Ich fühl mich so leer, ich fühl mich Brandenburg*

Häuschen im skandinavischen Stil
Symbolbild Häuschen im skandinavischen Stil Quelle: Snufkin @Pixabay

Wir sind bislang jeden Tag ein Stück um den See gelaufen. Eine Art Promenade oder einen richtigen Uferweg gibt es nicht. Es sind eher Trampelpfade, die vereinzelt von Privatgrundstücken, die direkt ans Wasser reichen, unterbrochen werden.

Ich finde erstaunlich, dass es so nah an Berlin einen so großen See gibt, der nicht komplett zugebaut ist.
Die paar Häuser, die hier stehen, weisen eine rätselhafte Architektur auf. Entweder sie sind aus dunklem Holz und erinnern mich an den Schwarzwald – nur dass sie aussehen wie eilig von Hand zusammengezimmert oder es sind völlig geschmacklose Prunkvillen, die wie aus einem Katalog bestellt aussehen. Ohne Charme, Charakter und Stil. Groß, kalt, pastellig, vier Säulen zum See.

Ich stelle mir vor wie wohlhabende Menschen gelangweilt in einem Fertigvillenkatalog blättern: Villa Rimini, 450.000 Euro, Villa Miracolo 570.000 Euro, Palazzo Pomposo 320.000 Euro.

Ein Stückchen näher zu unserem Feriendomizil gibt es Häuschen im skandinavischen Stil (steht zumindest auf der Immobilienanzeige). Sie kosten nur 220.000 Euro. Wenn man so wie ich, die Berliner Immobilienpreise gewöhnt ist und dann sieht, dass man für nur 220.000 Euro ein 90 qm großes, neues Häuschen direkt an einem See haben kann, dann beschleicht einen der Gedanke: Ach, so ein Häuschen… ach was, ZWEI Häuschen… das könnte man sich locker leisten. Nullprozentfinanzierung (denn kein Schwein schafft es bei den Lebenshaltungskosten auch noch Geld anzusparen), schon in 40 Jahren abgezahlt und dann hat man es schön hier, wenn man alt ist bzw. es bleiben einem mit etwas Glück noch ein bis zwei Jahre, die man das Häuschen schuldenfrei genießen kann, bevor man stirbt.

Symbolbild Winterdienst in Brandenburg Quelle: Pixaline @Pixabay

Es hat geschneit und alle Wege sind geräumt. Wirklich alle. Ich schaue gegen 6 Uhr morgens aus unserem Schlafzimmerfenster, selbst der Weg neben unserem Parkplatz ist geräumt. Der Gehweg, die Straße, die Hauptstraße sowieso, der Trampelpfad zum Bäcker.

Wie machen die das?
Bzw. wie kann es sein, dass die Berliner Unternehmen, die für den Winterdienst in der Hauptstadt zuständig sind, es nie gebacken bekommen?
Geräumte Gehwege! In Berlin walzt man die Schneedecke platt und dann streut man wie irre Kies (oder wie das heißt) drüber.
Das macht man jeden Morgen an dem es schneit. Wie eine Lasagne aus geplättetem Schnee und Streu.

Wenn es taut, ist alles voller Matsch und es liegen Tonnen an Streu herum. Ist der ganze Schnee verschwunden, kommen Männer mit Laubbläsern (ich schwöre, ich habe das wirklich mehrere Male gesehen!) und pusten den Streu maximal ineffizient an die Wegesränder, von wo aus er irgendwann verschwindet.

Vielleicht könnte die Berliner sich ja mal einen Winderdienst Experten aus Brandenburg ausleihen und die machen dann ein Bootcamp zum Thema Schnee.
Wahrscheinlich haben die Brandenburger einfach die geilere Technik. Echtzeitkarten mit automatisch ausgelösten Räum-Alarmen, wenn die Temperatur unter 4 Grad fällt.
Ich denke, der Brandenburger Winterdienst sitzt wie anderswo die Feuerwehr in einem Winterdienstquartier und wenn die Wetter-App Schneegefahr meldet, dann springen alle von ihren Plätzen direkt in die Stiefel, um die die Schneehosen schon drapiert sind und fahren mit ihren Räumfahrzeugen los.
Elektroräumfahrzeuge müssen es sein, denn ich habe hier noch nie ein Geräusch gehört.

Überhaupt. Diese Stille hier macht mich völlig verrückt. Zum Glück haben wir die Kinder dabei, die ständig rumschreien, weil sie im Schnee spielen. „Schau mal, Mama. Mama, Mama, Mama! MAAAAMA.“
Ich denke an meine Mutter mit ihrem Spruch: „Für jedes Mama ne Mark und ich bin Millionärin!“

Aber im Ernst, außer unseren Kindern macht hier niemand Krach. Die Menschen nicht, die Fahrzeuge nicht (weil es einfach keine gibt), kein Laut aus den winterschlafenden Häusern, in den Restaurants sind wir alleine.
Einmal flog eine Kohlmeise auf unsere Terrasse. Die Kinder waren ganz aufgeregt. „NATUR! MAMAMAAAAA! KOMM! SCHAU MAL EIN VOGEL!“ Er macht „piep“, es klang wie ein sehr rabiates PIEP. Wahrscheinlich hat er die Kinder geschimpft weil sie so laut waren.

Abends, gegen 24 Uhr, wenn wir ins Bett gehen, öffne ich nochmal das Fenster um Sauerstoff rein zu lassen und horche in die Nacht. Es ist wirklich NICHTS zu hören. Keine entfernte Straße, nicht mal die Straßenlaternen summen.

Zwei Tage gefällt mir das, doch dann fängt es an mich nervös zu machen. Was ist hier eigentlich los? Wo sind die Menschen? Wo sind die Geräusche? Wahrscheinlich werden alle Touristen, die länger als zehn Tage hier sind von irgendeinem Wesen (dem großen Brandenburg Golpsch!) geholt und verschlungen, dann ist wieder Ruhe.

Ich denke an den Liedtext Auszeit von Marteria

Ja ich vermiss diese Stadt
Hab‘ die Bikinis und Frisbees so satt
Morgens beim Aufstehen hilft mir ein Krahn
Ich träum‘ von ’nem Haus mitten auf der Autobahn
Der Abend dämmert, hier schreien keine Lämmer
Kein Druck, keine Pressluft die hämmert
Kann diese Ruhe nicht gebrauchten
Dreh das Radio auf, such den lautesten Sender
Brauch ’n Kiez voll mit Jugendbanden
Kann nur schlafen, wenn neben mir Flugzeuge Landen

Quelle: Marteria „Auszeit“

Ja, das gilt auch für mich. Ich bin Stadtmensch. Diese Ruhe hier ist kaum auszuhalten.

