Eine normale Woche

Den ganzen Februar habe ich vor mich hin geschwächelt. Diese Woche war ich endlich wieder 4 x im Gym. Allerdings nicht zu den gewohnten Zeiten. Normalerweise gehe ich immer vor der Erwerbsarbeit. Zum einen ist es da viel leerer und zum anderen merke ich, dass ich das für meine seelische Gesundheit brauche. Andernfalls sitze ich nämlich oft von 7.30 Uhr bis 17/18 Uhr am Rechner, mache nicht richtig Mittagspause und dann ist der Tag vorbei, ich total kaputt und der ganze Tag gehört der Erwerbsarbeit.
Wenn ich dann wenigstens vorher beim Sport war, dann gehört zumindest ein kleiner Teil des Tages nur mir.

Leider besucht mich in regelmäßigen Abständen die Perimenopausenfee und weckt mich um 3 Uhr nachts: „Hallo, es gibt keinen Grund, aber zauberzauber, jetzt bist du WACH!“
Schönen Dank auch. Meistens bin ich bis halb fünf/fünf schlaflos und dann um 6 Uhr wieder aufstehen, um ins Gym zu gehen… das schaffe ich nicht immer.
Zumal irgendwann werde ich zu diesem Insta-Gag, bei dem man sieht wie eine Person mit Hanteln trainiert und sich dabei mit einer zweiten Person unterhält:
– Wann gehst du ins Bett?
– Leider meistens viel zu spät.
– Und wann stehst du auf?
– Meistens um 4.40 Uhr, um hierher zu kommen.
– Wow, wird man davon nicht verrückt?
– Nein, überhaupt nicht.
Beim letzten Satz steht die Person alleine da und es stellt sich raus, dass sie auch schon die ganze Zeit alleine war und der Gesprächspartner nur imaginiert war.

(Was gibt es besseres als Kurzvideos, die v.a. durch ihre Bildsprache wirken, nachzuerzählen???)

Wegen meiner Schlafstörungen bin ich deswegen gelegentlich außerhalb meiner Routine am Abend im Gym und was ich da nicht ganz verstehe: Ich treffe eigentlich die selben Menschen, die ich sonst treffe, wenn ich morgens trainiere.
Da frage ich mich: Trainieren die morgens und abends und jeden Tag? Weil wie kann das sein? Sie können doch nicht total zufällig so erratisch trainieren wie ich?

Aber ich will mich nicht beschweren. Ich mag diese Gemeinschaft. Nicht dass ich mit jemandem sprechen würde. Ich grüße nicht mal. Aber ich mag Kontinuität. Spooky finde ich es trotzdem. Vielleicht leben wir doch in der Matrix und die sind nur Kulisse und ich bin nur in einer Art Economy-Matrix, wo es nur eine bestimmte Anzahl an Hintergrundprojektionen gibt, so dass eben an Orten wie dem Gym die Menschen sich auch wiederholen.
So oder so: Falls Matrix, bitte weckt mich nicht. Ich will nicht in Zion mit zerschlissener Kleidung und widerlicher Breinahrung leben.

Was mir auch fehlt, wenn ich nicht im Gym bin, sind die Podcasts, die ich regelmäßig höre. Allen voran, sehr heiß geliebt „Verbittert talentlos“ und „Die Leserinnen„. Dabei ist mir neulich aufgefallen, dass ich als junge Erwachsene gerne Kulturzeit mit Gert Scobel geschaut habe und dann, sofern es mein Budget erlaubte, alle Bücher gekauft habe, die Gert Scobel lobend erwähnte. Das selbe mache ich jetzt bei den beiden Podcasts – wann immer ein Buch empfohlen wird, ich lese mindestens mal rein.

So landete letztes Jahr „Hotel Love“ auf meiner Liste und damit habe ich den Leykam Verlag für mich entdeckt und war sofort total begeistert. Die Romane, die dort veröffentlicht werden, sind auf eine Art düster und gleichzeitig schreiend komisch. Zum Jahreswechsel habe ich mir daraufhin auf mein Vision Board „Eines Tages im Leykam Verlag veröffentlichen” geschrieben. Prompt musste ich dann aber lesen „Der Leykam-Verlag schließt seine Publikumssparte, zu der Romane, Kinderbücher und populäre Sachbücher gehören.“ Schade. Der Traum ist damit wohl geplatzt.

