Über die Privatheit von Familienblogs

Auf der #denkst Familienbloggerkonferenz habe ich mit nur 54 Folien einen Vortrag zum Thema „Über die Privatheit von Familienblogs und die Frage: gehört das wirklich ins Netz?“ „Kinderfotos gehören ins Netz!“* gehalten.

Tweets dazu gibt es bei Twitter mit dem Hashtag #privatheit und #denkst.

*Zu meinem eigenen Erstaunen, hat sich meine Haltung zur Frage des Postens von Kinderfotos im Netz durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema im Vergleich zum Vorjahr deutlich gelockert. Nach der 3. Überarbeitung habe ich den Vortragstitel geändert und die Inhalte entsprechend angepasst. Ich erwarte nun freudig die hitzige Diskussion.

Im Schwerpunkt habe ich mich mit Kinderfotos beschäftigt – bin am Ende aber noch auf die Frage der Texte über Kinder eingegangen.

Bevor ich überhaupt über die Argumente für und gegen das Posten von Kinderfotos gesprochen habe, habe ich mir ein paar Gedanken zu der motivationalen Lage gemacht.

Wir posten Fotos denn:

  • ­Bilder schaffen Nähe
  • ­Bilder sagen mehr als 1000 Worte
  • ­wir können den Moment festhalten
  • ­Freunde und Stolz teilen
  • ­mit den Bildern vermitteln wir Persönlichkeit und natürlich
  • ­erhöhen Bilder die Aufmerksamkeit bei Leserinnen und Lesern.

Wenn man sich Fotos von Kim Kardashians Sohn (2,9 Mio Likes!) anschaut, fragt man sich zu Recht: Was kann denn überhaupt das Problem sein? Wie könnte so ein niedliches Babyfoto ein Problem für irgendwen werden?

Ich stelle deswegen einige Beispiele vor, bei denen Fotos ein Problem wurden.

Es gibt z.B. ein niederländisches Aktionistenduo (Ellen Bijsterbosch und Tijmen Schep), die aus fremden Kinderfotos, die von Eltern bei flickr unter einer CC Lizenz eingestellt wurden, einen Tassenshop gemacht haben.

Ähnlich unschön ist es, wenn eigene Bilder auf einer viel geteilten Buzzfeed-, 9GAG- oder imgur-Liste landen. Wer will schon Teil auf der Liste 22 Akward Moments That Happen When You’re Bad With Kids oder 27 People Who Are Way Worse At Parenting Than You sein?

Nirvana Nevermind Cover Baby Spencer Elden ist heute 25 und muss sich immer noch anhören, dass er „the guy with the small penis“ ist. Das Album wurde bis heute 26 Mio verkauft…

Auch können Fotos total aus dem Kontext gerissen werden und unabhängig von den Nutzungsrechten missbraucht werden. Jüngstes Beispiel ist das blonde Kind in einer Runde indischer Kinder, das u.a. Steinbach dazu benutzt hat, um Ängste gegen Überfremdung zu schüren.

Schwarzseherisch kann man jetzt sagen: Alles, was ins Netz gestellt wird, kann potentiell missbraucht werden.

Das einzige, was außerdem gegen die GesichtserkennungsalgorithmenFacebook Profiling und Corporate data mining hilft, ist in letzter Konsequenz gar keine Fotos zu postenNetzwerke sind Wirtschaftsunternehmen, die am Ende immer das Ziel haben Profit zu machen. Es werden in der Regel riesige Datenmengen gesammelt und weiterverwertet (zB um auf den User abgestimmte Werbung zu schalten).

Netzwerke haben immer wieder Probleme die Sicherheit der personenbezognen Daten zu gewährleisten. Egal wie die Benutzereinstellungen sind, es gibt keine 100% Sicherheit, dass Daten nicht abhanden und ggf. missbraucht werden können.

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Kinderfotos Gutes bewirkt haben. Der Junge vom Success Kid Mem, Sammy Grinder, konnte z.B. 2015 über 90.000 $ crowdfunden, weil sein Vater Geld für eine Nierenplantation benötigte.

Ist das am nur die Ausnahme der Ausnahme? Will man wirklich keinerlei Risiken eingehen, bleibt weiterhin als letzte Konsequenz keine Kinderfotos im Netz zu posten.

ABER: Soll das Internet wirklich ein kinderfreier Raum werden?

In der Kohlenstoffwelt gibt es ja schon kinderfreie Orte oder Orte, die gerne kinderfrei wären.

The Barn Rostery hat erst mit angeblichen Brandschutzmaßnahmen (Pollern im Eingang) die Kinderwagen ausgeschlossen und dann Müttern das Stillen in der Fensterfront des Cafés untersagt.

Das Hotel Esplanade in Bad Saarow ist kinderfrei und damit nur Teil einer aktuellen Entwicklung.

Zwei asiatische Airlines rühmen sich kinderfreier Zonen und am Ende kann man sich den Science-Fiction Film „Children of Men“ mal anschauen. Da leben die Menschen in einer komplett kinderfreien Welt, weil seit 18 Jahren kein Kind mehr geboren wurde. Ich spoilere nicht zu viel wenn ich verrate, dass das keine schöne Welt mehr ist.

Ob Internet oder Kohlenstoffwelt – persönlich möchte ich keine kinderfreien Orte. Ich halte nichts von Exklusion. Deswegen habe ich mir die Argumente für das Posten von Kinderfotos mal angesehen. Ich lasse sie bewusst unkommentiert und hoffe, dass sie nicht sofort Reaktanz auslösen sondern Anlass bieten wirklich mal darüber nachzudenken, was für Kinderfotos im Netz spricht.

  • Alle machen das, das ist die Normalität

„Das Posten von Fotos im Netz ist gerade für junge Menschen so normal geworden, dass unsere Jungs uns ein paar Familienfotos der letzten Jahre, auf denen sie auch zu sehen sind, garantiert nicht vorwerfen würden.“*

Johnny Haeusler

  • Ich bin die Mutter/der Vater, ich entscheide auch andere Dinge für mein Kind, deswegen kann ich das auch entscheiden.

Das ist völlig richtig. Rechtlich gesehen können Eltern minderjähriger Kinder frei entscheiden, ob sie Bilder ins Netz stellen oder nicht. Die Kinder gelten als noch nicht einsichts- und geschäftsfähig, und das betrifft auch das Recht am eigenen Bild. Sobald das Kind die Risiken, die damit verbunden sind, selbst einschätzen kann, darf es aber mitentscheiden. Das ist in etwa im Alter von 12 bis 14 Jahren der Fall.

  • Ja, vielleicht sind die Kinder mal unzufrieden mit der Entscheidung, aber das wird in anderen Erziehungsthemen auch so sein, damit muss man leben.

„Das Kind könne ja noch nicht mal entscheiden, ob es das will, so der Tenor. Gegenfrage: Hat denn das Kind was zu sagen gehabt beim Eintritt in die Kinderkrippe?“*

Claudia Marinka

  • Gewisse Grenzen sind zu wahren – peinliche und entkleidete Fotos werden ohnehin nicht ins Netz gestellt, harmlose Fotos sind OK.
  • Das Risiko, dass „was Schlimmes“ mit den Bildern passiert, ist gering. Gemessen an der Anzahl aller hochgeladenen Bilder im Netz, ist die Anzahl der Fälle von Missbrauch verschwindend gering.
  • Bilder helfen den Alltag von Eltern zu vergleichen (Stichwort: Online-Eltern-Clan), deswegen sind sie hilfreich und gut.

