Darf ich mich weigern bestimmte Dinge sehen zu wollen

Bildschirmfoto 2015-11-15 um 11.25.01

Das Phänomen ist kein neues und bislang ist es mir relativ gut gelungen „mein“ Internet zu filtern. Es wurde mit der stärkeren Präsenz von Social Media in meinem Leben immer schwieriger und nach den Anschlägen in Paris kann ich sagen: Meine Filter sind kaputt. Ich kann nicht genau festmachen woran das liegt und wie das kommt, aber sobald ich online gehe, werde ich mit Informationen und Bildern regelrecht bombardiert und ich kann sie nicht nicht beachten.
Es gibt aber Dinge, die will ich persönlich nicht sehen. Denn ich brauche sie nicht, um Empathie zu empfinden. Ich brauche sie nicht, um mir vorzustellen, wie schlimm bestimmte Ereignisse sind. Meine abstraktes Vorstellungsvermögen war bislang ausreichend.

Auf Breitband kann man einen Beitrag zu dem Thema hören: Wie viel Leid sollen wir zeigen? darin geht es unter anderem um die Frage, ob und in welcher Form man die Bilder von ertrunkenen Flüchtlingskindern zeigen soll und wem das ggf. hilft. Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit besteht darauf: Solange wir nicht die Maßnahmen ergreifen, die zu ergreifen wären, um zu verhindern, dass so etwas passieren kann, müssen wir diese Bilder ertragen.

Ich bin empfindlich. Sehr. Ich erinnere mich an die Berichterstattung am 11.09.2001. Am Anfang war ich in Schockstarre, habe die Bilder immer und immer wieder angeschaut. Doch dann kam ein Punkt, an dem ich den Fernseher ausgestellt habe: Ich sah das erste Mal Bilder von Menschen, deutlich erkennbar, die aus dem Hochhaus in den Tod sprangen. Ich habe diese Bilder vielleicht 4 Sekunden gesehen. Ich habe sie mein ganzes Leben nicht vergessen und viel geweint deswegen.

Ich hatte schon zu diesem Zeitpunkt kein Fernsehgerät mehr und ich habe danach jahrelang nicht mehr fern gesehen und auch keine Nachrichten (oder Ausschnitte) auf YouTube verfolgt. Ich kann das nicht aushalten. Ich weiß wirklich nicht wie ich mein normales Leben weiter führen soll, wenn ich jede Sekunde meines Lebens all diese Grausamkeiten präsent habe. Wie soll ich aufstehen, Brote schmieren, arbeiten gehen, am Spielplatz sitzen, Abendessen und wieder schlafen gehen? Wie?
Dabei schotte ich mich nicht von der Welt ab. Ich weiß um das Elend und ich versuche im kleinen zu helfen. Sei es durch meine Wahlentscheidung, sei es durch Sachspenden, sei es durch Geldspenden, sei es durch die Art wie ich mit meinen Kindern spreche und welche Werte ich ihnen versuche zu vermitteln, sei es durch meine Anwesenheit an Demos oder dem Einmischen in Diskussionen, die ich widerlich finde.

Ich verweigere mich absichtlich. Ich kann mir einen schönen kleinen Schutzraum schaffen und im Großen und Ganzen selbst bestimmen welche Informationen in welcher Art und Weise ich an mich heranlasse. Wenn ich das nicht tue, werde ich handlungsunfähig. Ich will aber nicht handlungsunfähig sein, ich will meinen Teil zu einer besseren Welt beitragen, egal wie verschwindend winzig und am Ende lächerlich er sein mag.

Doch jetzt dringen in meinen Schutzraum Bilder, die ich nicht sehen will. Worte, die ich nicht hören will. Ein Bild von einem blutverschmierten weißen Kleid, duzend Mal in meiner persönlichen Timeline geteilt. Ich habe angefangen den Text zu lesen, ich verstehe warum man das teilt, ich verstehe noch mehr warum man so etwas postet, aber ich will es nicht wissen.