Die beiden Podcasts empfehlen nicht nur Bücher, sondern auch andere Podcasts und so bin ich dann wiederum bei „Freiheit Deluxe“ und einer Folge mit der Autorin Marlene Streeruwitz gelandet. Sehr hörenswert, weil ich fand, dass Frau Streeruwitz ein paar feministische Takes hatte, auf denen ich a) länger rumgedacht habe und b) die ich so noch nicht gehört habe. Ein Teil meiner „feministischen“ Bubble auf Insta lebt nämlich sonst sehr davon Takes in pointierten Kurzvideos zu reproduzieren, die jemand anders schon länglich in einem Buch oder ausgearbeiteten Vortrag ausgeführt hat. Ironischerweise sind einige dieser Personen nicht in der Lage, anderen Frauen, bei denen sie ihre Takes zuerst gehört haben, Credits zu geben.
Sie generieren Reichweite, indem sie zusammentragen, was sie bei anderen hören und das dann nochmal aufarbeiten. Ein bisschen wie NLP, das ja auch darauf basiert aus den etablierten Therapieformen das rauszusuchen und zusammenzubringen, das in Studien als wirksam belegt werden konnte. (In dem Fall wurde aber übersehen, dass spezielle Techniken vom restlichen Kontext isoliert, ihre Wirksamkeit verlieren)

Über Streeruwitz habe ich mich auch ein bisschen mit dem Begriff Post-Patriarchat beschäftigt und eine witzige Erkenntnis gehabt. Denn natürlich ist mir der Begriff in der Vergangenheit bereits begegnet – nur dachte ich Post-Patriarchat ist was schönes, weil Post-Patriarchat kann ja nur heißen, dass das Patriarchat überwunden ist. Ich bin davon ausgegangen, dass wir dann in einer gleichberechtigten Welt leben.
Tja Pustekuchen. Ich musste lernen, dass Post-Patriarchat sowas ähnliches wie die Post-Apokalypse ist. Dieses einleuchtende Bild hat mir mein Freund mitgegeben. Wie wir alle wissen: In der Post-Apokalypse leben noch ein paar Menschen, aber sichtlich demoliert und demoralisiet und auch sonst ist nichts schön in der Post-Apokalypse.
Ja und das Post-Patriarchat ist dann leider auch keine Blumenwiese, sondern wir haben in der Tat die Geschlechterdifferenzen überwunden und Frauen haben sich an die toxisch männlichen Klischees angeglichen und die Trennlinie geht nicht mehr entlang der Geschlechter sondern entlang von Geld und damit verbunden von Macht. Mit genug Geld kann jede*r herrschen. „Schön“.

Naja, noch hatte ich nicht viel Zeit mich mit dem Post-Patriarchat zu beschäftigen. Bitte jetzt nicht rummeckern, dass ich das schlecht verstanden und/oder darstelle. Ich fand nur mein Trugschluss amüsant. Post heißt zwar nachher, und irgendwie auch überwunden, aber eben nicht zwangsläufig zum Guten. Ich alte Optimistin.

Wenn mir die Podcasts im Gym ausgehen, dann höre ich in Ausnahmefällen auch mal Musik. Ich bin keine große Musikhörerin. Ich höre entweder Musik, die ich in den 90ern gehört habe (zum Aufwachsen gehörte die Musik noch, aber da hatten wir ja nichts! Kein Social Media, kein Geld, keine Hobbys, da hat man halt Radio gehört) oder ich höre Musik weil ich mich popkulturell verpflichtet fühle mich damit auseinander zu setzen oder weil ich halbe Ohrwürmer von Videos auf Insta oder TikTok habe, weil man da bei den viralen Songs immer nur ein winziges Stück hört. Diese Musikfetzen wabern dann tage- und wochenlang durch meinen Kopf und ich kann sie nur löschen, wenn ich den ganzen Song höre.
So habe ich mich trotz meines fortgeschrittenen Alters mal mit Taylor Swift beschäftigt. Muss man doch irgendwie, wenn die gesamte nächstjüngere Generation so auf sie abgeht, oder?
Warmgeworden bin ich leider nicht. Ich musste feststellen, dass ich es nicht gut ertrage, wenn eine Milliardärin von ihren Alltagsproblemen singt. Meine emotionalen Möglichkeiten mich mit jemanden zu verbinden, der über 1 Milliarde Euro besitzt, sind wirklich stark eingeschränkt.

Überhaupt Songs und die Liebe. Ich würde ja gerne mal wissen, wie viel Prozent aller Songs, die sich um Liebe drehen, eigentlich höchst toxische Denk- und Verhaltensmuster wiedergeben. Menschen sind besessen, wollen besitzen, neiden, misstrauen, kommunizieren nicht ordentlich, kennen ihre eignen Bedürfnisse nicht, überschreiten Grenzen, wollen verstanden werden ohne sich selbst zu verstehen, schieben Verantwortung für ihren eigenen mentalen Zustand auf andere, sind nicht bereit an sich zu arbeiten und wollen durch andere emotional reguliert werden. Und das soll romantisch sein? Aha.

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