Konzert zum Karfreitag

Als Kind und Jugendliche war ich viel in der Kirche. Ich war auch immer sehr stolz auf meine 1 in „Katholischer Religionslehre“. Wie es da sein kann, dass ich Ostern immer ein bisschen verpasst habe, weiß ich auch nicht. Jedes Jahr google ich „Was passierte zu Ostern“. Klar, grundsätzlich weiß ich das. Jesus wurde gekreuzigt und dann ist er wiederauferstanden. Aber wann, was genau. Keine Ahnung.
Ein schlimmer Frevel natürlich, weil die Wikipedia sagt, dass Ostern den Höhepunkt des Kirchenjahres darstellt.
Also war ich früher wohl nur performativ gläubig. Ich war also sowas wie die „feministischen“ Männer, die in Alltagssituationen nicht mal schaffen sichtbar mit den Augen zu rollen oder laut zu stöhnen, wenn ein Kollege misogynen Mist von sich gibt.

In dem Zusammenhang ist es ungleich passend, dass ich wie die Jungfrau zum Kinde zu einer Karte zu Brahms’ Requiem am Karfreitag in der Philharmonie kam.

Ich muss sagen, auch wenn ich in der Mittelschicht aufgewachsen bin, bin ich in meinem Elternhaus weitgehend bildungsfrei aufgewachsen. Meine Eltern haben nicht gelesen und sind komplett unmusikalisch. Ich wurde nie zu irgendeinem Kurs geschleppt und habe kein Instrument gelernt. Wir waren nie im Theater und schon gar nicht in klassischen Konzerten. Nicht mal im Radio lief Klassik.

Insofern habe ich noch nie ein klassisches Konzert besucht. Aber nicht weil ich nicht interessiert war, sondern einfach weil sich nie eine Gelegenheit ergeben hat.
Ich war deswegen sehr gespannt auf das Konzert und habe mir als Vorbereitung das Programmheft durchgelesen.

Oder sagen wir ehrlicherweise habe versucht das Programmheft durchzulesen. Denn geschafft habe ich es nicht, weil mein Brainrot-Gehirn alle drei Sätze dicht gemacht und mir Fahrstuhlmusik eingespielt hat. Jede Beschreibung, die ich lesen konnte, war sehr vorraussetzungsreich. „Seit Bachs h-moll-Messe und Beethovens Missa solemnis ist nichts geschrieben worden, was auf diesem Gebiete sich neben Brahms’ Deutsches Requiem zu stellen vermag“ – schreibt Eduard Hanslick über das Stück des Abends. Ja, schade. Ich kenne ja weder Bach noch Beethoven und so sind solche Sätze für mich so inhaltsreich wie „Seit Knorkbohren und Pumelparius ist nichts mehr komponiert worden, was sich mit Brahms’ Deutsches Requiem vergleichen kann“.
Auch bei „Obgleich die gesamte Disposition durchaus den traditionellen Requiem-Vertonungen folgt und durch die von Brahms vorgenommene Textauswahl bewusst
Analogien zu der lateinischen Vorlage hergestellt wurden, fügt sich das Werk nicht bruchlos in die Gattungsgeschichte ein“ verstehe ich nur Bahnhof. Egal, was ich lese, im Wesentlichen muss ich an meine Hackfleischbesprechungen denken.

Was mir letztendlich im Kopf blieb, war, dass Brahms wohl so viel Respekt vor Beethovens Vorarbeiten hatte, dass er erst 40 werden musste, bevor er sich an das Requiem wagte. Vermutlich hat es außerdem persönliche Trigger gebraucht um sich mit dem Thema Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Als schließlich kurz hintereinander seine Mutter und sein Mentor Robert Schumann starben, war er wohl so weit und hat Ein deutsches Requiem komponiert, das als groß dimensionierten Trauer- und Trostmusik beschrieben wird. Ich habs mir daher schwermütig und traurig vorgestellt und vorsichtshalber Taschentücher eingepackt. Empfunden habe ich es aber eher dynamisch und hoffnungsvoll.

