Euch ist ja nichts gut genug!

Im Zusammenhang mit meinen Gedanken zum Thema Gleichstellung, höre ich oft: „Euch ist ja nichts gut genug. Egal wie man sich anstrengt, es reicht nicht.“

Deswegen teile ich mal einen Werbevideospot, der mich wirklich bewegt hat, weil ich finde, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten (Werbung, Fokus Waschmittel) alles richtig macht.

Zuerst: Der Gedanke ist #ShareTheLoad und nicht #HelpYourWife

Ihr erinnert euch an „You should have asked, wo es um den Mentalload geht? und an meinen Evergreen von Katjaberlin:

Es wird ausserdem auf die übliche Heldenmetapher verzichtet. D.h. oft ist es ja so, dass wenn Männer sich am Haushalt oder an der Erziehungsarbeit beteiligen, dass es nicht geht ohne irgendeine Daddy-Hero-Metapher und dass es dann schnell kompetitiv wird. Väter sind dann plötzlich die besseren Mütter und auch im Haushalt einfach männlich strukturiert und zielgerichtet.

Der Vater sagt: Ich werde bestimmt nicht mehr König der Küche, aber mit der Wäsche kann ich jetzt ja mal anfangen.

Die Worte des Vaters wirken reflektiert, er hat festgestellt, dass er selbst ein schlechtes Vorbild war und er sagt, dass der am Sofa sitzende Ehemann wahrscheinlich einfach auch keine guten Vorbilder hatte.

Darauf könnte man sich ausruhen. Ist halt so. Mann und Frau – so ist die Aufteilung – seit Hunderten von Jahren.

Oder was ja auch gerne gesagt wird: Maternal Gatekeeping (vgl. „Ein Rant zum Begriff Maternal Gatekeeping„). Die Frauen bestehen ja darauf ihre Kompetenzgebiete zu beherrschen, sie WOLLEN nichts abgeben.

Nun, auch diesen Quatsch umschifft die Werbung. Die Ehefrau des älteren Herrn ist kurz irritiert. 40 Jahre hat sie die Wäsche gemacht. Entsprechend selbstverständlich will sie den Koffer auspacken und die Wäsche waschen.

Er sagt: All die Jahre lag ich falsch, aber jetzt ist es Zeit die Dinge besser zu machen und nimmt sich einfach die Wäsche.

Dieser Zeitpunkt sich einzuklinken, ist nämlich immer. Man kann immer was ändern.

So und dieser Spot ist für mich ein wunderbares Beispiel. Es ist ein Spot einer Waschmittelmarke für den indischen (!) Markt, nicht etwa für den Wir-brauchen-keinen-Feminismus-mehr-europäischen-Markt.

Es ist der Spot eines Millionenkonzerns, der jahrzehntelang die tüchtige Hausfrau vor weiße Wäscheberge platziert hat.

Das ist ein Anfang.

In meiner Partnerschaft würde mir das nicht reichen, aber im genannten Kontext ist es eine löbliche und begrüßenswerte Ausnahme, ein erster Schritt.

Wir verstehen uns ohne Worte

Beziehungsverträge
Beziehungsverträge aushandeln und schriftlich festhalten. Wäre das nicht sehr unromantisch?

Neulich schrieb Sue Reindke in ihrem Newsletter (den ich so sehr liebe, dass ich ihn oft nicht sofort lese, sondern mir aufspare für einen ruhigen Moment, in dem ich ihn langsam und mit Genuss lesen kann) über Beziehungsverträge, die im BDSM-Bereich wohl durchaus üblich sind.

Sie spielt mit dem Gedanken wie es wäre, wenn man einfach den Modus Operandi einer jeden Beziehung gemeinsam aushandeln würde?

Tatsächlich kenne ich kein Paar, das sowas macht.

Warum eigentlich nicht, habe ich mich heute früh beim Spaziergang zum Bäcker gefragt.

Zum einen steht dem natürlich das romantische Ideal der Liebe entgegen. Ganze Armaden von Kalendersprüchen verweigern sich Aushandeln und Liebe in einen Zusammenhang zu bringen.

Wer sich liebt, versteht sich ohne Worte. Man ist sich so nahe, dass der andere stets die Bedürfnisse des Partners kennt und weil man sich schließlich liebt, versucht man alles, um diese zu erfüllen.

Klar.

Funktioniert in Paarbeziehungen hervorragend. So zwei Wochen. Manchmal vielleicht auch einige Monate. Kommt auf die hormonelle Verblendung an. Menschen sind da ja unterschiedlich anfällig.

Hormonell verblendet (oder wie andere sagen: frisch verliebt) ist alles toll. Alles klappt, es ist unkompliziert, man schenkt sich Blumen, bringt dem Partner Kaffee ans Bett und dann naja… kommt der Alltag.

Bei genügsamen Menschen funktioniert es wortlos bestimmt auch noch länger – doch spätestens wenn ein Kind in die Beziehung kommt, sollte man doch zur Verhandlung übergehen.

Und nicht nur das. Man sollte in Verhandlung bleiben. Denn egal wie mühsam man Dinge ausgehandelt hat, das Leben ändert sich, die Rahmenbedingungen ändern sich und – auch das kommt vor – man hat sich (selbst) falsch eingeschätzt und wünscht sich vielleicht doch was anderes als gedacht.

Das Aushandeln ist unendlich anstrengend.

Meine ersten Beziehungen habe ich nicht gehandelt. Da haben wir uns auf Annahmen ausgeruht. Das Resultat war am Ende immer unendlicher Frust und dann irgendwann Trennung.

Beziehungsverträge aushandeln – darauf wäre ich früher nie gekommen.

Auch jetzt habe ich keinen Beziehungsvertrag, aber wir haben eine Wochenbesprechung. Die dient zum einen der konkreten Planung der Woche, aber wir nehmen auch Punkte auf die Agenda, die uns sonst im Beziehung- und Familienleben wichtig erscheinen. Wir nehmen auch immer wieder Entscheidungen der Vergangenheit mit auf unsere Gesprächsliste: „Wir hatten ausgemacht, dass du die kleinen Einkäufe direkt nach der Arbeit erledigst, wie fühlst du dich damit?“

So versuchen wir sicher zu stellen, dass sich bestimmte Vereinbarungen nicht zur Bürde entwickeln, weil man vielleicht im Alltag gar nicht genug Zeit hat zu reflektieren, ob man sich wirklich wohl mit dieser Entscheidung fühlt.

