Die grausame Mutter

Meine Kinder haben – zumindest nach meiner Einschätzung – ein unbeschwertes Leben und bislang war das Leben zu uns insgesamt sehr freundlich und so gab es noch nichts zu bewältigen. Lediglich Kleinigkeiten.

Beispielsweise freuen sich die Kinder ganzjährig auf den jährlichen Karnevalsumzug. Sie planen monatelang ihre Kostüme und sie erzählen sich Abends im Bett wie viel Süßigkeiten sie wohl fangen werden und planen dann wie sie die Unmengen verteilen werden. Dieses Jahr hatte ich bei der Planung eines Kurzurlaubs den Termin des Karnevalumzugs nicht berücksichtigt und als es mir auffiel, war die Bahnfahrt schon lange gebucht und bezahlt. Ich harderte mit mir, den Kindern vorher zu sagen, dass Karneval ausfallen würde oder ob ich hoffen würde, dass es ihnen nicht auffallen würde, dass wir dieses Jahr gar nicht am Umzug teilgenommen hätten. Letzteres war natürlich völliger Unsinn und so beichtete ich meinen Fehler. Die Kinder brachen erwartungsgemäß in Tränen aus. V.a. Kind 2.0 konnte sich nicht beruhigen. Es fiel mir in die Arme und weinte lauthals “Ich weiß, dass du das nicht absichtlich gemacht hast, aber ich bin trotzdem so traurig.” Das war wirklich schrecklich. Ich musste auch weinen.

Zum zweiten Verkleidungsfest – Halloween – passierte mir das selbe Missgeschick. Ich legte einen Fuß-OP-Termin auf den 31. Oktober. Auch an diesem Abend weinte Kind 2.0 herzerweichend.

Ich kann meine Kinder (wenn sie wirklich traurig sind) nicht weinen sehen. Ich erleide dabei Höllenqualen und ich fürchte mich vor der Zeit in denen Freundschaften wichtiger werden und die Kinder gar eines Tages Liebeskummer haben werden. Ich hatte zwischen 13 und 28 quasi durchgängig Liebeskummer und erinnere mich noch gut daran.

Wenn es mir schon das Herz bricht, das Kind weinen zu sehen, weil es Halloween nicht mitfeiern kann – wie wird das werden?

Sobald die ersten Tränen laufen, habe ich das Gefühl das Leid (das subjektiv empfunden in dem Fall wirklich groß war) irgendwie ausgleichen zu müssen. Das Kind schnell vor den Fernseher setzen, ihm Kaugummis, Chips, Schokolade, Kuchen und Kekse reichen? Ihm ein Fahrrad kaufen, den Fillyturm, drei flauschige Kaninchen, vielleicht ein eigenes Pony???

Dann entscheide ich mich von all diesen Sachen gar nichts zu tun. Ich setze mich neben mein Kind, halte die Hand und sage Dinge wie “Ich verstehe, dass Du traurig bist.” Ich komme mir dabei unsäglich grausam vor und es ist wirklich schwer für mich am Ende nicht doch ein, zwei Ponys zu besorgen.

Am liebsten würde ich alles schlechte, böse und schmerzhafte von meinen Kindern fernhalten. Aber selbst wenn ich das in der frühen Kindheit schaffen würde, irgendwann geht das einfach nicht mehr und dann denke ich mir, dann müssen die Kinder ja irgendwie gelernt haben mit negativen Gefühlen umzugehen. Das gehört auch zum Leben und ich weiß nicht, ob man Kindern einen Gefallen tut, ihnen alles zu ersparen.

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12 Kommentare, 1 Tweet, 3 Facebook Shares, 7 Plusones

  1. Stefan sagt:

    Mein Sohn ist erst knapp über ein Jahr alt und richtige Traurigkeit kennt er noch nicht, aber beim Lesen gerade wurde mir klar, dass auch ich ein totale Mitleide-Typ bin. Da kommt was auf einen zu!

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  2. Nein, man kann und sollte ihnen nicht alles ersparen.

