Monypolo – wie schön ist doch der Kapitalismus

Monypolo
Wir ziehen alle weiße Hemden und Krawatten an. Gleich gründen wir ein Unternehmen.

Ich trage einen Kopf aus Schaumgummi, der fast so groß ist wie der Rest meines Körpers. „TURBOKAPITALISMUS IST VIEL SCHÖNER ALS SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT!!!“, schreie ich aus vollem Halse und laufe Kreise.

Monypolo - Lobby
In der Lobby kann man Geschäfte anbandeln. Nicht alle sind 100% sauber.

Warum ich das tue? Um Punkte für meine Fähigkeit Lobbyismus zu sammeln. Die Lobbydame braucht nämlich Aktien. Damit ich die bekomme, muss ich das tun, was ich gerade tun. Hat mir der Schatzmeister aus dem Tresor befohlen.

Tatsächlich bekomme ich nach Ausführung meiner Aufgabe einen schönen Stapel Aktien ausgehändigt und laufe wieder zur Lobbydame. Ich händige ihr zwei Stück aus.

„Nur zwei?“, fragt sie.

„Ja, Sie haben ja nur gesagt, dass sie Aktien brauchen. Zwei ist Plural. Haben Sie mehr erwartet?“

„Naja, drei hätte ich schon gerne gehabt, aber das ist jetzt auch egal.“

Sie hebt ihr iPad und erhöht meinen Wert für Lobbyismus. YES! Die geklauten Aktien übergebe ich einem Mitspieler. „Mach‘ sie zu Geld!“, raune ich ihm zu.

Moment! Wovon rede ich da eigentlich?

Am Samstag habe ich bei „Monypolo – Liebe Dein System“ mitgespielt. Eine Art Mitmach-Theater. Es gibt ca. 20 Schauspielerinnen und Schauspieler, die feste Aufgaben haben, ein paar Regeln und geschätzte 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Eine davon bin ich.

Ich habe gerade mit fünf anderen Spielerinnen und Spielern ein Unternehmen im Bereich Dienstleistung gegründet. Wir haben das Monopol in diesem Bereich. Die anderen waren mehr an der Rüstungs- und Pharmaindustrie interessiert. Einige arbeiten auch im Bereich Textil, Energie oder Lebensmittel.

Jetzt müssen wir Kapital bilden und unsere Fähigkeiten ausbauen. Je höher die Fähigkeiten, desto höher der Ertrag.

Ich absolviere also Aufgaben ohne Ende um irgendwie zum Gedeihen meines Unternehmens beizutragen. Meine Kolleginnen machen was ähnliches, glaube ich jedenfalls, so richtig haben wir uns nicht abgesprochen. Unternehmensstil „diffus“ haben wir in unser Gründungsformular eingetragen, das wir bei der Kammer eingereicht haben. Das trifft es ganz gut.

Das Spiel läuft mehrere Marktzyklen durch. Jeder Zyklus hat 90 Tage, die Tage laufen in einer Projektion runter wie ein Countdown.

Unsere Firma dümpelt so dahin. Mittelfeld.

Jeder Zyklus wird mit einer Bilanz beendet. Die Herren der Kammer verlesen dann die Ergebnisse, senken oder erhöhen Steuern oder verlesen andere Regeländerungen.

Monypolo - Tresor
Man erahnt an der Ausstattung des Tresors, dass das Geld nicht nur in die Firmen fließt.

„Wer Platz 2 ist, ist egal. Es zählt nur der erste Platz. Es gibt keine zweiten.“, verkündet der Mitarbeiter der Kammer.

In der Zwischenzeit gab es Fusionen. Ein Pharma-Rüstungskonzern steht an der Marktspitze.

OK! Ich muss an meiner Skrupellosigkeit arbeiten. Dafür muss ich einem Spieler sein Plüschschweinchen klauen. Diplomatie brauche ich auch! Fast scheitere ich an meiner Aufgabe: Ich muss einen Tisch korrekt eindecken. Irgendwas von innen nach außen, Dessertlöffel nach oben, aber der Rest?

Immer noch zu wenig Geld. Wir beschließen also Investoren aufzusuchen.

Monypolo - Finanzierungsräume
Nicht unbedingt einladend, der Vorraum zur Finanzierung

Nicht gerade freundlich diese Finanzierungsräume. Wir werden gemeinsam eingesperrt, das Licht wird aus gemacht, an den Wänden erscheinen in neonfarben Sprüche. Wir haben 60 Sekunden unser Unternehmen vorzustellen. Wie in diesen Realityshows.

45.000 bekommen wir, allerdings wollen die Investoren zu 40% am Gewinn beteiligt werden.

Wir versuchen zu handeln und obwohl unser CEO (den es in der Zwischenzeit gibt) sehr eloquent ist, setzen wir uns nicht so richtig durch.

Den Bereich Innovation sollen wir ausbauen. Alles klar, denke ich, und laufe zum Labor, wo das geht. Zu meiner großen Freude muss man dort basteln. Einen ganzen Wirtschaftszyklus bastle ich also.

Monypolo - Übersee
Sport im Schaumgummibecken. Hab schon weniger anstrengendes gemacht.

Dann muss ich nach Übersee, wo ich in einem Schaumgummipool Sport machen muss (ich schwitze!) und dann am Strand Treibgut einsammele, um daraus Schmuck zu fertigen.

Unser Kapital allerdings will einfach nicht wachsen.

Ich verdächtige einen meiner Kollegen, dass er im Tresor, wo er öfter ist, unser Geld verspielt. Dort kann man nämlich dem Glücksspiel frönen…

Eine Spielstunde später verstehe ich etwas peinlich berührt, dass ich das ganze Geld ausgegeben habe. Wie im echten Leben kostet Fortbildung nämlich eine Menge Geld. Der Ausbau meiner Fähigkeiten, die in der Zwischenzeit sehr gut ausdifferenziert sind, hat schlappe 50.000 gekostet.

