Doppelter Blindversuch

Nachdem unser erster Versuch ein Dunkelrestaurant zu besuchen nicht sooo prickelnd war, hatte uns die Konkurrenz der unsicht-Bar – das Nocti Vagus – eingeladen, die beiden Restaurants zu vergleichen.

Mir wurde angeboten, dass wir einen Hauptgang sowie die Veranstaltung als solches kostenlos bekommen und lediglich die Getränke zu zahlen hätten. Weil ich zur Zeit nicht Bundespräsidentin bin und mir ausreichend Objektivität (trotz Einladung) zutraute, habe ich mich gefreut und das Angebot letzten Freitag angenommen. Die Kurzzusammenfassung lautet: Wenn man ein Dinner in the Dark erleben möchte, dann im Nocti Vagus und nicht in der unsicht-Bar.

Fangen wir mit den Dingen an, die eindeutig besser waren: Zu aller erst ist das Essen zu nennen. Es gibt ein vegetarisches Menü und ein Menü mit Rind, sowie ein Überraschungsmenü. Die beiden ersten sind komplett ausformuliert auf der Karte zu lesen – d.h. im Gegensatz zur unsicht-Bar weiß man, was man bekommt. Sollte einem das zu langweilig sein, kann man das Überraschungsmenü wählen. Mein Mann hat sich für das  Menü mit Rind, ich für das vegetarische Menü entschieden. Wir fanden es beide sehr lecker. Ich weiß nicht, ob das objektiv an der Zubereitung lag oder tatsächlich daran, dass wir schon wußten, was auf dem Teller liegen würde und die einzelnen Bestandteile lediglich identifizieren mussten – jedenfalls hat es wirklich hervorragend geschmeckt. Einen kleinen Schock haben mir lediglich die Salbeiblätter versetzt. Als ich sie auf der Zunge liegen hatte, hatte ich das Gefühl ein kleines, haariges Tier abzulecken. Nachdem mein Mann freundlicherweise ebenfalls an dem Tierchen leckte (das ich wieder aus dem Mund rausgeholt hatte) und sie als Salbeiblätter identifizierte, konnte ich sie problemlos essen und mich ihres Geschmacks erfreuen. Wie gesagt, ich fand mein Gericht sehr lecker – muss aber sagen, dass das Gericht meines Mannes nochmal köstlicher war. Da ich bereits im Dunkelrestaurant gegessen hatte, konnte ich die Situation für mich ausnutzen und mich umbemerkt vom Teller meines Mannes bedienen.

Übrigens wurden wir nebeneinander platziert (im ersten Dunkelrestaurant gegenüber). Das Nebeneinandersitzen hat mir deutlich besser gefallen muss ich sagen. Irgendwie fühlte ich mich nicht so alleine in der Menge. Apropos Menge. Das Nocti Vagus ist deutlich kleiner als die unsicht-Bar. Wenn ich es richtig verstanden habe, waren an dem Abend an dem wir dort waren rund 50 der 70 Plätze besetzt. Laut und stickig fand ich es dennoch. Ich denke, das liegt wahrscheinlich wirklich an der Situation, dass man weniger Sinne als gewohnt zur Verfügung hat. Allerdings haben sich die Gäste deutlich besser verhalten. Es gab kein Gepfeife, Gezische und andere Störgeräusche. Die Leute haben sich lediglich unterhalten.

In der Dunkelheit scheint das Gehirn den meisten jedoch etwas vorzugaukeln, was laut dem The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy Weltraummonstern ebenfalls zu schaffen macht: Einige glauben, man könne sie nicht hören, weil sie sich selbst nicht sehen können und plaudern deswegen völlig ungehemmt laut über ihr (Liebes)leben. An unserem Tisch gegenüber saß zum Beispiel ein ca. 25 Jahre alter Mann, der seiner Bekanntschaft sein komplettes Vorleben berichtete. Ich war kurz davor unter den Tisch zu krabbeln und seiner Begleitung zuzuraunen, dass sie doch einfach unbemerkt in der Dunkelheit verschwinden könne. Dem aufgeblasenen Typ (längste Beziehung 5 Monate wow! leider hätten ihn alle Frauen immer so gelangweilt) wäre das bestimmt erst in ein bis zwei Stunden aufgefallen.

Unsere Bedienung war übrigens tatsächlich unsichtbar. Sie hat es z.B. geschafft den Tisch abzuräumen ohne das wir etwas gemerkt haben. Außerdem war sie sehr freundlich und hat uns eingewiesen. Genau so wie der Kellner im Bereich des Restaurants in dem man noch sehen kann. Es wurde wirklich viel und genau erklärt und das gibt in der Dunkelheit selbst ein viel besseres Gefühl. (Da ich auf der Gästeliste stand, weiß ich natürlich nicht, ob es da einen Vermerk gab à la „Vorsicht bloggender Gast, bitte freundlich sein!“)

Gut gefallen hat mir der schön gedeckte Tisch. Zu ertasten war eine Tischdecke, eine Stoffserviette und das Besteck. Das fand ich viel schöner als den nackten Holztisch der Konkurrenz. Die Sitze waren gepolstert und sehr sauber. Hier konnte ich keine verkrusteten Essensreste ertasten.

Highlight des Abends war das Theaterstück in der Dunkelheit (Krimi Dinner). Das war wirklich kurzweilig und spannend – teilweise musste ich mich sogar ein bisschen gruseln und mich an meinen Mann drücken, weil beispielsweise plötzlich leuchtende Augen vor mir auftauchten oder in einer Szene, die in der Pathologie spielte, ein buckliger (?) Verrückter von Tisch zu Tisch „sprang“.