Whirlpool
Symbolbild Whirlpool Quelle: derRenner @Pixabay

Apropos Ruhe. Wir haben einen Whirlpool. Völlig irre so ein Teil. Eine Eckbadewanne mit 300 Liter Fassungsvermögen. Macht pro Bad 2 Euro 10 Cent wenn ein Liter Wasser 0,7 Cent kostet.
Der Whirlpool hat zwei unterschiedliche Düsen. Blubberdüsen und Jetdüsen, ich nenne sie mal Jetdüsen, weil sie sind so laut wie ein Jet.
Außer uns hat bestimmt niemand in Brandenburg jemals gewagt die Jetdüsen ein zweites Mal anzustellen.

Meine App zeigt tatsächlich 110 Dezibel.

Trotz meiner ersten, nicht so erfreulichen Whirlpoolerfahrung versuche ich es ein zweites Mal mit dem Whirlpool.
Die Düsen brauchen 3000 kW die Stunde, denke ich als ich ins Wasser gleite. Aber was kostet die Welt! Ich habe Urlaub. Heute gönne ich mir einfach den ohrenbetäubenden Krach. Schließlich arbeite ich 30 Stunden die Woche. Irgendwie muss ich mein Geld auch wieder unter die Leute bekommen.

Ich stelle die Jetdüsen also auf volle Pulle. WAHNSINN. Druckmäßig passiert fast nichts, zur Massage völlig ungeeignet, aber der Lärm lockt unser geräuschintensives Kind 3.0 an den Pool.
„YEAAAHHHHHH! HUUUHUUUU! JUHHUUUUUUU!!!!“ schreit es, würde ich messen, vermutlich weitere 20 dB lauter als der Pool.
„WAS IST DAS?“
„EIN WHIRLPOOL!“
„FÜR WAS BRAUCHT MAN DAS?“
„KEINE AHNUNG!!!“
„YEEEAAAAHHHHHHHHHHH. HHHUUUUUUUUIIIHHUUUUUUU!!!“

Während ich also mit schmerzenden Ohren im Whirlpool sitze, denke ich mir, wenn ich irgendein CEO eines Startups wäre, ich würde versuchen rauszubekommen, wer das Marketing für Whirpools gemacht hat.
Das ist doch eine irre Sache. 110 dB ist der Irrsinn laut, bewirkt rein gar nichts, einfach nur LAUT und irgendwer auf diesem Planeten hat es geschafft, das als Wellness zu verkaufen.

Wellness! Muss man sich mal vorstellen. Das ist so als wenn man ein Gerät erfindet, dass einen in den Magen schlägt und es dann für 150 Euro (ist ja nur To Go) an alle Welt als der neuste heiße Scheiss am Wellnessmarkt verkauft. (Immerhin so ein Schlag in den Magen ist viel entspannender als das was man heutzutage jeden verdammten Morgen in den Nachrichten liest).
Ich schreibe mir als Merker auf einen Zettel „Whirlpool Marketing Genie recherchieren“.

Findling
Symbolbild Findling Quelle: katzengraben @Pixabay

Ein anderes Marketinggenie arbeitet in der Touristenbehörde Brandenburgs. Nachdem wir nämlich drei Tage um den See gelaufen sind, denke ich mir: Man könnte ja auch mal was anderes machen und googele „Ausflüge kindertauglich Brandenburg“ und stoße auf eine Seite, die mir eine Wanderung durch die Rauenschen Berge anpreist. Nur zweieinhalb Kilometer vom Waldparkplatz zum Aussichtsturm. Super. Da machen wir.

Es gibt nämlich nicht nur den Aussichtsturm von dem aus man angeblich den Berliner Fernsehturm sehen kann, sondern es gibt auch ACHTUNG zwei Steine.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Steine. Große Steine zugebenermaßen – aber es werden tatsächlich Steine als Sehenswürdigkeit angeboten.

Auf der Seite Touristischesuperlative.de lese ich, dass es sich bei einem der beiden Steine um den größten landliegenden Findling Brandenburgs handelt.
Die Steine heißen großer und kleiner Markgrafenstein. Wobei der kleine Markgrafenstein der größere der beiden Steine ist. Natürlich war ursprünglich der größere der beiden Steine der große Markgrafenstein – aber wie Menschen so sind, musste der große Markgrafenstein natürlich zerteilt werden, damit man irgendwas nutzloses herstellen konnte – in dem Fall die große Granitsteinschale im Lustgarten.

Zusammen mit diesem abgeschlagenen Teil wäre der Reststein 800 Tonnen schwer, und – jetzt halten Sie sich bitte fest – damit wäre der Findling auch der größte landliegende (was ist das eigentlich? Was sind wasserliegende Findlinge und kann man die auch besichtigen?) Findling nördlich von Berlin!!!

Jetzt aber ist der kleinere der Markgrafensteine der größte. Umbenannt wurde er trotzdem nicht. Obwohl er viel größer ist, heißt er für immer kleiner Markgrafenstein.

Wie sich der kleine Markgrafenstein damit fühlt, der ja nun seit vielen Jahren der faktisch größere der beiden Steine ist, vermag ich mir nur vorzustellen.
Da kriecht man Jahrhunderte mit einer Moräne von Schweden bis Brandenburg, immer der kleinere der beiden Steinbuddys, hat sich schon damit abgefunden – ich bin eben nur 280 Tonnen schwer – und dann kommt DIE Chance und der Angebergranitklotz, der einem vermutlich nur die ganze Zeit gefolgt ist, um sagen zu können: „WUHUUU, schaut mich an, ich bin ja viel größer!“ wird um 550 Tonnen verkleinert… und dann bleibt man trotzdem für IMMER der kleine Markgrafenstein.
Also das ist kein schönes Schicksal.

Egal wie, wir stapfen durch den Schnee zu den beiden Steinen und machen pflichtbewusst ein Foto.

Ich glaube, damit haben wir im Urlaub alles erreicht was geht.


*Zitat aus dem Lied „Brandenburg“ von Reinald Grebe

Die hinreichend gute Mutter

Natürlich wäre ich gerne eine gute Mutter. Eine perfekte Mutter. Warmherzig, verständnisvoll, kritisch, aber nicht überkritisch, verlässlich, aber nicht zu gluckig. Ich büke gerne am Wochenende, ich kochte jeden Abend gesundes, wohlschmeckendes Essen, könnte vielleicht sogar nähen, so dass ich unabhängig von der Rosahellblauindustrie den Kindern Kleidung schenken könnte. Ich wäre immer geduldig, nie laut, nie genervt, ein gutes Vorbild.
Nie würde ich vergessen ins Elternheft zu schauen, in den Ferien würde ich immer an die Brotdosen denken. Ich sähe auch nie zerknautscht aus, faltenfrei auch an der Hose, so dass ich jederzeit vorzeigbar wäre.
Peinliche Dinge sagte und täte ich nie, noch nie hätte ich gehört „Du bist die gemeinste Mama der Welt!“ noch nie „Ich mag dich nicht, du bist *******!!!“.

