Archiv der Kategorie: Wunderbare Technikwelt

rp14, Tag 1, Muddi hat da noch was zu sagen

Da ich selbst (dauerhaft sehr ernst dreinblickend) als Quotenfrau an einer Diskussion zu Papa-Blogs teilgenommen habe, habe ich am ersten Tag der re:publica nicht so wahnsinnig viele Sessions besucht.
Wer möchte, kann sich das “Sind bloggende Väter eine Nischenerscheinung?” Panel hier anschauen (erstaunliche Geschwindigkeit mit der das heutzutage geht):

Jedenfalls. Sehr gefreut habe ich mich auf den Vortrag von Sascha Lobo “Rede zur Lage der Nation”. Die Kurzzusammenfassung zu der Rede lautet wie folgt:
https://twitter.com/juergenarne/status/463712338819162112

Etwas differenzierter möchte ich (nun als offizielle Muddi-Bloggerin der Nation) folgendes loswerden:
Auch mich bedrückt die Situation. Die Überwachungssituation als solches, die Untätigkeit der Politik und die Unbesorgtheit der Masse.
Ich fühle mich auch unverstanden und machtlos. Auch ich habe das Gefühl, man müsste alle so lange durchrütteln, bis sie ENDLICH verstanden haben, dass das so nicht geht, das wir was tun müssen.
Deswegen bin ich auf Demos gegangen und habe schon vor längerer Zeit einen Dauerauftrag eingerichtet, der monatlich etwas auf ein Konto eines netzpolitischen Projekts überweist, das ich gut und wichtig finde.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten im Publikum irgendwas getan haben, seit wir durch Snowden eine vage Vorstellung davon haben welches Ausmaß die (Internet)-Überwachung hat und sei es am Ende, dass gebloggt wurde, Petitionen initiiert und/oder gezeichnet oder einfach nur Zeitung gelesen wurde. Es ist egal. Ich bin mir sicher, wir alle haben wenigstens im kleinen etwas getan.
Deswegen war Sascha Lobos Rede falsch adressiert und tatsächlich klang sie in meinen Ohren eher nach Rede vor uninformierten Abgeordneten, die sich mit zahlreichen Themen beschäftigen, zu denen unter anderen das Thema Überwachung gehört und nicht wie eine Rede, die zur re:publica und deren Besucher passt.
Wir, die Internetgemeinde, wir kennen uns aber aus mit dem Thema Überwachung und sind bereits wach gerüttelt.

Es mag vielleicht blöd klingen, aber ich musste wirklich die ganze Zeit an meine Kinder denken. Es gibt diese Situationen als Mutter, in denen ich genau weiß, was passieren wird, in denen ich genau weiß, was das Richtige ist und trotzdem tun meine Kinder nicht das was ich ihnen sage. Ich sage es freundlich, ich argumentiere, ich wiederhole, ich wiederhole, ich schimpfe, ich erkläre, ich bitte, ich bettle, ich werde wütend, ich versuche am Ende sogar zu befehlen, immer und immer wieder: aber diese widerspenstigen Kinder tun nicht was ICH möchte und richtig finde und zwar obwohl ich Recht habe.
Zehn Jahre mit Kindern haben mir gezeigt, es wird niemals irgendwas bringen immer und immer weiter auf genau dieser Schiene zu bleiben.
Immer mehr vom Gleichen hilft einfach nicht mehr. Es hilft nicht, egal wie gerne ich das möchte. Egal, wie sehr ich im Recht bin.
Wenn ich also nicht weiter komme, muss ich darüber nachdenken, welche Wege es außerdem gibt. Wege, die ich noch nicht gegangen bin. Paradoxe Intervention vielleicht, umgekehrte Psychologie, am Ende vielleicht Liebe und Wertschätzung statt Schimpfe und Druck. Mich in die Kinder rein versetzen, ihre Perspektive einnehmen, uns alle irgendwie dazu zu bekommen darüber zu lachen, die Situation eben auflösen mit dem Ziel Energien zu mobilisieren, Energien zu neuem Handeln und nicht Energien, die dazu führen, dass wir uns reiben, dass wir die Fronten verhärten, dass beide Seiten trotzig werden und sich keinen Millimeter mehr bewegen. Wir müssen Partner bleiben. Wir dürfen keine Feinde sein.
Das ist alles leichter gesagt als getan. Auch das weiß ich aus meinem Leben mit Kindern. Manchmal hilft nämlich gar nichts. Da kann ich mir noch so viele Gedanken machen. Dann hilft vielleicht nur noch selbst ein gutes Vorbild zu sein und zu hoffen, dass das irgendwie mitreißt.
Aber schimpfen hilft nicht. Schimpfen hilft nicht. Schimpfen zeigt nur die Ohnmacht des Schimpfenden.

Außerdem, um nochmal auf die Adressaten zurück zu kommen.
Man kann ins Lächerliche ziehen, was wir, die jämmerliche Internetgemeinde tun. Petitionen zeichnen. Buh! Schilder für Demos malen. Buhhhuuuuuhu!
Aber ganz ehrlich. Wenigstens ein kleines bisschen machen wir doch. Nicht genug, ok. Mehr geht immer. Aber jemanden, der bereits aktiv ist, nicht aufzubauen und zu sagen: “Ja, das ist super was du machst!” sondern “Na großartig, was ist das für ein jämmerliches Engagement!”, das ist psychologisch einfach unklug.
Das hemmt Handlungsimpulse statt sie zu fördern.
Ihr verschlüsselt Emails, ihr benutzt Threema? LÄCHERLICH!
Ganz ehrlich. So geht das nicht. Das weiß jede/r, der mal Kind war.

Wenn man mit dem Start eines Meetings 30 Minuten wartet und dann die Person schimpft, die zu spät kommt, straft man v.a. die anderen, die pünktlich waren.
Wenn man ein Kind schimpft, weil die Spülmaschine nicht normgemäß und/oder vollständig eingeräumt ist, wird man nicht erreichen, dass das Kind die Spülmaschine das nächste mal besser oder gar lieber einräumt.
Ich hätte da noch drölfzig Analogien, die zum Thema passen.

Jedenfalls. Ich möchte nicht geschimpft werden. Niemand möchte das.
Ich hab gut verstanden, was da vor sich geht. Ich bin nur hilflos. Ich brauche einen Weg. Ich brauche Gelegenheiten. Ich brauche Anleitung, Ermunterung. Ach und übrigens, ich bin faul. Ich brauche technische Weiterentwicklungen, die mir das alles (das nicht überwacht werden) einfach und bequem machen. Ich brauche Ersatz für Kupferverkleidung meiner Wände und den Aluhut am Kopf.

