Mental Load

von Lars Ruppel

Da ist dieser Wunsch, einfach liegen zu bleiben
„Bitte nicht stören!“ auf ein Pappschild zu schreiben
Da ist diese Leere am Ende der Kraft
Weil man das, was nicht zu schaffen war, einfach nicht schafft

Da ist das Gefühl, dass man fällt ohne Halt
Bis man schliesslich auf den Boden der Tatsachen prallt
Da ist diese unsichtbare, alltägliche Last
Die größer wird, bis sie nicht mehr in die Herzkammern passt

Da ist ein Hamsterrad, in dem man ins Stolpern gerät
Da ist ein Brand der aus einem Burn-Out entsteht
Da ist all das, was hinter dem Vorhang geschieht
Die Arbeit, die niemand im Publikum sieht

Da ist keine Verbeugung, da ist kein Applaus
Das nimmt man so hin, da geht man von aus
Da ist das Gefühl alles alleine zu tragen
Da ist kein Bock, wegen allem um Hilfe zu fragen

Da ist Mitdenken-müssen und Abgeben wollen
Da ist ein „Man hätte ja doch einfach fragen sollen“
Aber da ist doch ein gemeinsames Leben
Da ist doch ein harmonisches Geben und Nehmen

Da geht’s doch um Gerechtigkeit, oder geht’s darum nicht?  
Da herrscht jedoch ein unfaires Ungleichgewicht
Das ist kein Gesetz, das muss nicht so sein
Und vor allem musst du wissen, du bist nicht allein

Mental Load tragen so viele da draussen
Sie sind genauso erschöpft und so tapfer nach aussen
Drum lasst uns gemeinsam diese Angst überwinden
Routinen verändern, Lösungswege finden

Wir geben was von dem ab, was so unendlich schwer ist
Denn wer wieviel trägt, ist eine Frage der Fairness


Lars Ruppel hat nicht zufällig ein Gedicht über Mental Load verfasst. Es ist eine Auftragsarbeit. Ich erwähne das deswegen, weil ich Lars am Equal Care Day kennengelernt habe und er dort die Veranstaltung begleitet hat und am Ende des Tages zusammengefasst hat. Das war so beeindruckend, unfassbar gut und emotional, dass ich finde, dass viel mehr Veranstalter*innen Lars Ruppel buchen sollten. Poetic Recording nennt man das.

Raus aus der Mental Load-Falle

Am 24. Juni erscheint mein neues Buch „Raus aus der Mental Load-Falle: Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt“ (Amazon-Werbelink, ihr kauft natürlich lokal).

Im Mai 2017 habe ich das Kapitel „You should’ve asked„[1] aus dem Comic „Mental Load“ gelesen und hatte das Gefühl endlich zu verstehen, warum ich v.a. die Jahre, in denen meine Kinder klein waren, permanent so an meinem Auslastungslimit war. Ich fühlte mich damals regelrecht gescheitert, denn ich hatte einen großartigen Arbeitgeber mit flexiblen Konzepten für Eltern, die Kinder waren in einer wunderbaren Kita betreut, der Ehemann hat im Haushalt geholfen und es gab sogar einen Papa-Tag pro Woche. Warum habe ich es trotzdem nicht geschafft die entspannte, fröhliche Mutter zu sein, die ich immer sein wollte?

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Wie haben das die Mütter damals eigentlich geschafft?

Symbolbild: Stell dich nicht so an, noch ist das Boot nicht komplett untergegangen

Vor einigen Wochen stand ich das erste mal in 16 Jahren Internet mit in einem Shitstorm. Ich hatte mich an #CoronaElternrechnenab beteiligt. Eine Aktion, die exemplarisch quantifizieren soll, was Elternarbeit (die statistisch gesehen zum überwiegenden Teil Mütterarbeit ist) in Euro [1] wert ist und so darauf hinweisen wollte, dass endlich auch Familien in der Corona-Krise gesehen und entlastet werden.

Ich habe natürlich mit Empörung und Geschimpfe gerechnet. Ganz blöd bin ich nun auch nicht. Üblicherweise wird man auf Twitter von ein paar Eierköpfen [2] und dann von ein paar Männern angemeckert, was man für eine schlechte Mutter/Frau/Mensch ist – dann ist gut.

Diese Erwartungen wurden erfüllt.