Doch – ach – ich bin all das nicht. Zumindest nicht immer.
Oft bin ich erschöpft, ungeduldig, manchmal vielleicht auch einfach faul. Ich schaffe es nicht meine Bedürfnisse immer hinten an zu stellen. Am Ende, ach, ach, bin ich ein Mensch.

Wie gerne habe ich deswegen das Interview mit Élisabeth Badinter in der Zeit Online gelesen.

Élisabeth Badinter sagt unter anderem:

Alle Mütter sind nur mittelmäßige Mütter. Weil sie Frauen, also Menschen sind.

Meine Therapeutin sagt mir das auch immer wieder: Mehr als eine hinreichend gute Mutter können sie nicht sein.

Am Anfang war ich empört. Das ist ja schön faul. Die perfekte Ausrede. Ich bin eben so. Was kann ich dafür?

So ist mein Anspruch an mich selbst nicht. In keinem Bereich. Nicht im Muttersein, nicht im Partnerin sein, nicht als Freundin, nicht im Arbeitskontext.

Mit der Zeit habe ich aber verstanden, dass diese Erkenntnis nicht ausschließt, dass man es nicht trotzdem versucht. Dass man nicht trotzdem jeden Tag versucht es besser zu machen.

An manchen Tagen gehe ich abends eben ins Bett und bin gescheitert. War ungeduldig, habe Dinge vergessen, war zu erschöpft, um aufmerksam zu sein, hab mich falsch verhalten.

Aber dann kommt eben ein neuer Tag und ich kann es wieder versuchen – nur eben nicht auf dem völlig überzogenen, nie zu erreichenden Ideal-Niveau – sondern mit der Erlaubnis zu scheitern und somit auch weichherzig für das Scheitern der anderen zu werden.

Den Perfektionismus in eine Ausstellungsvitrine zu stecken und ihn abzulegen, hat mich weich gemacht. Das tut unglaublich gut.

Der Perfektionismus davor hat mich nämlich streng und hart gemacht. Mit mir und auch mit den anderen, die es sich einfach gestatten zu scheitern, die mit 80% zufrieden sind. Die nicht abends todmüde noch durch die Wohnung kriechen und sie aufräumen. Die morgens nicht noch früher aufstehen, um alles geregelt zu bekommen.

Was fällt denen ein? Sie setzen sich mit einem Glas Wein in das unaufgeräumte Wohnzimmer und essen nach 18 Uhr Kohlenhydrate??!

Für manche ist es vielleicht nicht nachvollziehbar, aber für mich war es lange Zeit eine Qual nicht all dem nachzugehen, was ich dachte, was ich zu erfüllen hätte, von dem ich dachte, ich müsse es tun, weil „man“ es eben so macht.

Es ist ein ewiges Kämpfen gegen Windmühlen, mit zusammengebissenen Zähnen, den eigenen Schmerz, die eigene Erschöpfung, die eigenen Gefühle ignorieren.

Jetzt laufe ich dauerhaft auf 60 – manchmal auf 80%. Nie aber auf 100 und v.a. es tut mir nur noch selten weh, dass ich an den 100% so kläglich scheitere.

Am Ende kann ich jetzt nur hoffen, dass ich zwanzig Jahren nicht doch denke, ach hätte ich mich nur besser zusammengerissen, ach wäre ich disziplinierter gewesen.

Viel lieber wäre mir natürlich, dass ich mit meinen Kindern in meiner mittelgut aufgeräumten Wohnung säße, wir uns lachend unterhielten, während wir mittelgute Pizza, selbstbelegt, aber aus ausrollbarem Hefeteig äßen und uns alle einig wären, dass das schon OK so war.

Doch zurück zum Muttersein. Ich beobachte in meinem Umfeld interessiert die Mutter-Kind-Beziehungen der erwachsenen Freunde. Tatsächlich gibt es unter all meinen Freundinnen und Freunden genau drei Mütter, die für mich vorbildhaft sind was das Verhältnis zu ihren Kindern angeht. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind bedingungslos da für ihre Kinder wenn sie gebraucht werden und ansonsten – lassen sie ihren Kindern einfach alle Freiheiten.

Auch hierzu findet sich im Interview ein Satz zum Thema „Was macht eine gute Mutter aus?“

Die richtige Distanz. Eine gute Mutter ist eine, die es schafft, die richtige Distanz zu ihrem Kind zu halten. Und von denen gibt es sehr wenige. Ich würde sagen, sie sind so selten wie die Mozarts in der Musik.

Sie wird gefragt, ob sie denn selbst eine gute Mutter ist und sagt:

Nein, ich bin eine schlechte Mutter. Das sage ich immer, damit bin ich fein raus. Tatsächlich kann man das nie wissen. Häufig fällt man Entscheidungen, von denen man Jahre später denkt, das war totaler Blödsinn. Man weiß erst im Alter, ob man nicht alles falsch gemacht hat, nämlich dann, wenn die Kinder immer noch freiwillig zu Besuch kommen.

Jedenfalls, lest das Interview selbst. Es steht viel Gutes darin. Sie redet auch über die sich verändernden Väter, über die Väter, die bessere Väter (im Sinne von engerer Bindung zu den Kindern) werden, weil sie von ihren Partnerinnen getrennt sind, sie redet über Gleichberechtigung, über kulturell geprägte Rollenbilder und über die Rückrollbewegung zur „natürlichen Mutterschaft“.

Kann ich nicht alles unterschreiben, aber 80% und das ist für mich gut genug.

Neue Traditionen

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Pixabay @Hans

Ich komme aus Köln. Es war eine Frage der Zeit bis alle Feste, die irgendwie mit Verkleiden und Fröhlichkeit zu tun haben, meine Lieblingsfeste würden. Kein Wunder also, dass ich in der Zwischenzeit Halloween sehr gerne mag.

2007 habe ich mich noch versucht misanthropisch zu wehren. 2013 entnehme ich meinem Blog-Archiv, war mein Widerstand bereits vollständig gebrochen.

Tatsächlich aber ist mir dieses Türgeklingel zuwider. Es ist so aufdringlich. So intimsphärisch. Also selbige aufbrechend.

Ich habe mich also verweigert und den Kindern alternativ angeboten, dass wir uns der kiezseitig organisierten Gruppe süßigkeitensammelnder Kinder anschließen.

Punkt 18 Uhr sollte es los gehen. (Wobei ich gestehen muss: ich dachte ACHTZEHN UHR, das ist das autonome Friedrichshain, auf die Uhrzeit achtet hier niemand. Bestimmt gehen die nie pünktlich los. Also holte ich die Kinder erst nach dem Sport ab, schminkte sie gemächlich und wir nähten uns noch in aller Ruhe ein paar Kostüme bevor wie dann losschlenderten.)

