Erinnerungsessen

Man beachte die äußerst geschmackvollen Servietten mit Photoshopdesign!

Es gibt wenig, das einen so schnell in die Vergangenheit zurückbringt, wie Gerüche und Geschmäcker, finde ich.

Vor einigen Wochen war ich in meiner Geburtsstadt Köln und habe mich auf die Suche nach Spuren meiner Vergangenheit gemacht. Danach hatte ich das große Bedürfnis nicht nur die Orte sondern auch das Essen meiner Kindheit zu finden.

Dafür will ich ein bisschen ausholen. Ich bin die Enkelin eines italienischen Gastarbeiters.

Mein Großvater ist nach dem Krieg nach Köln gekommen, um dort zu arbeiten und somit seine Familie zu versorgen. Erst als ein wenig Geld angespart war, ist der Rest der Familie nachgekommen.

Bis Mitte der 80er waren meine Großeltern in Köln und wir waren dort oft zu Besuch. Als sie zurück nach Sizilien gegangen sind, waren wir immer in den Sommerferien dort und obwohl meine Mutter Deutsche ist, haben wir fast nur italienisch gegessen.

Sehr selten gab es mal rheinischen Sauerbraten, aber sehr viele deutsche Gerichte habe ich tatsächlich erst mit Mitte 20 als ich nach Berlin gezogen bin, kennengelernt.

Bestimmte andere Gerichte, die ich mit Ost-Deutschland verbinde, kannte ich nicht mal. Senfeier zum Beispiel oder so abgefahrene Sachen wie Würzfleisch.

Bei uns gab es – ganz dem Vorurteil über Italiener entsprechend – v.a. Nudeln, die Penne, Rigatoni, Tagliatelle, Linguine, Bucatini, Farfalle, Fusili lunghi (wie ich die liebe!), Lumache, Maccheroni oder Orecchitte hießen und nicht Spaghetti (ich hab erst ganz spät verstanden, dass für viele Deutsche „Spaghetti“ der Sammelbegriff für Nudeln ist).

Es gab viel Zucchini und Auberginen, Brokkoli und Oliven.

Sardellen habe ich für mein Leben gern gegessen. Pizza konnte ich mir ohne Sardellen, Oliven und Kapern gar nicht vorstellen. Wer isst denn sowas?

Als ich mal bei einer deutschen Nachbarin war und die keine Sardellen auf die Pizza machte, verstand ich die Welt nicht mehr. (Die Nachbarin umgekehrt fragte sich was Sardellen sind und warum dieses Kind unbedingt welche haben wollte).

Nach meinem Trip nach Köln, wo ich auf den Spuren meiner Großeltern feststellte, dass es dort noch heute eine große italienische – sogar eher süditalienische – Community gibt, hatte ich große Lust auf einen italienischen Abend im Kreise meiner Freundinnen und Freunde.

Ich wollte da all das essen und trinken, was ich als Kind so liebte und es sollte alles so sein wie in meiner Erinnerung (auch wenn das unter Umständen gar nicht der tatsächlichen Vergangenheit entsprach).

Ich habe Italien v.a. als laut in Erinnerung. In jedem Wohnzimmer, in jeder Küche, manchmal sogar am Balkon oder im Garten, läuft ein Fernsehgerät und zwar den ganzen Tag.

Auf den mir bekannten Kanälen laufen Quizshows mit halbnackten Frauen, dramatische Soaps, Nachrichten und Formate wie hier in Deutschland Explosiv und ähnliches.

Wir haben also RAI gestreamt und die Lautstärke so eingestellt, dass es durchaus etwas nervte.

Für Familienfeste wurde der Tisch nicht etwa schick gedeckt, sondern es wurde eine Papiertischdecke verwendet und alles andere war aus Plastik. Unmengen an Plastik. Plastikflaschen, Plastikbecher, Plastikteller. Nur das Besteck – v.a. die Messer waren aus Metall.

Aufgeräumt war am Ende des Abends in Sekunden. Einfach die Tischdecke an den vier Zipfeln nehmen und ALLES in einen großen Plastiksack. Fertig!

Haben wir auch gemacht. Großartig – wäre es nicht so eine große Umweltsauerei, ich würde es jeden Tag machen.

Ich habe als Kind natürlich keinen Wein getrunken. Deswegen hab ich ein vier Gänge Menü mit Limobegleitung zusammengestellt.

