Das naturdegenerierte Kind

Über die außerordentlich zu empfehlenden Linkempfehlungen des Herrn Buddenbohm bin ich auf ein Interview mit Salman Ansari in der ZEIT online gestoßen. Darin wird „Das Haus der kleinen Forscher“ im Rahmen übertriebener Frühförderung genannt.

Zitat: „Ansari: In allen Stiftungen und Projekten, die sich auf die naturwissenschaftliche Frühförderung spezialisiert haben – egal ob das Haus der kleinen Forscher in Berlin oder das Science Lab in München –, wird versucht, die Welt aus akademischer Perspektive zu erklären. Mit dem kindlichen Denken hat das oft nichts zu tun.“

Ich weiß nicht, wie Herr Ansari zu dieser Aussage kommt. Jedenfalls ist der Kindergarten, den unsere Kinder besuchen, ein Kindergarten, der oft mit dem Haus der kleinen Forscher zusammenarbeitet und in diesem Rahmen eine Forscherplakette bekommen hat. Ich halte diese Stiftung für eine außerordentlich gute Sache.

Sie gibt lediglich Hilfestellungen für den Kitaalltag und präsentiert Beispiele besonders gelungener Forschungsarbeiten. Unser Kindergarten ist zB mit einem Regenwurmprojekt vertreten. Das Projekt kam zustande weil eines der Kinder einen Regenwurm aus der Hosentasche zog, was zu großer Begeisterung bei allen anderen Kindern führte. Die Erzieherinnen haben diese Begeisterung aufgegriffen und den Regenwurm zum Forschungsprojekt gemacht. Das Ganze begann mit dem Zusammentragen von Informationen und als die Kinder z.B. hörten, dass der Regenwurm auf lateinisch Lumbricidae heißt, wurde er liebevoll Lumbri genannt. Die Kinder trugen zusammen, was Regenwürmer so essen, man baute ihm ein artgerechtes Häuschen, beschäftigte sich mit Verwesungsprozessen (von Blättern und ähnlichem), Fressfeinden, stellte zusammen wie Regenwürmer leben, was sie „leisten“ etc.

Es wurde nichts gefragt, was die Kinder nicht selbst wissen wollten. Das ist eine tolle Regel im Kindergarten und übrigens auch zuhause gut anzuwenden. (Wenn die Kinder im zarten Alter von drei fragen, wo die Babys herkommen, genügt es meist völlig zu sagen: Aus der Gebärmutter. Für 98% aller Kinder ist die Frage damit geklärt. Auf alle weiteren Details kann man vorerst verzichten).

Das Projekt wurde von den Erzieherinnen mit Bildern festgehalten und mit Zitaten und Forschungsergebnissen illustriert. Ein wunderbares Projekt.

Die kleinen Forscher haben sich genau das zum Ziel gemacht „Die alltägliche Begegnung der Kinder mit der Naturwissenschaft und Technik in allen Kitas zu verankern“. Klingt vielleicht hochtrabend, hat aber rein gar nichts mit Frontalunterricht und Überforderung zu tun. Die Erwähnung der Stiftung im Kontext der übertriebenen Frühforderung ist in meinen Augen wirklich nicht gerechtfertigt.

Der ganze Artikel hat in mir ein Trauma wachgerufen und jetzt kommt das Tolle, wenn ich nachfolgend ablästere, werden die betroffenen Eltern das nie erfahren. Es handelt sich nämlich um die Gruppe der Lasst-die-Kinder-doch-natürlich-aufwachsen-Eltern. Diese sind naturgemäß gegen alles unnatürliche wie Technik und Naturwissenschaft. Obwohl unsere VertreterInnen einige Jahre jünger als ich sind, benutzen sie Teufelszeug wie das Internet und nicht. Sie werden diesen Artikel also niemals lesen.

Was sie aber machen, ist Elternabend für Elternabend fordern, dass die Erzieherinnen doch bitte mit den Kindern drei bis vier Mal die Woche in den Wald gehen – Unser Kindergarten geht bereits regelmäßig mit den Kindern in den Wald muss man dazu sagen. Mindestens pro Jahreszeit einmal und auch sonst wird sehr viel draußen gemacht. Draußen ist aber eben die Stadtnatur. Das kann der Hof sein, die Baumscheibe, das Spielplatzareal, der kleine Park um die Ecke – was auch immer den Kindern eben begegnet. Sei es Pflanze oder Tier (siehe Regenwurm).