Am Ende weiß ich aber gar nicht wie sehr mich die Musik erreicht hat. Ich war sehr damit beschäftigt mir die einzelnen Instrumente anzuschauen und zu rätseln, was was ist. Sehr beeindruckt hat mich z.B. ein Blasinstrument, das eigentlich so aussah als ob es in einer Bar in einer beliebigen Star Wars Serie gespielt werden könnte. (Einer meiner Begleiter hat geraten, dass es sich um ein Kontrafagott handelt und damit recht behalten.)
Ich habe außerdem die beiden Harfespieler angestarrt, um nicht deren Einsatz zu verpassen und war sehr aufgeregt, ob der Paukist seine seltenen Einsätze auch immer erwischt. Ein nervenaufreibender Job, denke ich. Man hat im Vergleich zu den Geiger*innen nicht viel zu tun, aber wenn man dran ist, dann ist man sichtbar und es würde stark auffallen, wenn man einen Fehler macht.
Es hat mich dann auch sehr beschäftigt, wie die einzelnen im Orchester vergütet werden. Geht es nach gespielter Zeit? Oder bekommt man als Doppel-Bass-Flötist*in mehr, weil die Doppel-Bass-Flöte so selten benötigt wird, dass die, die sie spielen können ihr Expertenkönnen hoch bezahlt bekommen?
Was ist wenn man dringend Pipi muss? Was, wenn man krank wird? Gibt es bei den Musiker*innen so etwas wie eine Ersatzbank, wo die Zweitbesetzung sitzt und wartet, dass endlich mal jemand ausfällt? Wie viel Spucke sammelt sich während eines Konzerts in einer Tuba? Schüttet man die hinterher aus?
Warum war die Sopranistin Nikola Hillebrand so dünn? Ist es nicht besser dicker zu sein, weil man dann einen ordentlichen Resonanzkörper hat?
Wie ist die Work-Life-Balance wenn man im Orchester spielt oder im Chor singt? Haben Musiker*innen dann Musiker-Partner*innen? Wie geht das dann mit der Kinderbetreuung? Wenn man als Star-Sopranistin oder erste Geigerin so erfolgreich ist und im Rampenlicht steht, kommen die Männer dann klar damit? Können sie sich freuen oder fühlen sie sich als Key Accounter oder Monteur dann klein? Aus der Forschung weiß man ja, je mehr Geld die Frau verdient, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung.
Singen Chor-Sänger*innen zuhause auch gerne? Wie ist es als Kind einer Chor-Sänger*in aufzuwachsen? Bekommt man dann das wunderschöne Maria durch ein` Dornwald ging jeden Abend als Einschlaflied vorgesungen?
Ist der Dirigent wirklich so nötig? Wie würde das Ensemble ohne ihn klingen? Würde ich mit meinem ungeschulten Ohr einen Unterschied hören?
Sind diese Dirigierstöckchen aus der Mode gekommen (Christian Thielemann hatte keins)?
War dem zweiten Harfe-Spieler die Wahl des pompös goldenen Designs seiner Harfe im Nachhinein peinlich? Sie stach ja schon sehr aus dem sonstigen Bild der Instrumente heraus…

Wie klar geworden sein sollte, es fiel mir wirklich schwer mich auf die Musik zu konzentrieren, denn niemand beantwortete mir meine Fragen. Nicht mal in den Hustpausen zwischen den Sätzen.
Für mich klang das Konzert makellos, was mich zur der Frage führte: Hätte ich einfach eine bearbeitete Aufnahme gehört, hätte ich einen Unterschied zum Livekonzert heraus hören können?

Den Rest des Abends gab es jedenfalls genug Gesprächsstoff und ich habe zwei Bier getrunken und zwei Zigaretten geraucht und war bis nach 24 Uhr unterwegs. Auf dem letzten Stück nach Hause fuhr ich die sogenannte Partytram und hab mich so wie ein junger Mensch gefühlt.
Oder vielleicht eher, wie ich als junger Mensch immer gedacht habe, dass man sich fühlen müsste, wenn man jung ist: glücklich und frei.

Ein sehr schönes Gefühl und irgendwie schließt sich da der Bogen. „Furchtsame Konfrontation mit der Vergänglichkeit“ schreibt der Tagesspiegel über eine Chorpassage. Das ist ja nicht nur das Oster-Motto sondern auch meins seit Jahren. In regelmäßigen Abständen ereilt mich nämlich eine Midlife-Crisis.

Ich denke wehmütig zurück an meine Zwanziger und frage mich: was hab ich da verpasst? Vor welchen Weggablungen stand ich und wo stünde ich, wenn ich die andere Richtung gegangen wäre? Was hätte ich mich trauen sollen? Welche Fragen hätte ich stellen müssen? Was hätte ich seinlassen sollen?

Man weiß es nicht.