Die Welt bricht über mich herein. Sie bricht über mir zusammen und erdrückt mich. Ich kann mich nur komplett fernhalten aus dem Internet oder ich muss es ertragen: Bilder, Minuten nach den Attentaten, Tweets von Betroffenen. Ich kann sie aber nicht aushalten. Ich filtere das Hashtag und dennoch, sie verfolgen mich. Ich bin hilflos und hab wirklich das Gefühl flehen zu wollen: Verschont mich, teilt das nicht. Ich bin emotional genug betroffen. Egal ob Paris oder Beirut. Es erreicht mich. Auch ohne die eins zu eins Darstellung der Realität.


Nachträglich ergänzt, weil ein guter Gedanke

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

65 Gedanken zu „Darf ich mich weigern bestimmte Dinge sehen zu wollen“

  1. Endlich ist der Zeit-Artikel online, den ich als die ultimative Antwort auf deinen Text empfinde:
    http://www.zeit.de/2015/49/psychologie-empathie-terror-mitgefuehl-interview
    Der ist wirklich lesenswert.
    Paul Bloom widmet sich dem Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl:
    Zitate:
    „von solchen Bildern werden unsere Gefühle allzu leicht manipuliert.
    „Empathie ist ein Bauchgefühl, das einen wegschwemmt. “
    „Wenn ich weniger intuitiv mitfühlen würde, wäre ich vermutlich ein besserer Mensch. „

       0 likes

  2. es gibt einen einfachen genetischen grund, warum ca. 20 % der menschen solche medialen reize nicht ertragen: hochsensibilität ( gibt es übrigens auch bei jeder anderen spezies und dient der besseren erhaltung der art) . für hochsensible personen ist es überlebenswichtig zu filtern und sich abzugrenzen. durch ihre hohe empathiefähigkeit wird das mehr als ausgeglichen. sie sind quasi von natur aus umweltbewusst, hilfsbereit, gerechtigkeitsliebend und achtsam(er). und können dies auch nur leben, wenn sie sich selbst schützen.

       0 likes

  3. Da gehts mir wie dir. Mir reicht auch eine besonders schlimme Nachricht von vielen, wenn ich Nachrichten lese um wochenlang verzweifelt zu sein.
    Dass man diese Bilder ertragen können muss, finde ich nicht – man stumpft ja ab (naja, die meisten wohl).

       0 likes

  4. Ja, Du darfst. Ich sehe das ganz genau so, lese schon seit Jahren keine Zeitungen mehr, schaue keine Nachrichten und bin komischerweise trotzdem manchmal mehr informiert, als mir lieb ist.
    Und ich bin mir ziemlich sicher: So viel Leid, wie es auf dieser Welt gibt, so viel Freude gibt es auch. Nur, weil man sich auf positive Dinge fokussieren will, heisst das nicht auch gleich, dass man sich der negantiven nicht bewusst ist. Solange die allgemeine Berichterstattung nicht ausgewogen ist, werde ich ihr keine Macht über mein Leben und meine Gefühle geben.

       0 likes

  5. Danke für dieses mutige Posting. Mir geht es ähnlich wie dir, mit der Mutterschaft wurde das allerdings schlimmer. Und darum findet man mich auch nicht auf FB, Twitter & Co und die Blogs, die ich lese, wähle ich genau aus. Filme, in denen körperliche oder psychische Gewalt in einer für mich unerträglichen Form dargestellt wird (auch Tatort), meide ich ebenfalls seit langem. Und wenn ich mir Bilder wie die in den Nachrichten gezeigten nicht anschaue, hat das für mich auch nichts mit „wegsehen“ oder „vor der Realität flüchten“ zu tun. Ich bin mir der Lage und des Elends an vielen Orten dieser Welt durchaus bewusst, ich muss mir da aber nicht noch die Bestätigung in Bildform holen und ich brauche diese Art der Berichterstattung auch nicht, um mich besser informiert zu fühlen.

