Im Gegensatz zu meinem Körper dürfen meine Worte Gewicht haben

Verwelkt
Verwelkt – wenn man nicht Schneewittchens Stiefmutter ist, muss man irgendwann damit klar kommen. Foto @Free-Photos auf Pixabay

Im Zeit Magazin habe ich vor einigen Wochen den Artikel „Botox – eine glatte Lüge“ gelesen.

Die Autorin Diana Weis beschreibt dort ihre Kapitulation vor dem ausdauernden Druck schön, jung und perfekt sein zu müssen und schildert warum sie sich dafür entschieden hat, sich botoxen zu lassen:

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist eine Zumutung, als Frau immer schön, jung und elastisch sein zu sollen. Noch perfider ist allerdings die Forderung, diesen Zustand auf ganz natürlich Weise und ohne den Einsatz wirksamer Hilfsmittel herzustellen.

Ihre Lösung ist es deswegen diesen Zustand eben nicht natürlich sondern durch Botox herzustellen.

Botox hilft nicht nur gegen Falten, sondern lässt gestresste Frauen entspannt aussehen und verhindert offenbar auch das Resting Bitchface.

Letzteres scheint v.a. hilfreich für Frauen in Machtpositionen zu sein, bei denen offenbar nicht zählt, was sie leisten, sondern ob sie dabei lieblich aussehen:

Während Männer in Machtpositionen durchaus ernst oder streng dreinblicken dürfen, wird dies Frauen jeglichen Erfolgsgrades nicht zugestanden. Das kann im Alltag sehr anstrengend sein. Botox nimmt ihnen die Verantwortung für den eigenen Gesichtsausdruck ein Stück weit ab.

Der Text hat mich unendlich traurig und zugleich ratlos gemacht.

Einerseits halte ich es wie Frau Vrouwel: Jede Frau soll mit ihrem Äußeren machen, was ihr gefällt. Achselhaare rasieren oder nicht, Fake Lashes, Tatoos, schminken, Glatze, Leo-Stoffe lieben (wir sprachen in der letzten Weisheit darüber), Leggins tragen oder eben gar nichts von all dem – whatever.

Wenn jemand möchte, dann soll er/sie sich botoxen.

Die unendlich schwierige Frage ist eher: Warum möchte das jemand?

In der wahnsinnig tollen BBC Kurzserie Fleabag (z.B. auf Amazon Prime zu sehen), geht eine meiner Lieblingsszenen wie folgt: Fleabag und ihre Schwester sitzen in einem Vortrag einer renommierten Feministin. Es geht um gesellschaftliche Schönheitsideale. Die Rednerin fragt als Warmup ins Publikum: „Wer von Ihnen würde zwei Jahre ihres Lebens für den perfekten Körper opfern?“

Fleabag und Schwester haben die Arme schneller oben als die Kamera auf sie schwenken kann. Alle anderen schauen entsetzt in ihre Richtung und schütteln den Kopf. Darf man als Feministin einem Schönheitsideal nachhecheln?

Ganz ehrlich, ich hätte mich auch gemeldet. So bitter und widersprüchlich das zu meiner inneren Haltung ist.

Deswegen verstehe ich die Zeit Magazin Autorin, die sich für den vermeintlich leichteren Weg gegen das Altern entscheidet.

Dennoch – es ist so viel im Argen. Neulich war ich z.B. mit meinen Kindern auf einer Veranstaltung, bei der wir uns mit Namen und Alter vorstellen sollten. Die Hälfte der anwesenden Frauen druckste um die Altersaussage herum, die andere Hälfte sagte sowas wie „Ü30“ oder lachend „deutlich Ü30“.

Lediglich die 28jährige, sagte: „Ich bin 28“.

Wenigstens das kann ich. Einfach sagen: „Ich bin 42.“ ohne peinlich berührt zu sein.

Ebenfalls im Zeit Magazin las ich neulich den Artikel „No Sports„, der angeteasert wird mit den Worten:

Unsere Art-Direktorin hat keine Lust, ihren Körper zu optimieren. Sie will nicht kämpfen, sondern einfach nur gut leben.

Schon da möchte ich rufen: OH GOTT JA! Ich auch verdammt!

Die Autorin Jasmin Müller-Stoy schreibt:

Ich treibe keinen Sport, nicht ein bisschen. Aber nicht aus Prinzip – es fehlt mir schlichtweg die Zeit. Beziehungsweise: Es ist einfach nicht meine Priorität. Ich habe zwei Kinder im Kita- und Schulalter, arbeite tagsüber, und wenn ich abends heimkomme, will ich Zeit mit meiner Familie verbringen, ohne Joggen und Sit-ups. Wenn ich dann nicht zu müde bin, schaffe ich es noch, die Folge einer Serie zu schauen oder in einem Buch zu lesen. Oder ich treffe mich mal zum Essen oder gehe ins Kino. Das ist mir alles anstrengend genug. Ins Schwitzen komme ich dabei allerdings nicht.

So geht es mir auch. Zwei Kinder, der Job, der Haushalt und alle sonstigen Verpflichtungen. In meiner Freizeit will ich v.a. eines: meine Ruhe.

Mit meinem Körper habe ich verschiedene Phasen durchlebt. Bis ich 28 war, war ich superschlank und fit und konnte wirklich den letzten Schrott essen ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen.

Manchmal stand ich auf der Waage und stellte mir vor, wie unfassbar DICK ich sein würde, wenn ich mit 1,68 m wirklich mein Idealgewicht von 62 kg hätte und sorgte mich, ob ich dann noch einen Typen abbekommen würde.

Ich hörte auf zu rauchen, nahm gut 10 kg zu, bekam ein Kind, hungerte mir die überschüssigen Kilos nach der Geburt wieder ab,  bekam noch ein Kind, machte wieder Diät und machte regelmäßig Sport.

Dann bekam ich meine Herzmuskelentzündung und seitdem habe ich Scheu Sport zu machen (so richtig Spaß hat es mir körperlich nie gemacht, ich mochte lediglich das drumherum wie z.B. die Zombie Run App) und ganz offen gesagt: ich hab auch einfach gar keine Lust.

Ich habe immer wieder Phasen in denen ich nach der Arbeit innerhalb von 3 min auf dem Sofa einschlafe und dann um 21 Uhr nachdem die Kinder im Bett liegen und die Küche halbwegs aufgeräumt ist, wieder.

Alle zwei Wochen sind die Kinder beim Vater und da schaffe ich es dann sowas wie meinen Hobbys nachzugehen und nicht schon immer am frühen Abend einzuschlafen. Sport hat da keinen Platz.

Bevor ich 40 wurde, habe ich mich übrigens scheiden lassen und hatte eigentlich gar keine Lust jemals wieder eine langfristige Beziehung zu führen.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich auch aufgehört regelmäßig zu diäten. Ich hab alle meine Klamotten Größe 38 und kleiner an eine Freundin weitergegeben und mir einfach neue Klamotten in L und XL gekauft.

Irgendwie war ich es so satt. Die anschließende Erleichterung war phänomenal. Keine Relikte mehr im Schrank, die bei jedem Öffnen rufen: Hier kannst du dich vielleicht nochmal reinhungern! Was sind schon 5 kg?

Ich habe es mir auch so erklärt: So lange man noch nah am Jugend-, Schönheits- und Schlankheitsideal ist, sind Abweichungen schmerzhaft. Mit einigen Tricks, ein bisschen Diät und Schminke robbt man sich dann weiter an den Idealzustand.
Dann wird man 40 und älter und irgendwann sind es nicht fünf graue Haare sondern so viele, dass man sie nicht zählen kann und so viele Falten, dass man sie nicht wegschminken kann.
Dieser Übergang tut kurz weh und dann ist man zu weit weg von diesen Magazin-Schönheitsansprüchen und dann ist es einem (weitgehend) herzlich egal.

Ich habe immer wieder Rückfälle – zu dick, zu faltig, zu viele weiße Haare etc. pp – die Sozialisation wirft man eben nicht einfach über Bord.

