Archiv der Kategorie: Leben neben dem Leben

Herzleiden

In Vorstellungsrunden sage ich gerne, dass mein Blog mein Verdauungsorgan ist. Das finden alle ekelig und der Raum raunt gerne leise üüüüääähhh – aber ich finde diese Analogie sehr treffend. Leider ist sie nicht von mir, sondern von Felix Schwenzel, das sage ich dann auch ab und zu dazu – aber jetzt ist es googelbar. “Mein Blog ist mein Verdauungsorgan” ist ein Zitat von Felix Schwenzel und es ist wahr.

An dieser Stelle möchte ich meinen Krankenhausaufenthalt im Sommer verdauen.

Erzähle ich die Geschichte von Anfang an und beginne mit: “Alles fing mit Rückenschmerzen an.” verursache ich bei meinem Gegenüber immer ein besonders gutes Gefühl. Rückenschmerzen habe ich sehr oft. Seit ich Kinder habe eigentlich andauernd und wenn ich mich belastet fühle, dann merke ich das an meinen Rücken am besten. Ich war also im Urlaub, alleine mit den Kindern im tiefsten Bayern an einem See und hatte unglaubliche Rückenschmerzen, die mich nachts wach hielten und mir tagsüber wirklich schlechte Laune machten. Ich war stinksauer. Ich hatte Urlaub! Ich wollte mich wohl fühlen und entspannen. Abends hatte ich ein bisschen Fieber und ganz ehrlich, normalerweise wäre ich nicht zum Arzt gegangen, aber weil ich meinen Urlaub genießen wollte, hoffte ich, der Arzt könne mir irgendein Knallermedikament verschreiben, das ich nehme – eine Chemiekeule die innerhalb von 24 Stunden wirkt.

Ich ging also zu einem Arzt, der zufällig Internist war, schilderte meine Beschwerden und der kräuselte die Stirn. Ein EKG und ein Bluttest später wollte der Arzt gerne, dass ich sofort ins Krankenhaus gehe.

Meine Kinder konnte ich bei einem lieben Freund abgeben und dann fuhr ich ins Krankenhaus. Zehn Minuten nach der ersten Untersuchung wurde ich an alle möglichen Geräte angeschlossen und durfte mich nicht mehr eigenständig bewegen. Mein Herz schlug im Ruhezustand 130 Mal pro Minute. 70 bis 80 Schläge sind normal, ich war also tachykard. Die Blutwerte legten nahe, dass ich einen Herzinfarkt gehabt haben könnte. Ich war völlig schockiert. Ich bin 39 und gehöre in keine der bekannten Risikogruppen. Ich habe keine Vorbelastungen, kein Übergewicht, kein Cholesterin, ich rauche nicht, ich nehme nicht die Pille. Temperamentmäßig gleiche ich eher einer geschlossenen Eisdecke als einem Vulkan.

Es folgte eine Herzkatheteruntersuchung. Ich war sehr beunruhigt. Man muss da so ein Zettelchen unterschreiben was alles passieren könnte und ich sage mal so: Man will nicht dass etwas passiert. Die Ärzte beruhigten mich: “Alles sehr unwahrscheinlich, nichts davon wird bei ihnen eintreffen.” Ich glaube ab da habe ich durchgeweint. Der Satz “alles sehr unwahrscheinlich” hatte für mich keine Bedeutung mehr seit eine liebe Freundin eine Woche zuvor von einem LKW überrollt worden war.

Man bot mir freundlicherweise Scheissegaltropfen für die Untersuchung an und ich kann sie sehr empfehlen. Für den Herzkatheter sucht der Arzt sich am rechten Arm eine Stelle am Handgelenk und schiebt dann den Schlauch bis zum Herzen um sich dann mit Hilfe von Kontrastmittel die Koronararterien anzuschauen. Der Kardiologe sagte: “Das Suchen und Schneiden ist ein wenig unangenehm, aber das wird ihnen egal sein.” Er hatte recht. Es war mir völlig egal. Im Vergleich zu einer Magenspiegelung ist eine Herzkatheteruntersuchung ein Wellnesstreatment. Ich kanns sehr empfehlen.

Die Untersuchung zeigte, dass ich keinen Herzinfarkt gehabt hatte, sondern lediglich eine Herzmuskelentzündung. Auch nichts was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Um mir zu verdeutlichen wie ernst es ist, teilte man mir meinen Troponinwert mit. Troponin ist ein Protein, welches (laienhaft gesagt) das Herz bei einer Muskelschädigung ins Blut freisetzt. Wenn ich mich recht erinnere, sollte der bei höchstens 14 (unter 20 auf jeden Fall) liegen. Mein Wert war bei 1800. Das fand ich, ohne den blassesten Schimmer von irgendwas zu haben, beeindruckend.

Ich kam auf die Überwachungsstation und musste da beinahe zehn Tage bleiben, bis die Werte wieder im grünen Bereich waren. Die Infektion ist viral. Deswegen kann man medikamentös nichts tun. Man wartet einfach ab und beobachtet.

Ohne Ablenkung, an piepsende Geräte angeschlossen, hatte ich viel Zeit über den Tod und das Leben nachzudenken. Aufmunternde Bemerkungen der pragmatisch veranlagten Ärzte: “Keine Sorge! Schlimmstenfalls hilft immer noch eine Herztransplantation!”, gaben mir weiteren Anlass nachdenklich zu sein.