„Die große Chance sozialer Medien, Kindern aus der Ausgrenzung wieder zurück in den Alltag zu holen, wird durch eine kulturhistorische Ablehnung des Bildes und paternalistische Haltung Eltern gegenüber vertan.“*

Caspar Clemens Mierau

Von Susanne Mierau stammt der Begriff des Online-Eltern-Clans. Fotos und Texte über Kinder helfen uns Teil einer Gemeinschaft zu werden. Sie helfen uns beim Austausch von Erfahrungen und Lebensrealitäten. Sie sind uns Rat und Einblick, wir teilen unsere Elternschaft dadurch und sind nicht mehr auf uns alleine gestellt. Für mich ist das neben dem Sichtbarkeitsaspekt, das wichtigste Argument für das Teilen von Fotos und Texten über Kinder.

Also: Am Ende ist die Frage gar nicht, ob oder ob nicht, sondern in welcher Art und Weise Kinderfotos im Netz gepostet werden.

Es gibt eine Menge Alternativen, wie man Fotos posten kann und trotzdem die Persönlichkeitsrechte der Kinder wahrt.

(Danke an @caschy, @heibie und @Mama arbeitet für die Beispielbilder)

Gar keine Fotos posten, kann also nicht der Weg sein. Kinder sind Teil unserer Gesellschaften und sollen deswegen auch sichtbar stattfinden.

Ein kleiner Exkurs zu behinderten Kindern: Ich wurde in den Kommentaren von einer Mutter eines behinderten Kindes darauf hingewiesen, dass die Situation hier nochmal eine besondere ist. Zum einen, weil es sein kann, dass die Kinder unabhängig vom Alter (z.B. aufgrund einer geistigen Behinderung) nie entscheiden werden können, ob sie Fotos von sich im Netz haben wollen und zum anderen weil Inklusion in der realen Welt schon so rar ist, dass das Nicht-Zeigen von behinderten Kindern das Internet zu einem weiteren Ort machen würde, der frei von Behinderungen gehalten wird.

Natürlich ist die Meinung über dieses Thema auch hier nicht bei allen die selbe.

Am Ende ist und bleibt es die eigene Entscheidung. Es gibt lediglich Entscheidungshilfen.

Zum Beispiel die Uni Basel forscht zu diesem Thema und dabei sind  zwei, wie ich finde, sehr gute und differenzierte Broschüren entstanden:
Der Entscheidungskreis für das Online-Stellen von Bildern und der Elternguide für das Online-Stellen von Fotos.

Ansonsten kann man sich durch die Tipps anderer hangeln, wie z.B. Béa Beste, die sagt:

„Better safe than sorry – aber „safe“ heißt nicht „nix machen“, es heißt „vorsichtig machen“*

Zusammengefasst hilft nur nachdenken, nachdenken, nachdenken. Und wenn die Kinder alt genug sind – einfach in die Entscheidung miteinbeziehen.

Sowie regelmäßig prüfen: Wer profitiert vom Posten der Kinderfotos? Und hier kann die Antwort eben ganz klar sein: Die Gesellschaft

Apropos Verantwortung! Bei der Frage um die Kinderfotos geht es nicht nur um das Posten sondern auch um die Frage was like ich eigentlich, was teile ich und was bewirkt das?

Da packe ich mich an die eigene Nase. Ich habe mir auch schon zweifelhafte Videos und Bilder angeschaut und gelikt oder geteilt. Ich bin dann Teil dieser viralen Verbreitung!

Es ist und bleibt also ein Lernprozess. Wir müssen den richtigen Umgang damit lernen. (Dass das geht, zeigt der Umgang mit den geleakten Promifotos. Es gibt in meiner Filterbubble nur sehr wenige Ausnahmen, die diese Fotos noch geteilt haben…)

Noch ein Wort zum Unterschied von Fotos und Texten. Texte sind für mich eher wie gemalte Bilder. Sie beschreiben etwas, geben aber kein 1 zu 1 Bild wieder. Ich glaube, es gibt auch weitere Unterschiede.

Bei Fotos ist die Usability des Missbrauchs besser. Es ist viel einfacher sie in einen anderen Kontext zu stellen, sie sind leichter zu teilen und man erreicht viel schneller eine höhere Reichweite.

Ich habe länger nach einem Beispiel eines Textes gesucht, der so wie die oben genannten Bilderbeispiele missbraucht wurde und nichts gefunden. Wer ein Beispiel kennt, möge es mir bitte sagen!

Ein guter Hinweis kam noch auf auf meine Frage: Sind Texte über Kinder im Netz was anderes als Fotos von Kindern? Wenn ja, warum?

Natürlich gibt es auch im Textbereich Beispiele von Texten über Kinder, die viele hunderttausend, vielleicht millionenfach gelesen worden sind und in diesem Zusammenhang bin auf die Bücher und Kolumnen von Jan Weiler gestoßen, der u.a. sehr erfolgreich über das Thema Pubertät schreibt.

Ich habe ihn gefragt, ob er glaubt, dass Bilder und Texte das selbe sind und wie seine Kinder sich mit seinen Texten fühlen. Er hat die Frage bejaht und klar gestellt “ [ich muss deutlich machen], dass ich keine Texte über meine Kinder veröffentliche.“ Er schreibe Texte über fiktionale Figuren. Natürlich habe er zwei Kinder, aber die hießen anders und seien anders als die Figuren seiner Geschichten. Er achte die Persönlichkeitsrechte seiner Kinder und schreibe nur über verallgemeinbare Prozesse oder Themen, niemals über individuelle Probleme seiner Kinder.

Auch würden sich seine Kinder mit den Texten wohl fühlen und kämen auch gelegentlich zu seinen Veranstaltungen.

Für mich ist das ähnlich. Meine Texte entsprechen den Fotos mit den Katzenköpfen. Sie sind ein Gemisch aus wahren und erfundenen Gegebenheiten – mir geht es um die prototypischen Situationen. Kind 1.0, 2.0, 3.0 sind Projektionsflächen – keine 1 zu 1 Darstellungen. Ich versuche immer Fokus auf mich und meine Sicht/Rolle als Mutter und dem Verarbeiten von Erlebten zu setzen.

Plus: In der Zwischenzeit sind alle Kinder in dem Alter, in dem ich Rücksprache halten kann, ob OK ist, was ich poste – was ich auch mache.

Am Ende gilt für Texte dennoch was ähnliches wie für Fotos

  • ­Wenn Peinlichkeiten enthalten sind, nicht posten.
  • Wenn die Kinder damit googelbar werden, nicht posten.
  • Wenn Persönlichkeitsrechte verletzt werden, nicht posten.

Zuletzt geht es um Respekt und Grenzen. Bei Jesper Juul habe ich zu vielen Erziehungsfragen gelesen, dass es hilft sich zu fragen: Würdet ihr das mit einem Erwachsenen/dem Partner/einer Freundin auch so machen?

Deswegen zusammenfassend: Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung der Eltern, ob sie Bilder posten und ob sie Texte über ihre Kinder veröffentlichen. Das klingt banal, aber ich möchte das wirklich nochmal hervorheben, v.a. nachdem ich facebook Kommentare unter einem Pro Posten Artikel gelesen habe und entsetzt war.

Jede/r muss für sich regelmäßig die Haltung überdenken, denn die Rahmenbedingungen ändern sich, die Kinder ändern sich, die Welt ändert sich, man selbst ändert sich. Was in 10-15 Jahren sein wird, können wir nicht sagen: Schlimmstenfalls (in meinem Fall):

„Mama, war ich nicht süß genug oder warum hast du nie ein Foto mit Gesicht gepostet?“*

¯\_(?)_/¯

Wichtige Anregungen für meinen Vortrag kamen von:

Im Vortrag genannt als Entscheidungshilfen:

tldr:

Kinder sind Teil unserer Gesellschaft. Natürlich sollen sie auch im Internet stattfinden. Die Frage ist also nicht, OB man Kinderfotos postet oder nicht, sondern viel mehr – auf welche Art und Weise man das tun.

