Causa Kelly

Ich hatte es gefühlte zwanzig Mal mit dem Hinweis: „So funny!“ in meiner Timeline. Als ich das Video anschaute, waren meine Erwartungen groß. Statt amüsiert, war ich aber verwundet. Was soll daran lustig sein?

Ein Vater führt ein Skype (?) Interview mit der BBC und im Hintergrund erscheinen seine Kinder. Er schiebt das ältere Kind ohne Hinzusehen weg, das Baby erscheint, einige Sekunden später slidet die Mutter um die Ecke, sammelt hektisch die Kinder ein, das Interview geht weiter.

Lustig fand ichs nicht. Mir fehlte etwas der Galgenhumor (oder wie man das nennt, wenn etwas schief geht und man trotzdem drüber lacht).

Also tweete ich:

Sekunden später bereue ich es aber irgendwie. Eigentlich ist es doch auch eine Botschaft an die Welt, dass mal ein Vater im  Homeoffice sitzt und bei der Arbeit in aller Öffentlichkeit von seinen Kindern gestört wird.

Der Moderator bei BBC nimmt es seinerseits sehr gelassen.

Und während ich eigentlich dafür kämpfe, dass sich Männer auch mehr als Väter sichtbar werden und es somit auch Normalität wird, dass sie als Teil der Familie in Erscheinung treten, meckere ich, dass er sein Kind ohne Hinzusehen weggeschoben hat.

Asche auf mein Haupt.

Schlimmer noch. Weil die erscheinende Frau im Hintergrund so panisch reagiert, nehme ich an, es sei die Kinderfrau, die jetzt um ihren Job bangt.

Dass es tatsächlich die Mutter Jung-a Kim Kelly ist, kommt mir nicht in den Sinn.

Einer Kurzrecherche zu folge handelt es sich aber um die Mutter.

Auch wird mir gesagt, dass die Kinder auf koreanisch sagen: „Was ist denn, Mama?“ (Das koreanische Wort „Mama“ klingt wie [Omma])

Wahrscheinlich hatte ich im Hinterkopf auch das beschämenswerte Vorurteil, dass ein weißer Professor natürlich eine Migrantin als Nanny hat.

Alles sehr haarsträubend, denn es ist schließlich ein in Südkorea lebender Mann.

Also pfui, Frau Cammarata. Pfui.

Ich schaue mir das Video also noch zehn Mal an und plötzlich sehe ich auch ein Lächeln im Gesicht des Korea-Experten und ich stelle mir vor, dass er nicht aufstehen und das Kind auf den Schoß nehmen konnte, weil im Homeoffice hat schließlich niemand Hosen an und in Unterhose auf BBC ist wahrscheinlich doch peinlicher als die Kinder wortlos wegzuschieben.

Nach acht Mal schauen, meine ich, dass die Mutter die Hose nicht ganz oben hat, irgendwas zwischen Pulli und Hose scheint rosa durch. Wahrscheinlich war sie gerade auf Toilette und da haben sich die Kinder auf die Reise zu Papa gemacht.

Alles in allem ganz normaler Familienalltag. Alltag wie ich ihn mir eigentlich in der Öffentlichkeit wünsche. Nicht dieser unrealistische und polierte Werbequatsch. Nicht die Väter im Anzug, die so tun als hätten sie keine Familie. Nicht die Väter, die nie gefragt werden: Ist denn die Kinderbetreuung sicher gestellt? Nicht die Väter, die für ihre Kinder irgendwie fremd sind sondern eben Papa, bei dem man im Homeoffice auch mal rein schauen kann, was da los ist.

Also Professor Kelly, my apologies.

Oder wie Dirk von Gehlen es formuliert hat:

Marion und James Kelly ist heute etwas geglückt, womit sich Parteien und Medien derzeit etwas schwer tun: Sie haben ein Bild geschaffen, mit dem sich eine ganze Generation identifizieren kann.

P.S. Marion ist das Mädchen im gelben Pulli. James das Baby.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

459 Gedanken zu „Causa Kelly“

  1. Ich habe eigentlich relativ schnell gedacht: „Herrgott, das alles passiert in einer Zeit von anderthalb Minuten. Da muss man sich schon sehr sicher sein, dass man selbst souveräner reagieren würden. Liveschalte mit der BBC, man hat sowieso schon wenig Zeit, ist im Stress und aufgeregt und dann kommt das Kind rein und man muss von jetzt auf gleich irgendwas tun und kann noch nicht mal wirklich darüber nachdenken, wie das jetzt wahrgenommen wird. Also reagiert man erstmal irgendwie.

