Leute freiwillig.“
Sie seufzt. „Jedenfalls soll es heute Abend ordentlich stürmen, hab ich gehört.“
Wir schauen beide zum Himmel, der strahlend blau ist.
„Ach, das glaube ich nicht. Sieht doch richtig schön aus im Moment, oder?“

***

„Heutzutage schreibt doch keiner mehr Postkarten! Nur noch diese Emälz!“
Die elegante Dame am Nebentisch, die etwas übertrieben geschminkt ist, rümpft die Nase. „Total unpersönlich finde ich das.“
Ihr Begleiter, ein alter Herr um die 80 im Dreiteiler hebt die Schultern. „Ich kann keine mehr schreiben. Meine Schrift ist zu zittrig. Das kann niemand mehr lesen.“
„Schreibst du dann Emälz?“ Sie spricht das bei jedem Aussprechen mit der selben Verachtung aus.
„Ja, allerdings ist mir das Tippen zu anstrengend. Ich diktiere sie in Siri.“
„Wie bitte?“
„Siri.“
„Siri?“
„Ja, das ist ein Programm, da kann ich rein diktieren. Am Ende verbessere ich nur noch die Fehler.“
„Das geht einfach so?“
„Ja. Manchmal geht Siri auch einfach so an und fragt, ob sie helfen kann.“
Die beiden schweigen kurz.
„Siri?“ Fragt die Dame wieder.
„Ja. S – I – R – I.“
Die ältere Dame notiert sich die Buchstaben in einem kleinen Notizbuch mit Blättern, deren Rand vergoldet ist.
„Was ist Siri denn genau?“
„Ein Programm in meinem iPad. Ich stelle mein iPad in einen Leseständer und dann drücke ich zwei Mal die Taste „Fn“ und muss nur noch sprechen.“
Der Mann im Ausgehanzug spricht noch länger über Siri. Die Unpersönlichkeit von Emails ist kein Thema mehr.

***

„Ich brauche das alles nicht! Ich komme schon immer ohne diesen ganzen Schnickschnack zurecht. Das ist doch Lebenszeitverschwendung. Und dumm wird man dabei auch.“ Der alte Mann schüttelt den Kopf und pickt mit der Gabel ein Stück Torte auf.
Seine Gesprächspartnerin schaut ihn einen Moment prüfend an: „Ich komme mit dem Navi überall hin. Ich liebe das. Ausserdem ist das Internet ein Weg meiner Familie nahe zu sein. Meine Tochter schickt mir fast täglich Fotos. So viele schöne Bilder hätte ich früher nie zu Gesicht bekommen.“
Die Dame mit den rot gefärbten Haaren lächelt. Ihre Falten sind wunderschön

***

Seit ein paar Stunden sind wir mit unseren Rädern unterwegs. Ich bin total erschöpft. Das letzte Stück fahren wir auf dem Ostseeradwanderweg. Rechts von uns ist ein Campingplatz. Die Karawane stehen fein säuberlich in Reih und Glied. Ich trete angestrengt in die Pedale. Das mit dem Wind an der Ostsee ist ja auch kein Spaß.
Hinter mir ein Klingeln.
Ich fahre noch weiter rechts ran.
Ein Rentnerpärchen überholt mich.
Wwwwwwwwwwwww!
Ja. So ein E-Bike hätte ich echt auch gerne. Sehnsüchtig schaue ich den beiden hinterher.

Ferienwohnungsfeatures öffneten mir die Augen (naja fast)

Dieses Mal habe ich mich überreden lassen und im Urlaub mehr als 50 Euro pro Nacht ausgegeben. Das Resultat lässt sich sehen: Eine geräumige Ferienwohnung mit zwei Bädern.

Wer Kinder hat, weiß, dass zwei Bäder wirklich höchster Luxus sind. Man kann einfach auf Toilette gehen und wenn (wie immer) genau in diesem Moment eines der Kinder schreiend vor der Tür steht und verkündet, es müsse auch superdringend, ein Aufschub wäre auf keinen Fall möglich, die sofortige Einpullerung drohe, dann kann man ganz entspannt schreien: „NIMM DAS ANDERE BAD *********!!11!“

Im Vergleich zu den Ferienunterkünften, die wir aber bislang hatten, gibt es weitere Luxusbotschafter.

