Wo sind die Neologismen wenn man sie braucht?

Beim Internetings fehlen mir die Worte.

Neulich, als ich über Internetsucht erzählen sollte, habe ich mir fast einen Knoten in die Zunge gemacht, weil ich keine adäquaten Worte hatte. Die Sprache hat sich bei mir zumindest den Gegebenheiten noch nicht angepasst. Die meisten Formulierungen rund ums Internet klingen furchtbar, weil sie einfach nicht mehr den Kern der Sache treffen.

Ich gehe jetzt ins Internet. Zeit im Internet verbringen. Ich gehe jetzt online. Leute, die viel Zeit im Internet verbringen. Leute, die das Internet verwenden. Leute, die das Internet benutzen. Die Netzgemeinde? Die digitale Gesellschaft? Die Digital Natives?

Fast alle sprachliche Formulierungen teilen die Vorstellung, dass es eine „reale Welt“ und eine „Internetwelt“ gibt, dass es „echte“ Menschen/soziale Beziehungen gibt und „virtuelle“ Menschen/soziale Beziehungen und sie werten dabei. Das Echte ist nämlich gut und das Virtuelle irgendwie zweitrangig.

Pjotr Czerski hat das  zugrunde liegende Denkproblem vor längerem mit „Wir, die Netz-Kinder“ wesentlich blumiger und treffender dargestellt. Allerdings ist es jetzt an der Zeit neue Worte zu finden für dieses Internetdings. Nur welche?

 

4 Gedanken zu „Wo sind die Neologismen wenn man sie braucht?“

  1. Ich glaube nicht, dass wir neue Begriffe brauchen. Man geht immer noch online, wenn man eben online geht. Es ist nur normaler und selbstverständlicher geworden. Wir hören keine Modem-Pfeiff-Geräusche mehr und üblicherweise ist das-Online-Gehen inzwischen derartig automatisiert und geschieht fast ohne zutun des Anwenders, das es eigentlich keine echte Tätigkeit mehr darstellt. Aber es ist immer noch online gehen und braucht kein neues Wort.

    Das Internet ist auch immer noch das Internet. Es ist inzwischen nur ein leichter zu erreichender Ort. Man geht nicht mehr ins Arbeitszimmer oder den Keller und hockt sich vor den Desktop, sonder man macht das iPhone an und ist schwuppdiwupp im Internet.

    Die Sache mit den Realitäten ist schon ein wenig verzwickter. Da würde ich dir recht geben. Die virtuelle Welt ist nicht mehr so virtuell wie vor ein paar Jahren. Begriffe wie augmented reality find ich irgendwie hölzern und ungenau, aber nicht sooooo schlimm, als das man damit nicht mehr leben kann.

  2. Da denke ich anders – die Normalität holt das Internet mit gewaltiger Wucht ein. Jeder ist „online“, Millionen sind bei facebook, facebooken und googeln sind stinknormale Hobbys. Nein, die bestehenden Wörter reichen aus. Und mal ehrlich: kegel, googeln… bowling, facebooking…. billiard-spielen, Warcraft-spielen … Sprachlich und inhaltlich ist das doch schon recht nah beinander, wenn man sich damit abfindet, dass es eben diese sozialen Interaktionspartner auch einfach „in Echt“ vor einem Computer ein paar Kilometer weiter weg gibt.

  3. Ich sage auch mal augenzwinkernd „die andere Dimension“.
    Oder bezeichne mich als „Netzbürgerin“ oder „total vernetzt“.
    Net-working – das Arbeiten im Netz, mit dem Netz – ist ein wichtiger Teil meiner Erwerbstätigkeit, bei der das Netz Inhalt und Werkzeug ist, aber auch in der Freizeit netze ich gerne. Netzen ist toll!

  4. Ich benutze bei Kunden gerne den Begriff „sozialer Raum“ – so wie z.B. auch eine Volkshochschule, ein Straßenfest, ein Sportverein, eine Betriebskantine.
    Funktioniert alleine auch nur so mittelgut, klappt aber dann mit den Vergleichen meist schon.

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