Die degenrierte Akademikerin

Die Apokalypse ist da. Irgendwer hat mit einem Mega-EMP die komplette Stromversorgung der Erde lahmgelegt. Das Bankensystem ist zusammengebrochen. Die Städter fliehen aufs Land. Mad Max 5: Berlin burning.

An meiner Haustür klingelt ach ne klopft es. Ich öffne. Ein bis an die Zähne bewaffnetes Team muskelbepackter Männer und Frauen steht davor. Eine etwas schmächtigere trägt eine Nerdbrille, eine andere hat einen Handwerkergürtel um, der diverse Schraubendreher und Hammer hält.

Ich, unsicher: „Äh. Hi?“

Größte aus der Gruppe (alles voller Goldzähne, dynamischer Sidecut): „Bist du das Nuf?“

Ich, noch unsicherer: „Vielleicht ja?“

Sidecut-Frau: „Hier die Ulrike (deutet auf eine besonders krass bewaffnete Frau in der Gruppe), die hat dein Blog immer gerne gelesen. Als wir uns nach der Apokalypse formiert haben, hat sie gesagt, wir sollen dich ins Survivor-Team aufnehmen.“

Ich: „Oh.“, erröte leicht.

Sidecut-Frau: „Ich war zunächst skeptisch. Kannst du irgendwas, das uns hilft?“

Ich so: „Ähhh (überlege intensiv). Ah! Powerpoint-Präsentationen CD/CI konform formatieren?“

Gruppe vor der Tür: …

Ich überlege nochmal: „Ähhhh. Storytelling und pyramidales Denken?“

Gruppe: …

Ich strenge meinen Kopf an. Peinliche Stille. Durch den Flur rollt Tumbleweed*.

Die junge Frau mit der Nerdbrille: „Hast du wenigstens Diesel für meinen Stromgenerator, damit ich unser Funkgerät löten kann?“

Ich so: „Äh, ich hab noch halb aufgetaute Süßkartoffelpommes? Wenn du mir kurz deinen Stromgenerator leihst, könnte ich dir einen Flat White machen? Ein Spinat-Smoothie vielleicht?“

Wieder peinliche Stille.

Typ mit Vollbart: „Kannst du schleifen? Löcher bohren? Maurern? Gräben ausheben?“

Ich schaue ihn traurig an.

„Stricken? Häkeln? Gulasch einmachen**?“

Ich: „Ich kann das leider alles nicht.“

Gruppe zuckt mit den Schultern: „Sorry, dann kannst du halt nicht ins Survivor-Team. Musst du in der Apokalypse alleine klar kommen.“, will sich umdrehen und gehen.

Eine andere aus der Gruppe: „Vielleicht kann sie singen? Ein Instrument spielen? Witze erzählen? Gärtnern“

Alle schauen hoffnungsvoll in meine Richtung. Dabei streift ihr Blick meinen Balkon:

Ich: „Sorry, ich kann aber Share Point! Und äh JIRA? Trello? Ich äh bin echt gut in Workshop-Konzeption!“

Die Gruppe zieht sich langsam zurück.

„ICH BIN ZERTIFIZIERTE QUALITÄTSMANAGEMENTBEAUFTRAGTE!!1!?“

Die Gruppe geht das Treppenhaus runter.

„MIT WISO kANN ICH SOGAR MEINE STEUERERKLÄRUNG SELBST MACHEN?“

Die Gruppe steigt in ihre Panzer.

„ELTERNGELD-ANTRÄGE AUSFÜLLEN?“, schreie ich hinter her.

Die Gruppe rast Richtung Sonnenuntergang.

 


So fühle ich mich jedenfalls als Akademikerin bei dem Versuch einen defekten Gasherd gegen einen neuen auszutauschen. Das ist wirklich unglaublich. Man kann zwar einen neuen Herd kaufen und es gibt die Dienstleistung das alte Gerät mitzunehmen, aber niemand bietet die Dienstleistung an das Gerät vom Gas zu nehmen.

„Hallo Frau Cammarata, vielen Dank für Ihre Nachricht. Aus versicherungstechnischen Gründen dürfen wir den Anschluss von Gasherden nicht vornehmen.“

Dafür muss man einen Fachmann holen. Der kostet genauso viel wie das Neugerät.

Wenn ich versuche heraus zu bekommen, ob ich 50 mbar oder 20 mbar Erdgas habe und bei der GASAG anrufe, kann mir das niemand sagen. Wenn ich das google, brauche ich drei Tage um eine ungefähre Ahnung zu bekommen mit welchem Druck das Gas standardmäßig über ein Ventil in einen Herd aus der Leitung kommt. Dann kann ich auf gut Glück einen Herd bestellen und hoffen, dass es der richtige ist.

Das ist die Strafe fürs nutzlose Geisteswissenschaftlerin sein. Da lacht der Handwerker. 250 Euro für Anfahrt und einen Gasherd anschließen: „Hahaha! Das habt ihr euch verdient, ihr dämlichen, nichtskönnenden Akademiker!“

 

Neu: Micropaying-Dienste sind tot. Aber Du kannst mir was spenden, damit ich eines Tages wieder einen Gasherd habe und mir dann wieder Süßkartoffelpommes braten kann!

*Eigentlich Chamaechorie oder Anemogeochorie, aber wen interessiert das schon.

**

Ich habe gekocht.

112 Gedanken zu „Die degenrierte Akademikerin“

  1. Warum hast du dir nicht einfach einen Induktionsherd zugelegt? Der kann alles, was Gas kann, außer in die Luft zu fliegen. ?