Da wäre zum einen das Feature Deko.

Die Wohnung verfügt z.B. über eine Vitrine mit Innenbeleuchtung. Am Tag des Einzugs, habe ich voller Freude ausgerufen: „Oh, schaut! Eine Vitrine!“

Die Kinder kamen interessiert angerannt und fragten: „Vi-trin-e? Was ist das?“ und Kind 3.0 betätigte dann gefühlte zweihundert Mal den Lichtschalter für die Innenbeleuchtung, während ich erklärte was eine Vitrine ist.

Da wir hier keinen Internetempfang haben, musste ich übrigens ohne googeln erklären. Meine letzte Vitrine hatte ich Anfang der 90er im Haushalt meiner Eltern gesehen. Ein schwerer Mahagonischrank, der nach Holzpolitur roch und einige, sehr bunte und sehr hässliche Bleikristallgläser und das Hochzeitsgeschirr beherbergte.

(Sie sehen schon, man kommt aus dem Erklären gar nicht mehr raus. Bleikristallgläser und Hochzeitsgeschirr…)

Ich versuchte es also mit: Eine Vitrine ist ein einsehbarer Schrank, der bestimmte Gegenstände des Haushalts, die aus irgendeinem Grund besonders sind, zur Schau stellt.

Auch sonst ist die Wohnung mit zauberhaften Details ausgeschmückt, die ganz sicherlich zu dem etwas übertriebenen Mietpreis beigetragen haben:

dekotraum
Die Ferienwohnung ist ein einziger Dekotraum

Kunstblumen, Vorhänge aus Kunstfasern, Klimbimbehängung an den Fenstern und aparte Skulpturen.

Die ersten Tage unseres Aufenthalts habe ich darüber nachgedacht, ob die Menschen, die diese Dinge erworben haben, tatsächlich finden, dass diese Gegenstände schön im Sinne von ästhetisch sind.

Ich gelangte dann aber zu der Einsicht, dass das unmöglich der Fall sein kann. Niemand kann diese Art Schmuck schön finden.

Was wäre aber die Alternative?

Kein Schmuck? Ok. Das ginge. Die meisten Anbieter von Ferienwohnungen, die weniger als 50 Euro pro Nacht kosten, verzichten vollständig auf Dekoration.

Nur – so schrieb ich ja schon zu Beginn – kostete diese Wohnung eben etwas mehr und der gehobene Anspruch braucht offensichtlich mehr als nur zwei Bäder.

Also schöne Deko kaufen?

Natürlich nicht. Man stelle sich die Diebstahlquote vor. Eine Ferienwohnung mit ausgesprochen ansehnlicher Deko ist ein fortwährendes Finanzrisiko.

Kaum hat man etwas schönes gekauft, zieht ein Ferienwohnungsgast ein, der nicht an sich halten kann und ein oder zwei Stücke der schönen Deko beim Auszug einsteckt und so tut als hätte es besagten Gegenstand nie gegeben.

Die Vermietenden müssten ständig nachkaufen.

Bei einer Saison von Mai bis September (5 Monate a 4 Mieterwechsel) und jeweils zwei entwendeten Gegenständen im Wert von 15 Euro beläuft sich der Schaden schon auf 600 Euro.

Würde man nun ständig die Deko nachrüsten, so schlüge sich das langfristig sicherlich auf den Mietpreis nieder, was dann aber bedeuten würde, dass man im Grunde mehr Deko kaufen muss, um den teureren Preis zu rechtfertigen und schwups befindet man sich ein einer Mietpreisspirale an der niemanden gelegen sein kann.

Also verzichtet man auf schöne Deko, kauft preisfreundliche Baumarktdeko und sorgt somit dennoch für kuschelige Ferienwohnungsatmosphäre.

Ganz einfach.

(Wie gesagt, hab ich durch anstarren der Deko in nur vier Tagen durch Nachdenken rausgefunden. Ich sag den Kindern ja immer, dass Nachdenken wirklich bei fast allen Problemen hilft. Es lohnt sich!)