Ich finde diese Eltern total lächerlich. Sie verlangen, dass die Kinder unabhängig von der Jahreszeit mindestens alle zwei Tage eine mindestens 40minütige Anreise in den Wald (wir wohnen nunmal mitten in Berlin) auf sich nehmen, um mit der Natur zu leben. Sie selbst aber kommen zu gar nichts und auch am Wochenende ist immer alles so stressig, dass sie es leider nicht schaffen, mit den Kindern raus zu gehen. Genau deswegen soll das doch bitte die Kita machen. Die Kinder haben das doch verdient! Und das ist ja wohl das Mindeste, was man von den Kindergärtnerinnen verlangen kann! Ich möchte dann immer aufstehen und schreien: DANN ZIEH DOCH IN DEN WALD WENNS DA SO SCHÖN IST.

Mache ich natürlich nicht. Bin ja kultiviert. Aber was ich sagen will: Warum ist es so schwer einen Mittelweg zu finden? Warum gibt es nur die Extreme Kinder total zu überfördern mit fünf verschiedenen Lernangeboten und der Gegenseite mit zerschlissenen Kleidung Wurzelkauend im Wald zu leben?

Es gibt verschiedene Lebenswelten und es gibt bei Kindern verschiedene Interessen. Warum ist ein Interesse an politischer Zeitgeschichte schlechter als das Interesse an Frühjahrsblühern. Warum ist es cool, wenn ein Kind zwanzig verschiedene Baumarten kennt und umgekehrt ist es ein Fall fürs Jugendamt wenn ein anderes Kind zwanzig verschiedene Automarken identifizieren kann?

Kind 2.0 interessiert sich zum Beispiel sehr für die Geschichte der Teilung Deutschlands. Warum? Es lebt in einem ehemaligen Ostbezirk von Berlin – einer ehemals geteilten Stadt. Es hat Wessieltern und OssielternfreundInnen. Es kennt den „Tag der deutschen Einheit“, es kennt die Reste der Berliner Mauer. Das gehört alles zu seiner direkten Lebenswelt. Wenn es Fragen stellt, warum sollen diese nicht beantwortet werden? Was wäre denn angemessen? Zu sagen „Sorry, Du bist erst fünf, du lernst jetzt erstmal was über die Natur und da bitte auch nicht zu komplex.“ Es ist doch eine Frage der Lebenswelt. Ich kenne Kinder von Hirnforschern, die kennen mit sechs schon alle wesentlichen Gehirnareale. Na und? Die Eltern reden eben beim Abendessen über die Hypophyse und die Medulla Oblongata und haben ein schickes 3D-Gehirnpuzzle zuhause.

Verächter der frühkindlichen Förderung, geht doch in den Wald und lebt da ganz natürlich. Meine Kinder dürfen sich interessieren für was sie wollen. Pah!

52 Gedanken zu „Das naturdegenerierte Kind“

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  2. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und bin durchaus der Meinung, daß es für Kinder gut ist öfter mal in der Natur zu sein – und genau deswegen bin ich auch nach dem Studium wieder aufs Land gezogen. In der Stadt zu wohnen und zu fordern, daß die eigenen Kinder regelmäßig in den Wald kommen – eine absurde Vorstellung!

  3. Und umso aufregender war es dann, als – in Kooperation mit dem Schul-Umwelt-Zentrum Berlin Mitte – die Vorschulkinder der Kita Ghanastraße des Eigenbetriebs auf der „Grünen Woche“ die Möglichkeit hatten, ein ganzes Bühnenprogramm zum Thema „Honigbienen – Berlins kleinste Nutztiere“ vorzustellen. Die Kinder und ihre Erzieherinnen bauten auf der Bühne kleine Mini-Wildbienen-Nistkästen und rollten Wachskerzen. Sie berichteten, wo sie ihre Nistkästen aufstellen werden und erklärten die besonderen Eigenschaften von Bienenwachs. Als besondere Kostprobe verteilten die Kinder dann an die Besucher der Messe ihre selbst hergestellten Honiglutscher, und konnten, wie die Biene Maja, erleben, wie es ist, etwas Gutes für Andere herzustellen und zu erleben, wie groß die Freude daran sein kann.