Unvergessen bleibt eine Visite. Die Ärzteschar, alles Männer in ungefähr meinem Alter, stellten sich wie die Sternsinger vor mir auf und zählten auf, was ich die nächsten Wochen und Monate nicht mehr tun dürfte. “Sport auf keinen Fall!”, “Keine Treppen steigen!”, “Einkaufen besser nicht!”, “Meiden sie Hausarbeiten!”. Dann gab es eine Pause und die Ärzte schauten sich gegenseitig an. Einer sagte: “Normalweise müssen wir das nicht thematisieren, weil die Standardpatientin eher um die 80 ist…” Räuspern “Aber… in ihrem Fall…” Ich wartete gespannt. Der Assistenzarzt wurde ein Stück nach vorne geschubst. In übertrieben beiläufigem Tonfall sagte er: “In ihrem Fall: Sie dürfen sechs Wochen keinen Sex haben.” Schweigen. Der zweite Arzt dann: “Und danach nur normalen.” Alle stehen unschlüssig rum und ich frage mich, ob ich nochmal nachfrage, was genau normaler Sex ist und was dann gegebenenfalls unnormaler Sex wäre, den ich ja nicht haben dürfte.

“Immerhin ist das Wetter schön…” überbrückt einer der Ärzte die Gesprächspause. “Mit etwas Glück werden sie noch rechtzeitig entlassen, so dass sie auch etwas davon haben.”

Seitdem denke ich über normalen Sex nach und wie ich die Ansage hätte auslegen sollen. Vielleicht war das ja gar kein Verbot Sex zu haben sondern eine Option für einen schönen Tod? Ich habe wirklich viel über den Tod nachgedacht. Eher gesagt, über die Art zu sterben. Das tut man automatisch, wenn Freunde sterben, man selber fast stirbt und man das Zimmer mit Menschen teilt, die Herzinfarkte oder Aneurysmen haben. Das Alter und all seine Gebrechen, das ist keine verlockende Perspektive. Leider sind die sechs Wochen vorbei und damit die Chance auf einen schönen Tod erstmal verstrichen. Man soll halt immer zuhören und nachdenken, wenn Ärzte was sagen. Ansonsten YOLO.

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Dating

Jaja, ich weiß. Ihr seid alle vergeben, habt Kinder, Partner. So ist das in unserem Alter. Bei mir ist es länger schon nicht mehr so und ich bin mir nicht sicher, wie gut ich das finde. Das dauerhafte Alleinesein, meine ich jetzt – denn alles andere, das habe ich mir ausgesucht. Das ist gut so und gegen freie Wochenenden habe ich gar nichts. Rumgammeln, die Zeit einfach verstreichen lassen, nicht alles sofort machen, weil hinterher vielleicht keine Zeit mehr ist und sonst alles liegen bleibt, sich türmt und dann nicht mehr zu bewältigen ist.
Ich schlafe aus – bis 8 manchmal – einmal habe ich es geschafft sogar bis 9.30 Uhr zu schlafen.
Ich bade, niemand kommt in dieser Zeit aufgeregt ins Badezimmer gerannt, muss Pipi, lässt die Tür geöffnet oder möchte, dass ich schnell eine Puppe anziehe oder einen Bagger repariere. Das Bad bleibt warm, ich höre Podcasts von morgens bis abends und habe das Gefühl, dass ich bald so schlau bin, dass ich in jeder beliebigen Dokumentation im Privatfernsehen als Expertin heran gezogen werden könnte.
Ich gehe alleine ins Kino, muss mich nicht absprechen. Ich gehe alleine einkaufen, alles geht zehn Mal so schnell. Neulich habe ich mir sogar ein Kleidungsstück gekauft – nur für mich. Ich bin los und wollte mir ein Kleid kaufen und kam mit einem Kleid für mich zurück, nicht mit drei Kleidungsstücken für die Kinder, nicht mit irgendwas praktischem. Nur für mich. Ich hab es angezogen, ganz neu, mich gefreut, es ist nicht nur bequem und zweckmäßig, es hat keine Flecken, es ist einfach nur für mich.
Das habe ich ein paar Monate gemacht und es war schön und jetzt frage ich mich, so auf die 40 zugehend: wars das?
Podcasts, Kinobesuche, Museumsführungen, werde ich schrullig werden, vielleicht ein bißchen misanthrop, warten dass die Kinder ausziehen (sind nur noch 15 Jahre oder so, das vergeht schnell, das weiß ich) oder lerne ich vielleicht doch noch jemanden kennen?
Ich frage also meine alleinstehenden Freundinnen: Wo lernt ihr neue Menschen kennen?
Online, na klar. Also melde ich mich in diversen Portalen an, schreibe Zeug in mein Profil, lade Bilder hoch und lese anderer Leute Profile.
Alles sehr interessant, stundenlang lese ich. Alles Künstler, Musiker, Kreative. Alle Bodytype fit oder athletic. Keiner normal oder gar overweight.
Ab und an habe ich eine Nachricht in meinem Postfach. “Hallo, kannst du dir vorstellen, dich mit einem jüngeren Mann zu treffen?”. Ich schaue ins Profil. Nun jünger ja, aber 20? Ich stelle mir vor, wie ich mit 20 war und dann stelle ich mir vor, ich müsse mich mit einem in diesem Alter unterhalten. Dann muss ich lachen, denn unterhalten wollen die sich gar nicht, das ist mir klar. Tagelang nichts anderes als diese 20jährigen, die wirklich niedlich aussehen und ich frage mich, haben die wirklich mal eine getroffen, die so alt ist wie ich?
Ich ändere irgendwas in meinem Profil und plötzlich nur noch Nachrichten von über 50jährigen. Eine fertige Frau wollen sie kennenlernen, aber eine ohne Ballast. Hübsch wäre ich für mein Alter.
Und ich frage mich warum kann ich nicht einfach nur hübsch ohne diesen Zusatz sein und wie viel Ballast ich habe. Gibt es 40jährige ohne Ballast?
Also lese ich wieder Profile. Es ist möglich die Männer zu filtern. Raucher “nein” gebe ich an und überlege. Berlin “ja”. Ich könnte noch angeben wie groß sie sein sollen, wie schwer, welches Einkommen. Seltsam finde ich das. Katzenliebhaber. Hundeliebhaber. Nur nach Kaninchenfreunden kann man nicht filtern.
Viele Männer meines Alters wollen Kinder. Ich will keine mehr. Darf ich die dann treffen? Wollen die eigene oder meine und was ist wenn ich meine gar nicht teilen will?
Ich lese und lese und schaue mir die Bilder an und plötzlich fällt mir auf, die wollen alle in den Wald. Selfies mit Bergen im Hintergrund, sie sitzen vor ihren Zelten, in Booten, stehen in Wanderschuhen vor grünen Landschaften. Naturverbunden sind sie. Das wahre Leben wollen sie. Nicht dieses Leben im Internet. Nicht diese Technik. Nicht diese Internetsüchtigen. Man muss sich auch mal anschauen können, miteinander sprechen, Real Life eben.
Mich fröstelt ein bißchen.
Sie wollen in die Natur oder wenigstens ans Meer für immer. Sie hassen die Stadt, den Lärm, die Hektik, können der Geschäftigkeit nichts abgewinnen.
Einmal treffe ich einen. Wir trinken Wein und unterhalten uns den ganzen Abend. Ich finds nett. Am nächsten Tag bekomme ich ein freundliches Absageschreiben: Es hätte nicht gefunkt, obwohl ich doch so lustig und klug sei, auch gut aussehe etc. pp. aber es sei halt nicht die große Liebe.
Ich frage mich, ob das so sein muss. Ob man die große Liebe erwarten muss, obs drunter nicht geht, ob es sich gar nicht lohnt jemanden zu treffen, wenn man nicht davon ausgeht, dass es die große Liebe sein könnte.
Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick? Das ist eine der Fragen im Datingportal. 80% schreiben: Ja!
Sechs Dinge, die du unbedingt brauchst in deinem Leben. Aus einer Laune heraus schreibe ich Gaffatape und Heißklebepistole in die Liste. Zwei wirklich praktische Dinge.
Die Zuschriften werden danach nicht passender. Hastig lösche ich die beiden Dinge wieder aus meiner Liste.
Was ich hier suchen würde? Jemanden, den ich noch nicht kenne. Das reicht nicht. Ich solle mir mal Gedanken machen. Etwas spezifischer müsse es schon sein. Sonst lohne sich ein Treffen doch gar nicht.
Aha, eine Checkliste brauche ich. Verstehe. Humor wäre toll. Aus den 90ern ist mir aus einer Bärbel Schäfer Sendung der denkwürdige Satz: “Der Mann, der wo mich lieben tut, sollte Humor haben und sauber sollte er sein” hängen geblieben. Schreibe ich den in mein Profil? Mindestens 1,80 sollte er sein, ist klar. Bodytype athletic. Millionen verdienen. Keinen Ballast haben, bloß keiner mit Androidhandy, bio soll er kaufen, nie Bundfaltenhosen tragen und wenn ich dann noch angebe: kein Bart, dann gewöhne ich mich mal lieber ans Alleinsein. Mein Potential zum Schrulligwerden ist ohnehin stärker als mein Wille zur Geselligkeit.

