Internetabhängig. Ich so – aus Gründen

560.000 sind internetsüchtig. Ich gehöre dazu. Und Du so?

560.000 Süchtige, weitere 2,5 Mio suchtgefährdet. So lautet das Ergebnis einer repräsentativen Studie, bei der 15.000 Personen im Alter zwischen 14 und 64 Jahren per Telefon befragt wurden.

Noch vor 15 Jahren wäre das gar nicht möglich gewesen. Denn dann wäre bei den Betroffenen die Leitung permanent belegt gewesen. Jedenfalls nach 22 Uhr.

Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich an diese Zeit denke. Damals mit dem Analogmodem. Das Geräusch beim Einwählen. Diese wunderbaren Emailadressen an der Uni dasn.ufstud-psych@rar-pool.uni-bamberg-rchz.de.

Ich habe die Kriterien für Sucht wirklich gegoogelt. Genannt werden beispielsweise:

    • Für den Konsum sinnvolle Grenzen setzen und sie dann nicht einhalten können („Ich setze jetzt das Nudelwasser auf und gehe nur kurz ins Internet….“)
    • Das soziales Umfeld ist drogenorientiert („Oh cool, meine Freunde sind auch gerade online!“)
    • Der Konsum wird ständig rationalisiert („Ich schau nur mal schnell nach was Neutrinos eigentlich sind…“)
    • Die Droge wird als Motivator eingesetzt („Ich hänge jetzt schnell die Wäsche ab und dann kann ich noch eine Stunde online sein bis …“)

Hups. Überall einen Haken hintergesetzt? Schön reden kann man das jetzt nur noch wenn man Internetsucht von Internetabhängigkeit  abgrenzt. Die WHO macht das nicht, aber ich finde, dass man Sucht als Vertiefungsstufe von Abhängigkeit ansehen kann. Sucht würde im Vergleich zur Abhängigkeit zusätzlich so etwas wie Dosissteigerung beim Konsum und Beschaffungskriminalität umfassen.

Da ich noch  nie länger als 24 Stunden an einem Tag online war und auch noch nie einem meiner Freunde das Internet geklaut habe (oder Geld geklaut habe, um an Internet ran zu kommen), bin ich beruhigt.

Denn somit bin ich nicht süchtig, sondern lediglich internetabhängig.

Laut ICD/DSM gibt es Internetabhängigkeit übrigens gar nicht. Ginge ich zum Therapeuten oder Psychiater, diagnostizierte der nur eine „nicht näher bezeichnete Störung der Impulskontrolle“.

Wer gefährdet ist, sollte mal die  Broschüre Online sein mit Maß und Spaß der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung lesen. Die bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kennen sich mit Internet nämlich ebenso gut aus wie Metchild Ross-Luttmann mit Vorratsdatenspeicherung.

Auf Seite 11 wird zum Beispiel von den Gefahren des Internet gewarnt: „In sozialen Netzwerken besteht die Gefahr, dass die virtuellen Beziehungen wichtiger als die echten Kontakte werden.“

Wundervoll. Die Grenze zwischen virtuell und echt kann mir gerne mal jemand genau erläutern.

Als Psychologin ist für mich ohnehin interessanter zu sehen, was an diesem Internet so verführerisch ist. Meiner Theorie zufolge ist das nämlich so:  Eines der Grundbedürfnisse des Menschen ist das Affiliationsbedürfnis (s. Boulding, 1978, S. 196 ff). Mittels sogenannter Legitimitätssignale wird das Bedürfnis nach Anerkennung gestillt. Sich in sozialen Netzwerken aufhalten ist eine Form Legitimitätssignale zu sammeln bzw. auszutauschen. Man bekommt z.B. auf Twitter durch die Anzahl der Follower, Favs, Retweets und Replys (FFRR) signalisiert „Du bist ok, du gehörst in unsere Gemeinschaft“. Je mehr FFRR, desto mehr Legitimitätssignale.

