Der Alleszusammenmach-Kult

Durch meine Twitter-Timeline geisterte neulich eine Konversation einiger Menschen, die sich darüber unterhielten, wie seltsam es sei, dass manche Paare alles zusammen machen wollten.
Ich war versucht gleich zu antworten, merkte dann aber, dass 140 Zeichen ganz sicher nicht ausreichen würden, das was ich dazu sagen wollte zum Ausdruck zu bringen.

Stellen Sie sich nun vor, wie ich im Kreise meiner Enkel mit besticktem Deckchen auf dem Schoß in einem elektrischen Schaukelstuhl sitze und von früher™ berichte.

„Früher™ habe ich nämlich auch so gedacht! Was soll dieser Pärchenquatsch. Alles zusammen machen. Die Hochzeit im Standesamt anmelden? Den Kita-Gutschein im Amt? Das Kind vom Kindergarten abholen? Ineffizienter geht es wohl kaum! Womöglich noch den raren Urlaub vergeuden?“

Und wenn ich daran denke, habe ich sofort das Bild vor Augen als ich alleine im Standesamt sitze, um einen Termin für unsere Hochzeit zu bekommen und die nötigen Dokumente vorzulegen. Das Zimmer voll mit Pärchen – nur ich sitze alleine da und verdrehe innerlich die Augen. So eine sinnlose Warterei, eine langweilige Formalität, warum sollen sich da beide frei nehmen? Ist das diese LIEBE von der alle reden? So rein Kitsch.

Auch Pärchen, die ihre Kinder gemeinsam bringen und abholen. Du meine Güte! Was für ein Orgastress – oder sind die beide arbeitslos?

Bei mir ging es immer nur um Effizienz. Zeit sparen! Aufgaben verteilen! Mehr ToDos in weniger Zeit! Haken dran, weiter, Haken dran, weiter! Neuen Punkt auf die ToDo-Liste! Jetzt aber flott. Wenn man den Weg anders plant und noch eine Stunde früher aufsteht, dann schafft man noch drei weitere Punkte. Das muss jetzt aber klappen. Kind mitgeschleppt, Stulle unterwegs reingezogen, Anschlusszug erwischt, schneller, mehr!

Mit Kindern dauert es dann meiner Erfahrung nach nicht lange und man sieht sich kaum noch. Elternteil 1 macht dies, Elternteil 2 macht jenes. Nie machen beide beides und schon gar nicht gleichzeitig!

Einer verlässt morgens das Haus extra früh, der andere versorgt die Kinder und bringt sie weg. Dann kann der erste sie abholen und der zweite länger arbeiten. Abends gibt man sich dann die Klinke in die Hand. Der erste geht vielleicht aus (oder zum Elternabend). Der zweite übernimmt die Kinder.

Ich habe immer gescherzt man solle sich keinen Partner suchen, den man liebt und mit dem man gerne Zeit verbringt, schließlich sieht man sich dann nicht mehr (wenn man Kinder hat, kann man sich ohne Babysitter nicht mal verabreden, um noch miteinander auszugehen).

(Sie erinnern sich? Ich bin die Oma im E-Schaukelstuhl. Ich fuchtele jetzt ein bisschen in der Luft rum und lächle versonnen.)

„Ja und dann habe ich gelernt, dass das falsch ist. Jedenfalls für (m)eine Beziehung.“

Wie ich das gemerkt habe? Ich habe jemanden kennengelernt, der noch nie gesagt hat „Ach, das lohnt ja nicht!“. Mit großem Erstaunen stellte ich fest, dass mein neuer Freund sich nachmittags zwischen der einen und der anderen Arbeit gerne zwanzig Minuten Zeit nimmt, um mit mir und meinen Kindern ein Eis essen zu gehen. Damit wir uns eben sehen an diesem Tag. Wenn schon nicht länger, dann wenigstens auf ein Eis.

Und an einem anderen Tag gehen wir gemeinsam die Kinder in Schule und Kindergarten bringen. Zwei Mal fünfzehn zusätzliche Minuten. Die hätten wir auch ganz anders einsetzen können. Aber wir setzen sie ein, so zu tun als wären wir Detektive, während wir im Auto darauf warten, dass die Kita öffnet. Wir rutschen die Sitze runter und luken aus den Autofenstern, sprechen uns Notizen über ankommende Kinder ins Handy und kichern.

Und noch romantischer: Wenn es Formulare für die Rentenversicherung auszufüllen gibt, machen wir das auch (quasi) gemeinsam. Ich fülle Freitextstellen aus und lese erbost Sätze in Beamtendeutsch vor und mein Freund sagt irgendwas und wir würfeln dann aus, ob wir bei der doppelten Verneinung jetzt ja oder nein ankreuzen.