Zum Selbstansehen:

P.S. Nur, dass ich jetzt nicht geschimpft werde: ich hab den Vortrag zu Ende geschaut. Nur eben nicht live.

Veröffentlicht unter Wunderbare Technikwelt | Verschlagwortet mit , , | 15 Kommentare, 22 Tweets, 12 Facebook Shares, plussen

Netzkultur, der Januartermin

Bevor ich was zu den einzelnen Programmpunkten erzähle, was mir gestern positiv aufgefallen ist: Es gab in allen Räumen WLAN.

Gefühlt überwogen die Frauen im Publikum (leicht) und auch der Blick auf das Podium ergab ein ausgewogenes Bild an Frauen und Männern.

Lag vielleicht an meiner Auswahl, die so aussah:

Ich habe mir keine Notizen gemacht und es wäre auch ein bisschen unsinnig, die einzelnen Beiträge hier schriftlich zusammenzufassen, deswegen nur ein Querritt.

Ich war sehr beeindruckt von der Leichtigkeit und Kompetenz, mit der Paula Hannemann ihren Kurzvortrag gehalten hat. Dabei hat sie etwas geäußert, was man selbst auf Netzkonferenzen selten hört. Sinngemäß sagte sie, das Internet, das sind schließlich Menschen und kein Code. Deswegen strich sie kurzerhand das E vor E-Kampagnen im Vortragstitel.

Dementsprechend stellte sie change.org lediglich als Tool vor, das Menschen erleichtert Dinge zu bewegen. Und was tatsächlich mit einzelnen Petitionen bewegt werden kann, hat mich sehr beeindruckt. Veränderung braucht Menschen, Mut (deren Sichtbarkeit) und Macht und diese drei Faktoren können durch die richtigen Werkzeuge verstärkt werden.

Sehr gerne hätte ich noch mehr von ihr gehört – vielleicht reicht sie ja auch einen Vorschlag bei der re:publica ein? Toll wäre das.

John Ngo sprach Englisch und ich möchte nicht ausschließen, dass ich das ein oder andere vielleicht nicht richtig verstanden habe, aber er blies in das alte Rohr: Das Internet ist nicht die Real World. Beziehungen in rl sind wertiger als die im Internet.

Er betonte außerdem, dass das Internet lediglich die Quantität von Kontakten, nicht aber die Qualität von sozialen Interaktionen erhöhe.
Er zeigte eine Grafik, die belegte, dass sich die Anzahl der Interaktionen bei Verdoppelung und Verzehnfachung der Anzahl der Kontakte nicht ebenfalls verdoppelt oder verzehnfacht (sondern um jeweils ca. 5 steigt). Der limitierende Faktor sei hier Zeit. Klingt logisch und widerlegt in meinem Verständnis eigentlich die These, dass sehr viele Kontakte die Interaktionen lediglich banalisieren. Weil man am Ende eben doch nur eine gewisse Anzahl an Interaktionen bewältigen kann.

Vielleicht ist mein Verhalten aber auch atypisch. Für die durchschnittliche Anzahl an Facebookkontakten nannte er eine Zahl, die deutlich über 500 lag. Ich habe 124 Facebookkontakte. Aber selbst wenn ich Twitter als Basis nehme, da folge ich 670 Menschen, kann ich dem Gehörten nicht zustimmen.

Es wird immer so getan, als seien Facebook/Twitterkontakte irgendwelche x-beliebigen Kontakte. Das stimmt so natürlich nicht.

1/3 meiner Kontakte sind enge Freunde (im Sinne von: das waren sie schon bevor wir uns auf Facebook verknüpften), 1/3 Menschen, die ich ebenfalls als meine Freunde bezeichnen würde (sie begleiten mich vielleicht nicht seit Schulzeiten, aber ich kenne sie, wir sind uns im “echten Leben” tatsächlich regelmäßig begegnet oder wir kannten uns mal gut, aber die Personen sind ins Ausland gezogen etc). Nur 1/3 sind Internetfreundschaften. Also Leute, die ich irgendwie im Internet kennengelernt habe und mit denen ich mehr oder minder regelmäßig interagiere (und sei es, weil ich lese, was sie bloggen).

Ich hörte auch ein paar Mal, es sei persönlicher sich in rl zu sehen oder zu telefonieren – nicht immer nur dieser oberflächliche, textbasierte Austausch.
Dieser Ansatz vernachlässigt den Umstand, dass das nicht bei allen Menschen gleich empfunden wird. Ich z.B. mag telefonieren überhaupt nicht und zum Treffen gibt es oft noch andere Hürden (limitierte Zeit/unterschiedliche Orte/freie Termine finden/Kinder, die man nicht alleine lassen kann…) Chatten finde ich deswegen ziemlich gut.

Vergessen wird außerdem die Kategorie der nie persönlich getroffenen Kontakte über Twitter & Co. Menschen, mit denen mich aber Themen verbinden und die mir tatsächlich emotionale Stütze und Gemeinschaft sind. Die mir auch schon schon konkret geholfen haben und mich beinahe täglich reich beschenken.
Es ist ein Unding sie als Kontakte abzutun, denen es an “depth” fehlt. Im Gegenteil. Die viel beschriebenen anonymen Rahmenbedinungen des Internets ermöglichen manchmal sogar eine Nähe, die man im “wahren Leben” aus verschiedenen Restriktionen vielleicht gar nicht hat oder zumindest nicht so schnell hat. Aber es ist ein eigenes Thema über die  Anonymität im Internet zu schreiben und wie sie im positiven Sinne Distanzlosigleit schaffen kann…
Mein Fazit jedenfalls: I strongly disagree mit den Thesen des 2. Vortrags und es nervt mich, das immer wieder zu hören.

Nachtrag: Ich bin übrigens wie ein kleines Kind. Ich freue mich, was das Internet möglich macht. Zum Beispiel über Skype zu hören wie eine Graffitt Künstlerin in Afghanistan arbeitet. Das finde ich ziemlich großartig.

Für die Hauptbühne (mein Punkt 4 und 5) gab es einen Livestream, den man bestimmt auch bald nachschauen kann.

