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Natur(tor)tour

Einmal um den See, das kann nicht so anstrengend sein. Knapp 15 km, zu heiß ist es auch nicht. Macht bestimmt Spaß, sagt er. Mountainbikes sollen wir lieber nehmen, sagt der Verleiher. Wegen des Wurzelwerks. Ja, ja, denke ich. Wurzeln. So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Gestern waren wir dort spazieren. Klar, waren da Bäume, ist ja auch ein Wald. Dann sind da auch Wurzeln, aber gleich die 5 Euro teureren Mountainbikes? Ich weiß ja nicht. Aber immer die Spaßbremse sein, will ich nun auch nicht.

(Man leiht sich Mountainbikes)

Hui! Das wiegt ja höchstens ein Zehntel von dem was mein Fahrrad zuhause wiegt. Ich will es in die Luft schleudern! Oho! Und es bremst. Upsi. Fast runtergefallen. Nichts anmerken lassen.

(Das war das Stück Asphalt)

Oh. RRRrrrrRRRRrrrRRRRrrr. Ganz schön holprig. Hätte ich ja nicht gedacht. Orrr. Meine Güte. Ok, ok, ganz langsam! Sind ja doch mehr Wurzeln als gedacht. Merkt man beim Spazieren gehen gar nicht so.

(Das war das erste Stück Wald)

Wo ist der Weg? Ich sehe keinen Weg! Wo ist der Typ? Ich … muss … schneller … RRRrrrrRRRRrrrRRRRrrr … fahren. Bei den meisten Sportarten ist es ja so, dass schneller besser geht. (tritt in die Pedale, Blätter und Äste spritzen zur Seite). RRRrrrrRRRRrrrRRRRrrr

(Die ersten 500 Meter sind geschafft)

Macht gar nicht mal so viel Spaß, stelle ich langsam fest. Immer dieses Gewackel. Ok, ich muss hart sein, darf jetzt bloß nicht rumjammern. War bestimmt noch kein Kilometer. Ab wann kann ich wohl anfangen zu jammern? Was da wohl angemessen wäre? Und v.a. wie merke ich das? Nicht dass der denkt, dass wir das morgen wieder machen…

(Der erste Kilometer wurde bezwungen)

1 3 2HAHAHAHA. Nur noch 13 Mal die selbe Strecke. Also ungefähr. Falls es jetzt nicht auch noch bergauf geht. Oh, Mann. Fahrradfahren! Wieso keine Elektrobikes? Ich bin doch jetzt in dem Alter eigentlich? Nur weil der jünger ist… man sieht auch gar nix von der Landschaft oder von dem See. Welcher See eigentlich. Achso, dahinten rechts. Man muss ja immerzu auf diese ***** Wurzeln starren. Ich hasse Wurzeln. Warum können die das hier nicht asphaltieren?

Mir wird langsam heiß.

Boaaaahhh! Wenn man schneller fährt und mit dem Lenker immer so ein bisschen hin und her wackelt, dann macht es doch Spaß. Ganz schön cool. Also ich jetzt meine ich. Ok, vielleicht nächstes Mal nicht im Kleid und in Wandersandalen. Optisch geht da noch was, aber sonst also für mein Alter RRRrrrrRRRRrrrRRRRrrr ganz schön *ächts* cool!

Ich glaube, ich verdurste. Doch. Ich glaube, ich muss sterben. Hier im Wald, am Fahrrad. Wie da wohl die Schlagzeile lautet? Erfolgsautorin kippt tot vom Fahrrad. Klingt ja auch doof. Ne, dann sterbe ich jetzt doch nicht.

Oh, Mann, warum gibt es denn hier keine ordentliche Infrastruktur. Schon 10 km mindestens und kein einziges Café. Moooaaaahhhh. Jetzt ein kühles Getränk. Aber ne, ist ja Naturschutzgebiet. Ich hasse Natur. Die ganzen Bäume da, die versperren doch die schöne Sicht. Die könnte man doch adrett abholzen. Da hätten doch alle was von.

ALTER! Ich schwitze! Ich will nicht mehr. Wie lange dauert das denn noch? Und das Geholpere ist kein Stück besser geworden. Jetzt dreht er sich auch noch um und fragt, obs mir gefällt.

„JA, SEHR TOLL HIER SCHATZ! HMJA, DIE NATUR! WUNDERSCHÖN! JAJA!“

Oh Gott, wie ich das hasse. Die ganzen Spinnennetze hier. Die Mücken. Orrrr! Hoffentlich sagt er jetzt nicht, dass er ein Häuschen am Land haben möchte.

„JAAA! EIN HÄUSCHEN AM LAND, DAS WÄRE ECHT VOLL SCHÖN, SCHATZ!“

Nur Edge. Nicht mal Internet gibt’s hier. Es ist echt die Pest. Apropos Pest, was stinkt hier denn so widerlich? Das ist dieses verrottende Holz überall. Naturbelassen. Furchtbar. Einfach furchtbar. Da riecht ja das Ostkreuz besser.

„SCHWIMMEN? JETZT HIER SCHWIMMEN? KLAR! GANZ TOLLE IDEE!“

Das ist bestimmt saukalt. Und Algen gibt es bestimmt massig. Das ist ja ekelhaft. Man kann bis auf den Grund schauen, da sieht man das ganze Getier und Geschmodder. OHGOTTOHGOTT! Kalt ist ja gar kein Ausdruck. Ich glaube, ich sterbe. Bloggerin erstarrt zur Eissäule. Ne, das mache ich jetzt auch nicht. Will kein Naturdenkmal werden.

WEITERFAHREN? JA, DAS KLINGT GROSSARTIG!

Dann hat die ganze ******* hoffentlich bald ein Ende. Das Fahrrad muss schließlich wieder abgegeben werden.

„Und, hatten sie Spaß?“

 

Schlagzeile: Urlauberin explodiert unerwartet

 

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Bringt mich nach Schweden (oder besser doch nicht, ich bin zu schmuddelig und misanthrop)

Drei Mal war ich in Schweden und eigentlich würde ich gerne dort bleiben. Ich kann mir kein schöneres und entspannteres Land vorstellen.

