Die hinreichend gute Mutter

Natürlich wäre ich gerne eine gute Mutter. Eine perfekte Mutter. Warmherzig, verständnisvoll, kritisch, aber nicht überkritisch, verlässlich, aber nicht zu gluckig. Ich büke gerne am Wochenende, ich kochte jeden Abend gesundes, wohlschmeckendes Essen, könnte vielleicht sogar nähen, so dass ich unabhängig von der Rosahellblauindustrie den Kindern Kleidung schenken könnte. Ich wäre immer geduldig, nie laut, nie genervt, ein gutes Vorbild.
Nie würde ich vergessen ins Elternheft zu schauen, in den Ferien würde ich immer an die Brotdosen denken. Ich sähe auch nie zerknautscht aus, faltenfrei auch an der Hose, so dass ich jederzeit vorzeigbar wäre.
Peinliche Dinge sagte und täte ich nie, noch nie hätte ich gehört „Du bist die gemeinste Mama der Welt!“ noch nie „Ich mag dich nicht, du bist *******!!!“.

Doch – ach – ich bin all das nicht. Zumindest nicht immer.
Oft bin ich erschöpft, ungeduldig, manchmal vielleicht auch einfach faul. Ich schaffe es nicht meine Bedürfnisse immer hinten an zu stellen. Am Ende, ach, ach, bin ich ein Mensch.

Wie gerne habe ich deswegen das Interview mit Élisabeth Badinter in der Zeit Online gelesen.

Élisabeth Badinter sagt unter anderem:

Alle Mütter sind nur mittelmäßige Mütter. Weil sie Frauen, also Menschen sind.

Meine Therapeutin sagt mir das auch immer wieder: Mehr als eine hinreichend gute Mutter können sie nicht sein.

Am Anfang war ich empört. Das ist ja schön faul. Die perfekte Ausrede. Ich bin eben so. Was kann ich dafür?

So ist mein Anspruch an mich selbst nicht. In keinem Bereich. Nicht im Muttersein, nicht im Partnerin sein, nicht als Freundin, nicht im Arbeitskontext.

Mit der Zeit habe ich aber verstanden, dass diese Erkenntnis nicht ausschließt, dass man es nicht trotzdem versucht. Dass man nicht trotzdem jeden Tag versucht es besser zu machen.

An manchen Tagen gehe ich abends eben ins Bett und bin gescheitert. War ungeduldig, habe Dinge vergessen, war zu erschöpft, um aufmerksam zu sein, hab mich falsch verhalten.

Aber dann kommt eben ein neuer Tag und ich kann es wieder versuchen – nur eben nicht auf dem völlig überzogenen, nie zu erreichenden Ideal-Niveau – sondern mit der Erlaubnis zu scheitern und somit auch weichherzig für das Scheitern der anderen zu werden.

Den Perfektionismus in eine Ausstellungsvitrine zu stecken und ihn abzulegen, hat mich weich gemacht. Das tut unglaublich gut.

Der Perfektionismus davor hat mich nämlich streng und hart gemacht. Mit mir und auch mit den anderen, die es sich einfach gestatten zu scheitern, die mit 80% zufrieden sind. Die nicht abends todmüde noch durch die Wohnung kriechen und sie aufräumen. Die morgens nicht noch früher aufstehen, um alles geregelt zu bekommen.

Was fällt denen ein? Sie setzen sich mit einem Glas Wein in das unaufgeräumte Wohnzimmer und essen nach 18 Uhr Kohlenhydrate??!

Für manche ist es vielleicht nicht nachvollziehbar, aber für mich war es lange Zeit eine Qual nicht all dem nachzugehen, was ich dachte, was ich zu erfüllen hätte, von dem ich dachte, ich müsse es tun, weil „man“ es eben so macht.

Es ist ein ewiges Kämpfen gegen Windmühlen, mit zusammengebissenen Zähnen, den eigenen Schmerz, die eigene Erschöpfung, die eigenen Gefühle ignorieren.

Jetzt laufe ich dauerhaft auf 60 – manchmal auf 80%. Nie aber auf 100 und v.a. es tut mir nur noch selten weh, dass ich an den 100% so kläglich scheitere.

Am Ende kann ich jetzt nur hoffen, dass ich zwanzig Jahren nicht doch denke, ach hätte ich mich nur besser zusammengerissen, ach wäre ich disziplinierter gewesen.

Viel lieber wäre mir natürlich, dass ich mit meinen Kindern in meiner mittelgut aufgeräumten Wohnung säße, wir uns lachend unterhielten, während wir mittelgute Pizza, selbstbelegt, aber aus ausrollbarem Hefeteig äßen und uns alle einig wären, dass das schon OK so war.

Doch zurück zum Muttersein. Ich beobachte in meinem Umfeld interessiert die Mutter-Kind-Beziehungen der erwachsenen Freunde. Tatsächlich gibt es unter all meinen Freundinnen und Freunden genau drei Mütter, die für mich vorbildhaft sind was das Verhältnis zu ihren Kindern angeht. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind bedingungslos da für ihre Kinder wenn sie gebraucht werden und ansonsten – lassen sie ihren Kindern einfach alle Freiheiten.

Auch hierzu findet sich im Interview ein Satz zum Thema „Was macht eine gute Mutter aus?“

Die richtige Distanz. Eine gute Mutter ist eine, die es schafft, die richtige Distanz zu ihrem Kind zu halten. Und von denen gibt es sehr wenige. Ich würde sagen, sie sind so selten wie die Mozarts in der Musik.