  4. Ich stimme weitgehend zu, möchte aber an einer Stelle einhaken:

    Warum ist es cool, wenn ein Kind zwanzig verschiedene Baumarten kennt und umgekehrt ist es ein Fall fürs Jugendamt wenn ein anderes Kind zwanzig verschiedene Automarken identifizieren kann?

    Es gibt meines Erachtens einen gravierenden Unterschied zwischen Kenntnis der und Verständnis der Natur und allen anderen Dingen: Die Natur ist unsere direkte Lebensgrundlage, unser Lebensraum, eine nicht wieder herstellbare Lebenswelt. Diese zu kennen und zu verstehen ist der erste Schritt dazu, sie auch hochzuschätzen und schützen zu wollen (und schützen zu können). Alle anderen Lebensbereiche basieren auf der natürlichen Umwelt, sie sind faszinierend ud wichtig, aber wenn es etwas gibt, das JEDES Kind spielend, erkundend und lernend erfahren sollte, ist das die Natur. (und das Sage ich als jemand, der selbst viel Freude und Faszination für Geschichte, Technik und vieles mehr hat und dies auch seinen Kindern weiterzugeben versucht)

  5. Ich bin der Meinung man sollte Fördern ohne zu fordern. Das heisst für mich, das ich meinen Kind Sachen gerne näher bringe, es aber selbst entscheiden kann wie gut es das findet. Wenn kein Interesse da ist, ist eben keines da. Punkt. Zwang hat noch keinem geholfen.

    LG Mel

    1. So sehe ich das auch. Ansonsten muss ich noch sagen: Ich fand den Blogeintrag richtig gut. Und mir ist folgende Geschichte eingefallen: Ich habe mit drei Lesen gelernt. Vor ein paar Wochen im Internet bin ich auf Eltern gestoßen, die genau das unterbunden hätten. Es ist doch schrecklich, wenn Eltern den Wissensdurst ihrer Kinder unterbinden wollen. Vor allem sendet es das vollkommen falsche Signal an die Kinder.

  6. Also, ich habe das Interview mit Herrn Ansari gelesen und finde seine Aussagen nachvollziehbar und gar nicht so kritisierenswert. Es geht ihm ja nicht darum, solche Projekt wie das Regenwurmprojekt zu diffamieren, sondern die Methoden werden kritisiert, mit Hilfe derer naturwissenschaftliche Fragen über die Erzieherinnen an die Kinder herangebracht werden wie Experimentierkästen oder eben relativ alltagsfremde Versuchsaufbauten. Außerdem bemängelt er, dass solchen Ansätzen zu wenig fachliches Grundwissen bei den Erziehern zugrunde liegt und zu wenig von Kinderfragen ausgegangen wird, also zu wenig mit den Kindern kommuniziert wird. Und das isses, meines Erachtens! Man lernt nur, was einen wirklich interessiert, alles andere ist Wissensakkumulation, die nichts bringt, wenn ich es nicht mit anderen Erfahrungen zusammen bringe. ( Deshalb bringt es auch nichts, die Kinder in den Wald zu jagen, wenn sie nicht selbst dazu motiviert sind & dort etwas herausfinden wollen. ) Und man muss sich als Erwachsener schon auf die Denkungs- und Herangehensweise der Kinder EINLASSEN statt Erwachsenenwissen abzuspulen, dann ist das ein fruchtbarer Dialog im pädagogischen Sinne, der Kindern was bringt.
    Das schreib ich jetzt Mal aus meinem Erfahrungsvorsprung als Mutter, sechsfacher Oma und langjähriger Grundschullehrerin, die sich sehr dafür interessiert, was so derzeit abgeht in der Kindererziehung.

    1. Ich kritisiere nicht seine Aussagen, sondern dass er das Haus der kleinen Forscher als Negativbeispiel nennt. In unserem konkreten Fall machen die genau das, was er fordert.
      Abgesehen davon wertet er in meiner Auffassung im Interview sehr wohl was „gutes und angemessenes“ Wissen ist und was nicht.

      Der Rest meines Beitrags dreht sich ja v.a. um die Eltern mit für mich nicht nachvollziehbaren Forderungen.

