Call me an Agent

Neben meinem jetzigen Arbeitgeber war ich noch für andere, über die Maßen beliebte Unternehmen tätig. Ein Highlight war mein Job bei einem hier namentlich nicht zu erwähnenden Telekommunikationsanbieter in der Abteilung Weckdienst.
Für diese Tätigkeit sind lediglich drei goldene Regeln zu beachten:

1. Legen sie sich ein Pseudonym zu. Melden sie sich nie mit ihrem eigenen Namen, sonst können Beschwerden weitergeleitet werden.

2. Wenn sich jemand trotzdem beschwert sagen sie: „Ja, aha, hm, natürlich, ich verstehe, ja. Vielen Dank für ihre Anregung. Ich werde das an meinen Gruppenleiter weiterleiten.“
Anmerkung des Autors: Gruppenleiter sind so real wie der Weihnachtsmann. Nur Kunden glauben daran.

3. Wenn die Kunden nerven, bitte einfach auflegen oder ins Nirwana verbinden.

Während der Arbeit kann man essen, rauchen und Radio hören, wenn jemand möchte, kann er seinen Fernseher mitnehmen. Wer sich gerade unterhält, muß das Gespräch nicht unterbrechen, er wartet einfach bis der Kunde wieder nach Hamburg oder Frankfurt weitervermittelt wird.

Die Personalabteilung des Telekommunikationsanbieters hatte ebenfalls ganze Arbeit geleistet. Mit mir am Telefon:
Kerstin, ausgebildete Opernsängerin mit 0190er Stimme.
Andreas, Architekt, von Geburt aus besserer Mensch, spricht deswegen nicht.
Tina, vertraut nur Kaninchen.
Wolfgang, oberwichtiger Publizist und Presseoberhaupt, kennt Herbert, Claire und Hans, ist mit allen wichtigen Persönlichkeiten der Nation auf Du und Du.
Meinen Liebling habe ich liebevoll Orang-Utan-Klaus genannt (und das obwohl er nichts katzenhaftes an sich hatte). Klaus ist grob geschätzt drei Meter groß. Er hat viele Haare und ein Organ, das einmal in Schwung gekommen, Erdbeben der Stärke sieben auslöst. Dialekt: unbestimmt. Sprachfehler. Hobby: Kunden anschreien.

Was außerdem brennend interessiert: Wer läßt sich in Deutschland wecken und warum? Eine Antwort darauf habe ich nie gefunden.
U.a. gibt es in Deutschland 50 Millionen angemeldete Handyverträge (davon schätzungsweise 30 Millionen Handtelefone mit Weckfunktion) … die feil gebotene Dienstleistung kostet bei meinem ehemaligen Arbeitgeber 1,35 € wenn der Automat weckt und das Doppelte wenn persönlich geweckt werden soll. Plus Steuer, versteht sich von selbst.

Wie viele lassen sich wecken?
Meine Hochrechnung: Ich habe ca. 720 Anrufe in einer Fünf-Stunden-Schicht bewältigt. In Berlin waren wir zehn, in Frankfurt und Hamburg telefonierten je fünfzig. (Man rechne bitte selbst nach)

Auch das Klientel war vielseitig.
Es gibt ein Frau, die läßt sich jeden Tag zweimal wecken, seit 10 Jahren, macht 9.855 €.
Besonders mochte ich Daniel. Der rief jeden Tag 20 mal an und erkundigte sich, ob wir Vampire in den Büros haben. Er ist 19, seine Mutter 102. Sie ist Amerikanerin und wohnt in Cottbus. Er wohnt in Stuttgart und fährt am Wochenende mit dem Mofa zu ihr. Er mag Blusen und wenn man ein T-shirt anhat, legt er auf.
Erstaunlich ist auch, wie viele Menschen tatsächlich Kuckucksuhren besitzen. Die hört man nämlich im Hintergrund.
Ich frage mich gerade, warum ich diesen Job eigentlich gekündigt habe …

