#Bastelgate

Adventskalender
pixabay @condesign
Basteln als Politikum

Ich mache mich ja immer wieder darüber lustig, dass man als Eltern  zum Basteln genötigt wird. Es gibt unterjährig viele Anlässe. Mindestens zur Laternenzeit und Weihnachten kommt man kaum drumherum.

In meinem Blog habe ich (toitoitoi) eigentlich nie hitzige, unsachliche Diskussionen oder angreifende Kommentare. Es sei denn, ich schreibe über das Basteln.

Das ist höchst erstaunlich. Basteln ja/nein kann tatsächlich einfach aufgenommen werden in die Liste Familienbett ja/nein, impfen ja/nein, Stillen ja/nein.

Menschen, die basteln zu kritisieren, ist offenbar damit gleichzusetzen ihre generelle Art zu leben zu kritisieren.

Ich habe gestern einen Artikel (Rotwein, vielleicht) über den Zwang des Adventskalenderbasteln auf Twitter verlinkt und damit eine Diskussion zum Thema Adventskalender ausgelöst, die ich sehr interessant fand.

In der Elternblog-Szene gibt es anscheinend einen Authentizitätszwang

Mal abgesehen davon, dass ich es fast schon belustigend finde, wie wörtlich manche Texte genommen werden. Die Autorin schreibt z.B.

Das muss man alles nachts machen, wenn die Kinder schlafen. Darf dabei nicht rauchen, wegen der Kinder. Darf keine laute Musik dabei hören, weil die Kinder schlafen. Darf nicht kiffen, kein MDMA, kein Speed, kein Koks, kein Heroin nehmen. Rotwein vielleicht.

und

Oder würdet ihr von eurem Mann verlangen, er soll euch beim Weihnachtskalenderbasteln helfen? Ich glaube, ich könnte mit meinem Mann nicht mehr schlafen, wenn er mir beim Weihnachtskalenderbasteln geholfen hätte. Frauenkleider dürfte er tragen, oder Kuchen backen, oder Knöpfe annähen. Aber Beutelchen befüllen? Nein!

Darauf dann die Frage: „Warum sollte der Mann nicht basteln dürfen?“, „Warum sollte man keinen Sex haben wollen, mit Partnern, die basteln?“ „Wieso sollte man Drogen nehmen wollen, wenn man basteln muss?“

Herrje. Ich kenne diese Reaktionen aus meinen Amazon Buchkritiken. Meine Einsternbewertungen werfen mir beispielsweise vor:

„Es sind keine Erfahrungsberichte, sondern schlicht an den Haaren herbeigezogene Geschichten.“

„Überdrehte Mutter, da würde ich als Kind ausrasten, so wie diese es auch tun.“

„[…] sehr weithergeholt und übertrieben“

Ja, liebe Leserinnen und Leser, es tut mir ja leid, aber ich überspitze die Geschichten rund ums Elternsein, manchmal erfinde ich sie sogar komplett, weil es mir um ein bestimmtes Thema geht, das mir im Muttersein begegnet und ich verarbeite es, indem ich mich darüber lustig mache.

Ohne Frau Ruth zu kennen, würde ich jetzt auch behaupten, bestimmt hat sie nicht wirklich vor beim Basteln Heroin zu nehmen und womöglich würde sie weiterhin Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner haben, selbst wenn er energisch nach dem Bastelkleber greift.

Mal abgesehen davon, dass also manche alles sehr wörtlich nehmen, ist doch interessant, wie viele Emotionen der Artikel wecken kann.

Im Wesentlichen spannen die ein Spektrum zwischen „I feel you“ bis „JETZT LASST DOCH DIE ARMEN MENSCHEN BASTELN“ auf.

Tatsächlich hatte ich dann plötzlich auch eine Emotion. 2012 habe ich dazu schon geschrieben: „Ich glaube, 80% der anderen machen Dinge selbst, um Menschen wie mich in den Wahnsinn zu treiben.“

Und ja, das ist auch übertrieben und ja, ich würde 2016 nicht mehr schreiben, dass ich Menschen hasse, die basteln – aber es bleibt bei einer Sache:

Basteln kann nicht jede/r

Ich finde wirklich (auch wenn das eine Sache der Prioritäten ist) – man muss zum Basteln erstmal Zeit haben. Und so albern das klingen mag, es gibt Lebenssituationen – im Extrem wenn man alleine für einen Haushalt mit mehreren Kindern verantwortlich ist – die das Zwangsbasteln und Selbermachen zur Belastung werden lassen.

Um durch den Alltag zu kommen, habe ich also alle Aufgaben priorisiert und prüfe: was muss ich machen, was ist optional, was kann ich irgendwie ersetzen.

Und nein, manche Dinge im Eltern-Kind-Umfeld kann man nicht einfach ignorieren. Für mich gibt es oft eine Art Bastel/Back/Klöppelzwang

Wenn das ganze Umfeld Adventskalender bastelt und befüllt, dann viel Spaß bei der Aufgabe, den Kindern für 1,99 einen gekauften Kalender in die Hand zu drücken.

Mal abgesehen davon ist basteln oft teuer. Wenn man bereits Besitzerin eines Bastelarsenals ist, dann ist das einem vielleicht gar nicht so bewusst. Um beim Thema Adventskalender zu bleiben, bei drei Kindern und einer Befüllung pro selbstgefalteten Adventskalendertürchen von 1 Euro plus Bastelmaterialen (5 Euro) ist man bei 87 Euro.

Bitte verschont mich also mit der Aussage, das sei doch alles kein Problem.

Natürlich hat das was mit Konsum zu tun und natürlich kann sich das nicht jede/r leisten und zwar sowohl was den Zeitaspekt als auch den finanziellen Aspekt angeht.

Und das finde ich, darf man durchaus berücksichtigen.

Und ja es gibt schöne Alternativen, z.B.

Und wenn auch einiges aus meinem Text von 2012 anders formulieren würde, diese Aussage bleibt:

„Ich habs ja versucht. Aber ich schaffe das nicht. Ich schaffe nicht 30 Stunden zu arbeiten, den Haushalt, die Kinder zum Sport zu bringen, Laternen zu basteln, Plätzchen zu backen, dabei immer schick auszusehen, ICHWILLDASNICHT und ich will nicht, dass die anderen mir ständig zeigen, was sie alles selbst machen.“

Und deswegen fand ich den Text von Frau Ruth so toll.

Adventskalender basteln ist (wie alles andere) nicht Privatsache

Denn ja, den Druck mache ich mir zum Teil selbst, aber ab einem gewissen Grad gibt es auch kein Entrinnen. Ein Kind, das umgeben ist von Kindern, die jeden Tag ein gekauftes Spielzeug in einem selbstgebastelten Kalender finden, muss schon ganz schön bearbeitet werden, um sich nicht zu fragen: Warum alle andern und ich nicht?

