Die glückliche Region

Vergangenes Wochenende war ich am JAKO-O Familienkongress. Ich wurde dazu eingeladen, was mich sehr gefreut hat. Ich kannte JAKO-O selbst schon und wurde im Zusammenhang meines Artikels zum Thema geschlechtergetrennte Kinderkleidung in den Kommentaren von LeserInnen oft darauf hingewiesen, dass man das Thema mit JAKO-O ganz gut umschiffen kann.

Auf viele der ReferentInnen war ich sehr neugierig. Jan-Uwe Rogge kannte ich z.B. schon von der FEZ Elternakademie*, Manfred Spitzer aus den Medien und die Bücher von Herbert Renz-Polster liebe ich sehr.

Meine Eindrücke zu den Vorträgen verarbeite ich noch in einem anderen Artikel. Was neben den Inhalten nämlich wirklich großen Eindruck hinterlassen hat, ist die HABA-Firmenfamilie selbst.

(Wenn ich das jetzt schreibe, dann sind das meine persönlichen Eindrücke und die Zahlen, die ich mir gemerkt habe. Ich habe keine umfassende Recherche gemacht, sondern gebe lediglich das wieder, was mir aufgefallen ist.)

Die HABA-Firmengruppe beschäftigt über 2.500 MitarbeiterInnen. Das ist gemessen an der Größe des Standorts (Bad Rodach hat um die 6.000 EinwohnerInnen) ein ziemlich großer und wichtiger Arbeitgeber für die Region.

Der Firmeninhaber hat sich bewusst dafür entschieden an diesem Traditionsstandort zu bleiben. Kostentechnisch wäre es sicherlich günstiger näher an einem Logistikknotenpunkt zu sein. Allein zur Autobahn fahren die LKWs länger als eine Stunde. Das finde ich bemerkenswert, denn diese Haltung findet sich an vielen Punkten wieder. Die Firma bleibt in der Region, stellt dort her und hat auch sonst beeindruckende Konzepte in Sachen Nachhaltigkeit.

Ich habe eine Führung durch die Versand-Abteilung gemacht (JAKO-O hat wenig Filialen und lebt hauptsächlich vom Versand) und eine durch die Produktion (HABA stellt hauptsächlich Holzspielzeug her).

Was überall zu sehen ist, sind z.B. Zisternen zum Sammeln von Regenwasser, um dieses dann wieder als Brauchwasser (z.B. Toilettenspülungen) zu verwenden und so kein Trinkwasser zu verschwenden. In der Holzspielzeugproduktion fallen zwischen 50-60% Verschnitt an. Dieser Verschnitt wird jedoch zum Heizen der Firmengebäude und einiger Privathaushalte benutzt. Natürlich gibt es auch Photovoltaikanlagen, die Strom produzieren.

Auch in Sachen Familienfreundlichkeit war ich beeindruckt. Die Firmengruppe hat eigene Kinderbetreuungsmöglichkeiten (sogar eine Krippe und Ferienbetreuung, was in der Region dort noch eher selten ist) und ermöglicht problemlos Elternzeit. Wenn die MitarbeiterInnen (hauptsächlich Frauen in dem Fall) aus der Elternzeit zurück kommen, müssen sie acht Jahre keinen Schichtdienst mehr machen, damit sie zu vernünftigen Zeiten für ihre Familie da sein können. Samstagsarbeit ist die Ausnahme (z.B. vor dem Weihnachtsgeschäft), sonntags wird nicht gearbeitet.  Es gibt nur zwei Schichten. Die dritte Schicht – also die Nachtschicht – wurde abgeschafft. Eltern können nach der Elternzeit ohne Probleme an ihren Arbeitsplatz zurück kommen.

Der Herr, der uns durch den Versand führte, hat so begeistert erzählt, dass ich den Eindruck hatte, dass er wirklich die gelebte Firmenphilosophie repräsentiert (einer der Slogans auf der Website lautet: „Wir kommen mit Ehrlichkeit ans Ziel“) und nicht etwas runterbetet, das lediglich so sein sollte, in der Realität aber nicht so ist. Es gab einen sehr offenen Umgang mit Fehlern und ich dachte oft: OK, das ist also eines dieser „lernenden Unternehmen“. Es wurden alle Fragen beantwortet – auch wenn sie kritisch waren – sei es nun zum Thema Kinderarbeit oder zum Thema Frauen in Führungspositionen.

