Wertsteigerung (beinahe)

Letztes Jahr hatte ich einen runden Geburtstag und deswegen wollte mir meine Mutter etwas Besonderes schenken. Sie hatte mir dabei fast mal zugehört. Sie ist sonst sehr störrisch, was Geschenkwünsche angeht. Sie fragt zwar jedes Jahr, aber mit meinen Wünschen ist sie selten zufrieden. Ich habe mir z.B. mal Pyramidensalz gewünscht, aber das fand sie albern und kaufte mir deswegen einen Badezusatz.
Letztes Jahr berichtete ich, dass ich seit neustem gerne wieder Ketten trage, aber dass mich nervte, dass meine Kette sich ständig drehte und das auch noch asymmetrisch, denn die eine Seite bis zum Anhänger drehe sich, während die andere Seite gerade bliebe.

Jedenfalls schenkte meine Mutter mir deswegen logischerweise eine gedrehte Kette. Eine sehr dicke gedrehte Goldkette.
Wer so wie ich, regelmäßig Rentner-TV aka Bares für Rares schaut, der weiß, wie es derzeit um die Goldpreise steht. Nicht gut, wenn man Gold ankauft. Sehr gut, wenn man Gold verkauft.

Die Kette, die meine Mutter mir schenkte, kostete dementsprechend ein Vermögen, was mich sehr unglücklich machte, denn ich wollte ja keine gedrehte Kette und ganz ehrlich bin ich auch nicht der Mensch, der gerne mehrere Hundert Euro am Leib trägt. Genauso große Schmerzen bereitete mir aber der Gedanke, dass die teure Kette ungenutzt in einer Schublade liegen würde.
Also bat ich meine Mutter, ob sie die Kette zurückgeben könnte. Sie hatte sie in Köln gekauft. Ich fragte meine Mutter, wie die Rückgabe denn nun ablaufen würde. Ob ich die Kette einfach zum Juwelier schicken könne, ob sie die Rechnung hinterher schicke oder wie der Prozess sei. Elf Tage nach dem Kauf entschied sich meine Mutter mir die Rechnung per Post zukommen zu lassen, so dass ich mich um alles kümmern könne. Als an Tag 13 die Rechnung noch nicht angekommen war, versuchte ich schon mal alles vorzubereiten, damit ich, sobald ich die Rechnung hätte, alles weiterschicken könnte. Adresse oder den Namen des Juweliers aus ihr rauszukitzeln, war mir trotz mehrmaliger Versuche jedoch nicht gelungen. Meine Mutter ist Meisterin im daneben antworten.
Wenn ich ihr z.B. schreibe: »Wie heißt denn der Juwelier?«
Dann antwortet sie mit »In Köln!«
Wenn ich dann feststelle: »Ok, das ist der Ort, aber wie heißt der Juwelier?«
Dann antwortet sie »Der hat mehrere Filialen!«
Und so kann man sich wochenlang Nachrichten hin und herschreiben und wer jetzt denkt, dass man irgendwann alle Infos zusammen puzzeln kann, der irrt. Denn auch hier nehmen die Antworten meiner Mutter überraschende Wendungen.
»Kann ich das denn per Post an den Juwelier schicken. Juwelier Scharer in der Schillingstraße?« (ich hatte gegoogelt)
»Aber nicht nach Köln.«
»Wohin denn dann?«
»Zum Juwelier.«
»Aber ich brauche doch die Adresse. Kannst du mir die bitte geben?«
»Die weiß ich nicht. Die steht nur auf dem Bon und den hab ich an dich geschickt.«

Als ich dann kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, rief ich sie an, um dann zu erfahren, das sei jetzt ohnehin zu spät. Rückgabe nur innerhalb von 14 Tagen und weil ich ja so lange rumgetüdelt hätte, könne man jetzt nur noch einen Gutschein bekommen, den ich dann in den nächsten zwei Jahre einlösen müsste, sonst würde er verfallen.
Achso! Aber Plottwist (!) – dafür könne ich auch in die Filiale in Berlin gehen.

Seitdem habe ich diesen Gutschein über einen absurden Wert und denke beinahe täglich »Ach du Schreck! Den Gutschein muss ich noch einlösen, sonst verfällt der.«
Ich war auch schon zwei Mal in der Filiale, aber das ganze Sortiment entspricht leider überhaupt nicht meinem Geschmack. Einzig und allein für einen Trauring könnte ich mich erwärmen, aber deswegen gleich heiraten, das halte ich für übertrieben.
Wobei, wenn manche Paare wegen der Steuer heiraten, wäre wegen eines Gutscheins, der nicht verfallen sollte, natürlich auch ein guter Grund.

Das alles ist nun 22 Monate her und der Gutschein macht mir unglaublichen Mental Load. Das konnte ich heute nicht mehr ertragen und dachte mir: Dann kaufe ich halt irgendwas, selbst eine hässliche gedrehte Kette ist sinnvoller als den Gutschein verfallen zu lassen. Dann erben die Kinder das Schmuckstück und dann die Kindeskinder und eines Tages können die das zu Bares für Rares schleppen und bekommen wenigstens den Materialwert.
Also fuhr ich zum Juwelier und da passierte etwas unerwartetes: Ich sah gleich 2 Paar Ohrringe, die mir zusagten. Ich probierte das 1. Paar und dann das 2. Paar. Das erste Paar gefiel mir besser und ich sagte »Die nehme ich!« und wir gingen zur Kasse. Da die Ohrringe 9 Euro teurer als mein Gutschein waren, sagte ich »Gerne mit Karte.«
Die Juwelierin tippte irgendwas ins Kassensystem, sie war sichtlich gestresst, dass ich den größten Teil mit Gutschein zahlte und zack, passierte ein Fehler und sie bat »Können Sie auch bar zahlen? Ich hab jetzt bar eingegeben.« Das war natürlich gar kein Problem. Ich zahle zwar nie bar, aber einen Notzehner habe ich immer einstecken.
Dann verließ ich den Laden, erledigte noch ein paar Einkäufe und schleppte alles zu mir nach Hause. Als ich zuhause angekommen war, wusch ich mir die U-Bahn-Hände und blickte in den Spiegel. OH SCHRECK! Ich hatte die anderen Ohrringe noch an den Ohren. OHGOTTOHGOTT! Wie peinlich. Die arme Verkäuferin war bestimmt total aufgelöst. Weil ich bar gezahlt hatte, hatte sie auch keinerlei Ansatz mich jemals ausfindig zu machen. Ohwehohweh!
Ich fuhr also den langen Weg in das überfüllte Zentrum zurück und eilte zum Juwelier, wo ich die versehentlich mitgenommenen Ohrringe wieder abgab.
Die Verkäuferin schaute mich beim Überreichen der Ohrringe leer an und sagte: »Ok«
Und ja, ich fand die Reaktion auch so antiklimatisch wie das Ende dieser Geschichte.

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