Jedenfalls: Zwei Bäder und etwas Deko machen einen Mietpreis natürlich auch noch nicht fett.

Als weiteres Luxusfeautuere verfügt die Wohnung über Fernsehempfangsgeräte in jedem Zimmer. Wirklich in jedem Zimmer.

Die Kinder waren so begeistert, dass im Kinderzimmer ebenfalls ein Fernseher steht, dass sie die ersten Tage fasziniert den schwarzen Bildschirm anstarrten. Erst als die erste Woche fast vergangen war, fragten sie, ob sie das Gerät mal anschalten könnten.

Im Urlaub soll man ja alle fünfe mal gerade sein lassen und bekanntermaßen kann erfolgreiche Medienerziehung nur dann stattfinden, wenn der Umgang mit dem Medium erlernt wird. Das wiederum ist nur möglich, wenn man nicht verbietet sondern kontrolliert konsumiert.

Also an dem Tag im August an dem Bodenfrost angesagt war, sagte ich zu den Kindern: „Heute müsst ihr nicht schwimmen gehen, heute schauen wir fern!“

Erwartungsfroh schalteten wir also das Gerät an und schauten irgendwas. Ehrlich gesagt, kann ich mich wirklich nicht erinnern – denn das eigentlich interessante ist nämlich gar nicht das Programm sondern das sind – Sie ahnen es – die Werbepausen dazwischen.

Werbepausen sind ungemein faszinierend. Erstens sind sie unfassbar lang. Kind 3.0 lies sich in der ersten Werbepause (es war ja ahnungslos) wimmernd über die Bettkante fallen, es wollte doch sooo gerne weiter schauen, aber als die Geduld zu Ende war, war leider die Werbepause immer noch nicht am Ende… einfühlsam erklärte ich dass Werbepausen manchmal sehr, sehr lange gingen, dass das Kind aber tapfer durchhalten müsse, wenn es das Fernsehprogramm bis zum Ende schauen wolle.

Kind 3.0 gab sich einen Ruck, ging eine Runde im hauseigenen Schwimmbad schwimmen und kehrte pünktlich zum Ende der ersten Werbepause wieder.

Nach wenigen Stunden, also direkt am Ende des Zeichentrickfilms, den wir anschauten, schauten mich die Kinder verstört an.

„Mama, du bist alt. Warum tust du nichts dagegen? “

Kind 2.0 war bereits ins Bad geeilt und untersuchte meine Cremevorräte (also die eine Tube, die ich mitgenommen hatte).

„Keine Cremes mit Hyaluron? Nichts mit Repair-Komplex, kein Collagen-Boost? Nicht mal Skin Recovery oder Smoothing Effekt?“, stellte es mit leicht zitternder Stimme fest.

Kind 3.0 rollten schon wieder die Tränen über das Gesicht: „Aber Mama! Die sieben Zeichen der Hautalterung?“

Jetzt war ich auch alarmiert!

  • Trockenheit!
  • Große Poren!
  • Fältchen!
  • Pigmentflecken!
  • Schlaffheit!
  • Verlust an Lipiden! (OMG! WOHIN GEHEN DIE LIPIDE???)
  • Verlust an Collagenen (auch sie… einfach fort?)

Die Kinder kontrollierten mein Gesicht. Zumindest fünf Zeichen waren eindeutig identifizierbar. Wobei man bei den Pigmentflecken ja sagen muss, in meinem Alter weiß man eben nicht so genau, ob es sich um jugendliche Sommersprossen oder älterliche Altersflecken handelt – deswegen ist Pigmentfleck ein sehr klug gewählter Begriff. Sowas hat ganz bestimmt jede/r.

 

7 zeichen
Mit 7 Zeichen der Hautalterung ist man noch harmlos dabei, wie Google beweist

Da saßen wir bedröppelt und besorgt.

Nicht nur, dass mir bis vor einigen Tagen gar nicht klar war, wie es um mich und meine Haut steht, weil ich lieber Pokémon Go gespielt habe, als mich um meine Makel zu kümmern – nein – wir haben das alles als völlig normal hingenommen.