 


Feedback zum Vortrag und weitere Artikel zum Thema:


Weltkugelbahn: Wenn Kinderbilder im Netz Familien zusammen halten


Mama Notes: Mein Besuch auf der Elternbloggerkonferenz denkst
Mamis Blog: Denkst 2015

Meine Erziehungsnemesis

Ich erinnere mich an ein Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Erzieherin: „Hast du noch Fragen?“
Ich: „Ja, äh also, wie ist das bei euch mit dem Essen?“
Erzieherin: „Was meinst du?“
Ich: „Bleibt Kind 2.0 bei euch sitzen?“
*hysterisches Auflachen*

Dann erinnere ich mich an ein weiteres Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Erzieherin: „Hast du noch Fragen?“
Ich: „Ja, äh also, wie ist das bei euch mit dem Essen?“
Erzieherin: „Was meinst du?“
Ich: „Bleibt Kind 3.0 bei euch sitzen?“
*resigniertes Abwinken*

Diese beiden Dialoge fassen unsere gemeinsamen Mahlzeiten eigentlich ganz gut zusammen.

Egal ob Frühstück, Mittagessen oder Abendessen – es ist furchtbar. In meiner naiv romantischen Vorstellung dachte ich, gemeinsame Essen finden so statt: Wir setzen uns alle an den Tisch. Wir nehmen das Besteck in die Hand und essen. Während wir essen, erzählen wir uns vom Tag, wir lachen, gießen uns Saftschorle nach und am Ende lehnen wir uns zurück und plaudern noch ein bisschen mehr. Wir sind alle ganz entspannt.

Werbefernsehromantik, ja, ja. Ich bin wieder drauf reingefallen. Werbefernsehen hat mir eine unrealistische Vorstellung davon vermittelt, wie mein Leben mit Kindern sein könnte.

In Wirklichkeit sieht es so aus: Ich habe bis nachmittags gearbeitet, hole Kind 3.0 vom Kindergarten ab, wir gehen schnell einkaufen. Es ist 17.15 Uhr. Wir kommen zuhause an. Kind 2.0 ist schon da und mich überschwappt eine Welle heuteinderSchuldeunddieAnnahatdannnochaberdahatdannderTimblblblblblblbl schwaaahhhblablablabalbalbalblubblu.

Ich bin müde, total erschöpft, ich will eigentlich nur eines: meine Ruhe.

Ich packe die Einkäufe weg. Kind 3.0 hat jetzt auch was zu erzählen. Ohne Punkt und Komma. Es fällt mir schwer zuzuhören. Ich höre graues Rauschen wie Jen bei der IT Crowd wenn Moss etwas Technisches erklärt.

Ich fange an zu kochen. Die Kinder „spielen“ derweil im Kinderzimmer.

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Mit letzter Kraft schleppe ich mich an den Wohnzimmertisch und rufe „Essen ist fertig!“.

Die Kinder kommen. Kind 3.0 greift mit den Händen ins Essen.

Ich: „Kannst du bitte Besteck benutzen?“

Kind 3.0 verdreht die Augen. Kind 2.0: „Jetzt nimm das Messer, ey!“

Kind 3.0: „Du sollst nisch über misch bestimmen!“

Ich: „Richtig, aber bitte benutz doch das Besteck, Kind 3.0!“

Kind 3.0 wirft wütend die Hand voll Kartoffelpürree, die es gerade aufgenommen hat auf den Teller zurück. SCHLOZ. Soße spritzt auf den Tisch. Kind 3.0 steht auf und stempelt mit den vollgesabberten Händen folgende Gegenstände: Tisch, Stuhl, Türgriff Wohnzimmer, Türrahmen Wohnzimmer, Türgriff Küche, Türrahmen Küche, Ablage Küche, Spüle, unerklärlicherweise Wand, wieder Türgriff Küche, Türrahmen Küche, Türgriff Wohnzimmer, Türrahmen Wohnzimmer, Stuhl, Tisch.

Es „wischt“ die Soße auf.

In der Zwischenzeit hat Kind 2.0 das Essen aus dem Mund fallen lassen: „Ist ja ekelhaft. Ist das wieder so ein komisches vegetarisches Zeug?“

Ich: „Wollte ich mal ausprobieren.“

Kind 2.0: „Ich esse Jogurt!“

Kind 3.0: „Isch auch.“

Ich bin zu schwach Widerstand zu leisten. Jogurt wird geholt. Kind 3.0 ist derweil verloren gegangen.

Ich rufe: „Kind 3.0, bist du fertig mit dem Essen?“

Kind 3.0 aus der Ferne: „Neeee!“

Kind 2.0 fängt an zu singen.

Ich: „Nicht singen am Tisch!“

Kind 3.0 erscheint im Türrahmen und singt mit.

Ich nicke kurz ein. Als ich aufwache, hat Kind 3.0 die Füße auf dem Tisch abgelegt. Kind 2.0 übt Capoeira-Tritte. Eine Flasche Wasser segelt an mir vorbei.

Ich: „Bitte! Könnt ihr bitte leiser sein und normal essen?“

Ich atme durch. Ich zähle langsam im Geiste bis zehn. Ich reiße mich zusammen und frage in meiner lieblichsten Stimme: „Na, wie war es denn in der Schule?“

Kind 2.0: *murmelmurmel*

Kind 3.0: „Also im Kindergarten, da war der Robert und der Robert <insert 20 minütigen Monolog.>“

Kind 2.0: „ICH WILL AUCH MAL WAS SAGEN!“

Kind 3.0: „ABER ICH REDE!!!“

Kind 2.0: „ABER DU HÖRST JA NIE AUF.“

*Gerangel* *Stühle fallen um*

Die Kinder stehen auf.

Ich sitze alleine am Tisch. Einsam und alleine. Alles ist vollgeschmiert.

Ich: „Räumt ihr bitte ab?“

Kind 3.0: „DAS IST SKLAVEREI!“

Kind 2.0: „IMMER MUSS ICH ALLES ALLEINE MACHEN!!!1“

Tagein, tagaus, wochentags, wochenends. Immerzu. Immerzu.

Das gemeinsame Essen ist meine Erziehungsnemesis*. Völliges Versagen. Alles falsch gemacht. Täglich scheitere ich daran. Ich stehe auf, setze mich an meinen Rechner und schaue mir auf YouTube Clips glücklicher Familien beim Essen an.

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*Dafür schlafen meine Kinder immer um 20 Uhr. Immer. IMMER!

Mama, Mama, bist du so groß wie Prinzessin Leia?

Mein Handywecker klingelt. Neben mir liegt Kind 3.0. Mit rauer Stimme fragt es: „Was ist ein Großmoff?“ Moff? Keine Ahnung wovon das Kind spricht. Vermutlich redet es im Schlaf.

Ich streife die Decke zur Seite, setze einen Fuß auf den kalten Fußboden, Kind 3.0: „Wie ist Wilhuff Tarkin eigentlich Großmoff geworden?“ Ich brauche erstmal Kaffee.

„Kinder! Frühstück ist fertig!“
Kind 2.0: „Mama, Du bist kleiner als Aayla Secura“
„Ich äh ja, ich bin ja nicht besonders groß.“
Kind 3.0: „Und du lebst. Aayla Secura ist tot.“
„Oh“
Kind 2.0: „Ja, sie starb während der Klon-Kriege bei der Ausführung der Order 66.“
„Ich, äh, iss dein Brot.“

„ZÄHNEPUTZEN!“
Kind 2.0: „Kind 3.0 ist größer als R2D2.“
Kind 3.0: „Und isch kann schießen. PePeng! Peng! R2D2 ist ein Reparaturroboter, der kann nisch schießen.“
(R2D2 endlich mal jemand, den ich kenne…)
„Ja, ja, Kinder. Jetzt bitte Zähneputzen.“

„So, es ist Zeit sich anzuziehen. Warm anziehen. Es ist sehr kalt geworden.“
Kind 3.0: „Isch zieh misch nisch an. Isch bin ein Wookiee.“
„Auch Wookiees müssen sich anziehen…“
Kind 3.0, empört: „Gar nisch!“
„Was ist denn ein Wookiee? Ist das ein Ewok?“
Kind 2.0 verdreht schweigend die Augen.
„Is mir jetzt auch egal. ANZIEHEN!“

Am Nachmittag. Stimmen aus dem Kinderzimmer. Geschrei. Handgemenge.
Kind 2.0: „MAMAAAAA! Kind 3.0 hat gesagt, ich stinke wie die Gedärme eines Tauntauns!!!“
„Kind 3.0! Kind 2.0 stinkt nicht!“
Kind 3.0: „Wohl! Tauntaun-büüüäähhh!“
(Ich überlege kurz, ob eine erzieherische Intervention notwendig ist, dann wechsle ich lieber das Thema.)
„Wohin wollen wir dieses Jahr in den Urlaub fahren?“
Die Kinder im Chor: „Tatooine! Krayt-Drachen-Skelette anschauen:“
„Die gibts doch nicht echt.“
„Wohl.“
„Nein!“
„Doch, Mama!“
„Jetzt ist aber Schluss!“ Ich schlappe ins Bad und schließe die Tür.