Es geht in der Sache der Adventskalender also v.a. um den bereitgestellten Inhalt und Zitat: „Noch schlimmer wird es dadurch, in dem man bereit ist, dem Konsumwahn auch noch eine persönliche Note durch eine Aura des Handgemachten zu verleihen„.

So und jetzt gehe ich basteln. Es gibt nämlich keine Lösung für dieses Dilemma. Denn das was man tut, hat eben auch Auswirkungen auf andere. Ob man will oder nicht und ich finde, dessen darf man sich wenigstens bewusst sein. Ob man dann in diesem Wissen Rücksicht nehmen kann oder möchte, ist nochmal eine andere Frage.

Leider ist es eben sogar beim Adventskalender so, dass das was man selbst tut, nicht im luftleeren Raum steht.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

202 Gedanken zu „#Bastelgate“

  1. Ich hasse Basteln. Ich kann auch nicht Basteln. Wäre Basteln ein Versetzungskriterium vom Kindergarten in die Grundschule gewesen, würde ich heute noch zwischen lauter 3jährigen auf viel zu kleinen Stühlen sitzen und versuchen, auf der Linie zu schneiden. Ich kann es nicht, ich mag es nicht, ich habe nicht die Geduld dafür und ich will mir die Zeit dafür nicht nehmen, weil es mir einfach keinen Spaß macht. Außerdem schmeißt man 90% eh wieder weg, weil es Platz wegnimmt, Staub fängt, sich auf der Fensterbank entfärbt, der Kleber nicht mehr hält, es aufribbelt, die Dekofarben 2016 einfach nicht mit der Bastelarbeit von 1988 harmonieren oder man es dummerweise mit der Weihnachtsbeleuchtung in eine Kiste geworfen hat und die Lämpchen leider schwerer waren als Tonkarton und Transparentpapier. Doof auch.

    Ich bewundere Menschen, die Zeit, Muße, Kreativität, Lust und Geschick zum Basteln haben. Meine Cousinen sind Erzieherinnen – eine in der Krippe, eine im Hort. Muss ich mehr sagen? Ich bin umgeben von geballter Bastelkompetenz. Meine jüngste Cousine schneidet im Dunkeln schöner aus als ich im Hellen. Mit den Füßen. Unter Wasser. Während sie ein Baby wickelt und ein Kleinkind auf die Toilette begleitet. Ich kann überhaupt nicht sagen, wie sehr ich das bewundere.

    [Glücklicherweise kann ich backen, ich kann also mich also in der Regel mit Kuchen, Keksen oder Muffins – lecker, aber nicht Motivtorten-Level, weil „Ich KANN nicht Basteln“ – irgendwie auslösen. Göttergatte ist raus, der muss wegen CP offiziell keine Feinmotorik haben. Der hat schriftlich, dass er keine Schere halten kann. Der war nicht nur von Sport sondern auch von Kunst befreit.]

    Aber. Das Aber musste kommen. Weil lange Rede, kurzer Sinn. Ich LIEBE Adventskalender. Ich könnte das ganze Jahr über welche machen. Es gab Jahre, in denen habe ich es geschafft, 24 Geschenke zu finden, die klein genug waren, um sie in als Pinguin dekorierte Klorollen zu stopfen. Wir hatten – kinderlose! – Jahre, in denen unsere Wohnung von drei (!!) Kalendern geschmückt wurde (und das hieß in dem Jahr, drei in einem Raum, als wir auf 45m² lebten). Jedes Jahr freue ich mich wie ein Schnitzel über MEINEN Adventskalender, den mir die Mama schickt. Die Mama hat bis vor drei Jahren auch noch selbst gebastelt. Da war ich 35. Und sie hat gemeint, ich müsste mit gekauften jetzt leben (okay, dann aber Kinderschokolade, danke, bitte). Irgendwann hatte sie vorher mal behauptet, das sei jetzt der Job vom Göttergatten. Wer die Tochter heiratet, ist für den Kalender zuständig. Aber MAMA! Am 28. November stand das Päckchen vor der Tür (es gab 24 Pixibücher, ohne Kinder, meine Mama ist die Beste).
    Egal, mein Adventskalender ist meine Lieblings-Kindheitserinnerung. Ich habe nicht viele. Und die schlechten, haben die schönen häufig verdrängt. Aber die eine habe ich. Am 1. Dezember die Treppe runter zu kommen und meinen Kalender hängen zu sehen. 24 kleine Päckchen, von Mama selbst verpackt. In Papier. Mit Schleife. Anspitzer, Kaugummi, Aufkleber. Centartikel. Aber für mich die Gewissheit, dass meine Mama – Alleinerziehend, mit 30-Stunden Stelle und Honorarkraftjob am Abendgymnasium, mit wenig Zeit, viel Stress, vielen Sorgen – mich lieb hat. Ich habe keine Ahnung warum, aber der Morgen, der Kalender, das war für mich schon in der Grundschule immer „Mama hat mich lieb“. Sie hat sich die Zeit genommen, 24 kleine Geschenke zusammenzusammeln, einzupacken, aufzuhängen. Der Adventskalender hieß für mich immer „alles ist gut“. Und das Gefühl ist bis heute geblieben. Dieses Jahr hat sie gesagt „Jetzt aber wirklich keinen mehr“. Gut, habe ich gedacht. Nun gehen wir scharf auf die 40 zu. Es wird ohne gehen. „Klar Mama. Verstehe ich. Wird ja auch mal Zeit eigentlich.“

    Der Kalender hängt in meinem Büro. Er kam gestern. Und da war wieder das wolleweiche Gefühl im Bauch, dass irgendwie doch alles gut wird. In meiner kleinen rosaglitzernden Seifenblase.

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  2. Pingback: pat
  3. Über das Wörtlichnehmen von Texten wundere ich mich ja häufiger. Ich freue mich immer über Texte, die nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch schön geschrieben sind. Und Übertreibungen und sprachliche Bilder sind eben nun mal Stilmittel.

    Ich hätte auch nicht erwartet, dass sich Bastelnde von solchen Texten angegriffen fühlen könnten. Überhaupt dachte ich nicht, dass die Frage, selber machen oder nicht, so ein großes Thema ist.

    Als Kind habe ich fast jedes Jahr mit meinen Geschwistern gemeinsam einen Adventkalender gebastelt. Aus leeren Klopapierrollen und Krepppapier. Das hat uns richtig Spaß gemacht. Unsere Mama hat den dann mit Süßkram befüllt. Ansonsten gab es diese einfachen gekauften mit Schokolade drin. Aber egal wie, wir haben uns immer einen zu dritt geteilt und waren sehr zufrieden damit.

