Die Unterschiedlichkeit der Dörfer

Berlin ist ein Dorf. In meinem Dorf sind alle tätowiert, tragen zerschlissene Jeans und schwarze Jacken.

Heute war ich im Mitte-Dorf und habe wieder gestaunt. Hochgewachsen sind alle und sehr, sehr dünn.

Es gibt dort einen Laden, da gehe ich sehr gerne einkaufen. Es gibt farbenprächtige Kleider und in meiner Größe – der L – ist selbst im Sale die komplette Kollektion erhältlich. Ich belade mich also mit so vielen Kleidern, wie ich tragen kann und schlappe in die Kabine. Ob sie sehen können, dass ich aus dem anderen Dorf bin?

Ich ziehe mir das erste Kleid über. Es sitzt ein bisschen straff. In der Kabine neben mir, ruft eine Frau mit glockenheller Stimme: „Die S ist viel zu groß! Ich brauche XS!“. Ich höre die Verkäuferin davon rauschen.

Vor dem Laden stauen sich die Menschen. Durch die meisten Straßen in Mitte kann man nur sehr langsam gehen. Einen halben Schritt langsamer als Schlendern.

Immer wieder gibt es große Menschenansammlungen. Bis auf die Straße stehen die Menschen manchmal. Zum Beispiel bei einem Vietnamesen, der tatsächlich sehr gutes Essen anbietet. Früher war ich öfter dort. Zwei Hauptgerichte gibt es zur Auswahl. Alles frisch, kein Schnickschnack. Jetzt ist es dort unfassbar voll. Zu jeder Tageszeit. Die Bedienungen sind organisiert wie Roboter. Man kommt, 10 Sekunden bis die Getränkebestellung aufgegeben werden kann, welches Essen? Keine zwei Minuten später steht das Hauptgericht samt Getränk auf dem Tisch. Kaum hat man den letzten Bissen runtergeschluckt, wird abgeräumt: „Sie wollen die Rechnung?“ (Nein, eigentlich nicht, aber die anderen warten…)

Ein Stückchen weiter die Straße Richtung Norden, wieder eine gut zwanzig Menschen lange Schlange. Ich laufe neugierig an ihr Kopfende. Er mündet in einen … Bäcker. Ich schaue um die Ecke in den Laden. Tatsächlich – es gibt hier v.a. Brot. Das Brot sieht gewöhnlich aus, große, runde Laiber, nur die Preise sind astronomisch hoch. Fränkische Sauerteigbrotbäcker würden es nicht glauben können.

Überall sind Menschen in sehr engen Hosen. So enge Hosen! Wie kommen diese Menschen in diese Hosen? Slim Fit Jeggins! Einmal angezogen kann man bestimmt eine Woche darin bleiben und dann kann man sie abwerfen wie Schlangen ihre Haut abwerfen wenn sie sich häuten.

Hier tragen die jungen Männer keine Bärte. Die Frauen aber Dutts. Sie haben alle einen. Bestimmt gibt es irgendwo Dutt-to-go-Läden von denen ich nichts weiß.

Tatsächlich gibt es hier auch Kinder. Die meisten werden gefahren. Aufs Alter kommt es gar nicht so an. Die ältesten wirken auf mich so als ob sie kurz vor der Einschulung stehen. Aber selbst laufen, das scheint hier nicht zu den üblichen Praktiken zu gehören. Die Kinderwagen werden von Vätern geschoben. Aha, da sind sie, die modernen Väter von heute! Am Wochenende schieben sie die neusten Bugaboo und Teutonia-Modelle durch die überfüllten Straßen.

Ich google die Kinderwagenmodelle und frage mich, ob man sich werbetechnisch schon auf die Väter eingestellt hat und jetzt statt mit Dessins mit technischen Details lockt. Die Werbetexte jedenfalls sind pompös:

Sein einfaches Handling und leichtgängiges Fahrwerk macht jede Citytour zu einem Spaziergang. [… ]Der geräumige Innenraum mit seiner bequemen Polsterung machen den******* zu einem komfortablem Nest für die Kleinen. Für einen hochwertigen Look sorgt der neue Schiebergriff in schwarzer Lederoptik  und schwarzer Ziernaht für eine optimale Haptik während des Schiebens.

Optimale Schiebehaptik! Was für ein Wort!

Tief beeindruckt bin ich, weil ich rund eine Viertelstunde herumstehen kann und keine einzige Frau sehe, die nicht durch und durch perfekt gestylt ist. Sie haben alle gerade Lidstriche, einen Hauch Rouge und tragen dezenten Lippenstift (der Nude Look!). An den Fingern trägt man heute einen leichten Apricotton.

Ich schaue in die Schaufenster. Die einzelnen Kleidungsstücke so teuer wie – ach lassen wir das… faszinierend ist es jedenfalls, dass die Läden voll sind und es ganz offensichtlich Menschen – ausreichend Menschen – gibt, die sich das leisten können.

Ich frage mich, sind das Menschen, die hier wohnen? Wohnen sie schon immer hier oder sind sie dazugezogen? Wenn zweiteres, wo verstecken sich die Einheimischen?

Vor mir und hinter mir tragen die Menschen große Papiertüten. In jeder Hand mehrere. Ob sie nur einmal im Jahr dazu kommen, „shoppen“ zu gehen?

Ich jedenfalls, komme sogar zweimal im Jahr hierher. Zum Staunen und auch, um mich wieder glücklich zu schätzen, dass ich in diesem anderen Dorf lebe, wo ich ungekämmt auf die Straße kann, wo die Kinder selbst laufen, das Brot schlecht aber billig ist und man in den Restaurants noch kurz sitzen darf – selbst wenn man schon aufgegessen hat.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

67 Gedanken zu „Die Unterschiedlichkeit der Dörfer“

  1. War Berlin nicht irgendwie immer so? Vielleicht fühle ich (als Berlinerin) mich deswegen heute so wohl in der Provinz und in meinem 300-Seelen-Dorf, es kommt mir ja durchaus vertraut vor.

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  2. So wie du Berlin beschreibst,geht es mir im Ruhrpott/Rheinland.
    Eine Masse Stadt mit bisschen Land dazwischen.Nun in der totalen Spießigkeit wohnend und davor im Leben,im Puls der Stadt, wo jeder grüßte.Wo es neben den Veganern die geilsten Brathähnchen der Stadt gab….Und diese Welten trennen drei Kilometer.

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  3. Ich bin überrascht – heute abend werde ich mal wieder aus meinem Dorf in dein Dorf fahren und mich dort auch über Radler ohne Licht, bärtige junge Männer und blasse Veganerinnen wundern. Da denke ich auch immer, das ist doch nicht mehr das Berlin, was ich kenne …

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  4. Komm ins nördliche Charlottenburg-Dorf. Alles ehrlich: die Döner, die Wettbüros, die Testosteronbomber, die tiefergelegten BMW vor den Shisha-Bars und der 80″ Fernseher im Fenster des Nachbarn schräg gegenüber. Ach und natürlich der grüßende Zoobedarfshändler, die Auf-Bäckerin die weiß was man immer kauft, die Rewe-Kassiererin die fragt wies geht und so weiter und so weiter….

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