    Ich erinnere mich an einen Artikel irgendwo, in dem stand, dass für ein Sportfest für ALLE Kinder Goldmedaillen besorgt wurden, damit bloß kein Kind traurig wird :-/

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  3. Katharina sagt:

    Mein Dreijähriger kann Trauern – und wie! Immer Vollgas, egal ob Nachbars Hund eingeschläfert werden musste, der Bruder-Traktor im Laden bleiben musste, oder ich nur “nein” zur Schokolade vor dem Mittagessen gesagt hatte. Am Besten ist wirklich das Ausweinen lassen, irgendwann zieht er die Nase hoch, stellt fest “fertig geweint” und geht wieder zum Tagesgeschäft über.
    Ich tröste mich selber in solchen Situationen immer mit der Weisheit, dass nur wer fühlt später Mit-Gefühl entwickeln, nur wer Leid kennt, später Mit-Leiden kann. Das Fühlen und Erleben von Leid und Trauer lehrt uns Menschen die Empathie und somit die Menschlichkeit.

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  4. Malte Widenka sagt:

    Ich finde, dass machst du richtig. Es sei denn, ich bin traurig, dann hätte ich gerne auch ein zwei Ponys.

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  5. Mimi sagt:

    oh god. i know.
    ich empfinde GENAU gleich. wäre es nicht so umständlich und gäbe es ponys bei amazon, könnte sein, dass ich dann schon längst…moment – gibt es??! puh, nein, zum glück.

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  6. giardino sagt:

    Ich setze mich neben mein Kind, halte die Hand und sage Dinge wie “Ich verstehe, dass Du traurig bist”

    – als wenn das nicht viel, viel, viel tröstlicher wäre als ein, zwei Ponys, die letztlich doch nur bedeuten, dass man ihre Traurigkeit (also der Kinder, nicht der Ponys) nicht aushält.

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  7. kaltmamsell sagt:

    Warten wir doch einfach mal ab, bis Kind 2.0 in 20 Jahren eine Familie mit der Axt niedergemetzelt hat, sich neben den überlebenden Hund setzt, seine Pfote streichelt und sagt: “Ich verstehe, dass du traurig bist.”
    (SPASS!)

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  8. Suse sagt:

    Ich denke Kinder müssen auch mal traurig sein dürfen. Wie sollen sie sonst lernen mit ihren Gefühlen umzugehen und Emphatie zu entwickeln?
    Geschenke oder nachgeben aus Mitleid tröstet doch nur unser schlechtes Gewissen beim Anblick des traurigen Kindes oder?

    Liebe Grüße
    Suse

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  9. Pingback: Woanders – diesmal mit Badezimmergestaltung, Gott, Reiseblogs und anderem | Herzdamengeschichten

  10. stefan zwo sagt:

    Der Goldmedallien-Artikel war in “brand eins” zu lesen, some time ago. (Online noch zu finden.) – Was dasnuf beschreibt ist: Empathie. So geht Empathie. Schlag’ nach bei Marshall Rosenberg. – Top Sache. (Beschreibung/Rosenberg/blog)

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  11. panalotta sagt:

    Laut brand1 der letzten Woche machst du das genau richtig – falls das irgendwie hilft. Ansonsten verhindert man angeblich die notwendige Erfahrung dass man Misserfolg und Verzweiflung aushalten und überleben kann.

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  12. TC sagt:

    Ich fand den Beitrag richtig schön und kann total mitfühlen, auch wenn ich selbst keine Kinder habe. Den Schmerz zu fühlen, wenn das Kind gerade etwas für sich Schlimmes empfindet. Das Gefühl, dass du deinen Kindern entgegen bringst ist echt schön und wie du sagst, auch wenn man es gerne würde, vor Allem kann man Kinder leider nicht schützen. Ihnen beibringen wie man am Besten mit sowas umgeht ist vll. sogar viel sinnvoller als sie um jeden Preis vor Ungemütlichkeiten zu bewahren (was nicht heißt, dass man Kinder absichtlich Leiden lassen sollte, nur damit sie es lernen “Warum ist das so?” – “Darum!”).

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