      1. Ich habe ihn eher so verstanden, dass er die verschiedenen Wissens“arten“ gleich wichtig findet, aber sagt, rein akademisches Wissen würde auf Kosten anderer Arten des Lernens Überhand nehmen. So im Sinne von: Es braucht Kopf, Hand und Herz zum Lernen, aber dem Kopf wird oft mehr Raum gegeben, so dass Hand und Herz zu kurz kommen.

      2. Im Buch erklärt er seine Kritik am „Haus der kleinen Forscher“ detailliert. Er meint natürlich nicht Eure Kita. Sondern jene, die im „Haus der kleinen Forscher“ ein vorgefertigtes „Experiment des Monats“ abholen und dieses dann den Kinder vor den Kopf klatschen, egal an welchem Punkt die Kinder stehen und egal, was die von sich aus für Fragen stellen.
        Die Regenwurmsache, die Du beschreibst, entspricht ziemlich dem, was Ansari mit „seinen eigenen“ Kitakindern veranstaltet.

    2. Ich bin gerade froh, dass das noch jemand so verstanden hat, wie ich.
      Es ist meiner Meinung nach ein grosser Unterschied, ob man Wissen in ein Kind „hineinkippt“ oder ob es dieses Wissen in sich „hineinsaugt“.
      Und ganz klar: Zum Lernen gehört nicht nur Wissensakkumulation (wie Bäume heissen und wie ihre Früchte aussehen), sondern auch wie sie riechen, sich anfühlen, wie hoch sie sind,…. Also das er-fassen und be-greifen (wörtlich gemeint!).
      Meinem dreijährigen Sohn zuzusehen, wie er sich Wissen selber aneignet – ohne dass ich ihm Erklärungen liefere, sondern einfach indem ich ihn machen lasse – gehört momentan für mich zum Spannendsten überhaupt. Der kann, auch ohne Ingenieurs-Grundwissen, zwei Stunden lang einen Mechanismus bedienen, drehen, abbremsem, von allen Seiten anschauen, wieder drehen lassen und wieder und wieder und wieder und irgendwann sieht man, wie es in diesem Köpfchen „Klick“ macht und er hat es wirklich verstanden. Diese Erfahrung dünkt mich für ihn extrem wertvoll. Was hätte er davon, wenn ich ihm die Übertragung von Kräften erklärte, oder den Unterschied zwischen einer Welle und einem Zahnrad oder was die Funktion eines Reduktionsgetriebes ist. Was ein Reduktionsgetriebe ist und was es tut hat er jetzt verstanden und zwar auf einem Level, an den angelerntes Schulwissen nicht herankommt. Namen und Bezeichnungen sind da nicht so wichtig, die hat man schnell gelernt.

  7. Entscheidend ist doch, dass die Kinder in ein vorgefertigtes Muster gepresst werden, um irgendwann zu „funktionieren“. Je mehr man sich mit vorgefertigten einseitigen Positionen beschäftigt, um so widersprüchlicher werden sie für mich. Wenn ein Kind Interesse an einem Thema hat, dann erkläre es. Und ehrlich, jedes Kind hat persönliche Interessen. Wenn ein Kind wissen möchte, wie so ein Bungee-Sprung physikalisch abläuft, dann ist es die Aufgabe der Erwachsenen (Eltern, Erzieher_innen, etc.) dies kindgerecht zu erklären. Und wenn es deinem Gebärmutter-Beispiel folgt. Apropos Gebärmutter Beispiel. Da musste ich wirklich herzhaft lachen, da es mich an ein kleines Mädchen von 4 Jahren erinnerte, das mir das mit der Gebärmutter, der Vagina und dem Penis alles mal sehr detailliert erklärte. Boah. Vom Gefühl her muss ich zugeben, war ich mehr als irritiert. Da wäre vielleicht nur ein „Gebärmutter“ der Eltern ausreichend gewesen ;)

  8. <3 <3<3<3<3<3<3<3 und noch mehr davon. wir leben auf dem land, was ja in der schweiz eigentlich überall der fall ist, von keinem ort einer grossstadt ist es mehr als 30 min aufs land, nicht stadtrand, land! ok. und wir leben 30 min vom stadtrand.
    alle meine drei kinder gehen lieber ins museum für naturkunde oder in die ethnologische abteilung der Uni Zürich als in den wald. dort gehen sie auch gerne hin, aber eben genauso oder eher noch mehr ins museum. ausgestopfte mammuts, kaninchen, maulwürfe, igel, hasen, bären (JJ6, du lausebär) oder kristalle!! und noch mehr kristalle. und dann kann ich vom grossonkel erzählen, der selber strahler war. nachmittag gefüllt.

    ich glaube, wie du auch sagst, es braucht beides, body and mind, damit der kleine und grosse mann glücklich ist.