Ich dachte: ich bin jetzt über vierzig. Da hat man das ein oder andere Fältchen. Das Doppelkinn erschlaffft langsam, die Nasolabialfalte wird tiefer.

Ich war sozusagen einfach so im Reinen mit mir.

Ein bisschen zu viel Speck am Bauch, Falten im Gesicht, gelegentlich glanzloses Haar.

Hingenommen habe ich diese Veränderung.

Naja ICH – WIR alle haben das.

Wir dachten, es gäbe einen Unterschied zwischen Kindheit, Jugend, Adoleszenz und Alter, der sich auch in unterschiedlichem Aussehen niederschlägt.

Die Werbung hat uns aber glücklicherweise die Augen geöffnet und zwar gründlich.

Ich bin ein einziger Makel. Eine Schande. Der Archetyp von Unperfektion.

NATÜRLICH geht das nicht. NATÜRLICH kann ich nicht einfach altern und gar Übergewicht bekommen. Was hab ich mir nur dabei gedacht! Ich kann doch Eiweißshakes trinken, hungern, Bodyshapeunterwäsche tragen, ergraute Haare färben, Falten wegcremen und meinen Teint mit Makeup perfektionieren!

Ich verschwinde dann mal kurz im … Moment! Eines der Kinder ruft. Oh? Hier gibt es ein Pikachu! Oh wie toll! Boah! Mit 354 WP!

Vorurlaubsstress

packen
Alles mitnehmen ist möglich. HUG HUG HUG!

Kennt ihr diese American Football-Filme, in denen die Spieler zu Beginn des Spiels mit angespannten Muskeln in einem Kreis stehen, ihre Köpfe zusammen stecken und sich dann ermutigende Dinge zuschreien und dann irgendwelche rhythmische Urlaute von sich geben (naja eher brüllen)?

So stehe ich unter der Dusche. Also nicht immer und auch nicht mit zehn anderen Frauen – aber in der Vorurlaubszeit, wenn ich darüber nachdenke, wie viele Sachen ich mitnehmen kann.

Beziehungsweise korrekter wäre es ja zu sagen nicht mitnehmen kann.

Es ist nämlich so, dass wir mit dem Auto in den Urlaub fahren und ich neulich auf Twitter erfuhr, dass mein Freund einen Polo fährt.

Bislang dachte ich immer, er fährt einen Golf (Ganz genau gesagt, dachte ich immer, er fährt ein nicht weiter spezifiziertes silbernes Auto).

Was das für eine Rolle spielt? Eine ziemlich relevante. Denn 280 Liter statt 380 Liter [1] Platz im Kofferraum, das bedeutet v.a. Verzicht.

Im Grunde sind die 280 Liter schon mit dem Allernötigsten gefüllt. Playstation, Rechner, iPads, diverse Ladekabel, extra Fotokamera, Gameboys, Ball, Kartenspiele, Brettspiele, Strandmuschel, Sonnenschirm, Picknickdecke, Sandspielzeug, Bademäntel, Onesies, Milchschäumer, Kaffeemaschine, Sandwichmaker, Crepesbereiter, Popcorn-Maschine.

Zack. Voll. Und da ist noch nicht mal Kleidung dabei. Der 14 Tage Wetterbericht kommt uns da auch nicht entgegen und prophezeit von Regen bei 18 Grad bis prallen Sonnenschein bei 30 Grad alle Variationen.

Koffer
So spart man sich einen halben Koffer pro Person

Andererseits – was soll’s. Platz im Kofferraum gibt es ohnehin nicht. Also werden wir alles übereinander anziehen – also zumindest diejenigen, die nicht das Auto steuern, denn ich habe errechnet, dass man die Arme, wenn man alle Kleidungsstücke, die man bei dieser Wetterlage benötigt, übereinander anzieht, nur noch in einem 90 Grad Winkel parallel zum Körper abstrecken kann. Es wird sogar schwierig werden die Körpermitte so zu knicken dass man sich hinsetzen kann.

Für die Kinder vielleicht nicht so ein großes Problem. Die kann man hinten übereinander schichten und anschnallen. Vermutlich ist das sogar ziemlich sicher, weil sie ja gut gedämmt sind.