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Fußball, ein Rant

Vor Wochen hätte ich mich noch schlapp gelacht, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich mal über Fußball bloggen möchte. Möchte ich aber.

In letzter Zeit habe ich mich nämlich mit der Frage beschäftigt, warum ich Fußball nicht leiden kann. Man fühlt sich während der WM sehr schlecht, wenn man sich nicht für Fußball begeistern möchte. Wie eine Außenseiterin, eine Spielverderberin, eine Spaßbremse. Und noch schlimmer, weil die Kinder sich dem auch nicht entziehen konnten, mache ich sie zu Außenseitern, wenn wir das ganze Trara nicht mitmachen. Keine Chance mit irgendwas gegenzuhalten wenn wir keine Aliens sein wollen. Sie werden von den Erzieherinnen in Schule und Kindergarten mit Deutschlandfahnen angemalt. Panini-Karten überall. Die Kinder erzählen sich die Fußballspiele. Selbst kleine Kinder dürfen die späten Spiele sehen.

Also mitmachen oder der Arsch sein?

Warum hab ich überhaupt was gegen Fußball?

Erstens: Ich finde es wahnsinnig langweilig. Riesiges Spielfeld und fast nichts passiert. Ein Tor. Zwei Tore. Wow.

Im Gegensatz dazu unterhält mich Handball oder Basketball ganz gut. Auch wenn da mein Auge für vieles zu langsam ist. Hä? Schrittfehler? Einmal geblinzelt – Tor. Kurz mal den Schuh gebunden. Tor.

Es mag sein, dass Fußball interessanter ist, wenn man was von Team-Strategien etc pp versteht, tue ich aber nicht – also: langweilig.

Zweitens: Irgendwas mit Geschlecht. Für die männlichen Vereine/Nationalteams interessieren sich viel mehr als für die weiblichen. Sie werden gefeiert bis zum Gehtnichtmehr. Ist das in anderen Sportarten auch so? Leichtathletik? Tennis (Meine Wahrnehmung sagt nein). Warum ist das so? Spielen die Frauenfußballerinnen wirklich auf einem anderen Niveau? Ist das bei Tennis anders?

Drittens: Die Feindschaften.