Grundsätzlich habe ich aber für mich beschlossen, dass ich nicht durch mein Äußeres sichtbar sein muss.

Journelle hat zu diesem Thema (ebenfalls aufsetzend auf den Botox-Artikel) einen tollen Artikel geschrieben: Sichtbarkeit einfodern

Sie fragt:

Was für ein Ausmaß an Unterwerfung und Resignation offenbare ich, wenn ich mit einer Nadel voller Nervengift in der Stirn sage: „Es geht leider nicht anders. Wenn Du in unserer Welt wahrgenommen werden willst, musst Du den Männern gefallen.“

Weiter schreibt sie:

Sollten wir hieran etwas ändern wollen, kann die Antwort jedenfalls nicht lauten, Botox zu spritzen. Vielmehr geht es darum, Sichtbarkeit einzufordern, aber auch die vorhandene wirtschaftliche Macht zu nutzen. Ich habe einfach keine Lust Geld für Filme auszugeben, bei denen Männern ihre Wall-Street-Gott-Fantasien ausleben, ich lese keine Bücher von ehemaligen linken alten Männern, die nun verbittert Anerkennung fordern, ich zähle Frauen auf Podien und gehe Leuten auf den Sack, die dumme Sachen sagen. Ich fordere eine Quote, nicht obwohl, sondern weil ich mir wünsche, dass Posten nach Qualifikation und nicht Geschlecht vergeben werden. Mir ist es egal als dick, unfickbar, alt oder was auch immer zu gelten. Meine Existenz ist nicht an meine Attraktivität oder einen Prinzen gekoppelt. Ich führe eine Partnerschaft, keine Herrchen-Hund-Gemeinschaft.

Und da kann ich mich nur anschließen.

Deswegen glaube ich übrigens auch, dass es hilfreich ist selbst berufstätig zu sein und ein solides eigenes Einkommen zu generieren. Dann muss man z.B. nicht in Beziehungen ausharren, weil ja eigentlich der Mann das Haupteinkommen generiert (gräßlicher Text -> Die Ehe lebt vom Aushalten: „Ein Gehalt fällt weg, die Wohnung ist riesig, die Lage perfekt. Für eine freie Autorin ist das untragbar. Ihr Fast-Ex-Mann arbeitet in einer großen Werbeagentur.“) und kann gleichwertig Entscheidungen in der Beziehung treffen (vgl. „Studien deuten […] darauf hin […], als wirkten beim Ausgabeverhalten familieninterne Entscheidungsstrukturen und ökonomische Verhandlungspositionen“ – sprich – wer das Geld hat, entscheidet).

Es verleiht schon ein anderes Selbstbewusstsein, wenn man nicht Bittstellerin ist, wenn es um Ausgaben und Freizeitgestaltung geht.

Es macht vermutlich auch selbstbewusst zu wissen, was man kann, außer hübsch auszusehen.

G20 und mein Verständnis von Demokratie

Die letzten Tage war es schwer für mich meine Social Media Timelines auszuhalten. Die Videos, die ich während des G20 Gipfels gesehen habe, sind voller Gewalt. Besonders geschockt hat mich dabei das vereinzelte Vorgehen der Polizei. Ich schreibe vereinzelt, weil natürlich nicht alle Polizisten so gehandelt haben – aber es geht tatsächlich nicht um einige wenige Einzelfälle sondern um eine ganze Reihe von Gewalteskalationen.

Was ich an dieser Stelle erwarten würde, wäre ein kollektiver Aufschrei  von Politik und Medien, der jedoch in meiner Wahrnehmung zu großen Teilen ausbleibt.

Bevor ich weiter schreibe, eine (anscheinend nötige) Vorbemerkung:

Die Menschen, die sich selbst als Schwarzer Block bezeichnen, haben Straftaten begangen. Gar keine Frage. Sie haben das Hamburger Schanzenviertel verwüstet, Polizisten, Demonstranten und Unbeteiligte verletzt und große Sachschäden angerichtet.

Mir ist übrigens völlig schnuppe, ob diese Gewalttäter nun links, rechts, nur doof oder Krawalltouristen sind.

Mir geht es um den Schaden, den diese Menschen angerichtet haben und der ist, neben dem rein materiellen Schaden, aus meiner Sicht mindestens zweifach:

1.) Ihr Auftreten und ihre Medienpräsenz haben das Anliegen vieler Hundert – wenn nicht Tausend friedlichen, politisch engagierten, demokratisch gewillten Menschen, unsichtbar gemacht.

Wo Autos brennen, schafft es kaum ein Foto einer friedlich demonstrierenden Gruppe ins Fernsehen oder auf ein Titelblatt.

Alle konstruktiven Ansätze werden damit ausgelöscht. Das Bild in den Medien verzerrt sich.

Die Ereignisse treten so stark in den Vordergrund, dass am Ende nicht mal mehr interessiert, WAS da eigentlich auf dem G20 diskutiert wurde.

2.) Ihr gewaltsames Auftreten scheint außerdem für viele Argument genug, dass sich einige Polizisten so verhalten dürfen, wie in den letzten Tagen zahlreich per Videoaufnahmen und Augenzeugenberichten belegt.

Viele der Diskussionen, die ich in den letzten Tagen verfolgt habe, verlaufen nach folgender Logik: Polizisten sind auch nur Menschen, wenn die so unter Adrenalin stehen, dann kann es schon mal passieren, dass die rot sehen und ausrasten und auch mal zuschlagen.

Oder noch schöner: Allein schon der Name der Demo (Welcome to Hell) oder der Umstand, dass man sich – obwohl Eskalation möglich ist – auf einer solchen Demo aufhält, rechtfertigt, dass einem als Demonstrant auch Gewalt angetan werden darf.

Das geht schon alles sehr in die Argumentationsecke: Wer nicht vergewaltigt werden möchte, trägt halt keine aufreizenden Kleider.

Da wird mir wirklich schlecht.

Ich bin Bürgerin und ich habe das Recht meiner Meinung friedlich kund zu tun. Egal wie die Demo heißt. In einer Demokratie lebend, gehe ich davon aus, dass ich bei diesem Anliegen unterstützt und beschützt werde.

Ja, ein Polizist ist unterm Strich auch ein Mensch, aber er hat eine Ausbildung, die ihm ermöglichen sollte, dass es bei ihm selbst unter Adrenalin nicht „klick“ macht und er sich im Gewaltrausch wiederfindet.

Sollte er feststellen, dass dem so ist, sollte er dringend dafür sorgen nie wieder für solche Einsätze eingeplant zu werden.

Am besten fasst es dieser Tweet zusammen:

Die Polizei ist ein Staatsorgan.

Treffend schreibt Jasmin Schreiber in ihrem Blogpost:

Er [der Polizist] wird auch nicht als Hans-Peter angegriffen, sondern als Staatsorgan. Die Wut der Randalierer richtet sich nicht gegen die Person, sondern gegen den Staat, den diese Person repräsentiert, und gegen die „Klasse“ Polizei an sich. Hilft dem angegriffenen Polizisten da erst einmal nicht konkret, ist aber wichtig für das, was als Reaktion folgt und für unseren Diskurs. […] Polizisten sind darauf trainiert und diese Souveränität unterscheidet den Staatsdiener von der Privatperson. […]

Und wegen all dieser Dinge, wegen der diametralen Machtverschiebung und dem Unterschied in Waffen- und Schutzausrüstung muss man die Szenen, die sich in Hamburg abgespielt haben, ganz besonders scharf kritisieren und verurteilen.

Ich habe den letzten Teil des Zitats fett gekennzeichnet, weil ich dem zustimme. Weil mich Reaktionen großer Teile der Öffentlichkeit wirklich ratlos zurück lässt.

Sei es nun durch „Promis“ wie Nuhr, der anprangert, dass man sich über die Polizeigewalt aufregt

oder Statements von Teilen der z.B. Grünen, die in keinem Wort Aufklärung der Polizeiarbeit verlangen.