Man kann den Like-Button auf Facebook als Legitimitätsspender in Reinform ansehen. Genauso sieht es aus bei Verlinkungen, Erwähnungen bei Google+oder bei Flattr. Seiten wie Favstar machen nichts anderes als die Anzahl der Legitimitätssignale optisch darzustellen.

Zusätzliche Anerkennungssymbole sind denkbar. Wer im Internet sehr aktiv ist und deswegen zu Lesungen eingeladen wird, Preise erhält, in den Lieblingstweets des Monats bei anderen erscheint, die Möglichkeit bekommt Artikel in Zeitungen und Magazinen zu veröffentlichen … dessen Legitimitätsspeicher ist randvoll und sein Affiliationsbedürfnis befriedet.

Das macht das Internet so verführerisch.

Und jetzt FFRRt mich. Ich gehöre zu den 560.000. Ich will das.

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Die vollständige Studie zum Thema Internetsucht kann man sich selbst durchlesen. Allerdings ist die nicht so wirklich spannend. Es sei denn man steht auf Statistik und SPSS.

31 Gedanken zu „Internetabhängig. Ich so – aus Gründen“

  1. Ist man lesesüchtig, wenn man jede Woche einen 500-Seiten-Wälzer liest? Wenn man sich sagt: „Nur noch diese eine Seite“ und dann ist die ganze Nacht um – ist das bedenklich für die sozialen Kontakte außerhalb der eigenen vier Wände?
    Darauf hätte ich jetzt gern eine Antwort wie im Post.
    Den werde ich mir ausdrucken und zur nächsten Schulelternratssitzung parat haben.

  2. haha, hab ich da früher gesagt. wer sich mit spss und statistik schwer tut, der macht halt den heilpraktiker oder kriegt kinder mit sicherem versorger (nebenfach bwl anybody?).

    full disclosure: spss und statistik können, das bringt einen auch nicht weiter als psych. gehört in die rubrik „mythen der arbeitswelt“. so, und jetzt wieder an die regressionsanalyse für die bwl dissertation eines sohnes, der es sich leisten kann, mich dafür zu buchen.

    p.s. ansonsten ist dieser internetsucht quatsch natürlich nur durch: recherche-sucht (!) zu toppen. kursiert auch schon bei den recherche-cleanen exemplaren der zunft :)

  3. Gut, Witz beiseite. Es gibt eine große Menge Internet-/PC- als auch Spielsüchtige. Wie sie es auch in anderen Bereichen schon gibt. Und die Zahlen werden letztendlich schon stimmen. Und so ganz lustig ist das dann auch nicht, wenn die Menschen, die in ihrer Freizeit zu viel Energie und Zeit mit dem viereckigen Gefährt verbringen einerseits natürlich therapiert gehören, wie bei einer Alkohol-/Drogensucht komplett trocken gesetzt gehören, was hier de facto nicht geht, weil immer mehr unserer Lebensbereiche (eben oft auch im Job) davon tangiert werden.

    Interessant sind z. B. die Leute, die sich dem Leben in Online-Partnerbörsen verschrieben haben. Suchtpotential sehe ich da ohne Ende. Sind die nun aber internetsüchtig? Oder Dating-Portalsüchtig? Es werden sich da noch ein paar lustige Diagnosen auftun in naher Zukunft in Deinem Bereich, denke ich.

  4. Ist mit Medienkompetenz insbesondere Medienkritik gemeint? Ich zitiere mal aus dem Wikipediaeintrag von „Medienkompetenz“ hierfür:

    „Medienkritik
    soll analytisch problematische [b]gesellschaftliche Prozesse[/b] angemessen erfassen. Jeder Mensch sollte reflexiv in der Lage sein, das analytische Wissen auf sich selbst und sein Handeln anzuwenden. Die ethische Dimension daran ist, das analytische Denken und den reflexiven Bezug als sozial verantwortet abzustimmen und zu definieren.“

  5. Wenn es wirklich um das Kind geht, dann gibt es noch die Zauberphrase „Medienkompetenz vermitteln.“ Davon halte ich ziemlich viel. Laissez faire ist da ganz bestimmt nicht der richtige Weg.