  9. Mich stört an solchen Eltern ja immer, dass sie so dogmatisch, verbissen und unlocker sind und keinen anderen Weg als den eigenen gelten lassen. Dabei ist es mir ganz egal, wie der heißt, ob „Die Kinder müssen alle in den Wald!“ oder „Meine Kinder dürfen nicht fernsehen!“ oder „Zur Einschulung soll mein Kind drölf Fremdsprachen beherrschen, damit es später im Berufsleben überhaupt eine Chance hat und nicht sozial absteigt, ogottogott!“

    Lasst die Kinder doch einfach verschiedene Dinge ausprobieren. Ob Wald, Web oder Wußball.

  10. Ich bin an Wald und Feld aufgewachsen und fand (und finde) Wald super. Das hängt wohl damit zusammen, dass ein Kind die Gegebenheiten erstmal so hinnimmt, wie sie sind, das Beste draus macht und sich daran freut. Wäre ich in Berlin aufgewachsen, hätte ich eben dort tolle Dinge erlebt.

  11. Thema Sprache:
    Unsere Kinder sind von der Krippengruppe in die zweisprachige Kindergartengruppe gewechselt – es war einer von mehreren möglichen Schwerpunkten, wir hatten vorher irgendwie mal gehört von diesem „Sprachfenster“ und fanden das zumindest keine schädliche Idee. Nach 8 Wochen konnte der große Sohn auf französisch zählen und so einigen Kleinkram mehr. Folgerichtig hat er fortan nach Worten auf Französich gefragt und wir wurden sehr, sehr nachdenklich. Seitdem haben wir Urlaube und auch mal ein längeres Sabbatical in Frankreich verbracht und er spricht jetzt fließend und ist darüber sehr stolz. Sagen die Erzieher, wir sind nämlich beide nicht gut genug in Französisch, um das im Detail beurteilen zu können :-)
    Ich glaube, Kinder lernen immer aus ihrer Umgebung. Mal mögen sie etwas vertiefen, mal nicht. Da dranzubleiben ist Elternpflicht, auch wenn wir noch Erwerbsarbeiten und wenig Zeit haben. Und diese Elternpflicht kann man leider nicht bei den KiGa-Erziehern abladen.

  12. Herrlich geschrieben! Ich hab nicht nur gelacht, bin ich doch durchaus professioniell betroffen. Es gibt immer diverse Hardlinerfraktionen, bis dahin das man den joghurt am Ausflugstag von der Plastikbehausung in ein Glas umfüllt.Oder die Forderung doch öfter in die Stadt zu fahren , wegen der kulturellen Bildung und so… Wir bieten einmal wöchentlich das forscherprojekt an und ich schwöre mein Kollege hat Spaß an Chemie und Physik. Da erfülle ich wohl ehr das Klischee….

  13. Den Artikel heute morgen auch gelesen, kopfschüttelnd. Mein Sohn ist zwar noch nicht im Kindergartenalter und fragt noch nichts – aber wenn es soweit ist, hoffe ich, die gleiche Einstellung wie Du und die obigen Kommentatoren an den Wald zu legen.

    (Und ich weiß es nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass die gleichen Eltern bittegern auch ganz flexible Bring- und Abholzeiten fordern?)

  14. Naturpädagogik (also die Natur in die Erziehung und Betreuung mit einbeziehen) ist ja deutlich mehr als „Bäume unterscheiden lernen“. Es ist auch: sich auf ganz anderen, deutlich vielfältigeren Untergründen bewegen (im Kindergarten gibt es vermutlich Teppich, Fliesen, Asphalt und vielleicht draußen noch ein bisschen relativ ebenen Rasen oder meinetwegen noch die Sandkiste, das ist ja schonmal was, aber trotzdem nicht zu vergleichen mit dem ganzen Matsch und Hügeln und Moos und hohen Gräsern und Ästen und Traktorspuren und Löchern und Bäumen… die es „draußen“ in Wald und Feld so hat), den ganzen Körper durch Wind und Wetter spüren (Stichwort Tiefensensibilität, sich selbst im Raum spüren), im Wald ganz anderen Gegebenheiten ausgesetzt sein, wie zehnmal so hohen Bäumen, Millionen rauschender Blätter, schon gefühlt ewig dort stehender Vegetation, Hügeln, was auch immer und nicht zuletzt: in einem Kindergarten (oder in sonstwelchen Räumen oder auf irgendeinem Stadtspielplatz) erfährt man kaum je sowas wie Stille oder auch nur einigermaßen Ruhe, wenn mehrere Kinder zusammen sind. Und gerade das ist wichtig.

