Gebrauchsanweisung für eine wohlriechende Wohnung

Früher hatte ich das Problem mich leicht aufzuregen. Seit schätzungsweise fünf Jahren gehe ich nur zu einem sehr begrenzten Themenspektrum in die Luft. In einer Aufregensskala von 10 (fieses Herzklopfen, Kehle zusammenschnüren, rumschreien, heulen) bis 0 (Blutdruck bleibt bei 70/100), schaffe ich es bei ernsten Sachen gerade mal auf eine gute 7 und das auch nur in Ausnahmefällen. Meine Schwester sagte mal, ich sei so eine Trantasche, dass man neben mir einschläft meine Aura sei irgendwie total beruhigend.
Ich habe mir wegen meiner Unfähigkeit mich wirklich aufregen zu können bereits Sorgen gemacht. Man sieht schließlich überall, wie sich Menschen aufregen und fühlt sich so außen vor, wenn man nie mitmacht.
Gestern kam die Erlösung. Mein erster Wutanfall seit unendlicher Zeit. Das schlimme daran, ausgelöst durch eigene Unachtsamkeit. So was kann ich gar nicht leiden! Ich will andere, die verantwortlich sind, damit ich die anschreien kann!
Folgendes Missgeschick ereignete sich: Beim Griff nach meiner Haarbürste, riss ich mein vor zwei Wochen erstandenes, unfassbar teures, noch sehr volles Parfum auf den Boden. Das passiert mir regelmäßig mit den Flakons. Nur ist noch nie eins zerbrochen. Nur dieses eine verf*****, überproportional teure Teil muss natürlich genau in der Mitte zerbrechen und sich in Millisekunden über den Badezimmerboden ergießen.
Ich halte das für ein Zeichen. Mein ganzes Leben habe ich sparsam, ja knauserig gelebt. Den einzigen Luxus, den ich mir seit ein Paar Jahren leiste, ist meine Putzfrau. Sonst gebe ich nie sinnlos Geld aus. Ich habe keinen Laptop, keinen Fernseher, kein Auto. Ich mache nie Urlaub im Hotel. Ich verreise nie spontan. Ich kaufe mir keine Markenklamotten. Um ehrlich zu sein, ich kaufe mir nicht mal Lederhandtaschen. Ich hardere mit mir um jeden Cent. Und einmal EINMAL gebe ich total sinnlos Geld aus (45 € für 25 Milliliter Eau de Toilette!!!) und dann fällt dieses Mistteil auf den Boden und zerspringt, mir zum Hohn, in zwei Teile.
Wie Rumpelstilzchen bin ich durch die Wohnung gelaufen. Hätte gerne jemanden gewürgt, irgendwas anderes zerstört und mir vor Wut die Haare gerauft. Mein Freund beobachtete das Schauspiel interessiert und gab mir zu bedenken, dass auch was schlimmeres hätte passieren können.
Ist klar! Die Glasampulle hätte auf das Waschbecken fallen können, ein Glassplitter hätte mir ins Auge springen können, ich hätte erblinden können, ich hätte außerdem auf dem Parfum ausrutschen können, mit dem Nacken gegen die Badewanne stützen können etc. pp.

Donnerstag, der 25., das war eben nicht mein Tag. Nach diesem Vorfall habe ich mir noch versehentlich zwei Strumpfhosen zerrissen, auf die Zunge gebissen, einen Absatz abgebrochen, meine Finger verbrannt und stand um 22.30 Uhr alleine vor dem Lehrter Bahnhof
und wunderte mich, wo denn jetzt das angekündigte Feuerwerk samt Lichtshow bleibt.

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15 Gedanken zu „Gebrauchsanweisung für eine wohlriechende Wohnung“

  1. Also ich habe mal ein nagelneues Jil-Sander-Sun-Flakon (als es das gerade neu gab) mit einer um die Hüften geschlagenen Bettdecke im Badezimmer einer (sehr entfernten) Bekannten heruntergerissen. Auch dieses zerbrach in 2 Teile. Die Besitzerin dürfte eine Schwester von Ihnen gewesen sein, nahm ich zunächst an, denn das war maximal eine 6 von 10 auf der Aufregskala. Als ich später dann ihre Wohnung verliess, hörte ich auf der untersten Stufe im Treppenhaus dann jedoch eine 10/10, wenn nicht sogar eine 11.