Die Gruppe kam uns jedenfalls um 17.57 Uhr bereits entgegen. Gut hundert Kinder obwohl es regnete. Alles straff organisiert. Vorneweg die Polizei – der Gruselumzug durfte mitten auf der Straße laufen. Für die Gruppe wurden sechs Repräsentant:innen ausgewählt, welche drei Tonnen mit Tragegriffen transportieren durften.

Diese durften eine vorher festgelegte Strecke ablaufen und einige Geschäfte abklappern, die sich im Vorfeld spendenbereit gemeldet hatten.

Zwischendrin Trommelmusik und Dudelsackgetröte und laute „BONBONREGEN! BONBONREGEN! BONBONREGEN!“ Rufe.

Der Umzug der Schaudergestalten kam immer wieder zum Halt und wenn ausreichend laut die Parole geschrieen wurde, traten Menschen auf die umliegenden Balkone und warfen mehr oder weniger engagiert Süßigkeiten von den Balustraden.

Manche schlapp, andere ganze Packungen entleerend, wieder andere schoben ihren Nachwuchs vor, der gewissenhaft Bonbon für Bonbon hinunterwarf.

Halloween
BONBONREGEN!

Die Kinder sammelten eifrig die bunten Süßigkeiten aus den Regenpfützen und Hundehaufen und warfen sie solidarisch in die Gruppentonnen.

Nach 1,5 Stunden kehrte man ein, verteilte alle Kamellen gerecht auf die 100 Kinder und verbrannte geschwind als Höhepunkt des Abends noch ein Holzpferd.

Halloween

So entstehen neue Traditionen. Ich glaube nämlich, dass die meisten Anwohner:innen gar nicht wussten, dass sie heute Bonbons von ihren Balkonen werfen sollen. Ich wette daher, dass sie nächstes Jahr gewappnet sein werden und dass wir dann die Regenschirme umdrehen werden und Tonnen an Bonbons sammeln werden.

So wie am Rosenmontag in Köln. Das ist wunderbar! und gefällt mir viel besser als dieses Türgeklingel.

Berlin! Ich muss dich einfach lieben.

Halloween
Schnelle Verkleidung: Der Schminkunfall

Schulzeit

Selbstklebende Folie - ein großer Spaß
Selbstklebende Folie – ein großer Elternspaß zum Beginn des Schuljahres

Da ist sie wieder: die Schulbüchereinbindezeit
Die letzten Jahre bin ich schier daran verzweifelt. Selbstklebende Folie klebt bei mir überall nur nicht an dem Buch. Es sei denn man hat schief angefangen. Dann klebt sie für immer. Unentfernbar.
Ausflippen könnte ich da. Und ich schwöre, auch wenn das im Blog vielleicht manchmal nicht so wirkt: Ich bin ein total ruhiger Mensch. Eher etwas verlangsamt. Leicht faultierhaft. Meine Gedanken ruhen sich oft aus und wenn dann der Groschen fällt, ist es meist zu spät.
Mein Symbol ist der erhobene Zeigefinger in der Luft, der anzeigt, dass mir gerade was eingefallen ist. Ca. eine halbe Stunde zu spät.
So bin ich. Sehr ruhig und langsam.

Aber selbstklebende Folie zum Einbinden von Schulbüchern ist mein Feind, mein Endgegner, in Sekunden pochen meine Schläfen, das Blut rauscht, der Mund wird trocken, die Hände zittern, ich werde zum Einbindehulk.

Ja und wenn ich dann für ein Kind die Bücher eingebunden habe [1] (so schlecht, dass die Lehrerin dem Kind was ins Elternheft schreibt: „Bitte das nächste Mal einen Elternteil die Bücher einbinden lassen“ …), dann kommt die zweite Disziplin: Das Beschriften.

Auf diverse Bücher, Hefte und Plastikhefter muss ich den Namen des Kindes schreiben.
Wer schon mal die dünnen Papierstreifen aus Plastikheftern raus- und v.a. wieder reingepult hat, der weiß wovon ich spreche. (I hear you sister! )

Immer und immer wieder. Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, .

Die Hände werden schwach, die Schrift schwabbelig (wieder ein Eintrag im Elternheft, neinneinnein!).

Und ab 2016 sind alle drei Kinder Schulkinder. Yeah!
Zwei Wochen Urlaub kann ich im Sommer nehmen. Eine zum Urlaub machen, eine um Schulmaterialien vorzubereiten.

Hass. Hass. Hass.

Wo ist das Zeitalter der Digitalisierung geblieben? Warum muss ich Bücher im Umfang einer Dorf-Bibliothek einbinden und beschriften und das Kind muss sie täglich schleppen?

WARUM?

Ein schönes, kleines Ebook täte es doch auch?

Nein, natürlich nicht. In 100 Jahren nicht. Die Kulturpessimisten halten fest am jährlichen Elterfolterritual. (Und ganz ehrlich: Wir müssen jedes Jahr für rund 130 Euro Schulbücher kaufen… das mit dem technischen Endgerät kann keine Frage des Preises sein)

Gut und kultiviert ist eben nur das Papier. Danke Herr Spitzer.

So klebe und beschrifte ich, wie die Goldmarie Betten ausschüttelt. Nur dass ich hinterher durch kein Tor schreite und mit Gold übergossen werde, sondern Einträge ins Elternheft bekomme, die mir sagen, ich soll es besser machen.

Und dann heute, heute ist was wunderbares passiert.
Nach all den Jahren der Tortour habe ich mich überwunden und fertige Buchumschläge gekauft. Weil die auf Twitter mir das gesagt haben: Geh mit den Büchern in einen Laden und suche dir die passenden Umschläge dazu.

Gut, meinen Geiz zu überwinden war nicht leicht. Kostentechnisch ein Gau. Gut zehn Mal so teuer wie die verhasste Klebefolie. Aber was solls. Die Kinder sind im Urlaub – ich muss gerade kein Essen kaufen. Dann esse ich eben mal Kühlschrankreste. Einen kleinen Klumpen Butter. Einen Haps Lavendel vom Balkon. Etwas geraspelte Folie mit Käserinde und schon ist das Konto wieder ausgeglichen.

Und was soll ich sagen? Zwanzig Minuten hab ich gebraucht. ZWANZIG – MINUTEN – statt DREI STUNDEN!

So springe ich also durch die Wohnung. Zahlen schreiend. Wie Rumpelstilzchen. Da blickt der Freund etwas träge in meine Richtung und sagt vier magische Worte:

Ich

habe

eine

Etikettiermaschine.

Wie leicht sich das sagen lässt. Etikettiermaschine.
Er kramt und holt ein Gerät hervor, das aussieht wie einer der übergroßen Taschenrechner mit denen meine Mutter in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Buchhaltung gemacht hat. Ratratrat. Brrrrr. Brrrr. Ratrat.

Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie ein Schleier vom Hirn. Die Kinder, sie haben verdammt nochmal alle den selben Namen. Also Nachnamen – und – jetzt kommt es: Ihre Vornamen beginnen alle mit dem selben Buchstaben.

Wie eine Ärztin (einfingrig und mit Nachdruck, so als ob man die Tasten einer Schreibmaschine anschlägt) gebe ich den Namen ein: „T. Cammarata“. Ich beginne mit den Materialien des ältesten Kindes. „T PUNKT CAMMARATA, Klasse drölzig A“ und da höre ich eine Stimme, an der Zimmerdecke tut sich ein Riss auf, ein Licht kommt auf mich zu – ich – bin – erleuchtet.

Ab jetzt bis in alle Zukunft spare ich Arbeit. Wenn das eine Kind aus der höheren Klasse eine Klasse weiterrückt, muss ich nur noch die bereits eingebundenen und beschrifteten Materialien von dem einen in den anderen Schulranzen legen.

Fertig.

FERTIG!

VERSTEHEN SIE?

Wieviel Zeit man spart?

Ratratrat. „T. Cammarata“.

Wenn Sie also gerade schwanger sind – die Bedeutung eines Namens, der Klang, die Schreibweise, das Verhunzungspotential, die Schreibarkeit am Spielplatz – es. ist. alles. egal.

Hauptsache gleicher Anfangsbuchstabe.

Das ist mein Rat.
Ich bin leidgeprüfte und erfahrene Mutter.

Hören Sie auf mich.


 

[1] Drei Stunden brauche ich im Schnitt

Der Rückblick 2015

Wenn ihr wissen wollt, warum die Kinder so gelungen sind: ich war’s nicht

kindergartenDie Kinder sind ganz hervorragend gelungen bislang. Ich würde mir jetzt sehr gerne auf die Schulter klopfen und mich loben, doch ich glaube, das hat andere Gründe.

Erstens, sie sind schon perfekt geboren.

Und zweitens: Sie haben jeweils fünf Jahre den wunderbarsten Kindergarten der Welt besucht.

Rein rechnerisch, da muss man ehrlich sein, haben sie mit den Erzieherinnen und Erziehern (ja! Wir haben tatsächlich auch Männer!) deutlich mehr Zeit verbracht als mit mir. Jeden Wochentag acht Stunden nämlich. Mit mir haben sie an einem Wochentag nur 5,5 Stunden verbracht.

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die bei diesem Gedanken den Kopf schütteln. Wie kann man nur! Wie kann man nur das arme, kleine Kind so früh und so lange fremdbetreuen lassen?

Ich gebe zu, bevor ich nach Berlin kam, dachte ich auch, sowas machen nur irgendwelche egomanen Menschen, die ihre Kinder aus undefinierbaren Gründen bekommen. Vielleicht einfach als Statussymbol?

In Berlin aber, da wird man meist wie ein Auto angeschaut, wenn man z.B. sagt, dass man mehr als 12 Monate Elternzeit nimmt: „Ja habt ihr euch denn nicht um einen Kindergartenplatz gekümmert?“

Tja. Ich habe es z.B. nicht geschafft die Kinder im August zu gebären. Vielleicht haben sie noch keine Kinder und wissen deswegen gar nicht, dass man Kinder nur im August bekommen sollte? Ich gebe zu, ich wusste das auch nicht. Hab sie einfach unterjährig bekommen und mich nicht nach dem Kindergartenjahr gerichtet.

Dabei ist es eigentlich ganz logisch. Wenn niemand wegzieht, gibt es für jedes eingeschulte Kind genau einen Platz und der startet im August.

Wusste ich nicht. Deswegen war Kind 3.0 z.B. steinalt als es eingewöhnt wurde. 18 Monate nämlich. Kind 2.0 hingegen 11 Monate.

Doch zurück zum Anfang.

Als ich schwanger wurde, begab ich mich auf Kindergartenplatzsuche. Auf gefühlten 200 Listen stand ich, von keiner Einrichtung bekam ich eine Zusage.

Dann machte um die Ecke ein Kindergarten neu auf. Das war allerdings schon 10 Monate nach der Geburt von Kind 2.0

Ich lief also mit Kind 2.0 rein und fragte nach einem freien Platz. Während ich mit der Leiterin sprach, krabbelte Kind 2.0 an mir vorbei, setze sich im Bastelraum auf einen der Miniaturstühle und begann zu basteln.

„Was hast du denn? Ein Mädchen oder ein Junge?“

Ich werde diesen Moment nie vergessen. So lange war ich schon auf der Suche, mir lag auf der Zunge zu sagen: „Was braucht ihr denn? Wir bekommen das noch umerzogen im Fall der Fälle.“

War dann aber gar nicht nötig. Das Geschlecht passte. Ich bekam das pädagogische Konzept in die Hand gedrückt und sollte mich Ende der Woche wieder melden.

Kind 2.0 hingegen war schon komplett integriert und lies sich nur widerstrebend mitnehmen.

Abends las ich das Konzept und dachte: „Himmel, wenn die hier 50% von dem gebacken bekommen, dann ist das der beste Kindergarten der Welt.“

Acht Jahre später kann ich sagen, sie haben jede gottverdammte Zeile umgesetzt. Jede.

Die tatsächliche Eingewöhnung mit Kind 2.0 war dann v.a. eine Entwöhnung für mich. In einem zehn Tage Programm lernte ich, dass mein Kind sich für andere Menschen als für mich begeisterte und das auch völlig OK so war.

Die Erzieherinnen waren sehr einfühlsam und geduldig mit mir.

Die Eingewöhnung mit Kind 3.0 dauerte ebenso lange. Allerdings hatte ich da schon kapiert, dass Kinder v.a. andere Kinder toll finden. Die Schwierigkeit war, Kind 3.0 an Abläufe zu gewöhnen. Bislang lebte ich nämlich mit Kind 3.0 so in den Tag hinein. Für nichts gab es eine feste Zeit. An einen regelmäßigen Mittagsschlaf war nicht zu denken.

Als das Kind am vierten Tag immer noch nicht in der Kita schlief, war ich etwas verstört. Doch auch hier hatten die Erzieherinnen Geduld mit mir.

Währenddessen gewöhnten sie Kind 3.0 an feste Punkte im Tagesprogramm. Kind 3.0 gab dann an Tag sieben nach, bestand aber darauf, dass alle Schlaflieder miaut wurden.

Als ich einmal im Nebenzimmer saß und eine der Erzieherinnen „Guten Abend, gute Nacht“ in „miau-miau miau miau miaumiau, miaumiaumiaaau iauuu“ singen hörte, zerschmolz mein Herz.