Der oder die Beifahrerin muss von der FahrerIn an der Beifahrertür in Position gebracht werden und dann ganz sanft mit dem Fuß und etwas Druck aufs Bein in die Sitzposition gedrückt und dann mit den Sitzgurten fixiert werden.

Bleiben nur die Badsachen. Zahnbürste und Zahnpasta ok, diese beiden Utensilien kommen auf jeden Fall mit – doch dann fängt es schon an. Kann man mehrere Wochen ohne Zahnseide leben? Ohne Mundspülung?

Was ist mit den Schminksachen? Und die Spülungen, Shampoos und Duschgels? Was mit Körpercremes und Bodyscrubs?

Und in meinem Alter: die Medikamente (und das sind wirklich nicht wenige). Wo sollen die hin?

Während ich über all diese Dinge also nachdenke und im Kopf plane, wie ich nur mit dem allerwichtigsten auskomme, schreie ich mir so wie diese Footballspieler Mut zu. HUG HUG HUG! DU SCHAFFST DAS. EIN PAAR WOCHEN URLAUB NUR MIT ZAHNBÜRSTE. EIN SHAMPOO FÜR ALLE. DUSCHEN KÖNNEN WIR UNS AUCH DAMIT! HUG HUG HUG!


[1] Sie erwarten von einem Menschen, der Autos aus Desinteresse nur anhand ihrer Farbe unterscheidet doch nicht eine Differenzierung von Unterarten und Baujahren der Polo und Golfreihe, nein? Gut.

Wenn ihr wissen wollt, warum die Kinder so gelungen sind: ich war’s nicht

kindergartenDie Kinder sind ganz hervorragend gelungen bislang. Ich würde mir jetzt sehr gerne auf die Schulter klopfen und mich loben, doch ich glaube, das hat andere Gründe.

Erstens, sie sind schon perfekt geboren.

Und zweitens: Sie haben jeweils fünf Jahre den wunderbarsten Kindergarten der Welt besucht.

Rein rechnerisch, da muss man ehrlich sein, haben sie mit den Erzieherinnen und Erziehern (ja! Wir haben tatsächlich auch Männer!) deutlich mehr Zeit verbracht als mit mir. Jeden Wochentag acht Stunden nämlich. Mit mir haben sie an einem Wochentag nur 5,5 Stunden verbracht.

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die bei diesem Gedanken den Kopf schütteln. Wie kann man nur! Wie kann man nur das arme, kleine Kind so früh und so lange fremdbetreuen lassen?

Ich gebe zu, bevor ich nach Berlin kam, dachte ich auch, sowas machen nur irgendwelche egomanen Menschen, die ihre Kinder aus undefinierbaren Gründen bekommen. Vielleicht einfach als Statussymbol?

In Berlin aber, da wird man meist wie ein Auto angeschaut, wenn man z.B. sagt, dass man mehr als 12 Monate Elternzeit nimmt: „Ja habt ihr euch denn nicht um einen Kindergartenplatz gekümmert?“

Tja. Ich habe es z.B. nicht geschafft die Kinder im August zu gebären. Vielleicht haben sie noch keine Kinder und wissen deswegen gar nicht, dass man Kinder nur im August bekommen sollte? Ich gebe zu, ich wusste das auch nicht. Hab sie einfach unterjährig bekommen und mich nicht nach dem Kindergartenjahr gerichtet.

Dabei ist es eigentlich ganz logisch. Wenn niemand wegzieht, gibt es für jedes eingeschulte Kind genau einen Platz und der startet im August.

Wusste ich nicht. Deswegen war Kind 3.0 z.B. steinalt als es eingewöhnt wurde. 18 Monate nämlich. Kind 2.0 hingegen 11 Monate.

Doch zurück zum Anfang.

Als ich schwanger wurde, begab ich mich auf Kindergartenplatzsuche. Auf gefühlten 200 Listen stand ich, von keiner Einrichtung bekam ich eine Zusage.