Tatsächlich nutzen wir auch diverse Tools, um uns zu koordinieren und Vereinbarungen und ToDos festzuhalten. Eine Wunderlist z.B. für die täglichen Einkäufe, eine für die Großeinkäufe, eine mit Gerichten, die wir kochen können, eine mit wiederkehrenden ToDos (z.B. Essenplan der Schule ausfüllen) und eine mit unregelmäßig auftretenden ToDos (z.B. Geschenk für Kindergeburstagseinladung besorgen).

Wir benutzen Trello für die konkreten Wochentage (wer übernimmt was, wer arbeitet wann wie lange) und haben einen geteilten Kalender (online) und einen Kalender an der Wand, wo auch die Kinder eintragen, wo sie so sind und wann sie nach Hause kommen.

Das klingt aufwändig – ist es tatsächlich auch, aber es hat wirklich mehrere Vorteile. Viele Aufgaben, die vorher jahrelang unsichtbar waren, sind jetzt sichtbar. Da jede/r Zugang zu den Inhalten hat, kann man sich auch einfach Aufgaben nehmen (Halbe Stunde bis zum nächsten Termin? Dann gehe ich noch schnell den Klebestift besorgen… die Pushnachricht beim Abhaken der Aufgabe benachrichtigt den Partner darüber, dass etwas erledigt wurde) und Aufgaben eintragen, die neu dazu kommen.

Perfekt ist das System dennoch nicht. Es gibt immer wieder Frust und wir vergessen auch Sachen. Es ist ein stetiger Lernprozess.

Und das ist übrigens was für mich Liebe ausmacht. Nicht das wortlose verstehen sondern die Bereitschaft zu teilen und zu kommunizieren.

(Naja und das Interesse am langfristigen Wohlergehen des Partners.)

Das alles fiel mir wieder ein, als letzte Woche mehrere Male der Emma-Comic „You should have asked“ durch meine Timeline ging. Da wird erklärt wie es dazu kommen kann, dass Frauen an ihren alltäglichen Familienaufgaben, die unsichtbar nebenher laufen, kaputt gehen können – obwohl sie doch angeblich so unterstützungsbereite Partner haben, die durchaus mithelfen würden, wenn man sie nur darum bitten würde.

Emma bringt den Begriff „mental load“ auf. Ich kannte den Begriff vorher nicht, aber ich würde sagen, dass mein „mental load“ der Vergangenheit mich kurz vor den Burnout gebracht hat.

Ich war irgendwann so weit, dass ich so erschöpft war, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe, mich einfach auf die Straße zu legen und mich dort auf dem Asphalt ein wenig auszuruhen.

Ich war so fertig, dass mein Körper wirklich einfach nur noch liegen wollte. Egal wo. Es war für mich unendlich schwer, dem nicht nachzugehen und stattdessen einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen und dann weiter ins Büro zu gehen.

Wenn man das nicht erlebt hat, kann man sich wirklich nur schwer vorstellen, dass es anstrengend sein kann und Kraft kostet, einfach nur zu gehen (von allen anderen Tätigkeiten mal abgesehen).

Zurück zum Comic – die Autorin erklärt dort sehr gut, wie es dazu kommt, dass dieser Typ Mann („Natürlich helfe ich, wenn meine Frau mich darum bittet!“) so verbreitet ist. Sozialisation und tradierte Rollenbildern, die in Werbung und Medien ständig reproduziert werden.

Das Comic bleibt beschreibend und erklärend.

Und vielleicht wurde es deswegen so gerne und zahlreich geteilt.

Ich würde unterstellen, dass viele Männer diese Beschreibung als eine Art Absolution empfinden. In der Art „Schaut her, wir können nichts dafür, wir wurden so erzogen, wir sind herzensgut und gewillt zu unterstützen. An uns liegt es nicht, die Gesellschaft ist schuld. Wir können die unsichtbaren Sachen einfach nicht sehen. So sorry!“

Leider macht mich das wütend.

Schaut euch das Comic nochmal an.

Die Anfangsszene, die beschrieben ist, zeigt für mich v.a. eines: Man(n) muss schon wirklich ignorant sein, um nicht zu sehen, dass Unterstützung notwendig wäre.

(Jetzt schreibe ich „Unterstützung“… was natürlich falsch ist, denn wenn man das Leben teilt, dann ist nicht die Frau die Managerin und der Mann der auf freiwilliger Basis Zuarbeitende!).

Jedenfalls – um es mal als frustrierte Emanze in deutliche Worte zu packen – Mann muss schon ignorant, faul und doof sein, in solchen und ähnlichen Situationen unbeteiligt rumzusitzen und darauf warten, gefragt zu werden, ob man denn bitte mal helfen kann.

Die Sozialisation kann man sich da gerne an den Hut stecken.

Da geht es für mich schlichtweg ums WOLLEN bzw. eben ums Nichtwollen.

Denn natürlich ist Teilen anstrengend. Wenn mein Partner in der Küche hantiert, kocht, Tisch deckt und nebenher aufräumt und ich in einem anderen Zimmer vorm Rechner sitze, dann ist das Gefühl in mir sehr stark sitzen bleiben zu wollen und nicht nach den Schultaschen zu schauen, die Brotdosen auszupacken, die Elternhefte zu kontrollieren oder die Wäsche, die gerade fertig geworden ist, aufzuhängen.

Die Verlockung sich keinen Schritt zu bewegen, ist sehr groß. Ich weiß nämlich, dass mein Partner das auch alles noch machen würde und sich zumindest heute nicht beschweren würde. Vielleicht auch morgen nicht und wie schön wäre es da, wenn ich auf meinem bequemen Schreibtischstuhl sitzen bliebe und ein wenig Twitter läse?

Und dann, wenn er nach einer Woche meines Nichtstun sagen würde: „Patricia, Du könntest vielleicht auch mal was im Haushalt machen?“ zu sagen: „Warum ist denn Dein Ton so gereizt? Du musst mir doch nur sagen was ich tun soll. Warum hast du denn nicht früher gefragt? Du weisst doch, dass ich immer helfe, wenn du mich darum bittest!“

Ich übernehme also nicht eigenaktiv meine Hälfte sondern lasse mich alle drei Tage auffordern. D.h. ich arbeite nur ein Drittel meiner Hälfte ab und muss somit nicht mal 17% aller Aufgaben erledigen.

PLUS: Ich bin noch total nett. Denn immerhin unterstütze ich IMMER wenn mein Partner mich fragt. Ich sage schließlich nie nein.

