
Als ich mit meinem Erstgeborenen vor ca. zehn Jahren in Franken war, wurde es von einem anderen Kind angesprochen, ob es wohl noch nicht so gut sprechen könnte, da es das R noch nicht so gut rollen würde. Seitdem lernt das Kind fränkisch und wird demnächst sein DFDFS* machen, das es mindestens mit C1 abschließen möchte.
Erste Kenntnisse konnte ich vermitteln (»Ich heiße Patricia. Haddes B und haddes D«), da ich elf Jahre meines Lebens vor Ort gelebt habe. Ich kann Fränkisch sehr gut verstehen, allerdings kann ich es leider nicht so gut sprechen. Meine Eltern hatten es mir damals nicht erlaubt und ich habe für jedes »fei« eine Schelle bekommen, so dass ich zu großen Teilen beim Hochdeutsch geblieben bin. Lediglich eine als-und-wie-Verwechselung konnte ich vollständig in meinen aktiven Sprachschatz integrieren. In Berlin kann ich auch jedem vormachen, dass ich fränkisch kann. In Franken bin ich schon beim »Grüß Gott« enttarnt**. Letztendlich konnte ich dem Kind bei seinen ambitionierten Zielen nicht weiterhelfen und es musste zur Vertiefung der Kenntnisse auf Fachliteratur zurückgreifen. Es hat dafür u.a. alle vier Asterix-Bände auf Oberfränkisch auswendig gelernt (mein Lieblingswerk ist »Asterix bei die Bieramiden«).
Zur Abrundung der Kenntnisse haben wir das Kind dann am 11. August losgeschickt, um Kontakt mit den Einheimischen aufzunehmen. Es sollte herausfinden, wo wir die Sonnenfinsternis am besten schauen können. Wir wollten etwas mit freien Blick auf den Horizont Richtung Westen, am besten erhöht und mit nur wenig Menschen.
Tatsächlich kam das Kind nach nur zwei Stunden mit einem Tipp zurück. Die Einheimische hatte sofort erkannt, dass das Kind kein Native Speaker war, wollte aber das redliche Bemühen um Integration belohnen und flüsterte dem Kind einen Ort zu.
Den Ort durfte es nur Familienmitgliedern ersten Grades verraten und es musste schwören, dass es im Anschluss wieder dahin zurück ging, wo es hergekommen war, egal wie schön es den Ort finden würde.
Wir waren sehr stolz auf das Kind. Als Neigschlaafter an eine solche Information zu kommen, bedarf schon einiges an Geschick.
Der Tipp erwies sich übrigens als fantastisch. Dank und liebe Grüße an die freundliche Tippgeberin.
Am nächsten Tag mussten wir dann meine persönliche Mission weiterverfolgen. Denn immer wenn ich in Franken bin, muss ich jeden Tag einen Kloß mit Soß‘ essen. Sollte es mir einen Tag mal nicht gelingen, darf ich am nächsten Tag die doppelte Menge Kloß zu mir nehmen. Anders als bei der Medikamenteneinnahme ist das ungefährlich. Hauptsache der Durchschnitt stimmt am Ende.
Wir fuhren also auf einen Keller, um staunend festzustellen, dass es in der Zwischenzeit einige Keller auch schon stark verhipstert sind. Es wird statt des üblichen vegetarischen Essens (Hühnchen oder Fisch) z.B. echtes vegetarisches Essen angeboten und es gibt eine große Palette an alkoholfreien Bieren. Hafermilch gab es noch nicht, aber man muss ja nicht gleich übertreiben.
Ich stellte mich also hochmotiviert in die Bestellschlange als ich etwas ganz aufregendes beobachtete. Vor mir standen drei Frauen um die dreißig, die sehr aufgeregt miteinander tuschelten. Leider konnte ich nur einige Fetzen der Konversation auffangen (»Allmächd etz isser nimmer da!« »…Gwechselt…«), aus denen ich aber ableiten konnte, dass die Damen sich angestellt hatten, um mit einem bestimmten Herrn, der sonst am Ausschank tätig war, zu flirten. Eine wollte ihn wohl sogar fragen, ob er für ein Date zu haben wäre.
Ich ging mit meinem Kloß an meinen Platz und malte mir den Mann aus, für den die drei sich so begeistert hatten. Als dann der Mann tatsächlich erschien – eine der drei Frauen zischte laut und forderte die Datewillige auf nun gleich noch einen Aperol zu bestellen, war ich etwas verwundert, weil der junge Mann nicht meiner Vorstellung eines Mannes entsprach für den sich gleich drei Frauen so begeisterten. Ich hatte mir einen fränkischen Connor Storrie vor meinem geistigen Auge ausgemalt, aber der Mann war ein ganz gewöhnlicher Mann ohne herausstechende optische Merkmale. Er hatte trotz seines noch jungen Alters schon lichtes Haar und eine eher stämmige Figur.***
Die Datewillige sprang dennoch sofort auf und stellte sich gleich wieder in die Bestellschlange. Sie spielte dabei nervös mit ihrem langen blonden Haaren und leckte sich sinnlich die Lippen. Dann fragte sie ihn mit erröteten Wangen, ob er mit ihr ausginge. Er nickte lässig »Warum ned!«
Als sich dann an den Nebentisch zwei weitere Frauen setzen, die ebenfalls etwas wie »Glügsdag! Heut isser fei da!« raunten, staunte nichtWo? schlecht. Was hatte dieser Mann, das so viele Frauen begeistern konnte?
Und dann sah ich es! Als nämlich keine weiteren Bestellungen mehr reinkamen und er sich daran machte Tische und Stühle rumzuräumen, wusch er sich, als wieder Kundschaft erschien, seine Hände unter dem Mineralwasserhahn!
Ja und da war ich auch ganz begeistert. Man stelle sich mal seine Hände vor, wie zart die wohl waren, wenn er sie täglich mehrere Male unter dem teuren Mineralwasser wusch! Ich weiß ja, wie wunderbar weich meine Haut wird, wenn ich sie im Sommer mehrere Male mit Thermalwasser benetze! Man stelle sich jetzt also einen kräftigen Mann mit ganz zauberhaft zarten Händen vor, die er wohlmöglich noch zu gebrauchen weiß! Da kann auch kein Connor Storrie mithalten. Kein Wunder, dass da alle Frauen aus dem Häuschen waren. Wahrscheinlich wurde er seit Jahren weiterempfohlen. Keine Frau würde so einen Schatz für sich behalten. Sie alle wissen: Teilen macht Spaß! Sollte ich also jemals wieder Single werden: Ich weiß, wo ich mich anstelle.
*Diblom für die frängische Schbroch
** Es muss »Greiß Godd« heißen
*** Nichts gegen stämmige Figuren, einige meiner besten Freunde haben stämmige Figuren!