Ich wurde entdeckt!

Im Februar 2025 bin ich eines nachts um 2 Uhr erwacht und hatte eine Romanidee. Auf der dachte ich eine ganze Weile drauf rum und als die Uhr 4 zeigte, entschied ich mich die Idee aufzuschreiben, um endlich wieder einschlafen zu können.

Als ich am nächsten Morgen in die Notizen schaute, hatte ich die Erwartung, dass das, was ich des Nächtens aufgeschrieben hatte, ungefähr so genial war, wie all die Ideen, die man sich bekifft in der festen Überzeugung aufschreibt, die Weltformel gefunden zu haben.

Doch ich wurde überrascht: auch beim erneuten Lesen fand ich die Idee gut.

Also ging ich über ein Jahr schwanger mit dem Gedanken an meinen Roman, bat um ein Sabbatical und schrieb den Roman. Ich hatte in der Zwischenzeit erfahren, dass anders als bei den Sachbüchern man nicht nur ein Exposé schreibt, dann einen Vertrag bekommt und man dann das Buch schreibt. Vielmehr schreibt man erstmal das Buch und muss sich dann bei Agenturen bewerben, die, sofern sie die Buchidee gut finden, einen unterstützen einen Vertrag zu bekommen.

Ich hab auch schnell gelernt, dass drei Spiegel-Bestseller und über 80.000 verkaufte Bücher kein Grund sind, sich schnell bei mir zu melden, wenn ich mich bewerbe.

Aufwändiger als bei jeder Jobbewerbung braucht es ein Exposé, eine Kurzvita, ein Anschreiben und eine Leseprobe. Manchmal muss man noch extra Formulare ausfüllen. Auf allen Websites von Agenturen steht in abgewandelten Formen »Bitte kontaktieren Sie uns nicht. Wenn wir uns in 8 Wochen nicht melden, können Sie das als Absage werten. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen nicht erläutern werden, warum Sie nicht in Frage kommen.«

Ok.

Ich habs mir einfacher vorgestellt und vielleicht wird mein Roman auch nie einen Verlag finden, aber was solls, ich hab Spaß beim Schreiben gehabt. Es ist übrigens kein literarisches Meisterwerk geworden, sondern schnöde Unterhaltungsliteratur. Aber ich brauche auch keine Preise, mir reicht ja, wenn ich meinen Roman eines Tages mehrere hunderttausend Male verkaufe. Ich bin bescheiden. Auf mein Visionboard 2027 hab ich geklebt, dass ich Urlaub an der Ostsee in einem sehr kleinen Ort machen werde und da liegt mein Roman auf einem kleinen Stapel gleich neben dem 5. Buch von Caroline Wahl.

Ich fahre dann keinen Sportwagen, aber vielleicht gönn‘ ich mir eine Bahncard 100 für meine anschließende Lesereise. Achtundvierzig Stationen wird sie haben, meine Lesereise. Da lohnt das.

Was ich eigentlich schreiben wollte: ich bin schon etwas deprimiert weder Agentur noch Vertrag zu haben. Mein Diva-Ego ist angekratzt und genau in dieser Verfassung erhielt ich nachfolgende Mail:

Dear Patricia Cammarata,

I recently came across your work, Raus aus der Mental Load-Falle: Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt, and was particularly drawn to its practical focus on creating a fairer distribution of responsibilities within family life. The topic of mental load is highly relatable, and the emphasis on shared responsibility and sustainable family organization gives the book an especially useful and timely perspective.

I’m Vicki Lame, an Executive Editor at St. Martin’s Publishing Group. I’d be interested in learning more about what you’re currently working on and whether you are presently represented by a literary agent.

If you are represented, I’d be happy to connect through your agent. If not, I can share more about our publishing process and explore whether there may be a fit for your work with us.

I’d be glad to hear what you’re currently developing and continue the conversation.