Also: Was ich sagen will – im Familienalltag all das nicht zu sehen, das ist keine unglückliche Sozialisation sondern Ignoranz. Fertig.

Und: Auf der anderen Seite davon auszugehen, dass sich alles von alleine gerecht aufteilt, ist leider auch sehr naiv.

Beziehungen sind Arbeit und vielleicht wäre es gar nicht so doof wirklich Beziehungsverträge auszuhandeln. Man lernt sich und den Partner dadurch besser kennen. Und wenn man den Beziehungsvertrag regelmäßig neu bespricht, dann bleibt man auch UpToDate was die Lebensumstände, die Tagesform und die aktuelle Belastbarkeit angeht.

Also weg mit den dämlichen Liebesidealen und hin zu einer Kultur des Austauschs – denn natürlich wäre es schön, wenn wir uns ohne Worte verstünden, nur leider sind wir keine Betazoiden.


Auch Melanie von glücklich scheitern hat sich Gedanken zu dem Comic gemacht und sagt auch „Familienmanagement“ ist Teamwork.

Muttertag 365 Tage im Jahr

Muttertag - ein Träumchen
So liege ich den ganzen Tag im Bett. Auch am Muttertag. NICHT./Quelle: Pixabay jill111

Muttertag. Mir geht das Abhassen auf den Muttertag auf die Nerven.

Warum ist es immer entweder oder? Warum kann ich den Muttertag und die Geschenke nicht behalten UND politische Forderungen haben?

Ich verstehe. Wut. Wut über die unhaltbaren Bedingungen. Wut v.a. weil Kinder ein Armutsrisiko darstellen. Berechtigte Wut aller Alleinerziehenden (aber nicht nur).

Wut ist ja eigentlich total mein Ding (auch wenn ich nicht so aussehe).

Aber in dem Fall sträubt sich alles in mir gegen die Idee, dass ich nicht gleichzeitig Feministin sein UND Selbstgebasteltes von meinen Kindern entgegen nehmen kann.

Oder – der Einwand kommt ja schnell – von meinem Partner, der das vielleicht stellvertretend für die Kinder macht, weil die noch zu klein sind.

Weder die Kinder – noch die Partner sind der Feind. Und ich finde es feindselig gegen die Geschenke, die man zum Muttertag bekommt, zu wettern (oder differenzierter gesagt – sie abzulehnen).

Man stelle sich das mal in real vor, nicht nur metaphorisch: Da springen meine Kinder morgens mit einem Büschel selbstgepflückte Blumen in mein Bett (natürlich um 6 Uhr und nicht wenn ich finde, dass ich ausgeschlafen habe) und dann nehme ich die Blumen und werfe sie gleich aus dem Fenster.

Macht natürlich niemand.

Ich habe schon auf Twitter gesagt, dass diese Dramaturgie „Ich will nicht <Geschenk> sondern <wichtige politische Forderung>“ mir ein ungutes Gefühl macht und habe einiges an Gegenwind erfahren und einige Menschen, die ich sehr gerne in meiner Timeline habe, sind mir gleich entfolgt.

Wahrscheinlich folge ich dem falschen Feminismus (welche Richtung ist das dann eigentlich? Bekiffter Flausch-Feminismus?).

Ihr hört mich seufzen.

Ich weiß es wirklich nicht. Es gibt ja diese bizarre Richtung Glamour-Konsum-Feminismus – zu sehen auf den Kleiderständern diverser Modeketten – zu erkennen am flotten, glitzernden Fun-Feminismus-Spruch auf dem Shirt (nur 6,99 Euro!).

Bin ich da angekommen? Bin ich kurz vor Ivanka Trumps Bullshit-Feminimus?

Wie gesagt: Ich unterstütze vollumfänglich die Forderungen (ich bin nicht mal bereit bescheiden Wünsche zu sagen, weil es ist an der Zeit, dass diese Dinge Realität werden. Da hilft vielleicht ein leises „Ich hätte gerne…“ nicht mehr, da muss man vielleicht auch mal „Ich will…“ sagen).

Lest bitte weiter bei der geschätzten Mama arbeitet, bei Mutterseelesonnig und auch bei Journelle, die zu Recht gegen die furchtbaren Muttermythen abhasst oder schaut euch das Hashtag #Muttertagswunsch auf Twitter einfach selbst an.

Ich sehe mich wirklich ganz und gar nicht im Gegensatz oder Widerstreit dieser Personen und/oder der Aktion Muttertagswunsch.

Mich erschreckt nur die Wut (in dem Fall, vielleicht, wie gesagt, weil ich so hormon-schnulli-weichgespült bin). Ich möchte in der selben Demo mitlaufen und ich möchte noch mehr Frauen und Männer mitnehmen und die Kinder gleich auch.

Natürlich sollen die lernen, dass es nicht nur einen Tag im Jahr gibt, an dem man die Eltern alibimäßig wertschätzt.

Und zuletzt wünsche ich mir, dass auch Väter Muttertagswünsche haben. Das irrwitzige ist nämlich, dass diese Wünsche alle so klingen als seien sie Aufgaben/Probleme/Verantwortung der Mütter. Sind sie auf eine Weise natürlich. Sollen sie aber nicht sein. Also bitte – es gibt ja keinen Elterntag – dann lasst mal ein paar Vatertagswünsche hören.

Humor schadet doch nie!

Mit meiner zunehmenden Feminisierung ist mir in manchen Themen der Humor abhanden gekommen. Das gilt v.a. in den Bereichen, in denen bitte herzlich über Klischees gelacht werden soll.

Das Erstaunliche ist, ich habe früher selbst über diese Art Witzchen gelacht und sie auch selbst gemacht.

In der Zwischenzeit denke ich aber, man kann sich das sparen, weil diese Art Weltsicht wesentlich dazu beiträgt Klischees am Leben zu halten und damit Gleichberechtigung zu verhindern.

Für mich gehört alles dazu, was Richtung „Idiot Dad“ und „Der arme, überforderte Mann im Haushalt“ geht.

Ach wie lustig, schau mal wie mein Mann die Kinder angezogen hat. Haha.

Oh schau mal, mein Mann kann keine Wäsche aufhängen. LOL!

Heute gibts Reis mit Ketchup. Das hat mein Mann aus dem Männer-Kochbuch. HAHAHAHAHA!

Es geht also indirekt (mal wieder) um das leidige Thema Verteilung der Aufgaben im Haushalt und mit den Kindern.