Monypolo - Fähigkeiten
Upsi. Fährigkeiten erwerben kostet Geld. Ich hab aus Versehen ziemlich viel Geld ausgegeben.

Im letzten Spielzyklus erkennen wir, dass wir nicht mehr gewinnen können. Wir entscheiden unseren gesamten Kapitalwert an der Bar zu verjubeln (das geht!).

„Was hast du eigentlich gemacht ausser unsere Finanzierung klar zu machen? Hast du deine Eloquenz noch anders einsetzen können?“, frage ich meinen Freund, der auch mit dabei war.

„Ich musste jemanden unangenehme Dinge durch die Blume sagen. Dafür habe ich eine Vase mit Blumen vor mein Gesicht gehalten und einer fremden Frau gesagt, dass ihre Augenringe wie kleine Teetassen aussehen.“

Ich muss lachen und sonst?

„Habe ich versucht die Spielregeln zu verstehen und habe verhandelt.“

Wir stoßen mit unserem Bier an. Die anderen Firmenmitglieder haben in der Zwischenzeit einen Fusionierungsvertrag gegengezeichnet. Gut, dass die nicht die TAN Liste für Firmenaktionen haben. Bestimmt wäre ich sonst entlassen worden.


Ich hatte am Samstag viel Spaß bei Monypolo. Leider war das auch schon die letzte Vorstellung. Letztes Jahr hat das Team, „Das Spiel des Lebens“ angeboten. Nächstes Jahr wird es wieder etwas geben. Folgt den Spielemachern Prinzip Gonzo doch auf Twitter oder abonniert deren Newsletter oder den des Ballhaus Ost. Dann könnt ihr 2017 auch mitmachen.

Nichts gegen Klee

Ich bekam einen mit Hornsauer-Klee verunreinigten Blumentopf geschenkt. Was dann geschah, ist unglaublich.

Horn Klee Unkraut
Quelle: Pixabay @Zauberin

Jemand hat mir einen Blumentopf geschenkt. In diesem Blumentopf war ausser der eigentlichen Pflanze, die das Geschenk darstellte, Klee.
Das klingt erstmal unspektakulär. Es war auch nur eine kleiner Büschel Klee, mit so drei bis vier Stängeln.

Ich habe den Blumentopf, so wie man das ja so macht, immer brav gegossen und der Klee vermehrte sich eifrig. Erst bedeckte er die gesamte Oberfläche des Blumentopfs. Dann wucherte er aus dem Topf. Dann erdrosselte er die Hauptpflanze. Spätestens da hätte ich skeptisch werden müssen.

Ich fand den Klee aber immer noch hübsch und dachte, ach, wenn schon die Hauptpflanze kaputt ist, dann hab ich doch wenigstens noch diesen schönen Klee im Topf.

Der Klee indes wuchs und wuchs. Er produzierte kleine, schwarze Samen, die er eifrig auf der Fensterbank verteilte. Am Anfang sammelte ich die Samen noch ein. Irgendwann wurde es zu viel und ich musste regelmäßig mit dem Staubsauger ran. Dem Klee gefiel das offenbar nicht. Er gab sich ja immerhin sehr viel Mühe bei der Samenproduktion. Ich stellte ihn mir vor wie ein wuscheliges Wesen, das seine kleinen Kleearme verschränkte und dann immer, wenn ich kurz wegschaute ein paar Duzend Kleesamen auf die Fensterbank nieste.

Richtig unheimlich wurde es nachts. Ich zog die Vorhänge zum Schlafen zu und hörte den Klee dann Geräusche machen. Popp popp popp popppopppopppopppopp popppopppopp popppopppopppopppopppopp popp popp.

Der Vorhang wackelte, der Klee poppte. Es war unfassbar wie viele Samen herumlagen. Wobei – sie lagen gar nicht mehr nur herum, sie hingen auch herum. An der verputzten Wand, an den Fasern des Vorhangs, am Fensterrahmen – ja selbst an der glatten Fensterscheibe hafteten Kleesamen.

Ich fegte mit einem Handfeger so viel Samen wie ich konnte zusammen und entsorgte sie im Mülleimer. Popppopppopppopppopppopp popp popp.

Je mehr ich wegfegte, desto wütender wurde der Klee.

Eines Abends, zog ich vorsichtig die Vorhänge zu und googelte „Aggressives Unkraut Klee“ und gelangte zum Eintrag Oxalis corniculata. Gehörnter Sauerklee. Das klang schon gefährlich. Wenn etwas Hörner hat, sollte man sich in acht nehmen. Das wissen schon Kleinkinder im Streichelzoo.

Das Internet fasste zusammen:

Meist holt man sich den Horn-Sauerklee als Mitbringsel beim Pflanzenkauf in Baumschule, Gärtnereien und Gartencentern ins Haus. Der ausläuferbildende Wuchs und der Schleudermechanismus in den Samenkapseln fördern seine Ausbreitung extrem.

und weiter

Leider erobert er auch gerne die Töpfe der Kübelpflanzen. Hier durchtrennt man die Pfahlwurzeln am besten mit einem scharfen Messer.

Quelle: Unkräuter

Ich ging also in die Küche und holte das scharfe Messer. Wie Norman Bates schlich ich mich langsam an den hinter den Vorhängen versteckten Blumentopf heran und hörte wieder diese seltsamen Geräusche.