Zum Glück gibt es Realisten, die meinen romantischen Gedanken vom ewigen Schwedensommer zerplatzen lassen, wenn sie sagen: „Ja, geh mal nach Stockholm im Winter, wenn es minus 20 Grad hat und es genau zwei Stunden Sonnenlicht am Tag gibt.“

Ich würde wirklich gerne wissen, woraus sich die schwedische Entspanntheit speist. Was man schon mal festhalten kann ist: Schweden hat eine sehr niedrige Bevölkerungsdichte. Nicht mal 10 Mio Schweden gibt es. Knapp 22 Einwohner pro Quadratkilometer macht das gesehen auf die Fläche.

Zum Vergleich Deutschland hat 227 Einwohner pro Quadratkilometer. 81 Mio Einwohner hat Deutschland, davon leben 3,7 Mio in Berlin.

Ich nehme an, daran hängt viel. Es scheint so etwas wie eine (womöglich deutsche) Sehnsucht nach Sauberkeit, Ordnung und Abgeschiedenheit zu geben, die natürlich umso einfacher zu erfüllen ist, je weniger Menschen es gibt.

In Schweden ist alles schön – egal wo ich hingekommen bin bislang. Egal, ob Hauptstadt oder Seenplatte, egal ob einzelnes Gehöft in der Einöde oder belebter Touristenstrand.

Ich komme an und in der Regel will ich in die Hände klatschen vor Verzückung. Wir waren vor einigen Jahren beispielsweise auf einem Hof, der sah ganz genauso aus wie aus einem Pettersson und Findus Buch. Die roten Häuschen, die weißen Fensterläden, die Scheune, ein Brunnen, eine selbstgebaute Rutsche über einen riesigen Baumstamm, überall Büsche mit Johannisbeeren, vorm Haus ein Grill, die Wiesen so saftig und grün wie sie in Deutschland nur sind, wenn man gerade frisch Rollrasen bestellt und ausgerollt hat und ein ausgebildeter Gärtner sich 18 Stunden am Tag drum kümmert und alles bewässert und regelmäßig vertikutiert. Wenn man abends in seinem Bett liegt, bei offenem Fenster, dann meint man die Mucklas beim Herumtollen hören zu können.

In den Städten ist es genauso. Alle Häuschen wunderhübsch, mit Blumen verziert, nirgendwo Tags oder Graffiti. Selbst in den trostloseren Wohngebieten irgendwie alles pittoresk.

Die Menschen lächeln, wirken immer entspannt und zufrieden. Die Kinder sind in der Regel total leise. Ich habe in aufgerechnet neun Wochen kein einziges Mal gehört, wie ein Erwachsener ein Kind angenervt zurecht gewiesen – geschweige denn angeschrieen hat.

Überhaupt diese Freundlichkeit. Sie ist dermaßen erschütternd. Busfahrer, die einen ohne Ticket mitfahren lassen, weil man vergessen hat seine ÖPNV Karte aufzuladen und ganz entspannt sagen: „Dann steigen sie eben da und da aus und laden sich dann dort die Karte auf.“

Omas, die aufstehen und den Platz wechseln, damit man neben dem Freund sitzen kann. Opas, die weiterrutschen, damit eine Mutter neben ihrem Kind sitzen kann. Alles wird erklärt (sowieso sprechen alle fließend Englisch), man wird quasi an die Hand genommen, Hauptsache man fühlt sich wohl. So viel Menschenfreundlichkeit: den 2. Kaffee, den man mitbestellen kann, für Menschen, die sich keinen Kaffee leisten können, das Wasser, das in allen Restaurants kostenlos zur Verfügung steht, überall Spielplätze und wenn man mit Kindern essen geht, bekommen die gleich was zu malen und das Essen immer zuerst.

Überhaupt: Überall Männer, die mit ihren Kindern unterwegs sind. So viele, dass in Schweden sicherlich dieses „Oh, toll! Sie sind ein Mann und kümmern sich trotzdem um die Kinder!!! Das ist bestimmt sehr anstrengend! Und dass das der Arbeitgeber mitmacht! Großartig!“ nicht so üblich ist, wie in Deutschland.

Wickelkommoden auf allen Toiletten.

Toiletten außerdem: Nicht getrennt nach Frauen und Männern in der Regel, was bedeutet, dass es das Phänomen freie Männertoiletten – Schlange mit 20 Frauen vor den Frauentoiletten gar nicht gibt.

In der Werbung: Gleichverteilt Frauen und Männer aller Altersklassen und Hautfarben. Große, kleine, dicke, dünne, junge, alte Menschen. Man sieht verdammt nochmal Falten auf Werbeplakaten und zwar nicht als löbliche Ausnahme!

Gleiches Bild in den einzelnen Berufsgruppen (die ich jetzt sehen konnte): Tram- und Busfahrerinnen sind keine Seltenheit, sogar in der Königsgarde Frauen! Polizistinnen!

Im einzigen Kicker, den wir gesehen haben: Fußballspielerinnen.

Klar gibt es auch H&M und andere Ketten, die nach Geschlechtern trennen, aber wie ich im Polarn & Pyret Laden vor den Schaufensterpuppen stehe, bin ich total verwirrt: Ist das jetzt Kleidung für Jungs oder Mädchen?

Dann schießt mir die peinliche Berührtheit heiß in den Körper. Ich bin so komplett verdorben von dieser Geschlechtertrennung, dass ich das zwar öffentlich anprangere – dann aber genau in dieses Denkmuster verfalle, wenn es nicht so ist (Villervalla übrigens genauso und auch viele noname-Marken in normalen Geschäften).

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Mir war es am 5. Tag in Stockholm irgendwann fast zu viel. Ich liebe Berlin, aber plötzlich war Berlin nur noch ein olfaktorischer Eindruck, nämlich der Geruch von Pisse in düsteren Brückendurchgängen an Verkehrsknotenpunkten. Nichts hat mich mehr an Berlin erinnert – nur noch der elende Gestank und meine eigene schlechte Laune.

Im Kopf hatte ich die Warschauer Straße, vollgestopft von Menschen, Menschen, die meistens morgens nach Alkohol und Zigaretten stinken, die sich über die Straße walzen, alles ist voll, der Boden mit Müll bedeckt, die Wiesen in den Parks ausgedörrt und niedergetreten.