Sie wird gefragt, ob sie denn selbst eine gute Mutter ist und sagt:

Nein, ich bin eine schlechte Mutter. Das sage ich immer, damit bin ich fein raus. Tatsächlich kann man das nie wissen. Häufig fällt man Entscheidungen, von denen man Jahre später denkt, das war totaler Blödsinn. Man weiß erst im Alter, ob man nicht alles falsch gemacht hat, nämlich dann, wenn die Kinder immer noch freiwillig zu Besuch kommen.

Jedenfalls, lest das Interview selbst. Es steht viel Gutes darin. Sie redet auch über die sich verändernden Väter, über die Väter, die bessere Väter (im Sinne von engerer Bindung zu den Kindern) werden, weil sie von ihren Partnerinnen getrennt sind, sie redet über Gleichberechtigung, über kulturell geprägte Rollenbilder und über die Rückrollbewegung zur „natürlichen Mutterschaft“.

Kann ich nicht alles unterschreiben, aber 80% und das ist für mich gut genug.

Schulzeit

Selbstklebende Folie - ein großer Spaß
Selbstklebende Folie – ein großer Elternspaß zum Beginn des Schuljahres

Da ist sie wieder: die Schulbüchereinbindezeit
Die letzten Jahre bin ich schier daran verzweifelt. Selbstklebende Folie klebt bei mir überall nur nicht an dem Buch. Es sei denn man hat schief angefangen. Dann klebt sie für immer. Unentfernbar.
Ausflippen könnte ich da. Und ich schwöre, auch wenn das im Blog vielleicht manchmal nicht so wirkt: Ich bin ein total ruhiger Mensch. Eher etwas verlangsamt. Leicht faultierhaft. Meine Gedanken ruhen sich oft aus und wenn dann der Groschen fällt, ist es meist zu spät.
Mein Symbol ist der erhobene Zeigefinger in der Luft, der anzeigt, dass mir gerade was eingefallen ist. Ca. eine halbe Stunde zu spät.
So bin ich. Sehr ruhig und langsam.

Aber selbstklebende Folie zum Einbinden von Schulbüchern ist mein Feind, mein Endgegner, in Sekunden pochen meine Schläfen, das Blut rauscht, der Mund wird trocken, die Hände zittern, ich werde zum Einbindehulk.

Ja und wenn ich dann für ein Kind die Bücher eingebunden habe [1] (so schlecht, dass die Lehrerin dem Kind was ins Elternheft schreibt: „Bitte das nächste Mal einen Elternteil die Bücher einbinden lassen“ …), dann kommt die zweite Disziplin: Das Beschriften.

Auf diverse Bücher, Hefte und Plastikhefter muss ich den Namen des Kindes schreiben.
Wer schon mal die dünnen Papierstreifen aus Plastikheftern raus- und v.a. wieder reingepult hat, der weiß wovon ich spreche. (I hear you sister! )

Immer und immer wieder. Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, .

Die Hände werden schwach, die Schrift schwabbelig (wieder ein Eintrag im Elternheft, neinneinnein!).

Und ab 2016 sind alle drei Kinder Schulkinder. Yeah!
Zwei Wochen Urlaub kann ich im Sommer nehmen. Eine zum Urlaub machen, eine um Schulmaterialien vorzubereiten.

Hass. Hass. Hass.

Wo ist das Zeitalter der Digitalisierung geblieben? Warum muss ich Bücher im Umfang einer Dorf-Bibliothek einbinden und beschriften und das Kind muss sie täglich schleppen?

WARUM?

Ein schönes, kleines Ebook täte es doch auch?

Nein, natürlich nicht. In 100 Jahren nicht. Die Kulturpessimisten halten fest am jährlichen Elterfolterritual. (Und ganz ehrlich: Wir müssen jedes Jahr für rund 130 Euro Schulbücher kaufen… das mit dem technischen Endgerät kann keine Frage des Preises sein)

Gut und kultiviert ist eben nur das Papier. Danke Herr Spitzer.

So klebe und beschrifte ich, wie die Goldmarie Betten ausschüttelt. Nur dass ich hinterher durch kein Tor schreite und mit Gold übergossen werde, sondern Einträge ins Elternheft bekomme, die mir sagen, ich soll es besser machen.

Und dann heute, heute ist was wunderbares passiert.
Nach all den Jahren der Tortour habe ich mich überwunden und fertige Buchumschläge gekauft. Weil die auf Twitter mir das gesagt haben: Geh mit den Büchern in einen Laden und suche dir die passenden Umschläge dazu.

Gut, meinen Geiz zu überwinden war nicht leicht. Kostentechnisch ein Gau. Gut zehn Mal so teuer wie die verhasste Klebefolie. Aber was solls. Die Kinder sind im Urlaub – ich muss gerade kein Essen kaufen. Dann esse ich eben mal Kühlschrankreste. Einen kleinen Klumpen Butter. Einen Haps Lavendel vom Balkon. Etwas geraspelte Folie mit Käserinde und schon ist das Konto wieder ausgeglichen.

Und was soll ich sagen? Zwanzig Minuten hab ich gebraucht. ZWANZIG – MINUTEN – statt DREI STUNDEN!

So springe ich also durch die Wohnung. Zahlen schreiend. Wie Rumpelstilzchen. Da blickt der Freund etwas träge in meine Richtung und sagt vier magische Worte:

Ich

habe

eine

Etikettiermaschine.

Wie leicht sich das sagen lässt. Etikettiermaschine.
Er kramt und holt ein Gerät hervor, das aussieht wie einer der übergroßen Taschenrechner mit denen meine Mutter in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Buchhaltung gemacht hat. Ratratrat. Brrrrr. Brrrr. Ratrat.

Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie ein Schleier vom Hirn. Die Kinder, sie haben verdammt nochmal alle den selben Namen. Also Nachnamen – und – jetzt kommt es: Ihre Vornamen beginnen alle mit dem selben Buchstaben.