Dann riss ich den Vorhang auf, war bereit mit dem Messer in die Erde zu stechen, doch da legte die Kleepflanze schlapp ihre Pflänzchen über den Rand des Blumentopfes und sah so traurig aus, dass ich es nicht übers Herz brachte in das Erdreich zu stechen.

Ich zog die Vorhänge wieder zu und lauschte den Rest der Nacht den gruseligen ploppplooplp-Geräuschen.

Am nächsten Morgen schließlich nahm ich eine Tüte, stülpte sie über die Pflanze und brachte sie auf den Spielplatz vorm Haus. Dort hob ich ihr ein kleines Loch aus und pflanzte sie ein.

Das war vor zwei Wochen.

Der Spielplatz ist in der Zwischenzeit völlig überwuchert, unbrauchbar. Ich glaube, es sind auch einige Nachbarskinder darin verschwunden und nicht mehr aufgetaucht.

Aber was solls. Ich hab die restlichen Samenreste zuhause weggefegt und in den Biomüll geworfen und damit ist das Probl

 

AHHHHhh hhhh ahhh

Pictoplasma 2016

Seit 2009 kenne ich das Pictoplasma-Festival. An Qualität hat die Ausstellung seitdem nicht verloren – lediglich am Punkt Besucherfreundlichkeit könnte gearbeitet werden.

Seit 2009 besuche ich regelmäßig das Pictoplasma Festival – genauer gesagt – den Ausstellungsteil des Festival. Neben den Ausstellungen gibt es zahlreiche Vorträge, Workshops, Partys und Screenings, die mir bislang leider entgangen sind.

Das Festival findet immer irgendwann im Mai statt und dieses Jahr parallel zur re-publica und blogfamilia, so dass ich nur das Wochenende Zeit hatte, mir die Orte anzuschauen, die ausstellen. („Orte“ übrigens, weil es manchmal nur Mauern sind, die man anschauen kann)

Die Selbstbeschreibung des Festivals lautet wie folgt:

The festival showcases latest trends in figurative character design, from fine to urban arts, illustration, animation and graphic design. Creators, producers and fans meet for an unconventional conference with cutting-edge artist presentations, curated screening programmes bring the latest animation eye-candy to the big screen, and a series of exhibitions and group-shows invite visitors to experience original works and outstanding character craftsmanship.

Die erste Ausstellung war noch im Haus der Kulturen der Welt, dann gab es ein Konzept, das sich Character Walk nannte und in der Praxis so aussah, dass es mehrere Routen nah zusammenliegender Galerien gab, die unterschiedliche KünstlerInnen ausstellten.

pictoplasma: Aafke Mertens, In Search for Metstli
Aafke Mertens, In Search for Metstli
2016 ist nicht besucherfreundlicher als 2009

In der Zwischenzeit ist der Character Walk allerdings so weit verstreut, dass es eher sowas wie Caracter Hiking – die drei Tages Tour geworden ist. Die meisten Werke sind derzeit in der Urban Spree Galerie zu sehen. Für alle anderen Sachen muss man laufen. Manchmal 10 min von einem Ort zum anderen, um dann drei Ausstellungsstücke zu sehen. Kann man machen und bei schönem Wetter kein Problem – so richtig besucherfreundlich ist es nicht (zumal man auch zwischen den Stadtbezirken wechseln muss – einige Galerien sind in Mitte, andere in Friedrichshain und ein Teil in Neukölln).

Irgendwie finde ich das schade.

Ich habe schon 2013 über die mangelnde Zugänglichkeit der Pictoplasma geschrieben:

Die Organisatoren solcher Festivals scheinen so – nennen wir es – betriebsblind zu sein, dass sie nicht mehr die Perspektive des (Kunst)Konsumenten einnehmen können und mit Worthülsen und so verwirrend die einzelnen Projekte beschreiben, dass man (zumindest ich) absolut nichts mehr versteht. Ich klicke mich durch die Webseiten und bin froh, wenn ich rausfinde, zu welcher Zeit die Ausstellung überhaupt stattfindet. Der Rest – böhmische Dörfer.

Ohne die entsprechenden Bilder, die Werke der Künstler zeigen, käme ich nie auf die Idee mir das Ganze anzuschauen.

pictoplasma: Jan de Coster, Robots on the Brink of Consciousness
Jan de Coster, Robots on the Brink of Consciousness

Vielleicht will das Festival aber gar nicht zugänglicher sein. Vielleicht geht dann auch der Zauber verloren? Ich weiß es nicht…

Um alles zu sehen, muss man einmal quer durch die Stadt

Ich habe mir für jeden Stadtteilwalk eine Google Karte angelegt (unten eingeblendet der Mitte-Walk).  Aufwändig und leider fällt mir wie jedes Jahr zu spät ein, rechtzeitig darüber zu bloggen und die Karte öffentlich zu machen, so dass andere sich die Arbeit nicht machen müssen. Für 2017 stelle ich mir einen Reminder.

Warum die Organisiatoren nicht die selbe Idee haben, ist mir rätselhaft. Das Festival ist sehr mediennah und eine App würde perfekt in das Format passen. (Vermutlich verpassen sie das Jahr für Jahr wie ich).

pictoplasma: Astrid Sattler, Stoned Olives
Astrid Sattler, Stoned Olives
Los geht’s! Heute ist die letzte Gelegenheit…

Dieses Jahr stellen die KünstlerInnen an insgesamt 14 Orten aus. Heute ist leider schon der letzte Tag, um die Arbeiten der insgesamt 23 KünstlerInnen zu sehen. Gute Startpunkte sind die Villa Elisabeth
in der Invalidenstr. 3, 10115 Berlin oder das Urban Spree, Revaler Str. 99
10245 Berlin. Dort (und an allen anderen Orten auch) liegen Flyer aus, die Auskunft über alle Orte und KünstlerInnen geben. Die Flyer enthalten auch kleine Karten, mit denen man sich orientieren kann.

