12von12 im Dezember (Vorabauszug)

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Unser Kindergarten plant kleine Aktivitäten mit Flüchtlingskindern. Heute wollen wir mit einigen Plätzchen backen und ihnen ein bisschen Abwechslung zum Alltag bieten. Eine Erzieherin und ich haben die Aufgabe die Kinder abzuholen. Die Mutter, die das eigentlich machen sollte, weil sie wohl schon Kontakt zu einigen Familien hatte, ist leider verhindert.

Wir stehen in der zur Notunterkunft umfunktionierten Sporthalle. Einer der arabisch sprechenden Männer vom Sicherheitsdienst sammelt derweil Kinder für uns ein. In zwei, drei Sätzen beschreibt er Eltern unser Vorhaben. Die meisten nicken einfach. Manchmal wird nachgefragt wie alt die Kinder sein sollen. Wer Lust hat, ist willkommen, sagen wir. Den Gesten entnehme ich, dass die Kinder sich anziehen sollen. Die meisten von denen, die er anspricht, laufen in ihre Bettenburgen. Tatsächlich sehen die Hochbetten aus wie kleine Burgen. Die Familien haben sie zusammengerückt und nach außen durch Decken abgeschirmt. Sehr viel Privatsphäre gibt es in der Unterkunft nicht.

Nach und nach kommen Kinder unterschiedlichen Alters. Ein Mädchen gibt mir die Hand, ein anderes zieht an den Schnüren meiner Kapuze. Ich sage unbeholfen: „I am Patricia“ und deute auf mich und dann fragend auf die Kinder. Sie sagen mir ihre Namen. Manche kann ich gleich aussprechen, andere auch nach drei Versuchen nicht. Die Kinder lachen und sagen mir die schwierigen Namen immer wieder vor. Sie sind geduldig und nachsichtig.

Als die Gruppe fertig ist, gehen wir los in die Kita. Die Kinder laufen fröhlich hin und her und ich bewundere ihre Unbesorgtheit. Sie wissen nicht wo es hingeht und bestimmt auch nicht so genau was wir vorhaben. Ich zähle die Kinder am Weg ungefähr 20 Mal. Zum Glück sind zwei Mütter mitgekommen. Rechts und links habe ich zwei große Mädchen. Ich frage: „Do you speak English?“ „No“, antworten beide und dann können sie doch so gut Englisch, dass ich verstehe woher sie kommen, wie alt sie sind und ob sie Geschwister haben.

Im Kindergarten warten einige Erzieherinnen und eine andere Mutter aus der Kita mit ihrem Kind. Die Kinder stürmen in die Räume und beginnen ohne eine Millisekunde zu zögern damit den vorbereiteten Teig zu bearbeiten. Sie rollen und kneten, einige essen den Teig, andere drücken Löcher hinein, es ist ein emsiges hin- und her. Zwei Jungs nehmen sich Teigrollen und schwenken sie wie große Keulen. Sie lachen dabei laut. Die Kinder suchen sich Ausstechförmchen aus, legen sie auf den Tisch und füllen sie mit Teig. Es entstehen mehrere Duzend ca. 3 cm hohe Plätzchenburger. Wie wunderbar!

In weniger als 20 Minuten sind an die sechs Bleche voll. Ich werde immer wieder gerufen: „Hey Iam! Iam!“ Ich brauche ca. zehn Sekunden um zu verstehen, dass ich gemeint bin. Mir werden Plätzchenkunstwerke gezeigt. Ich soll sie nehmen und aufs Blech legen. Ohne Sprache werde ich gefragt, wo ist das Badezimmer zum Händewaschen, was sind das für Tiere und Gegenstände. Vielleicht kennen sie Elche und Glocken gar nicht? Ich sage die Worte, mache Geräusche, die Kinder lachen, eins hält meine Hand.

Es gibt Tee. Die Kinder riechen erst an der Kanne und dann geben mir die, die den Geruch wohl OK finden, Zeichen, dass ich eingießen darf. Die ersten Plätzchen sind fertig, ich will sie zum vorbereiteten Dekoriertisch bringen, aber die ersten drei Teller werden einfach leer gegessen. Die dicken Plätzchen sind alle was geworden. Außen goldgelb und innen schön weich. Wir futtern also Plätzchen als eines der Kinder die Streusel nimmt und auf die noch ungebackenen Plätzchen wirft. Andere Kinder greifen auch in die Deko und alles wird verteilt, während andere das alles schön festklopfen. Zuckerschrifttuben werden ausgedrückt und in den Teig geknetet, der jetzt rot und grün und blau ist. Die Kinder essen Rosinen und Nüsse und formen weitere Plätzchen aus der bunten Teigmasse.

