Frauenkampftag, delayed

@adjomargonzalez Pixabay

8. März, Internationaler Frauentag

Das erste Mal ist er mir 2001 begegnet. Ich arbeite in einem Unternehmen, das viele MitarbeiterInnen hat, die aus Ost-Berlin kommen. Mir wird eine Rose überreicht und die Hand geschüttelt.

Crazy.

2001 finde ich es süß einfach so eine Rose zu bekommen. Wie aufmerksam!

Fünfzehn Jahre später: aus einem mir unbekannten Gedenktag ist der Frauenkampftag geworden.

An der U-Bahn-Haltestelle verteilen Menschen eine farblich passenden Partei rote Rosen an Passantinnen. Die meisten springen erschreckt beiseite. „Alles Gute zum Frauentag! Ich habe hier eine Rose für sie!“

V.a. die jüngeren Frauen machen einen großen Bogen um die Rosen. Mein 2001er-Ich wäre auch kopfschüttelnd weitergelaufen.

Ich hatte es gut da. Keine Probleme. Ich war ungebunden, qualifiziert und eigentlich habe ich nichts anderes gemacht als von morgens bis spät abends zu arbeiten. Nie wäre ich auf die Idee gekommen vor 17 Uhr nach Hause zu gehen. Meetings, die um 16 Uhr starten? Was ist das Problem?

Dass mein Kollege mehr Geld für die gleiche Arbeit bekommt, war mir nicht klar. Dass meine Vorgesetzten, dass eigentlich fast ALLE Vorgesetzten des Unternehmens männlich waren: normal

Ich habe auf mein Gewicht geachtet, regelmäßig Diäten gemacht und fand Frauen, die ihre Beine nicht täglich rasieren furchtbar (hatten die überhaupt noch Sex??)! Ich hab sogar Germanys Next Top Model geschaut.

Mehr als ein Jahrzehnt, ein paar Kinder und eine gescheiterte Ehe später, habe ich meine Sicht auf die Dinge geändert.

Feministin. Einundvierzig Jahre musste ich werden, um das Wort Feministin nicht mehr leicht schamhaft auszusprechen.

Ich lese gerade ein Buch (Sungs Laden), in dem steht, in einem völlig anderen Kontext sinngemäß:

„Das Leben forderte nicht mehr viel, vielleicht war es jetzt an der Zeit dem Leben etwas abzufordern.“

Daran musste ich denken. Vielleicht kann man sich als etwas über 20jährige kaum leisten, etwas zu fordern. Neu im Job, kaum Berufserfahrung, geringes Einkommen. Vielleicht ist das viel riskanter etwas zu fordern als es das mit 40 ist.

Mittlerweile wünsche ich mir, dass alle Feministin sind – auch die Männer. Ich sehe sie als Verbündete. Einem Mann kann doch auch nichts daran liegen eine völlig erschöpfte Frau an seiner Seite zu haben, seine Kinder nicht versorgen zu können, ja ich glaube sogar, die meisten hätten nicht dagegen, wenn die Kollegin genauso viel verdient und wenn man(n) einfach zur Chefin gehen kann und sagt: „Ich würde gerne 7 Monate Elternzeit machen“ und die Chefin antwortet: „Das freut mich aber. Da müssen wir bald mal über eine Verteilung ihrer Aufgaben sprechen, aber das bekommen wir hin!“

Mir persönlich fällt das Motto des Frauenkampftags #MeinTagohnemich schwer. Streiken sollen die Frauen, sie sollen sich eine Welt ausmalen, in der die Frauen fehlen.

Auf den Seiten des feministischen Netzwerks lese ich:

Erzähl uns deine Geschichte. Deine persönliche Dystopie (oder auch Utopie) vom Tag ohne dich. Was passiert denn eigentlich, wenn du einfach mal 24 Stunden nichts machst? Wer übernimmt die Care-Arbeit, was passiert mit deiner Lohnarbeit und wofür würdest du die Zeit endlich mal nutzen?

Ich verstehe die Idee, aber wenn ich ehrlich bin, in meinem Leben würde derzeit folgendes passieren: nichts

Mein Partner ist nämlich in alle Prozesse eingebunden. Vielleicht würde er einige Dinge anders machen als ich, aber die Kinder kämen mit Pausenbrot pünktlich in die Schule, sie bekämen Abendbrot, Schultasche wäre ausgeräumt, die Zettel bearbeitet, die Termine in den Kalender übertragen, die Hausaufgaben gemacht, die Zähne geputzt, die Einschlafgeschichte vorgelesen.

