Als Kind und Jugendliche war ich viel in der Kirche. Ich war auch immer sehr stolz auf meine 1 in „Katholischer Religionslehre“. Wie es da sein kann, dass ich Ostern immer ein bisschen verpasst habe, weiß ich auch nicht. Jedes Jahr google ich „Was passierte zu Ostern“. Klar, grundsätzlich weiß ich das. Jesus wurde gekreuzigt und dann ist er wiederauferstanden. Aber wann, was genau. Keine Ahnung.
Ein schlimmer Frevel natürlich, weil die Wikipedia sagt, dass Ostern den Höhepunkt des Kirchenjahres darstellt.
Also war ich früher wohl nur performativ gläubig. Ich war also sowas wie die „feministischen“ Männer, die in Alltagssituationen nicht mal schaffen sichtbar mit den Augen zu rollen oder laut zu stöhnen, wenn ein Kollege misogynen Mist von sich gibt.
In dem Zusammenhang ist es ungleich passend, dass ich wie die Jungfrau zum Kinde zu einer Karte zu Brahms’ Requiem am Karfreitag in der Philharmonie kam.
Ich muss sagen, auch wenn ich in der Mittelschicht aufgewachsen bin, bin ich in meinem Elternhaus weitgehend bildungsfrei aufgewachsen. Meine Eltern haben nicht gelesen und sind komplett unmusikalisch. Ich wurde nie zu irgendeinem Kurs geschleppt und habe kein Instrument gelernt. Wir waren nie im Theater und schon gar nicht in klassischen Konzerten. Nicht mal im Radio lief Klassik.
Insofern habe ich noch nie ein klassisches Konzert besucht. Aber nicht weil ich nicht interessiert war, sondern einfach weil sich nie eine Gelegenheit ergeben hat.
Ich war deswegen sehr gespannt auf das Konzert und habe mir als Vorbereitung das Programmheft durchgelesen.
Oder sagen wir ehrlicherweise habe versucht das Programmheft durchzulesen. Denn geschafft habe ich es nicht, weil mein Brainrot-Gehirn alle drei Sätze dicht gemacht und mir Fahrstuhlmusik eingespielt hat. Jede Beschreibung, die ich lesen konnte, war sehr vorraussetzungsreich. „Seit Bachs h-moll-Messe und Beethovens Missa solemnis ist nichts geschrieben worden, was auf diesem Gebiete sich neben Brahms’ Deutsches Requiem zu stellen vermag“ – schreibt Eduard Hanslick über das Stück des Abends. Ja, schade. Ich kenne ja weder Bach noch Beethoven und so sind solche Sätze für mich so inhaltsreich wie „Seit Knorkbohren und Pumelparius ist nichts mehr komponiert worden, was sich mit Brahms’ Deutsches Requiem vergleichen kann“.
Auch bei „Obgleich die gesamte Disposition durchaus den traditionellen Requiem-Vertonungen folgt und durch die von Brahms vorgenommene Textauswahl bewusst
Analogien zu der lateinischen Vorlage hergestellt wurden, fügt sich das Werk nicht bruchlos in die Gattungsgeschichte ein“ verstehe ich nur Bahnhof. Egal, was ich lese, im Wesentlichen muss ich an meine Hackfleischbesprechungen denken.
Was mir letztendlich im Kopf blieb, war, dass Brahms wohl so viel Respekt vor Beethovens Vorarbeiten hatte, dass er erst 40 werden musste, bevor er sich an das Requiem wagte. Vermutlich hat es außerdem persönliche Trigger gebraucht um sich mit dem Thema Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Als schließlich kurz hintereinander seine Mutter und sein Mentor Robert Schumann starben, war er wohl so weit und hat Ein deutsches Requiem komponiert, das als groß dimensionierten Trauer- und Trostmusik beschrieben wird. Ich habs mir daher schwermütig und traurig vorgestellt und vorsichtshalber Taschentücher eingepackt. Empfunden habe ich es aber eher dynamisch und hoffnungsvoll.