Ich sitze am Klo.
„Mamaaaa????“
„Ist es ein Notfall? Ihr wisst – die Regel lautet: Nur wenn Blut fließt oder ein anderer Notfall eintritt, darf man mich stören…“
„NOTFALL MAMA!!!“
„Hmpf“
Ich wasche meine Hände. Gehe ins Kinderzimmer: „Was ist denn?“
Kind 3.0: „Wie schwer ist eigentlich Darth Vader?“

So geht das. Seit Wochen und ich habe keine Ahnung, wovon die Kinder sprechen und das faszinierende: Sie haben noch nie einen Star Wars Film gesehen. Aber sie wissen alles. Die Kinder in der Schule und im Kindergarten erzählen sich alle Details und flüstern die Legenden. Nur ich, ich hab keine Ahnung.

Deswegen habe ich die ganzen Star Wars Filme in Machete Order geschaut: IV, V, II, III, VI und I muss man nicht schauen.

Was ich gelernt habe:

  • Die Skywalkers schlagen sich gerne gegenseitig die Hände ab. Überhaupt Hand ab, Bein ab (auch bei AT-ATs) und Kopf ab, ist ein großes Ding bei Star Wars.
  • Einen Wookiee als Freund zu haben, ist eine gute Sache.
  • Wenn man als Frau ordentlich kämpfen will, trägt man flache Schuhe. Wenn man keine Schuhe trägt, dann braucht man wenigstens eine Kette um unliebsame Hutts zu erwürgen (Hutt ist nicht der Nachname von Jabba. Jabba ist ein Hutt. Sein korrekter Name ist Jabba Desilijic Tiure. Yoda hingegen ist der Nachname von Yoda. Der heißt nämlich Minch mit Vornamen und zu welcher Spezies er gehört, weiß man nicht so genau.)
  • Ob gut oder böse, erkennt man an der Farbe des Lichtschwerts. Wenn humanoide Lebensformen kein Lichtschwert tragen, ist es relativ schwer herauszufinden, ob sie böse (also „Sith“) sind. Man kann dann ein philosophisches Magazin mit der Frage „War Heidegger ein Sith Lord?“ befüllen.
  • Freundschaft und Liebe tragen jeden Film. Special Effects und Kostüme nicht.
  • Der erste Teil von Star Wars hieß ganz zu Beginn schlicht „Star Wars“. Erst als er ein Erfolg war, kam Episode V „The Empire Strikes Back“ ins Kino und aus dem ersten Teil wurde „Star Wars Episode IV: A New Hope“. Episode VI hieß übrigens eine kurze Zeit „The Revenge Of The Jedi“ und wurde unbenannt in „The Return Of The Jedi“. Da bereits Merchandise produziert und verkauft wurde, ist jeder, der irgendwas mit „Star Wars – The Revenge Of The Jedi“ besitzt jetzt sehr wohlhabend.
  • Apropos: Gerüchte besagen dass es ohne Star Wars Merchandise heute kein Lego mehr gäbe. Das ist einer intensiven 3 minütigen Recherche zufolge Unsinn.

Ich bin während der fünf Filme mehr als sieben mal eingeschlafen. Aber ich bin hart geblieben. Ich habe immer weiter gemacht. An Episode II und III kann ich mich trotzdem nicht erinnern. Seelenloser Müll. Um sich die ganzen Details zu merken, die die Kinder kennen, musste ich die Filme insgesamt 37 Mal stoppen und googeln.

Jetzt weiß ich alles und möchte ein Ewok-Baby adoptieren und es Han Solo nennen. Auch wenn es ein Mädchen ist.

32c3 mit Kindern, Tag 0, Tag 1, Tagebucheintrag

IMG_5585Auf die Weihnachtspostkarte für meinen Vater habe ich geschrieben: „Wir fahren am 26. zum Chaos Communication Congress, Du kannst uns dann zuwinken, wenn du uns in der Tagesschau siehst.“ Als wir kurz telefonierten, klang mein Vater ganz erstaunt, weil ich dieses Jahr die Kinder mitnehmen wollte. Mir tat es letztes Jahr schon fast leid, die Kinder nicht mitgenommen zu haben.

Ich glaube, für meine Kinder sollte es ebenso so selbstverständlich sein Programmieren zu können, wie es selbstverständlich sein sollte, Englisch zu können. Die Kinder mit auf den 32c3 zu nehmen, erschien mir deswegen naheliegend. Weil sie dort eine Vorstellung davon bekommen können, was programmieren alles bedeuten kann und wie konkrete Ergebnisse aussehen (und dass es nicht unbedingt „langweilig“ sein muss). Für mich ist es so toll dorthin zu gehen, weil man eine Vorstellung von der Vielfalt und Kreativität bekommen kann.

Wir fuhren also schon am 26. nach Hamburg, um uns unsere Bändchen zu holen. Im Eingangsbereich war ein kleines Areal eingezäunt und darin gefangen einige Weihnachtsmannfiguren. Über dem Areal stand: Gated Santas (das Motto des diesjährigen Kongresses „Gated Communities“), free one (äh oder so ähnlich). Die Kinder waren ab da eigentlich kaum noch zu irgendwas zu bewegen. Die Santas mussten erstmal alle befreit werden. Anschließend mussten sie so zusammen gestellt werden, dass jeder Santa einen Freund hatte.

IMG_5550Wir hatten schon lange unsere Eintrittsbändchen, die Kinder hingegen wären gerne noch ein paar Stündchen dort geblieben. Letztendlich konnten sie nur überredet werden, sich einige Meter zu bewegen, indem wir das Bällebad im Kidspace anpriesen.

Das Bällebad wurde dann ausprobiert und in den höchsten Tönen gelobt. Ob das cooler sei als im Smaland, fragte ich erstaunt. Zumindest in meiner Kindheit gab es nämlich nichts tolleres als das IKEA Bällebad. „Ja! Viiiiel besser“, riefen die Kinder im Kanon. Es sei ordentlich tief, man könne tauchen, eine Kerze reinmachen, einen Anker und sogar eine ARSCHBO… außerdem würde es am Grund gut riechen. Das Smaland Bällebad stinke bestialisch. Kein Kind wolle dort tauchen.

IMG_5556Wir mussten dann auch nur vier bis fünf Mal sagen, dass wir jetzt gehen wollten und wirklich, wirklich morgen wiederkommen würden und die Kinder dann vier Tage lang hier bleiben dürften.

Am Tag 1 des Kongresses nahmen wir die Kinder mit in die Opening Session, die auf Englisch war. Ich stellte dabei erstaunt fest, dass sogar Kind 3.0 passiv einige Bröckchen Englisch verstand. Erstaunlich was man erreichen kann, wenn die Kinder im Alltag einfach viel Englisch hören. Die ersten 20 Minuten Begrüßung übersetzten wir. (Es wäre im Übrigen möglich gewesen ein DECT Telefon mitzunehmen und den Übersetzungsdienst zu nutzen, da ich aber keines mit Kopfhöreranschluss hatte, habe ich keins mitgenommen).

