Ferienwohnungsfeatures öffneten mir die Augen (naja fast)

Dieses Mal habe ich mich überreden lassen und im Urlaub mehr als 50 Euro pro Nacht ausgegeben. Das Resultat lässt sich sehen: Eine geräumige Ferienwohnung mit zwei Bädern.

Wer Kinder hat, weiß, dass zwei Bäder wirklich höchster Luxus sind. Man kann einfach auf Toilette gehen und wenn (wie immer) genau in diesem Moment eines der Kinder schreiend vor der Tür steht und verkündet, es müsse auch superdringend, ein Aufschub wäre auf keinen Fall möglich, die sofortige Einpullerung drohe, dann kann man ganz entspannt schreien: „NIMM DAS ANDERE BAD *********!!11!“

Im Vergleich zu den Ferienunterkünften, die wir aber bislang hatten, gibt es weitere Luxusbotschafter.

Da wäre zum einen das Feature Deko.

Die Wohnung verfügt z.B. über eine Vitrine mit Innenbeleuchtung. Am Tag des Einzugs, habe ich voller Freude ausgerufen: „Oh, schaut! Eine Vitrine!“

Die Kinder kamen interessiert angerannt und fragten: „Vi-trin-e? Was ist das?“ und Kind 3.0 betätigte dann gefühlte zweihundert Mal den Lichtschalter für die Innenbeleuchtung, während ich erklärte was eine Vitrine ist.

Da wir hier keinen Internetempfang haben, musste ich übrigens ohne googeln erklären. Meine letzte Vitrine hatte ich Anfang der 90er im Haushalt meiner Eltern gesehen. Ein schwerer Mahagonischrank, der nach Holzpolitur roch und einige, sehr bunte und sehr hässliche Bleikristallgläser und das Hochzeitsgeschirr beherbergte.

(Sie sehen schon, man kommt aus dem Erklären gar nicht mehr raus. Bleikristallgläser und Hochzeitsgeschirr…)

Ich versuchte es also mit: Eine Vitrine ist ein einsehbarer Schrank, der bestimmte Gegenstände des Haushalts, die aus irgendeinem Grund besonders sind, zur Schau stellt.

Auch sonst ist die Wohnung mit zauberhaften Details ausgeschmückt, die ganz sicherlich zu dem etwas übertriebenen Mietpreis beigetragen haben:

dekotraum
Die Ferienwohnung ist ein einziger Dekotraum

Kunstblumen, Vorhänge aus Kunstfasern, Klimbimbehängung an den Fenstern und aparte Skulpturen.

Die ersten Tage unseres Aufenthalts habe ich darüber nachgedacht, ob die Menschen, die diese Dinge erworben haben, tatsächlich finden, dass diese Gegenstände schön im Sinne von ästhetisch sind.

Ich gelangte dann aber zu der Einsicht, dass das unmöglich der Fall sein kann. Niemand kann diese Art Schmuck schön finden.

Was wäre aber die Alternative?

Kein Schmuck? Ok. Das ginge. Die meisten Anbieter von Ferienwohnungen, die weniger als 50 Euro pro Nacht kosten, verzichten vollständig auf Dekoration.

Nur – so schrieb ich ja schon zu Beginn – kostete diese Wohnung eben etwas mehr und der gehobene Anspruch braucht offensichtlich mehr als nur zwei Bäder.

Also schöne Deko kaufen?

Natürlich nicht. Man stelle sich die Diebstahlquote vor. Eine Ferienwohnung mit ausgesprochen ansehnlicher Deko ist ein fortwährendes Finanzrisiko.

Kaum hat man etwas schönes gekauft, zieht ein Ferienwohnungsgast ein, der nicht an sich halten kann und ein oder zwei Stücke der schönen Deko beim Auszug einsteckt und so tut als hätte es besagten Gegenstand nie gegeben.

Die Vermietenden müssten ständig nachkaufen.

Bei einer Saison von Mai bis September (5 Monate a 4 Mieterwechsel) und jeweils zwei entwendeten Gegenständen im Wert von 15 Euro beläuft sich der Schaden schon auf 600 Euro.

Würde man nun ständig die Deko nachrüsten, so schlüge sich das langfristig sicherlich auf den Mietpreis nieder, was dann aber bedeuten würde, dass man im Grunde mehr Deko kaufen muss, um den teureren Preis zu rechtfertigen und schwups befindet man sich ein einer Mietpreisspirale an der niemanden gelegen sein kann.

Also verzichtet man auf schöne Deko, kauft preisfreundliche Baumarktdeko und sorgt somit dennoch für kuschelige Ferienwohnungsatmosphäre.

Ganz einfach.

(Wie gesagt, hab ich durch anstarren der Deko in nur vier Tagen durch Nachdenken rausgefunden. Ich sag den Kindern ja immer, dass Nachdenken wirklich bei fast allen Problemen hilft. Es lohnt sich!)

Jedenfalls: Zwei Bäder und etwas Deko machen einen Mietpreis natürlich auch noch nicht fett.