Am Ende weiß ich aber gar nicht wie sehr mich die Musik erreicht hat. Ich war sehr damit beschäftigt mir die einzelnen Instrumente anzuschauen und zu rätseln, was was ist. Sehr beeindruckt hat mich z.B. ein Blasinstrument, das eigentlich so aussah als ob es in einer Bar in einer beliebigen Star Wars Serie gespielt werden könnte. (Einer meiner Begleiter hat geraten, dass es sich um ein Kontrafagott handelt und damit recht behalten.)
Ich habe außerdem die beiden Harfespieler angestarrt, um nicht deren Einsatz zu verpassen und war sehr aufgeregt, ob der Paukist seine seltenen Einsätze auch immer erwischt. Ein nervenaufreibender Job, denke ich. Man hat im Vergleich zu den Geiger*innen nicht viel zu tun, aber wenn man dran ist, dann ist man sichtbar und es würde stark auffallen, wenn man einen Fehler macht.
Es hat mich dann auch sehr beschäftigt, wie die einzelnen im Orchester vergütet werden. Geht es nach gespielter Zeit? Oder bekommt man als Doppel-Bass-Flötist*in mehr, weil die Doppel-Bass-Flöte so selten benötigt wird, dass die, die sie spielen können ihr Expertenkönnen hoch bezahlt bekommen?
Was ist wenn man dringend Pipi muss? Was, wenn man krank wird? Gibt es bei den Musiker*innen so etwas wie eine Ersatzbank, wo die Zweitbesetzung sitzt und wartet, dass endlich mal jemand ausfällt? Wie viel Spucke sammelt sich während eines Konzerts in einer Tuba? Schüttet man die hinterher aus?
Warum war die Sopranistin Nikola Hillebrand so dünn? Ist es nicht besser dicker zu sein, weil man dann einen ordentlichen Resonanzkörper hat?
Wie ist die Work-Life-Balance wenn man im Orchester spielt oder im Chor singt? Haben Musiker*innen dann Musiker-Partner*innen? Wie geht das dann mit der Kinderbetreuung? Wenn man als Star-Sopranistin oder erste Geigerin so erfolgreich ist und im Rampenlicht steht, kommen die Männer dann klar damit? Können sie sich freuen oder fühlen sie sich als Key Accounter oder Monteur dann klein? Aus der Forschung weiß man ja, je mehr Geld die Frau verdient, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung.
Singen Chor-Sänger*innen zuhause auch gerne? Wie ist es als Kind einer Chor-Sänger*in aufzuwachsen? Bekommt man dann das wunderschöne Maria durch ein` Dornwald ging jeden Abend als Einschlaflied vorgesungen?
Ist der Dirigent wirklich so nötig? Wie würde das Ensemble ohne ihn klingen? Würde ich mit meinem ungeschulten Ohr einen Unterschied hören?
Sind diese Dirigierstöckchen aus der Mode gekommen (Christian Thielemann hatte keins)?
War dem zweiten Harfe-Spieler die Wahl des pompös goldenen Designs seiner Harfe im Nachhinein peinlich? Sie stach ja schon sehr aus dem sonstigen Bild der Instrumente heraus…
Wie klar geworden sein sollte, es fiel mir wirklich schwer mich auf die Musik zu konzentrieren, denn niemand beantwortete mir meine Fragen. Nicht mal in den Hustpausen zwischen den Sätzen.
Für mich klang das Konzert makellos, was mich zur der Frage führte: Hätte ich einfach eine bearbeitete Aufnahme gehört, hätte ich einen Unterschied zum Livekonzert heraus hören können?
Den Rest des Abends gab es jedenfalls genug Gesprächsstoff und ich habe zwei Bier getrunken und zwei Zigaretten geraucht und war bis nach 24 Uhr unterwegs. Auf dem letzten Stück nach Hause fuhr ich die sogenannte Partytram und hab mich so wie ein junger Mensch gefühlt.