    Das Wegschieben als „herzlos“ zu bezeichnen ist da glaube ich etwas überinterpretiert. Natürlich wirkt es etwas komisch, aber wenn man nur diesen einen Schnipsel sieht und der komplette familiäre Kontext fehlt, sollte man eher nicht daraus schließen, dass das ein wenig liebevoller Vater ist.

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  2. In der ersten Sekunde dachte ich auch erst einmal „hö, was schubst er das Kind so herzlos weg?“ aber dann hat er gelächelt und das fand ich so schön. Und wie die Mutter in das Zimmer hechtet ist auch Weltklasse. Sehr sportlich!

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  3. Trotzdem wäre es vielleicht einfacher gewesen, das größere Kind auf den Schoß zu nehmen und das Interview weiterzuführen.

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    1. Ja und trotzdem ist es schwierig sich sicher zu sein, dass man es besser gemacht hätte. Die Unbeschwertheit und Fröhlichkeit mit der das Kind reintanzt, spricht schon sehr für ein sonst eher entspanntes Verhältnis zum Vater…

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  4. Danke für den Beitrag! Ich fands von Anfang an witzig. Zur Erklärung: Er guckt das Kind doch an! Er sieht sich doch in einem kleinen Fenster selbst! Das erklärt auch die „unherzliche“ Bewegung, mit der er das Kind wegschiebt (weil seitenverkehrt). Superlustig ist nicht nur der Gang des (sehr selbstbewussten) Mädchens, sondern auch der hektische Versuch der Mutter, sich zu ducken – obwohl voll im Bild.

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  5. Mir gefällt das „gelbe“ Kind, daß cool und souverän die Situation crasht. Den Prof. find ich eher peinlich und die Mutter, die auf dem Boden liegend die Türe schließt, wirkt auch nicht gerade cool. Sie hätte in den Raum gehen sollen und gelassen und liebevoll die Kinder einsammeln sollen. Insgesamt ist die Reaktion der Eltern doch sehr spießig und kleinbürgerlich. Siehe da: Professoren sind auch nur Menschen. Wer hätte das gedacht ? Im übrigen: Mach nicht aus jeder Mücke einen Elefanten, liebes NUF.

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  6. Jetzt ist meine Welt wieder in Ordnung. Gestern, als du und andere nur noch auf dem Daddy, der Kinder beiseite schiebt (echt jetzt, dass soll schlimm sein bei einem Live-Interview!?!) herumhackten und über die schnell als Nanny degradierte Frau urteilten (ja, sie ist in Panik, sie kommt ohne Hose vom Klo, deshalb saß das Kleine sicherlich auch gerade mal im „Rollator“ und deshalb schließt sie die Türe liegend) – da war ich doch sehr verwundert. Im übrigen sieht doch jeder, wie er immer wieder peinlich berührt lächeln muss. Dein Text heute war mir wichtig und richtig. Wellenlänge wieder da. Schön.

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  7. Insgesamt ein faszinierend gutes Beispiel, anhand dessen (bzw. anhand der Reaktionen darauf) man viele unterschiedliche Sachen diskutieren kann.
    Rollenbilder, Rassismus im Hinterkopf, strukturelle Probleme bezügl. Vereinbarkeit und politische Forderungen daraus, Social-Media-Reaktionsverhalten, Überdenken der eigenen Positition …

    Nur das Vorurteil, dass ich zu Hause ohne Hose am Rechner sitze, wird damit nicht aus der Welt geschafft.

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  8. Super geschrieben!
    Fande die ganzen Kommentare darüber sehr komisch… Natürlich schiebt er sein Kind in dem Moment weg, aber er grinst dabei und das nicht unsympathisch… Solche vergleichbaren Situationen hat jede Mama/ Papa im Alltag Mal .. und man handelt nicht immer so wie es der „Erziehungsratgeber“ gerade empfiehlt…

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  9. Ich fand das Video weder übermäßig lustig noch besonders grob oder schlimm. Dass der Vater nicht grade freundlich auf seine Tochter eingeht, wenn er ein Live(!)interview mit der BBC(!) macht, fand ich nachvollziehbar auch wenn es im Video recht grob aussieht. Schließlich ist das selbst für Medienprofis eine Situation, die hohe Konzentration verlangt.

    Auch die Reaktion der Mutter fand ich vollkommen nachvollziehbar (ich habe nicht angenommen, dass sie die Nanny ist). Sie und ihr Mann haben sicher vorher besprochen, dass die Kinder während des Interviews nicht im Arbeitszimmer rumturnen können und dann büxen beide aus. Nebenbei, offensichtlich war es für die Tochter aber vollkommen normal ins Arbeitszimmer zu gehen, auch wenn die Tür zu ist. Ich denke mir daher, dass es in der Familie nicht tabu ist Papa bei der Arbeit zu stören.