Was die Versandzeiten angeht (z.B. als Kontrast zu dem was man bei Amazon z.B. hört), verzichtet JAKO-O bewusst auf diese irrsinnig kurzen Lieferfristen. „Die Frage ist, ob Kunden das eigentlich wollen…“ (persönlich sage ich: nein, da kann ich dankend verzichten) „…und am Ende gibt es jemanden, der das zahlt, wenn es nicht der Kunde ist, dann im Zweifelsfall die Mitarbeiter und das wollen wir hier nicht.“ Sprich, JAKO-O liefert eben nicht über Nacht, aber dafür arbeiten die MitarbeiterInnen zu vernünftigen Bedingungen und werden auch deutlich über Mindestlohn bezahlt. LeiharbeiterInnen werden auch zum Abarbeiten saisonaler Peaks nicht eingesetzt. Im heutigen höher-schneller-weiter-Zeitalter finde ich das sehr beeindruckend.

Egal in welchem Kontext man den Firmennamen erwähnte (Hotel, Regionalbahn, …) ich habe den Menschen einfach anmerken können, dass sie wissen wie wichtig das Unternehmen für die Region ist und wie fair und gut alle anstehenden Probleme und Herausforderungen – eben auch im wirtschaftlichen Kontext – gelöst werden. Selbst die AnwohnerInnen von Bad Rodach (sie hätten von den über 500 umherlaufenden KongressteilnehmerInnen durchaus genervt sein können) waren freundlich und hilfsbereit, haben ungefragt Wege erklärt und sich über die Neugierde der BesucherInnen gefreut. Ich hatte deswegen am ersten Abend auf dem Weg ins Hotel wirklich den Gedanken „Das ist eine glückliche Region.“

Wie gesagt, ich fand das alles sehr, sehr beeindruckend. Selbst wenn für den Kongress ganz sicherlich alles auf Hochglanz poliert wurde – es ist schön zu sehen, dass wirtschaftlich orientierte Unternehmen auf Nachhaltigkeit, Familienfreundlichkeit,   eigentlich Menschenfreundlichkeit (!) und Umwelt achten und nicht nach ausschließlich Gewinnmaximierung streben – vielleicht kommt das gerade von der privaten Führung und den Ideen der Familie Habermaaß.

 

* Wer die nicht kennt, kann ich sehr empfehlen. Kinderbetreuung ist hier inklusive

Nachtrag als Anpassung auf eine Rückfrage: Die HABA-Firmengruppe umfasst HABA, JAKO-O, Wehrfritz und Qiéro.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

16 Gedanken zu „Die glückliche Region“

  1. Wenn die Frauen 8 Jahre keinen Schichtdienst machen müssen – klingt ja erstmal gut – wer fängt das denn auf? Müssen die anderen Arbeiter häufiger Schichtdienst machen? Werden mehr Männer eingestellt? Wechseln sie ins Büro statt Produktion? Oder sind eh so viele Männer in der Produktion, dass der niedrige Frauenanteil mit Kind nicht stört?

    Die Lieferfristen würde ich einfach monetär steuern, d.h. wer schneller beliefert werden will, muss mehr zahlen. (DHL Express machts auch und macht schnellere Belieferung erst möglich.) Dann will es auf einmal keiner mehr.

    Familiengeführte Unternehmen sind oft angenehmere Arbeitgeber, da (wenigstens in der ersten Generation) die Entscheidungswege kurz, die Entscheidungen eindeutig sind. Da muss nicht nach Aktionärsinteressen, Börsenreaktionen, Aufsichtsratsbedenken geschielt werden. Aber kommen sie in die Jahre, hat spätestens die dritte Generation kein Interesse mehr (mit dem silbernen Löffel geboren), und dann tummeln sich fremde Experten im Betrieb und es läuft wie überall sonst auch.

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  2. Die Aussage zur kurzen Lieferzeit ist allerdings etwas irreführend. Lieferungen über Nacht haben nichts mit schlechter Mitarbeiterbedingungen zu tun, sondern eher damit, wie schnell man Ware bis zum Annahmeschluss des jeweiligen Versenders aus dem Lager bekommt. Dieser heisst Cut-Off-Zeit und ist idR von der Distanz zum nächsten Logistikzentrum abhängig. Üblich sind zwischen 16 und 19 Uhr, d. h. alle Bestellungen, die bis dahin raus sind, sind am nächsten Tag beim Kunden.
    Ich schätze übrigens Über-Nacht-Service sehr.