Als weiteres Luxusfeautuere verfügt die Wohnung über Fernsehempfangsgeräte in jedem Zimmer. Wirklich in jedem Zimmer.

Die Kinder waren so begeistert, dass im Kinderzimmer ebenfalls ein Fernseher steht, dass sie die ersten Tage fasziniert den schwarzen Bildschirm anstarrten. Erst als die erste Woche fast vergangen war, fragten sie, ob sie das Gerät mal anschalten könnten.

Im Urlaub soll man ja alle fünfe mal gerade sein lassen und bekanntermaßen kann erfolgreiche Medienerziehung nur dann stattfinden, wenn der Umgang mit dem Medium erlernt wird. Das wiederum ist nur möglich, wenn man nicht verbietet sondern kontrolliert konsumiert.

Also an dem Tag im August an dem Bodenfrost angesagt war, sagte ich zu den Kindern: „Heute müsst ihr nicht schwimmen gehen, heute schauen wir fern!“

Erwartungsfroh schalteten wir also das Gerät an und schauten irgendwas. Ehrlich gesagt, kann ich mich wirklich nicht erinnern – denn das eigentlich interessante ist nämlich gar nicht das Programm sondern das sind – Sie ahnen es – die Werbepausen dazwischen.

Werbepausen sind ungemein faszinierend. Erstens sind sie unfassbar lang. Kind 3.0 lies sich in der ersten Werbepause (es war ja ahnungslos) wimmernd über die Bettkante fallen, es wollte doch sooo gerne weiter schauen, aber als die Geduld zu Ende war, war leider die Werbepause immer noch nicht am Ende… einfühlsam erklärte ich dass Werbepausen manchmal sehr, sehr lange gingen, dass das Kind aber tapfer durchhalten müsse, wenn es das Fernsehprogramm bis zum Ende schauen wolle.

Kind 3.0 gab sich einen Ruck, ging eine Runde im hauseigenen Schwimmbad schwimmen und kehrte pünktlich zum Ende der ersten Werbepause wieder.

Nach wenigen Stunden, also direkt am Ende des Zeichentrickfilms, den wir anschauten, schauten mich die Kinder verstört an.

„Mama, du bist alt. Warum tust du nichts dagegen? “

Kind 2.0 war bereits ins Bad geeilt und untersuchte meine Cremevorräte (also die eine Tube, die ich mitgenommen hatte).

„Keine Cremes mit Hyaluron? Nichts mit Repair-Komplex, kein Collagen-Boost? Nicht mal Skin Recovery oder Smoothing Effekt?“, stellte es mit leicht zitternder Stimme fest.

Kind 3.0 rollten schon wieder die Tränen über das Gesicht: „Aber Mama! Die sieben Zeichen der Hautalterung?“

Jetzt war ich auch alarmiert!

  • Trockenheit!
  • Große Poren!
  • Fältchen!
  • Pigmentflecken!
  • Schlaffheit!
  • Verlust an Lipiden! (OMG! WOHIN GEHEN DIE LIPIDE???)
  • Verlust an Collagenen (auch sie… einfach fort?)

Die Kinder kontrollierten mein Gesicht. Zumindest fünf Zeichen waren eindeutig identifizierbar. Wobei man bei den Pigmentflecken ja sagen muss, in meinem Alter weiß man eben nicht so genau, ob es sich um jugendliche Sommersprossen oder älterliche Altersflecken handelt – deswegen ist Pigmentfleck ein sehr klug gewählter Begriff. Sowas hat ganz bestimmt jede/r.

 

7 zeichen
Mit 7 Zeichen der Hautalterung ist man noch harmlos dabei, wie Google beweist

Da saßen wir bedröppelt und besorgt.

Nicht nur, dass mir bis vor einigen Tagen gar nicht klar war, wie es um mich und meine Haut steht, weil ich lieber Pokémon Go gespielt habe, als mich um meine Makel zu kümmern – nein – wir haben das alles als völlig normal hingenommen.

Ich dachte: ich bin jetzt über vierzig. Da hat man das ein oder andere Fältchen. Das Doppelkinn erschlaffft langsam, die Nasolabialfalte wird tiefer.

Ich war sozusagen einfach so im Reinen mit mir.

Ein bisschen zu viel Speck am Bauch, Falten im Gesicht, gelegentlich glanzloses Haar.

Hingenommen habe ich diese Veränderung.

Naja ICH – WIR alle haben das.

Wir dachten, es gäbe einen Unterschied zwischen Kindheit, Jugend, Adoleszenz und Alter, der sich auch in unterschiedlichem Aussehen niederschlägt.

Die Werbung hat uns aber glücklicherweise die Augen geöffnet und zwar gründlich.

Ich bin ein einziger Makel. Eine Schande. Der Archetyp von Unperfektion.

NATÜRLICH geht das nicht. NATÜRLICH kann ich nicht einfach altern und gar Übergewicht bekommen. Was hab ich mir nur dabei gedacht! Ich kann doch Eiweißshakes trinken, hungern, Bodyshapeunterwäsche tragen, ergraute Haare färben, Falten wegcremen und meinen Teint mit Makeup perfektionieren!