Es geht einfach nach wie vor nicht in meinen Kopf – selbst wenn die Frau nicht arbeitet – warum alle Arbeiten rund um Haushalt und Kinder nach, sagen wir 19/20 Uhr, die Uhrzeit zu der man(n) vielleicht durchschnittlich von der Arbeit nach Hause kommt, nicht 50/50 geteilt werden sollten.

In verschiedensten Kontexten lese ich immer wieder von Überforderung und Burnout bei Frauen, v.a. in den ersten Jahren mit kleinen Kindern. Je näher am klassischen Versorgermodell (Mann arbeitet, Frau Zuhause), desto wahrscheinlicher diese Erschöpfungszustände.

Und dann lese ich auch oft, Frauen ließen sich ja nicht helfen. Oder sie äußerten ihre Bedürfnisse nicht klar genug.  Maternal Gatekeeping auf der einen Seite und der unglückliche Umstand, dass Frauen nicht klar kommunizieren könnten (im Gegensatz zu Männern) und ihre Männer nicht angemessen einbinden würden.

Zack ist mein Blutdruck schon wieder auf 180. Ich kann einfach nicht verstehen, warum Männer EINGEBUNDEN werden müssen.

Es ist scheint gottgegeben und selbstverständlich, dass Frauen für Haushalt und Kinder verantwortlich sind und zwar unabhängig von ihrer Lebenssituation. Egal ob sie zuhause sind oder 40 Stunden arbeiten. Sie sind zuständig für beides (und machen auch anteilsmäßig mehr).

Männer hingegen nicht. Die müssen darauf hingewiesen werden, da soll kommuniziert werden, klar gemacht werden. „Du Schatz, was wäre aber schön, wenn du abends auch mal die Windeln wechselst.“ „Du Schatz, wenn das Baby nachts schreit, das wäre superlieb von dir, wenn du auch mal aufstehst.“

Es. erschließt. sich. mir. nicht.

Klar besteht Partnerschaft aus Kommunikation und Absprachen. Aber jetzt mal ehrlich? Als Frau soll ich meinen Partner zu diesen Dingen auffordern? Und wenn ich es nicht tue, dann bin ich am Ende an meiner Überforderung selbst schuld?

Sehr gerne kommt in diesem Kontext dann das Argument: Ja, also ich kenne Frauen, die lassen sich nicht helfen! Mann wedelt mit der Maternal Gatekeeping Keule.

Gut, Maternal Gatekeeping mag es geben, aber gesehen auf die Grundgesamtheit aller Frauen handelt es sich um ein Ausnahmephänomen. Es ist nicht die Regel. Die Regel ist nicht, dass Frauen geil auf Haushalt und Kinder sind und verhindern, dass engagierte Männer sich einbringen.

Und selbst wenn: Himmelherrgott. Ich muss mir ständig anhören: Die Frauen müssen besser kommunizieren und sagen was sie brauchen!

Gilt das für die angeblich verhinderten aber stark gewillten Männer nicht? Können die nicht klar sagen: „Hasi, unser Baby hat sich eingekackt, die Windel wechsle ICH jetzt.“ und „Oh, 19 Uhr! Fütterungszeit! Jetzt rühre ich den Brei an und füttere!“ oder „20 Uhr! Bettgehenszeit, das würde ich heute gerne übernehmen!“

(Und wieder versuche ich mir die Tausendschaften von Frauen vorzustellen, die sich wehren, sich krümmen, den Männern die Babys entreißen und rufen: NEIN! ALLE WINDELN SIND MEIN!!1!)

Egal.

Zurück zum Thema Humor. Wenn es schon so ist, dass Männer – aus welchen Gründen auch immer – weniger Erfahrung mit Kindern und Haushaltsaufgaben haben – wie witzig ist es dann, sie bloß zu stellen, wenn sie es versuchen?

(Ja, es gibt auch die Fälle, in denen sich Männer über ihre Unfähigkeit selbst lustig machen… ich sehe da keinen Unterschied in der Wirkung).

„HAHA, schau mal, mein Mann kann keine Wäsche waschen.“

Ist das nicht eine wunderbare Ausrede? Der Mann KANN eben nicht. Es ist ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Er hat kein Putz-Gen. Kein Aufräum-Gen. Kein Nachtsaufsteh-Gen. Kein Fütterungs-Gen.

Da kann man nix machen. Frustrierend ist das – aber man kann nichts machen. Also ausser sich darüber lustig machen. Man muss es eben mit Humor nehmen.

Der ungeschickte Mann im Haushalt. Der überforderte Papa. Uiuiui. Zwei linke Hände. Da kann man nix machen. Kann man nicht. Ist eben so.

Super Ausrede für den Mann. Der erfüllt sein Soll ja im Bezahljob. Da hat er seinen Feierabend ja auch mal verdient, nä?

Und weil Männer ja so ungeschickt sind im Haushalt (das dauert ja auch alles, meine Güte!), mache ich es als Frau geschwind selbst.

Das stellt sicher, dass er es auch niemals können wird.

Ich merke gerade, da fehlt mir nicht nur der Humor. Nein, da bin ich sogar verbittert. Ich denke da nämlich: Ja, macht euch nur lustig über eure Männer, jetzt da ihr ein Kind habt und noch nicht wieder arbeiten geht, da kann man das auch alles noch wuppen. Aber wartet mal bis das zweite Kind da ist und ihr wieder in den Job einsteigt. Mal sehen wie lustig es dann ist, dass der Mann leider nicht die Wäsche waschen oder aufhängen kann, dass er die Kinder nicht anziehen, waschen, ins Bett bringen kann, wie schreiend komisch es ist, in der Nacht drei Mal aufzuwachen und wir ihr euch dann fühlt, am Ende der Kräfte und ihr bekommt noch zu hören: „Ja, du hättest halt klarer deine Bedürfnisse kommunizieren müssen.“

Und dann sehe ich, wie falsch und eklig diese Gedanken sind, denn sie richtigen sich gegen die Frauen, die am Ende überfordert und in Not sind. Lest besser den Kommentar von Rona, den sie unter einen Artikel zum Thema Einbindung von Vätern geschrieben hat:

Es sollte sich unter Vätern durchsetzen, sich gegenseitig in den Hintern zu treten, um sich an der Familienarbeit von sich aus zu beteiligen. Und es sollte extrem uncool und unmännlich werden, das nicht zu tun. Sonst wird das nämlich alles nix.[…]. Die Erschöpfung ist – wie Du es ja auch beschreibst – häufig so groß, dass die Kraft, um Hilfe zu bitten und die Kraft für evtl. Auseinandersetzungen um eine gerechtere Verteilung der Familienarbeit schlicht und ergreifend fehlt. Bevor frau sich z.B. um 2 Uhr nachts bemüht, erstmal den selig schlafenden Vater zu wecken, macht frau den Job mit dem schreienden Kind oft dann doch direkt allein, weil diese Situation keinen Aufschub duldet und weitere (wertvolle) Kraft kosten würde.Ich finde, man darf und sollte 2017 von einem erwachsenen Mann, der auch Vater ist, erwarten dürfen, dass er sich von sich aus und eigenverantwortlich beteiligt und einbringt. Das Argument, „ich habe es ja gar nicht bemerkt, wie erschöpft Du bist“, zieht für mich nicht, denn die hohen Anforderungen und die Erschöpfung sind meist sehr deutlich sichtbar und spürbar. Wer das nicht sieht, will es vielleicht auch einfach nicht sehen, weil er sich dann ganz anders in diese wirklich anstrengende Arbeit einbringen müsste.

Und genauso darf und sollte man erwarten, dass sich niemand darüber lustig macht, wenn es wirklich versucht wird. Das wäre wirklich, wirklich eine Hilfe.

Who you gonna call? ALSO AUF KEINEN FALL EINE FRAU!!1!

Ich hab es endlich geschafft. Ich habe das Ghostbusters Reboot gesehen. Sie erinnern sich? Der Ghostbusters Film mit den vier Frauen und dem etwas dümmlichen Eye-Candy Chris Hemsworth.

Mit der Veröffentlichung des Trailers im März 2016 ging das Gezeter los. Unter dem Trailer die absonderlichsten Kommentare. Vier Frauen? WTF? Das geht ja mal GAR nicht.

„Women are NOT funny. Deal with it.“

„Feminism is cancer.“

„Here..ladies and gentlemen is your fucking boring politically correct world…“

Insgesamt über eine Millionen Dislikes. Kein Trailer hat bislang jemals mehr Dislikes bekommen und das obwohl Sony rund 400.000 (!) negative Kritiken entfernen lassen konnte. In den Kommentaren verspricht Man(n) aktuell sogar „Do not worry guys, with Donald Trump this won’t happen again.“

Die Empörung war groß und warum? Einfach weil vier Frauen die neuen Ghostbusters sind. Ein wesentlich anderer Grund lässt sich nicht festmachen.

Der Film ist voller liebevoller Referenzen an seine beiden Vorgänger und auch Bill Murray, Dan Aykroyd, Ernie Hudson und Sigourney Weaver haben Gastauftritte.

Ich habe die beiden Vorgänger Mitte der 1980er auf VHS gesehen und fand sie superlustig und Sigourney Weaver wahnsinnig toll.

Über diese Erinnerungen hab ich mich gefreut, wie ich mich über den grünen Schleim gefreut habe. Ich bin nämlich ein furchtbar schreckhafter Mensch. (Ich hab schon mal davon berichtet, dass mir jemand die Handlung von „The Ring“ nacherzählt hat und ich deswegen zwei Wochen kaum schlafen konnte?) Wenn die Musik im Film spannend wird, hab ich schon Angst. Ein Geisterfilm in dem Geister neongrünen Schleim auf Menschen erbrechen, das ist genau das Richtige für mich.

Zu meinem großen Erstaunen hab ich mich auch über die Witzchen schlapp gelacht. Kevin, der Rezeptionist z.B. hat einen Hund, der Mike Cat heisst (Michael Cat eigentlich. Das ist wie die Katze von Helge Schneider, die Orang-Utan-Klaus heisst, oder? Ich lache schon wieder!).

Der Film hat mich wirklich schwer amüsiert. Leicht bekömmlich, schöne Wortgefechte und wunderbarer Unfug mit dem „wissenschaftlichen“ Geisterkram (man muss nur den Protonenstrom strambultieren, um dann über quantenmechanische Quarulenzen die Energie zu akkumulieren!).

Genau wie seine Vorgänger und mein Intellekt hat sich offenbar in den letzten dreißig Jahren auch nicht wesentlich weiterentwickelt. Ich kann immer noch hervorragend über Pupswitze lachen.

Ob Ghostbusters jetzt wirklich ein feministischer Film ist, weil vier Frauen die Hauptpersonen spielen sei mal dahin gestellt. Immerhin besteht er den Bechdel-Test…

1. It has to have at least two [named] women in it – Ja
2. Who talk to each other – Ja
3. About something besides a man – Ja

Über die eigentliche Qualität eines Films sagt der Test zumindest erstmal nichts aus.

Es ist aber sehr bedrückend mitzuverfolgen wie hart die Darstellerinnen zum Teil attackiert wurden. Diese beiden Tweets nur als Beispiel:

Ich fand den Film auch deswegen interessant, weil ich am 33C3 das erste Mal den Podcast Teenagersexbeichte vollständig gesehen (ja gesehen nicht gehört, er war im Sendezentrum auf der Bühne) habe.

Aus meiner Filterbubble habe ich schon viele lobende Worte vernommen. Alles irre witzig (v.a. weil ja Parodie und so). Während also mein Umfeld intellektualisiert hat, was die Teenagersexbeichte nun wirklich so irre lustig macht* – hab ich mich gefragt: ist das vielleicht alles nur albern und eine Art Comic Relief für die redlich bemühten Männer in Sachen Feminismus und politischer Korrektheit?

Es ist ja im Alltag schon anstrengend, dieses politisch korrekt sein, das gendern, das Frauen ausreden und zu Wort kommen lassen…
Ist es dann nicht eine große Erleichterung endlich mal all die sexistischen Witzchen zu machen, die einem einfallen? Endlich mal irgendwas mit ficken und Pipikackawitze und einfach nur lachen – ganz ohne schlechtes Gewissen?

(Ich muss dazu sagen, den einen Typen von der Teenagersexbeichte hab ich ja sehr, sehr gern und den anderen (neu kennengelernt), finde ich sehr sympathisch.)

Ich will gar nicht festlegen, ob der Podcast auf der Metametaebene kluges Ad Absurdum Führen sämtlicher Klischees ist oder nicht.

Meinem stichprobenartigen Eindruck nach ist es einfach Klamauk mit sich wiederholenden Referenzwitzen. Ich konnte sogar 2x lachen.

Allerdings habe ich mich gefragt: Wenn zwei Frauen genau das selbe machen würden, würde da auch gelacht werden?