„Denn alles Fleisch, es ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret
und die Blume abgefallen“

In diesem Sinne verbringe ich den folgenden Tag als leicht verwelkte Blume.

Der Teutoburger Wald

Der Teutoburger Wald ist eigentlich wie der Brandenburger Wald nur ein bisschen hügeliger. Zusätzlich gibt es eine markante Sandstein-Felsformation zu bewundern. Wie alle in einer Landschaft unerwarteten Felsbrocken hat die der Teufel dahin geworfen. So behauptet es jedenfalls die Sage.
Als meine Kinder wissen wollten, was ich am Wochenende mache und ich ihnen mitteilte, dass ich im Teutoburger Wald wandern werde, sagte eines: „Grüß mir den Hermann“ und das andere hielt ein Kurzreferat über die Varusschlacht.
„Varusschlacht? Nie gehört.“
„Oha, Mama. Da wurde ein Achtel des Gesamtheeres des Römischen Reiches vernichtet, weil das Gebirge so unübersichtlich und voller Schluchten war und die Bäume dort so dicht standen, dass die Römer total lost waren.“
Ich staune dann immer nicht schlecht, was die aus dem Effeff so wissen. Meine Kinder beruhigen mich dann immer und sagen, dass die Schulbildung eine breite Allgemeinbildung bietet und ich mir keine Vorwürfe machen muss, wenn ich in meinem Alter bereits 90% der Inhalte bereits vergessen habe. Für mich komme es auf ganz andere Sachen an.

Das beruhigt mich dann und sie haben ja recht. Jetzt mit ü50 studiere ich z.B. den Wetterbericht, wenn ich irgendwo hin fahre und bin sehr stolz, dass ich für alle Wetterlagen gewappnet bin. Dieses Mal hat sich das auch wirklich bezahlt gemacht, denn die beiden Tage war wettermäßig alles dabei: Sonne, Nieselregen, Wind, Hagel und starker Regen. Aber rich wie ich bin, hatte ich sogar 2 Paar Wanderschuhe dabei, für jeden Tag Wollsocken, eine Regenjacke, einen Schal, eine Mütze und ein ausgeklügeltes System übereinandergeschichteter Klamotten.

Allgemeinbildung gleich Null, aber kalt war mir nicht!

Außerdem war ich sehr stolz auf mich. Denn ich war mega gechillt. Darin übe ich mich in letzter Zeit. Normalerweise würde ich so einen Kurztrip bis ins letzte Detail durchplanen. Gleichzeitig finde ich innerlich, dass bestimmte Dinge total sinnvoll sind und andere überhaupt nicht. Aber in den letzten Jahren musste ich feststellen, dass meine innere Logik gar nicht so etwas wie ein physikalisches Gesetz ist, sondern etwas dehnbares und andere Menschen andere Logiken in sich tragen. Das habe ich gelernt zu akzeptieren. Wenngleich ich innerlich noch sehr judgy bin und denke „Naja, wie ICH es machen würde, ist BESSER, aber hey chill!“.

Ich weiß nicht, ob ich es schon mal geschrieben habe (und meine Kinder würden vielleicht auch ungläubige Gesichter ziehen, wenn sie das hören), aber ich bin vor einigen Jahren dazu übergegangen auf viele Fragen, die mir das Leben (oder andere Menschen stellen) nicht sofort zu sagen „WAAAAS? Auf gar keinen Fall!“ sondern „Warum eigentlich nicht?“

Tatsächlich hat das mein Leben sehr verbessert. Viele schöne Erfahrungen hätte ich nicht gemacht, wenn ich nicht mehr „Ja“ sagen würde als früher.
So habe ich z.B. „Ja“ zu einem Hotel gesagt, das nicht direkt an der Wanderroute sondern im nächsten Dorf war. Unlogisch, weil man da ständig Bus fahren muss und der Bus nur einmal in der Stunde fährt. Schön, weil es da Frühstück gab und das beste Bett seit Jahren. Toll auch, weil ich festgestellt habe, dass es in dieser Gegend überproportional viele Busfahrerinnen gibt und interessant, weil ich sonst beim Wandern nie das Denkmal von Dr. Trampel gesehen hätte.

Es war ein tolles Wochenende mit wunderbaren Gesprächen, viel Wetter und ohne Muskelkater. Auch hier macht sich der regelmäßige Kraftsport bemerkbar. Die Beine und Knie taten trotz der täglichen 20.000 Schritte nicht weh.