Oder vielleicht eher, wie ich als junger Mensch immer gedacht habe, dass man sich fühlen müsste, wenn man jung ist: glücklich und frei.
Ein sehr schönes Gefühl und irgendwie schließt sich da der Bogen. „Furchtsame Konfrontation mit der Vergänglichkeit“ schreibt der Tagesspiegel über eine Chorpassage. Das ist ja nicht nur das Oster-Motto sondern auch meins seit Jahren. In regelmäßigen Abständen ereilt mich nämlich eine Midlife-Crisis.
Ich denke wehmütig zurück an meine Zwanziger und frage mich: was hab ich da verpasst? Vor welchen Weggablungen stand ich und wo stünde ich, wenn ich die andere Richtung gegangen wäre? Was hätte ich mich trauen sollen? Welche Fragen hätte ich stellen müssen? Was hätte ich seinlassen sollen?
Man weiß es nicht.
„Denn alles Fleisch, es ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret
und die Blume abgefallen“
In diesem Sinne verbringe ich den folgenden Tag als leicht verwelkte Blume.
******************KOMMENTAROMAT**********************
Gerne gelesen
*****************/KOMMENTAROMAT**********************
******************KOMMENTAROMAT**********************
Gerne gelesen
*****************/KOMMENTAROMAT**********************
Hörtipp: https://www.zeit.de/arbeit/2026-04/michael-leopold-muenchner-philharmoniker-schlagzeug-arbeit-podcast
Genau! Musste ich auch dran denken!
Sehr geehrte dasnuf, wie schön, daß Sie eine Einführung in die Requien durch Brahms hatten. Bitte lassen Sie sich nicht abschrecken, daß Sie diesbezüglich so „ungebildet“ aufgewachsen sind. Hören Sie sich einfach einfach durch diverse Interpretationen dieses Requiems durch, hören Sie sich die Bach Kantaten an, die Matthäus Passion, die Johannes Passion. Das Requiem von Mozart und das von Salieri: das ist ein sehr gutes Beispiel. Als ungeschulter Hörer mag hier wenig Unterschied sein, wenn Sie sie beide mehrmals gehört haben, dann stellen Sie gewaltige Unterschiede fest: auch als nicht Musikerin.
Bach ist immer grosses Hörkino, um es mal so salopp zu sagen, es senkt den Blutdruck ohne Medikamente, Bach macht einfach glücklich, so wie Sie offensichtlich das Konzert mit Brahms glücklich gemacht hat. Hören Sie sich einfach mal durch die Barockmusik durch. Sie müssen noch nichtmal CD’s kaufen, es gibt unendlich vieles auf YouTube.
Ich bin dankenswerter Weise durch meinen Vater mit klassischer Musik aufgewachsen und wusste oft überhaupt nicht, was da vom Plattenspieler kam, dadurch habe ich ein gutes Hörgedächtnis in Sachen klassischer Musik, vor allem Barock, aber auch Opern von Verdi, Wagner, Donizetti und vielen anderen.
Ich war viele Jahre im Chor der Deutschen Schule in Lissabon, wir haben sehr anspruchsvolle Sachen gesungen, u.a den Chor im Ring von Wagner, Requien, Messen und waren vielfach bei Wettbewerben dabei und haben Preise bekommen. So habe ich ein Ohr für klassische Musik, mitnichten das absolute Gehör und meine „Karriere“ als Musikerin hörte nach 20 Stunden Blockflöte auf, als Kind, als ich dann einen Teil der Blockflöte im Komposthaufen versenkte, den anderen Teil im Ammersee, weil ich es einfach nicht konnte und wollte. Man muss nicht als Kind unbedingt „geschult“ werden. Wenn man die Bereitschaft hat, sich in die Musik zu begeben und die leisen Unterschiede in der Dynamik mitzuerleben, kann man das auch ohne musikalische Vorbildung. Und je mehr man hört, desto mehr hört man, erlebt man mit und irgendwann kann man in ein Konzert, und sieht die Instrumente und weiss, wie sie klingen sollen und, daß ein Dirigent mit Stock oder ohne, der Konzertmeister ist, was u.a.Bach war, weil der die Truppe zusammenhält.