    Ich hätte wahrscheinlich sowohl als Vater als auch als Mutter genauso reagiert, es war immerhin die BBC am anderen Ende der Leitung. Ich möchte die Eltern treffen, die in so einer Situation entspannt und den Kindern liebevoll zugewandt reagieren. Ich fand das Video menschlich, geteilt habe ich es trotzdem nicht, weil es dem Vater offensichtlich sehr peinlich wahr (was ich komplett verstehen kann).

    Clever wäre gewesen die Tür abzuschließen, wird er beim nächsten Mal sicherlich tun :D
    Auf jeden Fall haben sie für die nächsten 15 Jahre eine Anekdote für Familienfeiern.

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  10. Es wird auch völlig vergessen, dass so ein Interview für die BBC keine normale Situation ist für Beteiligte. Vernetzter Welt sei Dank, haben mein Partner und ich beide wöchentlich x Telcos, und mit den USA müssen diese manchmal für unsere Zeit abends stattfinden, wenn die Kinder da sind. Wir beide versuchen, uns gegenseitig so gut wie es geht, den Rücken freizuhalten. Das sind aber eben nur Telefonkonferenzen, und da sind wir schon so zugange immer. Wenn ich mit ein Fernsehinterview vorstelle, kann ich mich so dermaßen mit den beiden identifizieren! Und dazu muss der Mann gar nicht keine Hose angehabt haben. Man fragt sich vielmehr „was ist im Moment angemessen, dass ich tue?“ und wird unsicher. Zumal vor einem für einen selbst unsichtbarem Riesenpublikum.

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  11. Etwas unsouverän hat Herr Kelly die Situation ja schon gehandhabt.

    Aber ich würde mich nicht trauen zu behaupten, dass ich während eines Fernsehinterviews auch nur eine Spur souveräner gewesen wäre.

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  12. gross von dir deine erste meinung so öffentlich komplett umzustossen. ich konnte beim ersten malirgebdwie auch nicht lachen, weil das erste image – stocksteifer weisser politexperte im homeoffice mit anzug der auf kinder eher minimal reagiert. und dann sind mir auch die kleinen minigesten aufgefallen, das unterdrückte grinsen, der schuldbewusste blick nach unten, die ehrlicherweise echt komische weise die kinder aus dem office zu kriegen und ich dachte nur so „fast wie hier wenn die schwiegerellis facetimen und alle versuchen zu verbergen, das am wochenende um 6 abends noch alle im pyjama sind. nicht weils peinlich ist, nur weil es zu diskussionen ala „hätten wir ja doch vorbeikommen können führt“. und man gerade das schlimmste chaos unter den couchtisch geschoben hat.“
    schön zu wissen, dass das auch bei anzugpolitikexperten nicht viel anders ist ?

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  13. Respekt für die „Geradestellung“ :)
    Wir hatten eine vergleichbare Gefühls-Situation: Erst „wie kann der nur“, und danach die Vorstellung wie man selber drauf wäre. Mir würde schon bei einer „innerbetrieblichen“Liveschalte keine adäquate Reaktion einfallen, aber bei der Vorstellung einer weltweiten BBC-Liveschalte kann man nur sagen „es gibt keine adäquate Reaktion“
    Und er hat zwischendurch echt mal das Grinsen unterdrücken müssen. Fakt.

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  14. Der hat keine Hose an?! Die Mama war auf’m Klo und hat nur panisch die Hose hochgezogen?! :D JETZT kann ich auch darüber lachen.
    Ich mag das Wegschieben ohne hinzugucken trotzdem nicht.

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    1. Die Frage ist: Was hätte ich selber an seiner Stelle getan?
      Mir kommt dazu in den Sinn: In den Boden versinken. Das Kind wegbeissen. Das Kind anbrüllen. Die mit dem Hüten beauftragte Person anbrüllen. Anfangen zu weinen. Rot werden und nichts mehr sagen. Hysterisch lachen.
      Jede einzelner meiner möglichen Reaktionen wäre sehr viel unsouveräner gewesen :-)

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  15. Deine Vermutung, dass er keine Hose trägt „made my Day“ :D und dass sie gerade auf Toilette gewesen sein könnte ein guter Lösungs-Ansatz. Das schreckliche an diesem Video ist auch nicht, dass die Kinder reingekommen sind oder wie sie wieder hinausgebracht wurden, sondern dieses Baby-Laufgestell: Babys sollen selbst laufen lernen und das ist total kontraproduktiv. Laufen aus eigener Kraft! Außerdem können sich die Babys damit schwer verletzen. Diese Dinger gehören aus dem Verkauf genommen! Liebe Grüße, Ella

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