Ich muss lachen und merke wieder wie toll Kinder sind, wie sie einem zeigen, dass es neben dem einen Weg im eigenen Kopf immer noch hundert andere gibt.

In der Zwischenzeit haben die jüngeren Kinder keine Lust mehr und erkunden die anderen Räume. Sie gehen spielen während die älteren weiter eifrig ausrollen, ausstechen und dekorieren. Sie sind so wie alle Kinder (wie sollen sie auch anders sein), denke ich. Alle Menschen sind gleich. Es klingt vielleicht kitschig, aber ich wünschte das könnten alle Menschen erkennen, wenn sie die Gelegenheit haben fremde Kinder zu beobachten.

Um vier müssen die Kinder zurück, heute Abend sind die Familien bei deutschen Familien zum Essen eingeladen. Überhaupt war ich überwältigt von dem Engagement der Menschen rund um die Flüchtlingsunterkunft. Viel zu lange habe ich die ekelhaften Facebook-Kommentare von menschenfeindlichen Arschlöchern für die allgemeine Realität gehalten. Hier sehe ich, dass es auch anders geht. Das macht mir ein sehr warmes Gefühl. Viele der Leute kenne ich direkt oder um zwei, drei Ecken. Ich freue mich zu dieser Gemeinschaft zu gehören.

Wie dem auch sei. Heute Abend bleiben mir die „Iam, Iam“-Rufe im Kopf und ich versuche mir etwas von der Unverwüstlichkeit der Kinder zu behalten, von der Freude und der Energie, dem Forscherdrang und der Offenheit. Nächstes Mal nehme ich meine eigenen Kinder mit. Ich glaube, sie können noch viel bessere Brücken bauen als wir Erwachsene.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

21 Gedanken zu „12von12 im Dezember (Vorabauszug)“

  1. Du sprichst mir aus der Seele mit dem Satz: „Viel zu lange habe ich die ekelhaften Facebook-Kommentare von menschenfeindlichen Arschlöchern für die allgemeine Realität gehalten“. Bei all den hasserfüllten Posts, denen ich im Neuland so begegne, hoffe ich wirklich, dass es eine Minderheit ist. Eine laute und jämmerliche Minderheit, aber eine Minderheit. Und das sage ich als Konservativer und nicht als „links-grün-versiffter Gutmensch“ …

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  2. musste weinen.. toll dass Du das gemacht hast.

    Grade heute habe ich wirklich ohne den Text zu lesen aus anderem Anlass gedacht:
    „alle Kinder sind gleich, überall… !“ somit eigentlich auch alle Menschen..

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    1. Ich will die positive Stimmung eigentlich nicht stören, denn sie ist richtig, aber als Realist muss ich etwas einwerfen als Denkanstoß:
      Kinder sind gleich, überall. Erwachsene nicht. Kulturelle, religiöse, politische, und persönliche Erfahrungen machen das im Laufe des Lebens kaputt. Hunger, Krieg, Armut, Kriminalität, Verblendung. Wir haben das hier erleben müssen, und anderswo auf der Welt ist es leider nicht anders. Das prägt die Erwachsenen, und in der Mehrheit nicht zum Guten.
      Daher finde ich es auch so eine gute Idee, bei den Kindern anzufangen.

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  3. Integration kann nur vor der eigenen Haustür beginnen. Mein Chor hat ein Benefiz-Konzert für die Flüchtlinge in unserer Stadt veranstaltet.
    Jetzt haben wir ein paar gute Bass- und Tenor-Stimmen mehr.
    So, kann sehr viel beginnen.

    Amanusa

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  4. Netter Artikel, danke!
    Und so fängt Integration an. Die Eltern mögen vielleicht keine Weihnachtsfans sein (ist erlaubt), die Kinder mögen sich nicht für den Anlass interessieren (auch erlaubt), aber das ganze wird ihnen gezeigt, sie machen mit, haben Spaß dabei, und das einfach zwanglos. Diese Freiheit macht Deutschland aus, und die müssen wir auch behalten. Aktionen wie Deine helfen dabei, also auch danke dafür! :)

    Gruß
    Aginor

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  5. sorry, bin auf den falschen Kommentaroma Button gekommen – wollte diesen benutzen:

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    Made my day
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