Übrigens auch sehr lustig: Selbst in meinen Träumen bin ich jetzt kräftiger. Wenn ich irgendwo abrutsche kann ich mich hochziehen. Ich kann mich an Klippen halten und gerate auch in steilem Gelände nicht außer Atem.

Teutoburger Wald Ultra werde ich aber nicht werden. Mein Herz habe ich der sächsischen Schweiz geschenkt.

Was die Sterne wissen wollen

Dieses Jahr waren wir ein bisschen spät dran den Garten aus dem Winterschlaf zu erwecken. Die Tulpen sprießen schon durch den Boden. Die Wühlmäuse waren gnädig. Sie haben nicht alle Zwiebeln weggesnackt.

Während ich die letzten Laubreste aus unserer Wiese reche, die eigentlich eine durchgängige Moosfläche ist, stelle ich fest, dass ich nach ein paar Jahren Blasen, Hornhaut und Schnitten endlich eine vernünftige Ausstattung habe: Arbeitshandschuhe und Gummistiefel. Auch meine Brille ist sehr hilfreich – einige Male stößt beim Sträucher ausreinigen ein Ast genau in die Gläser. Ohne sie wäre das bestimmt ordentlich ins Auge gegangen (höhö).

Mein Homeofficekörper ist diese Saison nicht mehr so schwächlich wie die Jahre davor. Das Krafttraining macht sich erstaunlich deutlich bemerkbar. Ich kann mehrere Stunden am Stück bücken, rechen, schneiden, zerren und wegschleppen, ohne dass ich am Abend denke mich nie wieder bewegen zu können.

Ich grabe einen ca. 3 Jahre alten Baum nahe der Hauswand aus, schneide fünf Meter Bambushecke, angle aus dem Goldfischteich die Gräser, die es die Monate zuvor hineingeweht hat. Die Fische sind noch nicht im Frühling angekommen. Das Wasser hat morgens eine dünne Eisschicht. Sie schwimmen nur Zeitlupe.

Im Laufe des Vormittags wird mir so warm, dass ich meinen Hoodie ausziehe und im T-Shirt weiterarbeite. Als ich auf das Thermometer schaue, sind es 11 Grad.

Ich liebe Gartenarbeit. Man sieht den Fortschritt der eigenen Bemühungen sofort und dann auch mittel- und langfristig. Im Frühling blühen die Tulpen, die Forsythien, die Erdbeeren und der Waldmeister. Später die Lilien, die Pfingstrosen und schließlich Malven, Hortensien und Dahlien. Den Bambus schneide ich handbreit ab. Im Sommer sind die Halme deutlich größer als ich und wiegen sich im Wind.

Den „No Mow May“ machen wir jedes Jahr mit. Meistens auch den Juni, Juli und August. Wir mähen erratisch. In der Liebermann Villa gibt es eine Wiese mit bunten Lein, die fand ich so schön, dass ich jedes Jahr wieder versuche bunten Lein zu sähen. Der Boden mag ihn nicht oder die Vögel mögen ihn besonders – genau weiß ich es nicht. Es sind ingesamt 5 von ca. 250 Samen aufgegangen bislang.

Während ich mich also fröhlich durch die Erde wühle, Regenwürmer umsetze, große Spinnen und anderes Getrier bewundere, in die Sonne blinzle und die frische Luft einatme, frage ich mich: wie sind wir eigentlich hierher gekommen?
Wir Menschen können unser Wirtschaftssystem frei gestalten und wir haben uns irgendwann überlegt: Kapitalismus, geile Sache! Lass uns alle Lebensgrundlage teuer machen, lass uns sinnlose Jobs erfinden und die besonders gut bezahlen. Lass uns erlauben, dass sich einzelne unanständig bereichern und anderen aufzwingen mehrere Jobs zu machen, um überhaupt leben zu können.
Lass die Erwerbsarbeit die Tage dominieren, so dass wir für unsere Partnerschaften, Kinder und Freundschaften kaum Zeit haben. Lass uns einen Bundeskanzler haben, der sogar findet, dass wir zu wenig erwerbsarbeiten, dass alle Menschen, die ihr Leben und ihre Mental Health in Teilzeit jonglieren, faul sind.

Wie traurig ist das eigentlich? Was hat uns bloß so ruiniert?
Wo fing das an, was ist passiert?
Was hat dich bloß so ruiniert?
Wo fing das an, was ist passiert?
Was hat dich bloß so ruiniert?