  6. Was vielleicht noch zu ergänzen wäre. Ein bißchen ernst ist es mir schon. Es gibt bestimmt auch eine kleine Gruppe Internetsüchtiger. Allerdings halte ich nichts von dieser (oben genannten) Art der Kategorisierung (wenn xx Kriterien von xxx für die Zeitspanne xx zutreffen, ist man „Schublade“). Deswegen wollte ich nie in der klinischen Psychologie arbeiten.
    Jedenfalls für mich zählt der persönliche Leidensdruck. Wenn der da ist, dann sollte man sich schon mal überlegen, wie es auch anders weiter gehen sollte. Und zwar unabhängig davon, ob man zu viel im Internet abhängt, zu viel fernsieht oder gar zu viel liest….

  7. Das Geräusch beim Einwählen – ach ja, das war wirklich schön. Man konnte schon hören, ob man wohl eine stabile Verbindung bekommt oder nicht.

    Wenn ich von solchen Umfragen höre, frage ich mich immer, was das für Menschen sind, die Fremden am Telefon so viel über sich erzählen.

    @Enrico: Bestimmt würden viele Internetsüchtige sonst in die Kategorie Fernsehsüchtige fallen. Aber: Die Qualität des Fernsehens hat sich immer weiter verbessert. Bei der dreistelligen Zahl an TV-Sendern, die ein Haushalt in Deutschland empfangen kann, gibt es nur sehr wenige, die ein Programm bieten, wie es so häufig pauschal kritisiert wird.

    Diese undifferenzierte Kritik am Fernsehen ist genauso wenig gerechtfertigt wie die undifferenzierte Kritik am Internet.

  8. kombiniere, die freiheitsforderer sind naivlinge wie die drogenfreigeber? haben sich ihr abhängigkeitsproblem noch nicht eingestanden?

    mit gebührendem ernst: die müssen wir unbedingt schützen. wir lieben doch alle. alle menschen! wir setzen uns doch dafür ein.

    .~.

  9. In Anbetracht der Tatsache dass ich mein Geld mit/im Web verdiene müsste ich dann wohl meinen Arbeitgeber verklagen dass er mich in diese Sucht getrieben hat :D

    Andererseits freue ich mich jedes Jahr auf den Sommerurlaub bei dem ich dann tatsächlich maximal 1 Stunde täglich online bin. Heißt das dann dass ich gar nicht richtig süchtig bin? Quasi ein Aussätziger?

    Hm, ich werde meinen Konsum weiter erhöhen.

    Im übrigen bin ich ja sowieso ein Verfechter der Theorie dass Internet nur eine Ersatzdroge für Fernsehen ist, da die Qualität des Fernsehen durch die geldgeilen Dealer immer weiter gestreckt und gesenkt wird. Quasi das Methadon der Fernsehjunkies der späten 1980er und 1990er ;)

  10. Ähm, mein Mann ist aus dem Internet, unser Haus auch, unser Kind nicht, aber das ist das jetzt auch immer drin, und unser Geld verdienen wir damit ebenfalls.
    Ich glaube, wir sind kriminell.
    Aber Bücher darf ich schon noch lesen.

  11. Sie brauchen sich überhaupt nicht darüber zu wundern, dass etablierte Medien Sie um Ihre Meinung bitten: Das ist das Fundierteste und Sachlichste, was ich bislang zum Thema Internetabhängigkeit gelesen habe. (Wenn Sie Ihren Eltern ausrichten würden, dass sie Sie also nicht umsonst Studieren geschickt haben? Danke.)

  12. Aber nur weil du es bist :D

    Bloggen ist also auch eines der Phänomene für FFRR :) Viel interessanter finde ich allerdings, das die Internetabhängigkeit überall mies geredet wird. Der Otto-Normal-Nerd der 15 Stunden am Tag WoW zockt kann sich über soziale Kontakte nicht beschweren. Auch wenn er seine Raid-Kumpanen nur als Kackn00bz bezeichnet, so hat er dennoch mehr soziale Interaktion, als der Durchschnitts Bürohengst, der die ganze Zeit in seinem Cubickle auf seinen Monitor starrt und Zahlen sortiert.

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