Nur in Berlin hört man im Freibad eine Durchsage: „Im Schwimmbecken bitte nicht rauchen.“

Berlin ist ein Moloch aber man hat es da auch bequem. Vom Bett tritt man auf die Straße und keinen kümmert es, wie man aussieht. Die Haare zerzauselt, die Zähne ungeputzt, die ausgelatschtesten Hausschuhe, die durchlöcherte Schluffihose – so schleppt man sich zum Bäcker, holt sich seine Brötchen und schlufft wieder nach Hause.

In Stockholm hingegen hatte ich den Eindruck, man würde so vermutlich angesprochen werden und sofort in irgendeine Art freundliche Betreuung kommen.

Denn alle waren zu jederzeit sehr ordentlich und adrett angezogen. Die Frauen tragen, egal wie alt sie sind, in der Regel schöne Kleidchen, haben frisierte Haare, sind immer dezent und sehr akkurat geschminkt. Ich habe nicht einmal ungepflegte Füße in offenen Schuhen bemerkt.

Es ist vermutlich nicht richtig Berlin mit Stockholm zu vergleichen. Am Ende war ich aber wirklich froh nicht mehr hinsehen zu müssen, meinen Weg durch die Stadt zu kennen, nicht mehr die glitzernden Wasseroberflächen, die strahlenden Gebäude und all die kleinen Balustraden und bunt gestreiften Markisen.

Ich konnte es nicht mehr aushalten, hab mich selbst im Vergleich wie die sprechende Müllhalde (nur eben auf zwei Beinen) aus den Fraggles gefühlt.

Ich habe dann drüber nachgedacht, ob es vielleicht an der Großstadt liegt und mich gefragt, wie es am Land in Deutschland ist. gamla stanDa wo die Leute ihre freistehenden Einfamilienhäuser auf riesigen Grundstücken bauen. Aber nur weil da Platz ist, ist da auch nicht Schweden.

In Schweden gibt es so viel Wärme, Freundlichkeit und Offenheit. Oft haben die Grundstücke nicht mal von außen erkennbare Grenzen. Meiner Erfahrung nach werden Fremde herzlich aufgenommen und alles Neue willkommen geheißen. In Deutschland ist alles Neue ein Fremdkörper. Die neuen Nachbarn? Wo kommen die eigentlich her? Warum bauen die ihr Häuschen genau da wo doch die Aussicht so schön ist? Und überhaupt! Der Zaun! Der passt doch gar nicht in die Siedlung! Und oh je! Kinder haben die auch! Die machen bestimmt Krach. Wie ärgerlich. So schön wars hier ohne die anderen Menschen. Damals! Damals hätte es sowas nicht gegeben! Schnell einen Sicht- und Schallschutz bauen, eine hohe Mauer am besten!

Ich wohne nicht in Schweden, ich war nur einige Male zu Besuch. Vielleicht ist mein Eindruck auch gänzlich falsch. Keine Ahnung. Es ist mir jedenfalls ein Rätsel, wo all die Menschenliebe und Freundlichkeit der Schweden herkommt. Die Quelle würde ich wirklich gerne anzapfen.

Übrigens Nachtrag: Ich habe mir die Selbstmordrate und den OECD Better Life Index für die Schweden und für Deutschland angesehen. Die Unterschiede sind marginal. Ersteres ist in Schweden etwas höher, zweiteres ebenfalls. So scheint es zumindest, dass die Schweden subjektiv nicht deutlich besser leben als die Deutschen.

Über Erklärungen des Schwedensommerphänomens freue ich mich also.

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Den armen triebgesteuerten Menschen muss doch geholfen werden

Eines meiner Lieblingssprichwörter lautet „The road to hell is paved with good intentions“. Gut gemeint ist z.B. der Brief einer Realschule an die Eltern, der verargumentiert, dass Mädchen in Zukunft bitte keine aufreizende Kleidung mehr tragen. Wer es dennoch tut, der muss ein weites Shirt tragen, das er (in dem Falle eigentlich „sie“) vor Ort zur Verfügung gestellt bekommt. Die Schule möchte dadurch nicht in die Individualität der Kinder eingreifen, nein, man „[will] damit ein kleines Stück zu einem gesunden Schulklima beitragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.“

War klar, dass ich darüber schreiben muss, oder? Wollte schon lange mal wieder ein paar zensierenswerte Kommentare sammeln. Also go for it!

Ganz ehrlich? Was soll der Scheiß? Dass Mädchen und Frauen anziehen können sollen, was sie wollen, steht für mich außer Diskussion. Drehen wir die Sache doch mal um. Im Grunde sagt der Brief folgendes. Die aufreizende Kleidung wird nur verboten, um die Mädchen zu beschützen. Denn schließlich könnten „die knappen Klamotten […] jemanden reizen, etwas zu tun. Hinzugucken. Hinzugreifen.“ (und im schlimmsten Fall zu sexuellen Übergriffen auffordern).

Ich frage mich da immer: Warum lassen sich Jungs und Männer zum größten Teil sowas gefallen? Und die Mütter von Söhnen? Diese Forderung bedeutet nämlich: Wenn Jungs oder Männer zu viel nackte Haut sehen, dann können sie sich nicht mehr kontrollieren, verlieren jede Kulturtechnik und werden zur Gefahr.
Das ist eine bodenlose Beleidigung. Ich möchte meine Söhne nicht so dargestellt wissen.
Ich finde das schlimm. Richtig schlimm. Mich würde das als Mann stören, immer wieder in die Ecke des hirnlosen Idioten gedrängt zu werden. Der nicht anders kann als geifernd auf nackte Haut (womöglich „weiches Gewebe„) zu schauen. Dessen Konzentrationsfähigkeit und IQ auf Null sinken, sobald ein weiblicher Körper nicht in weite Kleidung gehüllt wird. Der sich am Ende nicht beherrschen kann und die Mädchen oder Frauen belästigen, angrabschen und zudringlich werden muss.
Denn das steht doch als Gegenstück hinter der Forderung, dass Mädchen und Frauen sich bitte verhüllen müssen.

Natürlich ist es komplizierter, Jungs und Männern zu erklären, wie sie sich verhalten sollten, als Frauen einen Sack überzustülpen. Es gibt keine einfache und schnelle Lösung für das Problem.“

Ich verstehe es nicht. Warum lassen sich Männer sowas gefallen?
Warum ist diese Objektifizierung und Sexualisierung so allgemein akzeptiert?
Verbote sind am Ende immer ein Zeichen von Hilflosigkeit oder „der einfache Weg“.
Ich würde mich freuen, wenn man mal mehr Energie investieren würde, diese Denkstrukturen aufzulösen als dass man bestehende (falsche) Strukturen durch Verbote dieser Art zementiert.