Wie eine Ärztin (einfingrig und mit Nachdruck, so als ob man die Tasten einer Schreibmaschine anschlägt) gebe ich den Namen ein: „T. Cammarata“. Ich beginne mit den Materialien des ältesten Kindes. „T PUNKT CAMMARATA, Klasse drölzig A“ und da höre ich eine Stimme, an der Zimmerdecke tut sich ein Riss auf, ein Licht kommt auf mich zu – ich – bin – erleuchtet.

Ab jetzt bis in alle Zukunft spare ich Arbeit. Wenn das eine Kind aus der höheren Klasse eine Klasse weiterrückt, muss ich nur noch die bereits eingebundenen und beschrifteten Materialien von dem einen in den anderen Schulranzen legen.

Fertig.

FERTIG!

VERSTEHEN SIE?

Wieviel Zeit man spart?

Ratratrat. „T. Cammarata“.

Wenn Sie also gerade schwanger sind – die Bedeutung eines Namens, der Klang, die Schreibweise, das Verhunzungspotential, die Schreibarkeit am Spielplatz – es. ist. alles. egal.

Hauptsache gleicher Anfangsbuchstabe.

Das ist mein Rat.
Ich bin leidgeprüfte und erfahrene Mutter.

Hören Sie auf mich.


 

[1] Drei Stunden brauche ich im Schnitt

Der Rückblick 2015

Ohrenzeugin anderer Leute Ideale

Gestapeltes Geschirr scheint eine Bedrohung für manche Menschen zu sein
Quelle: Pixabay @Hans

– Und? Habt ihr schon einen Nachmieter?
Ein Mann im Anzug und eine Frau mit stark blondierten Haaren laufen vor mir.
– Ja, ne. Ik will da schon jemanden empfehlen, den ik ruhijen Jewissens empfehlen kann. So ordentlische Leute. Die meisten, ne, die sind ja heutzutage naja.
– Ach?
– Ja, die jungen Leute im Haus!
– Junge Leute?
– Ja, ne. Zum Beispiel jestern. Da komm ik nach Haus und da steht die Wohnungstür vonne Nachbarn offen. Ik guck da rin, aber war niemand da. Die andere Nachbarin hat dann jesacht, die sin mit ihrem Kind inne Notaufnahme. Da haben die vermutlisch verjessen die Tür zuzuziehen. Da jeh ich also rein, kann ja nich die Tür zuziehen, am Ende haben die jar keenen Schlüssel bei sisch, ja und da such isch in der Wohnung den Schlüssel… und meine Jüte, wie es da ausjesehen hat! Diese Unordnung. Mit dem kleenen Kind! Allet liescht da rum. Sowas haste noch nich jesehen!
Dat die Menschen ditte nich auf Kette kriegen. Ich meine, die sind zweie! Aber dit is ja überalle so. Meine andere Nachbarin sacht och immer: „Mensch Bärbel, tut mir so leid, aber es is total unaufjeräumt.“ Und ik denk mir dann immer, wat is bloß los mit de junge Leut. Nix kriejen die jebacken. Ik hatte doch och zwei kleene Kinder und ik war alleene und dann hab ik och noch 40 Stunden jearbeitet… hab ik doch och allet jeschafft. Und beschwert hab ik mir och nich. Dat muss doch jehen. Ik versteh‘ et einfach nich.

Ihr Monolog über die unfähigen, jungen, verweichlichten, jungen Leute ging dann noch eine Weile. Ich war wirklich kurz davor mich einzumischen, aber dann wäre ich wohl ungefähr so übergriffig wie sie gewesen.

Ich verstehe solche Menschen nicht. Also die, die sich drum scheren, was in der Privatsphäre anderer passiert, wenn es sie doch gar nicht betrifft. Ich meine, was geht sie es bitte an wie viel Zeug am Boden bei den Nachbarn liegt und ob die da Wäscheberge haben oder ungewaschenes Geschirr rumsteht?

Noch weniger verstehe ich Menschen nicht, die sich selbst als Maßstab nehmen und dann darüber schimpfen, wenn andere Menschen nicht ihre Kapazitäten haben oder nicht hart zu sich sind.

Sie hatte zwei kleine Kinder, die Wohnung war immer picobello aufgeräumt und sie hat Vollzeit gearbeitet! Herzlichen Glückwunsch! Was hat das aber mit dem Lebensmodell und der Belastbarkeit anderer tu tun?

Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die an ihre Grenzen kommen, gerade von solchen Menschen (Jetzt reiß dich doch mal zusammen! Früher ging das auch! Geschadet hat uns das nicht!) noch mehr unter Druck gesetzt werden. Von den Ansprüchen, von der Härte.

Für wen soll eine Wohnung bitte aufgeräumt sein? Für die Nachbarin hinter der anderen Wand? Für „die Gesellschaft“, die aufgeräumte Wohnungen mag?

Eine unaufgeräumte Wohnung, nichtgefaltete Wäsche, ein benutztes Glas am Esstisch … all das scheint für manche bedrohlich. Eine Bedrohung ihres Lebenskonzeptes. Bestimmt ist es für solche Menschen tatsächlich auch nicht einfach neben Kindern, Job und sonstigen Verpflichtungen alles auf 100% laufen zu lassen. Wahrscheinlich schneiden sie sich das aus dem eigenen Sein sozusagen. Sie betreiben vermutlich Raubbau an sich und ihren eigenen Bedürfnissen, an ihrem Glück zuletzt?
Und wenn man dann sieht, dass andere sich gestatten diese Selbstausbeutung nicht zu betreiben, dann ist das offenbar eine Bedrohung, gegen die man sich wehren muss, die man bewerten muss, die man schlecht machen muss.
Vermutlich möchte man nicht sehen, dass es auch einfacher gegangen wäre. Womöglich hätte man sogar ein glücklicheres Leben gehabt ohne den Perfektionimus?