Als Aperitif gab es Sanbitter [Amazon Werbelink]. Als Kind habe ich Sanbitter eigentlich gehasst (viel zu bitter) – aber weil ich die Farbe so toll fand, hab ich ihn trotzdem getrunken.

Mich erinnert Sanbitter heute an diese Präparate, die man nach dem Zähneputzen im Mund hin- und herspühlen kann und dann hinterher sieht, wo man nicht gut geputzt hat.

Zum nächsten Gang gab es Chinotto. Ein ebenfalls eher bitteres Getränk, das gleichzeitig sehr süß ist – zumindest so lange es sehr kalt ist. Es sieht aus wie Cola und ich glaube, als Kind dachte ich auch, dass es Cola ist und kam mir sehr groß vor, wenn ich Chinotto trinken durfte.

Chinotto ist aus der (haha) Chinotto-Frucht gewonnen. Eine Art Bitterorange, die eigentlich aussieht wie eine rundliche Zitrone. Wird Chinotto warm, schmeckt es ein bisschen nach Hustensaft.

Als nächstes gab es Birnensaft – Succo di Pera. Süß und sehr dickflüssig – verkauft in winzigen Fläschchen.

Wer länger schon im Blog mitliest, weiß vielleicht, dass ich quasi seit immer kein Obst und irgendwelche Dinge mit Obst esse oder trinke. Tatsächlich hab ich als Kind ganz lange Birnensaft getrunken, bis ich eines Tages herausfand, dass Succo die Pera B I R N E N S A F T heisst und vermutlich aus Birnen (ihhhh!) gemacht wird.

Danach gab es einfach Aranciata (Orangenlimo) und Lemonsoda (Zitronenlimo) – beides in der Zwischenzeit auch in italienischen Restaurants fester Teil der Getränkekarte.

Als Antipasti habe ich Grillgemüse gemacht. Peperonata, gegrillte Auberginen und gegrillte Zucchini.

Die Auberginen habe ich vor dem „grillen“ im Ofen in Scheiben geschnitten und dann mit Salz bestreut. Das Ganze gut eine Stunde ziehen lassen und sie dann unter fließendem Wasser abgespült, trocken getupft und dann 40 min mit Ober/Unterhitze bei 200 Grad im Ofen auf Backpapier auf einem Blech schmoren lassen. Dazu nur Olivenöl, Knoblauchscheiben und frischen Rosmarin.

Für 6 Personen
3 große Auberginen
6 Zehen Knoblauch
1 Bund Rosmarin (den mit den langen weichen Blättern äh oder sagt man da Nadeln?)

Kurz vor dem Servieren habe ich die Auberginen mit Salz und Pfeffer gewürzt und mit etwas Zitrone beträufelt.

Die Zucchini waren noch einfacher: in Scheiben schneiden, mit Öl und Knoblauch ebenfalls 20-30 min im Ofen grillen.

Für 6 Personen
6 kleine Zucchini
6 Zehen Knoblauch

Die Paprika (ingesamt 5 rote und gelbe) habe ich geviertelt und dann mit 3 geviertelten Zwiebeln in der Pfanne auf der Hautseite in Olivenöl angebraten. Als sie etwas braun wurden, habe ich sie mit einem Schuss Balsamico abgelöscht und ein halbes Glas Wasser dazugeschüttet. Deckel auf die Pfanne und bei kleinster Flamme fast eine Stunde schmoren lassen. Vor dem Servieren ein bisschen Thymian dazu – fertig.

Für 6 Personen
3 rote, 2 gelbe Paprika
4 mittelgroße Zwiebeln
Schuss Balsamico
Thymian

Das Gemüse gab es dann mit Kauf-Balsamicozwiebeln (war zu faul die zu machen), getrocknete Tomaten mit gerösteten Pinienkernen und Weißbrot.

Ach und ganz wichtig! Es gab Simmenthal! Das ist Rindfleisch in Globsch. Mit Zitrone und Petersilie. Riecht wie Katzenfutter.

Als Primo piatto gab es Spaghetti Aglio Olio und Pasta alla Norma.

Die Nudelgerichte habe ich leider vergessen zu fotografieren. Es war einfach zu lecker!

Die Spaghetti meiner Kindheit waren viermal so lang wie sie heute üblicherweise sind. Tatsächlich habe ich solche Spaghetti im italienischen Supermarkt gefunden.