IMG_5567Den Rest der Rede spielten die Kinder dann am Tablet. Am Ende haben die beiden (wir haben nur Kind 2.0 und 3.0 mitgenommen) gut die 1,5 Stunden durchgehalten, was mich sehr zuversichtlich für die nächsten Tage stimmte, denn mehr als 3-4 Vorträge am Tag schaffe ich selbst meistens auch nicht.

Die nächsten Stunden haben sich die Kinder im Kidspace beschäftigt. Neben dem Bällebad gibt es dort einen kleinen Kletterbereich, die Santas von Tag 0 wackeln dort durch die Gegend, es wurden verschiedene Workshops angeboten, ein Augmented Reality Sandkasten war zu bewundern (und zu durchwühlen), mit der eigenen Stimme konnte Sound Pong gespielt werden, es fuhren immer mal wieder exotische Robotergefährte vorbei und es gab zwei Sitzkletterreitesel. Außerdem lässt es sich wunderbar in den Sofaecken und auf den Sitzkissenlandschaften rumtollen oder chillen (sehr wichtig für Kinder ab 11). Außerdem gibt es genug Tische, an denen die Kinder gut malen können und zu guter letzt gab es sogar USB-Armbänder für die Kinder mit denen die Kinder angeblich (wir haben noch keine weiteren Infos) Hörspiele sammeln und hören können.

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Kind 3.0 wollte dann doch gerne, dass ich bei ihm bleibe, was aber völlig in Ordnung war, denn auch ich habs dort ganz bequem und kann immerhin per Stream die Vorträge mitverfolgen. Genau genommen ist es dort im Lounge Bereich eigentlich bequemer als in den Vortragssälen.

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Nach sieben Stunden waren wir dann aber doch müde und sind in unser Feriendomizil zurück gekehrt. Tag 1 ist geschafft und wir bestellen uns jetzt eine Pizza. Alles in allem ein super Tag. Ich bin völlig platt (was sich in meinen Formulierungen bemerkbar macht, ächts) und die Kinder haben immer noch ziemlich viel Energie. Unfassbar. Morgen ist Junghackertag und wir planen pünktlich um 10 Uhr dort zu erscheinen. Erstaunlicherweise ist es zu Kongresszeiten immer sehr schwer vor 12 Uhr irgendwo zu sein. Wie schaffen wir das im Alltag? Auch heute haben wir es nur sehr knapp zu 11 Uhr geschafft.

Mühsam ernährt sich das Einhörnchen

Es soll sie ja geben, diese Reizthemen bei Eltern: stillen, impfen, Familienbett.
Schon lange nichts mehr darüber geschrieben…

Viele Jahre war ich große Freundin des Familienbetts. In der Zwischenzeit sind die Kinder relativ groß. Das Jüngste, Kind 3.0, ist mittlerweile schulreif. Dennoch schläft es immer noch gerne in meinem Bett.

fambett2011
Die Hälfte des Familienbetts 2013
fambett2015
Fast kein Familienbett mehr 2015

Ich habe an sich nichts gegen das gemeinsame Schlafen… es hat nur einen klitzekleinen Nachteil: Ich kann so nicht (mehr) schlafen. Zu Baby- und Kleinkindzeiten war das kein Problem. Ich war entweder dermaßen erschöpft oder ich war irgendwie hormonell anders eingestellt, genau weiß ich es nicht, jedenfalls, ich konnte ganz OK schlafen, obwohl Kind 3.0 schon immer viel gezappelt hat (wohingegen Kind 2.0 wie eine Mumie schläft).

Wir haben also die ersten Jahre gemeinsam in einem großen Bett geschlafen. Wobei ich ehrlich sagen muss, wie groß das Bett ist, ist letztendlich egal, das Kind sucht ja die elterliche Nähe und ob man da 2 Meter Matratze hat oder 90 Zentimeter – am Ende liegt das Kind quasi auf einem oder quer im Bett und man selbst auf der äußersten Kante (Hierzu unbedingt, wer es noch nicht kennt, die Baby Sleep Positions anschauen).
Im Kindergartenalter haben wir es dann mit eigenen Kinderbetten versucht. Das Schlafzimmer war direkt neben dem Kinderzimmer, die Tür immer geöffnet und viele Nächte schlüpfte Kind 3.0 dann doch wieder ins Elternbett.

Vor zwei Jahren dann, habe ich mich von meinem Mann getrennt und deswegen natürlich erstmal nicht an dem Thema „Ich würde gerne alleine schlafen“ gearbeitet. Als ich nach einem halben Jahr das Gefühl hatte, der neue Familienzustand hat sich gut eingependelt, habe ich versucht, Kind 3.0 schrittweise auszulagern.

Bei einer Freundin hatte ich beobachtet, wie schwierig es wird, wenn das Kind das Elternbett für das eigene Gebiet hält und dann doch eines Tages ein neuer Partner dazu kommt. Diesen Konflikt wollte ich unbedingt vermeiden. Ich hab also gut ein Jahr alleine in meinem Bett geschlafen und Kind 3.0 kontinuierlich wieder ins Kinderbett getragen und morgens, nachdem der Wecker geklingelt hat, wieder zu mir geholt, um das gewünschte Schmusen nachzuholen.
Das hat eigentlich ganz gut geklappt.

Die Zeit der Trennung hat aber einige Nebeneffekte für mich gehabt. Ich habe mein eigenes Leben wiederentdeckt. Ich war plötzlich nicht mehr die Muttermaschine, die alles abwickelt, immer für andere da ist und abends totmüde und erschöpft in die Bettdecke sank.
An den kinderfreien Wochenenden konnte ich „ausschlafen“ (bis 8.30 Uhr!!1!), einfach gar nichts tun und meinen eigenen Interessen nachgehen. Selbst wenn ich Haushaltsaufgaben erledigt habe, ging das ungefähr drei Mal so schnell. Ich wurde wieder ein eigenständiger Mensch.

Ich hab mich in meinem symbiotischen Zustand vorher nicht schlecht gefühlt und nichts vermisst, aber nach und nach hab ich ein anderes Gefühl bekommen und damit verbunden ist der Wunsch gewachsen mich etwas abzugrenzen.

Das Familienbett war bis dahin eigentlich eine Art Matratzenlager. Matratzen auf Lattenrosten in Bodennähe. Ich bin dann irgendwann vom Matratzenlager zum eigenen Bett gewechselt. Das war ein unglaublicher Luxus. Ein eigenes Bett und nicht mehr in Bodennähe schlafen. Toll!

Es hat nochmal drei Monate gedauert und dann habe ich für mich beschlossen, dass es OK ist, meine Schlafzimmertür zu schließen. Wieder einige Monate später habe ich mich entschlossen in ein anderes Zimmer zu ziehen.
Am Anfang war das für mich gewöhnungsbedürftig. Es hat sich angefühlt, als sei ich von meinen Kindern weg, in eine andere Wohnung, gezogen.

Kind 3.0 wandert nun Nacht für Nacht durch die Wohnung und kriecht wieder in mein Bett. Manchmal bin ich wach genug, freundlich zu bitten, dass es in sein Bett zurück geht (was oft klappt) – manchmal bin ich aber so müde, dass ich nicht merke, dass es unter meine Bettdecke schlüpft – andere Male wache ich, sobald es da ist, (gefühlt) im 20 Minuten Takt auf und bin morgens völlig gerädert.

Es wird noch eine Zeit dauern bis mein Kind nicht mehr zu mir kommt. Aber ich merke, dass ich mir wünsche jetzt doch endlich wieder durchschlafen zu können. Diese Superkraft habe ich mir mühsam wieder angeeignet.
Gerne können morgens alle Kinder in mein Bett hüpfen, gerne können sie auch in meinem Bett einschlafen, aber am Ende möchte ich die Nacht doch für mich haben und schlafen.