Also liebe junge, verlotterte Familien mit den unaufgeräumten Wohnungen: ich hoffe, euch geht es gut und ihr sitzt abends in dem Chaos, lasst Sauberkeitsnormen Normen sein und erfreut euch des Lebens.

Vorurlaubsstress

packen
Alles mitnehmen ist möglich. HUG HUG HUG!

Kennt ihr diese American Football-Filme, in denen die Spieler zu Beginn des Spiels mit angespannten Muskeln in einem Kreis stehen, ihre Köpfe zusammen stecken und sich dann ermutigende Dinge zuschreien und dann irgendwelche rhythmische Urlaute von sich geben (naja eher brüllen)?

So stehe ich unter der Dusche. Also nicht immer und auch nicht mit zehn anderen Frauen – aber in der Vorurlaubszeit, wenn ich darüber nachdenke, wie viele Sachen ich mitnehmen kann.

Beziehungsweise korrekter wäre es ja zu sagen nicht mitnehmen kann.

Es ist nämlich so, dass wir mit dem Auto in den Urlaub fahren und ich neulich auf Twitter erfuhr, dass mein Freund einen Polo fährt.

Bislang dachte ich immer, er fährt einen Golf (Ganz genau gesagt, dachte ich immer, er fährt ein nicht weiter spezifiziertes silbernes Auto).

Was das für eine Rolle spielt? Eine ziemlich relevante. Denn 280 Liter statt 380 Liter [1] Platz im Kofferraum, das bedeutet v.a. Verzicht.

Im Grunde sind die 280 Liter schon mit dem Allernötigsten gefüllt. Playstation, Rechner, iPads, diverse Ladekabel, extra Fotokamera, Gameboys, Ball, Kartenspiele, Brettspiele, Strandmuschel, Sonnenschirm, Picknickdecke, Sandspielzeug, Bademäntel, Onesies, Milchschäumer, Kaffeemaschine, Sandwichmaker, Crepesbereiter, Popcorn-Maschine.

Zack. Voll. Und da ist noch nicht mal Kleidung dabei. Der 14 Tage Wetterbericht kommt uns da auch nicht entgegen und prophezeit von Regen bei 18 Grad bis prallen Sonnenschein bei 30 Grad alle Variationen.

Koffer
So spart man sich einen halben Koffer pro Person

Andererseits – was soll’s. Platz im Kofferraum gibt es ohnehin nicht. Also werden wir alles übereinander anziehen – also zumindest diejenigen, die nicht das Auto steuern, denn ich habe errechnet, dass man die Arme, wenn man alle Kleidungsstücke, die man bei dieser Wetterlage benötigt, übereinander anzieht, nur noch in einem 90 Grad Winkel parallel zum Körper abstrecken kann. Es wird sogar schwierig werden die Körpermitte so zu knicken dass man sich hinsetzen kann.

Für die Kinder vielleicht nicht so ein großes Problem. Die kann man hinten übereinander schichten und anschnallen. Vermutlich ist das sogar ziemlich sicher, weil sie ja gut gedämmt sind.

Der oder die Beifahrerin muss von der FahrerIn an der Beifahrertür in Position gebracht werden und dann ganz sanft mit dem Fuß und etwas Druck aufs Bein in die Sitzposition gedrückt und dann mit den Sitzgurten fixiert werden.

Bleiben nur die Badsachen. Zahnbürste und Zahnpasta ok, diese beiden Utensilien kommen auf jeden Fall mit – doch dann fängt es schon an. Kann man mehrere Wochen ohne Zahnseide leben? Ohne Mundspülung?

Was ist mit den Schminksachen? Und die Spülungen, Shampoos und Duschgels? Was mit Körpercremes und Bodyscrubs?

Und in meinem Alter: die Medikamente (und das sind wirklich nicht wenige). Wo sollen die hin?

Während ich über all diese Dinge also nachdenke und im Kopf plane, wie ich nur mit dem allerwichtigsten auskomme, schreie ich mir so wie diese Footballspieler Mut zu. HUG HUG HUG! DU SCHAFFST DAS. EIN PAAR WOCHEN URLAUB NUR MIT ZAHNBÜRSTE. EIN SHAMPOO FÜR ALLE. DUSCHEN KÖNNEN WIR UNS AUCH DAMIT! HUG HUG HUG!


[1] Sie erwarten von einem Menschen, der Autos aus Desinteresse nur anhand ihrer Farbe unterscheidet doch nicht eine Differenzierung von Unterarten und Baujahren der Polo und Golfreihe, nein? Gut.

Jesus möchte, dass du dich liebst (und die anderen auch!)

Am Wochenende hatte ich im Zug die Gelegenheit endlich mal wieder einige Scobel-Sendungen anzuschauen. Ich bin, seit ich denken kann, großer Scobel-Fan. Meine ganze Uni-Zeit, habe ich damit verbracht Kulturzeit zu schauen und jedes Buch zu kaufen und zu lesen, das Scobel irgendwo im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorgestellt und gelobt hat. Ich war immer ein wenig empört, dass er mit Susanne Fröhlich (damals) und nicht mit mir zusammen war.

Na gut, ich hab auch die erste Staffel Big Brother und alle Talkshows, die damals so liefen, geschaut – aber Scobel, den hab ich wirklich sehr verehrt.