Meine Kinder waren so wunderbar dort aufgehoben. Es gibt keine Worte. Die Erzieherinnen und Erzieher sind für mich Engel*. Ihre Geduld, ihre Herzenswärme und ihr unbedingter Wille die Kinder zu begleiten und erblühen zu lassen, sie lassen sich nicht in Worte fassen.

 

Ganz besonders freue ich mich, dass die Erzieherinnen und Erzieher frei jeder Genderklischees sind. Jedes Kind durfte sich interessieren für was es sich interessieren wollte. Es gab keine Mädchenfarben, keine Jungsspielsachen, keine unnötigen Zuschreibungen. Wollte ein Junge Prinzessin sein, dann war er es. Wollten die Mädchen Fussball spielen, dann haben sie das gemacht.

Die Kinder wurden immer mit ihren Eigenheiten und Besonderheiten wahrgenommen. Als Individuen ernst genommen.

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Wenn Kind 3.0 von irgendeinem Thema begeistert war, dann durfte es das im Kindergarten ausleben, hier: Pokémon

Die Kinder durften alles ausprobieren und bekamen immer Antworten. Es wurden Socken eingepflanzt, um ein für alle Mal zu klären, ob Socken an Bäumen wachsen. Es wurden sich Filme zum Thema Urknall angeschaut und wochenlang wurde jede Frage zu Rochen beantwortet. Es wurde gekocht, gebacken, gemalt (bei Kind 3.0 gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt, gemalt), gebastelt, gesungen, gelacht, geredet.

Es war für jedes Gefühl Platz, es gab immer Respekt und Liebe.

Jedes Kind wurde angenommen.

Ja, angenommen – das ist eigentlich das Stichwort.

Die Kinder kommen aus dem Kindergarten und wissen: Ich bin richtig, wie ich bin. Ich glaube, mehr kann man sich von einem Kindergarten (ach was, von irgendeinem nahestehenden Menschen) nicht wünschen.

Dafür bin ich so unendlich dankbar!

Wenn die Kinder später noch verhunzen – am Kindergarten lag’s nicht. So viel ist klar.


*schon das dritte Religionsding, ich bin einfach beseelt!

[Links] Über unglückliche Väter und vollzeitarbeitende Mütter

Von Antje Schrupp kenne ich den Spruch „Das Gegenteil ist genauso falsch“. Daran musste ich im Zusammenhang mit dem Thema Vereinbarkeit denken, als ich diesen Text eines Mannes las, dessen Frau sich offenbar standhaft weigert (trotz ursprünglich guter Qualifikation) mitzuverdienen. „A letter to … my wife, who won’t get a job while I work myself to death

„I don’t think I can do this for another 25 years. I often dream of leaving my firm for a less demanding position, with you making up any financial deficit with a job – even a modest one – of your own. I’ve asked, and sometimes pleaded, for years with you to get a job, any job. Many of my free hours are spent helping with the house and the kids, and I recognise that traditional gender roles are often oppressive, but that cuts both ways. I would feel less used and alone if you pitched in financially, even a little.“

Was mich an dem Text berührt hat, ist genau diese letzte Passage, in der es heisst, dass sich der Mann einsam und missbraucht fühlt.

Wenn es mit dem Thema Vereinbarkeit, Kinder und gerechte Aufteilung nicht klappt, wird oft gefragt: „Warum hast du dir denn so einen Partner ausgesucht?“ – was im Grunde nichts anderes heisst als „biste am Ende selbst schuld.“

Tatsächlich ist es aber so, dass man sich nicht vorstellen kann, wie eine Beziehung sich entwickelt, wenn erstmal ein, dann zwei, dann vielleicht sogar drei Kinder da sind. Man kann sich auch nicht vorstellen, wie es ist dann „nebenher“ arbeiten zu gehen, man hat keine klare Vorstellung der eigenen Belastbarkeit und keine wirkliche Einschätzung zu dem, was man überhaupt belastend und zermürbend empfindet.

Ich muss z.B. ganz ehrlich sagen: Mir macht ein Vortrag vor 100 Leuten weniger Stress als eine schlaflose Nacht mit fiebrigem Kind. Ich kann auch in einem beruflichen Meeting mit verschiedenen Meinungen total ruhig bleiben, während mir bei einem Elternabend schon nach 30 Millisekunden das Blut in den Ohren rauscht, wenn wieder jemand unbedingt Bio-Essen haben möchte gleichzeitig aber nicht mehr als zwei Euro am Tag für das Essen ausgeben will (WILL, nicht kann!).

Vor über zehn Jahren bin ich mit dem im Kopf gestartet, was ich gelernt hatte: Die Mutter ist das beste fürs Kind, Kinderbetreuung liegt der Mutter im Blut, wenn man Kinder frühzeitig in Fremdbetreuung gibt, ist man ein schlechter Mensch.

Das hat sich nach und nach geändert. Zum Beispiel weil wir einen Kindergarten gefunden haben, der wirklich der beste Kindergarten ist, den man sich für ein Kind vorstellen kann. Wenn die Kinder dann protestieren, weil man sie abholt, wenn sie am Spielplatz sofort wieder mit den anderen Kindern aus dem Kindergarten weiterspielen wollen, wenn sie im Urlaub die Erzieherinnen vermissen, wenn sie sich überhaupt recht prächtig entwickeln – dann fällt es doch ziemlich schwer an der Überzeugung fest zu halten, Fremdbetreuung sei schlecht für die armen Kleinen.

Auch spielt das Umfeld eine Rolle. In Berlin ist es sehr üblich nach 12 Monaten wieder arbeiten zu gehen. Man fühlt sich eher wie ein Alien wenn man es nicht tut.

Wenn man dann angefangen hat wieder zu arbeiten und sieht, dass der Job Spaß macht, dass die Abwechslung gut tut, dass die Bestätigung eine andere ist als die eines Kinderlächelns, ja, wenn man sogar so viel Geld nach Hause bringen kann, dass es nicht ein niedlicher Zuverdienst ist (der von den Kosten der Kinderbetreuung wieder verschlungen wird), sondern ein Gehalt von dem man leben kann, dann tut sich auch so einiges im Kopf.

Deswegen lies mich auch dieser Text auf spreadrandomthoughts zum Thema Vereinbarkeit innerlich nicken:

„ich selbst komme aus einer mittlerweile beendeten ehe mit zwei kindern, in der beide elternteile gearbeitet haben, ich in teilzeit, vornehmlich aus finanziellen gründen. darüberhinaus würde ich im rückblick sagen, war ich neben arbeit und dreijähriger berufsbegleitender therapeutenausbildung zu sagen wir 90% für die carearbeit zuständig. die wut darüber kam sehr langsam. es war eher so ein langsames einsickern des ungerechtigkeitsgefühls und so richtig bewusst wurde es mir erst in der zeit der trennung und danach. zudem glaube ich, dass diese jahrelange ungerechtigkeit einen großteil am scheitern unserer beziehung ausmachte. jetzt – 3 jahre nach der trennung – funktioniert die verteilung von care und erwerbsanteilen wesentlich besser, im sinne von gerechter.“

Auch hier meine ich wieder das Thema Einsamkeit und Missbrauchsgefühl herauszulesen.