Wenn ich Kind 3.0 wegschicke, dann komme ich mir manchmal grausam vor. Andererseits denke ich, dass ich ein Recht auf meine Privatsphäre habe. Es gibt jetzt tatsächlich einen anderen Erwachsenen, mit dem ich mein Bett teilen möchte und da ist ein Kind, das quer zwischen uns liegt, nicht unbedingt der Idealzustand.

Ich versuche mir dann zu sagen, dass es in dem Alter vielleicht doch OK ist.
Die anderen beiden Kinder haben sich schon in der Kindergartenzeit von alleine entschlossen nicht mehr im elterlichen Bett zu schlafen. Wann das jüngste Kind soweit ist… es bleibt spannend.

Oh, jetzt hab ich vergessen das Empörungspotential zum Thema auszuschöpfen! Also Kurzfassung: Auch wenn mein schlechtes Gewissen mich plagt, aber aus rein egoistischen Gründen möchte ich, dass die Tage des Familienbetts gezählt sind.

Bitte duelliert euch nun mit Kommentaren pro und contra Familienbett und zählt bitte nochmal die Orte auf, an denen man außer im eigenen Bett Sex haben kann. Das gehört zu jedem guten Familienbettartikel, oder nicht?

[Vorlesegeschichte für Kinder] Ein Weihnachtsgeschenk für Mama und Papa

Ilva trifft auf ein sprechendes Eichhörnchen. Dass das am Ende sogar sprechen kann, wundert sie dann irgendwie auch nicht sonderlich.
Eine weihnachtliche Vorlesegeschichte, für Kinder ab hmmm 5 (?)

Ilva blickte aus dem Fenster. Es hatte angefangen zu schneien und sie beobachtete die Schneeflocken wie sie durch die Luft wirbelten und sich lautlos auf dem Fensterbrett niederließen. In zwei Tagen war Weihnachten, das wusste Ilva obwohl sie erst fünf Jahre alt war.

Ilva dachte an letztes Jahr. Da hatte der Weihnachtsmann ihr ein Fahrrad geschenkt. Ein blaues mit einer Tigerlampe vorne und Speichenklickern. Sie konnte es kaum aushalten, es auszuprobieren und als endlich der Schnee geschmolzen war, fuhr sie jeden Tag mit ihrer Mama zum Kindergarten. Egal ob es kalt war oder regnete.

Bei dem Gedanken an Mama, dachte sie wieder an Heilig Abend. Mama und Papa hatten komischerweise nichts vom Weihnachtsmann bekommen. Sie konnte sich das nicht erklären. Eigentlich waren die beiden ganz lieb gewesen. Also einigermaßen. So lieb wie Mamas und Papas eben sein können. Manchmal hatten sie schon rumgemeckert. Morgens zum Beispiel, wenn Ilva bummelte oder am Nachmittag wenn Ilva keine Lust hatte aufzuräumen. Das übliche eben. Am Ende des Tages aber waren Mama und Papa eigentlich immer lieb. Sie lasen ihr und ihrer Schwester eine Gute Nacht Geschichte vor und kuschelten dann mit ihnen. Dann machten sie das Licht aus und sangen noch für jedes Kind ein schönes Lied. Also Papa sang ein schönes Lied. Mama summte dazu weil sie oft den Text vergaß. „Aber Text vergessen kann doch kein Grund sein keine Geschenke zu bekommen?“, grübelte Ilva. So streng war der Weihnachtsmann bestimmt nicht. Was aber war passiert? Ilva starrte angestrengt zum Baum der ihrem Zimmer gegenüber stand. Eine große Kastanie, die jetzt im Winter ganz kahl war. Die Blätter waren alle abgefallen.

Ob Mama und Papa vielleicht vergessen hatten einen Wunschzettel zu schreiben? Das konnte sich Ilva gut vorstellen. Die beiden waren immerzu beschäftigt und selbst am Geburtstag äußerten sie auf Nachfrage nur ganz doofe Wünsche. Mama sagte immer, sie wünsche sich liebe Kinder! Als ob Ilva und ihre Schwester nicht ohnehin total liebe Kinder wären. Und Papa sagte auch nie was vernünftiges. „Was wünschst du dir zum Geburtstag Papa?“ „Weltfrieden. Ansonsten bin ich glücklich.“ Was konnte Ilva schon zum Weltfrieden beitragen? Wenn Mama und Papa dem Weihnachtsmann auch so blöde Antworten gegeben hatten, war ja klar, dass sie nichts bekommen würden.
Ilva fand das gemein. Mama und Papa sollten auch etwas bekommen. Was wenn der Weihnachtsmann dieses Jahr wieder nichts unter den Baum stellte? Sie überlegte. Vorsichtshalber würde sie den beiden ein kleines Geschenk besorgen. Nur was für eins?

Während sie nachdachte, fiel ihr im Baum gegenüber ein Eichhörnchen auf. Es hatte graublaues Fell. Ilva schaute ganz genau hin. Das Eichhörnchen wirkte irgendwie aufgeregt. Es sprang von einem Beinchen auf das andere und Ilva hätte schwören können, dass es mit seinen Vorderpfoten Zeichen gab. Es wedelte die Tatzen hin und her und fuchtelte durch die Luft. Komisches Eichhörnchen.

Ilva blinzelte und plötzlich war das Eichhörnchen verschwunden. Gerade als sie sich ein Buch suchen wollte, hörte sie ein leises Klopfen am Fenster. Sie erschrak, doch als sie zum Fenster schaute, sah sie dort das Eichhörnchen. Sie ging ganz langsam ganz nah an die Glasscheibe. Das Eichhörnchen schien nicht scheu zu sein. Im Gegenteil es schaute Ilva interessiert an. „Lass mich rein!“ Ilva wäre vor Schreck fast umgefallen. Das Eichhörnchen konnte sprechen? So als ob das Eichhörnchen zusätzlich Gedanken lesen könnte, sagte es: „Ja, ja. Ich kann sprechen. Lass mich rein jetzt!“ Eigentlich durfte Ilva die Fenster nicht öffnen, aber dieses Mal machte sie eine Ausnahme. Schließlich begegnet man nicht alle Tage einem sprechenden Nagetier. Vorsichtshalber kippte sie das Fenster nur einen Spalt. Gerade weit genug damit das Eichhörnchen durchschlupfen konnte.

„Hallo, ich bin Nusser. Wie heißt du?“, das Eichhörnchen blickte Ilva fragend an.

„Ich bin Ilva.“

„Hallöchen. Danke fürs Aufmachen. Irgendwie ist mir diesen Winter ständig kalt. Ich weiß auch nicht.“

Ilva starrte das Eichhörnchen an. Es entstand eine unangenehm lange Gesprächspause.

„Und du so?“, fragte das Eichhörnchen.

„Ich … äh ich…“ Ilva wusste erst nicht was sie sagen sollte, aber dann kamen die beiden ins Gespräch und Ilva erzählte unter anderem davon, dass sie gerade darüber nachgedacht hatte, ihren Eltern ein Weihnachtsgeschenk zu machen, weil die letztes Jahr nichts bekommen hätten. Sie erzählte auch, dass sie noch keine Idee hatte, was sie schenken könnte. Nusser und Ilva unterhielten sich sehr gut und bald kam schon raus, dass die Eltern im Flur gerne die Raufasertapete entfernen und ihn gelb streichen würden. Eindeutig keine Arbeit für ein Kind.