Bei Bärbel Schäfer fiel mal der für mich unvergessene Satz zum Thema Partnerwahl: „Der Mann, der wo mich lieben tut, müsste sauber sein und klug.“ Das trifft auch meinen Männergeschmack sehr. Kluge Männer finde ich überaus sexy. Kluge Männer, die gleichzeitig lustig sind – sexier geht’s quasi kaum.

Jedenfalls, durch die Kinder bin ich kaum noch zum Fernsehen gekommen und wenn ich schaue, dann ganz bestimmt nicht „live“, wenn etwas ausgestrahlt wird und so bin ich dann zu den Streaming-Diensten gekommen – denn aus irgendwelchen Gründen, steuere ich die Mediathek nicht so selbstverständlich an, wie einen Streaming-Dienst.

Zumal die Mediatheken mit ihrem Depublikationszwang und anderen Marotten echt nerven. Die 3. Staffel der Brücke beispielsweise kann man nur nach 22 Uhr anschauen.

Seit ich aber die MediathekView benutze und den Scobel-Newsletter abonniert habe, lade ich mir interessant klingende Sendungen runter und schaue sie tatsächlich an. Sehr zum Wohle meines Gehirns, wie mir scheint.

Die Scobel-Sendungen gehören dazu und da speziell neulich „Die Lust der Frau„. Ich hatte erst versucht die Sendung im Zug zu schauen, aber da es um Sex geht, brauchte es anscheinend softporneske Einspieler und meine Sitznachbarin schaute immer ganz pikiert. Also habe ich das Bild in den Hintergrund verschwinden lassen und die Sendung als Podcast gehört, was man wirklich sehr gut machen kann.

Geladen waren Ann-Marlene Henning (Paar- und Sexualtherapeutin), Susanne Schröter (Ethnologin) und Ulrich Clement (Paar- und Sexualtherapeut), denen ich gerne viel länger als die 60 Sendungsminuten gelauscht hätte.

Jedenfalls beim Hören fiel mir wieder ein seltsamer Umstand auf. Es fiel immer wieder die Bemerkung, dass der beste Lustgarant sei, dass man sich selbst akzeptiert und kennt. Das klingt ziemlich banal, aber es scheint da ein riesiges Problem zu geben – v.a. bei Mädchen und Frauen. Irgendwie ist es sehr unschick sich selbst zu lieben und sich toll zu finden.
Es gibt immerhin eine ganze Industrie, die sich darauf spezialisiert hat, mir zu sagen, was ich kaufen und auf mich schmieren könnte, um schöner zu sein und die mich kontinuierlich darauf hinweist, welche Fehler ich habe, von denen ich womöglich noch nicht mal wusste (FRIZZ! zum Beispiel).

Ein geflügeltes Wort bei mir zuhause war z.B. auch immer „Machst du dich schön, damit wir mal ein Foto machen können?“
Ich habe nie verstanden, warum ich nicht ausreichend schön für ein spontanes Foto bin und warum ich mich für alle möglichen Anlässe erst schön machen musste – was ab einem gewissen Alter tatsächlich hieß: etwas „besonderes“ anziehen, Haare irgendwie stylen, schminken.

(Tatsächlich schminke ich mich gerne und ich mag auch Nagellack und Kleider – es widerstrebt mir nur, dass ich ohne diesen Schmuck nicht ausreichend [schön] bin)

Besonders exzessiv bin ich in meiner Pubertät nie Modetrends hinterher gehechelt. Ich hatte aber wechselnde Komplexe. Kinn zu spitz, Nase zu groß, Haut doof und natürlich war ich immer zu dick. Immer nur ein bisschen. Es war auch ganz normal, dass meine Mutter Diät gemacht hat. Bis ich 28 war, wog ich sehr konstant um die 57 kg. Ich habe dann irgendwann mal gelesen, mein Idealgewicht läge bei meiner Größe bei 61 kg und mich gegruselt, wie ich dann wohl aussehen würde. 61 kg! Unvorstellbar.
Darüber muss ich jetzt sehr lachen. Denn würde ich 61 kg wiegen, wäre ich wirklich sehr dünn.
Egal, es war jedenfalls total normal nicht mit mir zufrieden zu sein, es war normal Sport zu machen, um meinen Körper zu optimieren und es war normal wochenweise wenig zu essen, um wieder auf ein bestimmtes Gewicht zu kommen. Ich hab nie an mir herunter geschaut und gedacht: Wow, tolle Brüste sondern immer nur nach den Fehlern gesucht.

Dann wurde ich selbst Mutter und irgendwie gab es dann wichtigeres als meinen Körper doof zu finden und als ich mich dann mit diesem Thema mehr befasst habe (Quelle: Internet!) und eine eigene Tochter bekam, wurde mir klar: ich will das so nicht vorleben.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder Kalorientagebücher führen, so wie ich es getan habe und sich einen Großteil ihres Lebens damit beschäftigen, ob sie irgendwelchen gerade modernen Schönheitsidealen entsprechen. Was für eine verschwendete Lebenszeit!
Was hätte aus mir werden können, wenn ich mich in der selben Zeit mit Quantenphysik, Programmiersprachen oder Alternativen zu Verbrennungsmotoren beschäftigt hätte?