Gosh! Jeder Bundesligaverein hat irgendeinen Feindverein. Warum? Warum kann man nicht Schalke-Fan sein und die Borussia-Fans und/oder Fußballer lieb haben? Ich hab den Eindruck, dass dieser Feindschaftsquatsch ein großer Teil der Fußballkultur ist und das nervt mich.

Viertens: Der Fan als solches

Und zwar, das Klischee des Fans, das ich über die Massenmedien mitbekomme. Aggressiv, randalierend, besoffen, erhöht sich durch die Erniedrigung anderer. Sind mir persönlich Fans anderer Sportarten in dieser Art im Bewusstsein? Der grölende Golf-Fan? Aggressive Snooker-Fans?

“Boah, nuf, du nervst ja voll, welche Sportart gefällt dir denn?” (Nicht dass das jemand in den Kommentaren sagen muss).

Nun, ich liebe Capoeira. Ich hab schon mal darüber geschrieben. Capoeira ist ein friedlicher Sport mit hohen Frauenanteil. Es geht um Akrobatik und Kommunikation, es geht um Musik, Rhythmus und Gemeinschaft. Es gibt kein dissen der Frauen, keines der weniger Talentierten, keines der Schwächeren.

Und ja, ihr dürft euch freuen, dass WIR Weltmeisterin sind. Aber muss denn die Welt stehen bleiben weil WM ist? Der Unterricht beginnt später? Kinospätprogramm wird gestrichen? In der U-Bahn wird der Spielstand durchgegeben? Wie bescheuert ist das denn? Schön fände ich es, wenn ich trotz Fußball weiterleben kann wie bisher. Oder wenn das Theater bei jeder verdammten Sportart gemacht wird. Dann freuen sich nämlich auch mal die Curlingfans wenn die S-Bahn den Spielstand der Curling-Liga durchgibt!

Mich haben in Bamberg die katholischen Prozessionen, die über Lautsprecher in die Straßen gebrüllt werden auch schon immer genervt. Der Bischof darf fürbitten bei 120 dB aber wehe jemand baute eine Moschee und man verhielte sich diesbezüglich genauso!

Also entweder alle oder keiner. Und wenn gefeiert wird, dann nehmt doch den Dreck wieder mit und beschießt mich nicht mit Feuerwerkskörpern.

Und was das Gaucho-Gate angeht: Ich fands voll daneben.

Ich hab, während ich gemeinsam mit den Kindern die Spiele angeschaut hab, ständig gesagt: Ihr könnt euer Team bejubeln, aber es ist absolut nicht nötig die anderen runter zu machen. Egal, ob andere das auch machen. Ob das vielleicht nicht so gemeint war. Ob das Tradition hat. Ob die Sitten beim Fußball eben so sind. Oder ob ihr das nicht angefangen habt.

Deswegen was den Gaucho-Tanz angeht:

Der Tanz an sich war nicht rassistisch. Er war aber geschmacklos, unüberlegt und überflüssig, und wertet die Gegner ab. Das sollten die Spieler einer Mannschaft nicht nötig haben, die 

a) Weltmeister sind.
b) für Fairplay einstehen sollten, auch außerhalb des Sports.
c) sich ihrer Vorbildfunktion dieser Tage durchaus bewusst sein sollten.

Amen (ich freue mich auf viele pöbelige Kommentare, mein Adrenalinlevel ist gerade in Stimmung).

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Augen und Ohren zuhalten und NANANANA schreien, lässt das Wahlergebnis leider nicht weggehen

Am Wochenende viel über das Infinite-Monkey-Theorem nachgedacht. Es besagt, dass ein Affe, der unendlich lange zufällig auf einer Schreibmaschine herumtippt, fast sicher alle Bücher in der Nationalbibliothek Frankreichs schreiben wird.

Wenn ich es also richtig verstehe, geht es darum, dass diese Werke also nicht Ergebnis unglaublichen Intellekts oder Talentes sind, sondern im Grunde hm… ein Zufallsprodukt, das früher oder später irgendwer hervor gebracht hätte.

Das fiel mir ein, als ich mir die Wahlergebnisse des U18 Projektes angeschaut habe.

 

Bildschirmfoto 2013-09-23 um 12.09.48

 

 

 

 

 

 

 

Im U18 Projekt können Kinder JEDEN Alters neun Tage vor den tatsächlichen Bundestagswahlen wählen gehen. Im Vorfeld dieser Wahlen, werden verschiedene Informationsangebote rund um die Parteien, deren Kandidaten und Programme geboten.

Natürlich nehmen hauptsächlich Teenager an dem Projekt teil. Der Tabelle der Altersverteilung kann man aber auch entnehmen, dass Einjährige teilgenommen haben. Faszinierend. Abgesehen davon, dass die sehr wahrscheinlich nicht lesen konnten, haben die es immerhin geschafft zwei Kreuze an die richtige Stelle zu machen – also gültig zu wählen. Gleiches gilt für die Zwei-, Drei- und Vierjährigen. Ob die tatsächlich darüber Auskunft geben können WAS sie eigentlich gewählt haben und v.a. auch WARUM sie das gewählt haben, wäre auch spannend zu wissen.

Für mich ist das Wahlergebnis der U18 Wahl ziemlich erschütternd. Ich kann mir gut vorstellen, warum Kinder “Piraten” (12,1%) wählen. Eine Partei, die  “Dinosaurier”, “Ritter” oder “Elfen” heißen würde, würde bei dieser Zielgruppe sicherlich ähnlich gut abschneiden. Auch kann ich den hohen Anteil für die Grünen (17,0%) gut nachvollziehen. Unter Natur, Umweltschutz, Friedensbewegung (gibts die nach den 90ern eigentlich noch?) können sich Kinder wahrscheinlich auch was vorstellen. Was aber ist mit der CDU (27,1%!), der SPD (20,4%) und den Linken (7,8%). Das würde mich wirklich interessieren!

