Wir waren vor drei Wochen auch in Stockholm, allerdings um uns Boote anzuschauen und sind dadurch mit sehr unterschiedlichen Gegenden und Menschen zusammengekommen. Unsere Beobachtung war Deiner sehr ähnlich, alles so sauber, adrett, fast ekelhaft idyllisch, egal, wo man hingeguckt hat, die Menschen unfassbar freundlich und hilfsbereit. Die Eigner der Boote haben uns vom Hostel abgeholt, sind mit uns zu den Marinas gefahren, haben uns anschließend bewirtet und wieder bis vor die Haustür gefahren. Wir waren überwältigt (und wir reden hier nicht von Luxusyachten, die wir kaufen wollten, sondern kleinen, 60 Jahre alten Holzbooten). Etwas revidiert wurde der Eindruck des idyllisch-perfekten Schweden allerdings durch das, was sie uns erzählten. Der eine Eigner, ein Deutscher, der vor 15 Jahren nach Schweden ausgewandert ist und in Stockholm als Busfahrer arbeitet, wohnt mittlerweile 80 Kilometer außerhalb, weil die Stockholmer Innenstadt für geringere Gehaltsklassen unerschwinglich ist. Die Marina lag in Fittja, in der Peripherie Stockholms, wo man dann das „Millionenprogramm“ sieht – ein soziales Häuserprojekt der 60er und 70er. Hier ist nichts mehr idyllisch. Das gleiche erzählte der zweite Eigner, seines Zeichens Anwalt, der in Södermalm, also mitten in der Innenstadt wohnt. Stockholm hätte die Armut, seine Geringverdiener und Immigranten erfolgreich in der Peripherie untergebracht. Die Innenstadt sei weiß, wohlhabend, sauber und ordentlich. Eine quasi segregierte Stadt.

Ich glaube, man kann sich die Sommerschwedenidylle erklären, indem man überlegt, was man eben nicht gesehen hat.

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