    Ich bin übrigens ganz vernarrt in dieses Internet, 98% meiner Hobbies setzen eine Steckdose voraus – und ich käme im Leben nicht auf die Idee, dass das eine das andere ausschließen muss. Naturpädagogik ist doch Förderung, auch wenn ich mit meinen Kindern nicht tagelang wurzelkauend im Wald sitze. Draußen zu sein fördert doch im Grunde ganzheitlich alle Bereiche, ob Motorik, Konzentration, die gesundheitliche, die naturwissenschaftliche Bildung… blablablubb, alles. Und das alles mit dem Vorteil, dass beim Lernen in der Regel alle Sinne angesprochen werden (und es ist erwiesen, dass das sich das erheblich darauf auswirkt, ob das Erfahrene schließlich hängen bleibt, das kann ich selbst als ehemalige Ausbilderin deutlich älterer „Kinder“ noch bestätigen. Als Mutter auch. Und als Tagesmutter ebenso.). Natürlich lernen Kinder auch eine ganze Menge am PC, am iPad, aus Büchern… aber eben nicht mit allen Sinnen und das ist der Knackpunkt.

  15. Ich empfehle den nach Wald quengelnden Eltern einen Zwangswaldtag mit einer Horde Kleinkindern zu verordnen. Irgendwann bei Winterkleidungerforderlichkeit. Bei Schneeregen. An einem Freitag. Kurz vor den Weihnachtsferien.

  16. Der letzte Elternabend im Kindergarten hat bei mir bezüglich dieses Förderungsaspekts (in dem Fall ist es Bilingualität) auch einen fahlen Nachgeschmack hinterlassen. Nicht nur, dass man (Kindergartenleitung) darunter anscheinend ausschließlich Englisch als Angebot versteht, sondern auch Eltern, die sagen: „jetzt ist grad das Fenster…“
    Fast so schlimm, wie deutsche Eltern, die es ihrem Kind beibringen wollen, indem einer ausschließlich Englisch mit dem Kind redet, oder sowas:
    http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2013-03/englisch-eltern/komplettansicht
    *schüttel* (ganzer Körper, nicht nur Kopf)

      1. Moin,
        dann waren die letzten Sommer in HH.
        Eine wahre Geschichte!
        Zwei ca. 3jährige Mädchen spielen auf einem Spielplatz. Die Mütter immer in 1m Abstand sich unterhaltend. Alle 3 bis 4 Minuten sprach Mutter 1 zu Ihrem Kind etwas in broken English.
        etwas später:
        Kind 1 schlägt Kind 2. Kind 2 weint.
        Mutter 1:“(beliebiger aktueller Mädchenname) NO HIT*! SAY SORRY!“

        Ein Vater von 2 anderen dort spielenden Kindern liegt mit einem Lachkrampf im Sandkasten!

        LG
        Ingo
        (* bedeutet auf Deutsch „Kein Treffer“)

    1. Das hatte ich mal bei der Kiga-Suche. So ne hippe offene Einrichtung mit Englisch-Angebot. Vor mir ein Eltern-Paar: „Also, unsere kleine wird jetzt bald 2 und geht ja schon in eine Einrichtung. Aber wir merken, dass ihr da was fehlt, und wollen daher, dass sie hier das bilinguale Angebot hat.“
      In dem Moment wusste ich, dass MEIN Kind nicht in DIESE Kita geht. Mit solchen Eltern will und kann ich mich nicht auseinandersetzen.

  17. Genau!

    Wobei ich Waldtage und -kindergärten erst einmal immer sympathisch finde, da ist so eine Astrid Lindgren-Romantik in mir. Woher auch immer die kommen mag, als Kind war ich so ein Stubenhocker, dass meine Eltern mir Rausgeharrest verpasst haben. 40 Minuten Anfahrt machen nun wirklich keinen Spass, das ist sinnbefreit.