Leider haben meine Kinder an der U18 Wahl nicht aktiv teilgenommen, weil ich erst nach den Wahlen von dem Projekt erfahren habe. (Kind 1.0 kannte das Projekt übrigens und ist aus Politikverdrossenheit gar nicht erst hingegangen, wie wir durch Nachfragen erfahren haben, Kind 2.0 hätte die Grünen gewählt, weil es die Natur liebt und Kind 3.0 findet die Piraten cool weil die Messer haben und schreien, kann sich aber auch gut vorstellen die FDP zu wählen, denn gelb ist seine Lieblingsfarbe und die gelben Ballons sind schon sehr schick…)

Jedenfalls wie auch immer diese Ergebnisse zustande kommen … um das Infinite-Monkey-Theorem an den Haaren herbei zu ziehen – vielleicht ist das alles einfach nur Ergebnis irgendwelcher Zufallsentscheidungen? Knick Knack ein Paar Synapsen knistern und schwupps hat man ein Kreuzchen bei einer Partei gemacht.

Ich gestehe ganz ehrlich: Ich habe viel gelesen, den Wahl-O-Mat gemacht, war auf der Abgeordnetenwatch Seite etc. und habe mich trotzdem fünf Meter vor dem Wahllokal bei meiner Zweitstimme umentschieden, weil mir erst da schuppenartig von den Augen fiel, dass es so oder so eine absolute Mehrheit für die CDU/CSU geben würde oder aber eine große Koalition. Beides furchtbar.

In der Wahlkabine starrte ich dann ein bisschen auf meinen Wahlzettel und fragte mich, warum die Position der Parteien bei der Zweitstimme eigentlich nicht durchpermutiert werden. Anstatt dessen stehen die Parteien mit den meisten Stimmen immer oben. Ist das denn korrekt so? Gibt es nicht eine Art Tendenz immer das anzukreuzen, was oben ist, weil man vielleicht gar nicht bis unten liest? (Es sei denn natürlich man hat sich vorher schon entschieden was ganz anderes zu wählen, dann sucht man aktiv danach). Wäre es dann nicht neutraler die Reihenfolge der Platzierungen nach einem Zufallsprinzip zu erzeugen?

Jedenfalls. Ich hab jetzt nicht die Wahlergebnisse der letzten 40 Jahre durchgeschaut – aber vielleicht gibt es ein Quarter-Choice-Theorem, das 60% der Verteilung von Wahlergebnissen vorhersagt und der Rest, das ist dann wirklich der Anteil an Menschen, die einen Grund haben ihr Kreuz an eine bestimmte Stelle zu setzen?

Ich bin so schrecklich deprimiert über das Wahlergebnis. Ich habe gelernt: Deutschland – das sind nicht die Großstädte. Deutschland – das ist schon gar nicht Berlin. Ich lebe in einer beschaulichen Filterbubble.

Bildschirmfoto 2013-09-23 um 08.43.40

Immerhin nicht nur im Internet sondern auch im RL. Das Wahlergebnis in meinem Kiez, ist wenigstens ganz hübsch (siehe Grafik links).

Den anderen Menschen drücken offensichtlich ganz andere Themen. Das Wahlergebnis zeigt, Themen wie anlasslose Vorratsdatenspeicherung, Einschränkung der Grundrechte durch einen Überwachungsstaat, eine innovative Familienpolitik, die auch Chancengleichheit im Beruf begünstigt und Mindestlohn – das ist alles wurscht oder zumindest von völlig anderen Vorstellungen und Wünschen geprägt.

Ich habe gehört, dass die U18 WählerInnen v.a. von der Führungspersönlichkeit von Angela Merkel beeindruckt waren. Das scheint bei den Ü18 WählerInnen nicht anders zu sein.

Angela Merkel ist der Fels in der Brandung. Sie steht Sachen einfach aus. Aus der Kohlära kenne ich das noch. Abwarten und Tee trinken und in der Zwischenzeit alles verkniffen weglächeln. Anscheinend ist es aber das was die Menschen wollen. Beharrlichkeit, Ausdauer, Vorhersehbarkeit. Die CDU hat ein Gesicht. Es lässt sich ein stabiler Erwartungshorizont bilden und es ist nicht zu befürchten dass irgendetwas unvorhersehbares passiert. Das überhaupt etwas passiert.

Ich wünsche mir eine Minderheitenregierung der CDU/CSU. Auf die 5 (?) fehlenden Plätze ist doch geschissen. Sollen die das mal unter sich ausmachen. Bleibt die Hoffnung, dass die CDU/CSU dann in vier Jahren keinen Sündenbock hat, dem sie alle Fehler und nicht getroffenen Entscheidungen in die Schuhe schieben kann. Und es wäre für mich auch höchst spannend zu sehen, was mit der schönen Einigkeit der Union passiert, wenn die sich wirklich mal an Themen reiben.