Der Besuch der Pictoplasma ist übrigens kostenlos.

pictoplasma: Wilfried Wood, Queen
Wilfried Wood, Queen

Was noch?

Im Blog komme ich ja selten zu irgendwas, was nicht heißt, dass ich gar nichts mache (also außer arbeiten und Serien schauen äh mich um meine Familie kümmern). Deswegen trage ich einfach mal zusammen, was es außerdem noch so gibt von mir:

Geschriebenes

Bei sofatutor habe ich z.B. darüber geschrieben, warum Modern Family die (un)perfekte Familienserie ist.

Gesprochenes

Regelmäßig unregelmäßig podcaste ich mit drei sehr schnuffigen Menschen bei DerWeisheit.de zu weltbewegenden Themen wie Mode, Terror und Sex (ja, meine Güte, man muss ja für Traffic sorgen…).

Einmalig war ich Gast beim Picknick am Wegesrand Podcast mit Gregor Sedlag und Caspar Clemens Mierau und wir haben über Star Wars gesprochen und zwar als Nerd, als Neueingestiegene und als völlig Unbefleckter.

Eigenlob stinkt ja, aber… *hüstel* ich finde den Podcast selbst wirklich sehr hörenswert, weil ich wirklich mal im Thema war und es auch super spannend ist, was Gregor und Caspar aus ihren Perspektiven zu den Star Wars Filmen berichten. Immerhin habe ich jetzt final gelernt, dass Star Wars kein Science-Fiction ist, was vieles von meiner bislang eher nicht vorhandenen Begeisterung erklären kann.

Wenn man Science Fiction mag, sollte man diesen Podcast ohnehin öfter mal hören…

Außerdem gibt es Gelesenes!

Am 20. März in Stuttgart im Merlin um 11.30 Uhr – ihr könnt sogar eure Kinder mitbringen! Ich bereite dazu eine 200 Powerpointfolien umfassende Präsentation vor, die kurz in die Familienverhältnisse einführt, so dass ihr auch gerne Menschen mitbringen könnt, die weder mich noch mein Blog kennen!

Am 19. April in Hannover um 20 Uhr, u.a. mit der großartigen Ninia LaGrande. Ich habe außerdem gehört, es gibt Gesang an diesem Abend.

Und einen Vortrag im Rahmen der denkst Familienbloggerkonferenz am 23. April in Nürnberg werde ich auch halten: Es wird um Privatheit gehen.

Apropos Lesungen: Wenn mir die Anfahrt und ggf. eine Übernachtung erstattet wird, komme ich eigentlich überall hin.

Und was mich besonders freut: Gewonnenes

Nämlich den Goldenen Blogger 2015 für mein Buch „Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe“. Das ist für sich alleine genommen schon super toll und ich danke allen, die mich gewählt haben, von Herzen. Ich überlege jetzt allerdings, ob ich mich zur Ruhe setze, da ich letztes Jahr ja schon „Bestes Tagebuch-Blog 2014“ geworden bin oder ob wir es 2016 noch mit unserem Weisheits-Podcast in die Liste der Nominierten schaffen. Man muss ja Ziele im Leben haben, oder?

Wo Brüste zu sehen sind, kann es keine Kompetenz geben

Darüber und über andere Themen spreche ich in der 2. Folge der 2. Staffel des Der Weisheit Podcasts.

Am Ende haben wir als Hausaufgabe bekommen bis zum nächsten Mal etwas Unvernünftiges zu tun. Unvernünftig sein fällt mir ziemlich schwer, ich habe mir deswegen schon ein paar Tipps eingeholt. Ob ich davon wirklich was tun werde … ich bin mir noch unsicher:

  • Zum Einschlafen ein Conni Buch lesen
  • Kommentarspalten unter Feminismus-Artikeln lesen
  • Ein Namenstattoo vom aktuellen Schwarm machen lassen
  • Kind 4.0 machen

https://twitter.com/2kindchaos_mo/status/603810546429857792

Scoyo Elternabend Thema Vereinbarkeit am 19. Mai um 21 Uhr

Im Rahmen der Vorbereitungen für das Gespräch am Scoyo Elternabend, habe ich mir einige Gedanken gemacht.

Vereinbarkeit, was genau bedeutet das eigentlich?

Ich sehe Vereinbarkeit in einem größeren Rahmen also nicht nur bezogen auf Familie vs. Job. Für mich hat Vereinbarkeit etwas mit einem Miteinander zu tun und Miteinander bedeutet immer, dass nicht alle gleichermaßen und zu jeder Zeit ihre persönlichen Interessen und Bedürfnisse durchsetzen können. Für mich konkret als Mutter bedeutet das schlicht, der erste Schritt zum Thema Vereinbarkeit ist tatsächlich, dass ich lerne meine eigenen Bedürfnisse, da wo nötig, zurück zu stellen. Je nach Selbständigkeitsgrad der Kinder beispielsweise gehört es für mich zum Muttersein* meine persönlichen Bedürfnisse zurückzustellen und in erster Linie die der Kinder zu erfüllen.

Die Kunst ist es nur, dass man dran bleibt und sich die Freiräume, die dann irgendwann wieder entstehen zurück holt und dass man versucht die Verantwortung zu verteilen. (Nicht alle haben die Möglichkeit dazu – das ist mir klar. Manchmal fehlt der Partner, manchmal die Familie, manchmal gibt es keine oder nur mangelnde Kinderbetreuung.).