Dann machte um die Ecke ein Kindergarten neu auf. Das war allerdings schon 10 Monate nach der Geburt von Kind 2.0

Ich lief also mit Kind 2.0 rein und fragte nach einem freien Platz. Während ich mit der Leiterin sprach, krabbelte Kind 2.0 an mir vorbei, setze sich im Bastelraum auf einen der Miniaturstühle und begann zu basteln.

„Was hast du denn? Ein Mädchen oder ein Junge?“

Ich werde diesen Moment nie vergessen. So lange war ich schon auf der Suche, mir lag auf der Zunge zu sagen: „Was braucht ihr denn? Wir bekommen das noch umerzogen im Fall der Fälle.“

War dann aber gar nicht nötig. Das Geschlecht passte. Ich bekam das pädagogische Konzept in die Hand gedrückt und sollte mich Ende der Woche wieder melden.

Kind 2.0 hingegen war schon komplett integriert und lies sich nur widerstrebend mitnehmen.

Abends las ich das Konzept und dachte: „Himmel, wenn die hier 50% von dem gebacken bekommen, dann ist das der beste Kindergarten der Welt.“

Acht Jahre später kann ich sagen, sie haben jede gottverdammte Zeile umgesetzt. Jede.

Die tatsächliche Eingewöhnung mit Kind 2.0 war dann v.a. eine Entwöhnung für mich. In einem zehn Tage Programm lernte ich, dass mein Kind sich für andere Menschen als für mich begeisterte und das auch völlig OK so war.

Die Erzieherinnen waren sehr einfühlsam und geduldig mit mir.

Die Eingewöhnung mit Kind 3.0 dauerte ebenso lange. Allerdings hatte ich da schon kapiert, dass Kinder v.a. andere Kinder toll finden. Die Schwierigkeit war, Kind 3.0 an Abläufe zu gewöhnen. Bislang lebte ich nämlich mit Kind 3.0 so in den Tag hinein. Für nichts gab es eine feste Zeit. An einen regelmäßigen Mittagsschlaf war nicht zu denken.

Als das Kind am vierten Tag immer noch nicht in der Kita schlief, war ich etwas verstört. Doch auch hier hatten die Erzieherinnen Geduld mit mir.

Währenddessen gewöhnten sie Kind 3.0 an feste Punkte im Tagesprogramm. Kind 3.0 gab dann an Tag sieben nach, bestand aber darauf, dass alle Schlaflieder miaut wurden.

Als ich einmal im Nebenzimmer saß und eine der Erzieherinnen „Guten Abend, gute Nacht“ in „miau-miau miau miau miaumiau, miaumiaumiaaau iauuu“ singen hörte, zerschmolz mein Herz.

Meine Kinder waren so wunderbar dort aufgehoben. Es gibt keine Worte. Die Erzieherinnen und Erzieher sind für mich Engel*. Ihre Geduld, ihre Herzenswärme und ihr unbedingter Wille die Kinder zu begleiten und erblühen zu lassen, sie lassen sich nicht in Worte fassen.

 

Ganz besonders freue ich mich, dass die Erzieherinnen und Erzieher frei jeder Genderklischees sind. Jedes Kind durfte sich interessieren für was es sich interessieren wollte. Es gab keine Mädchenfarben, keine Jungsspielsachen, keine unnötigen Zuschreibungen. Wollte ein Junge Prinzessin sein, dann war er es. Wollten die Mädchen Fussball spielen, dann haben sie das gemacht.

Die Kinder wurden immer mit ihren Eigenheiten und Besonderheiten wahrgenommen. Als Individuen ernst genommen.

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Wenn Kind 3.0 von irgendeinem Thema begeistert war, dann durfte es das im Kindergarten ausleben, hier: Pokémon

Die Kinder durften alles ausprobieren und bekamen immer Antworten. Es wurden Socken eingepflanzt, um ein für alle Mal zu klären, ob Socken an Bäumen wachsen. Es wurden sich Filme zum Thema Urknall angeschaut und wochenlang wurde jede Frage zu Rochen beantwortet. Es wurde gekocht, gebacken, gemalt (bei Kind 3.0 gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt), gebastelt, gesungen, gelacht, geredet.

Es war für jedes Gefühl Platz, es gab immer Respekt und Liebe.