Wenn man sie kocht, muss man sie nach und nach in den Topf ins sprudelnde Wasser drücken. Eine schöne Erinnerung aus meiner Kindheit.

Aglio Olio ist dann nichts anderes als sehr viel Knoblauch sehr klein schneiden und zusammen mit Chili in Olivenöl braten. Die fertig gekochten Spaghetti mit etwas Nudelwasser dann in die Pfanne werfen und ordentlich Parmesan und Pfeffer dazu.

Für 6 Personen (es gab ja 2 Nudelgerichte)
300 Gramm lange Spaghetti
2 rote Chili
10 Zehen Knoblauch
Parmesan

Da fehlen noch die Auberginen, die ich separat angebraten habe.

Für Pasta alle Norma habe ich Maccheroni (oder wie man hier schreibt: Makkaroni) genommen.

Die Soße besteht aus kleinen, geschmorten Pflaumentomaten, Basilkum und in Würfel geschnittenen Auberginen.

Für die Auberginengerichte ist es wirklich wichtig, dass sie entwässert sind, dass ihnen dabei die Bitterstoffe entzogen wurden (passiert beim Ausschwitzen der Flüssigkeit mit dem Salz) und dass sie schön weich gekocht bzw. geschmort werden.

Manchmal gibt es hellere Auberginen (pinkfarbene oder sogar weiße), die sind noch milder und süßlicher. Wenn ihr die seht, lieber die nehmen.

Zu den Auberginen und Tomaten wirft man ein bisschen Knoblauch, würzt mit Salz und Pfeffer und mischt das Ganze mit den Maccheroni. Ganz am Ende gibt man im Idealfall Ricotta salata drauf – wenn man den nicht bekommt, tut es zerbröselter Feta auch.

Für 6 Personen
300 Gramm Maccheroni
2 mittelgroße Auberginen
20 Pflaumentomaten
Handvoll Basilikum
1/2 Feta

Die große Wurst ist die mit Fenchel und die kleinen sind Salsiccia ohne Fenchel – es soll ja so komische Menschen geben, die keinen Fenchel essen.

Als Hauptgang gab es Salsiccia fresca al finocchio – Fenchelbratwurst. Frisch aus dem italienischen Supermarkt und absolut großartig.

Zweiter Teil des Hauptgangs war etwas, das ich als „Pizzaiola“ in Erinnerung hatte.

Rouladenfleisch vom Rind, belegt wie Pizza. Also statt des Hefeteigs Fleisch (so war das in den 80ern! Fleisch mit Fleisch!).

Die Rouladen werden ordentlich geklopft, sehr heiß und sehr kurz angebraten und dann auf ein Blech gelegt. Auf die Rouladen kommen gehackte Tomaten (abgetropfte), Büffelmozzarella, sehr dünne Zwiebeln und Kapern sowie Oregano.

Ich hab das Ganze in der obersten Schiene im Backofen so 10 min gebraten. Der Ofen war auf 200 Grad vorgeheizt und dann habe ich auf Ober/Unterhitze und Grill gestellt und gewartet bis der Mozzarella schön braun war.

Tatsächlich habe ich kein Rezept gefunden, das irgendwie in diese Richtung geht. Vielleicht habe ich das auch völlig falsch erinnert oder es ist irgendein Familienrezept. Falls irgendwer irgendwann mal was ähnliches gegessen hat oder ein Rezept kennt oder den korrekten Namen weiß – freue ich mich über Hinweise.

Als Nachtisch gab es Mandelgebäck. Madorle heißen die Plätzchen in Sizilien obwohl sie oft auch aus Pistazien sind. Die Plätzchen sind sehr mächtig und schmecken eigentlich wie Marzipanklumpen mit verschiedenen Gewürzen wie Anisstreußeln z.B.

Man kann sie fertig kaufen, was ich gemacht habe.

Ebenso fertig gibt es Cannolihüllen. Die befüllt man mit Ricotta, den man mit Puderzucker süßt und in den man Bitterschokolade in Tropfenform mischt. Oft wirft man auch Zitronat und Orangeat rein, was ich aber nicht mag.

