Dieses Jahr waren wir ein bisschen spät dran den Garten aus dem Winterschlaf zu erwecken. Die Tulpen sprießen schon durch den Boden. Die Wühlmäuse waren gnädig. Sie haben nicht alle Zwiebeln weggesnackt.
Während ich die letzten Laubreste aus unserer Wiese reche, die eigentlich eine durchgängige Moosfläche ist, stelle ich fest, dass ich nach ein paar Jahren Blasen, Hornhaut und Schnitten endlich eine vernünftige Ausstattung habe: Arbeitshandschuhe und Gummistiefel. Auch meine Brille ist sehr hilfreich – einige Male stößt beim Sträucher ausreinigen ein Ast genau in die Gläser. Ohne sie wäre das bestimmt ordentlich ins Auge gegangen (höhö).
Mein Homeofficekörper ist diese Saison nicht mehr so schwächlich wie die Jahre davor. Das Krafttraining macht sich erstaunlich deutlich bemerkbar. Ich kann mehrere Stunden am Stück bücken, rechen, schneiden, zerren und wegschleppen, ohne dass ich am Abend denke mich nie wieder bewegen zu können.
Ich grabe einen ca. 3 Jahre alten Baum nahe der Hauswand aus, schneide fünf Meter Bambushecke, angle aus dem Goldfischteich die Gräser, die es die Monate zuvor hineingeweht hat. Die Fische sind noch nicht im Frühling angekommen. Das Wasser hat morgens eine dünne Eisschicht. Sie schwimmen nur Zeitlupe.
Im Laufe des Vormittags wird mir so warm, dass ich meinen Hoodie ausziehe und im T-Shirt weiterarbeite. Als ich auf das Thermometer schaue, sind es 11 Grad.
Ich liebe Gartenarbeit. Man sieht den Fortschritt der eigenen Bemühungen sofort und dann auch mittel- und langfristig. Im Frühling blühen die Tulpen, die Forsythien, die Erdbeeren und der Waldmeister. Später die Lilien, die Pfingstrosen und schließlich Malven, Hortensien und Dahlien. Den Bambus schneide ich handbreit ab. Im Sommer sind die Halme deutlich größer als ich und wiegen sich im Wind.
Den „No Mow May“ machen wir jedes Jahr mit. Meistens auch den Juni, Juli und August. Wir mähen erratisch. In der Liebermann Villa gibt es eine Wiese mit bunten Lein, die fand ich so schön, dass ich jedes Jahr wieder versuche bunten Lein zu sähen. Der Boden mag ihn nicht oder die Vögel mögen ihn besonders – genau weiß ich es nicht. Es sind ingesamt 5 von ca. 250 Samen aufgegangen bislang.
Während ich mich also fröhlich durch die Erde wühle, Regenwürmer umsetze, große Spinnen und anderes Getrier bewundere, in die Sonne blinzle und die frische Luft einatme, frage ich mich: wie sind wir eigentlich hierher gekommen?
Wir Menschen können unser Wirtschaftssystem frei gestalten und wir haben uns irgendwann überlegt: Kapitalismus, geile Sache! Lass uns alle Lebensgrundlage teuer machen, lass uns sinnlose Jobs erfinden und die besonders gut bezahlen. Lass uns erlauben, dass sich einzelne unanständig bereichern und anderen aufzwingen mehrere Jobs zu machen, um überhaupt leben zu können.
Lass die Erwerbsarbeit die Tage dominieren, so dass wir für unsere Partnerschaften, Kinder und Freundschaften kaum Zeit haben. Lass uns einen Bundeskanzler haben, der sogar findet, dass wir zu wenig erwerbsarbeiten, dass alle Menschen, die ihr Leben und ihre Mental Health in Teilzeit jonglieren, faul sind.
Wie traurig ist das eigentlich? Was hat uns bloß so ruiniert?
Wo fing das an, was ist passiert?
Was hat dich bloß so ruiniert?
Wo fing das an, was ist passiert?
Was hat dich bloß so ruiniert?
Die Sterne singen sich durch meine Gedanken. Sie stellen die richtigen Fragen und ich würde lieber in einer Star Trek Welt leben und verstehe nicht, warum wir es nicht tun.
Aber heute verzage ich nicht, denn die Gartenarbeit tut mir so gut, dass ich an Rutger Bregman denke, der in Utopien für Realisten geschrieben hat: »Uns fällt es noch schwer, uns eine zukünftige Gesellschaft vorzustellen, in der die Erwerbsarbeit nicht der einzige Sinn und Zweck des Daseins sein wird. Aber diese Unfähigkeit, sich eine Welt auszumalen, in der die Dinge anders sein werden als in der Gegenwart, beweist nicht, dass der Wandel unmöglich ist, sondern ist lediglich ein Beleg für einen Mangel an Phantasie.«