Das Statement endet mit einem Danke an die Polizei:

Wir danken der Polizei und allen Rettungskräften für ihren Einsatz und wünschen allen verletzten Polizistinnen und Polizisten und Rettungskräften eine schnelle und vollständige Genesung

Oder Martin Schulz, der twittert:

Bei letzterem könnte man vielleicht noch als Ausrede heran ziehen, dass Twitter und die Beschränkung auf 140 Zeichen es wirklich schwer macht gleichzeitig denen zu danken, die sich korrekt verhalten haben und Aufklärung im Rahmen der durch die Polizei begangenen Straftaten zu verlangen.

(Das oben in Teilen zitierte Statement von Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir hätte genug Möglichkeiten zur Differenzierung gelassen. Ich bin wirklich maßlos enttäuscht. Maßlos!)

Heribert Prantl schreibt in diesem Kontext:

Bei sogenannten Großlagen muss die Polizei zweierlei schaffen: Sie muss Gewalttätigkeiten verhindern und sie muss das Demonstrationsgrundrecht schützen. In Hamburg, beim G 20-Gipfel, hat sie leider beides nicht geschafft.

[…]

Das Versammlungsgrundrecht nach Artikel 8 war das Grundrecht der soeben zu Ende gegangenen Woche; es ist so malträtiert worden wie schon lange nicht mehr.

Lest bitte den ganzen Text, ich würde ihn am liebsten von irgendeiner Kanzel runterschreien:

Grundrechte sind kein abstrakter Kokolores

Und jetzt warte ich auf klare Statements von Politiker und Politikerinnen in dieser Sache. Ich warte darauf, dass sie deutlich machen, dass das was seitens der Polizei passiert ist, aufgearbeitet wird und dass diejenigen, die sich falsch verhalten haben, dafür Rechenschaft ablegen müssen.

Leider ist zu mir noch nichts durchgedrungen.

Im Übrigen verstehe ich auch nicht warum Menschen wie Dudde weiterhin (Gesamteinsatzführer der Hamburger Polizei) im Amt bleiben.

(Wen es näher interessiert, der kann sich mal rund um den Ausdruck „Hamburger Linie“ belesen – die Kurzfassung dazu: „Mehrfach wurden Einsätze unter der Leitung Duddes im Nachhinein von Gerichten kritisiert oder gar als rechtswidrig eingestuft„)

Es lohnt auch den Leserbrief von Professor Hans Alberts zu lesen, der an der Hochschule der Polizei in Münster lehrt(e?):

Was man anmerken muss, vielleicht vorwerfen, ist, dass ihre Positionen und Handlungen nicht dem Erkenntnisstand in der Polizei-Wissenschaft entsprechen. Jahrelang haben wir an der Hochschule der Polizei in Münster Versammlungsszenarien durchgespielt und immer wieder festgestellt, dass eine harte Linie nur zur Eskalation führt und es dann eine seltsame Achse zwischen den Hardlinern der Polizei und den gewaltbereiten Chaoten gibt

Genauso viel könnte ich jetzt nochmal über den Umgang mit der Presse schreiben. Muss ich aber nicht, weil Jasmin Schreiber das bereits getan hat (Absatz „Polizeigewalt gegen Regierungs- und Pressevertreter„).

Zahlreich auch die Beispiele wie mit nahezu unbeteiligten Menschen umgegangen wurde. Ein Beispiel habe ich hier ergänzt.

Jedenfalls, was ich sagen möchte: Unter Demokratie verstehe ich etwas anderes.

In unserem Podcast Der Weisheit berichtet Marcus Richter davon, dass sich das Bild der Polizei in den USA in den letzten Jahren vom Guardian zum Warrior verschoben hat und sich somit von demokratischen Grundideen wegbewegt (Mit dieser Idee arbeitet z.B. der Artikel „From Warriors to Guardians: Recommitting American Police Culture to Democratic Ideals„).

Ich finde dieses Bild sehr stark. Vom Beschützer zum Krieger. Das Bild kam mir während des G20 Gipfels sofort in den Kopf. Hamburger Linie eben. Hart durchgreifen. Eskalation und Kollateralschäden werden dann in Kauf genommen.

Ich bin sehr gespannt, wer dieses Thema nachhalten wird. Große Teile der Medien tun es nicht, die großen Parteien wohl auch eher nicht. Wer also?

— Nachtrag: Kommentare sind jetzt ausgestellt, weil ich gerade keine Möglichkeit zur Moderation habe —

Gender-Gejammer über Gender-Gejammer

Die Strasse ist nass
Quelle: Unspash.com @Devon Janse van Rensburg

Der 2. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung ist da. Anlass für manchen Journalisten (in der Kurzbiographie als Experte für Hartz IV, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Armuts- und Gerechtigkeitsdebatten angepriesen) sich zum angeblichen Gender-Gejammer zu äußern. Denn Forschung hin oder her – natürlich sind es die Frauen selbst schuld, wenn sie Nachteile erleben, denn sie entscheiden sich ja aus freien Stücken einen schlecht bezahlten Job zu haben, zu heiraten, Kinder zu bekommen und in Elternzeit zu gehen und schließlich zur Rückkehr in Teilzeit.

Is klar. Ist bestimmt sehr schön in dieser neoliberalen Welt. Zumindest wenn man auf der Plusseite ist. Da kann man sich dann sagen, dass man das auch alles selbst verdient hat. Mit Strukturen und Privilegien hat das schließlich nichts zu tun.

Leider kann nicht jeder Journalist gut mit Komplexität umgehen und auch Logik ist nicht jedermanns Sache. Da kann es schon mal passieren, dass man aus „Die Straße ist nass, weil es geregnet hat“ schließt, dass es umgekehrt immer geregnet haben muss, wenn die Straße nass ist.

Aber gut.

Ich hab mir den Bericht durchgelesen und kann das sehr empfehlen. Er ist erstaunlich verständlich geschrieben und doch sehr erhellend.

Vor einigen Tagen schrieb ich über „Betriebswirtschaftlich maximierte Elternschaft“ und dem ewigen Argument, der Mann verdiene ja mehr und deswegen bleibe logischerweise die Frau zuhause, wenn das Kind krank ist und was das für den Lebenslauf der Frau langfristig bedeutet.

Im Gleichstellungsbericht klingt das wie folgt:

Viele Paare artikulieren heute ein Beziehungsideal der egalitären Arbeitsteilung.

Im Anschluss an die Familiengründung ist jedoch bei vielen eine Retradi-tionalisierung zu beobachten: In erster Linie sind es die Mütter, die ihre berufliche Karriere unterbrechen, ihre Erwerbsarbeit einschränken und die Sorgearbeit im Haushalt übernehmen; die Väter konzentrieren sich auf die Erwerbsarbeit.

Zwar streben Eltern dieses Modell der intrafamilialen Arbeitsteilung oft nur für eine vorübergehende Lebensphase, in der die Kinder noch klein sind, an.

In der gelebten Wirklichkeit verfestigt es sich jedoch vielfach, es prägt sich die Zuverdienst-Ehe aus. In dieser Konstellation arbeiten Frauen – oft in geringfügig entlohnten Beschäftigungsverhältnissen – Teilzeit, tragen nur einen klei- neren Teil zum Haushaltseinkommen bei und sind auf Einkommensübertragungen, also Unterhaltsleistungen, ihres in Vollzeit verdienenden Partners angewiesen.

Sprich: In der Theorie wollen sich Paare alles gleichberechtigt aufteilen – in der Praxis tun es viele nicht, v.a. dann nicht, wenn Kinder geboren werden und auch da ist dieses Ungleichverhältnis theoretisch lediglich für die ersten Jahre angedacht, wird dann aber dauerhaft praktiziert.