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  4. Ehrlich gesagt überfordert mich das Adventskalender-Thema regelmäßig. Und das, wo ich eigentlich voll die Bastelmutter bin ;-) Es ist mir einfach unmöglich, mich nicht beschissen zu fühlen, angesichts von 24 (oder in meinem Fall 48) kleinen gekauften (oder gebastelten) Sinnlosigkeiten. Da ist die Kreativität einfach irgendwann aufgebraucht. Die Zeit sowieso. Ich hab das dieses Jahr mit einem Puzzleadventskalender für jedes Kind gelöst. (Ein Puzzle wird (einmal durchgepuzzelt), in 24 Teile unterteilt und auf die Säckchen aufgeteilt. So können die Kinder es jeden Tag erweitern) Das kostet nicht viel, macht ihnen (hoffentlich ;-)) Spaß und vor allem müllt man die Kinderzimmer nicht noch mehr mit Billigspielzeug, Schlüsselanhängern und Pixi-Büchern zu.
    LG, C.

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  5. Ich und eine gute Freundin sind in der glücklichen Lage Mitte bzw. Ende November Geburtstag zu haben. Da war/ist der Adventskalender, den wir uns immer abwechselnd basteln, sehr oft Teil der Geburtstagsgeschenke. Mal sind es 24 Teesorten, ein aufgeschnittenes Weihnachtsbuch mit Geschichten, Kerzensortimente oder anderer Kleinkram, den wir gerne im Alltag nutzen und nicht viel kostet.

    Als Kind habe ich nur 2 Mal einen selbstbefüllten Kalender von meiner Mutter bzw. meiner Tante bekommen, als Geburtstagsgeschenk. Sonst gabs immer nur gekaufte. Entweder mit Bildern oder Schokolade. Mir hat da echt nichts gefehlt.

    Basteln sollte deswegen jedem selbst überlassen sein. Der eine kanns halt, der andere nicht. So what?

    Aber: Die Eltern machen sich doch die ganzen Probleme mit den Konsumgeilen Kindern im Grunde selbst, da inzwischen zu jedem Feiertag/Anlass irgendwas richtig teures geschenkt oder organisiert werden muss, Thema Einschulung z.B., nur um vor den anderen als DIE Supereltern da zu stehen. Das finde ich richtig ätzend und verdirbt (nicht nur) den Charakter der Kinder.

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  6. Pingback: marmeladenschuh
  7. Und was bin ich froh, in einer Gegend zu wohnen, wo bestimmt ein Drittel der Kinder einen Nicht-Adventskalender-Hintergrund hat. Das entspannt die Lage ungemein. Multikulti ist gut für uns und relativiert die Dinge noch mal auf ganz andere Weise. Alles kann, nichts muss. Außer natürlich wenn man alle Feste mitnimmt, dann wird man furchtbar dick, Adventsplätzchen und Ramadan-Süßigkeiten, so viel Sport kann man gar nicht machen!

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  8. puh. ganz ehrlich, mir war das nicht bewusst, dass es allen ernstes eine adventskalenderbasteldiskussion gibt, aber nachdem ich jetzt meine ganze duschzeit lang darüber nachgedacht hab, muss ich auch noch meine 2 cents loswerden.

    erstens: klar, gebastelt wird, wie gelebt, nicht im luftleeren raum, und was ich tue hat selbstverständlich auswirkungen auf meine kinder. meine kinder sind anders als andere kinder, weil jedes kind anders ist, und jede mutter und jeder vater; meine kinder haben manchmal schickere klamotten an als andere, manchmal schaebigere, je nach finanzieller situation/konsumlust/wetterlage. meine kinder kriegen keine bentoboxen, aber auch keine (lieblos!!!!einself1) gekaufte brezel (ausser ich hab das brotzeitmachen verplant/kein essen im haus/insert catastrophe of your choice). meine kinder kriegen manchmal einen selbstgebastelten kalender, manchmal einen gekauften. letztes jahr einen von tiptoi, davor mal irgendwann lego, you name it. erstens finde ich, ich bringen ihnen damit bei, dass dinge sich ändern können, und zweitens, nicht so sehr auf andere zu gucken, und bisher funktioniert das ganz gut. klar, nicht immer, that´s life, das kann man mit sechs auch mal ab. ich entscheide das auch jedes jahr allein und spontan, ob ich lust auf basteln hab, oder auf päckchen packen, oder auf nix. dieses jahr gibts einen klorollen-krepppapier (kostenpunkt 3 euro für zwei farben krepppapier) kalender mit süßkram, jedes kind 12 tage abwechselnd, und dazu eine weihnachtscd mit 24 liedern, von der wir jeden morgen beim frühstück das lied des tages anhören (das ist zumindest der plan..)
    ich gebe dir allerdings volkommen recht beim konsumthema, auch in die gebastelten kommt nur schokolade.

    zweitens: selbermachen, um andere zu ärgern? seriously? darüber hab ich noch niemals nicht auch nur ne millisekunde nachgedacht, das liegt mir ganz ehrlich total fern. gut, ich photographier das auch nicht (ausser, um es in die familienwhatsappgruppe zu posten vielleicht, aehem) und ich erzähl das auch nicht per se rum, aber ich mach ganz viel selber, und zwar aus einen ganz eigennützigen grund: mich entspannt das. nicht unbedingt klassisches basteln mit tonpapier und schere, aber nähen zum beispiel, und stricken, und möbel restaurieren und sowas. ich kam aus einem wirklich furchtbaren termin mit tränen und verzweiflung, hab mich krank gemeldet und zuhause zwei mützen genäht, und danach konnte ich wieder ein bisschen atmen. ich mach das für mich, und klar freu ich mich, wenn meine kinder sich freuen, aber mir geht es um den prozess, darum, etwas zu machen, mit meinen händen, erst war da nix und dann ist da was, das erdet mich ganz ungemein, und niemals im leben käme ich auf die idee, daraus irgendeine art wettbewerb zu machen. manche rennen drei kilometer, manche trinken ne flasche wein, manche schreiben. ich stricke halt.
    für mich ist es auch ein emotionales thermometer dafür, wie gut es mir geht. ich war jahrelang in einer beschissenen beziehung und hatte, trotz kind, nicht das kleinste bisschen lust auf weihnachten, darauf, zu dekorieren, es schön zu machen, einfach weil´s in mir drinnen auch nicht schön war. dieses jahr geht es mir sehr gut, und ich hab seit oktober lust, dinge zu machen, weihnachtsgeschenke zu basteln, pipapo. letze woche kam die novemberdepression, und ich hab den (kleinen plastik-) weihnachtsbaum rausgeholt und elektrifiziert, und jetzt blinkt es hier allabendlich freundlich und ich gucke mir die lichter an und grinse (mit rotwein, vielleicht). und dieses wochenende gibt´s vielleicht sogar plätzchengebacke (mit gekauftem teig, weil ich ne backniete bin, so what?).

    drittens: ich bin erzieherin, und ich finde zwangsbastelaktionen mit eltern grauenhaft und hab mich jedes jahr wieder dafür eingesetzt, diese trauerveranstaltung nicht durchzuführen. weil, das artet echt in wettbewerb aus, das erzeugt unnötigen druck, und ausserdem ist es pädagogisch totaler schmarren; jedes kind ist tausendmal stolzer auf seine selbstgebastelte laterne (im kindergarten, vormittags, ohne eltern) als auf das prestigeprodukt seiner eltern. gleiches gilt für schultüte und whatnot.

    das war jetzt auch ewig lang, aber mir war es wichtig, auch mal die perspektive der egozentrischen selbermacherin einzubringen….

    ansonsten: organised love, leute!! is doch bald weihnachten….

