Nichtstun

Wenn ich in einer Sache richtig schlecht bin, dann im Nichtstun. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal so genau was das ist. Am ersten Tag bei meinem Spaziergang habe ich gedacht: „Toll. Jetzt mache ich mal nichts.“ Ich hatte auch nichts dabei. Nur mich und meine Anziehsachen. Keine Tasche, kein Geld, nichts. Allein das fühlte sich komisch an. Ich war auch einfach los gegangen. Ohne was zusammenzusuchen, ohne Maiswaffeln, Wasser, Taschentücher, (bedauerlicherweise) Mückenspray, Pflaster, Desinfektionsmittel. Was ich halt so mitschleppe wenn ich mit den Kindern irgendwo hingehe. Ich hatte nicht mal ein Ziel.

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Das heilige Land

Viel echte Erde.

Ich weiß auch nicht. Es gibt diese Texte, die bewirken, dass ich wie ein Gaul auf die Hinterfüße gehe. Die SZ kann sich in dieser Sache für die Auswahl ihrer Kolumnistin Charlotte Roche stolz auf die Schulter schlagen. Alles richtig gemacht in Sachen Traffic aus Gefühlen (oder Clickbaiting wie man so schön sagt). Jeder der Texte hat mich bislang aufgeregt. Mal ein bißchen postiv, mal so brrr und mal mit langsamen Kopfschütteln, aber der „Verlasst die Städte!„-Text bringt meine zarten Gefühle in Wallungen.

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12 von 12 im Mai

Ich mag Instagram ja sehr gerne, weil man freiwillige Einblicke in das Leben anderer bekommt. Deswegen gefällt mir auch #12von12. Da sehe ich am jeweils 12. eines jeden Monats, was andere meiner Timeline so machen. Deren Alltag.

#1 Ich habe bis 8 Uhr geschlafen. ACHT UHR! Ich glaube, das letzte Mal war das 1995 kurz nach dem Abi oder so. Weil die Kinder nicht da sind, tue ich, was die Kinder niemals dürften: Noch vor dem Frühstück fernsehen. Finale bei „The Alienist„. Fällt unter „ganz nett – hätte aber weniger blutig sein können“. Die Serie endet mit dem Satz:“Wir stehen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Wer weiß, was alles noch kommen wird. Vielleicht sogar das Wahlrecht für Frauen.“

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Girls‘ Day, 25 Frauen und Scully

Gestern war Girls‘ Day. Bei meinem alten Arbeitgeber, einem IT-Dienstleister, habe ich einige Jahre selbst den Girls‘ Day organisiert.

Nicht nur, um den Nachwuchskräftemangel in den MINT-Berufen zu beseitigen, ist es wichtig Mädchen zu zeigen, welche Berufe es in diesem Bereich gibt. Persönlich fand ich es auch wichtig, das Thema Vereinbarkeit mit anzusprechen.  Als 15jähriges Mädchen ist es einem vermutlich ziemlich schnurz wie das so ist mit Familie und Arbeit – allerdings wird das Thema später irgendwann eine Rolle spielen und da war meine Hoffnung, dass sich die Mädchen erinnern und sich z.B. sagen: „Cool. Mama und Software-Entwicklerin sein, das ist eine gute Kombination.“

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Die degenrierte Akademikerin

Die Apokalypse ist da. Irgendwer hat mit einem Mega-EMP die komplette Stromversorgung der Erde lahmgelegt. Das Bankensystem ist zusammengebrochen. Die Städter fliehen aufs Land. Mad Max 5: Berlin burning.

An meiner Haustür klingelt ach ne klopft es. Ich öffne. Ein bis an die Zähne bewaffnetes Team muskelbepackter Männer und Frauen steht davor. Eine etwas schmächtigere trägt eine Nerdbrille, eine andere hat einen Handwerkergürtel um, der diverse Schraubendreher und Hammer hält.

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Schöne Kinderbücher

Gerne lasse ich mich ausführlich darüber aus wie schrecklich ich die meisten Kinderbuchserien finde. Allen voran Conni. Conni das Mädchen, das mich zu Tode langweilt. Conni, Conni, mit der Sch****e im Haar! Kind 3.0 liebte Conni. Ich musste alle Conni-Bücher immer und immer wieder vorlesen.