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W3r Leet v3rst3h3n kann, mu55 5ich v0m G3nd3r5t3rnch3n n1ch7 fürch73n

Liebe „das-stört-den-Lesefluss“-Menschen,
bei normaler Intelligenzausbildung stört es den Lesefluss nicht, wenn man z.B. Lehrer*innen schreibt. Auch nicht wenn man Lehrer_innen oder LehrerInnen schreibt. Und ja, seit einiger Zeit lassen sich sogar Computer nicht mehr von geschlechtergerechter Sprache verwirren, denn es gibt auch die Schreibweise Lehrerïnnen, die den Lesefluss nicht stört.

Wie dem auch sei. Diese „das-stört-den-Lesefluss“-Argumentation ist wirklich dermaßen armselig, ich kann sie nicht mehr hören. Gendern ist schon sehr, sehr anstrengend und warum etwas ändern, wenn es doch schon immer so war und jetzt plötzlich ihhh Anpassung?

Dieses Argument ist doch v.a. in Deutschland der größte Hohn überhaupt, denn wo ist der Socialmediashitstorm wenn es um die Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaft, die Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung oder schnöde um die Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänswitwe geht? Tapfer ertragen Jurist*innen und Verwaltungsangestellte diese Worte und setzen schweigend einen Stempel hinter die Straßenentwässerungsinvestitionskostenschuldendienstumlage.

Und was sollen erst die Einwohner*innen von Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch sagen? Wären alle Texte voll mit diesen Ausdrücken, ich würde es ja verstehen, wenn man davon spricht, dass der Lesefluss gestört wird.

Oder würde man statt „*“, „_“, „I“ und „ï“ ausschließlich „drblschnklbrrpffft“ nutzen… ich könnte das Gejammer nachvollziehen. Stellt euch mal vor, jemand möchte, dass ein Text schnell erfasst wird, der so aussieht und dann natürlich viel länger ist:

„Die Software wurde für Managerdrblschnklbrrpffft und Geschäftsführerdrblschnklbrrpffft von großen Unternehmen (>300 Mitarbeiterdrblschnklbrrpffft) entwickelt und ist besonders für Anfängerdrblschnklbrrpffft geeignet. Jederdrblschnklbrrpffft, derdrblschnklbrrpffft die Software zum ersten mal nutzt, wird positiv überrascht sein. Bei Problemen steht außerdem eine Hotline mit erfahrenen Technikerdrblschnklbrrpffft 24/7 bereit.“

Also ja okay „drblschnklbrrpffft“ stört zunächst tatsächlich ein bisschen den Lesefluss – aber Dank der Lernfähigkeit des Gehirns, würde selbst das nach einiger Zeit gelingen. Man muss es halt nur wollen. Es mangelt also ganz sicher nicht am können. Ich würde sogar behaupten, dass die selben Menschen, die es für nicht umsetzbar halten Mitarbeiter*innen zu schreiben oder in einem Text zu verstehen, Spaß daran haben Texte, die in Leet geschrieben sind, zu entschlüsseln. Da würden sie sich innerlich auf die Schulter klopfen und sagen: Oh, was bin ich schlau! Ich hab mich ein bisschen bemüht und dann hab ich den T3xt gl21ch verst4nden! 0hn3 Pr0bl3m3 s0g4r.

Hinderlich ist lediglich das ideologische Brett vor dem Kopf, wenn es um gendergerechte Sprache geht.

Zonenauflösung

All in one – kann man machen, getrennt ist aber besser…

Im sehr lesenswerten Buch „Unsichtbare Frauen“ (Amazon-Werbelink) von Caroline Criado-Perez bin ich über ein Konzept gestolpert, das mir wieder einmal mehr geholfen hat, bestimmte Dinge zu verstehen. Es geht darum, dass unsere Lebensbereiche räumlich in Zonen aufgeteilt sind und zwar in kommerzielle Zonen, Wohn- und Industriegebiete. Und das hat wiederum Auswirkungen auf die Wahrnehmung persönlicher Zonen je nach Geschlecht. Die persönlichen Zonen von Männern entsprechen den der zuvor beschriebenen Orte. In der einen Zone erwerbsarbeiten sie, in der anderen leben sie und haben Freizeit. Die Zonen sind gut voneinander getrennt: Arbeitswelt und Freizeitwelt überschneiden sich kaum. Auch die Wege sind einfach: sie verlassen ihren Privatbereich (meistens mit einem eigenen Auto[1]) und fahren an ihren Arbeitsplatz. Dort erwerbsarbeiten sie und dann kehren sie zu einer bestimmten Uhrzeit zurück in den Privatbereich und haben Freizeit.

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