Veröffentlicht unter Wunderbare Technikwelt | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar, twittern, sharen, plussen

Liebeserklärung an meinen Clan

Ich habe gestern Susanne Mieraus Blogartikel zu den Weihnachtsfragen gelesen und bin besonders an einer Stelle hängen geblieben. Ich finde, den Text so toll, dass ich ihn hier zitieren möchte:

5. Schaffst du Weihnachten ohne Blog, Twitter und Co klarzukommen?

Natürlich schaffe ich das, aber ich möchte es nicht. Warum auch? Ich finde es gut, andere Menschen an meinem Leben teilhaben zu lassen. Dieses Blog beschreibt zu einem großen Teil auch mein persönliches Leben und ich finde, dass heute solch persönliche Blogs gerade für Eltern sehr wichtig sind. In Zeiten der Vereinzelung, in denen man nicht mehr im Clan zusammen lebt, in denen man sich nicht beständig mit vielen Menschen direkt austauscht, bietet das Internet die Möglichkeit, Clanleben in gewisser Weise nachzubilden. Man kann sehen, wie andere Menschen Feste begehen, kann sich dazu austauschen, Anregungen sammeln, eigenes in Frage stellen. Weihnachten ist ein Teil dessen, was ich teilen möchte.

Mir sind diese Zeilen den ganzen Abend im Kopf geblieben. Ich habe an diesem Abend den Geburtstag unseres Winterkindes vorbereitet. Weil mein Mann einen unverschiebbaren Termin hatte, habe ich das allein gemacht. Ich habe also die Kinder ins Bett gebracht, das Kinderzimmer von Kleinkram befreit (damit das bei der Party nicht rumgeworfen und hinterher wieder mühsam aufgesammelt werden muss), das Wohnzimmer dekoriert. Die Geschenke, die mein Mann vorher gekauft hatte, gesucht und dann verpackt, die Kuchen vorbereitet, die Küche aufgeräumt, das Wohnzimmer kinderpartytauglich gemacht… alles in allem hatte ich gut vier Stunden Arbeit. Ich war müde vom Arbeitstag und als ich um 22 Uhr bemerkte, das wichtige Kuchenzutaten fehlten, war ich etwas frustriert. Alles in allem wäre ich wahrscheinlich insgesamt ziemlich frustriert gewesen, weil ich alles alleine machen musste. Wäre – gäbe es nicht das Internet. So konnte ich ein bisschen twittern, hab mich über Antworten gefreut, über Kommentare gelacht und hab mich kein Stück alleine gefühlt. Ich hatte meinen Clan bei mir.

Mein Mann sagt öfter, dass er es seltsam findet, dass in unserer Wohnung, in unserer Beziehung immer noch jemand mit dabei ist: das Internet oder besser gesagt, die Menschen aus dem Internet. Sie sind immer da, unsichtbar – in meinem Handy.

Mir hilft das bei so vielem.

Man mag das gerne armselig finden, aber mir geben diese Menschen viel Kraft. Ich kenne die meisten gar nicht persönlich. Ich kenne ihre Avatare und im Laufe der Interaktion habe ich mir von einigen ein sehr konkretes Bild geformt.

Ich habe keine Familie im näheren Umfeld. Die Eltern leben 500 km entfernt, die Geschwister ebenfalls. Natürlich habe ich Freundinnen und Freunde, aber auch die sind nicht meine Nachbarn. Die haben ihre eigenen Familien und können deswegen nicht mal auf einen Kaffee auf eine kurze halbe Stunde vorbei kommen. Sehr viele leben auch gar nicht in Berlin. Nach dem Studium hat es uns in alle Welt verstreut. Ich vermisse diese Freundinnen und Freunde oft und ich würde gerne mehr Zeit mit ihnen verbringen. Wir sehen uns zwei, drei vielleicht viermal im Jahr – aber das wars. Wir haben keinen gemeinsamen Alltag.

Ich bin ein ausgesprochener Familien- und Freundemensch. Am glücklichsten bin ich wenn zehn Kinder um mich herumspringen und wir Erwachsene zusammen sitzen, reden, gemeinsam essen und trinken und ab und an einer aufsteht, um zu schauen, ob der Schrei aus dem Kinderzimmer bedeutet, dass sich eines der Kinder einen Zahn ausgeschlagen hat oder ob ein Kind dem anderen nur ein Spielzeug entrissen hat.

Das Internet bietet mir genau dieses Gefühl. Es gibt mir Wärme und das Gefühl von Zusammenhalt, das Gefühl ich bin nicht allein. Ich bekomme auf alles eine Antwort. Austausch zu jedem Thema ist möglich. “Passiv”, indem ich (Eltern-)Blogs lese und auf diese Art Teil am Leben anderer habe und aktiv, indem ich selbst blogge oder twittere und darauf Reaktionen erhalte.

Das ist der Grund warum ich das Internet gerne um mich habe und möchte, dass die Menschen (denn Internet ist für mich keine seelenlose Technologie sondern nichts anderes als das: Menschen) Teil an meinem Leben haben und ich möchte Teil an anderer Menschen Leben haben. Deswegen schalte ich mein Handy auch nicht zwangsweise aus, um mein Leben zu genießen oder zu erleben.

Ich liebe meine Filterbubble, in der alle Kinder nicht durchschlafen, in der die Kinder ins Elternbett krabbeln, in der die Kinder jahrelang getragen werden. In der die Eltern meistens erschöpft und müde, oft schon um 6 Uhr wach und gelegentlich auch genervt sind. Ich liebe meine Filterbubble mit all den bastelnden Eltern, mit denen die basteln, obwohl sie es so hassen wie ich und denen, die den ganzen Kram einfach fertig kaufen. Ich liebe die Filterbubble in der Adventskränze vier Kerzen mit der Ziffer 1 bis 4 sind.

Deswegen liebes Internet: Danke, dass es euch gibt.

Veröffentlicht unter La familia, Wunderbare Technikwelt | Verschlagwortet mit , , , | 69 Kommentare, 27 Tweets, 193 Facebook Shares, 2 Plusones

Hallo, dasnuf zeigt dir heute, wie genervt man von Buchrückseiten sein kann

An Pixi-Büchern kommt man als Eltern nicht vorbei. Es gibt sogar welche, die ich gerne lese. Was mich aber grundsätzlich aufregt, ist die Rückseite. Leider ist es meinen Kindern sehr wichtig, dass ich IMMER die Rückseite vorlese auf der steht, was Pixi mir heute zeigt. Lest ihr die auch? Man findet dort Anleitungen irgendwas zu bauen und ich denke jedes mal: WTF? Wer hat denn sowas zuhause rumliegen und kann das dann aus der Beschreibung basteln?

Wenn da wenigstens mal was sinnvolles zu finden wäre. Orrrr!