Ich hab mich immer damit aufgebaut, dass es der Kinderseele gut tut völlig vorhersehbare Geschichten in Dauerschleife vorgelesen zu bekommen. Sie lernen ja erst wie die Welt funktioniert. Wenn sie dann selbst Vorhersagen über die Zukunft, zumindest im Rahmen der Vorlesegeschichte machen können, wenn sie sich also einen stabilen Erwartungshorizont bilden können und dann wirklich eintritt, was sie vorausdenken, dann stabilisiert das das Selbstbewusstsein.

Wie glücklich und dankbar bin ich deswegen, wenn uns Kinderbücher in die Hände kommen, die nicht nur den Kindern beim Vorlesen Freude bereiten. (Eine zuverlässige Quelle für Inspirationen beim Kinderbuchkauf sind übrigens die Empfehlungen von Rike Drust. )

Erst kürzlich wurde uns „Das große Buch vom Räuber Grapsch“ (Amazon Werbelink) geschenkt und dazu muss ich jetzt unbedingt schreiben. Räuber Grapsch, das sind eigentlich mehrere Bücher, geschrieben von Gudrun Pausewang. Ein Kinderbuchklassiker, wie mir gesagt wurde. Offensichtlich einer, den ich komplett verpasst habe – auch als Kind.

Gudrun Pausewang war mir zumindest ein Begriff als Autorin. Von ihr stammt auch das Buch „Die Wolke„, das ich damals in der Schule gelesen habe und das mich sehr stark beeindruckt und emotional mitgenommen hat.

Zurück zum Räuber Grapsch. Als ich das Inhaltsverzeichnis gelesen habe, bin ich davon ausgegangen, dass mich eine Geschichte nach Art Räuber Hotzenplotz erwartet:

„Der Räuber Grapsch mit seinen zwei Metern Länge und dem struppigen Bart sieht wirklich zum Fürchten aus. Besonders klug ist er nicht, aber dafür sehr stark. Weder Fledermausdreck in der Suppe noch Eiszapfen in seiner Räuberhöhle können ihn aus der Ruhe bringen. Und wenn er Stiefel braucht, dann raubt er sie sogar dem Polizeihauptmann persönlich! Alle Leute haben vor ihm Angst, bis sich eines Tages Olli in seinen Wald verirrt – und sich keineswegs vor ihm fürchtet. Sie wird sogar seine Räuberfrau. Dazu muss er sich aber erst mal bei Ollis Tante vorstellen, was gar nicht gut läuft … Die witzig-skurrilen Geschichten über den furchtlosen Räuber, von Rolf Rettich mit viel Detailfreude illustriert, sind längst ein Klassiker geworden.“

Dass ich ein großartiges Buch über die Liebe, Freundschaft, Verlust und Tod in den Händen halte, das zudem noch sehr, sehr lustig ist, hätte ich nicht gedacht.

Wenn mich Bücher begeistern, dann möchte ich sie gerne anderen Familien schenken. Ich steuerte deswegen Amazon an und bin über eine Rezension gestolpert, die mich sehr amüsiert hat:

anfangs war ich etwas genervt von der heteronormativen darstellung der frau olli, die kaum in der höhle sämtliche hausarbeiten an sich reißt, aber nach und nach wird doch ein bild entworfen von einer sehr ausgewogenen beziehung zwischen den beiden. kein heiteiteibuch, sondern irgendwie erfrischend lebensnah.

Denn genau das trifft auch meine Empfindung. Ohne ein paar Jahre Twitterbeschallung, wäre mir der Begriff heteronormativ um Zusammenhang mit einem Räuberbuch vermutlich nicht in den Sinn gekommen, aber jetzt passt es einfach.

Denn das Räuberbuch dreht sich in großen Teilen um die Beziehung von Räuber Grapsch und einer sehr kleinen Frau namens Olli. Olli ist fasziniert vom großen, wilden und starken Räuber Grapsch. Oberflächlich gesehen erfüllt er alle Männlichkeitsklischees, die man sich denken kann.

Grapsch führt ein freies Räuberleben, jenseits gesellschaftlicher Strukturen und lebt in den Sümpfen in einer Höhle im Wald. Olli ist gefrustet von ihrem gutbürgerlichen Leben, in dem sie als Fabrikarbeiterin tagein tagaus Sparschweinchen bepinselt. Als sie durch Zufall den Räuber Grapsch kennenlernt, fühlt sie sich zu ihm hingezogen, denn er besitzt alles, was sie nicht hat: grenzenlose Freiheit.