    Es gibt einfach Menschen, auf die Bilder eine stärkere Wirkung haben. Das ist nicht besser oder schlecht oder verweichlicht – es ist einfach so. Punkt. Oder wie ich es neulich irgendwo gelesen habe: „… dass der Verstand mittlerweile völlig überlastet ist mit dem, was auf ihn einströmt. Du empfängst ständig tausenderlei Eindrücke und es ist keine Zeit, das gesondert zu verarbeiten. Es ist, als würde man ständig bei Tisch sitzen und 24 Std. am Tag essen.“ Und da betrachte ich es als mein gutes Recht, in dem mir möglichen Rahmen bewusst auszuwählen, was ich mir zumuten möchte. ;)

       1 likes

  6. Hm….einfach nicht ranlassen praktisch das Gleiche was Sanitäter, (Not)-Ärzte, Krankenpfleger, Erzieher usw. in ihrem Job tagtäglich praktizieren….Nachteil der Methode: Man entwickelt, zum Teil, u.U. für Außenstehende, schockierende Marotten (z.B. sehr kruden Humor)….

    bombjack
    der über 6 Jahre in der Pathologie (Bereich Onkologie) als techn. Assistent gearbeitet hat u.a. an Gewebeproben von Kleinhirntumoren bei Kindern. Da lernt man recht schnell Distanz zu wahren….

       0 likes

  7. Danke! Danke! Danke!
    Mir geht es ähnlich mit den Bildern zum 11. September 2001: es gibt Nächte, in denen ich immernoch schweißgebadet aufwache, weil ich die fallenden Menschen sehe, weil ich panische, schreiende Menschen sich hinter Autos verstecken sehe, weil ich wenige Monate vorher in NY war. Genauso ist es jetzt mit Paris: Freunde mit Kindern, eigene Besuche, Erinnerungen an die Orte.

    Dein Text hat mir aus der Seele gesprochen. Ich weiß nicht, wie ich mit den Bildern leben kann, wie ich dann als Mama funktionieren kann: Brote schmieren, lachen, Lieder singen, Geschichten vorlesen.
    Vorallem weiß ich nicht, wie ich mit all dem Hass umgehen soll, dem einen für Anteilnahme entgegengesprüht wird. Natürlich hilft Profilbild-ändern nichts gegen sinnloses Töten, hilft nicht bei der Trauer, hilft nicht bei Angst. Es ist mein kleiner, hilfloser Versuch, Anteilnahme auszudrücken. Ein hilfloses Zeichen setzen, dass die braune Pegida-Scheiße eben nicht die einzige Reaktion ist.

    Dein Text hat mir Mut gemacht, facebook auf meinem Telefon erst mal zu deaktivieren. Danke.

       0 likes

  8. Pingback: Kanal dicht?
  9. Vielen Dank für diesen Blog und die sinnvollen und ehrlichen Kommentare. Ich schaue noch fern, bin aber ohne Facebook und Twitter unterwegs, das hilft. Den Fernseher kann ich ausschalten, wenn es mir zu viel geworden ist.
    Die Schockstarre habe ich bei solchen Nachrichten auch und irgendwie Schuldgefühle, weil es mir gut geht und andere leiden. Das ist natürlich Blödsinn und nützt niemandem. Jedoch schaue ich auf diese Gefühle, nehme sie wahr, erkenne sie an und lasse sie dann liebevoll gehen. So kann ich meine hohe Sensibilität und Sensitivität leben, ohne mich vollkommen überwältigt zu fühlen, oder ohnmächtig.
    Ich glaube an Mit-gefühl ohne Mit-zu-leiden; das kann man üben.
    Mitgefühl ist die Kraft in uns, die weiss, dass wir nicht wirklich voneinander getrennt sind (auf der Seelenebene), daher können wir das Leid des Anderen wahrnehmen und unser emotionales Herz öffnet sich. Das ist eine zutiefst menschliche Kraft.
    Das Mitleid stellt sich oft über den Anderen und vergleicht und bewertet und ordnet zwischen richtig und falsch. Auch diese Kraft ist menschlich, kommt aber meistens aus der Angst heraus.
    Das schöne dabei ist, wir haben die Wahl – zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens. Und ich wähle Frieden und Harmonie, wann immer es nötig ist. Und das braucht volle Aufmerksamkeit, da auch ich ja immer wieder aus dem Frieden falle und rumzicke, z.B. Der Buddha der Zukunft, Maitreya, ist reines Mitgefühl und liebende Güte. Diese Kraft ist bedingungslos, daher für alle, ohne Ausnahme.

       1 likes

  10. Achja, die Frage hatte ich ja fast ganz ausgetastet (dachte ehrlich gesagt sie sei rhetorisch):
    Ja, klar darfst Du Dich weigern.