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Nachtrag: Und ich glaube nicht, dass es da um neutrale Kleidungscodes geht, die z.B. vorbereiten, wie man sich als Lehrling in einer Bank (oder einem anderen Kontext) zu kleiden hat. (Mal abgesehen davon, dass ich persönlich nicht die Kompetenz meines Finanzberaters an seinem Anzug festmachen würde)

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Die tägliche Übung

Ich weiß nicht genau, wann „man“ (=ich) sich dieses seltsame Verhalten aneignet, aber ich glaube, es war irgendwann zu Schulzeiten. Da hängt man mit Freundinnen ab und erzählt sich gegenseitig was alles doof ist. Ich erinnere mich schon in der 5. Klasse meine Haare doof gefunden zu haben. Und dann habe ich mir einen schönen Blumenstrauß an stetig wechselnden Komplexen zugelegt. Nase zu groß, Kinn zu hervorstehend, Füße häßlich, Arme zu dick. Eigentlich völlig egal. Es gab lediglich eine Stelle, die ich immer super fand. Leider war die nur 4 Quadratzentimeter groß (Ein winziges Stück Haut rechts und links an den Hüften – warum ich ausgerechnet diese Stelle immer toll fand, das weiß der Fuchs).

Nachdem meine Freundin und ich uns ständig gegenseitig erzählt haben, was wir an uns doof und hässlich fanden, sind wir in der Pubertät dazu übergegangen Sachen an anderen doof und häßlich zu finden. Wir verbrachten fortan unsere Freizeit damit uns mit anderen zu vergleichen und das herauszustellen, das nicht perfekt war. Perfekt im Sinne von den Abbildungen der Zeitschriften, die wir lasen oder der Fernsehsendungen und Musikvideos, die wir anschauten (geschmackvolle Dinge wie Cinderella 80 mit Bonnie Bianco!).

Irgendwann hat das aufgehört. Ich glaube, weil ich nicht mehr so viel Freizeit, keinen Fernseher und v.a. Zugang zum Internet hatte. Genau weiß ich es aber nicht.

Viel hat sich auch mit dem Mutterwerden und Vorbildseinwollen geändert. Ich habe das gewohnheitsmäßige Gejammere über meinen unperfekten Körper einfach eingestellt. Ich habe aufgehört mich ständig zu vergleichen und ich versuche meinen Kindern ein positives Körpergefühl zu vermitteln. In der Geo Wissen „Mütter“, S. 21 ist ein schönes Bild zu sehen, das Mutter und Tochter im Handtuch bzw. nackt zeigt. Darunter steht „Ein positives Körpergefühl der Mutter beeinflusst auch die Eigenwahrnehmung der Tochter […] in Israel war es üblich, in Unterwäsche in der Wohnung herumzulaufen oder miteinander im Bad zu sein.“ Es wird auch erwähnt, dass viele (in den USA) ihre eigene Mutter noch nie nackt gesehen haben. Das ist nicht nur in den USA so. Ich kenne viele FreundInnen, die ihre Eltern noch nie nackt gesehen haben. Diese Vorstellung fand ich schon als Kind total verrückt.

Jedenfalls was ich eigentlich sagen wollte. Man kann sich diese negative Brille wirklich abgewöhnen. Am Anfang erscheint es wie eine alberne, gedankliche Turnübung. Man sagt sich einfach immer das Gegenteil von dem was man als Automatismus im Kopf hat. Dann sucht man mal bewusst nach Dingen, die man toll an sich und auch an anderen findet.

Jetzt bin ich bald 40 und mir ist das alles ziemlich egal. Ich schaue auch kaum noch in den Spiegel. Ich fühle mich gut und bin manchmal so absurd zufrieden mit mir, dass ich mich frage, warum konnte ich das nicht vorher haben? Ab und an wundere ich mich noch über Fotos, die ich von mir sehe, weil ich da gar nicht aussehe, wie ich mir mich eigentlich vorstelle.

Lediglich mein Kind 2.0 hat plötzlich Fragen zu meiner Imperfektion:
„Diese Falten an der Nase zum Mund, hat die jeder erwachsene Mensch?“
„Stört dich dein dicker Bauch nicht?“
„Dein Po ist ganz schön fett! Das haben aber nicht alle Erwachsenen, oder?“

Kind 2.0 ist offenbar in die Phase gewachsen, in der Körper keine Werkzeuge mehr sind, sondern irgendwie bewertet werden müssen.
Ich finde das erschütternd.
Mein Kind ist die Sportskanone der Familie. Total drahtig und besteht quasi nur aus Muskeln. Isst wie ein Vögelchen und klettert den ganzen Tag auf Bäume und plötzlich fragt es mich beim Abendessen: „Findest du mich dick?“
Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte diesen Gedanken energisch aus dem Kind rausgeschüttelt.
Stattdessen frage ich: „Wieso fragst du das?“
„Ich weiß nicht. Ich finde mich auch nicht dick. Aber die Mädchen in der Schule sagen sowas.“

Es ist so ekelhaft, warum kommt das offenbar automatisch? Ich würde das alles so gerne von meinen Kindern fernhalten, aber ich fürchte, das geht einfach nicht. Mir fällt auch nicht so richtig ein, was ich dagegen tun kann, ausser ein gutes Vorbild zu sein und immer wieder darüber zu sprechen.

In dem Zusammenhang bin ich in dieser Woche auf zwei schöne Beiträge im Netz gestoßen:

Lisa Rank schreibt in ihrem Blogbeitrag „What you see is what you see“ über ihr erstes graues Haar und man möchte sie küssen.

Und Katrin Rönicke beantwortet bei Freisprecher die Frage „Bin ich schön?“

Ich wünschte wirklich die Welt wäre voll mit solchen Menschen, dann müsste sich mein Kind nicht solche Fragen stellen.