Kaum sind die beiden ein Paar, zieht sie zu ihm in die Räuberhöhle und plötzlich muss aufgeräumt werden, die Fledermäuse stören und der Räuber soll bitteschön seinen Beruf an den Nagel hängen und rechtschaffen werden. Wie zu erwarten durchleben die beiden viele Konflikte. Doch was sie beide verbindet ist eine tiefe Liebe, die ihnen ermöglicht die schönsten Kompromisse auszuhandeln.

„Aber Fledermäuse und Sauberkeit, das verträgt sich nicht“, sagte [Olli] eigensinnig.

„Du bist hier nicht mehr bei deiner Etepetete-Tante“, rief [Räuber Grapsch]. „Du lebst jetzt in einer Räuberhöhle!“
„Und warum solles ncht auch saubere Räuberhöhlen geben?“, fragte sie. „Ich will jeenfalls keinen Fledermausdreck in meiner Suppe haben.“
„Dann iss du draußen“, brummte er. „Ich esse drin. Und die Fledermäuse bleiben in der Höhle.“
Es regnete. Olli konnte die Suppe nicht vor der Höhle löffeln. Trotzdem fiel ihr kein Dreck in den Teller, denn sie spannte ein Tuch unter den Fledermäusen aus, genau über dem Tisch. Da konnte nichts mehr fallen. Und sie versöhnten sich wieder

S 50/51

Oh, es klingt so kitschig und spießig, aber es hat mir wirklich das Herz erwärmt wie die beiden immer wieder erkennen, dass sie sich gegenseitig so lieben, weil sie sind, wie sie sind und dass sie versuchen aufeinander zuzugehen, so dass es beiden gut geht. Sie handeln ihre Beziehung aus und wachsen miteinander. Sie lernen ihre Beziehung zu pflegen und wertzuschätzen und überwinden so alle Hindernisse, die das Leben ihnen in den Weg stellt.

Ich mochte auch die Botschaft, dass es nie die EINE richtige Lösung gibt, sondern dass es immer viele Lösungen gibt, auf die man ohne das miteinander reden nie gekommen wäre.

Würde ich jetzt Kind 3.0 fragen, um was es bei Räuber Grapsch geht, würde mir das bestimmt nicht sagen: „Top Beziehungsratgeber!“. Es war einfach amüsiert und gespannt, was der Räuber so erlebt, ob ihn die Polizei schnappt und konnte einige Male einwenden, dass der Grapsch wohl gar nichts von ordentlicher Kindererziehung wisse.

Zugleich kann ich aber versichern, dass sowohl Kind 3.0 als auch ich mehrere Male laut gelacht haben beim Lesen.

[Olli und Grapsch brauchen eine Säge]
„Du, ich hab eine Säge!“
„Geraubt, was?“ sagte sie, ohne sich umzudrehen.
„Was sonst?“, fragte er gereizt. „Es ist sogar eine Motorsäge. Allerdings hängt ein Waldarbeiter dran. Er will die Säge nicht hergeben, was machen wir mit ihm?“
Olli warf einen Blick hinter sich. Tatsächlich zerrte ein finster dreinblickender Mann an der Säge, die Grapsch in den Fäusten hielt. „Ganz einfach“, sagte sie. „Zeig ihm die Bäume, die er fällen soll [und dann lass ihn wieder laufen.] Samt der Säge.

S. 158

Auch der Fäkalhumor kommt nicht zu kurz und selbst das Männlichkeitsklischee wird nach und nach aufgelöst. Denn der Räuber wird Vater und bekommt Gefühle:

Als Max Kartoffeln und Rührei auf Grapschs Teller häufte, winkte der Räuber traurig ab und wischte sich mit seinem Bart über die Augen.
„Du hast keinen Hunger?“, rief Max bestürzt. „Dann geht’s dir schlecht. Erzähle! Kratz dir’s von der Seele, Mann!“
Da geschah etwas Unglaubliches: Grapsch, der riesige, haarige Kerl fing an zu weinen. Er weinte so heftig, dass sein Bart troff und das Rührei vom Tisch geschwemmt wurde. Vor Rührung weinte Max mit.“

S. 207/208

Kind 3.0 hat lediglich kritisiert, dass Olli und Grapsch ständig Kinder bekommen, ohne dass ausführlich Sexszenen beschrieben werden. Das sei irritierend, man wird schließlich nicht einfach so schwanger.

Also langer Rede kurzer Sinn: Wer den Räuber Grapsch noch nicht kennt, der sollte ihn kennenlernen.