So baust du dir deinen eigenen Server

Das Büchlein dazu habe ich übrigens auch schon geschrieben: Ich habe einen Freund, der ist Netzwerkadministrator

Nachtrag: Weil das ein paar Mal so geteilt wurde, als sei das ein echtes Pixi-Buch. Das ist kein echtes Pixi-Buch. Das habe ich gemalt und geschrieben als Parodie (Witze erklären, orrrrr!)

Veröffentlicht unter Wunderbare Technikwelt | Verschlagwortet mit , | 28 Kommentare, 4 Tweets, 7 Facebook Shares, 28 Plusones

Die Berlin Mitte Blase

Am Montag Abend habe ich mir im BASE_camp die Podiumsdiskussion: “Die Veränderung der Arbeitswelt – wird durch die Digitalisierung alles besser?” angehört. Es äußerten sich Lars Klingbeil (SPD), Petra Meyer (SAP), Igor Schwarzmann (Third Wave GmbH) sowie Markus Albers (Journalist, Unternehmer und Sachbuchautor).

Bevor überhaupt eingegrenzt wurde, was “Digitalisierung” eigentlich bedeutet und für welche Arbeitsplätze sie eine Rolle spielt, hatten sich die Podiumsteilnehmer auf die Berlin Mitte Blase eingeschworen und es wurde im Wesentlichen darüber gesprochen, welche Vorteile das Arbeiten im St. Oberholz hätte.

Wann immer das Thema Nachteile der Digitalisierung (was auf “ständige Verfügbarkeit” eingegrenzt wurde) gesprochen wurde, war man sich schnell einig: Menschen müssen für sich selbst Verantwortung übernehmen, sie müssen “Stop” sagen, sie müssen Grenzen setzen.

Ja, es gäbe diese Menschen, die weder mit Arbeitstempo, noch mit Leistungsdruck zurecht kämen und den würde auch geholfen werden – aber irgendwie klang es immer so, als spreche man hier von bedauerlichen Einzelfällen, hilflosen Individuen und einer aussterbenden Generation.

Gesetzliche Rahmenbedingungen brauche es im Grunde nicht und nuja, die Gewerkschaften und Betriebsräte wolle man ja einbinden, aber die seien so technikfeindlich, dass man es im Grunde gar nicht könne.

Man hätte wunderbar Buzzword-Bingo spielen können und spätestens beim zehnten Mal “Berlin Mitte”, hatte ich genug gehört. In der anschließenden Diskussion, war Mathias Richel der einzige, der in Frage gestellt hat, ob dieses für sich selbst Verantwortung übernehmen und dieses Grenzen setzen v.a. für Berufseinsteiger eine echte Handlungsalternative sei. Er wurde dann gemeinschaftlich mit dem Hinweis abgebügelt, seine Agentur-Erfahrungen seien nicht repräsentativ. Alle anderen Branchen hätten dieses Problem offensichtlich nicht.

Leider bin ich ja kein Ich-reiße-das-Mikrofon-an-mich-Typ. Denn eigentlich wäre das die Stelle gewesen. Denn ich teile seine Erfahrungen und meinen beruflichen Einstieg hatte ich in einer Unternehmensberatung und zwei großen Konzernen. Ich habe dort die erste Zeit regelmäßig zwischen 50 und 60 Wochenstunden gearbeitet. Nicht selten bin ich morgens um 8 los und nicht vor 22 Uhr nach Hause gekommen.

Es passierte etwas das man aus Casting-Shows kennt. Meine Kolleginnen und Kollegen wurden meine besten Freunde und zwar in wenigen Wochen. Also richtig emotional. So wie bei Popstars. Wäre einer rausgewählt worden, wir hätten uns weinend in den Armen gelegen und ausgerufen: “WARUM? Hans (den ich vor einer Woche noch nicht mal kannte) ist mein BESTER FREUND!!!”

Warum war das so? Weil wir alle so extrem unter Druck standen, dass wir uns gegenseitig nie im Stich gelassen hätten. Dass wir unser Arbeitspensum ohne die anderen gar nicht geschafft hätten. Pragmatisch einerseits und psychologisch sinnvoll andererseits. Für meine anderen Interessen und FreundInnen hatte ich nämlich gar keine Zeit mehr. NIEMALS wäre einer auf die Idee gekommen und hätte um 17 oder 18 Uhr gesagt: “Och nö, vielen Dank, ich geh jetzt lieber nach Hause, das is mir jetzt echt mal zu viel.” Lieber ist man mal kurz auf Toilette gegangen, um ein bisschen zu weinen und weiter gings. Ich sah für mich als Geisteswissenschaftlerin auch nicht die Option mich anderweitig zu bewerben – war ich doch nach 60 (!) Bewerbungen endlich durch einen persönlichen Kontakt an einen Job gekommen.

Jetzt kann man immer noch sagen: Das ist nicht repräsentativ, das ist deine eigene Erfahrung – aber zumindest in meinem persönlichen Umfeld sieht das nicht anders aus. Es gab einen einzigen Mitarbeiter, der sich eine 35 Stunden-Woche erkämpfte und der gelegentlich auch mal nach Hause ging, weil er Kinder hatte. Still und heimlich haben wir ihn gehasst. Aus meiner heutigen Perspektive kann ich nur sagen: RESPEKT!

In eine leitende Position hat es dieser Mitarbeiter nie geschafft. Vielleicht wollte er auch nicht, aber ich behaupte mal, das lag an seiner “mangelnden Leistungsbereitschaft”, die eigentlich eine mangelnde Bereitschaft zur Aufopferung und Lebenszeitverschwendung war.

Heute, nach dreizehn Jahren Berufserfahrung und mit dem Bewusstsein eine Familie zu haben, sieht die Welt anders aus. Ich finde es toll von Zuhause aus arbeiten zu können und ich finde es gut, dass ich mobil arbeiten kann. Aber das liegt nicht an der Digitalisierung sondern an der Einstellung meines Arbeitgebers. Bei uns herrscht ein ausgeglichenes Verhältnis. Ich bearbeite Kundenanfragen gerne um 20 Uhr wenn nötig, aber dafür darf ich mir morgens auch mit meinen Kindern Zeit nehmen. Wenn wir z.B. zwanzig Minuten länger als sonst brauchen, weil wir Schnecken aufsammeln müssen, dann sei es so. In sieben Jahren wurde ich nicht ein einziges Mal fragend angeschaut, warum ich nicht pünktlich am Arbeitsplatz saß.