Irgendwie fühle ich mich schlecht, dass ich bei #MeinTagohnemich nicht mitmachen kann, wenigstens trage ich an diesem Tag als Zeichen meiner Solidarität rot.

Auf dem Weg in die Arbeit schaue ich die anderen Frauen an. Kein Rot, keine Pussy Hats. Ich bin ein bisschen enttäuscht.

Ich bin fest entschlossen mich allerorten als Feministin zu outen. Mir ist klar, dass ich damit einige erschrecken werde, wie ich mich 2002 erschreckt habe, wenn mir zugetragen wurde „Die Anna ist Feministin.“

Huuu! Ohhhh! Feministin!

Am Wort kleben weiterhin Humorlosigkeit und Beinhaare.

Vielleicht hilft das Outing am Ende aber. Vielleicht wissen andere Frauen damit, dass sie auf mich als ihre Verbündete an ihrer Seite zählen können. Ich hoffe es.

Während ich in der Tram sitze, gruselt es mich. Bedeutet #MeinTagohnemich bei vielen Familien immer noch, dass alles still steht? Dass es kein Essen gibt, dass nicht vorgelesen und gekuschelt wird, dass die Kinder die Strumpfhose statt einer Mütze am Kopf tragen?

Was passiert, wenn #MeinTagohnemich auf #MeineWocheohnemich ausgedehnt wird?

Was wenn es #MeinMonatohnemich wird?

Wie gesagt, ich glaube, so richtig viel würde bei mir nicht passieren. Aber schaue ich in Familien meiner Freundinnen oder Bekannten… so ein Ausfall der Frauen hätte doch ganz schöne Auswirkungen. Es gibt noch genug Kommentare der Art: „Haha, mein Mann kann nicht kochen!“ und „Nachts stehe nur ich auf. Mein Mann braucht den Schlaf.“

Deswegen bleibe ich Feministin – denn ich möchte, dass wir irgendwann austauschbar sind (sind wir als geliebte Individuen Mamas und Papas nicht – aber in unseren Verantwortlichkeiten hoffentlich doch). Dass Frau gegen Mann getauscht werden kann, Mann gegen Frau, Frau gegen Frau und Mann gegen Mann.

Alles ist geteilt, das selbe Geld ist im selben Job verdient, der selbe wichtige Vortrag in der Öffentlichkeit gehalten, die Kinder schreien genauso oft MAAAAAmmmaaa! wie sie Paaaaapaaaa! schreien.

Und so lange das nicht für alle erreicht ist, nehme ich gerne die Blume, sage auch wohlerzogen Danke, wünsche mir aber weiterhin: gleiche Chancen, gleiche Bezahlung, gleiche Arbeitsteilung und gleiche Rechte.

und v.a. vergesse nicht die Lebensumstände anderer Frauen und möchte auf den Artikel von Rike Drust verweisen:

Trotzdem bin ich jeden Tag schockiert, wütend, traurig und fassungslos über Videos, Tweets, Posts und Nachrichten von Pussy GrabbernVergewaltigungen (bei denen die Täter, wenn sie weiss sind und gut schwimmen können, mit einem kleinen Dududu davonkommen)Gender Pay oder Gender Care GapsSechsjährigen Mädchen, die schon verinnerlicht haben, dass Jungs angeblich klüger sind.  Von Revenge PornHate Speech. Ich möchte vor Wut meine Faust aufessen, wenn ich lese, mit was für einem Scheiss sich viele alleinerziehende Mütter (und ein paar Väter) herumschlagen müssen, wofür sie sich gerade machen, obwohl sie weder Geld noch Zeit haben und sich dafür noch in der alleruntersten Schublade beleidigen und bedrohen lassen müssen. In die Finger beissen tu ich, wenn ich Eltern höre, die ihren Kindern sagen, sie sollen nicht weinen „wie ein Mädchen“ oder Kinder, die meinem Sohn sagen, dass pink eine Mädchenfarbe ist. Ich könnte ewig so weitermachen. Aber es soll ja nicht ewig so weitergehen.

Aber auch diese Lebensbedingungen und Erfahungen, die nicht in Prozent ausdrückbar schlimmer sind als meine Lebensumstände, lasse ich nicht als Argument gelten für meine Rechte einzustehen übrigens.
Das „Was beschwerst du dich, dir geht es doch gut“-Argument bedeutet Stillstand. Stillstand ist nicht was ich möchte. Aber wie Rike oben sagt:

Es soll ja nicht ewig so weitergehen.

