Der rote Ballon

Kürzlich ist mir aufgefallen, dass alle Misanthropen hässlich sind. Dabei verhält es sich ein bisschen wie die Sache, die Max Goldt mit den Röhrenjeans beobachtet hat. Man wird nie wissen, ob die Drogenabhängigen am Bahnhof gerne Röhrenjeans tragen oder ob sie erst Röhrenjeans tragen und dann mit den Drogen anfangen, weil sie die Schmerzen, welche die viel zu engen Hosen verursachen, sonst nicht aushalten können.
Es stellt sich also die Frage, ob Misanthropen erst hässlich sind und aus diesem Frust heraus beginnen, die anderen Menschen zu hassen oder ob sie erst die Menschen hassen und vor lauter Hass hässlich werden.
Zumindest etymologisch hängt das zusammen. Hässlich kommt von hetlik und bedeutet „Hass erregend“ Erst in frühneuhochdeutscher Zeit wandelt sich das Wort hässlich zu dem Gegensatz von schön.
Jedenfalls gehen mir die freilaufenden Misanthropen besonders zur Sommerzeit auf die Nerven. Je besser man selbst gelaunt ist, desto eher zieht man einen dieser Gewitterwolken vor sich hertreibenden Menschen an.
So kam ich heute zum Beispiel mit dem Kind fahrradfahrend vom Spielplatz. Wir fuhren die Karl-Marx-Allee entlang, deren Fußgängerweg ca. 15 Meter breit ist. Schließlich mussten dort alle Bürger der DDR hinpassen, wenn man mit den Panzern auf der Straße Parade fuhr, um dem Westen säbelrasselnd zu zeigen, wer man war.
Wir fuhren Schlangenlinien. Große gegenläufige Schlangenlinien, die wir akustisch mit AhhhhaaaaaaaaaaahhhAAAAAAAAHHHHHHHaaaahhhhhAAAAAAAAHHHHHH untermalten.
Da kam eine Kolossfrau stampfend auf mich zugerannt und zog mich, ich schwöre!, vom Fahrrad und brüllte mich an, das Fahren auf dem Gehweg sei verboten. Ich entgegnete ihr zunächst freundlich, dass es v.a. mit einem Kind, das jünger als acht Jahre ist, nicht verboten sei. Doch, doch das sei es, röhrte sie, dass mir Spuckefäden ins Gesicht flogen. Nein, nein, teilte ich ihr nun auch ein wenig aufgebrachter mit. Von mir aus möge sie doch gleich die Polizei rufen, da könne sie sich eine Lektion in Verkehrsrecht abholen.
Die Walküre packte mich am Arm und rief: Na und? Aber Schlangenlinien sind sie gefahren! Das dürfen sie nicht!
–    Warum nicht? Ich störe doch niemanden. Weit und breit ist niemand, dem ich auch nur näher als drei Meter gekommen wäre!
–    Unverantwortlich ist das, dem Kind so was beizubringen.
–    Das muss das Kind lernen, damit es Hindernissen ausweichen kann
–    Der Gehsteig ist für die Fußgänger!
–    Der Gehsteig ist für alle solange sie sich nicht schaden!
–    Verhaften sollte man sie! Unverantwortlich sind sie!
Während das Weib so zeterte, fiel mir ein, dass ich dem Kind schon lange mal erklären wollte, was ein Misanthrop ist.
– Schau liebes Kind, das ist ein Misanthrop sprach ich. Ein Misanthrop ist im Gegensatz zum Philanthrop jemand, der die Menschen nicht leiden kann.
–    Ja aber warum kann er keine Menschen leiden?
–    Das weiß niemand, nicht mal der Misanthrop selbst.
–    Komisch
Ja sehr komisch, stimmte ich zu und wandte mich von der Hexe ab. Wir fuhren in Schlangenlinien davon, während der Misanthrop sich immer mehr aufregte, rot wurde, sich aufblähte und gen Himmel fuhr.
Aus der Ferne betrachtet, sah er aus wie ein Luftballon. Ein roter Luftballon, der ruhig in den blauen Himmel schwebte. So mag ich ihn viel lieber, dachte ich und brauste mit dem Kind davon.

13 Gedanken zu „Der rote Ballon“

  1. Aber, aber, Frau Nuf: Warum behauptest Du, ich sei hässlich?

    An dieser verständnislosen Sichtweise merkt man, dass Frau Nuf in einem von Sonne und Wohlgefallen verwöhnten Landstrich groß geworden ist.

    Die dicke Frau würde ich sowieso nicht zu den klassischen Misanthropen zählen, sondern eher zu den Psychopathen – ist das nicht ein Unterschied?

    Misanthropie ist die besondere Berliner Form der Form der Aufmerksamkeit für seine Mitbürger: „Meckern is wichtich – nett sein kann jeder!“ Die zugehörigen Hormone heißen Misanthropin und Übellaunilin, sie gedeihen eben besonders gut unter dem sorgenverhangenen Berliner Himmel.

    Und boshaft ist man hier nur zu Leuten, die einem was bedeuten – mit den übrigen macht man sich diese Arbeit doch gar nicht.

  2. „Misantroph“ ist eingentlich ein viel zu poetisches Wort. „Miesepeter“ drückt die Banalität des Bösartigen viel besser aus. In diesem Fall wäre es dann vielleicht eine Miesepetra.

  3. leute die sich einmischen. und die weisheit gepachtet haben.
    so ne omma war auch immer ganz erbost, weil mein vater meine kleine schwester in einem snugly trug (so nem tuch wo man sich babys mit umschnallen kann). die ist echt handgreiflich geworden, weil sie fand dass man ein baby nicht so tragen darf.
    get a life!

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