Zu dieser Entwicklung im Lebensverlauf tragen nicht nur Schwierigkeiten beim beruflichen Wiedereinstieg nach einer sorgebedingten Erwerbsunterbrechung bei, die mit arbeitszeitlichen und arbeitsorganisatorischen betrieblichen Strukturen, mit Qualifizierungs- und Qualifikationsproblemen und Defiziten bei der Betreuungsinfrastruktur zusammenhängen.

Vielmehr enthalten das Einkommensteuer- und das Sozialversicherungsrecht für Verheiratete und – sofern rechtlich gleichgestellt – Eingetragene Lebenspartnerinnen und Lebenspartner Anreize für eine innerfamiliale Arbeitsteilung, bei der ein Elternteil hauptsächlich Erwerbsarbeit, der andere hauptsächlich Sorgearbeit leistet.

[…]

Einkommensteuer- und Ehegüterrecht beeinflussen auch die Ressourcenverteilung innerhalb von Ehen und Eingetragenen Lebenspartnerschaften. So wird bei der Einkommensteuer in der Steuerklassen- kombination III/V die Wirkung des Ehegattensplittings nicht gleichmäßig auf die gemeinsam veranlagenden Personen verteilt.

Damit fällt das laufende Nettoeinkommen für den Partner oder die Partnerin in Steuerklasse V, gemessen am Beitrag zum Erwerbseinkommen des Paares vor Steuern, relativ gering aus.

Im gesetzlichen Ehegüterrecht führt die Gütertrennung in der sogenannten Zugewinngemeinscha dazu, dass in Ehen und Eingetragenen Lebenspartnerschaften, in denen auch nur vorübergehend eine asymmetrische Arbeitsteilung besteht, lediglich die vermögende Person oder die Person mit dem höheren Erwerbseinkommen wirtschaftliche Verfügungsgewalt über den gemeinsam erarbeiteten ehelichen Zugewinn erhält.

Institutionell vermittelte Ressourcenzuweisungen dieser Art beeinflussen die Entscheidungs- und Verhandlungsmacht bei Paaren in einer Weise, die partnerschaftlichen Lösungen abträglich sein kann.

Bereits der Erste Gleichstellungsbericht stellte fest: Recht setzt oder unterstützt Rollenbilder, die auf das Entscheidungsverhalten von Männern und Frauen einwirken und damit Risiken und nachteilige Folgen im Lebensverlauf vor allem für Frauen begründen, aus denen sich gleichstellungspolitischer Handlungsbedarf ableitet.

Quelle: 2. Gleichstellungsbericht, S. 123

Man könnte meinen, dass diese Zeilen selbst für bestimmte FAZ Journalisten verständlich sein könnten (setzt natürlich voraus, dass man überhaupt mal in den Bericht gelesen hat – was ich stark anzweifle, denn sonst wäre man mit so einem Kommentar nicht als undifferenziert, sondern schlichtweg als blöd zu bezeichnen).

Jedenfalls: Mitnichten entschließen sich Frauen und Paare aus freiem Willen zu entsprechenden Modellen.

Wen es interessiert: Ab S. 124 kann man dann die entsprechenden politischen Forderungen, die sich aus dem oben genannten Ungleichgewicht ableiten lassen, nachlesen:

Abbau einkommensteuerrechtlicher Anreize zur Spezialisierung auf Erwerbs- und Sorgearbeit in der Ehe, hierbei:

  • Streichung der Lohnsteuerklasse V
  • Weiterentwicklung zu einem Realsplitting

Für die beitragsfreie Mitversicherung, lauten die Empfehlungen der Sachverständigenkommission:

  • Einführung eines eigenständigen Zugangs zur Kranken- und Pflegeversicherung
  • zeitliche Begrenzung der beitragsfreien Versicherung
  • Ausweitung der beitragsfreien Versicherung auf Angehörige von Wahlfamilien

Und schließlich bezogen auf Minijobs:

  • Besteuerung von Einkommen aus geringfügiger Beschäftigung
  • Einführung einer Sozialversicherungspflicht für geringfügige Beschäftigung

Die Sachverständigenkommission empfiehlt in Bezug auf das Güterstandsrecht:

  • Einführung des gesetzlichen Güterstands der Errungenschaftsgemeinschaft
  • Informationspolitik betreffend: Umbenennung des Güterstands der Zugewinngemeinschaft; frühzeitige Vermittlung von Informationen über die Folgen von Ehe und Eingetragener Lebenspartnerschaft; Einbeziehung ehe- und familienrechtlicher Fragen in Programmen zur Förderung der finanziellen Allgemeinbildung („financial literacy“)
  • Untersuchung der Praxis der Eheverträge und eine Beratungspflicht vor Vereinbarung einer Gütertrennung

Dass das Allein- oder Zuverdienermodell in Deutschland die Regel ist (v.a. in Haushalten mit Kindern unter 16 Jahren), belegen die Zahlen auch:

Der Anteil der Paare mit Kindern unter 16 Jahren, bei denen beide vollzeiterwerbstätig sind, macht nur 22,2 % aus;

bei 45,4 % dieser Paare arbeiten die Mütter in Teilzeit, bei 20 % ist die Frau nicht erwerbstätig (Wanger/Bauer 2015: 7f.).

Quelle: 2. Gleichstellungsbericht, S. 41

Man entscheidet sich also in der Mehrheit für die Variante Mann ist Hauptverdiener und die Partner gehen davon aus, dass das verdiente Geld im Anschluss beiden Partnern gleichermaßen zur Verfügung steht. Dem scheint aber nicht so zu sein.

Studien deuten allerdings darauf hin, dass die Partnerinnen und Partner ihre Ressourcen keineswegs zur Verwendung „in einen Topf werfen“; vielmehr sieht es danach aus, als wirkten beim Ausgabeverhalten familieninterne Entscheidungsstrukturen und ökonomische Verhandlungspositionen (Beblo 2012: 193; Beblo/Beninger 2013; siehe auch Rees 2017).

Quelle: 2. Gleichstellungsbericht, S. 41

D.h., der, der mehr verdient, entscheidet dann auch was mit dem Geld passiert.

Dazu passt der folgende Tweet:

Logisch. Wenn meine Partnerin nicht weiß, was ich genau verdiene, dann kann Gleichverteilung gar nicht erst eingefordert werden.

Fest steht – hat man sich einmal für das Ungleichgewicht entschieden, ist das auch langfristig kaum auszugleichen.

Die Nachteile eines auch nur vorübergehenden Ausstiegs aus der Erwerbsarbeit oder einer länger andauernden Teilzeitbeschäftigung lassen sich über den Lebensverlauf hinweg kaum kompensieren.

Quelle: 2. Gleichstellungsbericht, S. 42

Und (wenig überraschend), wer mehr verdient, hat größeren Einfluss auf die Entscheidungen:

Für die Ergebnisse der Aushandlungsprozesse innerhalb von Paaren über die Verwendung von Zeit und Einkommen im Haushalt spielt eine Rolle, wie stark sich die eigenen Einkommenspotenziale der beiden Verhandelnden voneinander unterscheiden.

Was die Gleichverteilung der Care-Arbeit angeht, ist es tatsächlich so: je früher sich der Vater entscheidet sich mit seiner Partnerin die Care-Arbeit zu teilen, desto besser klappt es tatsächlich mit der Gleichberechtigung.

Je früher Väter Verantwortung in der Betreuung und Erziehung von Kindern übernehmen, desto nachhaltiger lässt sich eine partnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen den Eltern verwirklichen (vgl. C.V).

Quelle: 2. Gleichstellungsbericht, S. 42

Zusammenfassend kann man also sagen: Es geht mitnichten um freie Entscheidungen. Die Aushandlungsprozesse sind abhängig von gesellschaftlichen, ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen.

Die oben genannten Rahmenbedingungen stellen somit die Weichen für bestimmte Entscheidungen und begünstigen bestimmte Szenarien eben so, dass es sich im Durchschnitt negativ für Frauen auswirkt (Gender Pay Gap, Gender Time Gap, Gender Pension Gap).