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Ich kann nicht Nichts tun

FotoDie Familie ist bereits in den Urlaub gefahren. Ich bin somit das erste Mal seit zehn Jahren wieder mehr als zwei Nächte ohne Mann und Kinder.
Ich hatte ursprünglich geplant mich in dieser Zeit zu erholen. Im Grunde habe ich außer arbeiten gehen keine Punkte im Pflichtprogramm. Dooferweise habe ich entdeckt, dass ich noch 4 Kinogutscheine habe, die sehr bald ablaufen. Also bin ich drei Mal ins Kino gegangen. Natürlich wollte ich vor dem Entspannen alles erledigt haben, das mich irgendwie vom Entspannen abhalten könnte. Also habe ich die Wohnung geputzt. Vier Stunden lang. Endlich mal ohne Kinder, die immer rumwuseln. Podcasts habe ich nebenher gehört. Dann habe ich zwei Zeitschriften gelesen. Meine Schuhe geputzt. Kommt man ja sonst nie zu. Ich war fahrradfahren und joggen. Blogartikel habe ich sortiert. Tagebuch für die Kinder geschrieben. Schließlich erinnere ich mich nie an etwas wenn ich es nicht aufschreibe und wenn meine Kinder eigene Kinder bekommen, dann will ich ihnen alle Fragen beantworten können. Ein Buch habe ich gelesen. Die alte Pflanze im Bad entsorgt. Den Balkon aufgehübscht. Ein Paar Folgen unterschiedlicher Serien geschaut. Das Kinderzimmer ausgemistet. Die Kindersachen sortiert (Verschenken, Erinnerungen, Flohmarkt, ebay). Ich habe jedes YouTube-Video angeschaut, das mir in die Timeline gespült wurde. Ich habe mich so gelangweilt, dass ich mir die Zehennägel lackiert habe. War einkaufen, habe den Pfand weggebracht und bin in die Bibliothek gegangen. Ich habe intensiv darüber nachgedacht, wen ich zur Bundestagswahl wähle (weiterhin nicht die Piraten, aber auch nicht das, was ich eigentlich wählen würde, ginge es nach dem Wahlprogramm).
Ich habe sogar das 300 Teile Puzzle von Kind 2.0 fertig gepuzzelt, einfach weil es da lag.
Das waren die ersten 1,5 Tage ohne Familie – wobei ja noch relativ viel vom Abend des 1,5. Tages übrig ist. Acht Stunden geschlafen habe ich übrigens auch.
FÜNF weitere Tage stehen mir noch bevor.
Ich habe mir schon mal fünf Bücher bereit gelegt. Aber was mache ich mit dem Rest?
Mein Leben hat die Geschwindígkeit des TGVs und plötzlich soll ich Hausboot fahren?
Das geht einfach nicht.
Ich brauche Programm!

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Die echten Menschen und die im Internet

Der Weg in den Kindergarten führt an zwei Altenheimen vorbei. Oft begegnen uns deswegen Menschen jenseits der 80, die auf Rollatoren ihre Runden drehen. Kind 3.0 ist sehr gesprächig und ruft allen Menschen, die an uns vorbei gehen, ein sehr herzliches “Hallo” zu. Die meisten freuen sich sehr und sind bei der anschließenden Konversation glücklicherweise sehr schwerhörig. Kind 3.0 ist sehr offen und so lautet seine Lieblingsfrage “Wieso siehst Du eigentlisch so gruselig aus?” oder auch “Bist Du eine alte Hexe?”. Kind 3.0 und die Alten reden ein wenig miteinander und wenn wir dann weiter gehen, fragt Kind 3.0 gerne “Wer war das? Und warum redet der mit misch?”

Mir ist aufgefallen, dass die meisten älteren Menschen zu Beginn sehr traurig schauen und ihr Gesicht sich unfassbar aufhellt, wenn sie mit Kind 3.0 sprechen.

Oft sehe ich auch alte Menschen, die auf ihrem kleinen Balkon stehen und nach draußen schauen. Sie stehen da, unbeweglich und ich kann oft nicht genau ausmachen, was sie eigentlich anschauen. Ihre Haare sind verwuschelt und sie tragen Bademäntel, so als sei dieser Ausflug auf den Balkon, der einzige Ausflug des Tages. Auf dem Rückweg stehen sie immer noch da.

Ich überlege dann, wie das bei mir sein wird – so in 35 – 40 Jahren.

Ohne das Internet – für mich vor 1997 – habe ich mich oft sehr einsam gefühlt. Seit dem ich – wie einige meiner Bekannten das sagen – im Internet lebe, ist das nicht mehr so. Ich kann entscheiden, ob ich alleine sein oder Gesellschaft haben möchte. Selbst wenn ich zuhause bin und fernsehe zum Beispiel. Wenn das Programm zu öde ist, nehme ich mein Handy in die Hand und schaue, ob andere auf Twitter sich die Sendung anschauen, ich filtere das Hashtag und schon sitze ich mit vielen Menschen auf meinem Sofa.

Ich habe völlig unabhängig von Raum und v.a. auch von der Zeit “Menschen” um mich. Ich bin schon immer eine Frühaufsteherin gewesen. Samstags war ich immer um acht knallwach. Bis ich gewagt habe, eine Freundin anzurufen sind schon mal drei Stunden vergangen. Heute stehe ich oft vor sechs auf. Als erstes klicke ich mich dann durch Mails, lese Blogs, schaue was auf Twitter und Facebook los ist und das Gefühl von Einsamkeit bleibt mir fern. Natürlich habe ich auch meine Familie, meinen Mann, die Kinder und ich weiß nicht genau wie es ganz ohne sie wäre, aber ich stelle mir das Alter mit Internet viel schöner vor als ohne.

Vor ein, zwei Generationen haben Freunde und Familie viel enger zusammen gewohnt. Ich denke, es war nicht unüblich sogar in der selben Stadt zu wohnen oder Freunde aus der Schule ein Leben lang zu kennen.

