Wege in die Jugendkriminalität

Einen Albtraum im wachen Zustand gehabt. Der Auftrag lautete Kind um 18.00 Uhr von Power-Ranger-Party abholen. Abholadresse bei stadtplandienst.de nachgeschaut, pünktlich um 17.30 Uhr Büro verlassen. Ankunft 17.50 Uhr Straußberger Platz. Vergeblich Hausnummer 234 gesucht.
Freund mit Internetanschluss angerufen und nach Adresse gefragt. Erfahren, dass sein Stadtplan sagt, dass Adresse am anderen Ende der Straße zu finden ist.

Panikanfall bekommen. Visionen von weinendem Kind gehabt. Jugendkriminalitätslaufbahn unabwendbar vorherbestimmt gesehen. Kind als Halbwüchsiger beim Gutachter, der entscheiden muss, ob nach Erwachsenen- oder Jugendrecht bestraft wird, nachdem Kind Banküberfall oder ähnliches begangen hat.

Geistig dem Gespräch gelauscht:

– Nun jugendlicher Straffälliger, was kannst du mir über deine Kindheit sagen?

(Lippe von jugendlich straffällig Gewordenem zittert)

– Junge, Du kannst mir vertrauen, sprich es einfach aus.

– Es, es, es ….. (jugendlicher Straftäter bricht in Tränen aus…)

– Ja gut, lass es raus. Lass es alles raus!

– Es, es, es war so SCHRECKLICH damals!

(Therapeut setzt sich mitfühlend näher an Jugendlichen und legt Hand auf seine Schulter)

– Die Freundin meines Vaters sollte mich von einer Power-Ranger-Party abholen, aber SIE KAM NICHT

Ich schwitze, das arme Kind. Alle anderen sind bestimmt schon abgeholt worden. Nur das Kind meines Freundes sitzt einsam mit einem Geburstatgshütchen vor der Haustür und weint. Ich laufe los. Nur 180 Hausnummern, das muss doch in ein Paar Minuten zu schaffen sein!

Leider habe ich hohe Schuhe an.

Leider ist die Karl-Marx-Allee unfassbar groß und lang.

Ich laufe also und laufe und laufe. Ganz, ganz langsam. Wie in diesen Albträumen, in denen man sich unglaublich anstrengt aber nicht weiter kommt. Zehn Minuten laufen = fünf Hausnummern voran kommen.

Ich blicke den Fahrradfahren sehnsüchtig hinterher. Spiele mit dem Gedanken einen von ihnen anzuhalten und zu bitten, mich mitzunehmen. Entschließe mich dann doch für die Variante dem nächsten einfach in den Weg zu springen. Glück gehabt! Es ist ein junger, der durch das erzwungene Bremsmanöver gleich vom Fahrrad fällt. Er hat ein BMX-Rad. Kein Problem. Ich reiße mir die enge Anzughose vom Leib. Stecke meine teuren italienischen Schuhe in die Handtasche und rase los.

18.20 Uhr

Ich komme total verschwitzt in der 17. Etage eines Hochhauses an. Das Kind steht apathisch im Wohnungsflur. Sieben Power-Ranger rennen auf mich zu und werfen mich um. Die Eltern des Ober-Power-Rangers lächeln mich freundlich an.

Na, vielleicht ein Bier?, und deuten dabei in die Küche, wo mich grinsend und rauchend die Väter der verbleibenden sechs Power-Ranger mustern. Kind sagt zum Glück: Ich will nach Hause.

Zehn Jahre später vorm Jugendrichter. Achtzehnjähriger bricht in Tränen aus:

– Ja und da war diese Verrückte, die sprang einfach so auf den Fahrradweg und hat mir mein Fahrrad weggenommen. Das Fahrrad auf das ich vier Jahre gespart habe und … und … wäähhhhh hhhäää hhääää …

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23 Gedanken zu „Wege in die Jugendkriminalität“

  1. Schade, Frau Nuf, Ihr RSS funktioniert bei mir nicht. Ich soll dafür OSX 10.4 oder neuer haben. Können Sie da was tun, damit ich das nicht so neu haben brauch?

  2. „Watson, ich konstatiere: Leihmutter lehnt Gesellschaft rauchender Männer und Alkoholgenuss ab. Entwicklung des jugendlichen Delinquenten zum Straftäter bleibt rätselhaft. Vielleicht fehlerhaftes Erbgut.“

    … habe ich eigentlich schon mal meine¹ Geschichte vom Muntaner 552 in Barcelona erzählt?

    ________________________________________
    ¹ länglich

  3. Ach, mönsch, im linken Haus wohnt mein Bruder. In der Ecke müsst ihr aufpassen, da drückt sich immer so’n fieser Drogerdealer ‚rum. Prima, dein neues Blog.

  4. Hm, seit wann heisst es Taxen? Taxen ist laut Duden die Mehrzahl von Taxis…und Taxis ist „durch einen äußeren Reiz ausgelöste Bewegung (eines Organismus).“ (vgl. Duden: Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10 Bänden)

    Das Wort Taxi hat nur per Eindeutschung eine Mehrzahl (vgl. Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod), Taxis nämlich. Ansonsten ist es das Taxi und die Taxi ;)

    So genug geklugscheissert für die nächsten 10 Jahre :D

  5. Vom Straußberger Platz bis zur Karl-Marx-Allee 234 sind es etwa 650m. Dafür ne halbe Stunde? Mit geklautem Fahrrad? Is ja total unglaubwürdig ;)

  6. lohoooooooll! Karl-Marx, ich erinnere mich … in Berlin kann man Straßen-entlang-laufen echt zum Hobby machen. Neverending.

  7. Das sieht hier echt gut aus. Und über deinen Beitrag hab ich auch schon gut gelacht. Die bildhafte Darstellung deiner Texte sind sowieso der Hit!

    Ich hoffe du hast schöne Ostern verbracht und viel Energie und Ideen angesammelt um schön weiter zu bloggen *g*

  8. Hasenpfote, was machen die ganzen leute hier.. du bist doch grade erst hier eingezogen!

    mmm kind1 war aber eigentlich leopard!

  9. Herzlich willkommen in deiner neuen Blogwelt. Brot und Salz zum Einzug werden nachgereicht und das Power-Ranger Kostüm für Erwachsene ist beim Schneider meines Vertrauens schon in Auftraf gegeben. Bitte um Ihre genauen Maße Frau Nuf, damit Ihr Geschenk nicht erst dann ankommt, wenn Sie schon wieder umziehen. Liebe Grüße und alles Gute die Sara

  10. Nur keine Sorge. Ein richtiger Power-Ranger steckt das weg. Er könnte Dich höchstens irgendwann einmal verprügeln, wenn Du vor einem Spiegel die Schminke auflegst, weil er denkt, Du mutierst gerade zu einem kunterbunten Monster ;)

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