Weil wir keinen Nachtisch hatten, ließen wir uns nach dem Theaterstück von unserer Bedienung wieder nach draußen bringen. Oben wurde man erstmal freundlich gefragt, ob man einen schönen Abend gehabt hätte und ob man noch etwas für uns tun könne – erst dann wurde man gefragt, ob man zahlen wolle.

Mein Fazit: Wenn man mal etwas mit „Event-Charakter“ unternehmen möchte, dann kann man gut in das Nocti Vagus gehen. In der unsicht-Bar hatte ich das Gefühl, dass wir wie Kühe durch eine herzlose Event-Maschinerie getrieben wurden, um am Ende gemolken zu werden. So war das im Nocti Vagus gar nicht. Wir wurden freundlich und kompetent behandelt, das Essen war gut, das Theaterstück spannend und dass es laut und stickig ist, scheint in der Natur der Sache zu liegen.

Außerdem ist das Nocti Vagus deutlich billiger. Wenn man ein 3-Gänge-Menü ohne Event bucht, ist man mit rund 35 Euro dabei. Mit Event zahlt man rund 60 Euro plus Getränke (was dem Dinner in the Dark ohne Theaterstück in der unsicht-Bar entspricht).

Ach, die unsicht-Bar behauptet ja 32% dunkler als alle anderen Dunkelrestaurants zu sein. Tatsächlich hatten wir zumindest den Eindruck, dass es in der unsicht-Bar wirklich dunkler war. Meinem Mann und mir hat das Gehirn zumindest im Nocti Vagus graue Schemen vorgegaukelt – obwohl man gleichzeitig den Eindruck hatte, dass es stockfinster war.

10 Gedanken zu „Doppelter Blindversuch“

  1. Sei dir zu 100% sicher, dass du bevorzugt behandelt wurdest. Ich konnte bei einem Restaurant mal einen Blick auf so eine Reservierungsliste erhaschen und da stand neben meinem Namen im Wortlaut „VIP-Kunde, extra freundlich behandeln!“ und das nur, weil meine Mutter dort den 55. meines Vaters organisiert hat (niemand von uns ist auch nur ansatzweise prominent oder sonstwie VIP). Mein Besuch stand in keinem Zusammenhang mit meiner Mutter, denen hat schon der gleiche Nachname (zugegebenermaßen ein eher Ungewöhnlicher; Ich bestelle wirklich ungern Essen, jedes mal ein graus den Namen übers Telefon zu vermitteln.) gereicht um auf Verdacht für Sonderbehandlung zu sorgen.

    In deinem konkreten Fall bist du mit deiner Reichweite für den Laden auch eine exzellente Werbequelle, wie du auch schon erkannt hast. Obendrein noch eingeladen… sei dir mal sicher, das alles unternommen wurde, um DIR den Besuch so angenehm wie möglich zu machen.

    Lange Rede gar kein Sinn, im Endeffekt bedeutet es nur, das deine Erfahrung nicht repräsentativ sein MUSS und man über den Laden eigentlich nichts erfährt.

    (Spaß am Lesen hatte Ich wie immer bei deinen Artikeln trotzdem sehr)

  2. *Hmm* Tisch war schön gedeckt (im Dunkeln, wie geht das denn ?), alles lecker köstlich super toll und preiswert (fast umsonst der Besuch). Der Bericht macht stutzig weil Besucher vom Nocti Vagus weniger lecker köstlich Tolles berichten. Wie im Märchen *Frau Holle*. Pech über Unsicht-Bar, Gold für Nocti-Vagus vom roten Besucher-Teppich. Komisch komisch (evil to him who evil thinks).
    Herzlichst Ihr
    Cooler

  3. Uah, kleine haarige Tierchen und das in einem vegetarischen Menü. *brrr* ;-) Ich war bislang einmal in Hamburg in der Unsichtbar und war vor allem von der Führung angetan. (Vom Essen eher weniger.) Ich denke aber, dass das Ganze auch stark vom jeweiligen Guide abhängt.

  4. Dunkelrestaurants sollte jeder mal ausprobieren. Ich denke, dass man das Essen wirklich mit anderen Sinnen wahrnimmt bzw. anders schmeckt. Keine Ahnung ob das nur Einbildung ist aber ich fand es jedenfalls sehr interessant.

  5. „Ich war kurz davor, unter den Tisch zu krabbeln und seiner Begleitung zuzuraunen, dass sie doch einfach unbemerkt in der Dunkelheit verschwinden könne. “ – Das ist der Nachteil von Dunkelrestaurants, das Werfen eines Kassibers wäre wirkungslos geblieben. *grins* – Hätte nicht einfaches Applaudieren bei seiner Story Einhalt gebieten können? – An dem „Krimi-Dinner“ habe ich erkannt, dass ich dort und nicht in dem anderen gewesen bin.
    Verstehe ich das richtig, bei der „Unsichtbar“ sieht man nichtser als nichts, hier nur nichts. Und das „nichtser“ ist dann folgerichtig ;-) teurer!

  6. Nach deinem Blogeintrag hätte ich viel mehr Lust, ins Nocti Vagus zu gehen, als in das andere Etablissement. Vom Preis her scheints voll in Ordnung zu sein. Sehr amüsant auch der plauderhafte Gast.

  7. Klingt echt interessant. Zwei Fragen stellen sich aber in meinem Kopf:
    1. Wie du bereits erwähntest, vielleicht gab es einen Vermerk, dass ein bloggender Gast da wäre und nicht nur die Freundlichkeit sondern auch die Tischgegebenheiten und das vorige Auswählen des Gerichts hätten dadurch beeinflusst sein können oder? Ist es also so gut wie du berichtest, oder ist es extra gut „gemacht“ worden.

    2. Das kleine Theaterstück…glühende Augen. Warum glühende Augen wenn man blind wäre? Dieser Gruselansatz wäre dann nicht sichtbar.

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