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Herzleiden

In Vorstellungsrunden sage ich gerne, dass mein Blog mein Verdauungsorgan ist. Das finden alle ekelig und der Raum raunt gerne leise üüüüääähhh – aber ich finde diese Analogie sehr treffend. Leider ist sie nicht von mir, sondern von Felix Schwenzel, das sage ich dann auch ab und zu dazu – aber jetzt ist es googelbar. „Mein Blog ist mein Verdauungsorgan“ ist ein Zitat von Felix Schwenzel und es ist wahr.

An dieser Stelle möchte ich meinen Krankenhausaufenthalt im Sommer verdauen.

Erzähle ich die Geschichte von Anfang an und beginne mit: „Alles fing mit Rückenschmerzen an.“ verursache ich bei meinem Gegenüber immer ein besonders gutes Gefühl. Rückenschmerzen habe ich sehr oft. Seit ich Kinder habe eigentlich andauernd und wenn ich mich belastet fühle, dann merke ich das an meinen Rücken am besten. Ich war also im Urlaub, alleine mit den Kindern im tiefsten Bayern an einem See und hatte unglaubliche Rückenschmerzen, die mich nachts wach hielten und mir tagsüber wirklich schlechte Laune machten. Ich war stinksauer. Ich hatte Urlaub! Ich wollte mich wohl fühlen und entspannen. Abends hatte ich ein bisschen Fieber und ganz ehrlich, normalerweise wäre ich nicht zum Arzt gegangen, aber weil ich meinen Urlaub genießen wollte, hoffte ich, der Arzt könne mir irgendein Knallermedikament verschreiben, das ich nehme – eine Chemiekeule die innerhalb von 24 Stunden wirkt.

Ich ging also zu einem Arzt, der zufällig Internist war, schilderte meine Beschwerden und der kräuselte die Stirn. Ein EKG und ein Bluttest später wollte der Arzt gerne, dass ich sofort ins Krankenhaus gehe.

Meine Kinder konnte ich bei einem lieben Freund abgeben und dann fuhr ich ins Krankenhaus. Zehn Minuten nach der ersten Untersuchung wurde ich an alle möglichen Geräte angeschlossen und durfte mich nicht mehr eigenständig bewegen. Mein Herz schlug im Ruhezustand 130 Mal pro Minute. 70 bis 80 Schläge sind normal, ich war also tachykard. Die Blutwerte legten nahe, dass ich einen Herzinfarkt gehabt haben könnte. Ich war völlig schockiert. Ich bin 39 und gehöre in keine der bekannten Risikogruppen. Ich habe keine Vorbelastungen, kein Übergewicht, kein Cholesterin, ich rauche nicht, ich nehme nicht die Pille. Temperamentmäßig gleiche ich eher einer geschlossenen Eisdecke als einem Vulkan.

Es folgte eine Herzkatheteruntersuchung. Ich war sehr beunruhigt. Man muss da so ein Zettelchen unterschreiben was alles passieren könnte und ich sage mal so: Man will nicht dass etwas passiert. Die Ärzte beruhigten mich: „Alles sehr unwahrscheinlich, nichts davon wird bei ihnen eintreffen.“ Ich glaube ab da habe ich durchgeweint. Der Satz „alles sehr unwahrscheinlich“ hatte für mich keine Bedeutung mehr seit eine liebe Freundin eine Woche zuvor von einem LKW überrollt worden war.

Man bot mir freundlicherweise Scheissegaltropfen für die Untersuchung an und ich kann sie sehr empfehlen. Für den Herzkatheter sucht der Arzt sich am rechten Arm eine Stelle am Handgelenk und schiebt dann den Schlauch bis zum Herzen um sich dann mit Hilfe von Kontrastmittel die Koronararterien anzuschauen. Der Kardiologe sagte: „Das Suchen und Schneiden ist ein wenig unangenehm, aber das wird ihnen egal sein.“ Er hatte recht. Es war mir völlig egal. Im Vergleich zu einer Magenspiegelung ist eine Herzkatheteruntersuchung ein Wellnesstreatment. Ich kanns sehr empfehlen.

Die Untersuchung zeigte, dass ich keinen Herzinfarkt gehabt hatte, sondern lediglich eine Herzmuskelentzündung. Auch nichts was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Um mir zu verdeutlichen wie ernst es ist, teilte man mir meinen Troponinwert mit. Troponin ist ein Protein, welches (laienhaft gesagt) das Herz bei einer Muskelschädigung ins Blut freisetzt. Wenn ich mich recht erinnere, sollte der bei höchstens 14 (unter 20 auf jeden Fall) liegen. Mein Wert war bei 1800. Das fand ich, ohne den blassesten Schimmer von irgendwas zu haben, beeindruckend.

Ich kam auf die Überwachungsstation und musste da beinahe zehn Tage bleiben, bis die Werte wieder im grünen Bereich waren. Die Infektion ist viral. Deswegen kann man medikamentös nichts tun. Man wartet einfach ab und beobachtet.

Ohne Ablenkung, an piepsende Geräte angeschlossen, hatte ich viel Zeit über den Tod und das Leben nachzudenken. Aufmunternde Bemerkungen der pragmatisch veranlagten Ärzte: „Keine Sorge! Schlimmstenfalls hilft immer noch eine Herztransplantation!“, gaben mir weiteren Anlass nachdenklich zu sein.

Unvergessen bleibt eine Visite. Die Ärzteschar, alles Männer in ungefähr meinem Alter, stellten sich wie die Sternsinger vor mir auf und zählten auf, was ich die nächsten Wochen und Monate nicht mehr tun dürfte. „Sport auf keinen Fall!“, „Keine Treppen steigen!“, „Einkaufen besser nicht!“, „Meiden sie Hausarbeiten!“. Dann gab es eine Pause und die Ärzte schauten sich gegenseitig an. Einer sagte: „Normalweise müssen wir das nicht thematisieren, weil die Standardpatientin eher um die 80 ist…“ Räuspern „Aber… in ihrem Fall…“ Ich wartete gespannt. Der Assistenzarzt wurde ein Stück nach vorne geschubst. In übertrieben beiläufigem Tonfall sagte er: „In ihrem Fall: Sie dürfen sechs Wochen keinen Sex haben.“ Schweigen. Der zweite Arzt dann: „Und danach nur normalen.“ Alle stehen unschlüssig rum und ich frage mich, ob ich nochmal nachfrage, was genau normaler Sex ist und was dann gegebenenfalls unnormaler Sex wäre, den ich ja nicht haben dürfte.