       0 likes

  11. Wieso solltest Du das nicht dürfen? Wer wenn nicht Du entscheidet denn darüber? Ich weiß, dass es so vermutlich nicht gemeint war, aber andererseits wunderte ich mich schon in der Diskussion über das Bild von dem ertrunkenen Flüchtlingskonvention darüber, dass viele meinten sich rechtfertigen zu müssen, weil sie solche Bilder nicht sehen wollen oder können.

    Den Umkehrschluss, dass Andere meinen mir sagen zu können, welche Bilder ich ertragen müsste, finde ich ebenso vermessen wie sinnlos.

    Auch mir haben sich solche Bilder in die Seele gebrannt, die ich lieber nicht gesehen hätte. Ich verschließe mich ja nicht den Nachrichten bzw. dem aktuellen Weltgeschehen, nur weil ich gewisse Bilder nicht sehen will, die ich zum einen als sehr privat empfinde (was ist wohl intimer als der Tod eines Menschen?) und die zum anderen Teil einer Inszenierung von etwas sind, das ich zumindest durch das Lesen darüber schon hinlänglich begreife.

    Die grundsätzlichere Frage müsste wohl die sein, ob man solche Bilder überhaupt zeigen muss, um ein Geschehen „sichtbar“ oder glaubhaft zu machen. Aber diese Debatte ist ja schon oft geführt worden und wird nie zu Ende geführt sein, solange irgendjemand an solchen Bildern verdient.

       0 likes

  12. Ich sehe es anders.
    Ich fühle mich auch schlecht, wenn ich sowas sehe, keine Frage. Aber sich zu verschließen ist meines Erachtens grundsätzlich falsch. Wir gehören zu einer Gruppe von Privilegierten, für die solche Dinge so selten sind, dass sie als gruslige Unterhaltung im Fernsehen laufen. Wo das schlimmste das einem in der Regel passieren kann ist, dass man sich gruslige Dinge im Fernsehen oder in einer Zeitung vorgefiltert ansieht.

    Der kleine Preis den ich bezahle ist dass ich wenigstens hinsehe, nicht weg (ok, nicht den emotional überladenen Mist im Fernsehen, ich bin eher Fan von Text, aber eben bewusst von außerhalb der „Filterblase“. Texte lesen von Leuten die nicht meiner Meinung sind. Mit ihnen reden. Auch wenn einem manchmal fast der Kopf platzt. Bei Fefes Blog z.B. stehen mir oft die Haare zu Berge. Nur Text, aber Dinge die ich oft nicht wissen wollte, also auf emotionaler Ebene).

    Wir sind angehalten, dem Einhalt zu gebieten. Wir sind es unseren Kindern schuldig. Wenn dieses schlecht fühlen mich dazu zu bringt, etwas zu ändern, wenigstens den Versuch zu unternehmen, dann war es das wert. Ich habe lieber bis zu meinem Lebensende Alpträume von Menschen die aus Hochhäusern springen, Töchtern die sich dem IS anschließen, Kindern die im Mittelmeer ertrinken, oder jungen Leuten die in einer Diskothek niedergemetzelt werden, als dass ich durch Wegschauen zulasse dass meine Tochter in einer Welt leben muss, in der so etwas mit steigender Tendenz auch bei uns stattfindet. Es zu wissen, es zu BEGREIFEN, mit dem Herzen und vor allem mit dem Kopf, das ist was wir tun können.

    Nein, ich filtere nicht, ich will es nicht. Ab und zu ein kleines Bisschen, ja das passiert mir auch. Am Wochenende habe ich bewusst meine Nachrichtenfeeds ignoriert und das Fernsehen sowieso. Aber lieber bekomme ich langfristig ein Herz aus Stein als einen Kopf aus Holz. Und letzteren bekommt man, wenn man in einer Filterblase lebt, und die furchtbaren Dinge ignoriert. Wenn man sich einredet man könne nichts tun, weil man Angst davor hat, was man tun könnte. Dann gewinnen die anderen.