Was neben der Kultur meines Arbeitgebers stimmt, ist aber zusätzlich die Möglichkeit nicht Vollzeit zu arbeiten. Ich arbeite 28 Stunden. Vier Tage voll und einen “freien” Tag habe ich, um mich um Familienangelegenheiten zu kümmern. Diesen Tag brauche ich dringend. Alle Erledigungen, alle Vorsorgetermine-Termine, alle Elterngespräche, jede Art von Zusatzengagement, die Einkäufe, die Wäsche, … alles wird nach Möglichkeit an diesem Tag gemacht.

Seit ich diesen Tag habe, klappt unser Familienalltag. Auch wenn ich nicht faul rumsitze, empfinde ich diesen Tag als großen Luxus, weil er mir nämlich unter anderem ermöglicht, die restlichen Tage die späten Nachmittage und Abende entspannt mit meinen Kindern zu verbringen. Meinem Mann wünsche ich die 30 Stunden Woche auch von Herzen – ich wünsche sie eigentlich allen Menschen – denn ich glaube, anders schaffen wir es bis zur Rente ohne Burnout nicht.

Jetzt bin ich vom Thema Digitalisierung abgekommen. Ja, Digitalierung macht mein Leben leichter und zwar nicht nur, weil ich zu allen Uhrzeiten auf eMails reagieren kann, nein, es gibt noch ganz andere Möglichkeiten organisatorischer Natur. Ticketsysteme, die mir die Projektssteuerung erleichtern. Wikis, die mir und den KollegInnen Transparenz schaffen und und und…

Ich hätte, um zur Podiumsdiskussion zurück zu kommen, mir an diesem Abend gerne viel mehr konkretes gewünscht. Wie sieht denn der Arbeitsalltag aus? Was hilft? Was hilft nicht? Wie unterstützen Führungskräfte ihre Mitarbeiter eben diese “Eigenverantwortlichkeit” wahrzunehmen? Was gibt es für Modelle Privatleben und berufliches Leben durch Digitalisierung besser zu vereinbaren?

Außerdem hat mir der Querschläger gefehlt, der Provokateur. So saßen alle einig da und bekräftigten sich darin, dass “wir” zwar nur eine kleine Gruppe sind, dass es uns aber super ginge und dass die Digitalisierung abgesehen von den wenigen Ausnahmen nur Gutes gebracht hätte.

Wer aber schützt die Berufseinsteiger? Wer schützt die Ängstlichen? Wer schützt die, die gar nicht sehen, was sie sich mit einer 70 Stunden Woche antun? Was passiert denn, wenn man die Uhr zurück stellt – mich hätte brennend interessiert, wie es VW mit den eine halbe Stunde nach Arbeitsende abgeschalteten Mailservern geht. Zu welchen konkreten Ergebnissen sind den die Arbeitsgruppen zum Thema Burnout bei SAP gekommen?

Die Moderatorin hatte es selbst gesagt: oft wird beim Thema Digitalisierung kritisiert, dass man eine Elitendiskussion führt. Aus meiner Sicht ist genau das passiert. Die AkademikerInnen in managementnahen Positionen, die nach 15 Jahre Berufserfahrung auch mal “nein” sagen können, haben sich gegenseitig erzählt, wie flexibel man dank Technik ist.

[blackbirdpie url="https://twitter.com/berlin_zentrale/status/341629828124004352"]
Veröffentlicht unter Seltsame Beobachtungen, Wunderbare Technikwelt | Verschlagwortet mit , , , , | 31 Kommentare, 52 Tweets, 36 Facebook Shares, 8 Plusones

Räbäääähhhh!

Ich habe zwei Eigenschaften, die mir in der Regel das Leben sehr leicht machen. Erstens: Meine Vergesslichkeit. Alles was hässlich ist und mir das Leben schwer macht, blende ich aus und zwei Wochen später erinnere ich mich an nichts. Rückwirkend ist mein Leben perfekt.

In seltenen Fällen vergesse ich Dinge zu vergessen. Da hilft mir meine zweite Gabe: Humor. Worüber ich nicht weinen kann, darüber versuche ich zu lachen.

In sehr seltenen Fällen hilft mir weder das eine noch das andere. So zum Beispiel bei den kinderfeindlichen Menschen, die sich langsam um uns ansammeln. Neulich, als wir Abends um 18 Uhr durchs Treppenhaus gingen, riss einer der Nachbarn die Wohnungstür auf und schrie uns hinterher: “JA GEHT DAS DENN NICHT LEISER? JEDEN MORGEN DIESES GESCHREI UND JEDEN ABEND!!! KÖNNEN SIE DENN NICHT MAL WAS UNTERNEHMEN????”

Es folgte eine ergebnislose Diskussion. Als wir dann weiter nach oben liefen, brodelte es in mir. Ein Tag hat 24 Stunden. Wir kommen in der Regel zwei Mal am Tag an seiner Tür vorbei. Um 8 Uhr und dann abends zwischen 17 – und sagen wir spätestens – 20 Uhr. Es dauert großzügig geschätzt 15 Minuten bis wir in unserer Wohnung sind. 30 Minuten halten wir uns also insgesamt täglich im Treppenhaus auf. 30 Minuten von 1440 Minuten, die ein Tag hat. 2,1% des Tages belästigen wir ihn also mit Kleinkindergeschrei im Treppenhaus. Und das außerhalb der Ruhezeiten (22-6 Uhr, 12-15 Uhr).

Es ist wahr. Das Kind ist im Treppenhaus laut. In der Regel schreit es, weil ich es nicht tragen kann oder will. Dazu ist es zu schwer. Ich habe oft zusätzlich Einkäufe oder ähnliches zu tragen. Ich sage “Bitte sei leise!” oder “Muss das denn jedes Mal sein?” und “Geht das vielleicht mal ohne weinen?” Ich biete meine Hand an. Ich versuche es mit Ablenkung, durch Geschichten erzählen, ich versuche zu motivieren, das Ganze spielerisch zu lösen “Wer zuerst oben ist!”. Ich besteche sogar mit Gummibärchen. Aber es bleibt dabei, meistens schreit das Kind auf dem Weg nach oben. Auch die größeren Geschwister rufen gelegentlich Sachen durchs Treppenhaus. Auch obwohl ich schon hundert Mal erklärt habe, dass ich das nicht möchte. Was soll ich tun? Ich wünsche mir auch, dass wir einfach nach oben gehen. Ohne Geschrei.

Dennoch. Es empört mich, wenn jemand deswegen die Tür aufreißt und rummeckert. Man solle doch mal was tun. JA WAS DENN ZUR HÖLLE? Es sind eben Kinder.