„Aber für ein Eichhörnchen“, fand Nusser. „Na gut, für ein handwerklich begabtes Eichhörnchen…“

Ilva fand das logisch. Wenn es sprechende Eichhörnchen gab (was sie noch nicht wusste), musste es auch handwerklich begabte Eichhörnchen geben (was sie bislang auch nicht wusste). Jetzt mussten die beiden lediglich einen Plan machen, wann und wie genau der Flur verschönert werden sollte. Nachts, das war schnell klar, es sollte schließlich eine Überraschung sein. Ilva müsste es nur fertig bringen und die Haustür in der Nacht zum Heiligen Abend geöffnet lassen. Nusser hatte versprochen die Wandfarbe und alles nötige zu besorgen, nur passte das freilich nicht durch ein gekipptes Fenster. Ilva war sich erst nicht sicher, ob man Wohnungstüren ausnahmsweise offen stehen lassen sollte – aber irgendwie musste der Weihnachtsmann ja auch in die Wohnung, um die Geschenke unter den Baum zu legen und deswegen würde das bestimmt in Ordnung gehen.

Als alle Feinheiten geplant waren, holte Ilva noch ein paar Nüsse aus der Küche und den flauschigen Pelzmantel ihrer Barbie, mit der sie ohnehin nie spielte und gab sie Nusser mit. Nusser schien sichtlich zufrieden und verabschiedete sich fröhlich: „Bis übermorgen!“
Ilva war in der Nacht zu Heilig Abend noch aufgeregter als sonst. Das half ihr wach zu bleiben, bis ihre Eltern schlafen gingen. Sie wartete noch ein paar Minuten und stand dann ganz leise auf und schlich sich in den Flur.

Annika Kuhn
Illustration: Annika Kuhn

Ihr war ein wenig mulmig zumute als sie die Haustür öffnete. Beim Anblick von Nusser, der schon mit einem großen Eimer gelber Farbe bereit stand, war sie sehr erleichtert. Nusser wollte schon losplappern, aber Ilva legte ihren Finger vor die Lippen. „Pscht!“ Das Eichhörnchen nickte und schob sehr leise den Farbeimer in den Flur. Dann bat es um einen Eimer Wasser. Wie gut, dass die Wohnung zwei Etagen hatte und die Eltern ohnehin so gut wie nie was hörten wenn sie schliefen! Ilva füllte einen Eimer mit Wasser. Das Eichhörnchen tauchte seinen Puschelschwanz in das Wasser und bespritzte die Wände mit Wasser. „Man muss die Raufasertapete einweichen, weißt du? So richtig nass!“ Nusser holte immer wieder Wasser nach und veranstaltete eine unfassbare Sauerei. Ilva zweifelte langsam ein bisschen, ob das mit der Flurrenovierung die richtige Idee war.

Eine Stunde später war Nusser fertig. „Hast du ein paar Würmer? Ich bin ganz schön hungrig und das muss jetzt erstmal einweichen.“ „Leider nein. Vielleicht Pilze?“ „Ja, Pilze gehen auch.“

Ilva holte außerdem noch einige Löffel Müsliflocken und eine kleine Portion Cornflakes und so saßen die beiden im pitschnassen Flur und machten ein Nachtpicknick.

Dann, ohne jede Vorwarnung sprang Nusser plötzlich auf und hüpfte an das Ende der Wand, das oben an der Zimmerdecke endete und ließ sich mit ausgefahrenen Krallen bis zum Boden gleiten. Dabei löste sich tatsächlich die Tapete in großen Stücken. Ilva war erstaunt. Wie hypnotisiert beobachtete sie Nusser wie der so nach und nach den ganzen Flur bearbeitete.

Am nächsten Morgen wachte Ilva zusammengerollt auf dem Boden des Flurs auf. Sie musste über das Beobachten des Eichhörnchens so müde geworden sein, dass sie eingeschlafen war. Schließlich war es außerdem sehr spät geworden. Nusser hatte ihr eine Decke übergelegt. Ilva rieb sich ihre Augen und wollte sich gerade das Ergebnis der nächtlichen Bemühungen anschauen, als ihre Eltern in den Flur traten.

„Was es ist denn hier los?“, wunderte sich Mama.

„Das gibt’s ja nicht! Wie hast du das denn gemacht???“, Papa war völlig außer sich.

Tatsächlich, der Flur war fertig und erstrahlte im wunderschönsten Sonnengelb. Alles war sauber und nirgends waren Raufaserreste zu sehen.

Als Ilva sich wieder gefasst hatte – sie war ja selbst sehr überrascht – sagte sie: „Das, das war nicht ich!“

„Sondern?“, fragte Papa.

„Ja, das würde ich jetzt aber auch gerne wissen!“, schob Mama nach.

Ilva überlegte kurz. Die Sache mit Nusser war vielleicht wirklich ein bisschen verrückt.

„Das war der Weihnachtsmann!“

Mama und Papa waren etwas sprachlos, aber dann lachten alle. Mama und Papa gingen davon aus, dass der große Sohn von Papa und seiner ersten Frau geholfen hätte und sagten deswegen nichts weiter. Das war auch OK, das mit dem Eichhörnchen hätten sie vermutlich ohnehin nicht geglaubt. So freuten sich alle und gingen frühstücken.

Ilva bekam noch oft Besuch von Nusser und sie wurden richtig gute Freunde. Es ist wirklich eine gute Sache ein handwerklich begabtes Eichhörnchen zum Freund zu haben!


 

Die Illustration der Geschichte ist von Annika Kuhn, das ist die Dame, die auch das wunderschöne Buch „Pinipas Abenteuer“ bebildert hat. Nur so als Tipp… falls ihr noch was schönes zu Weihnachten sucht.

 

Pinipa_Cover

P.S. Ich schreibe ja sehr gerne Kindergeschichten zum Vorlesen. Da dachte ich, ich könnte ja mal eine am 1. Adventssonntag veröffentlichen. Ich würde mich freuen, wenn ihr sie euren Kindern vorlest und mir Feedback dalasst, ob die Kinder sich unterhalten gefühlt haben. Mein großer Traum ist es eines Tages ein Kinderbuch zu schreiben…

Das Miniaturwunderland

Ne, der Artikel ist nicht gesponsert (schade, ich würde da gerne einziehen oder zumindest ein paar Tage verbringen, um all das zu sehen und zu erfahren, was man verpasst hat, weil man nur vier Stunden dort war), aber mein tldr zum Miniaturwunderland in Hamburg lautet: Geht da hin! Warum seid ihr da noch nicht gewesen? Husch!

Es ist großartig im Miniaturwunderland. G R O S S A R T I G!

Es ist ausdrücklich erwünscht dort Fotos zu machen. Es gibt Handyaufladestationen. Alle sind freundlich. Man kann sich Speicherkarten kaufen, wenn man die eigene Karte aus Versehen voll geknipst hat. Man kann alles sehen, auch wenn es proppenvoll ist und das gilt auch für Kinder in allen Größen.

Was wirklich bemerkenswert ist: es ist liebevoll gemacht und es geht den Betreibern nicht um Gewinnmaximierung – das merkt man in jedem Detail.

Z.B. kann man sehr gut dort eine Pause im hauseigenen Café machen ohne arm zu werden. Die Plätze sind so gestaltet, dass man sich von den Eindrücken und der drohenden Reizüberflutung etwas erholen kann. Ginge es um maximalen Umsatz, hätte man gut und gerne die doppelte Menge Sitzplätze in die Räume pferchen können. So hat man das Gefühl abgeschieden in kleinen Zugabteilen zu sitzen und darf mit (im Zweifel) angeschmodderten Händen das Buch zur Ausstellung lesen.

Es war toll! Man kann sich in acht Abschnitten auf 1.300 qm 13 km (!) verlegte Schienen anschauen. Der längste Zug ist über 14 Meter lang!
Die Zahlen sind einfach irre. Im Abschnitt der Schweiz z.B. wurden 4 Tonnen Gips und 15 Tonnen Stahl verbaut. Der Abschnitt Skandinavien hat eine 33.000 Liter fassende Nordsee, die Ebbe und Flut simuliert.