Ja, es gibt fantastische Musikerfamilien, wie die Geschwister Well in Bayern, deren Kinder, Kindeskinder seit Generationen Musik machen, in allen Richtungen und klassische Musikausbildungen haben; es gibt die Vereine, die seit Jahrzehnten Blasmusikkapellen haben in Bayern und Familien, wo ein Familienmitglied Geiger war, der Sohn auch, die Geschwister aber eben nicht. Es gibt unendliche Facetten diesbezüglich. Ein Freund von mir hatte das Salonorchester in München, eher leichtgängige Musik, Walzer etc, sein Sohn studiert Musik und hatte auch schon Aufnahmen ernsterer klassischer Musik.
Nehmen wir die Musiker und Bands der 60iger und 70/80iger Jahre: das waren alles Popmusiker, die noch bisweilen Musik studiert hatten, sich mit den Harmoniefolgen, Noten etc auskannten, wussten was ein Flageolett ist, wie Stimme zu klingen hatten, wie eine Harmoniefolge zu spielen war: vergleichen Sie mal Songs von The Queen mit heutigen Pop Gruppen und dazu die Songtexte. Da gehen einem die Augen auf und auch das Gehör. Da sind Welten dazwischen. Bleiben Sie einfach dran und bleiben Sie glücklich mit Ihrem Erlebnis mit Brahms. Vielleicht werden Sie mit Bach noch glücklicher!
Liebe DasNuf,
danke für diesen Einblick, zu dem ich durch Verlinkung von Frau Vorspeisenplatte gelangte. Ich habe ihn gelesen und jetzt zwei Fragen. 1. Hat es Ihnen gefallen und wollen Sie wieder hin? 2. Wie kommt es, dass ein Mensch trotz christlicher Sozialisation Bach nicht kennt? (Meine vorurteilsbehaftete Vermutung: Wird Bach in der katholischen Kirche nicht gehört? Für die evangelische wäre es nur wenig übertrieben, zu sagen, dass die Verehrung Gottes und J. S. Bachs fließend ineinander übergehen.) Zur Einordnung: Ich bin in den 60er und 70er Jahren in einem Haushalt aufgewachsen, in dem die Erwachsenen aus dem Proletariat kamen, aber, wie in der „alten“ Arbeiterklasse nicht selten, äußerst bildungshungrig waren. Was sie am meisten verehrten (Beethoven, Brahms usw.) höre ich heute selten, umso mehr Alte und Neue Musik. Und ja, ich finde, die Musiker*innen zu beobachten ist wesentlicher Teil des Live-Erlebnisses, gerade in der (Berliner, oder?) Philharmonie. Wenn es möglich ist, ein Konzert im Radio nachzuhören, bei dem ich dabei war, mach ich das immer. Davon kriegt man ganz andere Ohren… Beste Grüße, und über Antwort freut sich L.
Hallo Lupine,
1. es hat mir gefallen, aber ich finde es zu teuer, um das regelmäßig zu machen.
2. „Bach kennen“ ist ja dehnbar. Ich habe Bach bestimmt schon in der Kirche gehört, aber nicht aufmerksam im Sinne von – ich weiß, welches Stück ich höre. Noch hätte ich je einen Wiedererkennenseffekt gehabt. Ich werde auch sicher nicht sagen können: „Das ist das Bach-Stück“ wenn ich mehrere Stücke vorgespielt bekomme.
Danke für die Erklärung. Schön, dass es Ihnen gefallen hat, und schade, dass es zu teuer ist (auch auf den Plätzen weiter oben?). Doppelt schade, keine Goldberg-Variationen, keine Brandenburgischen Konzerte, keine Passionen, Kantaten, Kunst der Fuge und all das andere nicht gehört zu haben. Ich wünsche Ihnen, dass es sich vielleicht doch noch mal ergibt.