Jetzt bin ich 40 und ich merke, dass mein Körper wirklich kontinuierlich altert und zwar ganz anders als noch mit 30. Die Haare werden grau, Falten sehe ich auch ohne Brille, wenn ich nach 24 Uhr ins Bett gehe, sehe ich aus als hätte ich 2 Wochen durchgefeiert. Mein Gewicht steigt kontinuierlich und es passiert nicht selten, dass andere Frauen glücklich Fotos von ihrem Bauch posten und darunter schreiben: „SSW 24!“ und ich denke: „Jo, so sieht mein Bauch auch aus – nur ohne Baby.“

Das Erstaunliche: Das alles wird mir zunehmend egaler. Ich schminke mich nicht mehr jeden Tag, ich ziehe keine Schuhe mehr an, die unbequem sind (egal wie schön sie sind), ich ziehe an, was mir gefällt – auch wenn die Sachen nicht „altersgemäß“ (Rock zu kurz?) oder schmeichelnd (man sieht eben den Bauch…) sind.
Was noch erstaunlicher ist: Ich mag mich so wie ich bin. Jedenfalls die allermeiste Zeit. Ich stehe morgens ungekämmt vorm Spiegel und denke: „Ach, du siehst doch eigentlich ganz schön aus.“ und dann freue ich mich, dass ich gesund bin, dass mir in der Regel nichts weh tut und ich mit meinem Körper machen kann, was ich will.

Das klingt vielleicht komisch, aber gerade letzteres habe ich zu schätzen gelernt. 2014 wurde ich bescheiden, da habe ich gelernt, dass es schön sein kann, Treppen steigen zu können oder dass es sich toll anfühlt, kräftig genug zu sein, einen Tisch zu verschieben.

Ich frage mich, ob das vielleicht auch alles kommt, weil ich mit 40 ohnehin an kein Schönheitsideal mehr ranreichen werde – egal wie ich mich bemühe. Hopfen und Malz ist verloren, das Kind ist in den Brunnen gefallen! Wie 20 werde ich nie mehr aussehen. Bestenfalls von hinten, wenn man ohne Brille auf mich schaut, wenn ich 15 kg abnehme und 4 mal die Woche Sport mache.

Ich meine auch, dass tatsächlich die Freundinnen in meinem Freundeskreis, die schon sehr nah an den gängigen Schönheitsidealen dran waren, immer viel mehr mit ihrem Äußeren gerungen haben, als diejenigen, die davon weiter entfernt waren. Die haben irgendwann einen Cut gemacht und sich gesagt: „So bin ich eben und damit werde ich jetzt leben.“ Und ich meine, diese Freundinnen sind tatsächlich dauerhaft zufriedener mit sich und ihrem Leben.

Um auf die ganz oben genannte Scobel-Sendung zurück zu kommen. Scobel fragt irgendwann, was frau denn tun kann, um guten Sex zu haben und die Sexualtherapeutin lacht und sagt sinngemäß: Sie muss sich kennen und mögen und leider, leider ist das bei den meisten Frauen nicht so.

Und das ist doch sehr traurig, oder?
Ich mag mich, ich lobe mich sogar gelegentlich und ich bin nicht sauer, wenn die Kinder Witze über meinen Bauch machen. Sie sollen lernen, dass man sagen kann: Du hast einen dicken Bauch ohne dass das wertend ist. Es ist ja die Wertung dahinter, die macht, dass sich manche von so einer Aussage angegriffen fühlen. Es ist ja so – v.a. im Vergleich mit dem Bauch der Kinder habe ich einen dicken Bauch. Aber dick ist kein Schimpfwort sondern einfach eine Beschreibung. Ich hoffe, sie lernen das und fühlen das dann auch so.

(Deswegen habe ich auch meinen Humor in Sachen Tweets verloren, die nach dem Prinzip funktionieren: Mama, du hast einen dicken Po/Falten/du bist alt – Schade, jetzt muss das Kind schon so früh ausziehen…
Solche Tweets bzw. Sprüche reproduzieren ja nur diese mangelnde Selbstliebe)

Es gibt also mehrere Dinge zu tun. Zum Beispiel kann man damit anfangen, sich selbst gut zu finden. Den Fokus von den vermeintlichen Makeln wegnehmen und sich einfach erlauben, sich gut zu finden und gut zu fühlen.
Und dann kann man das auch anderen erlauben: Menschen, die sagen, dass sie sich mögen oder Dinge gut können, einfach nicht mehr unbescheiden, arrogant oder eingebildet finden – sondern sich freuen, dass es jemanden trotz aller gesellschaftlichen Widrigkeiten gelungen ist, sich zu mögen. Und zu allerletzt: Die Mitmenschen einfach mögen und akzeptieren wie sie sind. Egal, ob groß, klein, dick, dünn, mit Beinhaaren, Bärten, Brillen, langen Haare, ohne Haare, mit grauen Haaren, engen Hosen, ohne Hosen oder in Kleidern. Das habe ich auch erst lernen müssen.

Mindestens Jesus würde sich freuen!

P.S. Mein Geheimtipp für mehr Selbstliebe: Keine Frauenzeitschriften lesen (on- und offline), kein Privatfernsehen anschauen, sich von Drogerien und Werbung fernhalten – andere für sich einkaufen lassen. Dann bekommt man ein Shampoo für 1,29 Euro, das die Haare reinigt und steht nicht vor einem Regal, das einen fragt: Sind deine Haare dünn? Glanzlos? Fallen sie aus? Haben sie zu wenig Volumen? Sind sie zu dick? Die Locken zu stark? Zu platt? Geschädigt? Hast du Frizz???

Ach ja und sich unbedingt zeitintensive Hobbys oder Kinder zulegen.

Meerjungfrauen sind nichts für Jungs

Cloudette hat gestern einen ganz wunderbaren Comic zur Frage Typisch Mädchen – typisch Jungs gezeichnet.