Die Sterne singen sich durch meine Gedanken. Sie stellen die richtigen Fragen und ich würde lieber in einer Star Trek Welt leben und verstehe nicht, warum wir es nicht tun.
Aber heute verzage ich nicht, denn die Gartenarbeit tut mir so gut, dass ich an Rutger Bregman denke, der in Utopien für Realisten geschrieben hat: »Uns fällt es noch schwer, uns eine zukünftige Gesellschaft vorzustellen, in der die Erwerbsarbeit nicht der einzige Sinn und Zweck des Daseins sein wird. Aber diese Unfähigkeit, sich eine Welt auszumalen, in der die Dinge anders sein werden als in der Gegenwart, beweist nicht, dass der Wandel unmöglich ist, sondern ist lediglich ein Beleg für einen Mangel an Phantasie.«

Eine normale Woche

Den ganzen Februar habe ich vor mich hin geschwächelt. Diese Woche war ich endlich wieder 4 x im Gym. Allerdings nicht zu den gewohnten Zeiten. Normalerweise gehe ich immer vor der Erwerbsarbeit. Zum einen ist es da viel leerer und zum anderen merke ich, dass ich das für meine seelische Gesundheit brauche. Andernfalls sitze ich nämlich oft von 7.30 Uhr bis 17/18 Uhr am Rechner, mache nicht richtig Mittagspause und dann ist der Tag vorbei, ich total kaputt und der ganze Tag gehört der Erwerbsarbeit.
Wenn ich dann wenigstens vorher beim Sport war, dann gehört zumindest ein kleiner Teil des Tages nur mir.

Leider besucht mich in regelmäßigen Abständen die Perimenopausenfee und weckt mich um 3 Uhr nachts: „Hallo, es gibt keinen Grund, aber zauberzauber, jetzt bist du WACH!“
Schönen Dank auch. Meistens bin ich bis halb fünf/fünf schlaflos und dann um 6 Uhr wieder aufstehen, um ins Gym zu gehen… das schaffe ich nicht immer.
Zumal irgendwann werde ich zu diesem Insta-Gag, bei dem man sieht wie eine Person mit Hanteln trainiert und sich dabei mit einer zweiten Person unterhält:
– Wann gehst du ins Bett?
– Leider meistens viel zu spät.
– Und wann stehst du auf?
– Meistens um 4.40 Uhr, um hierher zu kommen.
– Wow, wird man davon nicht verrückt?
– Nein, überhaupt nicht.
Beim letzten Satz steht die Person alleine da und es stellt sich raus, dass sie auch schon die ganze Zeit alleine war und der Gesprächspartner nur imaginiert war.

(Was gibt es besseres als Kurzvideos, die v.a. durch ihre Bildsprache wirken, nachzuerzählen???)

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Wie können wir die Männer motivieren?

Welches Törtchen dürfen wir als Feministinnen dem gleichberechtigungsunmotivierten Mann heute anbieten? Darfs a bisserl mehr sein? Sahne vielleicht noch?

Während überall noch nachgedacht wird, wie wir dem unwilligen Mann die richtigen Argumente darbieten können, um sich an einer gerechteren Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit zu beteiligen, denke ich: Wer nicht will, der hat schon. Ok. Danke. Ciao.

Eine sehr gängige Frage in Interviews lautet: „Wie können wir denn die Männer motivieren, damit sie sich mehr in die Sorgearbeit einbringen?“
Ich hab schon für Raus aus der Mental Load-Falle Argumente zusammengetragen und auch in Musterbruch nochmal neue Fakten zusammengestellt.

In der Zwischenzeit bin ich es leid diese Argumente aufzuzählen. Sie überzeugen sowieso keinen Mann, der nicht von selbst motiviert ist.

Im Väterreport 2023 werden Vätertypen zusammengetragen.
29% aller Väter sind „überzeugte Rollenbewahrer“. Die haben exakt Null Interesse daran, dass sich an der Verteilung von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit etwas ändert.
19% sind „etablierte Konventionelle“. Auch sie sind „vergleichsweise wenig in die Betreuung ihrer Kinder involviert. […] Die meisten haben keine Elternzeit genommen und dies wäre auch nicht infrage gekommen.“
(Persönlich finde ich ja, das klingt exakt wie die „überzeugten Rollenbewahrer“?)