Solltest du noch Interesse haben: ich könnte möglicherweise Kontakt herstellen mit einer ehemaligen Oboen-Spielerin aus dem Orchester des 16.jhd hier in den Niederlanden. Ich müsste natürlich erst fragen, kann mir aber gut vorstellen dass sie deine Fragen sehr gerne beantwortet.
Das ist sehr lieb – Danke für das Angebot – aber Yendolosch in den Kommentaren und auf Mastodon hat mir ja schon eine Menge beantwortet.
Das sind ja wunderbare Fragen, die mich auch alle interessieren. Aus einfachen Verhältnissen kommend waren die hohe Kultur kein Thema. Das war den oberen vorbehalten, den besseren. Erstaunlich, dass von den Anbietern dieser Kultur nicht mehr Angebote für Neulinge gemacht werden. Einfache Einführungen, die auf die tollen Fragen von dir selbstverständlich eingehen. Vielleicht wird so etwas für Kinder gemacht, das wäre ja schon sehr schön aber halt auch für Kinder, die nicht von denen Eltern dazu ermuntert werden, sondern für alle.
Gut, dass du Begleiter hattest, mit denen du deine Eindrücke besprechen konntest.
Kenne um zwei Ecken einen Musiker der aus Australien ausgewandert ist weil alle Stellen für sein Instrument besetzt waren.
Zur Vergütung: Profiorchester der Rundfunksender oder großer Konzerthäuser haben in der Regel Tarifverträge, in denen Vergütung, aber auch Pausenzeiten, Tourneen etc. akribisch geregelt sind: https://uni-sono.org/service/angebot-mitglieder/berufsorchester/
Alles darunter ist eher prekär und da geht es dann tatsächlich auch nach Angebot und Nachfrage. Ist es schwierig, ein Kontrafagott zu kriegen, kann es mehr verlangen, gibt es mehrere, dann eher nicht.
LG
Poupou
Interessant. Danke!
Brahms’ Requiem habe ich schon mehrmals im Chor mitgesungen – was ich physisch manchmal nicht ganz ohne finde.
Vorletzten Herbst haben wir es mit über 60 Chor-Leuten gemacht – das war großartig!
Mir gefällt die Zusammenstellung aus Bibelworten über Leiden und Hoffnung, Tod, Trauer, ewiges Leben gut. Und wenn mir einer dieser Verse unterkommt, löst er oft einen Brahms-Ohrwurm aus!
Außerdem finde ich, da ist reichlich musikalische Abwechslung drin (Mehr als in manchem Privatradio-Programm, das sowas für sich beansprucht …)
Also: schön, wenn Leute da auch mal überraschend was für sich entdecken, wie Du jetzt!
Frohe Ostern! (was ist das für ein katholischer Religionsunterricht, wo von Ostern kaum was hängen bleibt?)
Der Unterricht war bestimmt super… nur ich war oft sehr verträumt und hab nur sehr selektiv zugehört.
******************KOMMENTAROMAT**********************
Gerne gelesen
*****************/KOMMENTAROMAT**********************
Brahms Deutsches Requiem! Ganz großes Kino, auch rein akustisch, also ohne aufs Orchester zu achten!
Ich kann empfehlen, sowas mal mitzusingen. Oft genug wollen Chöre, die das planen, sich vorher noch ein wenig auffüllen, für den satteren Klang, und damit auch garantiert genug Leute gesund sind bei den Aufführungen. Da kann man manchmal auch mit wenig Gesangserfahrung reinrutschen in so eine Produktion, und dann lernt man so ein Stück nochmal ganz anders kennen.
Zur Orchester-Vergütung kann ich nix sagen, aber:
> Was ist wenn man dringend Pipi muss?