Eng mit dem Thema Vereinbarkeit sehe ich das Thema Perfektionismus verbunden. Ich schrieb bereits darüber. Mein Plädoyer lautet: Nicht darüber nachdenken was man so macht, sondern darüber, was einem persönlich gut tut. Konkret: es muss nicht immer frisch gekocht werden, es ist OK wenn die Kinder mal eine halbe Stunde fernsehen, eine Packung Würstchen fürs Kindergartenbuffet statt der selbst gemachten Quiche ist auch ausreichend. Das alles spart Zeit, schafft Freiräume, entlastet und gibt Platz. Ich glaube, meine Kinder wollen lieber eine entspannte Mutter als eine selbst gebackene dreistöckige Geburtstagstorte.

Weitere Tipps (und ich weiß auch hier, das ist aufgrund der finanziellen Situation nicht möglich für alle Familien… aber da wo es möglich ist, einfach mal darüber nachdenken wohin das Geld fließt): Lieferdienst statt selbst einkaufen (irre Zeit- und Stressersparnis), vielleicht eine Putzfrau einstellen, outsourcen wo es nur geht.

Was den Job angeht (auch hier lebe ich im Paradies…), wenn irgendwie möglich, einen Arbeitgeber suchen, der:

  • Flexible Arbeitszeiten
  • Home Office
  • Teilzeitmodelle
  • Überstundenausgleich

bietet. Dessen Unternehmenskultur ergebnisorientiert ist und der die Leistung nicht über eine Präsenzkultur definiert.

Auch beim Job ist es oft so, dass man nicht alles gleichzeitig haben kann. Für mich war es im Familienkontext immer wieder eine Frage wie viel uns z.B. Geld vs. Flexibilität wert ist. Kleinere Arbeitgeber sind oft nicht die Topbezahler der Branche, machen aber vieles durch die Arbeitsbedingungen wieder wett.

Als Mitarbeiterin bin ich selbst Teil der Unternehmenskultur und kann bestimmte Dinge unterstützen, die Familienfreundlichkeit fördern. Wenn ich z.B. selbst Meetings organisiere, biete ich keine Termine vor 10 und nach 15 Uhr an.

Ich versuche auf meine Kommunikation zu achten. Ich höre z.B. oft beim Thema Home Office sowas wie „Ach, da bist du ja nicht da“, das nervt mich kolossal, denn ja, ich bin physisch nicht da, aber ich arbeite. Ich bin per Mail, per Telefon und über den Chat erreichbar. Wenn also Kolleginnen im Home Office sind, bemühe ich mich umgekehrt so mit ihnen zu arbeiten, wie ich es tun würde, wenn sie ein Büro weiter sitzen und vermeide solche Bemerkungen.

Ich dokumentiere meine Arbeit so gut es geht. (Im Grunde versuche ich Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass der Prozess an sich eine ordentliche und nachvollziehbare Dokumentation hervorbringt. Sowas stützen Systeme wie Wikis oder Ticketsysteme, aber das ist ein großes, eigenes Thema). Ich poche auf verteilte Verantwortung im Sinne einer Vertreterregelung.

Wichtig ist es für mich auch, Kinder in allen Lebenssituationen willkommen zu heißen. Egal, ob ich in einem Vortrag sitze und ein Baby weint, ein/e KollegIn ein Kind mal mit ins Büro oder jemand sein brabbelndes Kleinkind mit in eine Kunstausstellung nimmt. Wenn ich bemerkte, dass sich jemand wegen vermeintlich störender Kinder zurück ziehen will, versuche ich die Person zum Bleiben zu motivieren. Zumindest versuche ich klar zu signalisieren: Geräusche, Getrappel etc. das alles ist OK für mich. (Ein schönes Beispiel für dieses Verhalten habe ich neulich im Netz gefunden).

Es gibt ziemlich viel was man selbst tun kann, um eine familienfreundliche Atmosphäre zu schaffen und alles hat schlicht und ergreifend mit gegenseitiger Rücksichtnahme und dem Zurückstellen eigener Bedürfnisse zu tun.

Darüber hinaus sind für mich klare Absprachen mit dem Partner wichtig. Das hat bei uns – so traurig es klingen mag – bis zur Trennung nicht so gut geklappt. Es gab zwar Eckpfeiler über die wir uns in Sachen Job und Familie verständigt haben, aber vieles war implizit. To keep a long story short: Am Ende hatte ich das starke Gefühl von ungerechter Verteilung und mein Partner das Gefühl überzogener Ansprüche an ihn.

Mit der Trennung hat sich das interessanterweise verändert und wir sind beide zufriedener. Wir haben glasklare Absprachen, die Befüllung des gemeinsamen Kalenders klappt und die Informationen fließen zuverlässiger.

Deswegen meine Empfehlung: Schon vor dem Kinderbekommen klar absprechen und zwar auch die Details. Es ist einfach sich über Hol- und Bringsituation abzusprechen. Die tatsächliche Belastung habe ich immer in den Alltagsthemen empfunden. Das mag lächerlich klingen, aber ich bin an der Verantwortung für die kleinen Dinge in die Knie gegangen, weil wir nie darüber geredet haben: Fingernägel schneiden, neue Sportschuhe kaufen, wer besorgt das Geschenk für die Einladung des Kindes zu einem Kindergeburtstag, wer denkt an den Rucksack für den Ausflug, wer an die Wechselwäsche, was ist mit dem Schlafsack, der für die Kitaübernachtung benötigt wird, wer geht mal wieder mit dem Kind zum Haare schneiden, was bringen wir zum Schulsommerfest mit, wer besorgt es., wer macht den Vorsorgetermin für die nächste U-Untersuchung aus, wer geht mit dem Kind dahin… Tausend kleine Dinge eben.