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    1. Absolut! Basteln als Meditation, alles klar, na logisch (verstehe ich wirklich gut)! Und klar soll jede wie sie will! Im Grunde ist das doch auch unter all den Artikeln zum Thema der Tenor: macht Euch locker und die anderen machen.

      Aaaaaber: es gibt nun mal in manchen Ecken des Internets und des wahren Lebens eine Art Bastelzwang. Selbst erlebt: Fasching im Kindergarten – manche Mütter bewerten die „Schönheit“ eines Kostüms allein daran, daß es selbstgemacht ist („witzige Idee, aber halt gekauft“). Oder Sprüche beim Martinszug („WIR waren ja beim Kindergartenbasteln, wir nehmen uns halt Zeit für unser Kind“). Oder die generelle Ansicht mancher, daß nur in Selbstgemachtem Lieeeebö steckt.
      Wer diesen Zwang nicht kennt: seid froh und bastelt! Aber bittebitte tragt es nicht so in die Welt hinaus, daß Ihr andere damit abwertet (also z.B. mit Sprüchen wie oben). Das ist doch schon alles.

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  9. http://www.ohhhmhhh.de/eine-idee-fuer-einen-adventskalender-adventskranz-und-den-nikolaus-plus-exklusiv-fuer-euch-heute-20-rabatt-im-concept-store-minimarkt/ Ich gehe dann mal eben schnell meine Wohnung dekorieren – köstlich…. Ich schwanke zwischen Schoko-Billigkalender ( den gab es letztes Jahr mit der Ansage, wenn nur gemeckert wird, gibt es eben billig und ICH gönne mir was schönes) und selber machen, dann aber eher einfach, gemischt Süßigkeiten, Schnickschnack und gemeinsame Aktivitäten. Das dann aber ohne Facebook-Prahlen… wir immer, ein ganz toller Artikel! Gerne gelesen!!

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  10. Ich finde, es geht bei der Adventskalender-Debatte um zwei Aspekte: Um das „überhaupt“ und um das „wie“. Bei dem „überhaupt“ finde ich: Es ist zuviel. Dieser Konsumwahnsinn und das unreflektierte Überhäufen mit Geschenken. Jeden Tag ein Geschenk- wirklich? Warum? Dann kommt noch Nikolaus. Dann haben 3 Leute aus unserer Familie im Dezember Geburtstag. Und dann Weihnachten. DAS finde ich furchtbar und wahnsinnig inflationär. Deshalb hab icg für unsere 3 einen Kalender zusammen, wo sie sich mit den Türchen abwechseln. Das hat dann was Positives: Warten, vorfreude, Teilen, auch mal Frust verkraften… Also in dem Punkt bin ich bei Dir. Nicht aber in dem des „wie“. Also mich stresst es auch, wenn andere tolle Sachen werkeln un d ich nicht. Tatsächlich sehe ich das aber als mein Problem. Deshalb würde ich aber nicht denen das Basteln verbieten wolln, denen das Spaß macht. Was für ein Zwang wäre das denn?! Und die Leute, die basteln, weil man das „muss“- selber schuld. Man\frau muss zu dem stehen können, was man tut oder läßt.

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    1. Ich verbiete auch niemanden das Basteln.
      Persönlich nervt mich nur das Show-off (Schau was ich hier habe!) und die Veranstaltungen, die Kindergarten/Schule/was auch immer machen, bei denen man eigentlich nicht nein sagen kann.

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        1. Wie die Kindergärten es besser machen sollen? Bei uns wurden all die Jahre z.B. die Martinslaternen im Kindergarten während der normalen Betreuungszeit von den Kindern selbst gebastelt. -> Stress für die Eltern: 0. Zum Martinszug fertige Laterne aus Kindergarten mitnehmen, Teelicht rein, losziehen.
          Dieses Jahr gab es für mehrere Euros Bastelsets zu kaufen, im Flur war ein Tisch mit dem benötigten Werkzeug, wo Eltern dann beim Abholen oder Mitbringen mit mithelfendem oder um sie herumtanzenden Kind selber Laternen basteln konnten/mussten (natürlich konnte man das auch mitnehmen und zuhause basteln, wenn man Tacker, Schraubenzieher und Glasmalfarben zuhause hat, eine Heißklebepistole hat sich dann auch noch als nützlich erwiesen…)

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          1. Okay. Kann ich nachvollziehen! Obwohl ich denke, dass es für die Erzieher vielleicht auch Stress ist? Weiß nicht, hängt vielleicht vom Konzept des KiGa ab.
            Ich denke ja, dass ja auch nicht jedes KIND gern bastelt?! Ich schätze mal, je weniger gern das Kind bastelt, desto größer der Krampf, wenn man das gemeinsam tun soll…

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    2. Also die Mama, die einfach nur friedlich vor sich hin bastelt, weil sie es tatsächlich gern für ihre Kinder tut, ohne „show-off“ und angeberei, soll sich mal Ihrer Aussenwirkung bewusst sein, dass sich irgendwer deswegen gestresst fühlen könnte??
      Wo kommen wir denn da hin. Löschen wir einfach das Internet. Denn diese hell beleuchteten Instagram Accounts mit den perfekten Wohnzimmern, den schön angezogenen Kindern, dem gesunden Essen auf dem Tisch sind sich anscheinend ihrer Aussenwirkung auch nicht bewusst, leben auch nicht im luftleeren Raum.
      So what.
      Zieh ich mir den Schuh an und weine vor meiner dunkelblau gestrichenen Wand während ich in meine unaufgeräumte Ikea Küche gucke? Nö! Sollen se doch. Soll die Mama doch bitte einfach basteln ohne schlechtes Gewissen, ohne ein: na hoffentlich ist das politisch korrekt und keiner fühlt sich durch mein gefährliches gebastel unter Druck gesetzt. Das nimmt nämlich ne Menge Spaß an der Sache und setzt so übrigens auch diese Mutter unter Druck, ihr Verhalten gefälligst ständig zu reflektieren und zu überprüfen.
      Ich finde das ehrlich gesagt anmaßend, sowas zu erwarten nur weil du dich doch irgendwie unter Druck gesetzt fühlst. U wo endet das? Was denken Kinder deren Eltern gar keine Kalender kaufen? Oder sogar nicht mal können? Nicht mal den von Aldi?
      Gerade wo doch alle immer betonen wir müssen uns gegenseitig den Rücken stärken, uns unterstützen, verlangen jetzt Selbstreflektion bei so einer aberwitzigen Sache wie Adventskalender selbst basteln. Was erlaubt sich diese Mutter nur?! Setzt mich unter Druck. Denk gefälligst nach bevor du bastelst! Ja das wird man ja noch sagen dürfen.
      Ach ach ach….