Da ich keine Küchenwaage hatte, hab ich einfach alles nach Gefühl zusammengemischt. 500g Ricotta, so 70g Puderzucker, eine kleine Handvoll Schokotropfen. Die Paste lässt man mindestens eine Stunde ziehen und füllt sie dann in die Cannolihüllen.

Die Enden der Cannoli dekoriert man mit gehackten Pistazien und halbierten, kandierten Kirschen. Ganz oben drauf kommt dann ein Hauch Puderzucker.

Spätestens jetzt waren alle Gäste sehr satt und man nahm dankbar den Espresso an.

Doch! Ha! Wenn man sich entspannt hat und denkt: Das wars! kommt ja erst der Höhepunkt des Abends! Die Eisbombe!

Arbeitet jemand in der Eventgastronomie und weiß wie man 10 Wunderkerzen gleichzeitig anzündet?

Eisbomben sind Eistorten, die aussehen wie ein halber Ball. In meiner Erinnerung wurden sie mit Wunderkerzen serviert und zwar wirklich dann wenn alle der Auffassung waren, dass man jetzt eine Woche nichts mehr essen kann.

In Berlin kann man Eisbomben wirklich bestellen. Wir haben einfach ein Vineta-Eis genommen, weil das so schön 80er ist und das noch ein bisschen dekoriert.

Als Abschluss – diesmal wirklich – gab es noch Averna auf Eis.

Der Abend war wirklich toll und ich sehr, sehr happy. Es geht doch nichts über schöne Kindheitserinnerungen.

Leider hat niemand temperamentvoll den Plastikteller beim Essen durchgesäbelt (auch das kam früher vor) – aber immerhin wurde entdeckt, dass die Spaghetti wirklich sehr, sehr lang waren.

Das Einkaufen und Kochen war zwar nicht kompliziert, aber doch relativ aufwändig und hat sehr, sehr lange gedauert.

Wie zum Ferragosto habe ich tagelang gekocht und alle Phasen durchlebt. Erst war ich interessiert und motiviert, habe hier und da nebenher gelesen, wo kommt was her, wie macht man es in Sizilien? Dann war ich so begeistert, dass ich dachte: „Mensch! Ich könnte doch auch ein Restaurant aufmachen!“ Am Ende war ich bei: „Nie wieder werde ich kochen! Zum Essen ins Restaurant einladen tut’s doch auch!


Wen es interessiert: Die meisten Zutaten habe ich im Centro Italia in der Greifswalder Straße gekauft. Sehr nett da – v.a. die Frischetheke ist spitze.

Meine Erziehungsnemesis

Ich erinnere mich an ein Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Erzieherin: „Hast du noch Fragen?“
Ich: „Ja, äh also, wie ist das bei euch mit dem Essen?“
Erzieherin: „Was meinst du?“
Ich: „Bleibt Kind 2.0 bei euch sitzen?“
*hysterisches Auflachen*

Dann erinnere ich mich an ein weiteres Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Erzieherin: „Hast du noch Fragen?“
Ich: „Ja, äh also, wie ist das bei euch mit dem Essen?“
Erzieherin: „Was meinst du?“
Ich: „Bleibt Kind 3.0 bei euch sitzen?“
*resigniertes Abwinken*

Diese beiden Dialoge fassen unsere gemeinsamen Mahlzeiten eigentlich ganz gut zusammen.

Egal ob Frühstück, Mittagessen oder Abendessen – es ist furchtbar. In meiner naiv romantischen Vorstellung dachte ich, gemeinsame Essen finden so statt: Wir setzen uns alle an den Tisch. Wir nehmen das Besteck in die Hand und essen. Während wir essen, erzählen wir uns vom Tag, wir lachen, gießen uns Saftschorle nach und am Ende lehnen wir uns zurück und plaudern noch ein bisschen mehr. Wir sind alle ganz entspannt.

Werbefernsehromantik, ja, ja. Ich bin wieder drauf reingefallen. Werbefernsehen hat mir eine unrealistische Vorstellung davon vermittelt, wie mein Leben mit Kindern sein könnte.

In Wirklichkeit sieht es so aus: Ich habe bis nachmittags gearbeitet, hole Kind 3.0 vom Kindergarten ab, wir gehen schnell einkaufen. Es ist 17.15 Uhr. Wir kommen zuhause an. Kind 2.0 ist schon da und mich überschwappt eine Welle heuteinderSchuldeunddieAnnahatdannnochaberdahatdannderTimblblblblblblbl schwaaahhhblablablabalbalbalblubblu.