P.S. Fürs Protokoll: Der Gleichstellungsbericht behandelt noch sehr viel mehr Fragen als die hier angesprochenen. Der Blogartikel ist nicht annähernd eine Zusammenfassung des Berichts.

Betriebswirtschaftlich maximierte Elternschaft

Elternschaft
Das Kind ist krank. Wer bleibt Zuhause?

Manchmal twittere ich einen Gedanken und bekomme über 100 Replys und dann weiß ich: ups, das ist vielleicht ein Thema, über das man mehr als 140 Zeichen schreiben könnte. So geschehen diese Woche:

Bevor ich ein paar Gedanken dazu aufschreibe: Ja, #notallmen und ja, es gibt ganz bestimmt eine Reihe von Einzelfällen, in denen meine Aussage nicht oder nur begrenzt zutrifft.

Explizit ausschließen möchte ich alle Familien, in denen die Finanzen wirklich so knapp sind, dass man über gar nichts nachdenken muss, ausser über die Frage: Wie kommt diesen Monat genug in die Kasse, damit wir alle ordentlich leben können.

Ich rede eher über Paare/Eltern in meiner relativ gut verdienenden Akademiker-Filterbubble, in der es bezahlbare Kinderbetreuungsplätze ab dem ersten Lebensjahr gibt.

Der Lebenslauf, den ich hier oft beobachte, sieht wie folgt aus: gut ausgebildetes Akademikerpaar, beide seit einigen Jahren im Job, nahezu gleiches Einkommen, entschließen sich ein Kind zu bekommen.

Kind kommt, Mutterschutz, Mutter macht 12 Monate elterngeldgestützt Elternzeit, Vater lebt offensiv Vaterschaft, macht 2 Monate Elternzeit, oft geht es in dieser Zeit auf eine längere Reise.

Kind kommt in den Kindergarten, Mutter geht max. 20 Stunden arbeiten, Vater geht wieder Vollzeit arbeiten.

Kind wird krank, Mutter kümmert sich.

Kind hat Vorsorgetermin beim Kinderarzt, Mutter geht hin.

Um 15 Uhr ist Frühlings-, Sommer-, Weihnachtsfeier, Mutter geht hin. (Vater erscheint um 18 Uhr zum Abschluss des Festes und holt die Familie ab).

Es gibt Amtsgänge zu erledigen (Kitagutschein, Schulanmeldung, Hortanmeldung, Infotage weiterführende Schule), Mutter geht hin.

Nachfrage: Warum nicht mal (oder nur ausnahmsweise) der Vater?

Antwort: „Das geht nicht, der Arbeitgeber sieht das nicht gerne“ oder „Das geht nicht, das schadet der Karriere“ oder „Das geht nicht, der Gehaltsausfall ist viel größer, der Mann verdient eben viel besser.“

Ich sach mal als berufstätige Frau so: Mein Arbeitgeber war immer korrekt und höflich, aber von Herzen freut der sich auch nicht, wenn ich ausfalle. Warum es also scheinbar der männlichen Karriere deutlich abträglicher als der weiblichen Karriere sein soll, wegen der Kinder auszufallen, erschließt sich mir nicht.

Haupt-Antwort (inhaltlich) auf meinen Tweet war stets: Einfache Rechnung. Derjenige, der weniger Geld verdient, nimmt zuerst seine Krankentage, dann der andere. 

oder

Kannst ja mal mitrechnen: Wenn mein Mann einen Kinderkrankentag nimmt, fehlt drei Mal so viel an Einkommen.

So denken und handeln offenbar sehr, sehr viele. Man entscheidet sich frei [1], wählt das Zuverdiener- oder Einverdiener-Modell und dreht sich dann im Kreis. Denn 20-Stunden-Jobs sind eben in den meisten Fällen nicht so abwechslungsreich und gut bezahlt wie Vollzeitstellen. Es gibt dann in der Regel den männlichen Hauptverdiener und die weibliche Zuverdienerin, die in Relation eben nicht die Hälfte eines Vollzeiteinkommens sondern nur einen Bruchteil des männlichen Vollzeiteinkommens verdient und deswegen, so das Argument oben, eben die Ausfallzeiten für das Kind (oder die Kinder) übernimmt.

Das wiederum führt dazu, dass sie langfristig nicht besser verdienen wird, dass sie die Stunden nicht aufstocken wird, was wiederum dauerhaft dazu führt, dass das Argument „Aber er verdient eben mehr, da wären wir ja schön doof, wenn der Vater mit dem Kind zuhause bleibt.“ gilt.

Kino mit den Kindern oder gleichberechtigte Elternschaft. Das könne ich ja gerne mal den Kindern erklären.

Hmmm.

Fast ein Drittel aller Ehen werden geschieden.

Das obige Modell: Mann verdient, Frau kümmert sich um die Kinder ist eigentlich ein langfristig angelegtes Modell. Man nimmt die Gefälle in Kauf, weil man ja ein Team ist. Die Frau investiert Lebenszeit in die Familie, der Mann investiert Lebenszeit in den Job. Es gibt ein Familieneinkommen, das geteilt wird. Wenn die Rente kommt, gilt das immer noch. Die Frau hat dann fast (oder gar keine) gesetzliche Rente, aber der Mann ja und das teilt er.

Für die Frau gilt diese Vereinbarung in der Regel bis ans Lebensende und zwar unabhängig davon, ob die Scheidung kommt, oder nicht.

Sie muss nämlich damit dauerhaft leben, dass sie womöglich jahrelang nicht oder wenig gearbeitet und sich dafür um die Kinder gekümmert hat.

Für den Mann gilt die Vereinbarung oft (#notallmen) bis zur Scheidung.

Ich habe leider keine Zahlen zum Thema Eheverträge gefunden. Persönlich kenne ich kein Paar, das mit Ehevertrag geheiratet hat. Ich würde denken, es handelt sich nach wie vor um eine Minderheit, die mit Ehevertrag heiraten.

Es bleibt also eine mündliche Vereinbarung, die im Falle einer Scheidung durchgestritten werden muss. Aber plötzlich hat man das nicht gemeinsam entschieden, sondern die Frau wollte ja nie arbeiten und jetzt ist sie selbst schuld, dass sie nicht ordentlich verdienen kann, dass sie nicht finanziell unabhängig ist…

Aber egal. Vielleicht werde ich aufgrund der Beobachtungen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zynisch.

Ich wollte noch auf ein paar andere Gedanken raus, die ich in dem Zusammenhang hatte:

Kennt ihr z.B. gut verdienende Männer, die ihren Frauen, die gerade wenig oder gar nicht arbeiten, weil sie das als Paar mit Kindern so geregelt haben, z.B. private Rente oder eine Pflegeversicherung zahlen, so dass sie im Vergleich zu ihm auch auf dem Papier im Alter nicht schlechter dastehen?

(Wie viele Paare kennt ihr, bei denen der Mann sein Gehalt einfach auf ein Familienkonto überweisen lässt und die Frau kann frei darüber verfügen? Wie viele, wo nur ein Teil darauf geht? Wie viele, bei denen die Frauen Geld zugewiesen bekommen?)

Und um jetzt endlich auf das Thema gleichberechtigte Elternschaft zurück zu kommen: Für mich sind Vater und Mutter grundsätzlich erstmal gleichwertige Elternteile. Das Kind wird geboren, weder der Mann noch die Frau haben Vorerfahrungen, man wurschtelt sich so rein. Elternschaft hat dann für mich immer mehr etwas mit aufgebauten Kompetenzen und gemachten Erfahrungen zu tun, die sich wiederum auf die Elter-Kind-Bindung auswirken.

Zum Elternsein gehört für mich Kinderalltag. Füttern, Windel wechseln, zum Kinderarzt gehen, vorlesen, basteln, zu Kinderfesten gehen, am Krankenbett wachen, fünf Mal pro Nacht aufwachen, nochmal fünf Mal pro Nacht aufwachen, und nochmal obwohl man echt nicht mehr kann, Stress haben, weil in einem wichtigen Meeting die Kita anruft: Kind ist gefallen, Platzwunde, vor der Geschäftsreise am Kopf des Kindes Läuse entdecken (Kind kann nicht in die Schule!), todmüde nach der Arbeit kochen, nach dem Kinderinsbettbringen noch einen Kuchen backen, etc.