Deswegen: so lange wir die selben Ziele haben, lasst uns Seite an Seite stehen. Egal, ob man sich nun Feministin nennen möchte oder nicht. Egal welchem Feminismus man sich zugehörig findet (z.B. dem 2012er).

Sonja von Mama Notes schreibt so passend:

Es geht nicht um Dich. Es geht um die alle Frauen, die noch nicht so gleichberechtigt leben können, wie Du. Es geht nicht um Deine individuelle Situation, nicht um Deine Filterbubble. Sondern es geht darum, gemeinsam solidarisch zu sein.

Das möchte ich auch und zwar nicht nur am 8. März.

99 Gedanken zu „Frauenkampftag, delayed“

  1. und noch etwas: Was wäre passiert, wenn meine Frau am 8. März komplett die Arbeit verweigert hätte? Gar nichts, außer das ich früher hätte aufstehen müssen (sie startet immer die Familie morgens). Letztes Jahr war sie 10 Tage alleine auf Wellnessurlaub in Italien und da ist der Laden auch nicht zusammengebrochen. Und zur Not kämen wir auch ohne ihr Gehalt zurecht.

  2. zum 100sten Mal: Könnte das mit der Bezahlung vielleicht auch ein klitzekleines bisschen mit den persönlichen Entscheidungen und Präferenzen zu tun haben?

    Ganz anekdotisch (ohne statistische Relevanz) aus unserem Büro: Die Kollegin ist Single, hat weder alte Eltern noch Kinder und auch keine besonderen Hobbies. Die hat immer Zeit für Überstunden, blödsinnige Meetings etc. und arbeitet locker eine Stunde am Tag länger als ich (unbezahlt!). Ich (Mann) habe zwei Kinder und lege großen Wert auf Zeit mit ihnen. Ich mache immer pünktlich Feierabend, habe Mittwoch Nachmittag „frei“ (also Zeit für Haushalt, Kinderarztbesuche etc.) trotz Vollzeit und lese grundsätzlich keine Mails in der Freizeit.

    Unsere Jobs sind absolut vergleichbar und ich habe sogar die höhere formale Qualifikation (Hochschulabschluss). Trotzdem verdient die Kollegin natürlich mehr als ich. Und das ist auch gerecht so, denn schließlich interessiert die Firma nur, was die Leute im Job leisten. Das ich (als Mann) jeden Tag noch ca. 2 Stunden in Care-Arbeit stecke, interessiert hier nicht.
    Trotzdem bin ich der Meinung, dass ich den viel besseren Part erwischt habe, von wegen Work live Balance und so. Meine Kinder werden allmählich erwachsen und was jetzt von ihnen zurückkommt, ist großartig und unschätzbar wertvoll.

    Also nochmal die Frage: Kann es sein, der sehr viele Frauen einfach nur schlauer sind als die Männer und (zu Recht) keinen Bock darauf haben, ihre Seele und ihr Leben komplett an einen (Scheiß-)Job zu verkaufen? Auf dem Sterbebett wird jedenfalls garantiert NIEMAND bedauern, zu wenig Zeit im Büro verbracht zu haben.

    1. „Könnte das mit der Bezahlung vielleicht auch ein klitzekleines bisschen mit den persönlichen Entscheidungen und Präferenzen zu tun haben?“
      Im Einzelfall bestimmt, nicht aber über ALLE Frauen gerechnet.

      Es ist halt so ein Henne-Ei-Ding. Frauen wählen z.B. durchschnittlich schlechter bezahlte Jobs – die Frage ist: warum tun sie das?
      Man kann da die ganze Diskussion jedes Mal vom hundertsten bis ins tausendste führen.

      1. Eine wichtige Frage ist vor allem: Warum sind diese Jobs schlechter bezahlt? Mein Lieblingsbeispiel: Warum verdient eine Kita-Leitung mit vielen Mitarbeitern und hohem Budget ungefähr gleich viel wie ein Facharbeiter bei Ford. Erzähl mir bitte hier niemand etwas von körperlicher Arbeit.

        1. Das ist allerdings eine wichtige Frage. Schon traurig, dass ausgerechnet die Jobs, bei denen man sich um Menschen kümmert, oft schlechter bezahlt sind. Nur, warum tun Frauen sich das an? Werde meiner Tochter jedenfalls ganz bestimmt nicht dazu raten, so einen miesen Sch*****job wie z.B. Altenpflegerin anzustreben.