Warm regards,
Vicki

Ja und was soll ich sagen. Da war ich schon ein bisschen: Oha!
Ich hab natürlich erstmal den Verlag gegoogelt. St. Martin’s Publishing Group schien ein großer Verlag in New York zu sein. Die Website sah echt und seriös aus. Auch die Ansprechpartnerin gab es. Ich hab mich dann ein bisschen in der Recherche verloren, was sie alles so veröffentlicht hat und festgestellt, dass sie eine ganze Reihe Bücher rausgebracht hat, die auf Amazon mehr als 16.000 Rezensionen zu verzeichnen hatten. Not bad. Ich meine mal gelesen zu haben, dass das Verhältnis Rezension zu verkauftem Buch ca. 1 zu 100 ist.

Mich irritierte lediglich, dass die Ansprechpartnerin v.a. Romance und andere Liebesschmonzetten verlegt, aber warum sollte mich das stören? Mental Load passt da auch irgendwie rein. Nach jedem Happy End geht es im echten Leben schließlich weiter und da hilft so ein Ratgeber natürlich.

Wie die Lektorin auf (m)ein deutsches Buch aufmerksam geworden war? Das weiß der Fuchs! Aber auch hier wollte ich nicht so kritisch sein.

Also schrieb ich enthusiastisch zurück. Ein paar Fragen hatte ich auch, aber mir wurde alles freundlichst beantwortet und man freute sich riesig, dass ich just ein Manuskript für einen Roman fertiggestellt hatte. Ob ich da nicht mal ein Exposé schicken könnte und erst da sprang meine Paranoia an. In Zeiten von KI schick ich doch nicht meine Romanidee in die Welt an Menschen, die ich gar nicht kenne.

Also recherchierte ich nochmal genauer und very sad: fand Hinweise, dass es sich vielleicht doch eher um Scam als um meine unterwartete Entdeckung für den englischsprachigen Buchmarkt handelte.
Zur finalen Bestätigung schrieb ich die Lektorin nochmal auf der Email-Adresse an, die den Verlagsseiten zu entnehmen war. Am Ende ist es ja auch nicht schön, wenn der eigene Name missbraucht wird und dem Ruf des Verlags tut so ein Scam schließlich auch nicht gut.

Ich erhielt auch gleich eine Auto-Reply, deren Footer folgende Info enthielt:

*There is a scam targeting authors by using the names of editors, like myself and my colleagues. Please note: Macmillan never asks prospective authors for any form of payment as part of the acquisition process. *

Schade Marmelade.

Das Ganze läuft wohl darauf hinaus, dass man das Manuskript schickt und dann gesagt bekommt, dass die Idee grundsätzlich toll ist, man das Ganze aber nochmal für ein paar Tausend Dollar mit einem Lektor überarbeiten müsse, bis es reif für einen Buchvertrag sei.

Ich war aber neugierig und habe den Scammern nochmal geantwortet:

Dear Vicki,

Thank you for your kind and thoughtful response. I’m happy to share some more information about the novel.

The manuscript is currently being submitted to literary agencies, but I would certainly be interested in hearing your thoughts on the project and whether you feel it might be a fit for your list.

I’ve included a brief synopsis below. I’d be very happy to send the full manuscript or any additional material if the project is of interest.

I look forward to hearing your thoughts.

Kind regards,
Patricia

Dem Ganzen hängte ich ein KI generiertes Exposé meiner neusten Buchidee an.

THE PERFECT QUERY

A Psychological Thriller about Recognition, Desire and the Art of the Scam

Genre: Psychological Thriller / Literary Suspense

Pitch

Susann has built her career writing about the invisible burdens people carry — the mental load of family life, responsibility, and the exhausting need to keep everything under control.

Then an email arrives. A senior editor at a prestigious American publishing house has discovered Susann’s work. She praises her book in remarkably personal terms and says she is interested in what Susann is writing next. It is exactly the kind of message every author secretly dreams of receiving.

Susann is cautious. She checks the editor’s name. The publishing house is real. The job title is real. The professional profile exists. So she replies. What follows begins as a conventional publishing conversation and slowly becomes something else. The editor asks about Susann’s next project, her plans, her agent — and, little by little, about her life and ambitions. Her messages are warm, intelligent and uncannily perceptive. Susann feels seen. And that is precisely the point.