Ich könnte ja noch stundenlang diese Zahlen zitieren. Allein schon wie die Schifffahrt umgesetzt wurde! Es ist gar fantastisch. Und diese Detailliebe. Die Autos blinken beim Abbiegen. Die Flugzeuge heben ab. Es gibt Heißluftballons mit kleinen Flammen. Es gibt Männer, Frauen, Kinder, Aliens, Große, Kleine, Dicke, Dünne.

Kinder kann man im Grunde da abstellen. Die können auf die Ballustraden klettern (es gibt extra Stellflächen) oder über den Boden kriechen und sich dort die eingelassenen Zugstrecken in den Treppen und Wänden anschauen. Sie können unter die Wasseroberfläche schauen und unterirdische Tropfsteinhöhlen oder die geheime Area 51 bestaunen.
Es gibt zahlreiche Knöpfchen, die Dinge fahren oder leuchten lassen.
Es gibt sogar einen Wechsel zwischen Tag und Nachtbeleuchtung. Es gibt „Suchbildchen“ ach und überhaupt! Bringt mich zum Miniaturwunderland zurück.

Kühe

mondlandung

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Ich will hier nie wieder weg. #miniaturwunderland #hamburg #b Adern #miwula

Ein von @monoxyd gepostetes Video am

#planespotter #miwula

Ein von @monoxyd gepostetes Video am

Die Videos sind alle vom Monoxyd

Ach P.S. Wenn man keine Lust auf Warten hat, einfach online ein Zeitfenster reservieren, dann kommt man gleich rein.

P.P.S. Die Toiletten übrigens – ein Elterntraum! Wir mussten 7x hin, weils da so schön ist. Normalerweise hasse ich es gefühlte Stunden gelangweilt darauf zu warten, dass die Kinder fröhlich rufen „FEEEERTICH!“. Weil die Toiletten aber so hübsch mit kleinen Kästchen mit winzigen Figürchen dekoriert waren, hätte ich stundenlang dableiben können. SOOO schön!

Ich habe Blutdruck

Eigentlich hatte ich mir zu dem Vortrag zur Digitalen Demenz von Manfred Spitzer handschriftliche Notizen gemacht. Leider habe ich sie verloren. Hätte man nicht das Smartphone ausschalten sollen, wären meine Notizen & Fotos in der Cloud und… aber lassen wir das.

Von Herrn Spitzer hatte ich schon viel im Internet gelesen und war wirklich sehr gespannt. Der Vortrag war 1,5 Std lang und die erste halbe Stunde war wirklich informativ. Es ging im Wesentlichen um Neuroplastizität und auch wenn ich einiges an Vorwissen aus meinem Psychologie Studium mitgebracht habe, fühlte ich mich informiert und unterhalten. Gegen 17.30 (der Vortrag begann um 17.00) bin ich vermutlich kurz eingenickt, denn ich habe den Punkt, an dem der Vortrag für mich so extrem kippte, irgendwie verpasst. Meine Augen drehten sich langsam nach oben bzw. ich musste sie peinlich berührt unter meinen Handflächen verdecken und ich glaube gegen 18.15 bluteten meine Ohren.

Den Inhalt über den ich mich so echauffierte (andauernd bis heute und ich habe eigentlich selten starke Gefühle), kann man wie folgt zusammenfassen:

  • Bis 20 sollten Menschen nicht fernsehen, keine DVDs schauen, keine Spielkonsolen benutzen, um Gottes Willen aus dem Internet fernbleiben und auch keine eBooks lesen. Selbst Produkte wie der TipToi-Vorlese-Stift sind Produkte aus der Hölle.

plus

  • Wenn man den Kindern und Jugendlichen Zugang zu solchem Teufelswerk verschafft, trägt man aktiv zu deren Verdummung bei. Die Regierung macht das in unterschiedlichen Programmen auch – das ist eine Verschwörung der (Spielkonsolen und Computer) Industrie.

Kann man behaupten und auch mit zahlreichen Studien belegen, z.B. hat man Mäuse in ihrer Kindheit mit Fernsehprogramm beleuchtet und es zeigt sich eindeutig, dass sie unruhiger, unkonzentrierter und risikobereiter im Erwachsenenalter waren als es die Mäuse der Kontrollgruppe waren.

Ok, jetzt mache ich das selbe wie Spitzer, nämlich polemisieren. Aber wahrlich, er ist unangefochtener Meister auf diesem Gebiet auch wenn er selbst sagte „Ich bin doch kein Krawallwissenschaftler oder Kulturpessimist, wie mich die Feuilletons beschimpfen, ich zeige hier lediglich Fakten auf.“

Diese selektiven Fakten, die meistens monokausal argumentieren und immer nur ein entweder oder zulassen, haben gefühlt 80% der anwesenden Eltern im Saal begeistert und das ist das, was mich eigentlich so wütend macht.

Da sitzen internetunerfahrene Menschen (mein Eindruck nach zahlreichen Gesprächen), die sich unsicher fühlen, die nach einem Umgang mit einem Thema suchen, das ihnen selbst fremd ist, weil sie damit nicht aufgewachsen sind und dann steht da vorne jemand der Benzin in deren glühenden Ängste schüttet.

Um differenziert zu bleiben: Wenn man über 20 ist, dann darf man diese Dinge benutzen (so Spitzer), da ist das Gehirn ausgereift und dann ist das nicht mehr so gefährlich.

Seine Argumentationsweise folgt jedoch ansonsten komplett allen Klischees der Technologie“kritik“ (eigentlich wäre „Angst“ das korrektere Wort). Es gibt einen Text von Dorothee Bär, der meinen eigenen Eindruck von dem Vortrag und dessen Inhalte hervorragend wiedergibt: Macht das Internet dumm? Dorothee Bär antwortet Prof. Manfred Spitzer

„Das Gefährliche an Theorien wie dieser ist, dass sie nicht nur unendlich undifferenziert sind, sondern auch noch verletzend, geradezu zynisch wirken und vor allem Eltern und Menschen mit Erziehungsverantwortung ein Gefühl der Machtlosigkeit und der Inkompetenz vermitteln – also ganz bewusst mit der Angst der Menschen spielen und diese bis zum Äußersten schüren.“

Wie immer macht die Dosis das Gift. Aber mit Argumenten zum Thema Medienkompetenz muss man Spitzer nicht kommen. Das ist alles Unsinn. Kann er ja gerne denken. Ich sehe das – wenig überraschend – völlig anders. Ich bin dafür Kindern einen sinnvollen und maßvollen Umgang mit den Themen Fernsehen, Spiele, Computer, Internet etc. beizubringen. Sie zu begleiten. Mich selbst damit zu beschäftigen, darüber zu sprechen, mich auszutauschen und natürlich auch Grenzen zu setzen.

Einen schönen (maßvollen) Text gibt es z.B. im Blog von Alexander Matzkeit: „Reduktion statt Abschaffung: Fünf Schritte zur entspannteren Mediennutzung

Was mir abschließend dazu einfällt: Ein anderer der Referenten, Herr Renz-Polster, seines Zeichens angenehm undogmatisch, hat in einem anderen Kontext gesagt: Auf die wesentlichen Erziehungsfragen gibt es keine finalen Antworten. Wenn sie reich werden wollen, schreiben sie einen Ratgeber, in dem sie einen 100% wahren und umzusetzenden Weg formulieren. Zum Beispiel zum Thema Kleinkindschlaf. Verzweifelte Eltern werden ihn kaufen.

Das ist, was meiner Auffassung nach Spitzer getan hat: nur eben zum Thema Internet & Co. Seinen Thesen ist schließlich einfach zu folgen. Kinder und Jugendliche raus aus dem Netz und gut ist. Keine Unruhe mehr, keine Verhaltensauffälligkeiten, keine schlechten Noten und keine Verdummung. So einfach ist das.

Wie schön, ich lese gerade bei mir im Blog, dass ich mich 2012 bereits über Spitzer aufgeregt habe. Wahrscheinlich hat er doch recht und ich bin digital dement.