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  11. Toller Artikel! Wie immer sehr wahr und (trotzdem?) sehr amüsant.

    Ich habe (noch) keine Kinder, und frage mich gerade, ob ich wohl trotzdem das Recht habe, hier meinen Senf dazu zu geben ;)

    Ich bastele tatsächlich gerne und viel (vorallem, wenn man unter den Bastelbegriff auch sonstigen DIY-Kram subsumiert). Gerade diese Weihnachts-Besessenheit habe ich aber nie verstanden und auch nicht, warum man für jeden Tag im Advent tatsächlich ein Spielzeug schenken muss. Bin ich denn die einzige, die mit Vorlese-Adventskalendern aufgewachsen ist, und dies wunderbar fand? Wir hatten mindestens zehn Jahre lang jedes Jahr einen Adventskalender, der aus 24 Geschichten bestand. Oft gab es dazu ein Poster, auf das man jeden Tag einen zu der Geschichte passenden Aufkleber klebte, oder was zum Ausschneiden oder Kleinigkeiten zum (Achtung!) basteln (im Sinne von: zwei bedruckte Papierquadrate ausschneiden, zusammenkleben, Faden durchfädeln, tadaa: Weihnachtsbaumanhänger). Das war für mich der schönste Adventskalender, den ich mir vorstellen konnte und wenn ich mal Kinder habe, stelle ich mir vor, das genauso zu machen. (Alle Eltern brechen lachend zusammen: wie niedlich, wie naiv diese „wenn ich mal Kinder habe, mache ich das soundso“-Vorstellungen von Kinderlosen!) Völlig unverständlich sind mir aber vorallem die Student*innen um mich herum, die auch mit 25 Jahren noch auf jeden Fall jedes Jahr von Mutti einen Adventskalender gebastelt und zugeschickt bekommen.

    Long story short: Größtes Verständnis und uneingeschränkte Solidarität für alle Anti-Bastler (aus welchen Gründen auch immer), besonders, was gesellschaftlich oktroyierten Adventskalender-Bastelzwang angeht! Wer trotz wenig finanzieller und/oder zeitlicher Ressourcen einen pädagogisch wertvollen (ich mein, Vorlesen, hallo? Gehts noch pädagogisch wertvoller?), besonderen Adventskalender haben will, dem empfehle ich tatsächlich, es mal mit besagter Vorlesealternative zu versuchen (gibts laut amazon ab ca. 15€). Da kann man sicher auch super auf seinem Blog mit angeben…

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  12. Wir haben einmal vor Jahren einen Adventskalender gebastelt, den auch der Mann schon ein- oder zweimal gefüllt hat, und dessen Inhalt sich alle Mitglieder der Familie (täglich abwechselnd entweder beide Kinder oder beide Eltern jeweils gemeinsam) teilen, ansonsten gibt es Bilder-Kalender. Was die anderen Kinder in Kita oder Schule für Kalender haben, ist mir wurscht und war noch nie Thema oder Anlass für Beschwerden. Interessant wirds vielleicht dieses Jahr, wo das ältere Kind sein Taschengeld auf einen eigenen Lego-Kalender gespart hat …

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    1. Nach 4 Jahren #bastelgate mit viel Ambition und wenig Anerkennung stehen die vom großen Kind ausgesuchten Schoko-Adventskalender dieses Jahr seit Ende Okt. im Schrank. So schön (für uns alle).

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  13. aehm, hier von einer mama die dieses jahr 9 kalender selbst gebastelt und befüllt. und ja das ist TOO MUCH. es ist ausgeartet und ich bin fix und alle. allerdings sind auch 6 foto-adventskalender dabei, die gibt es für die erwachsene verwandschaft. eigentlich mal nur eltern und schwiegereltern (ich bastele seitdem ich 12 bin meinen eltern einen zurück, weil ich das schon als kind unfair fand). mit bildern des jahres. best of sozusagen. seitdem ich kind habe, natürlich massiv in die richtung. das ist der renner, weil es null materialistisch ist, es geht um das erinnern und die freude, dass sie so ein paar echte bilder in der hand haben, zum rahmen, oder einfach nur in diese fotoalbendingser zu füllen.
    meine tochter kriegt luftballons, spangen und hin und wieder einen besonderen duplostein. sie ist 18 monate. was zum gleich haben und spielen und nutzen. zum glück liebt sie seit kurzen haarkrams. ihr kalender und der vom mann ist ein selbstgenähter mit taschen. für jedes jahr wieder. punkt aus.
    man kann es auch übertreiben. ich hatte jedes jahr einen von meiner mama mit viel liebe gemacht und das hat mich als weihnachtsmonster geprägt. ich mag an den selbstgebastelten/befüllten., das er eben auf die person zugeschnitten ist. allerdings sammele ich das ganze jahr über fotos in einem ordner und kaufe auch schon im juli mal ne kleinigkeit, wenn ich was sehe. nichts besonderes. oft war auch mal ein spezieller tee, den ich mochte und wo ich dann 3 tütchen abgezwackt habe. die die basteln, haben den kram zu hause und es fällt ab. es ist und soll kein zwang sein, aber dass eben DIE, die so ein haben damit prahlen ist nun mal nicht zu vermeiden… gerade kinder. ich war auch immer super super stolz. das hatte aber nie was mit „du arme hast NUR einen schokokalender“. das war eher immer ein, ich kann’s kaum erwarten, was morgen drin ist. bei mir war als kind viel zum malen, weil ich eben ein kleines kreativmonster war. oft einfach nur verschiedene stifte.
    ich denke, weihnachten wird überhaupt mittlerweile als wettbewerb gesehen. beste deko, natürlichste deko, neueste trend deko. backwahn hoch 10. und dank instagram und co kann es eben auch passieren, dass viele das als unter die nase reiben verstehen, wenn andere es eben als inspiration denken. ich liebe das, weil es gibt mir ideen fürs jahr. neuen input. aber vllt ist das eben das bastelmonster in mir.

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  14. „Mal abgesehen davon ist basteln oft teuer. “

    Das kann man glaube ich gar nicht genug betonen. Meine Frau näht für sich und unsere Tochter gerne Kleidung und in den meisten Fällen liegt man allein mit dem Material deutlich über den Preisen den ein Kik oder Aldi abruft. Und da ist die Arbeitszeit noch überhaupt nicht mit drin.

