Christine Finke: Allein, alleiner, alleinerziehend

Vor einigen Tagen habe ich ein Rezensionsexemplar von Christine Finke’s „Allein, alleiner, alleinerziehend: Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt“ (Amazon Werbelink) erhalten und ein Bild davon auf instagram gepostet. Innerhalb weniger Minuten hatte ich zwei Kommentare darunter, die inhaltlich so etwas sagten wie: „Orrr, jetzt hat die auch noch ein Buch geschrieben. Die nervt mit ihrem Gejammer doch schon auf Twitter.“

Das hat mich wütend gemacht und ich hab nach einigem Hin- und Herüberlegen die Kommentare einfach gelöscht, statt darauf zu antworten.

Am Abend darauf habe ich das Buch gelesen. Nach den ersten 80 Seiten habe ich (weil es schon spät war) das Buch beiseite gelegt. Es ist ein ehrliches, sehr persönliches und informatives Buch, das sich zudem gut liest, weil Christine einfach gut schreibt. Das weiß man eigentlich schon, wenn man ihren Blog Mama arbeitet regelmäßig liest.

Und ja, es ist teilweise schmerzhaft zu lesen, was Christine erlebt hat und noch erlebt.

Ich habe mich an vielen Stellen stark identifizieren können. Ich versuche mich zu dem Thema in der Öffentlichkeit zurück zu halten und würde auch nicht sagen, dass ich zu den Alleinerziehenden gehöre, aber zumindest betreffen mich einige Themen auch seit meiner Trennung vor zwei Jahren.

Ich kenne zumindest die Erschöpfung, die man erreichen kann, wenn man die Hauptverantwortung für mehrere Kinder hat und nebenher arbeiten geht.

Ich kenne auch die Kommentare, die man sich anhören darf, wenn man sich trennt. Von „Hast du nicht an die Kinder gedacht“ bis hin zu „Eigentlich hattest du es doch gut, was willst du denn noch?“.

Einige meiner Freundinnen sind wirklich alleinerziehend und zwar im Sinne von: Sie haben die Kinder zu 100%, die Väter melden sich nicht mal zum Geburtstag. Und sie bekommen keinen Unterhalt. Wie sie den Alltag meistern, was sie auf sich nehmen (müssen), es lässt mich oft sprachlos zurück. Ich habe mir schon oft beim Zuhören gedacht, ich würde einfach zusammenbrechen.

Zurück zum Buch: All das schildert Christine und sie geht auch auf andere Modelle ein. Sie geht auf persönliche Umstände ein, nimmt die Perspektive der Kinder ein, schildert die wirtschaftliche Situation, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und zeigt, was politisch alles noch getan werden muss.

Das Buch ist eine gute (und in meinen Augen sehr mutige) Mischung aus persönlichen Erfahrungen und Sachinformationen.

Und plötzlich verstehe ich die Ablehnung der Kommentatorinnen auf instagram. Sie haben Angst. Sie haben Angst sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Weil wenn sie es täten, dann würden sie verstehen, dass wir alle verantwortlich sind, wie es Alleinerziehenden in Deutschland geht. Dann kann man sich nicht einfach zurücklehnen und sagen: „Alles fein, mir gehts gut. Was habt ihr denn?“

Also stößt man weg, was einen darauf aufmerksam macht, dass es in diesem Bereich noch große Probleme gibt. Nur leider ist das Realität und es gehört zur gesellschaftlichen und persönlichen Verantwortung sich mit all diesen Themen auseinanderzusetzen: Mit den Alleinerziehenden, mit der Kinderbetreuungssituation im Allgemeinen, mit Armut, mit den gesellschaftlichen Normen, mit der Diskriminierung von Alleinerziehenden bei der Arbeitssuche, am Arbeitsplatz selbst, mit all dem! Das ist natürlich schmerzhaft.