Ghostbusters 3 gibt mir die Antwort. Denn für einen Großteil der Menschen sind Frauen eben per se nicht witzig. Fertig.

Sicherlich gäbe es keinen Shitstorm wenn die Teenagersexbeichte mal von zwei Frauen gemacht würde, aber ich wette für die Fanschaft wäre das schwer zu verschmerzen.

 

Die selben Witze von einem Mann gemacht und alle liegen schenkelklopfend auf dem Boden.

So ist das auch 2016.

Frauen sind nicht witzig und wenn man einen Remake einer Filmreihe macht, die für eine halbe Generation identitätsstiftend war, dann bloss nicht mit Frauen. Da hört der Spass einfach auf.

(Die armen Männer mussten ja auch schon die Feminisierung von Mad Max verkraften!)

Mir hingegen haben Leslie Jones, Kristen Wiig, Melissa McCarthy und Kate McKinnon als Geisterjägerinnen gut gefallen. Vielleicht ist die Welt eines Tages sogar so weit den Charakteren unabhängig von der Hautfarbe einen akademischen Grad zu verleihen.

2099 oder so.


* u.a. Ralf Stockmann im Sendegate

Natürlich sind Malik und Johnny Kunstfiguren, das ganze ein Hoax. Auf der SUBSCRIBE8 habe ich dazu von der Seite jemanden sagen hören: „mann muss schon ein sehr guter Musiker sein, um so falsch spielen zu können“. Das trifft es sehr gut – was die beiden wirklich auszeichnet, ist dass sie über 40 Minuten ernst bleiben können, in einer gelangweilten „so wir müssen das hier durchziehen“ Attitüde. Das ist schon ziemlich großes Tennis, in Anbetracht der oft ins Dadaistische reichenden Absurdität, an der auch Helge Schneider seine Freude hätte. […] Das ist schon zum Schreien komisch:

Die hinreichend gute Mutter

Natürlich wäre ich gerne eine gute Mutter. Eine perfekte Mutter. Warmherzig, verständnisvoll, kritisch, aber nicht überkritisch, verlässlich, aber nicht zu gluckig. Ich büke gerne am Wochenende, ich kochte jeden Abend gesundes, wohlschmeckendes Essen, könnte vielleicht sogar nähen, so dass ich unabhängig von der Rosahellblauindustrie den Kindern Kleidung schenken könnte. Ich wäre immer geduldig, nie laut, nie genervt, ein gutes Vorbild.
Nie würde ich vergessen ins Elternheft zu schauen, in den Ferien würde ich immer an die Brotdosen denken. Ich sähe auch nie zerknautscht aus, faltenfrei auch an der Hose, so dass ich jederzeit vorzeigbar wäre.
Peinliche Dinge sagte und täte ich nie, noch nie hätte ich gehört „Du bist die gemeinste Mama der Welt!“ noch nie „Ich mag dich nicht, du bist *******!!!“.

Doch – ach – ich bin all das nicht. Zumindest nicht immer.
Oft bin ich erschöpft, ungeduldig, manchmal vielleicht auch einfach faul. Ich schaffe es nicht meine Bedürfnisse immer hinten an zu stellen. Am Ende, ach, ach, bin ich ein Mensch.

Wie gerne habe ich deswegen das Interview mit Élisabeth Badinter in der Zeit Online gelesen.

Élisabeth Badinter sagt unter anderem:

Alle Mütter sind nur mittelmäßige Mütter. Weil sie Frauen, also Menschen sind.

Meine Therapeutin sagt mir das auch immer wieder: Mehr als eine hinreichend gute Mutter können sie nicht sein.

Am Anfang war ich empört. Das ist ja schön faul. Die perfekte Ausrede. Ich bin eben so. Was kann ich dafür?

So ist mein Anspruch an mich selbst nicht. In keinem Bereich. Nicht im Muttersein, nicht im Partnerin sein, nicht als Freundin, nicht im Arbeitskontext.

Mit der Zeit habe ich aber verstanden, dass diese Erkenntnis nicht ausschließt, dass man es nicht trotzdem versucht. Dass man nicht trotzdem jeden Tag versucht es besser zu machen.

An manchen Tagen gehe ich abends eben ins Bett und bin gescheitert. War ungeduldig, habe Dinge vergessen, war zu erschöpft, um aufmerksam zu sein, hab mich falsch verhalten.

Aber dann kommt eben ein neuer Tag und ich kann es wieder versuchen – nur eben nicht auf dem völlig überzogenen, nie zu erreichenden Ideal-Niveau – sondern mit der Erlaubnis zu scheitern und somit auch weichherzig für das Scheitern der anderen zu werden.

Den Perfektionismus in eine Ausstellungsvitrine zu stecken und ihn abzulegen, hat mich weich gemacht. Das tut unglaublich gut.

Der Perfektionismus davor hat mich nämlich streng und hart gemacht. Mit mir und auch mit den anderen, die es sich einfach gestatten zu scheitern, die mit 80% zufrieden sind. Die nicht abends todmüde noch durch die Wohnung kriechen und sie aufräumen. Die morgens nicht noch früher aufstehen, um alles geregelt zu bekommen.

Was fällt denen ein? Sie setzen sich mit einem Glas Wein in das unaufgeräumte Wohnzimmer und essen nach 18 Uhr Kohlenhydrate??!

Für manche ist es vielleicht nicht nachvollziehbar, aber für mich war es lange Zeit eine Qual nicht all dem nachzugehen, was ich dachte, was ich zu erfüllen hätte, von dem ich dachte, ich müsse es tun, weil „man“ es eben so macht.

Es ist ein ewiges Kämpfen gegen Windmühlen, mit zusammengebissenen Zähnen, den eigenen Schmerz, die eigene Erschöpfung, die eigenen Gefühle ignorieren.

Jetzt laufe ich dauerhaft auf 60 – manchmal auf 80%. Nie aber auf 100 und v.a. es tut mir nur noch selten weh, dass ich an den 100% so kläglich scheitere.

Am Ende kann ich jetzt nur hoffen, dass ich zwanzig Jahren nicht doch denke, ach hätte ich mich nur besser zusammengerissen, ach wäre ich disziplinierter gewesen.

Viel lieber wäre mir natürlich, dass ich mit meinen Kindern in meiner mittelgut aufgeräumten Wohnung säße, wir uns lachend unterhielten, während wir mittelgute Pizza, selbstbelegt, aber aus ausrollbarem Hefeteig äßen und uns alle einig wären, dass das schon OK so war.