Ja, ja. Sie schütteln jetzt leicht angewidert den Kopf.
Ich hätte sowas ja auch nie von mir gedacht. Aber Dinge gemeinsam tun, auch wenn das höchst ineffizient ist, ist ein großer und schöner Luxus. Wir schaffen jetzt viel weniger und manches gar nicht oder viel langsamer, aber ich mag dieses Gemeinschaftsgefühl.

Und ganz pragmatisch gesehen: ich habe das Gefühl, dass man weniger vergisst oder übersieht, wenn man IMMER ALLES zu zweit macht. Es ist auch viel leichter Anteil am Leben des anderen zu nehmen.

(Jetzt streiche ich mein Häkeldeckchen am Schoß und mache ein wissendes Gesicht.)

Klar geht das nicht immer (wenn beide Vollzeit bei unflexiblen Arbeitgebern arbeiten und jedes Kind in eine andere Einrichtung muss etc.). Und natürlich WILL ich auch nicht wirklich immer alles zusammen machen. Aber ich habe für mich gelernt, dass Effizienz nur ein Weg ist ein Roboter zu werden. Und offensichtlich bin ich doch zu menschlich, denn irgendwie ist mir irgendwann der Strom/das Benzin/das was auch immer ausgegangen.

Jetzt bin ich lieber ein verplanter Mensch und setze mich auch debil grinsend in ein Amtswartezimmer während ich mit meinem Freund knutsche die aktuelle politische Lage diskutiere.

(Ja, ja. Wedeln Sie nur mit ihrem Krückstock. Ich werde schon sehen, wie das in zehn Jahren ist! Ja! Sehen werde ich, was ich von dieser Einstellung haben werde!)

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

186 Gedanken zu „Der Alleszusammenmach-Kult“

  1. Wunderbar! Wo soll die Liebe auch hin, wenn man sich kaum sieht? Irgendwann optimiert man sie ganz nebenbei mit weg. Eine schöne Erinnerung an die vielen kleinen Momente, die eine Beziehung geschmeidig hält.

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    Gerne gelesen
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  3. Jetzt bin ich ein bisschen traurig.

    (Und musste ca. 30 min runterscrollen, um die Textbox zu finden (iPhone). Vielleicht kann man sie über den Kommentaren einbauen? In der Zeit hätte ich was mit meiner Freundin machen können!)

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    Genau!
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  5. Damals(TM) in der DDR mussten wir als zukünftige Ehepartner beide beim Standesamt antanzen (nicht unbedingt gleichzeitig). Man hatte wohl Sorge, einer könnte nicht ganz freiwillig die Ehe eingehen.

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  6. Ich mache gern was mit meinem Mann zusammen, selbst beim Abwaschen albern wir dann rum oder lachen über die neuesten Einfälle des Babys. Und manchmal machen auch die trockensten Dinge zusammen mehr Spaß. Effizienz hin oder her.

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    via facebook.com

  7. Abba abba abba… da liegen doch Welten zwischen „immer alles zusammen machen“ und „sich zwischendurch, einfach mal so, weil’s Spaß macht und wichtig ist, Zeit für sich nehmen“.

    Muss ich wirklich „immer“ zusammen in den Supermarkt springen, weil ein Liter Milch fehlt? Muss ich wirklich „immer“ dabei sein, wenn „er“ zum Fußball will? Muss er wirklich „immer“ dabei sein, wenn „ich“ mich mit einer Freundin auf einen Kaffee treffe?

    Weil, das eine ist ineffizientes Rumgeklette – wie es eine Freundin von mir mit ihrem Verlobten hat (ehllich, wir haben uns zwei Jahre nicht gesehen, ich bin dienstlich in der Stadt, wir treffen uns zwischen letztem Termin und meinem Zug für eine halbe Stunde auf ihrem Heimweg auf einen Kaffee und er hängt dazwischen, seine Arbeitsstelle ist an der anderen Seite der Stadt und es wäre nicht so, als wären wir so dicke, dass er dabei sein muss, während wir zwischen Tür und Angel einen Latte Macchiato im Stehen am Hauptbahnhof runterstürzen) – das andere ist, sein eigenes Leben, seine eigenen Interessen und seine eigenen Freundschaften nicht aufgeben (während z.B. Tinkerbell im Kiga ist, kann „er“ noch eben nach der Arbeit mit einem Freund Kaffee trinken gehen, während „ich“ schnell noch im Schwimmbad vorbeispringe und eine Stunden Bahnen ziehe – was Nichtschwimmer-„er“ wohl vom Beckenrand eher langweilig fände).