    Also wenn mir sowas passiert, bin ich sofort eine 13/10. Und wenn es keine Haftpflichtversicherungen gäbe und wenn ich nicht so viel Fantasie im Umgang mit diesen hätte, würde ich die 19/10 schaffen respektive der erste Mensch sein, dem vor Aufregung über seine eigene Dusseligkeit Blut aus den Augen läuft.

    Trotzdem Danke, habe mich wie immer köstlich amüsiert. :)

  2. Christoph, Dein Tipp macht mir ein klitzekleines bißchen angst. Eine gewisse Frau Ziege sagte neulich, ich habe das ideale Profil für einen Serienkiller. Ruhig, bedacht, leicht zwanghaft, alles SChritte immer präzise abarbeiten. Wenn ich jetzt anfange Dinge, die mir böses tun zu „bestrafen“ ähm ja … dann ich weiß nicht, ob das so gut ist.

  3. Du musst das alles in einen ganz grossen Kontext setzen. Vor ein paar Monaten schaffte ich es, innerhalb von 3 Wochen 4 Mal geblitzt zu werden. UND (!) ich war aktiv dabei nach Geschwindigkeit zu fahren, um nicht geblitzt zu werden. Dabei denke ich immer: ok, 135 Euro, 78 Euro, 50 Euro, was auch immer: Im Verhältnis zum Jahresverdienst ist das wenig. Sehr wenig. Ich weiß nicht wieviel Geld ich 1998 für Falschparken ausgeben musst. Also denk ich mir: SIEHSTE, is doch eh unwichtig! Wenn man dann mal einen Motorschaden selbst verursacht hat und in 1 Sekunde 2000 Euro vernichtet hat, ist das ja alles ein Klax. Nur einmal kurz aufregen, scheisse sagen und fettich. ABER meine Methode, wenn ich richtig sauer bin ist: Bestrafung. JAwohl. Wichtig ist, dass man Selbst Herr/Frau der Lage bleibt. Man selbst hat die Macht. Ok? In deiner Situation hätte ich das Kaputte Flakon genommen und einen Hammer. Eine Anrichte auf dem Küchenbrett mit Splitterfang gebaut und dann ganz ruhig und konzentriert mit einem einzigen Hammerschlag, das Ding bersten lassen. Simultan tritt sowas wie eine Erlösung ein, eine Genugtuung. Das kann man auch mit CD Rohlingen machen, die nicht richtig gebrannt sind und man deshalb den Zug verpasst hat, oder auch mal einen Tankdeckel abbrechen, weil der eingefroren ist.

  4. nuf,
    wenn dein blutdruck 70/100 wäre, würde ich mir ernsthaft sorgen um das weiterbestehen dieses blogs (und auch um deins) machen!!!

  5. da kannst du ja noch froh sein, denn manchmal gehen bei sowas auch fliesen kaputt.
    das ganze ist natürlich ärgerlich, aber so ein wohlriechendes bad ist doch auch ganz schön.
    sorry :-)

  6. du, dat find ick jetze echt dufte, wa.

    nicht aufregen, sowas passiert. heut ist eh ein richtig doofer tag. sind bei euch in berlin auch alle matschig im kopf. hier – alle. (drum fällt dieser kommentar auch etwas matschig aus)

  7. Meinen persönlichen Unglückstag der Woche habe ich, wie bei mir üblich, am Mittwoch genommen. Dieses Mal habe ich dann auch länger den zweifelhaften Genuss, eines ungeplanten Zwischenfalls:

    Hundeleinen reichen nicht…

    … wenn an der Leine ein Schäferhund zerrt und die alte Dame diese nicht festhalten kann. Ich war mit geringerem Tempo rangefahren, um diese nicht zu erschrecken.

    Weiterlesen

  8. Ob das am fortschreitenden Verfall der Synapsen im Alter liegt, dass man sich über immer weniger Sachen aufregt? Geht mir jedenfalls genauso.

    Hast du dich wirklich wegen der 45 Tacken aufgeregt oder eher weil die Putzfrau erst nächste Woche wieder da ist und du den Mist selber wegmachen musstest?

  9. ich hab mal eine volle flasche teebaumöl zerdeppert. nachdem ich das öl vom boden hatte, bin ich vier stunden lang geschwebt. und noch wochen später hat das haus dezent danach gestunken…

  10. Naja, wenigsten hat das Bad danach gut gerochen. Ich hatte mal das Parfum von meiner Mutter umgeworfen. „Dahmals“. ‚LouLou‘ oder so. Stank wie die Pest. Mir wird heute noch regelmäßig schlecht wenn ich es auch nur ansatzweise rieche.

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