Doch zurück zum Muttersein. Ich beobachte in meinem Umfeld interessiert die Mutter-Kind-Beziehungen der erwachsenen Freunde. Tatsächlich gibt es unter all meinen Freundinnen und Freunden genau drei Mütter, die für mich vorbildhaft sind was das Verhältnis zu ihren Kindern angeht. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind bedingungslos da für ihre Kinder wenn sie gebraucht werden und ansonsten – lassen sie ihren Kindern einfach alle Freiheiten.

Auch hierzu findet sich im Interview ein Satz zum Thema „Was macht eine gute Mutter aus?“

Die richtige Distanz. Eine gute Mutter ist eine, die es schafft, die richtige Distanz zu ihrem Kind zu halten. Und von denen gibt es sehr wenige. Ich würde sagen, sie sind so selten wie die Mozarts in der Musik.

Sie wird gefragt, ob sie denn selbst eine gute Mutter ist und sagt:

Nein, ich bin eine schlechte Mutter. Das sage ich immer, damit bin ich fein raus. Tatsächlich kann man das nie wissen. Häufig fällt man Entscheidungen, von denen man Jahre später denkt, das war totaler Blödsinn. Man weiß erst im Alter, ob man nicht alles falsch gemacht hat, nämlich dann, wenn die Kinder immer noch freiwillig zu Besuch kommen.

Jedenfalls, lest das Interview selbst. Es steht viel Gutes darin. Sie redet auch über die sich verändernden Väter, über die Väter, die bessere Väter (im Sinne von engerer Bindung zu den Kindern) werden, weil sie von ihren Partnerinnen getrennt sind, sie redet über Gleichberechtigung, über kulturell geprägte Rollenbilder und über die Rückrollbewegung zur „natürlichen Mutterschaft“.

Kann ich nicht alles unterschreiben, aber 80% und das ist für mich gut genug.

Schulzeit

Selbstklebende Folie - ein großer Spaß
Selbstklebende Folie – ein großer Elternspaß zum Beginn des Schuljahres

Da ist sie wieder: die Schulbüchereinbindezeit
Die letzten Jahre bin ich schier daran verzweifelt. Selbstklebende Folie klebt bei mir überall nur nicht an dem Buch. Es sei denn man hat schief angefangen. Dann klebt sie für immer. Unentfernbar.
Ausflippen könnte ich da. Und ich schwöre, auch wenn das im Blog vielleicht manchmal nicht so wirkt: Ich bin ein total ruhiger Mensch. Eher etwas verlangsamt. Leicht faultierhaft. Meine Gedanken ruhen sich oft aus und wenn dann der Groschen fällt, ist es meist zu spät.
Mein Symbol ist der erhobene Zeigefinger in der Luft, der anzeigt, dass mir gerade was eingefallen ist. Ca. eine halbe Stunde zu spät.
So bin ich. Sehr ruhig und langsam.

Aber selbstklebende Folie zum Einbinden von Schulbüchern ist mein Feind, mein Endgegner, in Sekunden pochen meine Schläfen, das Blut rauscht, der Mund wird trocken, die Hände zittern, ich werde zum Einbindehulk.

Ja und wenn ich dann für ein Kind die Bücher eingebunden habe [1] (so schlecht, dass die Lehrerin dem Kind was ins Elternheft schreibt: „Bitte das nächste Mal einen Elternteil die Bücher einbinden lassen“ …), dann kommt die zweite Disziplin: Das Beschriften.

Auf diverse Bücher, Hefte und Plastikhefter muss ich den Namen des Kindes schreiben.
Wer schon mal die dünnen Papierstreifen aus Plastikheftern raus- und v.a. wieder reingepult hat, der weiß wovon ich spreche. (I hear you sister! )

Immer und immer wieder. Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, Vorname Nachname, .

Die Hände werden schwach, die Schrift schwabbelig (wieder ein Eintrag im Elternheft, neinneinnein!).

Und ab 2016 sind alle drei Kinder Schulkinder. Yeah!
Zwei Wochen Urlaub kann ich im Sommer nehmen. Eine zum Urlaub machen, eine um Schulmaterialien vorzubereiten.

Hass. Hass. Hass.

Wo ist das Zeitalter der Digitalisierung geblieben? Warum muss ich Bücher im Umfang einer Dorf-Bibliothek einbinden und beschriften und das Kind muss sie täglich schleppen?

WARUM?

Ein schönes, kleines Ebook täte es doch auch?

Nein, natürlich nicht. In 100 Jahren nicht. Die Kulturpessimisten halten fest am jährlichen Elterfolterritual. (Und ganz ehrlich: Wir müssen jedes Jahr für rund 130 Euro Schulbücher kaufen… das mit dem technischen Endgerät kann keine Frage des Preises sein)

Gut und kultiviert ist eben nur das Papier. Danke Herr Spitzer.

So klebe und beschrifte ich, wie die Goldmarie Betten ausschüttelt. Nur dass ich hinterher durch kein Tor schreite und mit Gold übergossen werde, sondern Einträge ins Elternheft bekomme, die mir sagen, ich soll es besser machen.

Und dann heute, heute ist was wunderbares passiert.
Nach all den Jahren der Tortour habe ich mich überwunden und fertige Buchumschläge gekauft. Weil die auf Twitter mir das gesagt haben: Geh mit den Büchern in einen Laden und suche dir die passenden Umschläge dazu.

Gut, meinen Geiz zu überwinden war nicht leicht. Kostentechnisch ein Gau. Gut zehn Mal so teuer wie die verhasste Klebefolie. Aber was solls. Die Kinder sind im Urlaub – ich muss gerade kein Essen kaufen. Dann esse ich eben mal Kühlschrankreste. Einen kleinen Klumpen Butter. Einen Haps Lavendel vom Balkon. Etwas geraspelte Folie mit Käserinde und schon ist das Konto wieder ausgeglichen.

Und was soll ich sagen? Zwanzig Minuten hab ich gebraucht. ZWANZIG – MINUTEN – statt DREI STUNDEN!

So springe ich also durch die Wohnung. Zahlen schreiend. Wie Rumpelstilzchen. Da blickt der Freund etwas träge in meine Richtung und sagt vier magische Worte:

Ich

habe

eine

Etikettiermaschine.

Wie leicht sich das sagen lässt. Etikettiermaschine.
Er kramt und holt ein Gerät hervor, das aussieht wie einer der übergroßen Taschenrechner mit denen meine Mutter in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Buchhaltung gemacht hat. Ratratrat. Brrrrr. Brrrr. Ratrat.

Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie ein Schleier vom Hirn. Die Kinder, sie haben verdammt nochmal alle den selben Namen. Also Nachnamen – und – jetzt kommt es: Ihre Vornamen beginnen alle mit dem selben Buchstaben.

Wie eine Ärztin (einfingrig und mit Nachdruck, so als ob man die Tasten einer Schreibmaschine anschlägt) gebe ich den Namen ein: „T. Cammarata“. Ich beginne mit den Materialien des ältesten Kindes. „T PUNKT CAMMARATA, Klasse drölzig A“ und da höre ich eine Stimme, an der Zimmerdecke tut sich ein Riss auf, ein Licht kommt auf mich zu – ich – bin – erleuchtet.

Ab jetzt bis in alle Zukunft spare ich Arbeit. Wenn das eine Kind aus der höheren Klasse eine Klasse weiterrückt, muss ich nur noch die bereits eingebundenen und beschrifteten Materialien von dem einen in den anderen Schulranzen legen.

Fertig.

FERTIG!

VERSTEHEN SIE?

Wieviel Zeit man spart?

Ratratrat. „T. Cammarata“.

Wenn Sie also gerade schwanger sind – die Bedeutung eines Namens, der Klang, die Schreibweise, das Verhunzungspotential, die Schreibarkeit am Spielplatz – es. ist. alles. egal.

Hauptsache gleicher Anfangsbuchstabe.

Das ist mein Rat.
Ich bin leidgeprüfte und erfahrene Mutter.

Hören Sie auf mich.


 

[1] Drei Stunden brauche ich im Schnitt

Der Rückblick 2015

Ohrenzeugin anderer Leute Ideale

Gestapeltes Geschirr scheint eine Bedrohung für manche Menschen zu sein
Quelle: Pixabay @Hans

– Und? Habt ihr schon einen Nachmieter?
Ein Mann im Anzug und eine Frau mit stark blondierten Haaren laufen vor mir.
– Ja, ne. Ik will da schon jemanden empfehlen, den ik ruhijen Jewissens empfehlen kann. So ordentlische Leute. Die meisten, ne, die sind ja heutzutage naja.
– Ach?
– Ja, die jungen Leute im Haus!
– Junge Leute?
– Ja, ne. Zum Beispiel jestern. Da komm ik nach Haus und da steht die Wohnungstür vonne Nachbarn offen. Ik guck da rin, aber war niemand da. Die andere Nachbarin hat dann jesacht, die sin mit ihrem Kind inne Notaufnahme. Da haben die vermutlisch verjessen die Tür zuzuziehen. Da jeh ich also rein, kann ja nich die Tür zuziehen, am Ende haben die jar keenen Schlüssel bei sisch, ja und da such isch in der Wohnung den Schlüssel… und meine Jüte, wie es da ausjesehen hat! Diese Unordnung. Mit dem kleenen Kind! Allet liescht da rum. Sowas haste noch nich jesehen!
Dat die Menschen ditte nich auf Kette kriegen. Ich meine, die sind zweie! Aber dit is ja überalle so. Meine andere Nachbarin sacht och immer: „Mensch Bärbel, tut mir so leid, aber es is total unaufjeräumt.“ Und ik denk mir dann immer, wat is bloß los mit de junge Leut. Nix kriejen die jebacken. Ik hatte doch och zwei kleene Kinder und ik war alleene und dann hab ik och noch 40 Stunden jearbeitet… hab ik doch och allet jeschafft. Und beschwert hab ik mir och nich. Dat muss doch jehen. Ik versteh‘ et einfach nich.

Ihr Monolog über die unfähigen, jungen, verweichlichten, jungen Leute ging dann noch eine Weile. Ich war wirklich kurz davor mich einzumischen, aber dann wäre ich wohl ungefähr so übergriffig wie sie gewesen.

Ich verstehe solche Menschen nicht. Also die, die sich drum scheren, was in der Privatsphäre anderer passiert, wenn es sie doch gar nicht betrifft. Ich meine, was geht sie es bitte an wie viel Zeug am Boden bei den Nachbarn liegt und ob die da Wäscheberge haben oder ungewaschenes Geschirr rumsteht?

Noch weniger verstehe ich Menschen nicht, die sich selbst als Maßstab nehmen und dann darüber schimpfen, wenn andere Menschen nicht ihre Kapazitäten haben oder nicht hart zu sich sind.

Sie hatte zwei kleine Kinder, die Wohnung war immer picobello aufgeräumt und sie hat Vollzeit gearbeitet! Herzlichen Glückwunsch! Was hat das aber mit dem Lebensmodell und der Belastbarkeit anderer tu tun?

Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die an ihre Grenzen kommen, gerade von solchen Menschen (Jetzt reiß dich doch mal zusammen! Früher ging das auch! Geschadet hat uns das nicht!) noch mehr unter Druck gesetzt werden. Von den Ansprüchen, von der Härte.

Für wen soll eine Wohnung bitte aufgeräumt sein? Für die Nachbarin hinter der anderen Wand? Für „die Gesellschaft“, die aufgeräumte Wohnungen mag?

Eine unaufgeräumte Wohnung, nichtgefaltete Wäsche, ein benutztes Glas am Esstisch … all das scheint für manche bedrohlich. Eine Bedrohung ihres Lebenskonzeptes. Bestimmt ist es für solche Menschen tatsächlich auch nicht einfach neben Kindern, Job und sonstigen Verpflichtungen alles auf 100% laufen zu lassen. Wahrscheinlich schneiden sie sich das aus dem eigenen Sein sozusagen. Sie betreiben vermutlich Raubbau an sich und ihren eigenen Bedürfnissen, an ihrem Glück zuletzt?
Und wenn man dann sieht, dass andere sich gestatten diese Selbstausbeutung nicht zu betreiben, dann ist das offenbar eine Bedrohung, gegen die man sich wehren muss, die man bewerten muss, die man schlecht machen muss.
Vermutlich möchte man nicht sehen, dass es auch einfacher gegangen wäre. Womöglich hätte man sogar ein glücklicheres Leben gehabt ohne den Perfektionimus?

Also liebe junge, verlotterte Familien mit den unaufgeräumten Wohnungen: ich hoffe, euch geht es gut und ihr sitzt abends in dem Chaos, lasst Sauberkeitsnormen Normen sein und erfreut euch des Lebens.