Jedes Kind wurde angenommen.

Ja, angenommen – das ist eigentlich das Stichwort.

Die Kinder kommen aus dem Kindergarten und wissen: Ich bin richtig, wie ich bin. Ich glaube, mehr kann man sich von einem Kindergarten (ach was, von irgendeinem nahestehenden Menschen) nicht wünschen.

Dafür bin ich so unendlich dankbar!

Wenn die Kinder später noch verhunzen – am Kindergarten lag’s nicht. So viel ist klar.


*schon das dritte Religionsding, ich bin einfach beseelt!

Monypolo – wie schön ist doch der Kapitalismus

Monypolo
Wir ziehen alle weiße Hemden und Krawatten an. Gleich gründen wir ein Unternehmen.

Ich trage einen Kopf aus Schaumgummi, der fast so groß ist wie der Rest meines Körpers. „TURBOKAPITALISMUS IST VIEL SCHÖNER ALS SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT!!!“, schreie ich aus vollem Halse und laufe Kreise.

Monypolo - Lobby
In der Lobby kann man Geschäfte anbandeln. Nicht alle sind 100% sauber.

Warum ich das tue? Um Punkte für meine Fähigkeit Lobbyismus zu sammeln. Die Lobbydame braucht nämlich Aktien. Damit ich die bekomme, muss ich das tun, was ich gerade tun. Hat mir der Schatzmeister aus dem Tresor befohlen.

Tatsächlich bekomme ich nach Ausführung meiner Aufgabe einen schönen Stapel Aktien ausgehändigt und laufe wieder zur Lobbydame. Ich händige ihr zwei Stück aus.

„Nur zwei?“, fragt sie.

„Ja, Sie haben ja nur gesagt, dass sie Aktien brauchen. Zwei ist Plural. Haben Sie mehr erwartet?“

„Naja, drei hätte ich schon gerne gehabt, aber das ist jetzt auch egal.“

Sie hebt ihr iPad und erhöht meinen Wert für Lobbyismus. YES! Die geklauten Aktien übergebe ich einem Mitspieler. „Mach‘ sie zu Geld!“, raune ich ihm zu.

Moment! Wovon rede ich da eigentlich?

Am Samstag habe ich bei „Monypolo – Liebe Dein System“ mitgespielt. Eine Art Mitmach-Theater. Es gibt ca. 20 Schauspielerinnen und Schauspieler, die feste Aufgaben haben, ein paar Regeln und geschätzte 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Eine davon bin ich.

Ich habe gerade mit fünf anderen Spielerinnen und Spielern ein Unternehmen im Bereich Dienstleistung gegründet. Wir haben das Monopol in diesem Bereich. Die anderen waren mehr an der Rüstungs- und Pharmaindustrie interessiert. Einige arbeiten auch im Bereich Textil, Energie oder Lebensmittel.

Jetzt müssen wir Kapital bilden und unsere Fähigkeiten ausbauen. Je höher die Fähigkeiten, desto höher der Ertrag.

Ich absolviere also Aufgaben ohne Ende um irgendwie zum Gedeihen meines Unternehmens beizutragen. Meine Kolleginnen machen was ähnliches, glaube ich jedenfalls, so richtig haben wir uns nicht abgesprochen. Unternehmensstil „diffus“ haben wir in unser Gründungsformular eingetragen, das wir bei der Kammer eingereicht haben. Das trifft es ganz gut.

Das Spiel läuft mehrere Marktzyklen durch. Jeder Zyklus hat 90 Tage, die Tage laufen in einer Projektion runter wie ein Countdown.

Unsere Firma dümpelt so dahin. Mittelfeld.

Jeder Zyklus wird mit einer Bilanz beendet. Die Herren der Kammer verlesen dann die Ergebnisse, senken oder erhöhen Steuern oder verlesen andere Regeländerungen.

Monypolo - Tresor
Man erahnt an der Ausstattung des Tresors, dass das Geld nicht nur in die Firmen fließt.

„Wer Platz 2 ist, ist egal. Es zählt nur der erste Platz. Es gibt keine zweiten.“, verkündet der Mitarbeiter der Kammer.