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  3. Gelesen habe ich den Text überaus skeptisch. Es ist kaum vorstellbar, dass solche Unternehmen in der heutigen Zeit noch (oder überhaupt) existieren und dennoch nicht am Hungertuch nagen, obwohl sie mit diesen ganzen verrückten Geldmachereifirmen mithalten müssen. Ich habe zwar immer gehofft, dass es auch Unternehmen gibt, die wirklich als Paradebeispiel gelten dürften, aber noch nie von einem gehört.
    Schön, dass es Utopien wohl doch auch in Wirklichkeit gibt, danke!
    :)

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  4. Ich komme ursprünglich aus der Region und tatsächlich ist das Gebiet (es nennt sich selbst „Die grüne Krone Bayerns“) strukturschwach und von Abwanderung betroffen. Die Haba-Familie geht mit gutem Beispiel voran und schafft (gute) Arbeitsplätze.
    Allerdings könnten sie in Bezug auf ihre Produkte in Sachen Nachhaltigkeit noch mehr tun.

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    1. Ich hab das nicht nachgeschaut. Das ist was ich in der Vertriebsführung gehört habe.
      Es gäbe noch andere Beispiele wie z.B. die Entscheidung nach der Wende nicht in den ehemaligen Osten zu gehen obwohl es da Steuervorteile gegeben hätte.
      Wie gesagt, ich habe nicht eingehend recherchiert. Ich gebe Eindrücke wieder.

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  5. Bei den ersten Kontakten konnte ich Jako-o nicht leiden. Doofer Name, doofes Maskottchen, und beides wahrscheinlich auf den falschen Produkten. Inzwischen schätze ich Jako-o auch, weil die Sachen in der Regel gut durchdacht und hochwertig sind, mit Bonuspunkten für diese Basisklamottenlinien.

    Haba-Sachen hatten wir nach anfänglicher Begeisterung sehr schnell über. Da werden erfolgreiche Ideen zu breitgetreten. Vor allem sind die Kleinstkinder-Brettspiele oft mehr Schein als Sein. Aber das kann auch als Brettspielgernhaber mit Regelnazianflügen an einer euphorisierten-übertriebenen Erwartugshaltung liegen
    („So, jetzt spiele ich mich mit meiner Zweijährigen mal ne zünftige Runde Brettspiel. Steht drauf: Fürs erste Regel- und Taktikverständnis“ — Kind lutscht am Spielstein — „Guck mal, du musst den hierhersetzen, weil Taktik“ — Kind sortiert Spielsteine nach Farbe — „Du musst schon mitspielen, sonst macht das keinen Spass“ — Kind geht. O.s.ä.)

    Was ich sagen wollte: Schön, dass die Haba-Familie sich augenscheinlich tatsächlich um Mitarbeiter und Qualität kümmert. Danke für den Bericht.

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  6. Zum dem Genderdingens: Mir ist leider gerade im letzten Katalog besonders aufgefallen, dass da vermehrt JungsMädchen (PiratenMonsterFeePrinzessin) getrennt wird. Weiß nicht, ob das an meiner geschärften Wahrnehmung lag, aber ich fand es ein bisschen traurig.
    Dafür steht meinem Sohn die lila Ringelhose bin Jako-o ganz hervorragend.

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    1. Ich teile deinen Eindruck, finde aber dass sie im Gegensatz zu anderen Ketten noch ein ausreichend großes Angebot an unifarbenen, neutralen Kleidungsstücken anbieten.

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      1. Da stimme ich dir zu. War letztens unterwegs um ein paar Teile für die Erstausstattung zu kaufen. Ich hatte die Wahl zwischen rosa, blau und beige. War echt enttäuschend. Bei Jako-o bekomme ich auch Bodies und Strampler in verschiedenen grün, Orange und rottönen. Außerdem weiß ich von anderen Familien, dass die sachen auch von der Qualität her gut an Geschwister weitergegeben werden können. Da kann ich auch mit den etwas höheren Preisen Leben, vor allem wenn die Firmenphilosophie stimmt.

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  7. Ich durfte die Firma letztes Jahr besuchen und kennen lernen und war ebenfalls sehr begeistert von deren Philosophie. Denn für Eltern bietet das Unternehmen auch verschiedenste Möglichkeiten um Beruf und Familie zu vereinbaren – und zwar nicht auf Kosten der Familie – und das finde ich einfach ganz großartig.

    Ich bin gespannt, was du zum Kongress zu erzählen hast!
    Liebe Grüße von umme Ecke!

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