„Immerhin ist das Wetter schön…“ überbrückt einer der Ärzte die Gesprächspause. „Mit etwas Glück werden sie noch rechtzeitig entlassen, so dass sie auch etwas davon haben.“

Seitdem denke ich über normalen Sex nach und wie ich die Ansage hätte auslegen sollen. Vielleicht war das ja gar kein Verbot Sex zu haben sondern eine Option für einen schönen Tod? Ich habe wirklich viel über den Tod nachgedacht. Eher gesagt, über die Art zu sterben. Das tut man automatisch, wenn Freunde sterben, man selber fast stirbt und man das Zimmer mit Menschen teilt, die Herzinfarkte oder Aneurysmen haben. Das Alter und all seine Gebrechen, das ist keine verlockende Perspektive. Leider sind die sechs Wochen vorbei und damit die Chance auf einen schönen Tod erstmal verstrichen. Man soll halt immer zuhören und nachdenken, wenn Ärzte was sagen. Ansonsten YOLO.

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Das ubiquitäre Paar

Am Wochenende war ich bei „Text & Töne“ einer Veranstaltung des Literarischen Colloquiums Berlin. Wer noch nicht da war (mir ist das in mehr als zehn Jahren Berlin bislang entgangen), dem kann ich diesen Ort – unabhängig von der Veranstaltung – sehr ans Herz legen.

Am Samstag traten Dota, Cora Frost, Christiane Rösinger, Frank Spilker (Die Sterne) und Francesco Wilking (Tele) mit Moritz Krämer sowie Tilman Rammstedt (der las und nicht sang) auf.

Am 15. August gibt es übrigens den zweiten Teil des Konzert- und Leseabends und wer sich vorstellen kann, an einem lauen Sommerabend einigen SchriftstellerInnen und SängerInnen mit einem Glas kühlen Weißwein in der Hand zu lauschen, während hinter selbigen die Sonne im Wannsee untergeht, dem kann ich die Veranstaltung sehr ans Herz legen. Auch mit Kindern im Übrigen. Man kann eine Decke mitnehmen und ein paar Stullen und ein bisschen Kindergehopse rundet den entspannten Abend eher ab als dass es stört.

Aussicht LCB

Jedenfalls was ich eigentlich schreiben wollte: Christiane Rösinger, eine der Gründerinnen der Lassie Singers, kannte ich noch nicht. Was mein Begleiter mittelmäßig verwundert feststellte: „Aber sie ist doch AUCH Feministin!“

Nun. Ich habe zwar italienische Vorfahren, aber leider kenne ich nicht jeden Ort in Italien und auch nicht jede regionale Spezialität. Das entrüstet meine Gesprächspartner gelegentlich (ABER DU BIST DOCH ITALIENERIN?), aber so ist es eben. Ich kenne auch nicht alle Feminstinnen. Auch nicht wenn sie singen, auch nicht wenn sie so großartige Texte singen.

(Im Übrigen könnte ich jetzt im Thesaurus „großartig“ eingeben, um die anderen SängerInnen des Abends zu beschreiben. Cora Frost zum Beispiel, die so inbrünstig performte und eine Strophe auf den Wannensee schrie und eine weitere zu meiner großen Freude gurgelte – aber es würde ja allen nicht gerecht. Einfach zum 2. Termin am 15. August hingehen!)

Christiane Rösinger sang von der Liebe und wie überbewertet sie ist und davon dass sie einen Faible für Idioten hätte und von der Sinnlosigkeit alles Handelns und das in ausgesuchter Fröhlichkeit. Es war ein Fest.

In einem der Lieder prangerte sie das Paarleben an. So blieb es mir in Erinnerung. Also den Drang sich eigentlich nur komplett und vollwertig in der Gesellschaft zu fühlen, wenn man eine/n PartnerIn hat. V.a. weil das der Jugend so vorgelebt werde, die ja dann mit dieser Idee aufwachse.

Mich haben diese Textzeilen sehr nachdenklich gemacht. Warum ist das eigentlich so? Warum hat man als erwachsener Mensch meistens das Gefühl irgendwas stimme nicht, wenn man nicht mit jemanden das Leben teilt? Irgendwie ist es bei den meisten ja ein Thema sobald sie allein sind: Die Partnersuche. Und was lebt man da tatsächlich den Kindern vor? Schwebt für meine Kinder wahrnehmbar mit „Die Mama bekommt das zwar alles hin, aber eigentlich wäre alles besser (?) wenn da noch jemand wäre.“?

Tatsächlich hat mir meine eigene Mutter immer vermittelt, dass das Wichtigste im Leben der Partner ist. Ohne Partner ist man nicht komplett. Dass ich jetzt wieder alleine lebe (was ja z.B. bezogen auf das Thema Kinder gesehen auf die Verantwortlichkeiten so auch gar nicht stimmt), beunruhigt sehr. Besser wäre es ja schon, wenn da jemand wäre, der für mich sorgt…

Gerade finde ich mein Leben im Alltag alleine ja sehr schön. Aber es überkam mich zumindest auch schon des öfteren das Gefühl das Schöne teilen zu wollen. Das Unschöne auch und überhaupt: das Teilen.

Es gibt von der WM ein Videoschnipsel eines deutschen Tors, in dem Angela Merkel hochspringt und sich freut. Eine Millisekunde später schaut sie sich suchend um, mit wem sie ihre Freude teilen kann, umarmt Gauck und schaut dann zur anderen Seite, ob sich die anderen mitfreuen. Putin sitzt derweil wie eine Statue daneben und freut sich betont nicht. Er unfreut sich kältlich sozusagen.

Um zum Thema zurück zu kommen. Ich habe diesen Teildrang auch. Ich vermute, viele – wenn nicht sogar alle Menschen haben ihn. Der Anblick eines Sonnenuntergangs ist schön. Man kann ihn sich alleine anschauen und genießen, aber irgendwie schlummert latent das Teilenwollen. Gemeinsam auf die untergehende Sonne blicken. Wenn das nicht geht, ein Foto machen, das Foto jemanden später zeigen oder – den sozialen Medien sei dank – das Foto instagrammen und es so teilen.