Wie im Mannschaftssport: Vor dem Anpfiff gehen, auf die Pause warten.
> Was, wenn man krank wird?
Unterschiedlich, je nach Ersetzbarkeit: wenn es mal nur 5 zweite Geigen gibt statt 6, dann fällt das keinem auf. Wenn die einzige Paukenistin ausfällt, dann muss als Ersatz jemand einspringen, der oder die ganz viel Routine mitbringt. Die machen (hoffentlich, wenn es das gibt) eine Aufwärmprobe vorher mit, ansonsten gibt es nur eine Besprechung mit der Dirigentin, und dann geht das los — mit viel Aufmerksamkeit und ein bisschen Adrenalin läuft das.
> Gibt es bei den Musiker*innen so etwas wie eine Ersatzbank, wo die Zweitbesetzung sitzt und wartet, dass endlich mal jemand ausfällt?
Naja, wenn Sachen innerhalb des Ensembles weiterverteilt werden können, macht man das natürlich. Eventuell muss dann halt jemand das Solo spielen, die sonst immer daneben saß.
> Wie viel Spucke sammelt sich während eines Konzerts in einer Tuba? Schüttet man die hinterher aus?
Nö, zwischendurch immer mal wieder. Und das ist größtenteils keine Spucke, sondern Kondenswasser, weil im Laufe eines Konzerts der eine oder andere Kubikmeter Atemluft da durchgeht und dessen Feuchtigkeit sich am kalten Metall niederschlägt.
> Warum war die Sopranistin Nikola Hillebrand so dünn? Ist es nicht besser dicker zu sein, weil man dann einen ordentlichen Resonanzkörper hat?
Darüber streiten sich die Geister. Es gibt tolle Sänger und Sängerinnen in allen Körperformen.
> Wie ist die Work-Life-Balance wenn man im Orchester spielt oder im Chor singt?
Bei Amateuren ist es ein Hobby wie jedes andere: wöchentliche abendliche Proben und gelegentlich am Wochenende Konzerte. Bei Profis ist es schon krasser, aber auch nicht anders als bei Leuten in der Gastro oder sonst in der Unterhaltungsbranche: man arbeitet halt, wenn andere Leute Freizeit haben. Da ist meist ein Tag in der Woche frei, und sonst häppchenweise hier ein halber, da ein halber.
Zum Familienleben unter Profi-Musikantinnen kann ich genausowenig sagen wie zur männlichen Eifersucht (mir macht es nichts aus, dass meine Frau mehr verdient als ich).
> Singen Chor-Sänger*innen zuhause auch gerne?
Ja.
> Wie ist es als Kind einer Chor-Sänger*in aufzuwachsen? Bekommt man dann das wunderschöne Maria durch ein` Dornwald ging jeden Abend als Einschlaflied vorgesungen?
Zumindest mangelt es vermutlich nicht an guter Privatmusik.
> Ist der Dirigent wirklich so nötig? Wie würde das Ensemble ohne ihn klingen? Würde ich mit meinem ungeschulten Ohr einen Unterschied hören?
Ja; weniger „zusammen“ und weniger ausdrucksstark, also individueller, ausgefranster, durchschnittlicher; vermutlich nicht, aber vielleicht schon.
> Sind diese Dirigierstöckchen aus der Mode gekommen (Christian Thielemann hatte keins)?
Ich habe Profi-Dirigenten vor großen Ensembles nur mit Stock erlebt.
Spannend. Danke für Deine Antworten.
Ich kann leider gar nicht singen und denke, dass jeder Chor froh ist, wenn ich kein teil davon werde.
******************KOMMENTAROMAT**********************
Gerne gelesen
*****************/KOMMENTAROMAT**********************
Habe jetzt außerdem sehr große Lust auf „Knorkbohnen mit Pumpelparius“. Ich vermute, das ist ein sehr leckerer Eintopf aus Brandenburger Feldfrüchten.
(Zusammenhang zu Brandenburgischen Konzerten? Zufall!?)