Deswegen lohnt es sich wirklich mal eine Liste zu machen was es alles zu erledigen gibt und sich dann fest abzusprechen welches Thema wem gehört (man kann es Themen auch rotierend belegen, Hauptsache es ist gibt klare Verantwortlichkeiten).

Ich könnte ganze Romane schreiben über das Thema. Wenn man mich aber bitten würde mich auf die wesentlichen Tipps zu beschränken, würde ich folgendes sagen:

  • Perfektionismus fahren lassen.
  • Aufgaben verteilen (auf alle verfügbaren Menschen. Den Partner, andere Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, Erzieherinnen und Erzieher und am Ende – je nach Alter der Kinder: auf die Kinder)
  • Selbständigkeit der Kinder fördern (dazu gehört z.B. Rahmenbedingungen schaffen, damit das geht z.B. räumliche Nähe der Schule und damit des Freundeskreises, keine Aktivitäten, die verlangen, dass man die Kinder durch die Gegend fahren muss etc.)
  • Nicht zu vergessen: Sich für Politik zu interessieren, wählen gehen, an Demos teilnehmen und so versuchen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – Kinderbetreuung etc. – zu verbessern.

Und wenn das jemand liest und denkt: Ich hab ja keine Kinder, mich geht das nichts an… Am Ende geht es nämlich nicht um Kinder- oder Familienfreundlichkeit. Es geht immer um Menschenfreundlichkeit. Das sollte man sich vor Augen führen. Es geht bei Vereinbarkeit nicht um Eltern und Kinder. Sondern um seelische Gesundheit und dem Anrecht eines jeden auf ein gutes Leben. Egal, ob man sich um die eigenen Kinder kümmert, ob man sich um Pflegebedürftige kümmert oder ob man einfach Zeit für sich braucht.


 

*Ich schreibe vom Muttersein, weil ich eine Mutter bin, ich denke aber, das selbe gilt natürlich fürs Vatersein (sofern man diese Rolle ernst nimmt zumindest).

Weitere Lesetipps:

Die geschätzte Béa Beste schreibt über Vereinbarkeit:

Vielleicht geht es nicht um Vereinbarkeit von Kinder und Karriere – sondern um Vereinbarungen unter Menschen

Annelu in Kind und Karriere – geht das? scheibt: „Es ist sicherlich möglich, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren, dabei ist aber das Tempo entscheidend. Es kann nicht parallel alles im gleichen Tempo stattfinden. Mal geht eines besser, mal das andere.“

Herzleiden

In Vorstellungsrunden sage ich gerne, dass mein Blog mein Verdauungsorgan ist. Das finden alle ekelig und der Raum raunt gerne leise üüüüääähhh – aber ich finde diese Analogie sehr treffend. Leider ist sie nicht von mir, sondern von Felix Schwenzel, das sage ich dann auch ab und zu dazu – aber jetzt ist es googelbar. „Mein Blog ist mein Verdauungsorgan“ ist ein Zitat von Felix Schwenzel und es ist wahr.

An dieser Stelle möchte ich meinen Krankenhausaufenthalt im Sommer verdauen.

Erzähle ich die Geschichte von Anfang an und beginne mit: „Alles fing mit Rückenschmerzen an.“ verursache ich bei meinem Gegenüber immer ein besonders gutes Gefühl. Rückenschmerzen habe ich sehr oft. Seit ich Kinder habe eigentlich andauernd und wenn ich mich belastet fühle, dann merke ich das an meinen Rücken am besten. Ich war also im Urlaub, alleine mit den Kindern im tiefsten Bayern an einem See und hatte unglaubliche Rückenschmerzen, die mich nachts wach hielten und mir tagsüber wirklich schlechte Laune machten. Ich war stinksauer. Ich hatte Urlaub! Ich wollte mich wohl fühlen und entspannen. Abends hatte ich ein bisschen Fieber und ganz ehrlich, normalerweise wäre ich nicht zum Arzt gegangen, aber weil ich meinen Urlaub genießen wollte, hoffte ich, der Arzt könne mir irgendein Knallermedikament verschreiben, das ich nehme – eine Chemiekeule die innerhalb von 24 Stunden wirkt.

Ich ging also zu einem Arzt, der zufällig Internist war, schilderte meine Beschwerden und der kräuselte die Stirn. Ein EKG und ein Bluttest später wollte der Arzt gerne, dass ich sofort ins Krankenhaus gehe.

Meine Kinder konnte ich bei einem lieben Freund abgeben und dann fuhr ich ins Krankenhaus. Zehn Minuten nach der ersten Untersuchung wurde ich an alle möglichen Geräte angeschlossen und durfte mich nicht mehr eigenständig bewegen. Mein Herz schlug im Ruhezustand 130 Mal pro Minute. 70 bis 80 Schläge sind normal, ich war also tachykard. Die Blutwerte legten nahe, dass ich einen Herzinfarkt gehabt haben könnte. Ich war völlig schockiert. Ich bin 39 und gehöre in keine der bekannten Risikogruppen. Ich habe keine Vorbelastungen, kein Übergewicht, kein Cholesterin, ich rauche nicht, ich nehme nicht die Pille. Temperamentmäßig gleiche ich eher einer geschlossenen Eisdecke als einem Vulkan.

Es folgte eine Herzkatheteruntersuchung. Ich war sehr beunruhigt. Man muss da so ein Zettelchen unterschreiben was alles passieren könnte und ich sage mal so: Man will nicht dass etwas passiert. Die Ärzte beruhigten mich: „Alles sehr unwahrscheinlich, nichts davon wird bei ihnen eintreffen.“ Ich glaube ab da habe ich durchgeweint. Der Satz „alles sehr unwahrscheinlich“ hatte für mich keine Bedeutung mehr seit eine liebe Freundin eine Woche zuvor von einem LKW überrollt worden war.