Ich bin müde, total erschöpft, ich will eigentlich nur eines: meine Ruhe.

Ich packe die Einkäufe weg. Kind 3.0 hat jetzt auch was zu erzählen. Ohne Punkt und Komma. Es fällt mir schwer zuzuhören. Ich höre graues Rauschen wie Jen bei der IT Crowd wenn Moss etwas Technisches erklärt.

Ich fange an zu kochen. Die Kinder „spielen“ derweil im Kinderzimmer.

IMG_6211

Mit letzter Kraft schleppe ich mich an den Wohnzimmertisch und rufe „Essen ist fertig!“.

Die Kinder kommen. Kind 3.0 greift mit den Händen ins Essen.

Ich: „Kannst du bitte Besteck benutzen?“

Kind 3.0 verdreht die Augen. Kind 2.0: „Jetzt nimm das Messer, ey!“

Kind 3.0: „Du sollst nisch über misch bestimmen!“

Ich: „Richtig, aber bitte benutz doch das Besteck, Kind 3.0!“

Kind 3.0 wirft wütend die Hand voll Kartoffelpürree, die es gerade aufgenommen hat auf den Teller zurück. SCHLOZ. Soße spritzt auf den Tisch. Kind 3.0 steht auf und stempelt mit den vollgesabberten Händen folgende Gegenstände: Tisch, Stuhl, Türgriff Wohnzimmer, Türrahmen Wohnzimmer, Türgriff Küche, Türrahmen Küche, Ablage Küche, Spüle, unerklärlicherweise Wand, wieder Türgriff Küche, Türrahmen Küche, Türgriff Wohnzimmer, Türrahmen Wohnzimmer, Stuhl, Tisch.

Es „wischt“ die Soße auf.

In der Zwischenzeit hat Kind 2.0 das Essen aus dem Mund fallen lassen: „Ist ja ekelhaft. Ist das wieder so ein komisches vegetarisches Zeug?“

Ich: „Wollte ich mal ausprobieren.“

Kind 2.0: „Ich esse Jogurt!“

Kind 3.0: „Isch auch.“

Ich bin zu schwach Widerstand zu leisten. Jogurt wird geholt. Kind 3.0 ist derweil verloren gegangen.

Ich rufe: „Kind 3.0, bist du fertig mit dem Essen?“

Kind 3.0 aus der Ferne: „Neeee!“

Kind 2.0 fängt an zu singen.

Ich: „Nicht singen am Tisch!“

Kind 3.0 erscheint im Türrahmen und singt mit.

Ich nicke kurz ein. Als ich aufwache, hat Kind 3.0 die Füße auf dem Tisch abgelegt. Kind 2.0 übt Capoeira-Tritte. Eine Flasche Wasser segelt an mir vorbei.

Ich: „Bitte! Könnt ihr bitte leiser sein und normal essen?“

Ich atme durch. Ich zähle langsam im Geiste bis zehn. Ich reiße mich zusammen und frage in meiner lieblichsten Stimme: „Na, wie war es denn in der Schule?“

Kind 2.0: *murmelmurmel*

Kind 3.0: „Also im Kindergarten, da war der Robert und der Robert <insert 20 minütigen Monolog.>“

Kind 2.0: „ICH WILL AUCH MAL WAS SAGEN!“

Kind 3.0: „ABER ICH REDE!!!“

Kind 2.0: „ABER DU HÖRST JA NIE AUF.“

*Gerangel* *Stühle fallen um*

Die Kinder stehen auf.

Ich sitze alleine am Tisch. Einsam und alleine. Alles ist vollgeschmiert.

Ich: „Räumt ihr bitte ab?“

Kind 3.0: „DAS IST SKLAVEREI!“

Kind 2.0: „IMMER MUSS ICH ALLES ALLEINE MACHEN!!!1“

Tagein, tagaus, wochentags, wochenends. Immerzu. Immerzu.

Das gemeinsame Essen ist meine Erziehungsnemesis*. Völliges Versagen. Alles falsch gemacht. Täglich scheitere ich daran. Ich stehe auf, setze mich an meinen Rechner und schaue mir auf YouTube Clips glücklicher Familien beim Essen an.

IMG_6209


*Dafür schlafen meine Kinder immer um 20 Uhr. Immer. IMMER!