Deswegen ist es auch viel einfacher zu sagen: „Geh mir weg damit. Ich will davon nichts hören!“

Ich hingegen lege allen ans Herz das Buch zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen und sich die Frage zu stellen, an welcher Stelle man vielleicht helfen kann. Im Kleinen… vielleicht mal ein Kind mit von der Schule oder dem Kindergarten abholen, an Schließtagen ein Kind mitbetreuen, helfen die Sozialkontakte aufrecht zu erhalten, indem man fragt, ob man abends zu Besuch kommen kann (und was mitbringt), statt sich in Kneipen zu verabreden, doofe KollegInnensprüche („Typisch, jetzt ist da wieder das Kind krank!“ oder „Die macht doch auch ständig nur Homeoffice, oder?“) gegenkommentieren. Es gibt einiges, bei dem man helfen kann und v.a. einfach machen. Nicht fragen, ob man vielleicht helfen kann und die Alleinerziehenden in ständige Bittstellerposition bringen – sondern einfach machen.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

121 Gedanken zu „Christine Finke: Allein, alleiner, alleinerziehend“

  1. Danke für deinen Text.
    Ich war 7 Jahre alleinerziehend mit Nummer 1. Mit Nummer 2 und 3 bin ich es jetzt nicht mehr, aber ich habe immer noch wahnsinnige Angst davor, es wieder zu sein. Sosehr, dass ich das bestimmt sehr lesenswerte Buch nicht lesen werde.

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  2. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
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    Besonders dem Teil mit der Angst und dem daraus folgenden Augen-verschließen stimme ich zu.
    Das gleiche Prinzip sehe ich oft bei den Paaren bei dem die Frau alles berufliche aufgibt und für die nächsten 20 Jahre maximal Halbzeit arbeiten will.
    Offensichtlich wird der gesamte Care-Bereich in der öffentlichen Wahrnehmung ausgeblendet.

    Anderseits habe ich – familiengeschichtlich geprägt – ein großes Bedürfnis es im Notfall „alleine zu schaffen“. Und merke – mit kleinem Kind und gut laufender Beziehung, dass es einfach unfassbar hart ist wenn ich tatsächlich allein erziehend wäre.

    Trotzdem sollten sich meiner Meinung nach alle Menschen mit dieser Angst konfrontieren, denn bei mir kommt mit der Angst die Wut auf das System. Und damit sollte es ein leichtes sein im kleinen wie im großen sehr viel zu ändern.

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  3. Alleine den letzten Satz möchte ich an jede Wand sprühen: einfach machen! Ich habe diese Bittsteller-Position so satt, zumal bei 70% der Fragen eine Absage kommt, weil’s dann doch nicht so reinläuft. Wenn hier einfach mal jemand reinmarschieren würde mit ’nem Topf Suppe – ich würd auf die Knie gehen!

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  4. @dasNuf, danke für deinen Text, den ich sehr gern gelesen habe, und der mich noch neugieriger auf das Buch gemacht hat! Über einen Absatz bin ich allerdings gestolpert. Du schreibst: „Ich versuche mich zu dem Thema in der Öffentlichkeit zurück zu halten und würde auch nicht sagen, dass ich zu den Alleinerziehenden gehöre, aber zumindest betreffen mich einige Themen auch seit meiner Trennung vor zwei Jahren.“
    Ich kann das Unbehagen mit dem Begriff „Alleinerziehend“ gut nachvollziehen — zumal dann wenn da noch jemand ist der mit erzieht. Glaichzeitig schreibst du du hast die Hauptverantortung für deine Kinder, kannst dich identifizieren mit dem was Christine Finke schreibt… da kam bei mir gerade Bedauern darüber auf, dass du, wie du schreibst, versuchst dich zu dem Thema in der Öffentlichkeit zurückzuhalten (obwohl ich mir vorstelle dass du wichtiges beizutragen hättest, und ja in dieser Rezension auch sehr treffend beschreibst warum es wichtig ist das Unbehagen das bei dem Thema aufkommt zu überwinden). Kannst du näher erklären was dich da bewegt, dich gewisserweise von „den Alleinerziehenden“ (die ja in ganz unterschiedlichen Lebens- und Erziehungskonstellationen, auch mit dem anderen Elternteil, stecken) gewisserweise abzugrenzen, obwohl ich herauslese dass du — je nachdem wie man das definiert — auch alleinerziehend bist? (oder habe ich da etwas missverstanden?) Für mich ist dieses „Identifikationsproblem“ ein Thema, das mich schon länger beschäftigt, deswegen würde mich deine Antwort ehrlich interessieren :-)

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    1. Ich habe kein Identifikationsproblem, sondern in meinem direkten Umfeld Menschen, die nicht wünschen, dass ich darüber öffentlich berichte (weil sie es anders sehen).