Was ist los mit diesen Menschen, die alle ihre Ruhe brauchen. Absolute Ruhe. Und genauer gefragt: Warum ziehen sie in ein Mehrparteienmietshaus in das Zentrum von Berlin? In Brandenburg ist es auch schön und da kann man für 60.000 Euro ein großes, freistehendes Haus mit keine Ahnung wie viel Tausend Quadratmeter Garten kaufen. Warum nicht einfach dahin ziehen und nach Berlin (vermutlich wegen des Arbeitsplatzes) pendeln?

Ich habe lange überlegt, was zu tun ist. Diskutieren? Hoffnungslos. Gerichtsurteile zum Thema Kinderlärm zusammenstellen und überreichen? Sinnlos. Paradoxe Intervention und dem Nachbarn einen Kuchen backen und wie bei IKEA ein Schildchen dran “Danke, dass Du Dich nicht wegen jedem Scheiss aufregst”? Effektlos.

Ich denke, das einzige was hilft, ist die Verhältnisse gerade zu rücken. Wenn er sich gestört fühlt, dann ist es unangemessen weil wir nur 2% am Tag laut sind. Persönlich fände ich es lohnenswert wenn wir 40-50% der Zeit nerven würden. Deswegen bin ich dazu übergegangen Kindergeschrei aufzunehmen. Immer wenn Kind 3.0 ausflippt, zeichne ich das auf. Ich habe ein schönes Portfolio an lautstarken hysterischen Wutanfällen aufgezeichnet. Oben an der Stelle der Haustür des Nachbarn wo das Kabel zur Haustürklingel in die Wohnung geht, habe ich einen kleinen, leistungsstarken Lautsprecher installiert. Dieser ist über eine Webanwendung ansteuerbar. Wann immer einer von uns Lust hat, drücken wir den Schrei-Button und der Nachbar hört facettenreiches Geschrei aus dem Lautsprecher. Der Kemo Piezo-Minilautsprecher für nicht Mal 4 Euro, der sonst eingesetzt wird, um Marder zu erschrecken, schafft beinahe 120 dB.  Dieser Schalldruck entspricht ungefähr einer gut befahrenen ICE-Trasse. Sobald der Nachbar wutentbrannt die Türe aufreißt, aktiviert er per Lichtschranke einen Not-Stopp. Das Geschrei hört sofort auf. Schließt er die Tür, geht das Gebrüll nach 5 Sekunden wieder los.

Dank dieser Installation geht es mir jetzt wieder besser. Die Welt ist im Gleichgewicht und der Mensch hat einen ECHTEN Grund sich aufzuregen.

Veröffentlicht unter Experimente, Großstadt, Wunderbare Technikwelt | Verschlagwortet mit , , , , , | 60 Kommentare, 28 Tweets, 62 Facebook Shares, 13 Plusones

#rp13, Tag 3

Das Programm am Mittwoch sah schon so aus, als ob es inhaltlich noch mal interessant werden würde und tatsächlich eines der Highlights des Tages, schaute ich mir schon direkt am Morgen an: “re:Fefe: Erkenntnisse der empirischen Trollforschung” mit Linus Neumann und Michael Kreil.

Danach habe ich mir exklusiv vor allen anderen re:publica Besuchern Felix Schwenzels Vortrag angehört. Allerdings war es zunächst unmöglich zu Felix zu gelangen. Felix saß als Speaker nämlich im VIP-Bereich und da durfte man ohne Sonderbändchen rein. Der Türsteher nahm seine Sache SEHR ernst und war auch nicht zu überreden als Felix vor die Tür trat, um zu bestätigen, dass er warte. Überhaupt war das Sicherheitspersonal auf der re:publica SEHR streng. Manchmal auch ein bißchen absurd. Am Nachmittag saß ich vor Stage 7 auf der Terrasse und als ich die sanitären Anlagen benutzen wollte, hieß es dort, nein, in das Gebäude könne man oben nicht mehr rein. Man solle doch bitte nach unten gehen und dort die Toiletten benutzen. Prinzipiell hätte ich damit kein Problem gehabt, wenn nicht dort ein weiterer Mensch gestanden hätte, der allen danach den Zugang zur Terrasse verweigerte. Man hatte also die Wahl zwischen einpullern und die Gesprächspartner auf der Terrasse stehenlassen.

Jedenfalls nachdem ich mir mit Felix ein bisschen Xavier Naidoo angehört hatte, schaute ich mir den Vortrag gleich nochmal an. Kann man gut machen:

Die Zusammenfassung spare ich mir, weil Kai Biermann das so grandios gemacht hat, dass dem nichts hinzuzufügen ist: “Felix Schwenzel, mit Witzelsucht die Welt verbessern“. Ich war ja erst ein bisschen traurig für Felix, der sehr gerne beleidigt wird Kontroversen sehr gut aushalten kann, weil über Twitter ausschließlich lobhudelnde Tweets kamen, aber wenn man in die Kommentare bei Zeit Online schaut, gibt es anscheinend immer noch ausreichend Neider. Gefühlt war jeder dritte Kommentar so unsachlich, dass er entfernt wurde.

(Ebenso lesenswert übrigens die Zusammenfassungen der Vorträge von Sascha Lobo und Gunther Dueck)

Nach Felix Vortrag wechselte ich in Stage 4, um mir von FREDERIC VALIN und JAN-UWE FITZ anzuhören “Wie das Internet literarisches Schreiben verändert“.

Weiter ging es mit CORY DOCTOROW und “It’s not a fax machine connect to a waffle iron“. Leider ein bißchen langweilig weil mich der Vortrag an das erinnerte, was ich vor 2 (?) Jahren gehört hatte als Cory Doctorow bereits auf der re:publica war.

Ich musste dabei an das Kleiner Drei Interview mit Anne Roth denken, das der Frage nachging, warum es so schwer ist, 50% Frauen auf die Bühne zu bekommen:

“[...] Es ist schwer, diese Frage zu beantworten, ohne entweder banal zu werden oder einen Stapel Statistiken unter dem Arm. Aber es scheint doch so zu sein, dass Frauen eher nur dann auf einer Bühne reden wollen, wenn sie wirklich etwas zu sagen haben, also etwas Neues, etwas Interessantes, und das fertig und rund und durchdacht. Männer haben tendenziell weniger Schwierigkeiten damit, ewig das Gleiche zu erzählen oder von den Ideen anderer zu leben. Mir ist dabei die hier Frauen zugeschriebene Verhaltensweise sympathischer und das hat nichts mit mangelndem Selbstbewusstsein zu [...]“

Ich kann das in meiner persönlichen Wahrnehmung bestätigen. Es gibt ausreichend Leute wie Tim Pritlove, die für sich genommen absolut großartige Dinge tun, deren Vorträge sich auf Konferenzen jedoch durchaus inhaltlich ähneln. Der Clou an der Sache ist: Es gibt ausreichend Interessenten. Persönlich z.B. wollte ich dieses Jahr das Speed-Networking des letzten Jahres nicht wiederholen*, weil ich eben nicht jedes Jahr das selbe machen wollte – allerdings wurde ich so oft darauf angesprochen, warum Journelle und ich das dieses Jahr nicht erneut anbieten, dass ich/wir es nächstes Jahr vielleicht doch wieder einreichen.