    Wenn unsere Kinder fragen, versuchen wir Ihnen so deatillierte Antworten wie möglich zu geben. Was hängen bleibt, bleibt hängen. Meistens klappt, und sie fragen nach wo das Verständnis fehlt. Spitzenreiterfrage (während der Unruhen in Ägypten im Radio gehört): „Was ist ein Granatsplitter?“

  18. Danke, danke, danke!!!

    Ich verstehe nicht, wie man in der (Groß-)Stadt leben will, aber gleichzeitig tägliche Walderlebnisse fordert. Und vor allem, warum diese Sehnsucht aufs Kind übertragen werden muss.

    Ich bin durchaus ein Befürworter, dass Kinder möglichst viel kennenlernen. Aber bitte-danke nicht auf Biegen und Brechen. Das merken die Kleinen am Besten und machen – wenn überhaupt – nur widerwillig mit.

  19. Wir haben es gut. Wir haben extra für diese Eltern einen eigenen Waldkindergarten. Da sind die Kinder das ganze Jahr den ganzen Tag im Wald. Immer.

    Unser Kindergarten geht auch jeden Tag raus (sofern es nicht kleine Hunde und Katzen hagelt), wobei raus dann je nach dem das Außengelände, die Mainauen, ein öffentlicher Spielplatz, den man mit dem Stadtbus erreichen kann (meine Kinder sind im Kindergarten mehr Stadtbus gefahren, als ich in meinem ganzen Leben), den Acker vom freundlichen Bauern (am liebsten zur Kartoffelernte) oder auch mal der Wald sein kann.

  20. Ich könnte jetzt viel zu den Theorien erklären, die hinter den Argumenten dieser besagten Eltern stehen, aber das wäre irgendwie auch doof.

    Mein dreijähriger Naturbursche, Automechaniker und Like-a-bike-Downhillracer läuft im Moment mit „Vom kleinen Maulwurf, der herausfinden wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ durch den Garten und versucht anhand der Bilder herauszufinden, wer alles auf unseren Rasen gemacht hat. Seine Ergebnisse sammelt er in der Hosentasche und katalogisiert sie anschliessend in seinem Kinderzimmer.
    DAS muss man als Eltern eines Naturforschers aushalten können! Können DIE das?!

    P.S. Menschen sind schon komisch. Wieso wechseln sie mit ihren Kindern nicht in eine Kita, deren Konzept ihren Vorstellungen besser entspricht? Oder ziehen in den Wald? Oder hören auf zu arbeiten und ziehen mit ihren Kindern das Programm durch, das sie für angemessen halten?

  21. Hihihi. Dann bekenne ich hier, dass ich Waldtage im Kindergarten schon immer grässlich fand (als Mutter) – meine Kinder stehen da gar nicht drauf. Die Grosse war nach jedem Waldtag krank (irgendwas mit Ohren, Halsweh usw.), denn der Kindergarten, den sie besuchte, bestand darauf, dass der Waldtag bei jedem Wetter stattfindet. Sowas beknacktes. Bewerft mich auch mit Tannenzapfen (Reminiszenz an Herrn Buddenbohms Facebook-Post). :)

    Dann lieber forschen. Das machen meine Kinder gerne – das wird bei uns „Experimente“ genannt und bedeutet einfach, dass die Kinder selbst etwas ausprobieren und lernen können. Betonung auf können.

    Lieben Gruss, Christine

    1. Das ist es im Fall, was Ansari fordert: Die Kinder von dort aus forschen lassen, wo sie stehen, und sie anzuleiten damit sie selber die Antworten auf ihre Fragen herausfinden können.

  22. sehr gut geschrieben!!

    es gibt eben „frühförderung“ und dann gibt es „frühförderung“.

    je nachdem, wie man es betreibt, können völlig unterschiedliche dinge dabei rauskommen.

    ich denke auch, dass man den wissenshunger von kindern nicht bremsen sollte. ganz egal, was sie fragen oder wissen wollen.

    ein problem habe ich allerdings mit eltern, die auf biegen und brechen ihre persönliche vorstellung von dem, was die kids wissen sollten/müssten, dem nachwuchs aufzwingen und sie zwangsbeglücken. ohne rücksicht darauf zu nehmen, ob es angenommen wird, oder nicht.

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