Das erleben, diese Erfahrungen machen, diesen Stress aushalten, das hat a) was für mich mit Elternschaft zu tun und b) sich das gerecht zu teilen, hat für mich was mit gleichberechtigter Elternschaft zu tun.

Alles andere ist für mich Schönwetterelternschaft. Kann man machen, schadet den Kindern nicht, ist nicht verwerflich, hat auch nichts damit zu tun, ob der Elternteil das Kind liebt oder nicht, ist aber eben nicht gleichwertig mit dem was der/die Partner/in leistet und erlebt, wenn er/sie die ganze Palette mit begleitet.

Nach der Kleinkindphase (und dann fortlaufend), ist es für mich eine Überlegung wert, ob man wirklich immer nach dem Geld gehen muss und was das auch langfristig für Effekte hat.

Ja, vielleicht verdient ein Partner an dem Tag mehr, aber wenn es dem „Karriereaufbau“ des anderen Partners dienlich ist (z.B. Probezeit, Konferenz, Möglichkeit gute Kontakte knüpfen, Fortbildung etc.), wieso dann nicht mal die rein betriebswirtschaftlichen Aspekte zugunsten einer zukünftigen beruflichen Entwicklung zurück stecken? Wieso nicht gemeinsam daran arbeiten, dass der 2. Partner langfristig in einer ähnlich guten beruflichen Position ist wie Partner 1?

Ich kenne genau drei Paare, die so handeln. Aus verschiedensten Gründen gibt es da einen Partner der/die deutlich mehr verdient als der/die andere. Dennoch übernimmt der gut verdienende Partner Krankentage oder lässt einen Job sausen (sofern z.B. freiberuflich), um dem anderen Elternteil ein berufliches Aufholen zu ermöglichen.

Rechnet sich oft nicht – sie machen es aber trotzdem. Eben aus den genannten Gründen: gleichberechtigte Partnerschaft und gleichberechtigte Elternschaft, gleichwertige Bindung zum Kind.

Unvorstellbar für die allermeisten (wenn ich wieder in die Antworten auf meinen Tweet schaue): Es gibt gut verdienende Väter, die sich einen Tag mit ihrem kotzenden Kind um die Ohren hauen, während die Mutter (schlechter bezahlt) arbeiten geht.

Für mich persönlich (bitte nochmal oben lesen: mir ist klar, dass ich privilegiert bin wegen der guten Kinderbetreuung, meiner Ausbildung und meines Jobs) habe ich gelernt: Gleichberechtigung in der Partnerschaft und in der Elternschaft bedeuten oft nicht den effizientesten, den effektivsten Weg zu gehen oder die rechnerisch wirtschaftlichste Entscheidung zu treffen.

Und speziell in den Fällen, in denen es wirklich nicht darum geht, ob man am Ende seine Fixkosten gut bezahlen kann, sondern darum, ob man am Ende des Monats 230 oder 320 Euro übrig hat, ist es für mich wirklich nicht nachvollziehbar, warum man(n) sich trotzdem immer auf dem Ich-verdiene-halt-mehr-Argument ausruht.


[1] Ich sehe da eher strukturelle Probleme, an denen auch die Politik noch deutlich drehen könnte, denn wenn Kinderbetreuung nicht da ist, absurd teuer oder qualitativ minderwertig ist, entscheidet man natürlich auf einer völlig anderen Basis als wenn man sein Kind günstig und liebevoll betreut weiß.

Kinderfilme, die ich ertragen kann

Ich finde es ziemlich schwierig Kinderfilme zu finden, die ich gerne mit meinen Kindern anschauen möchte.

Im Grunde suche ich ständig Methadon für Studio Ghibli Filme: Wunderbare, zauberhafte gleichberechtigte Charaktere, warmherzige nicht allzu spannungsreiche Geschichten.

Mich nervt es z.B. maßlos, dass ein Großteil der gängigen Kinderfilme v.a. männliche Protagonisten haben, die im allerbesten Fall einen weiblichen Sidekick aufweisen können. Dieser Sidekick darf dann süß sein, vielleicht ein bisschen witzig, aber gleichwertig (wie das Wort schon sagt) eben nicht [1].

Viele künstlerische Filme (folgt den Filmempfehlungen des Kinderfilmblogs), nehmen meine wenig fernsehschauenden Kinder emotional zu sehr mit. Bei O Menino O Mundo z.B. haben die Kinder Rotz und Wasser geheult und ich war hin und her gerissen, ob wir abbrechen (dann aber die Anspannung in den Kindern lassen) oder die Auflösung am Ende schauen, so dass die kleinen Herzen ihren Frieden finden.

Wie gesagt, es gibt tausende von tollen Kinderfilmen, die aber für sensible Kinder emotional schnell zu viel werden. Es bleibt also das Problem Filme zu finden, die ich gut finde (u.a. weil sie auch eine gute Botschaft vermitteln), die aber gleichzeitig nicht zu sehr mitnehmen.

Umso mehr freue ich mich, wenn ich dann ab und an total unerwartet Filme sehe, die eine große Diversität und eine unterhaltsame Story haben. Storks z.B. kann ich wärmstens empfehlen.

Eine sehr technikaffine weibliche Hauptdarstellerin (Tulip) erlebt bei dem Versuch ein versehentlich „produziertes“ Baby an die ursprünglichen Bestellereltern zu liefern gemeinsam mit einem Storch (Junior) lustige Abenteuer. Im Film haben die Baby alle erdenklichen Haut- und Haarfarben und die Familien reichen von Alleinerziehenden, über gleichgeschlechtliche Paare bis Großfamilien. Ganz abgesehen davon ist der Film (die Wölfe!) sehr witzig und der Soundtrack dazu toll!

Jedenfalls, gestern haben wir Sing gesehen und auch dieser Film ist mir sehr nachgegangen.

Tatsächlich gibt es sehr ausgewogen weibliche wie männliche Charaktere, die alle über sich hinaus wachsen und das auf eine sehr schöne Art und Weise.

Die Story ist schnell erzählt: Der Koala Buster Moon ist erfolglloser Betreiber eines alten Theaters und versucht mit einer Castingshow einen letzten Anlauf das verschuldete Etablissement zu retten. Aufgrund eines kleinen Unfalls werden die Werbeflyer mit einem Preisgeld von 100.000 statt 1.000 Euro in der Stadt verteilt.

Das Interesse ist natürlich riesengroß und am Ende begleitet man eine kleine Auswahl von begnadeten Freizeitsängerinnen und -sängern.

Da ist die Schweinemama Rosita, die ein unsichtbares Leben als Hausfrau fristet, kaum wahrgenommen vom gestressten Büroschweinegatten und den 25 Schweinekindern.

Ebenfalls im Schatten ihres egomanen Partners lebt Ash, ein Stachelschweinmädchen, das Punkrock liebt.

Außerdem mit dabei Meena, ein soziophobisches Elefantenmädchen, sowie Johnny ein Gorillateenager, der nicht in die Fußspuren seines Vaters treten möchte und die überhebliche, spielsüchtige Maus Mike.

Sie alle treten (Spoiler!) am Ende nicht gegeneinander sondern miteinander auf und werden als Individuen sichtbar.

(Größtes Identifikationspotential hatte für mich natürlich die Schweinemama, die, um proben zu können, eine Ehemann- und Kinderversorgungsmaschine baut und deren Nichtanwesenheit solange alles läuft, nicht mal bemerkt wird).

Jedenfalls: Heute Morgen kam noch Kind 2.0 und ergänzte: „Ist Dir aufgefallen, dass alle unterschiedlich alt sind? Und dass sie so sein dürfen wie sie sind und sogar die Mädchen nicht schlank und süß sein müssen?“

In der Tat spielen zwei ältere Damen mit (die 200jährige Chamäleondame Matilda Crawly und die Gesangslegende Nana Noodleman) und Schweine und Elefantenmädchen sind einfach wie sie sind: sehr groß, stark und massig.