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Schreibübungen


Im Juli starte ich ein größeres Schreibprojekt und weil ich komplett aus der Übung bin, hatte ich mir vorgenommen, ab Mai wieder zu bloggen. Mein Kollege sagte, ich soll einfach sofort loslegen. Es sei eigentlich ziemlich egal, was man schreibt.
„Keine Zeit, keine Zeit!“, dachte ich – aber vielleicht ist das schon das erste Thema. Zeit haben oder eben nicht haben. Wo geht meine Zeit hin? Immerhin habe ich keine kleinen Kinder mehr und die Carearbeit hält sich doch arg in Grenzen. Ein bisschen kochen, ein bisschen einkaufen, sehr viel Wäsche waschen, gelegentlich putzen. Alles in allem ist es aber ein Bruchteil von dem, was früher zu leisten war, denn in der Zwischenzeit machen in der Familie alle alles. Wir haben einen Putzplan, alle hängen Wäsche auf und ab, gebügelt wird sowieso nicht.
Wo geht also meine Zeit hin? Definitiv in die Erwerbsarbeit. Auf meinem Sterbebett, werde ich 100% nicht bereuen zu wenig erwerbsgearbeitet zu haben.
Sehr viel Platz nimmt in den letzten Monaten auch das Thema Instandhaltung ein.
Ich werde älter und plötzlich gibt es Probleme, wo es vorher keine gab. Die Zahnärztin entdeckt Zahntaschen und zack vervielfacht sich die Zahnhygiene. Ich nutze Interdentalbürstchen, Zahnseide, eine elektrische Zahnbürste mit App und dann bürste dann nochmal von Hand nach.
Wasser und Seife reicht der Haut jetzt leider auch nicht mehr. Basierend auf meinem ungesunden Instagram-Konsum habe ich mir ein beachtliches Sammelsurium an Seren und Cremes gekauft. Gesichtsyoga und Gua Sha Massage sind natürlich ein Muss.
Der Körper schmerzt außerdem hier und da und überall die Zipperlein. Also gehe ich nicht nur zum fröhlichen Zirkeltraining, das die Krankenkasse als Präventionskurs bezuschusst, sondern auch drei Mal die Woche zum Kraftsport, tracke alles mit einer App und schaue mir abends Videos an, wie man sich vorher dehnt, wie man die Übungen richtig macht und wie man wirklich Kraft aufbaut. Jeder Gym-Gang beansprucht mit Fahrtzeit mindestens 2,5 Stunden. Dann noch regelmäßig Sauna (soll ja auch beim Muskelaufbauen helfen und dem Kreislauf und Immunsystem sowieso) und bitte auch nach dem Essen spazieren.
Ich lese seit vorletztem Jahr wieder viel. Drei Bücher pro Monat minimum.
Meine Seriensucht braucht natürlich auch Zeit. Heated Rivalry, The Pitt, Paradise, Starfleet Academy, The Knight of The Seven Kingdoms, Unfamiliar, Homeland Rewatch… mehr habe ich letzten Monat nicht geschafft.
Ich suche mir auch wöchentlich wechselnde Rabbitholes – wobei das für Heated Rivalry begleitet mich jetzt schon sechs Wochen, wohingegen das Bad Bunny Rabbit Hole schon nach wenigen Tagen erschöpft war. Ich liebe einfach die Kreativität anderer Leute so sehr. Was da gebastelt, gefilzt, nachgefilmt und ge-memt wird, es ist wunderbar und löscht gleichzeitig all meine Kreativität. Jeder Witz, der mir einfällt, ist schon gemacht – nur besser, aufwändiger und schneller. Was waren das damals für Zeiten als noch so wenig los im Internet war, dass man das Gefühl hatte die Erste und Einzige und Witzigste zu sein (Stichwort Hackfleischbresprechungen und Trotzyoga).
Ansonsten google ich sehr viel und lerne dann, wo früher das Ergebnis „schwanger“ oder „Krebs“ war, ist heute Perimenopause der Grund für alles. Morgendliche Fersenschmerzen beim Auftreten als ob man in Glasscherben läuft: Perimenopause. Geruchshalluzinationen (als ob jemand neben mir raucht): Perimenopause. Juckende Ohren: Perimenopause. Wortfindungsstörungen: Perimenopause.
Ganz toll auch: Schlafstörungen. Während mein ganzes Leben mein tiefer Schlaf meine Superpower war, wache ich jetzt fast jede Nacht um 3 auf und kann vor 5 kaum einschlafen.
Immerhin: ich hatte Angst, dass diese Phase so schlimm wird wie die Pubertät – glücklicherweise ist es das für mich nicht.
Jedenfalls Zeit zum Bloggen bleibt da keine.