In der Zwischenzeit gab es Fusionen. Ein Pharma-Rüstungskonzern steht an der Marktspitze.

OK! Ich muss an meiner Skrupellosigkeit arbeiten. Dafür muss ich einem Spieler sein Plüschschweinchen klauen. Diplomatie brauche ich auch! Fast scheitere ich an meiner Aufgabe: Ich muss einen Tisch korrekt eindecken. Irgendwas von innen nach außen, Dessertlöffel nach oben, aber der Rest?

Immer noch zu wenig Geld. Wir beschließen also Investoren aufzusuchen.

Monypolo - Finanzierungsräume
Nicht unbedingt einladend, der Vorraum zur Finanzierung

Nicht gerade freundlich diese Finanzierungsräume. Wir werden gemeinsam eingesperrt, das Licht wird aus gemacht, an den Wänden erscheinen in neonfarben Sprüche. Wir haben 60 Sekunden unser Unternehmen vorzustellen. Wie in diesen Realityshows.

45.000 bekommen wir, allerdings wollen die Investoren zu 40% am Gewinn beteiligt werden.

Wir versuchen zu handeln und obwohl unser CEO (den es in der Zwischenzeit gibt) sehr eloquent ist, setzen wir uns nicht so richtig durch.

Den Bereich Innovation sollen wir ausbauen. Alles klar, denke ich, und laufe zum Labor, wo das geht. Zu meiner großen Freude muss man dort basteln. Einen ganzen Wirtschaftszyklus bastle ich also.

Monypolo - Übersee
Sport im Schaumgummibecken. Hab schon weniger anstrengendes gemacht.

Dann muss ich nach Übersee, wo ich in einem Schaumgummipool Sport machen muss (ich schwitze!) und dann am Strand Treibgut einsammele, um daraus Schmuck zu fertigen.

Unser Kapital allerdings will einfach nicht wachsen.

Ich verdächtige einen meiner Kollegen, dass er im Tresor, wo er öfter ist, unser Geld verspielt. Dort kann man nämlich dem Glücksspiel frönen…

Eine Spielstunde später verstehe ich etwas peinlich berührt, dass ich das ganze Geld ausgegeben habe. Wie im echten Leben kostet Fortbildung nämlich eine Menge Geld. Der Ausbau meiner Fähigkeiten, die in der Zwischenzeit sehr gut ausdifferenziert sind, hat schlappe 50.000 gekostet.

Monypolo - Fähigkeiten
Upsi. Fährigkeiten erwerben kostet Geld. Ich hab aus Versehen ziemlich viel Geld ausgegeben.

Im letzten Spielzyklus erkennen wir, dass wir nicht mehr gewinnen können. Wir entscheiden unseren gesamten Kapitalwert an der Bar zu verjubeln (das geht!).

„Was hast du eigentlich gemacht ausser unsere Finanzierung klar zu machen? Hast du deine Eloquenz noch anders einsetzen können?“, frage ich meinen Freund, der auch mit dabei war.

„Ich musste jemanden unangenehme Dinge durch die Blume sagen. Dafür habe ich eine Vase mit Blumen vor mein Gesicht gehalten und einer fremden Frau gesagt, dass ihre Augenringe wie kleine Teetassen aussehen.“

Ich muss lachen und sonst?

„Habe ich versucht die Spielregeln zu verstehen und habe verhandelt.“

Wir stoßen mit unserem Bier an. Die anderen Firmenmitglieder haben in der Zwischenzeit einen Fusionierungsvertrag gegengezeichnet. Gut, dass die nicht die TAN Liste für Firmenaktionen haben. Bestimmt wäre ich sonst entlassen worden.


Ich hatte am Samstag viel Spaß bei Monypolo. Leider war das auch schon die letzte Vorstellung. Letztes Jahr hat das Team, „Das Spiel des Lebens“ angeboten. Nächstes Jahr wird es wieder etwas geben. Folgt den Spielemachern Prinzip Gonzo doch auf Twitter oder abonniert deren Newsletter oder den des Ballhaus Ost. Dann könnt ihr 2017 auch mitmachen.