Ich verschwinde dann mal kurz im … Moment! Eines der Kinder ruft. Oh? Hier gibt es ein Pikachu! Oh wie toll! Boah! Mit 354 WP!

113 Gedanken zu „Ferienwohnungsfeatures öffneten mir die Augen (naja fast)“

  1. Du hast mich mal wieder zum Lachen gebracht.
    Ich liebe Deine erfrischende Art mit der Du die Artikel schreibst.
    Besonders lustig fand ich den Teil über das Fernsehschauen.

  2. Als eine von denen, die in einer beliebten Urlaubsregion großgeworden ist, möchte ich hinzufügen: Dass der Rand der Provinz, der A***** der Welt sozusagen, als Erholungsstätte so beliebt ist, hat auch etwas damit zu tun, dass da ja nix is. Also auch kein Deko-Geschmack. Wenn dann Tante Hannelore in der Reha wegen Ischias gelernt hat, wie man hässliche Entlein produziert, und sich dann in der liebenden Nichte eine Ahnung von Geschmack entfaltet, dieser aber mit dem Drang nach Anerkennung und sozialer Erwünschtheit im Clinch liegt, tja, dann nimmt frau das Ding dankbar an und stellt es eben in die FeWo. Dafür hat man die doch schließlich. Wo sonst sollten ernsthaft Rundecken-Sofas mit violetten Camouflage-Mustern hin aussortiert werden? Die sind doch noch gut? Das kommt doch bestimmt wieder?

  3. Also, ich weiß nicht, auch bei zwei, fünf oder sieben Bädern würden die mir bekannten Kinder höchstens zurückschreien: geht nicht, da ist gerade der Bruder/die Schwester/der Papa/eine Spinne etc. Pro Kind ein Bad, das wär’s. Und eins für die Spinne. (Allerdings bin ich nicht Mutter, sondern nur Tante, also kann ich eigentlich nicht mitreden.)

  4. Ich glaube aus dem roten Faden würde ich mir gerne einen Pullover für den Herbst stricken. Damit sehe ich ganz sicher super aus und er würde von meinen Falten ablenken, wenn ich die Dekoration unserer Ferienwohnung dann bewundern fahre.

  5. Speziell den Teil über Dekoartikel in Ferienwohnungen kann ich vollinhaltlich bestätigen; als regelmäßige FeWo-Benutzer fahren wir inzwischen auch die Strategie, das Zeug am ersten Abend weitgehend außer Sicht zu bringen; meistens gibt’s ja viel mehr Schubladen, Schrankfächer &c., als sich für einen ein- oder zweiwöchigen Aufenthalt sinnvoll befüllen lassen.

    Ein interessantes Kapitel in diesem Zusammenhang stellen auch ggf. vorhandene Bücher, CDs oder DVDs dar, bei denen man darüber spekulieren kann, ob sie von den Wohnungsbesitzern aussortiert, von früheren Gästen zurückgelassen oder direkt vom 99¢-Grabbeltisch erworben wurden und ob sie in irgend einer Weise Rückschlüsse auf frühere oder aktuelle Interessen, Gewohnheiten oder Vorlieben der Vermieter zulassen.

    Die in letzter Zeit zunehmende MaxGoldteskness Deiner Artikeltitel wird hier übrigens mit Freude und Belustigung quittiert.

  6. Wir fahren im September erneut in eine winderschöne Ferienwohnung am Meer. Erste Amtshandlung: ALLE Bärchen und sonstigen Stehrümchen (bunter Dekosand mit Teelicht, künstliche Gräser etc.) werden fotografiert und ziehen sofort in die große Schrankschublade, am Abreisetag ziehen sie wieder um, dank der Fotos wissen wir wohin!

  7. Tz tz tz! Dabei sieht man doch beispielsweise an Frauen wie Donatella Versace oder Männern wie Mickey Rourke, dass man auch in fortgeschrittenem Alter noch frisch und jugendlich aussehen kann, wenn man nur volles Vertrauen in die Schönheitsindustrie hat.

    Wahrscheinlich müsste man einen Cremespender auf dem Kopf tragen, der permanent automatisch Creme über den kompletten Körper pumpt und für ausreichend Feuchtigkeit sorgt, damit der ganze überteuerte Plunder überhaupt einen Effekt hat.

    Wenn du übrigens mal sehr genervt sein willst, dreh eine kleine Runde durchs Erdgeschoss des KaDeWe. Was die neben Parfums alles an Pimp-your-skin-Gedöns haben ist echt echt jenseits von gut und böse. Aber beim Schlendern ließe sich da vermutlich auch das eine oder andere Elektek oder Aquana fangen.

  8. Hab herzlich gelacht, danke! :)

    Mit Artikeln wie diesem habe ich damals Dein Blog kennengelernt.
    Du weisst ja, damals, als wir noch jünger waren. :D

    Gerne wieder mehr davon, auch wenn zur Zeit so viele ernste Dinge passieren, die ernste Blogeinträge natürlich rechtfertigen.

    Gruß
    Aginor

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