(Anders z.B. in Zoomania, wo das Hasenmädchen niedlich und zart ist, die Tiger Sixpacks haben und die Sängerin am Ende auch sexy sein muss – wobei ich den Film wirklich auch sehr gerne mochte, aber ich fand es schön, dass bei Sing keine Weiblichkeitsüberzeichnung und kein Spielen mit Klischees nötig war…)

Kurz gesagt: Sing hat mich überrascht (zumal immer noch gilt: Mir gehen Gesangsszenen in Filmen sehr schnell auf die Nerven).

Für weitere Empfehlungen bin ich offen, lasst gerne eure Tipps da!

 


[1] Manchmal gibt es sogar so absurde Dinge wie dass eine Comicverfilmung den gleichberechtigten weiblichen Part einschrumpft (aktuell Valerian – ursprünglich Valerian und Veronique).

Da fällt mir auch wieder ein: Hoffentlich sind die Kinder bald alt genug für Force Awakens und UIUIUI dieses Jahr geht es weiter mit Rey!

Fidget Spinner – des Kindes Rosenkranz

Fidget Spinner
Early Adopter Kind 3.0 brachte den Fidget Spinner in unseren Haushalt

Wißt ihr noch? Damals die Loom Gummis? Einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Altersvorsorge habe ich in ca. 200.000 Loom Gummis angelegt    [1].

Nach den Loom Gummis zog über uns ein Star Wars Hype hinweg, dann bedeckte uns die Pokémon Karten Welle und nun sind es die Fidget Spinner.

(Fidget heißt übrigens „Zappelphilip“)

Vor ca. zwei Wochen kam Kind 3.0 zu mir und wollte einen Fidschuht Spinna. Ähnlich wie damals bei den Bauer Räinschan, habe ich einige Zeit gebraucht um herauszubekommen, was das sein könnte.

Der Weg wie diese Dinge in die Welt und dann zu Kind 3.0 finden, ist gleichermaßen mysteriös wie bemerkenswert.

Noch lange bevor das erste Kind einen Fidget Spinner hatte, erzählten sich die Kinder Legenden. Es gäbe welche, mit denen könne man Gemüse schneiden!

Ein sehr gutes Argument, um das Ding den Eltern schmackhaft zu machen: „Wenn Du mir eins kaufst, kann ich Dir helfen Zucchini zu schneiden. Auch Äpfel und Möhren sind kein Problem!“ versicherte mir Kind 3.0.

Wenig später kam das Kind von der Schule und berichtete von unglaublichen Kunststücken, die man mit den Fidget Spinnern machen könne. In A-M-E-R-I-K-A (!) gäbe es Kinder, die den Spinner drehend von einem Finger auf den anderen springen lassen könnten.

Zum Weltkindertag hatten dann plötzlich gefühlte 3/4 aller Kinder einen Fidget Spinner.

Da die Kinder bei uns zum Kindertag nichts bekommen, musste das arme Kind 3.0 sein gesamtes Taschengeld ausgeben, um sich einen eigenen Spinner zu kaufen: „Mama, Du weißt doch. Ich mag gerne die neuen Sachen ganz am Anfang mitmachen!“.

Early Adopter nennt man sowas wohl.

Wie es dann an Schulen mit allen Neuerungen und Dingen ist, die Kinder über die Maßen begeistern – schon am nächsten Tag waren die Spinner verboten [2].

Aber noch mal einen Schritt zurück.

Was ist ein Fidget Spinner?

Ein Fidget Spinner ist eine Art Kreisel, den man auf einem Finger balancieren kann. In der Mitte befindet sich ein Kugellager und außen – je nach Bauart – Flügel mit kleinen Gewichten. Der Spinner wird angedreht und dreht dann einige Sekunden (oder Minuten).

Wo kommt der Fidget Spinner her?

Die Urform wurde in den 90ern von Catherine Hettinger erfunden. Die Kosten für das Patent konnte sie aber nur acht Jahre tragen. Sie trat mit ihrer Idee an verschiedene Spielzeugfirmen und tatsächlich hat Hasbro das Spielzeug Anfang der 2000er mit einigen Kunden verprobt, da die Idee die Probekunden nicht überzeugte, nahm man jedoch Abstand von ihr.

Aufgrund der enormen Popularität versucht Catherine Hettinger nun auf Kickstarter ihre ursprüngliche Idee zu finanzieren.

Wieder aufgekommen ist die Idee vielleicht im Zusammenhang mit der Crowdfunding Kampagne um einen Fidget Cube. Dort wurden in kürzester Zeit 6,4 Millionen Dollar (Ziel waren 15.000 Dollar) für ein ähnliches Fingerbeschäftigungsspielzueg gesammelt.

Das Crowdfunding ging auf der Plattform als die 9. erfolgreichste Kampagne seit Gründung ein.

Wie dann der Kreisel in die amerikanischen Klassenzimmer gefunden hat, konnte ich nicht nachvollziehen. Forbes berichtet schon Dezember 2016 von dem Hype.

In den USA wurden die Fidget Spinner übrigens genauso schnell verurteilt wie in Deutschland (Kulturpessimismus folgt den selben Regeln). Ein Kind läuft auf den Finger Spinner fokussiert fast vor ein Auto. Klarer Fall von: Das Spielzeug ist vom Teufel. Die armen Kinder sind besessen! An nichts anderes können sie mehr denken. Sie spielen den ganzen Tag damit. Verbieten!

(Ich frage mich wirklich, wann irgendwer mal drauf kommt, dass es vielleicht ein völlig normaler Teil der Kindheit und Jugend ist, sich exzessiv mit DIngen zu beschäftigen und über die Maßen begeisterungsfähig zu sein… und sich dann im nächsten Schritt zu fragen, wie man das vielleicht nutzen könnte… )

Ich finde es jedenfalls faszinierend, was man alles damit machen kann.

Man kann sich auch welche selbst bauen:

(Bestimmt kommt da bald noch was besseres von Bea Beste)

Irre ist auch die Varianz der Fidget Spinners. Sie leuchten, glitzern, klingeln:

Deswegen to keep a long story short: Vielleicht mal mit den Kindern begeistern, statt zu rufen: Wasn Scheiß! Wie nutzlos! Gefährlich! Untergang des Abendlandes!


[1] Das sei den Skeptikern meines letzten Blogbeitrags zur Beruhigung gesagt. Ich habe eine Mischstrategie, was meine Altersvorsorge angeht: Riester Rente, Aktien, Häuser, Goldbarren, Loom Gummis und zwei Tonnen Schleichtiere.

[2] Wie ich diese Kultur hasse! Statt Dinge aufzunehmen, die Kinder begeistern: VERBOT!

Twitterlieblinge, so antizyklisch, dass der Rhythmus jetzt wieder stimmt

Jeder ihren Dilettanten-Feminismus

Feminismus
Viele, vielleicht auch kleine, Feminismen | Fotoquelle: geralt @Pixabay

Neulich habe ich eine Überraschungsparty für jemanden organisiert, sprich Kontakt zu Menschen ausserhalb meiner eigenen Lebensrealität aufgenommen und sie zu 20 Uhr an einen bestimmten Ort geladen.