Essen, essen, überall

Es war schon immer so, dass ich extrem leicht beeinflussbar war. Ein Fähnchen im Wind ist stabil wie die chinesische Mauer gegen mich. Ich sehe Werbung für ein neues Shampoo und fünf Minuten später sehe ich mich an der Kasse einer Drogerie mit genau diesem Shampoo auf dem Warenband.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ich immer mehr zunehme. Denn ich bin von Essen umgeben. Essen, essen, überall. Von 7.00 bis 10.30 Uhr wird auf Twitter gefrühstückt. Muffins, Franzbrötchen, Bagels und Zwiebelmett. Ab 11.00 Uhr gehen die ersten zum Mittagessen. Um 16.00 Uhr ist Kuchenpause und ab 17.00 Uhr wird gekocht.
Schrecklich.
Ich fahre den Computer runter und stelle das Fernsehgerät an und da wird weiter gefressen. Rach – der Restauranttester, die Kochprofis, das perfekte Dinner, unter Volldampf, Kocharena, Lafer! Lichter! Lecker!, Dschungelcamp.
Fressen, fressen, fressen.
Ich stelle das Empfangsgerät ab und höre in der Küche die Kinder wie kleine Meisen im Nest schreien „Essen, essen, essen!“ und sehe wie sie ihre Mäulchen aufsperren.
Was waren das noch für Zeiten als ich als Studentin mit 5 DM eine Woche auskommen musste. Wunderbar. Ich habe mir einfach eine Schachtel Zigaretten gekauft und die Reste anderer in der Mensa fertig gegessen. So schön war das!

Hinweise erbeten

Liebe Mitlesende mit Kind,
wir benötigen dringend Hilfe. Das zweite Kind, einst zart und elfengleich, verweigerte die ersten 12 Monate seines Lebens feste Nahrung. In den folgenden Monaten aß es über den Tag verteilt eine kleine Mango.
Eines Morgens wachte es auf und schrie: Fleich! (Fleisch)
Als wir ihm kein rohes Fleisch anbieten wollten, schmiss es wutentbrannt den Teller an die Wand und verlangte Wost (Wurst).
Wir gaben ihm alles, was wir hatten.
Fortan tat es den Tag über nichts anderes als essen.
200 Gramm Wurst, 3 Brotscheiben, 2 Bananen, 1 Nektarine und 3 Kiwis zum Frühstück. Dann ruhte es eine Stunde und aß drei Teller Nudeln, mit sieben Fleischbällchen zu Mittag. Ohne Pause ging es zum Vesper über und verschlang eine Schale Erdbeeren und verlangte noch mit rotverschmierten Händen: MÄÄÄHR MÄÄÄÄÄÄRRRR!
Es aß sieben Wiener Würstchen, eine Packung Zwieback sowie eine halbe Melone. Zu Abend wollte es einen Brotlaib belegt mit einem Kilo Käse. Zum Abschluss trank es drei Liter Milch.
Die Einkäufe wurden beschwerlicher und der Tag bestand aus Essenzubereiten. Doch wer denkt, dass die kleine Raupe Nimmersatt nachts wenigstens schlief um die Nahrungsberge zu verdauen, der täuscht sich.
Das Kind wollte nicht schlafen. Es schrie und zeterte und als die Eltern alle Bemühungen aufgaben, es schlafen zu legen und das Zimmer lediglich mit Decken und Kissen auspolsterten, hüpfte es eifrig auf und ab. Es wirbelte im Kreis und sang die ganze Nacht fröhliche Lieder.
Am Morgen machte es sich wieder über die Nahrungsvorräte.
So geht das seit vier Wochen. Zu beginn war das Kind 8,5 Kilo schwer. Jetzt bringt es bald 20 auf die Waage.
Wir vermuten, es wird sich bald verpuppen – doch sind wir ahnungslos was es werden wird. Man will schließlich vorbereitet sein.
Muss das Bett verkauft werden, weil das Kind bald kopfüber an einem Baume hängend schläft?
Braucht es eine dunkle, feuchte Höhle?
Wird es sein Essen zukünftig selbst erlegen?
Müssen wir Mäuseembryos kaufen und ins Zimmer werfen?
Eltern, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sind dazu aufgerufen, uns Hinweise zu geben.

Why me?