Ein Plädoyer für die vollzeitarbeitende Mutter verfasste Modeste. Ich lese den Blog sehr gerne und kann viele Punkte verstehen, allerdings stört mich (nicht nur in ihrem Text) die Forderung Frauen müssten langsam mal mehr einfordern:

„Ansonsten möchte ich, dass Frauen endlich verhandeln. Mit ihren Männern. Dass Frauen darauf beharren, dass ihr Job ebenso wichtig ist wie seiner, auch wenn sie weniger verdient. Dass Paare die lästigen Termine wie die Vorsorgeuntersuchungen oder den Elternabend paritätisch aufteilen. Dass sie sich nicht damit abspeisen lassen, sein Chef wäre böse, wenn er Elternzeit nimmt oder wegen der U 8 erst um 10.00 erscheint. Ihr Chef ist schließlich auch nicht begeistert, da müssen sich die Männer mehr trauen, die Frauen mehr darauf pochen und auch die Chefs bewegen. Ich würde mir außerdem wünschen, dass Frauen auch einfach mal die Füße stillhalten, wenn das Kind komisch angezogen aussieht oder ein merkwürdiges Geschenk für einen Geburtstag mitbekommt, wie manche Mütter begründen, warum sie sich nicht auf ihren Mann verlassen können. Das werden die ebenso lernen wie ihre Frauen.“

Wahrscheinlich stört mich das v.a. weil ich kaum Fälle kenne, in denen Verhandlungen ein konstruktives Ergebnis erbracht hätten. Meistens endet dieses Verhandeln eher in einer Trennung.

Und ganz am Ende wünsche ich mir in naiver Verklärtheit natürlich nach wie vor, dass es auch Männer gibt, die von alleine – ohne Einfordern – einsehen, dass der Job ihrer Frau genauso wichtig ist wie der eigene…

Tatsächlich merke ich an mir selbst langsam eine Ermüdung was dieses Thema angeht und frage mich, wie viel Frauen in diesem Thema überhaupt noch bewegen können und ob „wir“ am Ende nicht darauf angewiesen sind, dass das andere Geschlecht auch Veränderung möchte.

Denn letztendlich – das zeigt der erste Text des sich zu Tode arbeitenden Vaters – beide Extreme scheinen doch irgendwie falsch und ungesund zu sein, sollte da nicht auch Veränderungsdruck von den Männern kommen?

(Von unseren Söhnen vielleicht?)

[Werbung] Holt euch den SUPER-FERIEN-PASS (Berlin)

SUPER-FERIEN-PASS für Kinder bis 11

Ich habe gerade nachgedacht, wie die Überschrift des Artikels lauten sollte und mir dann nochmal den Artikel über den Familienpass durchgelesen. Normalerweise bin ich vorsichtig mit uneingeschränkten Empfehlungen, aber in beiden Fällen kann ich sagen: als Familie mit Kindern in Berlin, ist man quasi dumm, wenn man die beiden Pässe nicht hat.

Was ist der SUPER-FERIEN-PASS?

Der SUPER-FERIEN-PASS ist, wie der Name es schon vermuten lässt, ein Gutscheinheft für Kinder bis 11 sowie Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren und gilt jeweils in den Ferien. D.h. konkret, er gilt in den Sommerferien 2016, in den Herbstferien 2016, in den Weihnachtsferien 2016/2017, in den Winterferien 2017, in den Osterferien 2017 und in den Pfingstferien 2017.

Er kostet 9 Euro und damit ist im Grunde schon alles gesagt und beworben: Er enthält nämlich eine Badekarte der Berliner Bäde-Betriebe.

Ab 5 Jahren zahlen Kinder in den Berliner Bädern zwischen 3,50 und 5,50 Euro Eintritt. Das ist, wie ich finde, eine Menge Geld.

Man stelle sich jetzt vor, die Kinder verbringen einen Großteil der sechswöchigen Sommerferien in Berlin und möchten gerne jeden dritten Tag schwimmen gehen – so unrealistisch ist das nicht – ich habe früher in den Sommerferien nichts anderes gemacht. Da ist man schnell bei über 50 Euro Eintrittsgeld – was natürlich irre ist.

Mit der Badekarte des SUPER-FERIEN-PASS erhalten die BesitzerInnen in den Ferienzeiten freien Eintritt für alle Hallen-, Frei- und Sommerbäder.

Die Badezeiten sind in den Frei- und Sommerbädern nicht begrenzt. Für die Hallenbäder und die sogenannten freizeitorientierten Bäder gilt „Verlassen des Bades bis 14 Uhr“.

Bäderkarte
Quelle: Pixabay @mddawdy
Was ist sonst noch im SUPER-FERIEN-PASS?

Ermäßigungen für

  • Schwimmbäder, die nicht zu den Berliner Bädebetrieben gehören
  • Kletter und Boulderhallen
  • Bowling
  • Indoor-Spielplätze
  • Kartbahnen
  • Minigolf
  • Lasertag
  • Computermuseum

Für viele Angebote erhalten die Kinder sogar freien Eintritt (oft in Verbindung mit einem zahlenden Erwachsenen), dazu gehört z.B.

  • Tierpark
  • Zoo oder Aquarium
  • Sea Life
  • Planetarium am Insulaner
  • Berliner U-Bahn-Museum
  • Deutsches Technikmuseum
  • Glockenturm am Olympiapark
  • Museum für Kommunikation
  • S-Bahn-Museum

Ich kann wirklich nicht alles aufzählen – es sind schließlich fast 200 Angebote – am besten, ihr schaut selbst (z.B. die Ermäßigungen im Kinderteil).

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Der SUPER-FERIEN-PASS ist tatsächlich nicht nur wegen der Ermäßigungen toll. Man bekommt sehr viele Inspirationen, was man machen könnte – denn ganz ehrlich – Berlin bietet so viel – man verliert einfach schnell den Überblick oder erstarrt in Optionsparalyse.

Abgedeckt sind die Kategorien Sport/Spiel, Sehenswertes, Theater, Kino, Musik und Veranstaltungen. D.h. es gibt auch eine Menge Kurse, welche die Kinder während der Ferien belegen können.

Mit etwas Glück übrigens kann man auch bei den 200 Verlosungen, die der SUPER-FERIEN-PASS anbietet, eine Tagesfahrt, einen Workshop oder eine Eintrittskarte für eine der angebotenen Sport- und Kulturveranstaltungen gewinnen.