Der re:pubica Tag endete bei mir mit ANNE WIZOREK und der Frage “Ihr wollt also wissen, was #aufschrei gebracht hat?“. Der Vortrag war sehr großartig, was auch an Annes Person hängt, die für mich eine sehr angenehme, neue Art von Feministin repräsentiert, die für mich persönlich sehr hohes Identifikationspotential hat, weil sie ruhig, kompetent und besonnen und jederzeit wertschätzend mit ihrem Publikum und Fragenden umgeht.

Als sie die Trollseite von #aufschrei beleuchtete und sie einige der Tweets zeigte, die sie persönlich angriffen, war der ganze Saal still und las betroffen die Hasstiraden. Als sie Ausschnitte einiger Hate-Mails zeigte, kamen mir die Tränen. Aus vielen Gründen. Weil es mich unendlich traurig macht und schockiert, dass es Menschen gibt, die so viel Hass in sich tragen. Weil sie sowas ertragen muss (und ich spreche hier nicht nur von Beleidigung sondern von grauenhaften, brutalen und detaillierten Bedrohungen). Weil ich verstanden habe, dass so viele Frauen so lange nichts gesagt haben, weil sie sich genau vor solchen Angriffen fürchten.

Ich bin Anne für #aufschrei sehr dankbar. Ich bin all den Frauen dankbar, die unter #aufschrei ihre Erfahrungen geteilt haben. Ich bin wirklich, wirklich dankbar, weil mir #aufschrei so viel Denkstoff gegeben hat.

Ich bin dankbar weil ich verstanden habe, das uns Frauen v.a. eines für die Zukunft helfen wird: Solidarität


Ich kenne einige Männer, die durchaus gewillt sind, #aufschrei und das was dahinter steckt, zu verstehen. Vielleicht gerade weil ihnen Sexismus fern liegt, verstehen sie die Not einiger Frauen nicht. Ich empfehle denen, nicht nur den Vortrag anzuschauen sondern auch mal Twitter nach dem #aufschrei-Tag zu filtern und sich in die Kommentare unter feministische Beiträgen aller Art durchzulesen und sich dann noch vor Augen zu führen: Was sie da an Anfeindungen lesen, ist das, was man zu lesen bekommt, nachdem die Kommentare moderiert wurden.

 

 

*Die Wiederholung war nicht der einzige Grund. Letztes Jahr hatte mir v.a. auch nicht gefallen, dass wir nicht in den Zeitplan aufgenommen wurden und dass unsere Ansprechpartnerin seitens der Veranstalter nur so – sagen wir – mittelmäßig freundlich und offen behandelt hatte.

Veröffentlicht unter Wunderbare Technikwelt, Zeug | 11 Kommentare, 2 Tweets, sharen, plussen

#rp13, Tag 2, Menschen

Begonnen hat mein Tag mit TERESA BÜCKERs “Der Montag liebt dich“. Ein gut ausgearbeiterer, informativer Vortrag, so wie ich ihn aus der Uni kenne. Teresa schilderte wie stark Arbeits- und Privatleben heutzutage miteinander verwoben sind und  warum es deswegen wichtig ist, die Bedingungen so zu gestalten, dass beide Bereiche miteinander vereinbar sind.

Irgendwann fiel mir auf, dass einige Vortragende das Publikum ausschließlich mit “ihr” adressierten. So auch Teresa “Ihr müsst dies und jenes”, “damit sich das verändert, müsst ihr xy”. Sascha Lobo hatte sich am Vortag wenigstens noch ein bißchen über die Trennung von Publikum und seiner Person (“in der Zwischenzeit meine ich mit ihr tatsächlich manchmal auch mich“) lustig gemacht. Teresa ließ es bei dem ihr, was mir vor allem nachträglich seltsam aufstößt. Wer ist sie, wenn nicht wir? Steht sie da auf der Bühne und weiß Dinge besser als wir im Publikum? Gibt sie die Richtung und wir (überspitzt) Fußvolk führen aus? Ich bin mir sicher, dass sie es so nicht gemeint hat. Aber es klopfte so an mein Hirn an. Ich glaube, sie hat sonst ihre Sprache SEHR bewußt ausgewählt, denn z.B. sprach sie nie im generalisierten Maskulinum sondern (wie nennt sich das Gegenteil?) generalisierten Femininum von “Kolleginnen, Chefinnen, Freundinnen, Partnerinnen” und das wiederrum hat mir gut gefallen – v.a. auch, weil ich das schon versucht habe, aber sich die außschließlich weibliche Formulierung noch holprig und sperrig in meinem Mund anfühlt. Ihr kam das sehr locker und selbstverständlich von den Lippen und das hat mir – wie gesagt – sehr gut gefallen.

Danach sprach JUTTA ALLMENDINGER über “Zeit – Geld – Familie“. Jutta Allmendinger ist u.a. Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

Ich habe als Diplom-Psychologin oft erhebliche Kommunikationsprobleme wenn ich mich mit Soziologen unterhalte, was sicherlich am unterschiedlichen Blickwinkel liegt (außen nach innen, innen nach außen und v.a. auf die Beziehungen und Relationen zwischen den Individuen) und konnte gestern erfreut feststellen, dass ich Frau Allmendinger sehr gut verstand. Allerdings referierte sie nicht so sehr den theoretischen Unterbau sondern schilderte Forschungsergebnisse einer von ihr angelegten Langzeitstudie, in der Frauen wie Männer zu ihren Einstellungen und Wünschen befragt wurden und diese dann jeweils aus ihrer Perspektive und dann aus der Perspektive des anderen Geschlechts beantworteten. Mir gefiel, dass sie sich gerade zu den neusten Auswertungen sehr offen zeigte und aufforderte, ihr zu mailen, wenn jemand eine bessere Idee hätte als alle Ergebnisse mit sozialer Erwünschtheit zu begründen.