    Du fragst: „Wie soll ich aufstehen, Brote schmieren, arbeiten gehen, am Spielplatz sitzen, Abendessen und wieder schlafen gehen? Wie?“
    Durch Verdrängung. Geht nicht immer, aber oft. Bei mir reicht oft der Anblick meiner Tochter. Sich einfach auch die guten und schönen Dinge anschauen. Gleichgewicht.
    Ich wünsche Dir viel Erfolg, es ist eine Herausforderung, aber wie gesagt: Ich finde es ist es wert es zu probieren.

       1 likes

    1. Entschuldigung, das verstehe ich jetzt nicht. Du sagst, wir müssen uns dem erst stellen und uns die Bilder anschauen und dann erst dürfen wir verdrängen? Inwiefern ist das jetzt besser als es sich gar nicht anzuschauen?
      „Wenn dieses schlecht fühlen mich dazu zu bringt, etwas zu ändern, wenigstens den Versuch zu unternehmen, dann war es das wert.“ Wenn, ja. Aber das muss es aber nicht. Wenn es jemandem zuviel ist, also ich meine WIRKLICH zuviel, ist er vielleicht gar nicht in der Lage mehr sich zu engagieren.

      „Ich habe lieber bis zu meinem Lebensende Alpträume …, als dass ich durch Wegschauen zulasse dass meine Tochter in einer Welt leben muss, in der so etwas mit steigender Tendenz auch bei uns stattfindet.“ Aber Hinschauen alleine ändert erst mal gar nichts.
      Ich will dich nicht angreifen, sondern ich denke selber darüber nach. Ich gehöre auch zu denen, bei denen die Bilder im Kopf von ganz alleine entstehen. Ich brauche diese Bilder nicht. Ich werde kein besserer Mensch, auch kein aktiverer, indem ich mich durch die Bilder in dem Medien oder auch durch detaillierte Zeitungsberichte fertig machen lasse. Dazu braucht es etwas anderes.

      Ich könnte noch viel dazu schreiben, aber habe gerade die Zeit nicht. Vielleicht später.

         0 likes

  13. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************
    Mir geht es absolut genauso. Danke für den Text!

       0 likes

  14. Ich kenne das Problem und die Empfindung dahinter… Das Bild von dem Jungen da an jenem türkischen Strand hat mich mit voller Wucht getroffen, tagelang nicht losgelassen, ereilt mich immer noch, immer wieder… Und ich bin sehr hin- und hergerissen. Einerseits möchte ich manchmal auch einfach filtern, und in Teilen tue ich das jetzt schon seit einer Weile – insbesondere was das Lesen gerade von Kommentaren zu irgendwelchen Posts in sozialen Netzwerken betrifft. Es tut weh, es beschäftigt, es macht einen fertig. Andererseits: Momentan haben an vielen Stellen ohnehin die Polemiker und Populisten die Meinungshoheit, so scheint es – jene, die frei mindestens von jeglicher Empathie Entscheidungen und „Lösungen“ fordern und propagieren, die niemandem gefallen, niemandem helfen. In diesem Diskurs *braucht* es all jene, die irgendwie noch zu Empathie fähig sind. Wenn die sich der Probleme zumindest in Teilen durch Ausblenden und Filtern entziehen, wer bleibt dann übrig, um sich mit den Problemen zu beschäftigen…, und zwar über das Wechseln eines Facebook-Profilfotos hinaus?

       0 likes

  15. Hallo Patricia,
    ja, da möchte ich auch zustimmen !
    Ich bin ein Nachrichten- und Polit-Freak, aber was jetzt kommt ist zu viel für mich.
    Ich möchte keine Sondersendungen mehr sehen.

    Und nein – ich halte mich nicht für emotional blockiert. Das geht mir schon tief rein – gerade weil es sich um Frankreich handelt – mein Lieblingsland.

    Mich belastet aber was anderes sehr: der Vergleich mit dem 11.9. ist – leider – absolut angebracht. Meine Meinung: hier ist wieder ein geschichtlicher Wendepunkt erreicht von dem einiges ausgeht ausgehen wird, eben genau wie nach diesem 11.9.

    Ich rede von neuen Kriegen, polizeilichen und sicherheitspolitischen Maßnahmen, die ich mir jetzt schon ausmalen kann – die aber nichts verbessern werden. Diese 132 Toten werden nicht die letzten sein. Und ja – ich glaube, dass ich mit diesem Chaos, diesen Auseinandersetzungen oder zumindest ihren Auswirkungen früher oder später in Kontakt kommen werde. Ich halte es eben für naiv, zu glauben, man selber würde damit nie zu tun bekommen.