Meine Oma wohnt über 2.400 km weit weg entfernt. Meine Eltern 500, meine Schwester ebenfalls. Von den Schulfreunden kenne ich nur noch wenige. Bis auf zwei sind sie alle mehr als 300 Kilometer entfernt. V.a. mit denen, die ins Ausland gezogen sind, halte ich über Facebook Kontakt. Es ist ein lockerer Kontakt, aber ich freue mich, sie regelmäßig in der Timeline zu sehen.

Ich bin zudem sehr schlecht in aktiv Kontakt halten. Auch bin ich sehr schlecht in interessierte Fragen stellen. Ich kann mir nicht ausmalen, wie ich ohne das Internet leben würde. Vermutlich hätte ich mehr Zeit. Die Frage ist nur für was. Fürs Fingernägel lackieren? Für Flechtfrisuren? Würde ich mehr basteln mit den Kindern? Wäre ich aktiver in unserem Kiez? Ließen sich andere soziale Aktivitäten eigentlich mit meinem Alttag – dem Hin- und Hergehetze zwischen Arbeit, Kindergarten, Zuhause vereinen?

Wo werden meine Kinder sein, wenn ich alt bin? Wo die Freunde?

Ich hoffe jedenfalls, dass es bis dahin tolle Apps für alte Menschen gibt, die einfach zu bedienen sind, die ich auch noch mit Gicht und Arthritis benutzen kann. Die ich auch schwerhörig und fehlsichtig benutzen kann und die mir den Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden und den Menschen im Internet, die ich vielleicht gar nicht persönlich kenne und die mir trotzdem das Gefühl von Nähe und Gesellschaft geben, ermöglichen. Ich möchte lieber auf meinem Bett liegen, ein leichtes, riesenhaftes Gadget auf dem Schoß haben und mit knorrigen Fingern Symbole anklicken als frierend und alleine auf einem Balkon stehen und in die Ferne schauen, so wie die Menschen, die nur Kontakt zu “echten Menschen” hatten und haben.

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P’takh wer’s nicht zu schätzen weiß

Der Wolf, das Lamm auf der grünen Wiese
HURZ!
Und das Lamm schrie HURZ!

Der Wolf, das Lamm, ein Lurch lugt hervor

1991 (!) schrieb Hape Kerkeling als Tenor Pjotr Stianek Fernsehgeschichte. Er präsentierte vor interessiertem Publikum sein Musikstück “Hurz!”. Ich fühlte mich gestern als ich der klingonischen Oper u lauschte, auch ein bißchen hurz.

Nichtsdestotrotz kann ich reinen Gewissens sagen, dass u die beste Oper war, die ich in meinem Leben bislang gehört habe (was zu einem nicht unwesentlichen Teil daran liegt, dass u die erste Oper war, die ich in meinem Leben gehört habe).

Inszeniert wurde u vom niederländischen Klingon Terran Research Ensemble.
Beeindruckend waren für mich v.a. die Musiker, die original klingonische Instrumente spielten. Darunter z.B. der Dov’agh (Anne La Berge), die Supghew (James Hewitt) und nicht zu vergessen, die ´In (Juan Martinez), welche mit Hilfe der mupwI’Hom gespielt wurde.

Da ich weiß, dass man die klingonische Seele nur verstehen kann, wenn man auch ihre Lieder und Mythen zu schätzen weiß, war der Opernbesuch für mich ein Muss. Zumal ich so endlich die komplette Geschichte von Kahless kennenlernen konnte und somit auch endlich den Ursprung des Bat’leths kenne.

Bleibenden Eindruck hat Michael Mason, der Master of Scream, bei mir hinterlassen. Sein Klingonisch war wirklich hervorragend und beinahe akzentfrei. Der Master of Scream führte durch die Handlung und wies das Publikum an den entscheidenten Stellen an mitzuschreien. Ein sehr befreiendes und großartiges Erlebnis.


(Das Publikum stimmt ein in Lukanas Schrei)

Am Ende jedenfalls stehende Ovationen und das nicht nur durch die Klingonen im Publikum. Fast wäre ich auch auf die Bühne gesprungen als die Initiatoren des Stücks am Ende immer wieder wohlwollend in meine Richtung deuteten. Glücklicherweise drehte ich mich dann aber doch noch mal um und konnte so feststellen, dass ich genau vor Marc Okrand, dem Erfinder der klingonischen Sprache, saß.


(Marc Okrand und ein Paar Föderationswesen)

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Bechdel Test bestanden?
Leider nein. Was übrigens sehr bedauerlich ist. Denn sonst sind Frauen im Klingonischen Reich vergleichsweise gleichberechtigt.

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Fürs nächste Mal zum Mitsingen:

Qoy qeylIs puqloD [Kroi keylisch puklod]
Qoy puqbe’pu’ [kroi pukbäpu-hu]
yoHbogh matlhbogh je SuvwI’ [jochboch matlboch dschä schufwi]
SeymoHchu’ mayu’ [scheymochtschu maju]
maSuv manong ‘ej maHoHchu’ [maschuf manong edsch machochtschu]
nI’be’ yInmaj ‘ach wovqu’ [nibä jinmatsch atsch wof-ku]
batlh maHeghbej ‘ej yo’ qIjDaq [batl machechbedsch ädsch jo kidschdak]
vavpu’ma’ DImuvpa’ reH maSuvtaH [wafpuma dimuvpa rech maschuftach]
Qu’ mamevQo’ maSuvtaH ma’ov [kru mamefkro maschuftach maow]

Quelle: Internet

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Keine Lösungen, aber viele Fragen

An #aufschrei kann niemand, der auf Twitter aktiv ist, vorbei lesen. Es ist viel geschrieben worden und ich möchte an dieser Stelle auf zwei Artikel verweisen, die das Thema sehr differenziert von unterschiedlichen Perspektiven beleuchten:

#Aufschrei – es geht nicht um mich und Derailing und die Lämmerfrage

Ich kann nur jeden ans Herz legen, auch die in den jeweiligen Artikeln verlinkten Beiträge anderer BloggerInnen zu lesen und sich ein bisschen tiefer mit dem Thema zu beschäftigen.