Offensichtlich war sie vorher bei einem Termin mit Google-Leuten, die sie warnten, niemand im Publikum würde sie anschauen, weil alle beinahe beleidigend desinteressiert in ihre Handys starren würden. Seltsam, dass sie sowas als Warnung von vermeintlichen Internetexperten gesagt bekommt – ohne dass diese erwähnen, dass das z.B. auch heißen kann, dass alle wie wild über den tollen Vortrag twittern oder parallel Dinge recherchieren und bookmarken, die sie angesprochen hat. Bizarr, dass selbst bei Google die Internetangstmacher sitzen.

Die nächsten Sessions, die ich mir ausgesucht hatte, konnten mich leider nicht bis zum Schluss begeistern. Auch das viertelstündige Philosophy-Slam der Haeuslers konnte mich nur so mittelmäßig begeistern. Was weniger an der Sache an sich lag, als an meiner Erwartung ein bißchen was anderer Eltern aus persönlicher Sicht zum Thema Kinder und Internet zu hören. So weiß ich jetzt, dass sie ähnliche Kritikpunkte am Bildungssystem und dem allgemeinen Umgang unserer Gesellschaft mit Kindern haben wie ich. In persönlichen Gesprächen mit anderen re:publica-Besuchern habe ich aber gemerkt, dass das Thema “Wie gehe ich konkret damit um, wenn meine Kinder ins internetfähige Alter kommen?” brennt. Wir werden alt und unsere Kinder offensichtlich groß.

Alle weiteren Panels waren eher so gähn. Aber auch da: im Laufe der Jahre habe ich unglaublich hohe Erwartungen aufgebaut und so waren die Vorträge wirklich in Ordnung, aber es fehlte ein bißchen der Wow-Effekt.

Ausnahme war am frühen Abend der Vortrag von CASPAR CLEMENS MIERAU zum Thema “Weder süß, noch salzig: Wie mir die Piratenpartei meine Freizeit nahm“. Caspar hat einfach sehr sympathisch, frei und offen über das Popcornpiraten-Blog berichtet. U.a. wie er dazu gekommen ist, wie er dabei vorgeht, was ihm dabei wiederfährt und welche Reichweite es hat. Er lockerte den Vortrag mit ein Paar skurrilen Beispielen auf und ich hätte am Ende gedacht “yo das war ganz ok”, wenn er nicht selbst den Bogen ganz grandios geschlossen hätte. Gerade als ich in Gedanken formte “schön, jetzt weiß ich das alles, aber …” endete er mit “im Grunde habe ich euch jetzt eine Anleitung zur Verfügung gestellt damit andere Blogs über die Skurilitäten anderer Parteien machen können.” Und tatsächlich der Gedanke gefällt mir. Jede Partei sollte ein eigenes Popcorn-Blog bekommen.

Mein Abend endete mit “Ohne Jauch gehts auch“. Persönlich gehts ohne Jauch ohnehin auch – aber wie ich feststellen musste – gehts auch Ohne Jauch gehts auch auch. Die Talkrunde hat mich zwar inhaltlich nicht aufgeregt, aber ähnlich gelangweilt, weil der angekündigte interaktive Publikumsbeteiligungsteil per Hashtag auch nach 20 Minuten noch nicht begonnen hatte. Außerdem gefallen mir Vereingemeinerungen nicht. Das Ganze wurde mit einem Rant zum Thema Arbeit gestartet in dem ich mich absolut nicht wiederfinden konnte. Auch mit der Forderung, wir müssten alle unsere eigenen Chefs werden, kann ich nichts anfangen. Nicht jede/r ist dazu geeignet. Nicht jede/r ist unzufrieden mit ihrem/seinen Job. Nicht jede/r hat Arbeitsbedingungen zu erleiden. Ich gehöre zu den Glücklichen, die mit Arbeitgeber und Arbeitsbedingungen im Besonderen zufrieden sind und wie ich an anderer Stelle bereits schrieb, ich sehe keinen Grund, dass Arbeit ständig “Spaß” machen muss. Auch deckt es sich nicht mit meiner Erfahrungswelt dass selbständig sein automatisch bedeutet in besseren Verhältnissen zu arbeiten und gleichzeitig Job und Privatleben besser miteinander vereinigen zu können oder gar mehr Freizeit zu haben. So hat mich die geschätzte Sue an diesem Punkt leider völlig verloren und ich konnte auf den Zug wohl nicht mehr auspringen, weswegen ich irgendwann auf den Hof wechselte.

Was mir an diesem zweiten re:publica Tag jedoch wirklich gefiel waren die Bekanntschaften, die ich machen konnte. Meine Scheu Menschen anzusprechen, hat sich langsam gelegt und so konnte ich mein Vorurteil bestätigen, dass Menschen im Internet in der Regel mindestens so sympathisch sind wie in echt. Allen voran die bezaubernde Jademond, deren Blog ich schon lange lese und wirklich sehr schätze, einfach weil ich immer wieder Anregungen finde, die ich in meiner homogenen Welt nicht finden kann.

Dank Journelle, die mir am Vortag vorgemacht hat, wie man fröhlich Menschen anspricht, habe ich auch Michaela angesprochen, um ihr zu sagen, dass ich durch #609060 auf sie aufmerksam geworden bin und dann sowohl in ihrem Blog gelesen habe, als auch die Interviews angeschaut habe (u.a. mit Farah). Ihre Schilderungen haben mir ebenfalls eine Tür zu einer Welt aufgemacht, die keine Schnittmenge zu meinem Alltag darstellt und waren sowohl berührend als auch (teilweise) erschütternd. Michaela ist eine Frau mit transidenter Vergangenheit und berichtet z.B. davon wie sie im Arbeitsleben als Frau anders als als Mann behandelt wird – und zwar nicht weil sie sich entschlossen hat, als Frau zu leben sondern weil sie jetzt Frau ist und Frauen ganz offensichtlich anders als Männer behandelt werden (absurderweise selbst dann, wenn es sich um ein und den selben Menschen handelt). Nicht nur wegen solcher Beobachtungen lohnt es sich jedenfalls ihr Blog zu lesen.

Besonders lange habe ich Beetlebum beim Malen angestarrt, bevor ich mich getraut habe, hin zu gehen und “Hallo” zu sagen. Mein Mann und ich lieben sein Blog und seinen Humor sehr und so hätte ich mich eigentlich kreischend vor Begeisterung auf dem Boden wälzen müssen, als ich ihn zwischen zwei Sessions im Saal sitzen und malen sah, aber da das nicht meinem Naturell entspricht, tat ich meiner Begeisterung nur verbal kund.

Veröffentlicht unter Wunderbare Technikwelt, Zeug | 10 Kommentare, 5 Tweets, 2 Facebook Shares, plussen