          Ist aber auch schwierig: Bei vielen kleinen Einrichtungen und Betrieben kann man sich kaum gewerkschaftlich organisieren und wenn man dann mal völlig zu Recht streikt, wird man noch von der durchgängig neoliberalen Presse niedergemacht und hat auch noch sämtliche Eltern (auch die Frauen) gegen sich, weil man den viel zu eng getakteten Familienbetrieb stört.

  3. Ich muss gestehen, dass ich (als Mann) den Weltfrauentag vor der Zeit in meiner Twitterblase bestenfalls über Sonderangebote für Frauen, meist für Drogeriekram und ähnliches, wahr genommen habe. Auch mein Weltbild hat sich im Lauf der Zeit gewandelt, und ich wage es durchaus gelegentlich, mich als Feministen zu bezeichnen – allerdings bin ich damit vorsichtig, weil es scheinbar doch einige Frauen gibt, die es nicht mögen, wenn Männer das tun (was ich schade und wenig konstruktiv finde).

    Zum Thema #MeinTagohnemich: wenn meine Partnerin komplett ausfallen würde, dann würde sich auch bei uns erst mal nicht viel ändern, außer dass der Alltag alleine mit 2 Kleinkindern (1 und 3) natürlich etwas anders gestaltet werden muss, als wenn man zu zweit ist. Selbst wenn ich nicht gerade in Karenz wäre: ich habe mich vor kurzem ganz bewusst für 100% Homeoffice und gegen einen klassischen Vollzeitjob entschieden, weil ich die Möglichkeit haben und nutzen will, präsent zu sein.
    Es war für mich keine Entscheidungs- sondern eine reine Organisationsfrage, als meine Partnerin den Wunsch geäußert hat, sich ein Jahr lang fortzubilden, wozu sie vor allem meine zeitliche Unterstützung braucht (flexible Reduktion meiner möglichen Arbeitszeiten). Dafür ist sie auch bereit, mich zu unterstützen, wenn ich an einem Wochenende etwas dringendes erledigen muss, oder alleine einem Hobby nachgehen möchte (was sie natürlich ebenso darf). Mit ein bisschen Gespür für die Wünsche und Energielevels des/der Partner_in ist es eigentlich ganz einfach!

    Und jedes Mal, wenn mich die Kinderärztin wieder über den grünen Klee lobt, wie toll es nicht sei, dass ich auch so für meine Kleinen da bin, ärgere ich mich über die verkrusteten Strukturen hier in der Österreichischen Pampa, die mich immer noch zu einem Ausnahmefall machen.

    Sollte ich übrigens plötzlich berühmt werden und öffentliche Videokonferenzen von zuhause abhalten, und meine Mädels rennen durchs Bild, nehm ich sie auf den Schoß und erkläre ihnen, dass ihnen gerade die gesamte Welt zusieht. Versprochen!

  4. Dieser Kommentar könnte auch unter anderen Beiträgen von Dir stehen.
    Ich lese Deinen Blog so gerne. Danke dafür, dass Du Deine Gedanken sortierst, aufschreibst und mit uns teilst. Danke, dass Du hier wenig Werbung machst.

  5. Feminismus war mir vor ein paar Jahren auch noch ziemlich egal. Durch veränderte Lebensumstände und neue Einflüssen hat sich das geändert. Ich sehe viele feministische Forderungen die mein Leben direkt betreffen.
    Man interessiert sich halt oft erst für Dinge, wenn man direkt davon betroffen ist. Und als Mann kommt noch dazu, dass man in den meisten Fällen ja nicht direkt von der Ungleichbehandlung betroffen ist, was noch mal einen Schritt mehr erfordert, sich Gedanken zu machen. Das soll keine Entschuldigung, sondern Erklärung sein.

    Plädiere auch für eine gemeinsame Lösung der Probleme.
    Ich versuche in meinem persönlichen Umfeld im Gespräch auch darüber zu reden, soweit möglich.
    Konkretes Beispiel: Hab mit einem Freund über geschlechtergerechte Sprache diskutiert. Er hatte darüber, bis auf die oberflächlichen Klischees, die medial transportiert werden, wenig gewusst und nachgedacht. Am Ende konnte er ein paar meiner Argumente nachvollziehen und hat vielleicht was mitgenommen. So muss man halt immer weiter dran arbeiten.

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