Natürlich spielt das Thema für mich eine Rolle, weil ich Frau bin und auf einer anderen Ebene, weil ich Mutter bin. Ich hoffe, dass ich meine Kinder so stark machen kann, wie es z.B. Journelles Mutter gelungen ist: “Meine Mutter hatte immer allergrößten Wert darauf gelegt, dass ich schon früh begriff, dass mein Körper ausschließlich mir gehört. Außerdem war klar, dass sie mir im Zweifel immer glauben und für mich kämpfen würde, wenn ich das Gefühl hätte, dass jemand etwas mit mir tut, das ich nicht möchte oder mir unangenehm ist.

Für mich fängt diese Art von “Erziehung” schon bei der Bezeichnung der Geschlechtsteile an. Ich habe mal gemeinsam mit einer Freundin einen Vortrag an der Uni zu den sprachlichen Rahmen bei der Bezeichnung der Geschlechtsteile gehalten (Stichwort “die Scham” und “das Gemächt”). Es ist erschreckend, wie normal es alle finden “Penis” zu sagen und gleichzeitig Probleme haben “Scheide” oder “Vagina” auszusprechen. Ich höre auch immer wieder, dass Jungs da unten “einen Penis” haben und Mädchen da unten “keinen Penis” haben. Das weibliche Geschlecht also als Abwesenheit des Penis. Ich könnte einen eigenen Artikel über die Bezeichnungsproblematik schreiben und was ich glaube, was das alles nach sich zieht.

Das ist aber nur einer von Hunderten Mini-Aspekten, die eine Rolle in der Erziehung spielen. Natürlich ist es elementar zu den Kindern eine Vertrauensbeziehung aufzubauen, ihnen ein gutes Vorbild zu sein, sie nicht mit “Das macht doch ein Mädchen nicht…”, “Das ist nur für Jungs…”-Sprüchen zuzuballern. Ihnen ihre eigenen Grenzen zu zeigen, diese dann auch zu akzeptieren und und und.

BerlinMitteMom greift das Thema auch unter diesem Aspekt auf: “wie erziehe ich meine Mädchen so, dass sie sich frei und ohne Angst bewegen können wie und wo sie wollen und gebe ihnen doch alles mit, damit sie sich wehren können? Und wie erziehe ich meinen Sohn dazu, Frauen zu respektieren und sich weder im Kleinen noch (Gott bewahre!) im Großen sexistisch zu verhalten?

Es gibt so viel zu tun und niemand kennt den richtigen Weg. Wie bei allen Erziehungsthemen. Es gibt so viele, viele Fragen und keine eindeutigen oder richtigen Antworten. Was bleibt ist der Dialog und dass man seine eigenen Haltungen reflektiert, dass erlaubt ist nachzufragen – gerade wenn man sich unsicher fühlt oder keine feste, bis in alle Details durchdachte Haltung hat und dass auch gestattet wird, dass Positionen verändert werden dürfen (als Ergebnis dieses Prozesses).

Deswegen, warum ich das überhaupt schreibe: Es lohnt über #aufschrei nachzudenken.

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Nachtrag, weil Offtopic und irgendwie auch nicht. Ich habe neulich den Film “Paradies: Liebe” gesehen und festgestellt, dass das einer der schlimmsten Filme war, die ich je gesehen habe. Ähnlich wie mancher Lars von Trier Film hat er mir körperliche Schmerzen bereitet. Es geht in dem Film um Sextouristinnen in Kenia.

Was mich an dem Film nachhaltig schockiert hat, war meine emotionale Reaktion auf die sexuelle Ausbeutung der Männer. Ich war so tief betroffen, dass ich kaum hinsehen konnte und dann plötzlich fiel mir auf wie viele hundert Male ich Frauen in ähnlichen Situationen im Film gesehen hatte. Nackt tanzend, angegrabscht, missbraucht, erniedrigt – und in den allermeisten Fällen hat dieser Anblick gar nichts in mir bewegt. Er war Teil der Handlung. Der Anblick war gewohnt und normal. In “Paradies: Liebe” Männer in der selben Lage zu sehen, hat mich umgehauen und das wiederum (der Unterschied in meiner Reaktion) hat mich regelrecht verstört. Er hat mir lange vor #aufschrei klar gemacht, wie normal sexuelle Bedrängung und Sexismus für mich im alltäglichen (Fernseh/Film) Leben geworden sind. Bei “Paradies: Liebe” habe ich mich so furchtbar und auf so vielen Ebenen für die Handlungen der weiblichen Darstellerinnen geschämt.

Ich habe abends mit meinem Mann darüber geredet und eine weitere erschreckende Einsicht bekommen: Meinem Mann geht es beim Anblick genau solcher Darstellungen bezogen auf Frauen genauso. Und zwar ständig. Er schämt sich manchmal per Geschlecht zu dieser Gruppe dargestellter Männer zu gehören. Das war mir ganz und gar nicht klar. Auch diese Einsicht hat mir #aufschrei vertieft. Nicht alle Männer sind mehr oder weniger so. Deswegen ist diese Differenzierung wichtig:

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Veröffentlicht unter Leben neben dem Leben, Leseempfehlung | 17 Kommentare, twittern, 9 Facebook Shares, 2 Plusones