
Gestern war ich im Volksbad schwimmen und ehrlich, ich habs nur gewollt, weil ich einmalige Erlebnisse sammle. Die FOMO in mir ist stets stark. Ich versuche in Berlin alles zu erleben, was nur ausnahmsweise da ist, was besonders, was temporär ist.
Also saß ich zwei Wochen vor dem Rechner und habe versucht Tickets zu bekommen. Die braucht man für den Eintritt, allerdings sind die kostenlos – sie markieren nur ein Zeitfenster, so dass nicht tausend Leute gleichzeitig im Bad sind.
Nachdem das Thermometer auf 20 Grad sank, klappte es endlich.
Ich packte mir ein dickes Handtuch, meinen Bikini und eine Flasche heißen Tee ein und zog los.
Als ich da war, war ich in aller erster Linie erstmal erstaunt. Das Becken ist groß. 25 m lang, 5 m breit und 1,3 m tief. Es gibt zahlreiche Warmduschen vor Ort, Umkleiden und Schließfächer. Der Ort ist fantastisch. Mitten in der Stadt, vor einem Theater, Sicht auf den Fernsehturm.
Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Alle schauten ein bisschen selig und lächelten sich freundlich zu, als sie frierend aneinander vorbeischwammen.
Es war wunderschön. Es hat mich an meine Kindheit – oder vielleicht an den Anblick meiner Kinder als die noch klein waren – erinnert, wenn man schwimmen war und irgendwann versucht die Kinder aus dem Wasser zu holen, weil die Lippen blau sind und die Zähne klappern und sie auf die Frage: »Kommt ihr jetzt mal raus?« antworten »Abbbbbbr mmmmir ist ggggggar nininicht kk kk kkkkalt!«
Als ich gestern meinen Körper vor Kälte nicht mehr fühlen konnte, bin ich unter die warme Dusche gesprungen und hab mich dann eingerollt in mein Flauschihandtuch an den Beckenrand gesetzt und die Sonne genossen, die nochmal 5 min aus der Wolkendecke blitzte und war unfassbar glücklich.
Das Volksbad ist ein strahlender Hoffnungsstern. Es hat mir wie lange nichts mehr gezeigt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. In wenigen Wochen wurde es dort errichtet. Es ist kostenlos. Es ist ein Ort, der generationsübergreifend genutzt wird. Es gibt dort u.a. kostenlosen Schwimmunterricht.
Es gibt so viele Aspekte, die mir da in den Sinn kamen.
Als ich z.B. noch in Bamberg gewohnt und Menschen aus Berlin kennengelernt habe, wir waren damals Mitte 20, dachten die, wir würden ständig vor Supermärkten abhängen. Das lag daran, dass wir öfter von einer Kneipe berichteten, die Reichelbräu hieß und die wir Reichel abkürzen. In Berlin gab es zu der Zeit eine Supermarktkette namens Reichelts. Ich fand die Vorstellung, dass man seine Freizeit vor Supermärkten verbringt, damals absurd. Heute gehen meine Kinder in ihrer Freizeit in Einkaufsmalls und ich verstehe warum, denn wo sollen sie sonst hin, wenn sie in einer größeren Gruppe miteinander Zeit verbringen wollen?
Es gibt nämlich kaum Orte für Jugendliche.
Sie sind im großen und ganzen überall unerwünscht. Am besten sie verfatzen sich ganz aus der Öffentlichkeit, aber dann bitte nicht vor ihre digitalen Endgeräte, denn davon wird man ja dumm… naja andere Diskussion. Aber was ich sagen will: Es gibt einfach fast keine Orte, wo Jugendliche kostenlos, vielleicht ein bisschen wettergeschützt, ihre Freizeit verbringen können…
Die Orte gibt es auch nicht für junge Eltern mit Babys und auch nicht für alte Leute. Öffentliche Orte ohne Konsumzwang, die barrierefrei sind, wo man zusammenkommen kann, sind rar.
Und Schwimmen ist nochmal ein ganz spezielles Thema. Es ist wahnsinnig teuer. Es kostet zwischen 13 und 20 Euro für eine Familie einmal EINMAL schwimmen zu gehen.
Mich wundert es nicht, dass fast die Hälfte aller Kinder nicht sicher schwimmen können. Wie auch?
Die Welt könnte so anders aussehen. Das zeigt das Volksbad. Und es ist möglich, das zeigt das Volksbad auch. Und wenn man dort ist, dann kann man fühlen, wie die Welt wäre, wenn es mehrere solcher freundlicher Orte gäbe, an denen man in Gesellschaft seine Zeit verbringen kann.
Hätte ich vorher auf der Website gelesen: »In einer Stadt, in der in den letzten Jahrzehnten systematisch Infrastruktur abgebaut wurde, und öffentliche Orte zunehmend kommerzialisiert und kontrolliert werden, ist das VOLKSBAD eine erste urbane Intervention der neuen Intendanz und eine sommerliche Einladung an die Hauptstadt.«, hätte ich das vermutlich nicht ganz verstanden. So war ich da und habs einfach gefühlt.
Es war ein schönes Gefühl.
Gerne gelesen.
Es bleibt das diffuse Gefühl: Soll ich mich freuen, dass jemand Initiative zeigt oder verzweifeln, dass es offensichtlich nur auf mehr oder weniger private Initiative funktioniert?
Ich habe ein bisschen Hoffnung, dass die kommenden Wahlen – zumindest in Berlin – einen Wandel bringen können.