Ich habe fertig

Das zweite Kind ist eingeschult und somit treten wir ein in eine neue Ära der Informationslosigkeit.
Kind 2.0 war tatsächlich schon immer relativ selbständig und auch ziemlich mutig und so führten wir bereits vor der Einschulung intensive Diskussionen, ob es wirklich nötig sei, Kind 2.0 zur Einschulung zu begleiten. Da unsere Argumente nicht zählten, blieb es am Ende bei einem freundlichen „WIR KOMMEN MIT UND BASTA!“
Am ersten echten Schultag dann, war Kind 2.0 ziemlich genervt, als wir es erneut begleiten wollten. Es wimmelte uns am Schultor ab. „Bitte, das ist doch voll peinlich, geht bitte einfach weiter!“
Mit zitternder Unterlippe und einem schüchternen Winken ließen wir das Kind ziehen. Es drehte sich kein einziges Mal um.
Am Nachmittag dann strömten die anderen Mütter an mir vorbei in die Schule. Ich stand hinterm Baum versteckt am Eingang als das Kind zur verabredeten Uhrzeit erschien.
„Hallo Mama“
„Hallo Kind, na wie wars?“ Ich hatte den ganzen Tag während der Arbeit Probleme mich zu konzentrieren. Mein Kind! Mein Baby! Mein Schnuffelchen! In der Schule! So groß! Die Zeit etc.
„Gut.“
Wir liefen ein Stück weiter. Ich wollte abwarten, ob es von selbst was erzählen würde. Ich räusperte mich.
„Erzähl doch mal!“
„Was denn, Mama?“
„Na wie wars? Wie ist die Lehrerin? Die Erzieherin? Wie läuft das mit dem Essen? Hast Du Dein Essen gegessen, Kind?“
Genervter Blick. „Hab ich Mama. Sollte ich doch auch.“
„Ja, hm schön! Und die anderen Kinder?“
„Die waren auch da.“
„Sind die denn nett?“
„Ja.“
„Hast Du schon eine Freundin oder einen Freund?“
„MAMA, ich bin erst einen Tag in der Schule, so schnell befreundet man sich nicht.“
„Verstehe. Und das Essen?“
Das Kind geht ein Paar Schritte schneller. Ich laufe hinterher. Auf einer Bank sitzen zwei Mädchen. Sie rufen „Hallo Kind 2.0!“
Meine Chance auf mehr Informationen! „Na? Seid ihr in einer Klasse?“
Drei entsetze Augenpaare starren mich an.
„MAMA, die sind in der VIERTEN!“
„Oh, ich äh ja, ich ähm wollte schon fragen, warum ihr so groß seid“ Ich laufe weiter. Hinter mir entschuldigt sich Kind 2.0 für mein Verhalten.
Zuhause legt es die Brotdose und die Trinkflasche auf die Spüle und packt für den nächsten Tag Hausschuhe, die es für den Hort braucht in den Schulranzen.
Die Erziehung ist hiermit abgeschlossen, würde ich sagen.

32 Gedanken zu „Ich habe fertig“

  1. Oh, wie hast du das gemacht, dass es von allein Dose und Flasche auf die Spüle legt? Meine Bewunderung!! Machen das deine anderen Kinder auch von allein?

    1. Ich denke, dass das das 2. Kind macht, weil es das elterliche Gejammer beim 1. Kind schon seit 7 Jahren hört. Kind 1.0 hingegen, „kann“ das alles immer noch nicht.

  2. Wir haben das große Glück, dass unsere Nachbarin drei Kinder im gleichen Alter wie die unsrigen hat und wahrscheinlich die größte Glucke der Welt ist. Da fällt dann unser total normales Verhalten (die ersten 2 Wochen mit zur Schule gehen und abholen, etc.) gar nicht ins Gewicht.

    Auf die Frage „Wie war’s denn im Kindergarten/in der Schule/beim Sport/in der Musik?“ erhalten wir von allen dreien i.d.R. auch nur immer ein „Gutt.“ (man muss sich das so vorstellen, dass das in einer tausendstel Millisekunde emotionsfrei gesprochen wird).

    Um so schöner, dass sie gegenüber Freunden und Verwandten gesagt haben, dass der Sommerurlaub super und toll gewesen sei. Kind #1 hat sogar unaufgefordert in vollständigen Sätzen mehrere schönste Urlaubserlebnisse berichtet.

  3. Glück gehabt. Schlimmer wäre ein heulendes Kind, das nicht in den Bus einsteigt, weil der komisch riecht. Und dann alle 50 Kinder zu spät kommen. (Nein, war nicht meiner) Aber die Arie dauerte bis zu den Osterferien ;o))

  4. Warum soll die Erziehung abgeschlossen sein? Wenn ich das so lese, scheint Kind 2.0 doch vielmehr noch viel Arbeit mit Ihnen zu haben. ;-)

    Wieder einmal ein wundervoller Text!

    1. Mit dem Jungen wollte ich mich anschließen, denn Mädchen sind meist nicht ganz so genervt, wenn sie geherzt und geküsst werden vor ihren Freundinnen – Jungen ist das oft peinlich – und ich kann es verstehen :-)

  5. Selbstständiges Kind, so soll es sein.
    Es wird gut zurechkommen.
    Und es zieht Grenzen, hat seinen eigenen neuen Lebensbereich.
    Ach, und lustig ist es auch.

  6. Schulen werden für Kinder immer fremder. So ist die Tendenz. Allerdings liegt es nicht unbedingt an der Schule, sondern an dem, was aus der Schule langsam aber sicher gemacht wird: Ein Zuchthaus!

    Wir jedenfalls sehen die Schule kritisch.
    Wie ist es bei euch?

  7. Hach ja, warum soll’s dir auch besser gehen als mir? Ich durfte zwar gestern den Bub abholen, küssen und anfassen ist aber in der Schule ab jetzt verboten (schluchz) und meine Nachfrage, wie der erste Tag denn gewesen sei, sagte er nur: „Schön! Gab Suppe!“ Ah ja. Gut. Aber er ist fröhlich. Was will ich mehr? ;-)

  8. Tja, da habt ihr bei der Erziehung wohl was richtig gemacht =)
    Herzlichen Glückwunsch zum großen Kind, schön, dass es so selbständig ist. Auch wenn es einem als Elternteil sicherlich nicht ganz leicht fällt.
    Grüße, Kathrin

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    Made my day
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Mentions

  • Rotes Hütchen | doppelhorn.de
  • Woanders – diesmal mit der Heimat, dem Wiederlesen, einer Einschulung und anderem | Herzdamengeschichten

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