Wann immer ich etwas darüber schreibe, kommt mindestens drei Mal der Kommentar: „Warum soll ich meinem Mädchen nicht rosa anziehen dürfen? Diese Gleichmacherei! Alles soll geschlechtsneutral sein. Das ist doch total übertrieben!“

Was diese Menschen nicht verstehen: Darum geht es nicht. Niemand verbietet Rosa. Zieht eure Mädchen Rosa an, gar kein Problem! Das Problem ist: macht euch nicht über Jungs lustig, die Rosa mögen: „Ähhhh, das ist ja mädchenhaft!“ In diesem Satz steckt nämlich das (gesellschaftliche Bewertungs-)Problem. Jungs werten sich ab, wenn sie Mädchendinge tun – Mädchen werten sich auf, wenn sie Jungsdinge tun… (das nur als Randnotiz. Wer sich mit dem Problem näher beschäftigen möchte, dem sei das Buch Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees [Amazon Werbelink] ans Herz gelegt).

Kind 3.0 hat das gestern treffend dazu philosophiert:


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Endlich mal Kulturpessimismus nach meinem Geschmack

Am Wochenende hatte ich kinderfrei und wenn ich eins liebe, dann tagsüber Serien zu schauen (was ja mit Kindern nicht geht). Unter der Woche nach 20 Uhr (meist ist es eher 21 Uhr ehe ich mit allem fertig bin) bin ich meistens so müde, dass ich doch irgendwann einschlafe – egal wie spannend die Serie ist, die ich gerade schaue.

Am Sonntag also endlose 14 Stunden Zeit Serien zu schauen. Problem war nur: Die aktuelle Folge The Good Wife hatte ich schon gesehen, ebenso alle Folgen Limitless, Better Call Saul gab es aktuell von der 2. Staffel nur eine Folge… ich weiß gar nicht wie ich dann drauf gekommen bin, aber ich bin auf Netflix (erneut, wie ich dann feststellen sollte) auf Black Mirror gestoßen. Eine kurze Frage in meine Timeline: Black Mirror – yay or ney? Ergab 28 Mal: unbedingt schauen mit diversen Warnhinweisen, dass die Serie wirklich ans Gemüt ginge.

Ach was, ans Gemüt geht mir kaum was, das Gemetzel in Game of Thrones nicht, auch das bei Breaking Bad nicht und überhaupt*.

Die Beschreibung der ersten Folge Black Mirror macht einem höchstens Angst, weil sie maximal doof und uninteressant formuliert ist: „Premierminister Michael Callow hat mit einem schockierendem Dilemma zu kämpfen, als Prinzessin Susannah, ein geliebtes Mitglied der Königsfamilie entführt wird.“

Warum das in das Genre Sci-Fi und Fantasy einsortiert ist, erschließt sich beim Lesen der Beschreibung nicht.

OK, klang also erstmal nicht so als ob ich das unbedingt sehen möchte. Wir starteten die Folge und da Netflix sich merkt, welche Serien und Filme man schon gesehen hat und wo man als letztes war, zeigte sich: Ich hatte die ersten 15 min der Folge „Der Wille des Volkes“ bereits gesehen und anscheinend vor Langeweile oder Unverständnis abgeschaltet.

Nun denn: meine Timeline – völlig einheitlich: Schau Dir die Serie an. Ich mache ja grundsätzlich was meine Timeline sagt…

Montag Abend hatte ich dann alle 3 Staffeln (2 Staffeln à 3 Filme und einen Zusatzfilm nach der 2. Staffel) fertig geschaut.

Zur ersten Episode schreibt Felix Schwenzel sehr treffend:

„ich gebe 5 sterne, weil mich diese folge sehr beeindruckt hat, trotz einiger, kleinerer inszenatorischer schwächen und gelegentlicher unerträglichkeit.“

Ich bin ja sonst nicht so mit Spoilern, aber tatsächlich möchte ich über den Inhalt der einzelnen Folgen nichts verraten. Was mich nicht daran hindern soll zu sagen: Diese Serie ist das Beste, was ich an Dystopien je gesehen habe.

In der Regel bin ich von Kulturpessimismus sehr genervt. Es wiederholt sich ja seit Jahrhunderten das Gejammer, dass eine neue Technologie die Jugend verroht, die Menschen dumm macht, die Zukunft schwarz, den Untergang der Kultur bedeutet. Sei es nun der Buchdruck, das Fernsehen, das Internet oder sonst irgendwas. Schnell sind die Kulturpessimisten auf der Matte und predigen das Ende des Abendlandes.

Black Mirror zeichnet eine Zukunft (eine nahe), die so nach meiner Auffassung durchaus eintreten könnte. Alles ist da: die Technik, das Internet, die ganzen Plattformen wie Twitter und Co., die Medien, die Gier nach Views und die Haltung „Die Menschen sind eben so, wir geben ihnen nur, was sie wollen.“ Meine Gegenwart – nur ein ganz klein wenig weiter gesponnen.

In jeder Folge wird ein ekeliges Phänomen unserer heutigen Zeit (z.B. die Castingshows, Werbeeinblendungen, sensationslustige Medien, Reality Shows…) beleuchtet und auf eine Weise auf die Spitze getrieben, die mir beim Zuschauen teilweise Bauchschmerzen gemacht hat (und zwar echte, nicht metaphorische).

Folge 3, Staffel 1 „Das transparente Ich“ fand ich wirklich sehr, sehr beunruhigend. „Böse neue Welt“ (2. Teil, 2. Staffel) hat mir Alpträume beschert. Bei „White Christmas“ war mir dann durchgehend schlecht. Gerne würde ich meine Hände auf meine Ohren legen, um so zu verhindern, dass mir mein Ich… aber lassen wir das. Ich will schließlich nicht spoilern. Diesmal wirklich nicht.

In mir bleibt das Gefühl, dass ich jede Folge mit meinen Freundinnen und Freunden nachbesprechen möchte. Am liebsten wäre mir eine kleine Selbsthilfegruppe, ein Stuhlkreis, in den ich kommen kann und sagen kann: „Hallo, mein Name ist Patricia Cammarata und ich möchte über die furchtbare Zukunft sprechen. Vorher möchte ich aber umarmt werden.**“

Also – setzt euch und erzählt mir von euren Gefühlen (fast hätte ich jetzt einen Smiley getippt UNTERGANG DER KULTUR!!!1!) zu Black Mirror.