Nehmen wir an Sie haben Nachwuchs. Nehmen wir an, ihr Nachwuchs liebt Spinnen. Nehmen wir weiterhin an, ihr Nachwuchs verweigert jegliche Nahrung, es sei denn, es sind in ausreichender Menge Spinnen enthalten. Haarige, versteht sich. Haarige, die innen mit grünem Schleim gefüllt sind und stinken.
Sie stehen also in der Küche, schauen ein Nudelholz haltend auf die Spinne (sie lebt noch), schauen auf Ihren Zögling, der lächelt sie erwartungsfroh an und schmatzt mit geröteten Wangen.
Was bleibt Ihnen da übrig? Sie holen aus, braten der Spinne eins über, sie platzt, sie rupfen ihr die zappelnden Beinchen ab, halbieren den Körper und werfen alles zusammen in einen Mixer.
Den fertigen Brei machen Sie heiß und wenn sie ihn füttern (er stinkt immer noch wie eine Furzbombe), halten sie den dampfenden, mit Spinnenbrei behäuften Löffel an Ihre Lippen. Schließlich wollen Sie nicht, dass Ihr Baby sich verbrennt.
So ist mein Leben. Das stehe ich jeden Tag durch. So ist das Leben einer Obstphobikerin, deren Kind nichts anderes als Obst essen möchte.

Stöckchenwoche II (Smörebrod)

Mich bewarf die Kochexpertin und perfekte Dinnergeberin.
1) Kannst du kochen? Wenn ja, kochst Du gerne?
Ja2. Das ist wichtig. Sonst findet man keinen Mann.

2) Wann isst bei Euch die ganze Familie gemeinsam?
Morgens und Abends.

3) Was isst Du zum Frühstück?
Wenn das Kind noch da ist: eine Tasse Kaffee mit Milch. Wenn das Kind auf dem Weg in den Kindergarten ist: ein Twix, drei Scheiben Honigbrot und einige Platten After Eight.

4) Wann, wo und wie esst ihr in der Woche?
Morgens in der Küche am Tisch, abends am Esstisch im Wohnzimmer, wenn das Kind im Bett ist auf dem Sofa vorm Fernseher. Wenn ich Flecken auf das Sofa mache, sage ich nichts, wechsle im Laufe der Woche Seiten und schreie dann meinen Freund an, dass er wieder gekleckert hat.

5) Wie oft geht ihr ins Restaurant?
Hm, so zehn Mal im Monat?

6) Wie oft bestellt ihr Euch was?
Ochja, so zehn Mal im Monat?

7) Zu 5 und 6: Wenn es keine finanziellen Hindernisse gäbe, würdet ihr das gerne öfters tun?
Nö, an den verbleibenden 10 Tagen lässt sich das terminlich nicht einrichten.

8) Gibt es bei Euch so was wie „Standardgerichte“, die regelmäßig auf den Tisch kommen? Nein, wir sind schon in der Phase, wo es regelmäßig Streits gibt, weil niemanden einfällt was wir kochen könnten.

9) Hast Du schon mal für mehr als 6 Personen gekocht?
Ja, des öfteren.

10) Kochst du jeden Tag?
Nä.

11) Hast Du schon mal ein Rezept aus dem Kochblog ausprobiert?
Dem Kochblog?

12) Wer kocht bei Euch häufiger?
Das Weibchen. Das Männchen ist Experte für Rühreier, Pfannkuchen (für Berliner: Eierkuchen) und Fleischbratung.

13) Und wer kann besser kochen?
Losgelöst von den Gerichten kann man das nicht sagen. Da er ein leidenschaftsloser Esser mit wenig Gier ist, würde ich schlichtweg behaupten, der Kochorden geht an mich.

14) Gibt es schon mal Streit ums Essen?
Eigentlich immer, wenn irgendjemand was anderes als ich will.

15) Kochst du heute völlig anders, als Deine Mutter /Deine Eltern?
Ja. Bei uns gab es eigentlich nie Salat, Rohkost oder Gemüse. Ich erinnere mich an die 80er als fleischreiche Zeit. Gerne zubereitet wurde z.B. Pizza Jola, d.h. Rindfleischrouladen als Teigersatz mit Tomaten, Oregano und Käse belegt im Ofen zubereitet oder Rindermarkbällchensuppe.
Zum Thema Eltern und Essen zitiere ich auch gerne folgenden Vorfall: Das Kind wurde den Großeltern überlassen, die feststellten, dass das Kind Naturjogurt mit ungezuckertem Müsli zum Frühstück speist. Man war entsetzt und stellte schnell auf etwas Ordentliches um: Frikadellen mit Würstchen zum Frühstück.