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  5. Als mein Papa starb waren meine Mama und ich auf einmal auch ganz alleine.

    Ich habe diese Zeit in sehr schlechter Erinnerung.

    Auch deshalb bin ich sehr froh, dass meine beiden Kinder mit Mama und Papa aufwachsen (bisher zumindest; you never know…)

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  6. Hallo,
    ich habe mir auch das Buch bestellt, noch nicht gelesen…
    vielleicht wäre es gut, wenn Christine Finke ein Exemplar ihres Buches mit einem pfifiggen Anschreiben unserer Familienministerin zu kommen lassen würde, umauf eben uns Alleinerziehende ein wenig im Focus zu rücken.
    LG
    P.

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    1. Ich hatte die Familienministerin um ein Vorwort gebeten und ihr im Herbst das Manuskript gesandt – sie kennt das Buch also, zumindest hat sie reingelesen. Leider kam es nicht zu dem Vorwort, aber eine persönliche Referentin schrieb eine sehr höfliche und auch nette Absage. Kein Gram hier, trotzdem schade.

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  7. Ich habe das Buch gestern bestellt und ohne es gelesen zu haben möchte ich auch dir sagen, dass es genau solche Rezensionen (und vermutlich Bücher) sind, die einen Unterschied für uns Alleinerziehende machen. Es ist das Verständnis und die Bereitschaft zur aktiven Hilfe. Danke auch dir für die Worte, sie können einen starken Einfluss haben.

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  8. „Und plötzlich verstehe ich die Ablehnung der Kommentatorinnen auf instagram. Sie haben Angst. Sie haben Angst sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“

    Ja, das ist glaube ich ein uralter Reflex. Allein wenn man den Leuten erzählt wo ihr Essen herkommt, möchten sich die meisten am liebsten die Finger in die Ohren stecken und wegrennen. Auch bei Themen wie Altersarmut oder Pflegenotstand will man lieber nicht so genau Bescheid wissen und hofft nur ja nicht selbst in die Lage zu kommen.

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  9. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
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  10. Genau aus diesem Grund – um zu helfen – habe ich viele, viele Jahre beim Berliner Großelterndienst mitgearbeitet. Dort war ich allerdings manchmal traurig bis wütend, dass sehr wohlhabende Eltern auf diese Weise eine „preisgünstige Wunschgroßmutter“ bekamen. – Es gibt viele Wunschgroßomas und -opas, die nichts für ihre Betreuung verlangen, sie haben einfach ein Bedürfnis nach Kindern. Bei finanziell besser gestellten Eltern sind 5,00 € pro Stunde (aber nur 5 Stunden lang am Tag, dann nur noch die Hälfte) fällig, bei Alleinerziehenden höchstens 4,00 / 2,00 €.
    Viele Wunschgroßeltern betreuen über Jahre das/die gleiche/n Kind/er und das ist – meiner Meinung nach – für alle Beteiligten eine tolle Sache, wenn die Chemie zwischen den echten und den betreuenden Eltern und Wunschgroßeltern stimmt. Ich habe im Laufe der 12 Jahre ganz tolle Kinder kennen gelernt.
    Je nach Bezirk gibt es unterschiedliche Wartezeiten auf eine Betreuungsperson.
    Ich habe vor Jahren auch schon als Minijob Kinder betreut – da waren beide Eltern Professoren.

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    1. Sorry, aber selbst für mich als besser verdienende allein Erziehende wäre das nicht möglich zu zahlen gewesen. Das wären ja über 100 Euro in der Woche gewesen. Klar, dass sich das nur Besserverdienende, und das sind zumeist Paare, leisten können. Aber ist doch schön, dass diese ihre Kinder betreuen lassen.

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  11. Danke für die Rezension. Da bleibt mir nichts anderes übrig als morgen in meine Buchhandlung zu gehen.

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  12. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
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