 


 

*Ich mache halt immer die Augen zu, was oft bedeutet, dass ich so 40-50% der Folge nicht sehe.

**Ich mag ja keine Menschen, aber in dem Fall würde ich eine Ausnahme machen…

P.S. Ende September 2015 gab der US-Streamingdienst Netflix bekannt, dass er eine dritte Staffel von Black Mirror mit insgesamt 12 Episoden bestellt hat und produziert*

P.P.S. Für die Serie spricht übrigens auch die große Diversity und die in meiner Wahrnehmung sehr gleichberechtigten und sichtbaren Frauenrollen. Das nur am Rande.

Sind die „neuen Mütter“ die besseren Väter?

„Es ist wirklich so toll, dass deine Frau euren Kleinen am Mittwoch Nachmittag abholt!“ sagt Peter begeistert zu seinem Freund Steve. Seiner Tanja ist das leider nicht möglich.

Sie ist Teamleiterin in einem großen Konzern. Auch wenn man da eigentlich auf Familienfreundlichkeit setzt, ab Teamleiterebene ist es einfach nicht mehr möglich schon am frühen Nachmittag nach Hause zu gehen. Tanja hat schließlich eine Vorbildfunktion, da sieht es einfach nicht gut aus, wenn sie schon um 16 Uhr verschwindet. Sie würde das wirklich gerne machen. Das ein oder andere Gespräch hatte sie mit ihrem Chef schon. Am Ende war aber klar: Es geht nicht.

Glücklicherweise waren sie so flexibel dass Peter zuhause bleibt. „Man hat die Kinder schließlich nicht um arbeiten zu gehen!“, sagt Peter. Trotzdem ist es natürlich toll, wenn auch die Mutter sich an der Kindererziehung beteiligt. Es ist ja außerdem nicht so, dass Tanja nichts tut. Wann immer es geht, kümmert sie sich um die Kinder. Abends, wenn sie um 20 Uhr müde und erschöpft von der Arbeit kommt, liest sie vor.

Peter denkt an Steves Frau. Die hat durchgesetzt einen Nachmittag mit den Kindern zu verbringen. Sie gehört zu den sogenannten „Neuen Müttern“. Ava, so heißt sie, sind die Kinder einfach eine Herzensangelegenheit. Sie geht einmal in der Woche mit ihnen auf den Spielplatz. Aber das ist bei weitem nicht alles. Sie wechselt sich mit Steve auch am Elternabend ab. Sie weiß, was die Kinder gerne essen und auch wenn ihr gesunde Ernährung wichtig ist, drückt sie mal ein Auge zu: Pommes mögen schließlich alle. Ava ist eine entspannte Mutter. Das hat sie Steve voraus. Steve ist oft unentspannt und streng. Hat ganz eigene Vorstellungen wie das mit den Kindern zu laufen hat. „Dabei finden es die Kinder eigentlich ganz schön, wenn man mal fünfe gerade sein lässt.“ sagt Ava schmunzelnd.

Es war für Steve und Ava nicht immer leicht.

Ava hat mit ihrem Chef viele Diskussionen führen müssen, aber am Ende war klar: Direkt nach der Geburt der Kinder bleibt sie zwei Monate zuhause. Beide waren sich schon vor der Geburt einig: für die Bindung zu den Kindern ist es elementar, dass beide Elternteile präsent sind.

Am Anfang war es anstrengend für Ava. Aber sie hat die Zähne zusammen gebissen und ist nachts auch aufgestanden, um den Nachwuchs zu füttern. Steve durfte dann weiterschlafen. Schließlich hat er den Frühdienst übernommen.
Schwierig wurde es erst nach Ablauf der 8wöchigen Elternzeit: Durch den wenigen Schlaf war Ava unkonzentriert auf der Arbeit. „Das kann ich mir nicht leisten,“ sagt sie. Man merkt ihr das Bedauern an. „Am Ende haben wir uns entschieden, dass die Kinder bei Steve schlafen und ich im Gästezimmer. Irgendwann wird das sicherlich anders, aber jetzt müssen wir das so regeln. Als Kompromiss schmiere ich morgens die Schulbrote. Das entlastet Steve wenigstens ein wenig.“

Wenigstens das mit dem Abholnachmittag konnte Ava durchsetzen. „Ich möchte das unbedingt, schließlich liebe ich meine Kinder!“ Unter der Hand erzählt uns Ava: Außerdem ist es nicht immer leicht Steve die Kinder abzunehmen. Sie würde viel mehr machen, wenn Steve sie machen lassen würde. Aber Steve lässt Ava ungern auf sein Territorium. „Alleine wie Ava die Kinder manchmal anzieht!“ Steve winkt lachend ab „Da passt kein Kleidungsstück zum anderen.“

Aber am Ende des Tages ist Steve froh eine Frau wie Ava zu haben. Das Familienmodell von Peter wäre ihm nichts. Doch das würde Steve seinem Freund Peter nicht sagen, der hat es sich schließlich ausgesucht und jeder Mensch muss für sich entscheiden, wie es am Besten klappt Familie und Job unter einen Hut zu bekommen.

 


 

Andere Gedanken zum aktuellen Spiegeltitel: „Sind Väter die besseren Mütter?“ nachzulesen bei Jochen König „Der Spiegel und die Väter“ oder Leitmedium „Väter sind auch nur Eltern„. Zum Begriff „Maternal Gatekeeping“ habe ich auch schon mal was geschrieben.