Meine Lebensrealität, das sind zum größten Teil Eltern mittelgroßer, schon relativ selbständiger Kinder, die sich durchaus schon selbst ins Bett bringen und auch mal ein zwei Stunden alleine bleiben.
Einer der geladenen Gäste fand die Uhrzeit total unpassend. 20 Uhr! Genau da bringt man doch die Kinder ins Bett. Selbst wenn es einen Partner oder eine Partnerin gibt, der das übernehmen kann, ist die Uhrzeit irgendwie doof.
Da habe ich mich ertappt gefühlt.
Aus dem Kleinkindelternleben bin ich entwachsen. Es ist wirklich nicht lange her, da war das meine Realität – umso seltsamer, dass ich einfach so vergessen habe, wie genervt ich immer war, wenn just um 20 Uhr beispielsweise das Telefon klingelte.
Wenn mir jetzt Freundinnen erzählen, dass sie mit ihren Kindern um 5 Uhr morgens aufstehen, weil die nicht mehr zum Schlafen zu bewegen sind, denke ich im ersten Impuls immer (shame on me!): „War das bei uns auch so? Das muss doch anders gehen? Man muss doch einem Kind klar machen können, dass 5 Uhr eine wirklich ätzende Uhrzeit ist.“

Glücklicherweise habe ich 13 Jahre gebloggt und mir ein schönes Archiv meiner Vergangenheit angelegt und ja, auch ich bin zu unmöglichen Uhrzeiten mit den Kindern aufgestanden, auch ich hatte feste Zeiten, in denen ich die Kinder ins Bett gebracht habe (und es war mir wirklich wichtig, dass das jeden Tag bis 20 Uhr spätestens durch ist)… und trotzdem habe ich alles vergessen.

Umgekehrt als ich noch keine Kinder hatte… ach, ich will vielleicht doch gar nicht davon berichten, was ich alles dachte, was doch erziehungstechnisch möglich sei…

Jedenfalls, was ich sagen möchte: Es gibt im selben Leben unterschiedliche Abschnitte, in denen unterschiedliche Dinge wichtig sind. Und dann gibt es noch unterschiedliche Leben, in denen sowieso alles anders ist als in einem anderen, das zur selben Zeit stattfindet.

Filterblasen sagt man in der Zwischenzeit zu sowas.

Wie bekomme ich jetzt den Bogen zum eigentlichen Thema?

Ich bezeichne mich heute mit fast 42 ohne mit der Wimper zu zucken als Feministin. Mit 20 hätte ich mir den Vogel gezeigt.

Wie bin ich da eigentlich gelandet?

Ich habe kein einziges Standardwerk des Feminismus gelesen. Nicht Simone de Beauvoir, nicht Judith Butler, nicht Raewyn Connell.

Ich hatte es immer gut. Keine Probleme in der Schule, nicht im Studium, nicht mit dem Arbeitgeber. Ich hatte fast kostenlose Kinderbetreuung ab 12 Monaten, konnte problemlos Elternzeit nehmen und in den selben Job zurückkehren und dass obwohl ich in einem männerdominierten Feld gearbeitet habe und noch arbeite.

Dennoch bin ich Feministin geworden. Einfach weil ich Mutter geworden bin. Plötzlich sah die Welt anders aus (v.a. im privaten Umfeld) und plötzlich war ich umgeben von Freundinnen, die nach der Elternzeit am 1. Arbeitstag aus angeblich betrieblichen Gründen gekündigt wurden.

Zudem waren es die kleinen Erlebnisse, die mich aufgeweckt haben. Der Sohn, der kein Junge/Mann sein kann, weil er Glitzer liebt? Den es also entwertet, weil er etwas mag, was eher dem Weiblichen zugeordnet wird. Die Tochter, die im Alter von 5 Jahren vom Fußballverein abgelehnt wird, weil der Verein keine weiblichen Trainerinnen hat und sie deswegen keine Mädchen aufnehmen (was totaler Unsinn ist und mit nichts etwas zu tun hat, denn selbst der DFB sagt „Bis zu den B-Junioren ist es laut DFB-Statuten gestattet, dass Mädchen und Jungen zusammen spielen“ da sind die Kinder 15 Jahre alt…) und der andere beim Fußballspielen zurufen: „Vorsicht! Du machst dich schmutzig!“ statt „JOOOAAAAHHHH. GEEEIL! Tooooooorrrrr!!!“.

Also lese ich interessiert Tagespresse, höre feministische Podcasts, zähle Frauen auf Podien, suche nach sprechenden weiblichen Hauptrollen in Filmen, lese Kommentare unter YouTube Videos von Computerspielerinnen, frage meine männlichen Kollegen, die das selbe arbeiten wie ich, was sie verdienen und wundere mich.

Dann lese ich Bücher wie „Untenrum frei“ (was ich wirklich sehr empfehlen kann) und folge interessanten Frauen auf Twitter.

So fühle mich mich abwechselnd erhellt, schockiert, bereichert, ändere meine Meinung, ändere meine Wahrnehmung, wundere mich wieder.

Ich versuche mir bestimmte Mechanismen oder Klischees, denen ich vielleicht auch selbst unterliege, zu vergegenwärtigen.
In unserem Podcast derWeisheit arbeiten wir z.B. hart an ausgeglichenen Redeanteilen. Wir haben sogar sekundengenau mitgestoppt. Wir reden nach jeder Folge darüber wie wir uns gefühlt haben, ob die Themen ausgegleichen waren, warum der ein oder andere wenig gesagt hat und finden dann Kleinigkeiten, wie z.B. dass meine Leitung etwas länger ist als die meines männlichen Mitpodcasters, der in Gesprächspausen schnell das Wort ergreift, was dazu führt, dass ich nichts sage. Also vereinbaren wir, dass wir Gesprächspausen aushalten lernen. Statt zwei Sekunden eben fünf  Sekunden warten und schon dreht sich der Redeanteil.
Es ist ein Miteinander, wir arbeiten dran und wir unterstellen uns nicht gegenseitig Böses, sondern dass wir bestimmte Dinge anders leben oder wahrnehmen.

Zu wenig Frauen auf Bühnen und als Interviewpartnerinnen? Ich habe mir irgendwann einfach vorgenommen mein Impostor Syndrom zu übergehen: Egal zu was ich anfragt werde – ich sage einfach ja – denn auch wenn ich selbst eigentlich von allen Themen denke: Da gibt es ganz bestimmt jemanden, der/die sich besser auskennt (und das ist zweifelsohne IMMER der Fall), wird der/die Anfragende einen Grund haben MICH zu fragen. Also sage ich ja.

Das wiederum führt dazu, dass ich mir mehr zutraue, denn nach ein paar Podcasts, Interviews, Artikeln oder Vorträgen merke ich vielleicht: Hey, so schlecht bin ich gar nicht.

Aber jetzt schweife ich ab. Was ich sagen will: Ich beobachte immer wieder, dass gefordert wird, dass man sich zum Thema Feminismus nur äußert, wenn man Fundiertes zu sagen hat und/oder sich auskennt. Dann wird vielleicht noch ins Feld gebracht, dass der oder diejenige grundsätzlich dem falschen Feminismus folgt, falsche Dinge im Fokus hat, nicht ausreichend vernetzt ist oder das who is who der deutschen, amerikanischen, weltweiten Feministinnen-Szene kennt oder dies und jenes nicht gelesen hat.

Das schreckt mich ab. Warum soll nicht jede/r seinen eigenen, kleinen Feminismus haben und beleuchten können? Muss man wirklich zwanzig Bücher gelesen (und verstanden) haben, bevor man was zu Feminismus sagen darf?

Ist es bei Feminismus nicht gerade anders, weil jede/r seine eigenen Erfahrungen mit dem Frausein (und auch Mannsein!) macht? Weil man auch im kleinen was bewegen kann? Schon in einer Paarbeziehung Verbesserungen erzielen kann, die Erleichterung bringen?

Den einen holt der fremdwortgespickte Feminismus ab, der alles historisch korrekt einordnen kann. Den anderen die Instagrammerin, die nichts anderes macht als ihre Achselhaare zu fotografieren.

So what?

Heute, an meinem Yoga-Tag, fühle ich mich sogar so gechillt, da lasse sogar Papi Gabriel als Feministin durchgehen.

Es fällt mir ja schwer das dauerhaft zuzugeben, aber anscheinend läuft er ja wirklich (zwar SEHR anders) in die selbe Richtung (oder besser: ebnet er den Weg für andere), damit wir gemeinsam unsere Ziele der Gleichberechtigung erreichen.