    Mir ist auch bewusst, dass „IMMER ALLES“ überspitzt ist. Und eigentlich nur von jemandem kommen kann, der eben nicht „immer alles“ mit seinem Partner macht, denn eigentlich wissen wir, dass „IMMER ALLES“ eben auch ständige Kontrolle und Überwachung durch die andere Hälfte (inkl. ständiger Anrufe im Büro, während der Arbeitszeit) heißt. Und so viel „IMMER ALLES“ wollen wir doch alle eigentlich auch nicht. Nur so. Von jemandem, der mal einen Partner hatte, dem „immer alles“ nicht reichte und der „IMMER ALLES“ als die einzige richtige Möglichkeit empfand.

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  8. Genau so soll man es machen.
    Ich hatte eine Beziehung, die so lief, fast 19Jahre lang. Dann wurden wir effizienter und haben alles zerstört. Geblieben sind nach 15 Jahren nur verlässliche Elternteile, keine Gefühle.
    Wer weiß, ob es nicht auch anders herum war und die sich leise aus dem Staub machenden Gefühle nicht zu einer Lücke führten, die wir mit Effektivität gefüllt haben.

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  9. Fällt mir immer extrem auf Spielplätzen auf, gefühlte 80% sind allein mit ihren Kind(ern). Ist natürlich effektiv, aber ich würde meine Wochenenden nicht so verbringen wollen.

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  10. > Und ganz pragmatisch gesehen: ich habe das Gefühl,
    > dass man weniger vergisst oder übersieht, wenn man
    > IMMER ALLES zu zweit macht.

    Und wie so oft haben Computermenschen das formalisiert/standardisiert und nennen es „Pair Programming“¹ (die deutsche Übersetzung heißt Paarprogrammierung, was ein bisschen unpassende Assoziationen weckt, aber umso besser zum Artikel hier passt).

    ¹ https://en.wikipedia.org/wiki/Pair_programming

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    1. Mift. Das mit dem Pair Programming wollte ich noch eingebaut haben, habs dann aber beim Schreiben vergessen.
      (Ich bin ja IT Projektleiterin und bei uns im Unternehmen wird das viel gemacht)

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  11. Nachdem ich gerade nach nur acht Jahren eine Ehe in den Graben gefahren habe, weil wir uns auseinandergeliebt haben, habe ich beim Lesen eine ordentliche Gänsehaut bekommen. Vielleicht schaff ich es beim nächsten Mal, darauf zu achten.

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    1. Ich halte die Daumen. Bei mir waren es 10 Jahre und ich hätte das von alleine nie geschafft. Ich hoffe auch, dass ich mir diese Gedanken und Erfahrungen noch viele Jahre erhalte. Der Sog des Alltags macht das nicht immer leicht.

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  12. Schöner Text, danke!
    Und wichtige Erinnerung an Eltern, immer mal zu schauen, ob Effizienz zum Selbstzweck wird.

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  13. Ein schöner Text!
    Mein Mann und ich machen auch vieles gemeinsam, oft zum Beispiel den Wocheneinkauf, obwohl das auch total ineffizient ist. Aber wir verbringen halt gern Zeit miteinander. Wir treffen uns auch manchmal kurz zum Knutschen, wenn ich noch arbeiten muss und er auf dem Weg zum Sport ist (unsere Arbeitsstellen liegen recht dicht beisammen). Das können viele gar nicht verstehen.
    Nun bin ich schwanger und hatte schon etwas Sorge, dass wir uns diesen Luxus bald nicht mehr leisten können. Kollegin mit Kind, bitter-triumphierend: „Jahaaa, das ist jetzt bald vorbei!“ Aber du hast vollkommen recht: einfach trotzdem machen, so oft es geht. Dann bleibt lieber mal was liegen.

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    1. Als auch erstmals Schwangere muss ich da kurz meinen Senf dazu geben:

      Wie ich sie liebe, diese Muttis, die einem schon sooo viel voraus haben und genau wissen, wie der Hase läuft und „das werdet Ihr dann schon noch sehen“ unken… Ich möchte die Erfahrung der schon Mütter nicht abwerten, aber ich habe keine Lust, mir ständig Angst machen zu lassen…

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    2. Keine Sorge, is Quatsch.
      Seit den Kindern machen wir wieder viel mehr alltägliches gemeinsam : )

      Wenn die Kinder dabei sind, ist es mit der Effizienz bei mir vorbei, dann lassen wir uns nur noch treiben.

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