16) Wenn ja, isst Du trotzdem gerne bei Deinen Eltern?
Natürlich.

17) Bist Du Vegetarier oder könntest Du Dir vorstellen vegetarisch zu leben?
Ich habe es mal ein Paar Jahre versucht. Geht hervorragend so lange man nicht in EU-Projekten arbeitet. Da bekommen Projektpartner Nervenzusammenbrüche, wenn man etwas ohne Fleisch essen will. Je weiter der EU-Partner im Osten liegt, desto größer die Verzweiflung. Also gab ich mir einen Ruck und aß Lamm. Es schmeckte köstlich. Da war mir klar, dass ich kein aufrichtiger Vegetarier sein konnte.

18) Was würdest Du gerne mal ausprobieren, an was Du Dich bisher nicht rangewagt hast?
Ich glaube, entweder ich wage mich ran oder ich will es nicht ausprobieren.

19) Kochst Du lieber oder findest Du Backen spannender?
Kochen. Backen hat immer etwas von industrieller Produktion. Plätzchenbacken ohne Projektplan ist z.B. unmöglich zu bewältigen. Das gilt auch für aufwändigere Kuchen. Beim Kochen kann man sich Zeit lassen. Alles akribisch in Schüsselchen vorbereiten.
Die Zutaten zusammenschütten, würzen, liebevoll so lange abschmecken bis man satt ist.

20) Was war die größte Misere, die Du in der Küche angerichtet hast?
Stichwort Hefeausrollteig als Pizzagrundlage. Schmeckte wie angebrannte Lasagneplatten. Mein Hauptgast hat aber tapfer lächelnd gegessen. Er liebt mich eben.

21) Was essen Deine Kinder am liebsten?
Würstchen, Würstchen, Würstchen. Pizza, Würstchen, Kuchen, Würstchen, italienischen Schnodderpudding (in Fachkreisen unter Tiramisu gehandelt).

22) Was mögen Deine Kinder überhaupt nicht?
Mais, Muscheln und gekochtes Gemüse. Letzteres wird aber gerne roh gegessen.

23) Was magst Du überhaupt nicht?
Ich bin ein völlig unkomplizierter Esser. Ich verabscheue Obst, Gurken und rohe Tomaten. Des weiteren lehne ich natürlich Innerein jeder Art ab.
Verzichte lieber auf Sellerie, lasse Kapern gerne stehen, Käse ist nur in speziellen Fällen mein Ding. Meeresfrüchte nicht unbedingt. Wild und alle Arten von Tierzubereitungen, bei denen man das Tier noch erkennen kann. Sprich kleinere Vögel, Kaninchen etc. lieber nicht. Rind finde ich zu fleischig. Bohnen gehen manchmal – jedoch würde ich sie nicht selbst in einem Gericht verwenden. Grünkohl geht wirklich ganz und gar nicht.
Rohe Zwiebeln nur in homöopathischen Mengen. Darüber hinaus gibt es Dinge, die ich eigentlich esse, die ich aber auch nicht immer haben muss. Gekochter SChinken gehört z.B. nicht ins warme Essen. Zusammenfassend würde ich sagen, ich bin der perfekte Gast.
Koriander muss auch nicht in rauhen Mengen sein.

Schöne Dinge aus Weißbrot

Andere Familien sollen dieses Problem ja haben: Kinder, die nichts essen
wollen.
Ich erinnere mich da nur an einen Tapas-Abend bei Freunden, wo das Kind
vier gerollte Zucchini, dreizehn Oliven, fünf Hühnchenschenkel, drei
Tintenfischlein, zwei Portionen Paella, sieben gedünstete Champignons
und zwei Stück Manchego verschlungen hatte, beim Abschied mit
Knoblauchfahne in die Runde rülpste „Tschüüüüüüsssböööööaaaahhhb“ und uns
dann an der Tramstation fragte, was es denn eigentlich zum Abendbrot gäbe.
Für alle anderen pädagogisch bemühten Muttis und Papis empfehle ich diese Seite.

Yummi!