    Klar sind die Sachen dann Unikate, Fair-Trade, beste Arbeitsbedingungen usw., aber letztlich ist selber machen oft schlicht ein Luxus.

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    1. Genau, so ist es. Wenn man sich den Spaß/Luxus leisten kann, ist das prima. Kann aber nicht jeder. Ist halt unsere verrückte (Wirtschafts-) Welt…
      Noch verrückter wird es, wenn Firmen DIY-Sets verkaufen, wo schon alles vorgefertigt ist und man nur noch zusammen kleben/beschriften/… muss. Das ist wirklich IRRE teuer – und ich frag mich: Ist das wirklich noch selbstgemacht? Kommt mir eher vor wie malen nach Zahlen…

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  15. Der Adventskalender wird am geilsten, wenn man ihn auf LSD bastelt. Dies nur nebenbei gesagt.
    In der Adventsbastelei zeigt sich tatsächlich ein ganz furchtbarer Gruppenzwang. Unvergessen die fast grimmige, alljährliche Runde in der Grundschule meines Sohnes anlässlich des Nikolausstiefelbastelns. Absagen war keine Option, da sich offensichtlich die Qualität des Mutterseins (mein Mann wurde komischerweise nie vermisst) daran geknüpft wurde. Spätestens, wenn man sich fragt, ob man seinem Sohn genug Liebe zeigt, weil man keine Lust hat, nach wohlverdienten Feierabend auf Kinderstühlen sitzend Tonpapier zu kleben, merkt man, wie albern das alles werden kann.

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  16. Ganz Deiner Meinung! Obwohl ich gern und viel bastele, finde ich auch, dass muss nicht jeder, und vor allem selbst befüllte Adventskalender mit kleinen Geschenken — welcher Konsumrausch! Welche Verschwendung! Ich bin froh, dass das in unserem Umfeld (merkwürdigerweise) kein Thema ist, obwohl wir mitten im Prenzlmutti-Land leben. Vielleicht sind meine Kinder noch zu klein (4 und 7), da sind Geschenke-Adventskalender noch nicht so verbreitet. Und ich hoffe schwer, dass das so bleibt. Wir haben einen alten gestickten Adventskalender aus meiner Familie mit 24 winzigen Beutelchen, da passt für jedes Kind jeden Tag genau eine Schoko-Rosine rein. Das gibts, dazu jeden Tag ein Kapitel Schnüpperle und dann noch unser mega-vorzeige-mama-mäßiger „interaktiver Adventskalender“, wo Maria, Josef und der Esel in einer mit den Kindern aufgebauten Landschaft jeden Tag ein Stück weiter in Richtung Krippe gerückt werden. Aber 24 kleine Geschenk pro Kind kaufen, die ca. ab Januar nur blöd rumliegen und verstauben, nee danke. Nicht mit uns. Dafür darf man mich jetzt gern peitschen.

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  17. Genau! Genau!
    Genau das denke ich oft beim zufälligen Landen auf Muttiblogs, auf denen ständig die tollsten selbstgemachten Sachen gezeigt werden: Mona-Lisa-Pausenbrote und zwölfstöckige Geburtstagstorten für Zweijährige und Flamencokleidchen aus alten Hermés-Tüchern.
    Für mich sieht das immer aus wie „guck mal, was ich tolles kann” oder „guck mal, wie arg ich meine Kinder liebe”, also immer wie „guck mal, ich bin ja wohl mal die geilste Mutti der Welt, also her mit Euren Beifall-Kommentaren” (und gleichzeitig: „guck mal, was Du alles nicht auf die Reihe kriegst”).
    Das ist das Netz, das kann man meiden.

    Aber eines Tages einmal werde ich eine dieser Mütter, die zum Geburtstag ihres Kindes einen mit Obstfontänen geschmückten Drachen aus Biobrötchen in die Kita meines Sohnes wuchten, erwischen. „Merkt Ihr nicht, wie Ihr uns andere – und damit wieder Euch selbst – unter Druck setzt?“ werde ich sie anbrüllen und schütteln, bis die organischen Weintraubenspießchen purzeln. Und wenn man mich dann abführt mit den Händen auf den Rücken geschnallt, dann werde ich rufen „Im Internet, da gibt’s noch mehr wie mich, liked bitte alle dasnuf“ und wenn nur eine der gaffenden Mamis bekehrt wird, wird die Welt eine bessere. Amen.

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    1. Ich würde im Leben nicht auf die Idee kommen, Regenbogen-Einhorn-Torten für Kindergeburtstage zu basteln (ich habe auch die Vermutung, dass die Kinder diesen Zucker-Sahne-Kram höchst selten essen). Mir ist es aber herzlich egal, wenn andere das Bedürfnis/die Zeit/die Lust/das Geld haben, das zu tun und ihre Ergebnisse auf Instagram oder sonstwo präsentieren. Unter Druck gesetzt fühle ich mich dadurch nicht. Ich bin doch ein erwachsener Mensch und kann das machen, was mir gerade in die Lebenssituation passt. Wenn es dann statt zur selbstgebackenen Torte nur zu gekauften Keksen reicht und jemand die Augenbrauen hochzieht – so what? Das halte ich aus. Und klar sagen die Kinder dann gerne mal: „Aber XY aus der anderen Klasse hatte was viel Größeres/Tolleres/Schöneres“ – aber meistens lässt sich das auch mit den Kindern gut klären und ganz oft stellen wir dann fest, dass es auch bei uns etwas gibt, was richtig toll ist.

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  18. I feel you, too. Ich mag auch nicht basteln und überlass das ganz unemanzipiert meiner Frau, die da gottseidank nichts gegen hat (aber jedes Recht hätte, etwas dagegen zu haben). Dieses Kindergarten- und Schulbasteln ist für Alleinerziehende gemein. Meine Mutter, nahezu ungelernte Kindergartenzweitkraft aus Leidenschaft (zu Beginn) hat schon immer gebastelt, Fensterdeko, Lämpchen, Fröbelsterne etc. pp. War nett, aber so als Jugendlicher war der Gedanke immer: alles schön und gut, aber fängt halt Staub, liegt irgendwann rum, und dafür die ganze Arbeit. Jeder hat das Recht, Basteln so richtig doof zu finden.