    Gruß, die Susi

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    1. Gas fliegt nicht einfach in die Luft und ist entgegen des Eindrucks, den man durch die Presse erhält, nicht gefährlich. Solange man eben nicht selbst rumpfuscht. Dafür ist Gas aber irre günstig. Sowohl in der Anschaffung als auch im Verbrauch. Ich zahle für eine 4köpfige Familie 32 Euro Strom im Monat (und 8 Euro Gas). Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Rechnung mit einem Stromherd anders wäre.

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  2. ?!?!? wo ist das Problem? Wir mussten kürzlich auch unseren 20 Jahre alten Gasherd ersetzen. Die Fachfirma (für Küchen) hat das Altgerät entsorgt und den neuen Herd eingebaut, aber nicht angeschlossen. Ich habe einfach den erstbesten Gasinstallateur angerufen und die haben das gemacht. Dabei hat das eigentliche Anschließen rund 100 EUR gekostet.

    eine komische Stadt scheint ihr da in Berlin zu haben.

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  3. Man könnte jetzt hier den Witz einfügen, dem mit „Verstehen Sie was von Fallschirmen? – Nein, aber von Gasheizungen.“ aber das führt zu weit.

    Zufällig bin ich ein Installateurssohn und beobachtete, das mein Vater, der wahrscheinlich eine hohe zweistellige Anzahl von Anschlüssen in seiner aktiven Zeit (er hat später nicht mehr als Installateur gearbeitet) erfolgreich durchgeführt hat, solche Umbauten später Leuten überließ, die das dauernd machen. Weil Gas eben auch mal so ganz unlustige Explosionen erzeugen kann (siehe Tagespresse).

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  4. Ich kaufe Geräte grundsätzlich bei den Firmen, die diese auch bringen und anschließen, also im Fachhandel. Alles andere ist leichtsinnig, außerdem sichere ich mir damit langlebige Geräte und einen Kundendienst!
    Wen wundert es, dass bei den Versicherungskosten niemand kommt und für 50 Euro einen Gasherd anschließt, auch wenn es schnell erledigt ist?

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  5. Vielleicht hilft die Geschichte von der Maus Frederick ja etwas aus der Sinnkrise:
    https://www.kinderbuchlesen.de/frederick

    Wobei ich rationaler Ingenieur bei jedem Vorlesen denke: „ja du Dussel, hättest auch du Futter mitgesammelt, wären immer noch alle lecker satt“ ;-)

    Ach und übrigens erkennt man Leute die SharePoint ‚können‘ daran, dass sie die Frage danach mit einem „NEIN, nur einen kleinen Teil“ beantworten und dabei die Augen ehrfürchtig weit offen haben :-D

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      1. Wow…Aber Im fall einer Apokalypse wird der Bedarf an gebrannten mandeln eher schwach ausfallen, alles halb so wild.

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  6. Gas ist tricky. Und kann das ganze Haus in Asche legen – inklusive Haftstrafe wegen Totschlags. Richtig: Drücke, Ventile, Druckminderer, usw. muss alles passen, und dicht sein.

    Elektroherde sind kein Problem anzuschließen. Der oben genannte Starkstrom-Anschluss heisst Dreiphasenwechselstrom, und ist auch nur Strom.

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  7. Ja, und wenn der letzte Hauptschüler sein Studium absolviert hat, werden wir nur noch qua YouTube-Tutorial die Wasserleitung dichten, die Heizung reparieren, die Ziegel aufs Dach schichten und aus Sicherheitsgründen wird der Elektroherd ab dann nur noch mit 3 kW und Steckdose geliefert, statt mit heute manchmal üblichen bis zu 10 kW. Ist ja auch sicherer, schließlich macht Strom klein, schwarz und häßlich. (Ironie aus)

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  8. Ach das kenn ich. Ich kann auch genau nichts. Früher konnte ich mich gut damit über Wasser halten, dass ich Leuten die kaputtgespielten Computer wieder flott gemacht habe. RAM tauschen? Kein Problem! Euer Drucker spinnt? Her damit! Heute haben sie alle eklige Smartphones und Tablets. Keiner druckt mehr was. Ich Informatiker von anno 2018 bereits komplett nutzlos. Aber wenn die Apokalypse kommt, werden sie mich daher wohl aufessen.

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  9. Kann man sich JIRA und Sharepoint in den Lebenslauf schreiben? (Ist eine ernsthafte Frage… von einer vermutlich ebenso nutzlosen Akademikerin, die ueberlegt was ihre Studenten so als „Skills“ irgendwo reinschreiben koennen…)
    Was ist mit Indico/Twikis?

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    1. Klar. Ich würde alle Softwarekenntnisse plus Skillevel (JIRA z.B. nutzen vs. konfigurieren vs. Erweiterungen schreiben können) in den CV schreiben. Also auch die anderen beiden genannten.

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  10. Also ich habe vor dem Studium was „ordentliches“ gelernt (Elektriker) und mache heute viele Dinge zuhause selbst. Aber vom Gas lass ich definitiv die Finger, das ist viel zu heikel! Das soll der machen, der mein Haus bezahlt, wenn durch seinen Pfusch die Bude in die Luft fliegt.

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  11. Ich frage mich ja auch immer, welche Fähigkeiten ich bei der Apokalypse beisteuern könnte. Und hoffe dann, dass mir vielleicht mein medizinisches Wissen aus den vielen Krankenhausserien hilft, die ich gesehen habe.

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