The Story

At first, nothing seems wrong.

The editor’s emails are polished and plausible. She knows Susann’s published work and refers to specific themes. She talks about the American market and suggests that Susann’s voice could resonate internationally. For someone who has spent years doing invisible work and fighting to make that work visible, the attention is intoxicating.

Susann begins checking her inbox more often. Then the editor makes a small, reasonable request. A normal part of an international publishing process, or so it seems. Susann hesitates.

The editor does not pressure her. Instead, she reassures her. She explains the process, answers every question and sends documents that look official. She is patient, professional and helpful. The more Susann doubts, the more convincing the woman becomes.

And then the requests escalate. What Susann initially believed was an opportunity begins to look like a carefully constructed trap. Yet by now, the most dangerous part of the scam is no longer the money, the documents or the supposed publishing deal. It is the relationship. Because the editor has discovered something much more valuable than Susann’s manuscript:

She has discovered what Susann longs to hear.

Etc pp. You get the idea.
Leider hab ich nie mehr von „Vicki“ gehört.

Sein Geheimnis

Teller mit einem Kloß, Sauerkraut und Schweinebraten

Als ich mit meinem Erstgeborenen vor ca. zehn Jahren in Franken war, wurde es von einem anderen Kind angesprochen, ob es wohl noch nicht so gut sprechen könnte, da es das R noch nicht so gut rollen würde. Seitdem lernt das Kind fränkisch und wird demnächst sein DFDFS* machen, das es mindestens mit C1 abschließen möchte.

Erste Kenntnisse konnte ich vermitteln (»Ich heiße Patricia. Haddes B und haddes D«), da ich elf Jahre meines Lebens vor Ort gelebt habe. Ich kann Fränkisch sehr gut verstehen, allerdings kann ich es leider nicht so gut sprechen. Meine Eltern hatten es mir damals nicht erlaubt und ich habe für jedes »fei« eine Schelle bekommen, so dass ich zu großen Teilen beim Hochdeutsch geblieben bin. Lediglich eine als-und-wie-Verwechselung konnte ich vollständig in meinen aktiven Sprachschatz integrieren. In Berlin kann ich auch jedem vormachen, dass ich fränkisch kann. In Franken bin ich schon beim »Grüß Gott« enttarnt**. Letztendlich konnte ich dem Kind bei seinen ambitionierten Zielen nicht weiterhelfen und es musste zur Vertiefung der Kenntnisse auf Fachliteratur zurückgreifen. Es hat dafür u.a. alle vier Asterix-Bände auf Oberfränkisch auswendig gelernt (mein Lieblingswerk ist »Asterix bei die Bieramiden«).

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Der Spaghetti-Puttanesca-Körper

Ich bin ehrlich. Als ich vor ca. 11 Monaten angefangen habe regelmäßig ins Gym zu gehen, hatte ich die leise Hoffnung ein bisschen abzunehmen. Gar nicht so sehr, um einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen – sondern eher, weil ich gehofft habe, wieder besser in meine Klamotten reinzupassen. Denn, ich hab mir diese Worte schon als Stickerei an die Wand gehängt: Wenn der Herr wollte, dass ich schlank bin, hätte er gemacht, dass ich scheiße koche.*

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Eichhörnchen und Schlüssel

Ich schreibe gerade an einem umfangreicheren Werk und weil es mein Midlifecrisis-Projekt ist, erlaube ich mir andere Luxuseskapaden, die mir dabei helfen könnten. Ich lasse mich zur Zeit z.B. virtuell von Harlan Coben coachen. Warum ich ausgerechnet Harlan Coben ausgewählt habe, weiß ich nicht genau, aber er ist richtig, richtig gut. Er sagt zum Beispiel »Only writing is writing« und meint damit, dass man für seine Geschichten nicht allzu viel recherchieren und sich auch keine elaborierten Pläne machen sollte, da man so dem eigentlichen Ziel – dem fertiggestellten Buch – nicht bzw. nur langsam näherkommt.