    Ich bin Pessimist – verhindern wird man da gar nichts – Point of no Return ist überschritten – die Geschichte läuft ab.

    Das ist das, was mich so belastet, damit möchte ich mich nicht täglich auseinandersetzen. Bis das alles bei mir ankommt, möchte ich mein Leben genießen so gut es noch geht.

    Viele Grüße
    Dirk

       0 likes

  16. Es geht mir ähnlich, und das ist sicherlich mit ein Grund, warum ich nicht auf Facebook, Twitter und Instagram unterwegs bin. Diese Teilerei, diese uniforme Profilbildänderungen ist mir schon im Januar nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo an die Nieren gegangen – was man davon in den sonstigen Medien so mitbekommen hat. Damals „Je suis Charlie“, nun der Eiffelturm im Peacezeichen. Ich weiß nicht, was das soll.

       2 likes

  17. Ja. Geht mir genauso. Es ist beruhigend zu wissen, dass es dir und anderen auch so geht, denn manchmal schäme ich mich dafür.

    Immer öfter möchte ich auch nichts mehr hören. Ich sage dann zum Mann: Lies mir das nicht vor, erzähle es mir nicht. Ich habe sofort Bilder im Kopf, die mich verstören. Plastisch, bunt, grausam, einprägsam. Sie verfolgen mich, tagsüber und abends, wenn ich ins Bett gehe. Nachts. Ich weine, und es hilft nichts. Die Bilder vom 11. September bin ich lange nicht losgeworden. Die Nachrichten über Elias und Mohamed haben mich völlig verstört, und ich habe den Mann gebeten, mir nichts mehr zu erzählen und das Radio ausgeschaltet. Trotzdem habe ich alles vor mir gesehen und geweint. Aber das hilft leider niemandem. Deshalb filtere ich.

       0 likes

  18. Ihr benutzt -facebook twitter und co. und heult hier rum?
    Entweder seid ihr dumm, krank oder uninformiert, denn es gibt alternativen die dieses Problem beheben können weil ihr dort die kontrolle habt. Bei Facebook gauckelt man euch die nur vor. Aber so was habt ihr bestimmt schon an anderer stelle von irgendwelchen Nerds gehört die ihr nur gering schätzt, deshalb mal eine Meinung von vielleicht einem eurer Idole der noch seinen Verstand beisammen hat:

    http://www.spiegel.de/panorama/leute/spectre-bond-boesewicht-waltz-haelt-facebook-fuer-gefaehrlich-a-1060148.html

    http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.christoph-waltz-facebook-und-twitter-sind-eine-soziale-katastrophe.0fd887fb-50bb-45df-a704-7cf03fec3c37.html

    Was ich allerdings Toll finde ist das du hier einen richtigen Blog betreibst, von daher nur weiter so damit. ————–

    Und noch etwas zur Bildung:
    https://www.youtube.com/watch?v=Rx5SZrOsb6M

       0 likes

  19. Ich verstehe die Gedanken, habe zu einem früheren Zeitpunkt aber beschlossen, dass ich es nicht mehr ignorieren kann und will. Deswegen bin ich oft handlungsunfähig und finde Dinge die andere Menschen wichtig finden, unwichtig. Wenn jeder Mensch seinen Selbsterhaltungstrieb (auch wenn er sehr gut nachvollziehbar ist) so auslebt, dass er das Leid zwar bemerkt, aber versucht zu verdrängen, werden wir uns als Menschen nie weiterentwickeln. Wird das Leid von vielen Menschen als das gesehen was es tatsächlich ist, dass es jeden betrifft, sobald etwas passiert und nicht nur einige wenige, dann wird die Menschheit endlich zu dem was sie sein sollte (natürlich nach Vorstellungen in meinem Kopf) und dafür ist meiner Ansicht nach vorher großes Leid jedes Einzelnen unvermeidbar. (Ich denke allerdings dass die Menschen nicht soweit kommen und sich voher selbst auslöschen.) ….Hierfür müsste ich bestimmt 20 Seiten Text schreiben um es wirklich auszuführen und verständlich zu machen wie ich es meine, aber es ist eben nur ein Kommentar.

