Ich geh dann mal den Papierkalender synchronisieren

Gemeinsame Kalender sind so wahnsinnig praktisch. Theoretisch jedenfalls.

S 11 in Aus Liebe zum Wahnsinn von Georg Cadeggianini:

„Meine Frau Viola, 34, kommt in die Küche. Im Mantel. – Im Mantel? Jetzt hat Camilla Lorenzo erwischt. Handgemenge. Ich brülle ein wenig. Viel Mehl landet auf dem Boden, vor dem Schneeräumgerät. Elena, 9, geht dazwischen. Halbherzig. – Warum hat Viola eigentlich diesen verdammten Mantel an? […] Natürlich habe sie das in unserem Onlinekalender eingetragen, meint Viola. Kino mit Freundin, Donnerstagabend.“

Damit hat Georg Cadeggianini bereits auf Seite 11* eine typische Familienalltagssituation geschildert. Ein ganz grundlegendes Problem zwischen Mann und Frau. Ich weiß nicht, wie die Vorgeschichte im Hause Cadeggianini war. Aber sie war ganz sicher genau so:

Der Ehemann kommt nach Hause. „Schatz, wir müssen mal einen gemeinsamen Googlekalender einrichten. Das wäre doch praktisch. Da legen wir all unsere Termine an und haben so immer den Überblick. Wegen der Kinder und so.“ Die Frau denkt Oh Mann, noch ein zusätzlicher administrativer Aufwand, das Leben besser zu organisieren und sagt: „Ja, OK, praktisch wäre es ja schon.“

Fortan schreibt die Frau alle Termine in den Kalender. Wer die Kinder bringt, wer sie abholt, wann die Schwiegereltern zu Besuch sind, wann die Freunde Geburtstag haben, wann Ausflugtag in der Schule ist. Sie abonniert den Kalender für die Schulferien. Sie trägt die Sportkurse ein. Sie vermerkt, wann sie plant mit Freundinnen auszugehen. Sie trägt wichtige geschäftliche Termine ein.

Ändert sich was, verschiebt sie Termine, sie legt sie neu an und sie vermerkt auch die Orte, genaue Uhrzeiten, schreibt in die Notizen an was gedacht werden muss (Am Waldtag kein Brotpapier!), Ansprechpartner, Telefonnummern, alles! Gefühlt nimmt das Befüllen des Kalenders ca. 10% ihrer Lebenszeit ein.

Dann, eines Tages will sie ins Kino und während der Mann gerade den Kindern Stullen schmiert, erscheint sie im Mantel und der Mann denkt: „Wo will sie nur hin? Was ist los?“ GANZ GENAUSO WIE IN DEM BUCH BESCHRIEBEN.

Es entsteht eine kleine Diskussion.

„Woher soll ich wissen, dass Du ins Kino gehst?“
„Es steht im Kalender“
„Aber da habe ich nicht rein geschaut. Sowas musst Du mir sagen!!“
„Aber das habe ich und ich habe es in den Kalender geschrieben.“
„Nein, das stimmt nicht, Du hast es mir nicht gesagt!“
„Selbst wenn ich es vergessen haben sollte, was ich nicht glaube, denn selbst die Kinder wissen es, es steht im Kalender!“
„Aber ich habe nicht immer Zeit da rein zu schauen. Außerdem wollte ich mich heute mit einem Kumpel treffen.“
„Nun – das steht nicht im Kalender.“
„Ich kann da nicht immer alles eintragen. Vorgestern habe ich noch dran gedacht, aber dann habe ich es vergessen. Da stand Dein Termin noch nicht drin.“

[..]

Immer und immer und immer wieder führt das Ehepaar Gespräche dieser Art. Wütend stampft die Frau davon. Dann entschließt sich die Frau einen dieser Familienwandkalender zu kaufen. Sie hängt ihn an eine prominente Stelle im Flur. Dort überträgt sie tagelang alle Termine. V.a. die sich wiederholenden Termine (Donnerstag immer Musik) bereiten ihr große Freude. Weitere 10% ihrer Lebenszeit verbringt sie mit dem Synchronisieren ihres digitalen Kalenders mit dem Papierkalender. Die Situation verbessert sich tatsächlich und dann kommt doch wieder der Mantel-Tag und der Mann schaut die Frau mit großen Augen an.

Da blickt die Frau zum Familienjüngsten, Kind 3.0 (gerade in der sogenannten Trotzphase), und sie spürt die gesamte Verzweiflung eines zweijährigen Kindes in sich hochsteigen, sie spürt wie sich das Gefühl mit der präpubertären Ihr-behandelt-mich-alle-immer-ungerecht des Erstgeborenen vereinigt und sie platzt einfach. Peng! Wie ein Luftballon.

(Dass Frauen immer so emotional sein müssen!)

*Das Buch ist auch über Seite 11 hinaus gut zu lesen. Mehr dazu, wenn ich fertig bin.

Autorin: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

8 Reaktionen zu „Ich geh dann mal den Papierkalender synchronisieren“

  1. Mein Gott, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Haaren – da habe ich mich immer gefragt, wofür man Kühlschränke mit Bildschirm braucht: Dabei sind die für EUCH!

    Mit so einem Teil müsst Ihr nicht mal das iPad an die Küchenwand nageln!

    … oh … der Kühlschrank mit Monitor von Samsung ist nicht mehr lieferbar … schade, dabei war das so eine gute Idee.

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  2. Wäre es nicht am einfachsten, Euer iPad (Hardwareprovider Ihrer Wahl hier eintragen) in der Küche an die Wand zu nageln und es einfach immer den synchronisierten Googlekalender anzeigen zu lassen?

    (seltsam, warum hat vor mir niemand diesen Vorschlag gemacht?)

    Bestimmt wird schon bald auch eine App erfunden, die dem Manndernuf erinnernd auf die Schulter klopft, wenn er mal irgendwann ein wenig unaufmerksam wirkt.

    (zeigen iPads überhaupt Googlekalender an – oder gibts dafür im Store was ganz kostenpflichtiges eigenes?)

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  3. Dito hier, Kalender im Flur, ich trage alles viel ein, Mann sieht seltenst drauf, und ich sage darum eh alles noch mehrfach an, manchmal zugegebenermaßen mit der kleinen Bemerkung: „Das habe ich aber auch in den Kalender eingetragen.“ Letzte Woche sprachen wir dann wieder von einem Termin, über den wir schon dreimal gesprochen haben und an den der Mann sich trotzdem nicht erinnerte („Waaas? Das ist diesen Dienstag?“), er ging zum Kalender und mit triumphierendem Grinsen drehte er sich um und sagte: „Darling, das hast Du aber nicht in den Kalender eingetragen.“ Das war also das eine Mal, dass ich vergaß, einen Termin in den Kalender einzutragen. Wahrscheinlich hatte er darauf schon lange gewartet.

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  4. echt super, ja! nur beim lesen allein spüre ich die verzweiflung eines zweijährigen kindes in der trotzphase hochkommen. ob das nächste mal auf den boden werfen und mit den fäusten dagegen hämmern was bringt?

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