    Beim Advenskalender packe ich Päckchen mit ein, weil es einfach nicht nett ist, zuzusehen, wie sich jemand mit einer Fleißarbeit abmüht, ohne dass man durch einen Arbeitseigenanteil abkürzen hilft. Einfach nur Päckchen in Geschenkpapier. Bei drei Kindern ist unser Kompromiss: Jedes Kind kann jeden dritten Tag ein Päckchen aufmachen. Süßigkeiten sind zwar nicht verbannt, aber stark reduziert. Spielzeug wird kostensparend aufgeteilt auf mehrere Päckchen, Lego eignet sich da naturgemäß sehr gut (Teile nach benötigter Reihenfolge sortieren, Anleitung kopieren und für die je benötigten Teile beifügen, da komplettiert sich dann das Modell in Zeitlupe und es gibt eine Überraschung, was es eigentlich ist), wir hatten auch schon mal kleine Zaubertricks. Am 6. und 24. gibt es ein Päckchen für jeden (hier meist kleine Hohlschokoladenfiguren). Die Päckchen werden nummeriert und an einer Leine aufgehängt, fertig. Löwenanteil der Zeit: einpacken und ggf. Lego sortieren, aber das sind dennoch zwei Abende (aber eben zweit). Die Kinder machen das bisher gut mit, sind aufgeregt, was die jeweils anderen auspacken und beschweren sich nicht über zu wenig Krams, toitoitoi (sie sind glücklicherweise insgesamt wenig neidisch auf andere Kinder. Untereinander ist das schlimmer, beim Kalender gehts). Dieses Vorgehen hilft uns, Aufwand und Kosten im überschaubar zu halten.

    „Ich habs ja versucht. Aber ich schaffe das nicht. Ich schaffe nicht 30 Stunden zu arbeiten, den Haushalt, die Kinder zum Sport zu bringen, Laternen zu basteln, Plätzchen zu backen, dabei immer schick auszusehen, ICHWILLDASNICHT und ich will nicht, dass die anderen mir ständig zeigen, was sie alles selbst machen.“
    Ich kann das nachvollziehen. Vor allem den Ich will das nicht-Teil. Kleine, egoistische und etwas gemeine, aber für die Mentalhygiene sehr hilfreich Sache ist es, das fishing for compliments der anderen ins Leere laufen zu lassen. Also sich das Gerede vom Selbstgemachten freundlich anhören und „Aha, soso, hmhm“ antworten und dann eben so etwas sagen wie „Meinen Kindern ist es um Glück egal, wie der Kalender gestaltet ist“, oder etwas anderes passendes in der Richtung. Pffflllrrrt, ist die Luft raus, und man ist eben nicht eingestiegen in das kokettierende Gejammer (der anderen!) über die ganze Arbeit. Freunde macht man sich damit natürlich nicht. Und für Mütter sieht die Sache idR sowieso anders, also schwieriger, aus.

    (Übrigens habe ich gestern meine Kinder geschminkt. Kleine Herbstaktion im Kindergarten: der vermeintliche Schminkservice entpuppte sich als Falle, die Eltern sollten selbst schminken. Die Kinder hatten sich schon ein Vorlagenfoto ausgesucht, alle drei wollten blauweiße Fantasiedeko im Gesicht, so filigrane Muster mit Sternen und Glitzer, das wäre Elsaschminke (die allerdings, iIrc, bloß ein bisschen Rouge, Lidschatten und Lippenstift hat). Erste Reaktion: Niemals, kannste nicht, willste nicht. Dann der Gedanke: Da musste jetzt schon aus Prinzip durch. Also angefangen, ungeschickt und untalentiert konturlose Sterne und viel zu dicke Linien ins Gesicht zu pinseln, Glitzer drauf, Lippenstift etc.. Obwohl gewisse Landmarken an ähnlicher Stelle waren, sah mein Ergebnis nicht mal ansatzweise wie auf dem Foto aus. Die Kinder blicken in den Spiegel und sind: glücklich, glücklich, glücklich. Will sagen: vielleicht hilft es ja, dem gekauften Kalender eine selbst ausgeschnittene Sternschnuppe draufzukleben. Dann hat man Willen bei überschaubarem Aufwand gezeigt, auch wenn man beim Ausschneiden vor sich hin flucht und alles Tonpapier der Welt auf den Mond wünscht, aber: wer jetzt noch meckert, ist undankbar.)

    Das ist jetzt sehr lang geworden. Ich hoffe, es hört sich nicht nach Mansplaining oder Soundso geht das an, eigentlich wollte ich nur zum Ausdruck bringen, dass uns uns ähnliche Gedanken kommen (teuer, Zeit, keine Lust, kein Talent) und unseren Kompromiss erläutern. Ein Erfahrungsbericht sozusagen.

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  19. Toll, als ich angefangen habe, hier zu kommentieren, war ich die erste. Dann wurde das Baby wach, die Waschmaschine fertig und der Postbote hat meine Adventman-Bestellung gebracht (echt jetzt).
    Was ich sagen wollte: danke für die Verlinkung von Frau Ruths Text, den ich hätte ich selbst nicht entdeckt. Ich fand den erstens sehr lustig und zweitens intelligent, da er eine Aufforderung ist, noch mal über Konsum, Zeitverbrauch oder -vertreib, Nachhaltigkeit etc. nachzudenken. Denn nur dann kann man ja wirklich „machen, was man will“ (wie jemand auf Twitter schrieb) bzw. den für alle Familienmitglieder mit ihren verschiedenen Prägungen und sozialen Umfeldern glücklichst möglich machenden Kompromiss basteln/kaufen/wiederverwenden.
    Und schließlich finde ich an deinem Text noch mal den Hinweis auf den „luftleeren Raum“ sehr wichtig.

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  20. Als wir klein waren, gabs manchmal Adventskalender mit Schokolade drin. Meistens aber gabs Adventskalender mit einem Bild hinter dem Türchen. Fanden wir unheimlich spannend, hat auch völlig genügt. In der Brigitte standen dann (in den 70ern) die ersten Anleitungen für selbstgemachte Adventskalender, hübsch aus einfachen und meist eh vorhandenem Zeugs gemacht, zB Streichholzschachteln.

    Dann wurde ein Geschäft daraus, wie aus allem. Bastelmaterialläden gabs an jeder Straßenecke, mit fertig abgepackten Sets, und alles komplett überteuert. Und häßlich ists obendrein. Massengeschmack statt eigener Idee, und dann mangels Fingerfertigkeit auch noch mit Versagensangst behaftet. Ich komme aus einem Selbermacherhaushalt, wir nehmen einfach, was da ist – oder wir machen garnix.

    Also bloß nicht unter Druck setzen lassen, Schokoladenkalender machen glücklich, und bei mehreren Kindern kann man – Tip! – die Bildchenkalender auch gegenseitg basteln lassen.

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    1. Ich kenne selbst gemachte Adventskalender schon Mitte der 1960iger und zwar im Kindergarten, Hort oder der Grundschulklasse. Man hat dafür großenteils Abfallmaterial verwendet, also schon frühzeitig leere Streichholzschachteln oder Klorollen gesammelt – aus ersteren eine Adventsuhr gemacht, aus zweiteren mit Krepppapier, das man damals noch mit zwei „p“ schrieb, Nikoläuse. Befüllt wurde mit Kleinigkeiten: Bonbon, Kaugummi, eine Geschichte, die vorgelesen wurde etc.