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Als Albert Camus sich Gedanken zum Absurden gemacht hat, war er zweifelsohne dort, wo ich mich gerade befinde. In einem mir namentlich nicht bekannten Dorf eine Stunde HINTER Bonn. Genauer gesagt im Hotel „Weißes Kreuz“. Es gibt hier kein Telefon. Es gibt ein Bett. Das ja. Alles andere ist Schein. Wie beispielsweise die Wände. Wenn ich genau hinsehe, kann ich sehen, wie mein Zimmernachbar sich in seinem Raum bewegt. Die Hinfahrt war ebenfalls kafkaesk. Es hieß „You’ll be picked up at the station“. Bepackt wie eine Ameise (sprich, ich habe ca. das fünfzigfache meines Eigengewichts getragen) stehe ich am Bahnhof und werde „abgeholt“. „Hallo, bitte folgen Sie mir!“ und so folge ich dem Mann, 2750 kg schleppend, bis wir am schönen Hotel ankommen. Dort darf ich ob meiner niederen Hierarchiestufe nicht bleiben. Mit anderen Unwürdigen werde ich mit dem so called Bustransfer in das naheliegende namenlose Dorf gebracht. Der Fahrer kennt sich leider nicht aus und entschließt sich nach einer halbstündigen Suche an einer Tankstelle zu halten und nach dem Weg zu fragen. Wir bekommen das Hotel gezeigt, halten aber nicht an. Denn der durch die Organisatoren vorgegebene Plan lautet: die Leute zum Bahnhof bringen. Dort werden wir ausgesetzt und müssen unserer Orientierungsvermögen in einem 30 Einwohner umfassenden Einstraßenort unter Beweis stellen und den ganzen ver******** Weg zu Fuß zurück zum Hotel gehen. Die Überlebensstrategie für alles Folgende habe ich aus dem Sisyphosbuch: Ich muss der Situation eine angemessene Verachtung entgegen bringen, dann kann sie mir nichts anhaben.

Als Albert Camus sich Gedanken zum Absurden gemacht hat, war er zweifelsohne dort, wo ich mich gerade befinde. In einem mir namentlich nicht bekannten Dorf eine Stunde HINTER Bonn. Genauer gesagt im Hotel „Weißes Kreuz“. Es gibt hier kein Telefon. Es gibt ein Bett. Das ja. Alles andere ist Schein. Wie beispielsweise die Wände. Wenn ich genau hinsehe, kann ich sehen, wie mein Zimmernachbar sich in seinem Raum bewegt. Die Hinfahrt war ebenfalls kafkaesk. Es hieß „You’ll be picked up at the station“. Bepackt wie eine Ameise (sprich, ich habe ca. das fünfzigfache meines Eigengewichts getragen) stehe ich am Bahnhof und werde „abgeholt“. „Hallo, bitte folgen Sie mir!“ und so folge ich dem Mann, 2750 kg schleppend, bis wir am schönen Hotel ankommen. Dort darf ich ob meiner niederen Hierarchiestufe nicht bleiben. Mit anderen Unwürdigen werde ich mit dem so called Bustransfer in das naheliegende namenlose Dorf gebracht. Der Fahrer kennt sich leider nicht aus und entschließt sich nach einer halbstündigen Suche an einer Tankstelle zu halten und nach dem Weg zu fragen. Wir bekommen das Hotel gezeigt, halten aber nicht an. Denn der durch die Organisatoren vorgegebene Plan lautet: die Leute zum Bahnhof bringen. Dort werden wir ausgesetzt und müssen unserer Orientierungsvermögen in einem 30 Einwohner umfassenden Einstraßenort unter Beweis stellen und den ganzen ver******** Weg zu Fuß zurück zum Hotel gehen. Die Überlebensstrategie für alles Folgende habe ich aus dem Sisyphosbuch: Ich muss der Situation eine angemessene Verachtung entgegen bringen, dann kann sie mir nichts anhaben.

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Der zweite Tag beginnt mit einem pompösen Frühstück. Am Büffet befinden sich zwei Platten. Die Frage lautet: Mettwurst oder Käse. Über etwas anderes muss ich mir zum Start des Tages keine Gedanken machen. Ob ich Kaffee oder Tee zu mir genommen habe, ist bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht geklärt.
Das ist ein Kontaktseminar. Also muss ich bereits um 7.30 Uhr mein Namensschild tragen. Wir duzen uns alle. Manche Teilnehmer reden bereits um diese Uhrzeit so viel, dass ich meine Hand immer wieder abhalten muss in den Serviettenstapel vor mir zu greifen und selbigen als Dämmmaterial zu entfremden. Die Finnin, die bereits am gestrigen Abend einen Sprung in ihrer Schallplatte hatte, sitzt auch am Frühstückstisch. Seit über 16 Stunden wiederholt sie ihren einstudierten Satz: „Hello,areyoufromacraftsandartschoolnoohthatsapityohhelloareyoufromacraftsandartschoolnooh“ tbc
Den Rest des Tages hänge ich mich an einen Esten mit dem landestypischen Namen Giancarlo. Wir trinken finnischen Lakritzschnaps und ein norwegisches Gebräu, das mich stark an Hustensaft erinnert. Giancarlo sagt, dass man in Estland dazu „Kleber“ sagt. Estnisch ist übrigens so kompliziert, dass die Esten es auch nicht so gut beherrschen.