Ich weiß nicht, ob das Streben nach Zweisamkeit wirklich zum großen Teil von diesem Dinge mit jemanden teilen wollen angetrieben wird. Im Moment fühle ich es so. Und deswegen bin ich froh, dass es Twitter, Facebook und instagram gibt. Ich fühle mich dann nicht einsam. Ich hab Menschen dabei mit denen ich mein Erleben, meine Freude und manchmal auch meinen Frust und meine Traurigkeit teilen kann.

Ja, man kann jetzt wieder die ganze Diskussion mit den sogenannten „echten Menschen“ und der Wertigkeit der „echten Freunde“ führen. Man kann es aber auch sein lassen. Ich kenne den Unterschied nicht und manchmal, wenn ich mich zum Beispiel schlecht fühle und das twittere und mir jemand mit „.“ antwortet und mir damit einfach sagt: „Ich nehme dich wahr, ich fühle mit Dir, mehr gibt es nicht zu sagen.“, dann hilft mir das. Mich erreicht das Mitgefühl der anderen und es tut gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich für mich interessieren.

Hach ja, ich wollte gar keinen Jammertext schreiben. Viel mehr fühle ich mich wirklich ermuntert meinen Kindern nicht vorzuleben, dass ich nur jemand bin, wenn ich zu zweit bin. Dass etwas fehlt, wenn ich alleine lebe. Im Gegenteil. Ich hätte gerne, dass sie sehen, dass mir mein Leben gefällt, dass ich gerne eigene Entscheidungen treffe, dass es mir gut tut mich nicht permanent mit jemanden abstimmen muss. Dass es eben Vorteile gibt alleine zu leben – so wie es Vorteile gibt als Paar zu leben. Dass beide Formen gleichwertig sind, dass sie ihre Berechtigung haben, dass das eine nicht wertiger ist als das andere und dass es viele Formen von Gemeinschaft gibt, von Lebensmodellen. So dass sie aufwachsen mit jemanden vor Augen, der ihnen irgendwie eine Art Zuversicht schenkt, dass man sein Leben selbst gestalten kann, dass man die Wahl hat und dass man sich gegebenenfalls auch umentscheiden kann. Jederzeit. Mit 16, mit 30, mit 40 und auch noch mit 50 oder 60, jederzeit eben. Und dass sie verstehen, dass es viele Formen von Gemeinschaft und Beistand gibt.

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Verdorben

Tatsächlich denke ich in letzter Zeit immer wieder „das Internet hat mich verdorben“. Was ich eigentlich meine: es hat mich durch das, was ich lese, für bestimmte Themen sensibilisiert. Vielleicht auch wieder sensibilisiert. Am deutlichsten merke ich das an „sprachlichen Feinheiten“ – wie z.B. der Verwendung an das Geschlecht angepasster Sprache. Ähnlich wie ruhepuls twitterte, finde ich es beinahe bizarr, wenn eine Frau von sich selbst sagt: Ich bin Autor, ich bin Projektleiter, ich bin Referent, …

Auch habe ich es mir zum Hobby gemacht, in Vorlagen und Präsentationen ein „In“ zu ergänzen. Das hat zur Folge, dass mich andere Frauen ansprechen und zum Ausdruck bringen, dass sie sich über die explizite Ansprache der Frauen in der Runde gefreut haben. Genauso oft höre ich Beschwerden über die Zumutung, die ein solches Binnen-I bezogen auf den Lesefluss darstellt. Über beides freue ich mich. Denn wenn ein kleines Binnen-I schon eine Bedrohung darstellt, habe ich Hoffnung, dass noch viel veränderbar ist.

Sehr gerne frage ich auch für Interviews und Zeitungsartikel nach, ob es nicht möglich wäre, die weibliche Form zu verwenden. Meistens ist es kein Problem eine Gewohnheit aufzubrechen. Gelegentlich bekomme ich die Antwort, dass in der Redaktionskonferenz explizit beschlossen wurde, aufgrund der Leserlichkeit keine weiblichen Formen zu verwenden.

Es gibt sogar Websites, die empfehlen, in den Disclaimer folgenden Zusatz zur „Gleichstellung“ mitaufzunehmen: In den Texten wird meist nur eine Geschlechtsform gewählt um eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten. Davon unbeeinflusst beziehen sich die Angaben dieser Webseite auf alle Geschlechter.

Neulich passierte mir wieder etwas, das mich früher wirklich aufgeregt hat. Es passierte allerdings so regelmäßig in meinem Leben, dass ich aufgegeben habe, mich aufzuregen und es nicht mal mehr registriert habe und jetzt – da ich wieder sensibilisiert bin, fällt es mir wieder auf.
Wenn ich von solchen Vorfällen berichte, gibt es meist zwei Arten von Reaktionen: Ungläubigkeit und ggf. der Hinweis, dass sowas doch nicht in Deutschland passiert (und wenn dann nicht mit aufgeklärten, „deutsch sozialisierten“ Männern…)!

Ich hab die Szenen schon getwittert, aber weil andere Frauen weitere Beispiele schilderten, will ich sie nochmal zusammentragen.

Ich gehe mit einen Mann einkaufen. An der Kasse lege ich die Artikel aufs Band und zahle. Der Kassierer (manchmal tatsächlich auch die Kassererin) gibt das Wechselgeld an den Mann.

Mit einem befreundeten Mann stehe ich eng zusammen, frage einen anderen Mann etwas. Dieser antwortet, schaut aber nicht mich sondern den Mann neben oder hinter mir an und wenn es Folgefragen gibt, richtet er sie an den Mann und nicht an mich.

Andere berichteten ähnliche Situationen: Eine Frau in Begleitung eines Mannes kauft ein Eis, bezahlt und das Eis wird an den Mann gereicht.

Diese Situation habe ich auch schon erlebt. Eine Frau erzählt einen Witz und es wird erst gelacht, wenn einer der Männer in der Runde die Pointe wiederholt.