Meine Lieblingsgewinne sind z.B.

  • Faszination 3D Druck (Lerne 3D Druck kennen, entwerfe selbst ein Modell und experimentiere mit einem 3D-Scanner)
  • Roberta (baut und programmiert einen Lego-Roboter)
  • Praxis Workshop Videobearbeitung
  • GPS-Ralley durch den Spreewald
  • Zosch, Peng, Bähm! Deine Comics und Cartoons zeichnen
Ok und wo bekomme ich diesen SUPER-FERIEN-PASS?

Der SUPER-FERIEN-PASS ist seit Ende Juni erhältlich in Bürgerämtern, bei KAISER’S und in vielen Einrichtungen der Berliner Bäder-Betriebe. Details findet ihr auf den Seiten des JugendKulturService.

Mein Beleg-Exemplar möchte ich heute verlosen. Was ihr dafür machen müsst? Erzählt mir in den Kommentaren von eurem Lieblingsausflugsort mit Kind in Berlin

Was ihr tun müsst, um zu gewinnen:

  • verlost wird ein SUPER-FERIEN-PASS Berlin
  • der Pass wird verlost unter allen Kommentaren im Blog – beantwortet mir folgende Frage: Was ist euer Lieblingsausflugsort mit Kind in Berlin?
  • mitmachen können alle volljährigen natürlichen Personen
  • die Verlosung läuft bis zum 22. Juli um 23 Uhr
  • die GewinnerInnen werden ausgelost und per Mail benachrichtigt
  • der Rechtsweg ist ausgeschlossen
  • eine Barauszahlung des Gewinns ist ausgeschlossen
  • erhalte ich innerhalb einer Woche keine Rückmeldung auf die Gewinnbenachrichtigung, verfällt der Gewinn

tldr: Mit dem SUPER-FERIEN-PASS bekommt man neben der Badekarte 180 Preisvorteile und kann an über 200 Verlosungen teilnehmen. Es gibt keinen Grund ihn nicht zu haben.

Lego Ausstellung „The Art Of The Brick“

Lego Munch "Der Schrei"

Lego Munch Seitenansicht "Der Schrei"Wie gestern berichtet, waren wir am Wochenende in Hamburg um uns die Lego Ausstellung „The Art Of The Brick“ anzuschauen.

Korrekter wäre wahrscheinlich zu sagen, sich die Ausstellung des Künstlers Nathan Sawaya anzuschauen, der mit Legosteinen arbeitet.

Der Eintrittspreis ist ziemlich knackig und übertrifft sogar die absurden Preise, die man zahlt, wenn man mit Kindern ins Kino oder in den Zoo geht. Ich habs mir mit dem Argument „macht man eben nur einmal“ schön geredet und schließlich sind wir in der Familie alle große Legofans.

Mit Lego kann man schon eine Menge machen. V.a. mit Lego Duplo, das wie Rapid Prototyping funktioniert. Ich hab z.B. mal Kind 1.0 bis 3.0 als Legobauwerke nachgebaut. Gerne hätte ich auch ein paar Millionen Steine, mit denen ich lustige Dinge nachbauen kann.

Jedenfalls, die Ausstellung ist durchaus sehenswert (wenn man erstmal das Geld ausgegeben hat, dann denkt man das), wenngleich sie mich v.a. im Bereich der zweidimensionalen Umsetzungen und nicht im Bereich der Skulpturen überzeugt hat.

Meines Erachtens ist es auch nicht so wirklich Kunst sondern eher sowas wie eine Handwerksausstellung. Ich war zu faul alle Beschreibungen zu den Exponaten zu lesen und mir die die selbsthuldigenden Videos anzuschauen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es gute technische Lösungen gibt, hochzurechnen welche und wie viel Steine man braucht, um eine bestehende Skulptur nachzubilden. Vielleicht muss ich aber auch nur nochmal das Buch „Das kann ich auch!: Gebrauchsanweisung für moderne Kunst“ (Amazon-Werbelink) lesen. Aber ob das am Ende hilft, bleibt fraglich (siehe Hackfleischbesprechungen).

Ich habe leider nicht nachgezählt, es wird mit „über 100 Exponate“ geworben – diese Zahl möchte ich doch eher anzweifeln [1]. Selbst mit Audio-Guide, die es für Kinder und Erwachsene kostenlos gibt, braucht man lediglich knapp 1,5 Stunden um die ganze Ausstellung zu erkunden.

Es ist in der Ausstellung trotz zahlreicher Ventilatoren sehr stickig. Wahrscheinlich möchte man deswegen auch gar nicht länger als 1,5 Stunden brauchen.

Ganz am Ende der Ausstellung gibt es noch fünf große Kisten mit Legosteinen, an denen man sich selbst ausprobieren kann.

Amüsant ist es dem Künstler zuzuhören, wie er sich selbst lobt. Immer wieder lässt er im Audioguide verlauten: „Die Herausforderung habe ich an dieser Stelle sehr gut gemeistert“, „Die Umsetzung ist mir doch sehr gut gelungen.“ und „Man muss schon einiges an Geschick mitbringen um dies erschaffen zu können.“ An den Wänden kann man dann weitere Selbstzitate seiner Genialität finden. Vielleicht ist diese Attitüde auch nur sehr amerikanisch und kam uns deswegen so albern vor…

Dennoch. Die Ausstellung hat einige schöne Highlights und ist für Kinder gut geeignet einige der großen Werke der Kunstgeschichte näher kennenzulernen. Sie ist quasi wenn man die Analogie zum Essen ziehen darf „convenience food“. Nichts anspruchsvollen, aber auch nicht zu platt und man nimmt etwas mit.

Gut die Hälfte der Ausstellungsstücke sind Legointerpretationen bestimmter Kunstwerke aus verschiedenen Epochen. Ein weiteres Highlight ist das 80,020 Steine große Dinosaurierskelett, an dem der Künstler einen ganzen Sommer arbeitete.

Kind 3.0 war zu meiner Überraschung am meisten vom Nachbau des Parthenons begeistert (es ist wirklich imposant zwischen den Säulen durchzuschauen und sich das mächtige Bauwerk in Originalgröße vorzustellen. Leider hab ich es einfach nicht geschafft ein gutes Foto zu machen…)

Kind 2.0 war insgesamt etwas gelangweilt.

Meine Highlights waren der Nachbau eines Glasfensters der Nordrosette in der Kathedrale von Chartres sowie die Darstellung des Drucks „Die große Welle vor Kanagawa“.

Glasfenster und Lichtschatten

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tldr: Wenn es regnet (soll ja vorkommen in Hamburg) und man zu viel Geld hat, macht man als Legofan nichts falsch, wenn man sich die Ausstellung anschauen geht.


[1] Wer noch hingeht, bitte für mich nachzählen.