      Ähnlich war es bei den Martinslaternen. Grundlage war eine leere Käseschachtel und Butterbrotpapier wie es zum Einpacken der Pausenbrote verwendet wurde. Die Technik entsprach dem, was Kinder im jeweiligen Alter konnten: bunte Blätter sammeln, pressen und aufkleben etc.

      Obwohl die meisten Mütter zuhause waren, wäre niemand auf die Idee gekommen, einen Bastelnachmittag für Mütter zu organisieren, wo diese dann die Laternen machen. Mütter sah man im Kindergarten, wenn das Kind gebracht oder geholt werden mußte. Die meisten wohnten so nah, daß keine gefährlichen Straßen überquert werden mußten und konnten selbst zu Fuß kommen oder nach Hause gehen.

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  21. Oh, wie ich das verstehe. Habe kein Kind, aber genau das wäre Hölle. Und: Interessant, wie sich das ändert – in meiner Kindheit war es normal, einen Bildkalender oder einfachen Schokokalender (gekauft) zu haben. Und aufgeregt beim Öffnen war man genauso.

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  22. …es wäre jetzt wahrscheinlich etwas zu billig, unseren Shop ADVENTMAN zu erwähnen, in dem man aus 4000 Produkten alles direkt von Sofa aus bestellen kann und es trotzdem aussieht wie selbstgemacht, Klammern, Aufhänger und Beutel inklusive. Oder? Kostet natürlich auch Geld, wird dafür auch ganz fleißig von Männern und Vätern bedient…

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    1. Ne, das ist OK – aber ob die Frauen der Bestellenden oder die der Zusammenstellenden jetzt JEMALS wieder Sex mit ihren Männern haben wollen… ist eine andere Frage.

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  23. Ohne jetzt Werbung machen zu wollen, einfach weil ich im Metier unterwegs bin: Ich finde ja den Pixi-Adventskalender gut. Oder (!): Ein Basteladventskalender für Kinder. DIE können dann basteln *ahahahaaaaa*: https://www.amazon.de/Mein-großer-Bastel-Adventskalender-Sabine-Lohf/dp/B01FU8TO26
    Aber ich vermute mal, es geht um Kinder, die diesem Alter schon entwachsen sind?
    Ich fand als Kind jedenfalls immer die Bilderkalender super. Oder Bücher, die man aufschneidet und dann eine Geschichte weitererzählt wird.

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  24. Ich mag den alten Artikel, ich mag diesen und ich mag den von Frau Ruth. Danke dafür!
    Ich mag nicht basteln (und auch nicht stundenlang kochen oder backen), aber noch mehr geht mir diese alltägliche Geschenkeflut im Advent gegen den Strich.
    Meine unperfekte Lösung: (gekaufte) alle Jahre wieder vorgekramte Säckchen, in die (gekaufte) einzeln verpackte Süßigkeiten reingestopft werden. Dabei würde ich vielleicht sogar meinen Mann helfen lassen und den Rotwein mit ihm teilen, und vielleicht gucken wir uns dabei „Bad Moms“ noch einmal an. Und würde ich nicht gerade in Peking sitzen, sondern in Deutschland, wären es vielleicht wieder wundervoll kitschig-bunte 1,99 Kalender, und wenn nicht für die Kurzen, dann für mich selbst. Bescherung ist am 24.12, nicht vom 1.-24. jeden Morgen, und auch an Nikolaus gibt es nur ’ne Kleinigkeit. Nee, bei diesem Konsumzwang machen wir nicht mit und bislang haben alle 5 Kinder das auch immer eingesehen. Trotzdem ist es lästig, dass uns diese Diskussionen immer wieder von außen aufgedrückt werden.

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  25. es geht übrigens auch andersrum. meine armen Kinder haben sich irgendwann ganz sehnlichst einen gekauften Adventskalender gewünscht, mit Schokolade gefüllt und nicht immer diese selbstbefüllten, wo aller möglicher Schnickschnack drinne war, bloß keine Schokolade. :D

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  26. Ich habe befüllbare (zB von Tschibo), die ich mit kleinen Naschereien fülle. Wobei die große Tochter beim Einkauf letztens mit einem Schoko-Adventkalender geliebäugelt hat. Ich habe ihr dann gesagt, sie kann sich aussuchen, welchen sie möchte.
    Mir persönlich wäre der zum selbst befüllen lieber, da habe ich nämlich die Möglichkeit den Inhalt zu beeinflussen.
    Abgesehen davon bekommen die Kinder auch immer Schoko-Adventkalender von den Taufpaten.
    Da will ich dann nicht vielleicht noch 2 gleiche Kalender haben…

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  27. Vor fünf Jahren habe ich mit einem Patenkinder-Adventskalender angefangen: jeden Tag eine weihnachtliche E-Mail bis zum Heiligabend. Dabei kam es auch vor, dass ich erst um 1 ins Bett gekommen bin, weil ich die Geschichte dafür noch schreiben musste.
    In der dritten Adventszeit meinte ich, es müsste ja nicht jedes Jahr sein – große Enttäuschung: „Das kannst du doch nicht machen!“
    Aus der Nummer komme ich wohl nicht so bald raus – für dieses Jahr habe ich zum Glück schon genug Ideen, Notizen, und auch schon ein paar fertige Texte. Und ja: ich schreibe das gern und freue mich, wenn es gut ankommt.
    Was Du über den Selberbastel-Stress schreibt, kann ich gut nachvollziehen.

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  28. @creezy hat es gut auf den Punkt gebracht. Ich empfinde diese überspitzten (das hat wohl jede verstanden), pseudoradikalen Texte als bieder und muttikokett.

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  29. Was ich wirklich nicht kapiere ist die verlorene Sexiness eines Mannes, der Adventskalender befüllt – also selbst, wenn ich wie von Dir empfohlen, die Übertreibung beiseite räume und mich auf ein geringeres Maß einpendle. Schlussendlich steckt da ja ein Körnchen Wahrheit hinter – Männer sollten bestimmte Dinge nicht tun, damit Frauen weiterhin in ihm den großen starken Bären sehen dürfen. Darüber könnte man an anderer Stelle ruhig noch mal länger philosophieren. ;-)

    Was ich eigentlich sagen sollte: in meiner Kindheit und Jugend gab es nie selbst gebastelte Adventskalender. Immer nur die aus Schokolade. Mein Bruder und ich sind auch groß geworden und fanden die Vorweihnachtszeit trotzdem immer super.

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    1. Also das geht jetzt in schulische Textinterpretation: Aber ich musste an diesen geflügelten Satz denken, dass es scheinbar Männer gibt, die nie mehr mit ihren Frauen schlafen können, wenn sie bei der Geburt dabei waren.

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