Man bot mir freundlicherweise Scheissegaltropfen für die Untersuchung an und ich kann sie sehr empfehlen. Für den Herzkatheter sucht der Arzt sich am rechten Arm eine Stelle am Handgelenk und schiebt dann den Schlauch bis zum Herzen um sich dann mit Hilfe von Kontrastmittel die Koronararterien anzuschauen. Der Kardiologe sagte: „Das Suchen und Schneiden ist ein wenig unangenehm, aber das wird ihnen egal sein.“ Er hatte recht. Es war mir völlig egal. Im Vergleich zu einer Magenspiegelung ist eine Herzkatheteruntersuchung ein Wellnesstreatment. Ich kanns sehr empfehlen.

Die Untersuchung zeigte, dass ich keinen Herzinfarkt gehabt hatte, sondern lediglich eine Herzmuskelentzündung. Auch nichts was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Um mir zu verdeutlichen wie ernst es ist, teilte man mir meinen Troponinwert mit. Troponin ist ein Protein, welches (laienhaft gesagt) das Herz bei einer Muskelschädigung ins Blut freisetzt. Wenn ich mich recht erinnere, sollte der bei höchstens 14 (unter 20 auf jeden Fall) liegen. Mein Wert war bei 1800. Das fand ich, ohne den blassesten Schimmer von irgendwas zu haben, beeindruckend.

Ich kam auf die Überwachungsstation und musste da beinahe zehn Tage bleiben, bis die Werte wieder im grünen Bereich waren. Die Infektion ist viral. Deswegen kann man medikamentös nichts tun. Man wartet einfach ab und beobachtet.

Ohne Ablenkung, an piepsende Geräte angeschlossen, hatte ich viel Zeit über den Tod und das Leben nachzudenken. Aufmunternde Bemerkungen der pragmatisch veranlagten Ärzte: „Keine Sorge! Schlimmstenfalls hilft immer noch eine Herztransplantation!“, gaben mir weiteren Anlass nachdenklich zu sein.

Unvergessen bleibt eine Visite. Die Ärzteschar, alles Männer in ungefähr meinem Alter, stellten sich wie die Sternsinger vor mir auf und zählten auf, was ich die nächsten Wochen und Monate nicht mehr tun dürfte. „Sport auf keinen Fall!“, „Keine Treppen steigen!“, „Einkaufen besser nicht!“, „Meiden sie Hausarbeiten!“. Dann gab es eine Pause und die Ärzte schauten sich gegenseitig an. Einer sagte: „Normalweise müssen wir das nicht thematisieren, weil die Standardpatientin eher um die 80 ist…“ Räuspern „Aber… in ihrem Fall…“ Ich wartete gespannt. Der Assistenzarzt wurde ein Stück nach vorne geschubst. In übertrieben beiläufigem Tonfall sagte er: „In ihrem Fall: Sie dürfen sechs Wochen keinen Sex haben.“ Schweigen. Der zweite Arzt dann: „Und danach nur normalen.“ Alle stehen unschlüssig rum und ich frage mich, ob ich nochmal nachfrage, was genau normaler Sex ist und was dann gegebenenfalls unnormaler Sex wäre, den ich ja nicht haben dürfte.

„Immerhin ist das Wetter schön…“ überbrückt einer der Ärzte die Gesprächspause. „Mit etwas Glück werden sie noch rechtzeitig entlassen, so dass sie auch etwas davon haben.“

Seitdem denke ich über normalen Sex nach und wie ich die Ansage hätte auslegen sollen. Vielleicht war das ja gar kein Verbot Sex zu haben sondern eine Option für einen schönen Tod? Ich habe wirklich viel über den Tod nachgedacht. Eher gesagt, über die Art zu sterben. Das tut man automatisch, wenn Freunde sterben, man selber fast stirbt und man das Zimmer mit Menschen teilt, die Herzinfarkte oder Aneurysmen haben. Das Alter und all seine Gebrechen, das ist keine verlockende Perspektive. Leider sind die sechs Wochen vorbei und damit die Chance auf einen schönen Tod erstmal verstrichen. Man soll halt immer zuhören und nachdenken, wenn Ärzte was sagen. Ansonsten YOLO.