Von anderen Frauen habe ich oft Erlebnisse der folgenden Art gehört: Für wichtige Projekte wird ein Mann als Projektleiter gefordert. Weltoffene Kunden und Chefs tolrieren eine Frau als Projektleiterin so lange wenigstens am Ende noch ein Mann das Ergebnis freigibt: „Wissen Sie, es ist immer gut, wenn anschließend noch mal ein Mann drüber schaut

In bestimmten Berufen, gibt es ebenfalls Klassiker der Art: Eine Ärztin ist im Raum und wird vom Patienten erstmal als Krankenschwester identifiziert. Betritt ein Mann (Pfleger) den Raum, wird davon ausgegangen, dass es sich zwangsläufig um den Arzt handelt: „Ah, der Herr Doktor!“

Auch schön Handwerkersituationen der Art: Ich habe im Labor mal einem Handwerker geöffnet, der schaute über meine Schulter in den Raum und stellte fest „Oh, da ist ja gar keiner da“.

Mein Highlight bislang vor einigen Jahren als ich als Referentin für einen großen Konzern arbeitete und neu in eine aus Männer bestehende Projektrunde trat – noch bevor ich mich vorstellen konnte – „Ah, sehr schön, bringen Sie die Brötchen?“.

Das sind alles keine Dramen sondern eher Situationen, in denen ich innerlich die Augen verdrehe. Aber genauso gibt es kleine Dinge, die mir wiederum bei anderen Männern auffallen, die mir sehr gut gefallen. Die selbstverständliche Verwendung des generischen Femininums (zumindest auf Folien und in anderen, für viele gültigen Dokumenten) oder so etwas banales wie das in einem Projektmeeting ein Mann die Kaffeekanne ergreift und in die Runde fragt, ob jemand Kaffee möchte und dann eingießt oder tatsächlich auch sein benutztes Geschirr nimmt und in die Spülmaschine stellt. Diese Dinge fallen mir extrem auf, weil sie nach wie vor selten sind. Und warum ich das jetzt alles getippt habe? Hm. Vielleicht fallen euch ja auch solche Situationen oder (Gegen)Gesten ein?

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Smartphoneverbot bis 28 – ach was – bis 42

Louis C.K. erzählt in einer Latenightshow warum seine Kinder kein Handy haben. „I think it’s toxic, it’s just bad“ Er nennt jedoch im Gegensatz zu den Menschen, die ich sonst als klassische Handyverbieter kennengelernt habe, zwei Argumente, die ich wirklich gut verstehen kann.
Erstens, er sagt sinngemäß, Kinder seien erst gerade dabei soziale Interaktionen zu lernen. Sie probieren sich dabei aus. Um Empathie zu entwickeln, sind sie jedoch auf mehrere Rückkanäle angewiesen. Wenn sie sich z.B. über jemanden lustig machen und gleich im Anschluss sehen, dass dieser jemand verletzt reagiert, überlegen sie, ob es wirklich angemessen war und ob sie das Verhalten beibehalten wollen. Kinder und Jugendliche seien erst dabei ihre Identität zu entwickeln. Würde diese Persönlichkeitsentwicklung ausschließlich oder zu großen Teilen über das Internet, über die hauptsächlich schriftliche Kommunikation stattfinden, käme es zu Problemen.
Ich finde diese Beobachtung nachvollziehbar. Selbst Erwachsene haben beispielsweise Probleme (schriftliche) Ironie zu erfassen und offensichtlich ist es im Internet im Schutze der vermeintlichen Anonymität deutlich leichter rumzupöbeln oder zu trollen. Ich glaube tatsächlich, dass mindestens die Hälfte aller ätzenden Kommentare nicht geschrieben würden, wenn die Kommentatoren einen emotionalen Rückkanal über mehrere Sinne hätten.

Louis C.K. differenziert dann weiter aus, dass das Internet einem die Möglichkeit gibt, immer jemanden bei sich zu haben. Es sei nicht möglich zu lernen, alleine zu sein. Solche Momente auch mal auszukosten sei die Bedingung, dass man Gesellschaft und Freu(n)de überhaupt erst richtig schätzen lernt.

Er erzählt das gewohnt witzig. Ich glaube aber, da gibt es einen wahren, ernsten Kern und dass er einen Entwicklungsschritt beschreibt, der für Jugendliche wichtig ist. Ruhe und Alleinsein aushalten lernen. Sich Zeit nehmen um Selbstreflexion zu betreiben. Ohne Selbstreflexion und Ruhephasen keine persönliche Weiterentwicklung. Das gilt natürlich nicht nur für Jugendliche. Selbst Lösungen für Probleme zu erarbeiten und umzusetzen, hat darüberhinaus übrigens positive Effekte auf das Selbstbewusstsein (und die Self-efficacy).

Das Smartphone bietet die perfekte Ablenkung und Zerstreuung. 24 Stunden am Tag. Jede Lücke lässt sich füllen. Kein Platz für Langeweile und Alleinsein.

Im Artikel „Louis C.K. Is Wrong About Smartphones“ kritisiert Daniel Engber Louis C.K. Sichtweise als altmodisch. Er schreibt „Books and songs enrich us; smartphones make us dumber. “Jungleland” is art; Facebook is a waste of time. But is that really true?
Das stimmt so pauschal natürlich nicht. Denn Smartphonebenutzung ist nicht gleich Smartphonebenutzung. Wenn ich auf facebook lese und Links folge, die meine Freund/innen mir empfehlen, ist das im Grunde nichts anderes als irgendein Buch oder einen Zeitungsartikel zu lesen. Mit einem Smartphone kann man auch Musik oder Podcasts hören. Aber den ganzen Tag Statusmeldungen lesen, posten und liken, das ist doch ein Unterschied. Zumal das ein ganz anderes Suchtpotenzial hat. Der ständige Zuspruch durch die eigene Filterbubble hat einen anderen Effekt als das Lesen eines Buches (und das Beschäftigen mit dem Inhalt) auf die menschliche Seele hat.

Tatsächlich ist der springende Punkt für mich wann und in welchem Ausmaß und auf welche Art Internetkonsum stattfindet und es ist ein Unterschied, ob sich die Persönlichkeit bereits ausdifferenziert hat oder ob Persönlichkeitsentwicklung und exzessiver Internetkonsum parallel stattfinden. Das mag banal klingen, war mir bislang aber nicht so präsent in meiner Argumentation – denn unsere Familienalltag hat mehr als einmal gezeigt, dass ungebremster und unregulierter Internetkonsum über das Handy ziemlich viele Probleme mit sich bringt.

Das Internet ist erst 1997 in mein Leben getreten. Da war ich schon 22. Mich würde wirklich mal interessieren, wie die Einschätzung der Digital Natives zu diesem Thema ist.

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