Zwei Wochen hat mir das sehr geholfen. Wann immer ich durch Gartenarbeit oder aufwändigem Kochen prokrastinieren wollte, sagt Harlan Cobens Stimme in meinem Kopf »Only writing is writing« und schon sitze ich am Rechner und tippe die nächsten zehn Seiten in das Textverarbeitungsprogramm.

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The Odyssey

Ich bin immer noch alleine im Wald. Aber weil ich sonst unter unerträglicher FOMO gelitten hätte, bin ich eine Stunde im strömenden Regen in die nächstgelegene Stadt gefahren, um The Odyssey OV in der Startwoche anschauen zu können. Wenn ihr nichts über den Film wissen wollt, müsst ihr jetzt aufhören zu lesen.

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Über Elefanten und Zecken

Ich liebe es ja alleine zu sein. Vor allem, wenn ich ein Projekt voran bringen möchte. Denn wenn ich eines gut kann, dann wie besessen an einer Sache, die mich begeistert, zu arbeiten. Ich stehe um 5 Uhr auf, werfe meine 120 dB laute Kaffeemühle an und bereite mir einen Flat White, esse drei Käsestullen und dann setze ich mich an meinen Rechner und tippe bis mein Körper vermeldet, dass ich dringend wieder etwas essen müsste. Meistens ist es dann 8 Uhr und ich nehme mein zweites Frühstück ein, um mich dann wieder in meine Arbeit zu vertiefen. Dabei bin ich oft genervt, denn ich kann nicht so schnell tippen wie ich denken kann. Glücklicherweise fällt mir dann irgendwann wieder ein, dass man heutzutage auch diktieren kann. Folglich diktiere ich meine Gedanken in mein Gerät, um dann festzustellen, dass ich zu viel atme und die Stimme an den seltsamsten Stellen im Satz nach unten geht und zack sieht mein Text aus wie Arno Schmidts Gelehrtenrepublik. Um 12 mache ich mir dann Mittagessen. Etwas leichtes, bekömmliches: z.B. Schweinebraten und Klöße. Das Problem ist nur, wenn man alleine ist, kann man ja nicht nur zwei Klöße kochen, also muss ich 12 Klöße essen. Sechs Stück zu Mittag und die anderen als Nachmittagssnack vor der Kuchenpause und die letzten drei zum Abendbrot.

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Mein dunkles Geheimnis

Gestern war ich Lebensmittel einkaufen und als ich mir so das Gemüseregal anschaute, wurde mir plötzlich klar: Es ist fast Mitte Juni! Und Juni bedeutet: es gibt bald keinen Rhabarber mehr und bald ist Johannistag und dann gibt es auch keinen Spargel mehr!
Katastrophe! Obwohl ich nämlich Spargel liebe, habe ich dieses Jahr erst zwei Mal Spargel gegessen.

Schlimmer als keinen Spargel essen können, ist für mich aber nicht bewusst abgespargelt zu haben. Die Vorstellung es ist einfach kein Spargel mehr verfügbar und ich habe verpasst mich psychisch darauf einzustellen: schrecklich.

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Sommer in Berlin

Mein Freund hat schon sehr großes Glück mit mir. Manchmal machen wir nämlich Dinge, die er sich wünscht. Zum Beispiel wenn in Berlin endlich der Sommer eingekehrt ist und die Abende lau sind, die Blätter noch grün und eine milde Brise weht. Wenn die ganze Stadt unterwegs ist, jede*r hat ein Wegbier in der Hand, alle sitzen in Straßen-Cafés und Parks. Die Sonne geht erst um 21.30 Uhr unter, die Linden blühen und verbreiten diesen leicht obszönen, süßlichen Geruch und die Schlangen vor den Eisläden gehen einmal um den Block.
An solchen Abenden, wenn das Leben pulsiert und es Zeit ist die Tischtennisschläger rauszuholen, an solchen Abenden spielen wir in der Küche Brettspiele.

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