Dating

Jaja, ich weiß. Ihr seid alle vergeben, habt Kinder, Partner. So ist das in unserem Alter. Bei mir ist es länger schon nicht mehr so und ich bin mir nicht sicher, wie gut ich das finde. Das dauerhafte Alleinesein, meine ich jetzt – denn alles andere, das habe ich mir ausgesucht. Das ist gut so und gegen freie Wochenenden habe ich gar nichts. Rumgammeln, die Zeit einfach verstreichen lassen, nicht alles sofort machen, weil hinterher vielleicht keine Zeit mehr ist und sonst alles liegen bleibt, sich türmt und dann nicht mehr zu bewältigen ist.
Ich schlafe aus – bis 8 manchmal – einmal habe ich es geschafft sogar bis 9.30 Uhr zu schlafen.
Ich bade, niemand kommt in dieser Zeit aufgeregt ins Badezimmer gerannt, muss Pipi, lässt die Tür geöffnet oder möchte, dass ich schnell eine Puppe anziehe oder einen Bagger repariere. Das Bad bleibt warm, ich höre Podcasts von morgens bis abends und habe das Gefühl, dass ich bald so schlau bin, dass ich in jeder beliebigen Dokumentation im Privatfernsehen als Expertin heran gezogen werden könnte.
Ich gehe alleine ins Kino, muss mich nicht absprechen. Ich gehe alleine einkaufen, alles geht zehn Mal so schnell. Neulich habe ich mir sogar ein Kleidungsstück gekauft – nur für mich. Ich bin los und wollte mir ein Kleid kaufen und kam mit einem Kleid für mich zurück, nicht mit drei Kleidungsstücken für die Kinder, nicht mit irgendwas praktischem. Nur für mich. Ich hab es angezogen, ganz neu, mich gefreut, es ist nicht nur bequem und zweckmäßig, es hat keine Flecken, es ist einfach nur für mich.
Das habe ich ein paar Monate gemacht und es war schön und jetzt frage ich mich, so auf die 40 zugehend: wars das?
Podcasts, Kinobesuche, Museumsführungen, werde ich schrullig werden, vielleicht ein bißchen misanthrop, warten dass die Kinder ausziehen (sind nur noch 15 Jahre oder so, das vergeht schnell, das weiß ich) oder lerne ich vielleicht doch noch jemanden kennen?
Ich frage also meine alleinstehenden Freundinnen: Wo lernt ihr neue Menschen kennen?
Online, na klar. Also melde ich mich in diversen Portalen an, schreibe Zeug in mein Profil, lade Bilder hoch und lese anderer Leute Profile.
Alles sehr interessant, stundenlang lese ich. Alles Künstler, Musiker, Kreative. Alle Bodytype fit oder athletic. Keiner normal oder gar overweight.
Ab und an habe ich eine Nachricht in meinem Postfach. „Hallo, kannst du dir vorstellen, dich mit einem jüngeren Mann zu treffen?“. Ich schaue ins Profil. Nun jünger ja, aber 20? Ich stelle mir vor, wie ich mit 20 war und dann stelle ich mir vor, ich müsse mich mit einem in diesem Alter unterhalten. Dann muss ich lachen, denn unterhalten wollen die sich gar nicht, das ist mir klar. Tagelang nichts anderes als diese 20jährigen, die wirklich niedlich aussehen und ich frage mich, haben die wirklich mal eine getroffen, die so alt ist wie ich?
Ich ändere irgendwas in meinem Profil und plötzlich nur noch Nachrichten von über 50jährigen. Eine fertige Frau wollen sie kennenlernen, aber eine ohne Ballast. Hübsch wäre ich für mein Alter.
Und ich frage mich warum kann ich nicht einfach nur hübsch ohne diesen Zusatz sein und wie viel Ballast ich habe. Gibt es 40jährige ohne Ballast?
Also lese ich wieder Profile. Es ist möglich die Männer zu filtern. Raucher „nein“ gebe ich an und überlege. Berlin „ja“. Ich könnte noch angeben wie groß sie sein sollen, wie schwer, welches Einkommen. Seltsam finde ich das. Katzenliebhaber. Hundeliebhaber. Nur nach Kaninchenfreunden kann man nicht filtern.
Viele Männer meines Alters wollen Kinder. Ich will keine mehr. Darf ich die dann treffen? Wollen die eigene oder meine und was ist wenn ich meine gar nicht teilen will?
Ich lese und lese und schaue mir die Bilder an und plötzlich fällt mir auf, die wollen alle in den Wald. Selfies mit Bergen im Hintergrund, sie sitzen vor ihren Zelten, in Booten, stehen in Wanderschuhen vor grünen Landschaften. Naturverbunden sind sie. Das wahre Leben wollen sie. Nicht dieses Leben im Internet. Nicht diese Technik. Nicht diese Internetsüchtigen. Man muss sich auch mal anschauen können, miteinander sprechen, Real Life eben.
Mich fröstelt ein bißchen.
Sie wollen in die Natur oder wenigstens ans Meer für immer. Sie hassen die Stadt, den Lärm, die Hektik, können der Geschäftigkeit nichts abgewinnen.
Einmal treffe ich einen. Wir trinken Wein und unterhalten uns den ganzen Abend. Ich finds nett. Am nächsten Tag bekomme ich ein freundliches Absageschreiben: Es hätte nicht gefunkt, obwohl ich doch so lustig und klug sei, auch gut aussehe etc. pp. aber es sei halt nicht die große Liebe.
Ich frage mich, ob das so sein muss. Ob man die große Liebe erwarten muss, obs drunter nicht geht, ob es sich gar nicht lohnt jemanden zu treffen, wenn man nicht davon ausgeht, dass es die große Liebe sein könnte.
Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick? Das ist eine der Fragen im Datingportal. 80% schreiben: Ja!
Sechs Dinge, die du unbedingt brauchst in deinem Leben. Aus einer Laune heraus schreibe ich Gaffatape und Heißklebepistole in die Liste. Zwei wirklich praktische Dinge.
Die Zuschriften werden danach nicht passender. Hastig lösche ich die beiden Dinge wieder aus meiner Liste.
Was ich hier suchen würde? Jemanden, den ich noch nicht kenne. Das reicht nicht. Ich solle mir mal Gedanken machen. Etwas spezifischer müsse es schon sein. Sonst lohne sich ein Treffen doch gar nicht.
Aha, eine Checkliste brauche ich. Verstehe. Humor wäre toll. Aus den 90ern ist mir aus einer Bärbel Schäfer Sendung der denkwürdige Satz: „Der Mann, der wo mich lieben tut, sollte Humor haben und sauber sollte er sein“ hängen geblieben. Schreibe ich den in mein Profil? Mindestens 1,80 sollte er sein, ist klar. Bodytype athletic. Millionen verdienen. Keinen Ballast haben, bloß keiner mit Androidhandy, bio soll er kaufen, nie Bundfaltenhosen tragen und wenn ich dann noch angebe: kein Bart, dann gewöhne ich mich mal lieber ans Alleinsein. Mein Potential zum Schrulligwerden ist ohnehin stärker als mein Wille zur Geselligkeit.