Die seltsame Karriere eines Kuchens
In meiner Kindheit gab es keine Tabus. Zumindest nicht was das Tortenessen anging. Es wurde fĂŒr normal gehalten, Babys ab der ca. zweiten Lebenswoche Buttercremeröllchen zuzufĂŒttern. Und was soll ich sagen? Geschadet hat es uns nicht, nicht wahr?
Aufgrund eines Gesinnungswandels wird den eignen Kindern die ersten sechs Lebensjahre jegliche SĂŒĂigkeitsaufnahme verweigert. Der Geschmack soll sich erst entfalten und da ist eine zuckergetrĂ€nkte Torte Teufelswerk.
Es sei denn natĂŒrlich es handelt sich um (Bio-)Möhrenkuchen. Der ist schlieĂlich gesund wie jedes andere Bioprodukt auch. Den kann man bedenkenlos geben und seltsamerweise hat der Möhrenkuchen sich aus seinem Schattendasein der 70er Jahre erhoben.
Wenn ich mich versuche an Möhrenkuchen in meiner Kindheit zu erinnern, kann ich nur sagen: Es gab ihn nicht. Kurz vor Anbruch meiner PubertĂ€t habe ich mal von ihm gehört und geekelt habe ich mich bei dem Gedanken an Möhrenkuchen sehr. Wer macht denn GemĂŒse in Kuchen?
Möhrenkuchen? Den gab es in den ersten 25 Lebensjahren nur ein einziges Mal bei einer Geburtstagsfeier einer Schulfreundin.
Die war aber ohnehin total crazy. Statt Mayonnaise-Thunfisch-Sandwiches und Marmeladentoaste hatte die in den Schulpausen rohes GemĂŒse dabei. WiderwĂ€rtig. Anette tat mir so leid. Wussten ihre Eltern denn nicht dass man GemĂŒse kochen muss?
Da sie zuhause aber allerlei Kleingetier hielt, hatte sie trotzdem Freunde und so landete ich schlieĂlich auf ihrer Geburtstagsfeier, bei der es Möhrenkuchen gab. GrĂ€sslich. Da halfen auch keine Stallkaninchen und Meerschweinchen mehr. Ab da war Anette alleine.
Sie hat vermutlich das erste möhrenkuchenvertreibende Café im Prenzlauer Berg eröffnet und ist jetzt reich.