       0 likes

  20. Du fasst sehr sehr gut zusammen, was ich auch fühle. Grad bei dem Thema mit dem Flüchtlingsjungen habe ich nachher gedacht ich darf mich wohl nicht so anstellen, wenn alle das teilen und dass es wohl einfach mein Problem ist. Aber ich kann das nicht sehen, ich hatte wochenlang Alpträume deshalb und das hilft ja nun auch keinem. Deshalb filtere ich auch.

       0 likes

  21. Bei mir waren auch die springenden Menschen in New York 9/11, die ich nicht mehr ertragen konnte. Meine Seele drohte zu verglühen, mein Versand wollte das nicht aufnehmen. Seitdem nur noch Tageszeitung, keine TV-Nachrichten mehr. Leider wird in social media alles Schlimme auch sofort tausendfach dupliziert.
    Ich versteh Dich, hab aber auch keine gute Lösung parat.

       0 likes

  22. Mir geht es ganz genauso. Ich bin a) wahnsinnig empfindlich, kann mich b) schwer abgrenzen, gerate c) schnell in Angst und bin d) sehr empathisch. Ich meide Nachrichten konsequent, und zwar sowohl im Fernsehen als auch im Radio. Im Internet bekomme ich sie manchmal noch mit und habe nur wenige meiner Facebook-Freunde abonniert – nur die, von denen ich noch keine Horrormeldungen in die Timeline gespült bekommen habe.
    Ich will die Nachrichten aus zwei Gründen nicht sehen: 1) Sie machen mir Angst und schlechte Laune. 2) Ich glaube, das ist beabsichtigt, und die Nachrichten geben daher nicht unbedingt die Wahrheit wieder: Wenn wir Angst haben, sind wir besser zu regieren. Ich glaube, die Medien haben die Absicht, uns auf eine ganz bestimmte Weise zu beeinflussen. Vor dem Fernseher geraten wir in einen tranceähnlichen Zustand. Und je mehr wir uns diesem Informationsfeld aussetzen, desto mehr werden wir manipuliert. Wenn wir einmal eine Weile nicht diesem Feld ausgesetzt sind und uns womöglich in der Natur aufhalten, geht es uns gleich besser.

    Und außerdem erschaffen unsere Gedanken die Wirklichkeit, und alles, worauf man die Aufmerksamkeit lenkt, wird größer. Deshalb ist es wichtig, unsere Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die wir vergrößern WOLLEN.

       0 likes

  23. Pingback: 46 KW 2015
  24. Danke!

    Dafür das du ein Thema ansprichst das uns in Zukunft sicher noch mehr beschäftigen wird. Glaube, gibt nicht DIE Lösung aber eventuell einen „Maßnahmen-Katalog“ der es erträglicher macht.

    – Hashtags muten die man einfach nicht mehr lesen will. Ist kein Selbstzensur, man zieht nur für sich eine persönliche Grenze
    – Listen erstellen. Mit lieb gewonnenen Menschen die man insofern so einschätzt, das sie nicht gleich durchdrehen und meine TL unerträglich machen
    – Ausschalten. Gerade bei Abenden wie letztenr Freitag, kann man schon erahnen das Twitter und andere Soziale Netzwerke in emotionalen Chaos ertrinken wird.

       0 likes

  25. Wenn es nicht mehr geht, dann schalte ich medial einfach aus. Treffe und spreche mit Freunden oder gehe schweigend spazieren oder mache irgendwas, was zuhause ansteht (irgendwas ist immer).

    Aber ich trenne zwischen meiner Haltung zu den Dingen, meiner Überzeugung, was richtig und falsch ist einerseits und der Konfrontation mit der (medial vermittelten) globalen Realität menschlicher Aktivitäten. Das muss ich so machen, denn andererseits würde dies mein Handeln stärker bestimmen als es meine Überzeugungen tun sollen.

    Trauer ist für mich Bestandteil des (Er)Lebens in einer global vernetzten Menschengemeinschaft. Trauer macht mich oftmals fertig, dann bin ich lieber erstmal alleine, um diese Erschütterung meiner Empathie mit mir selbst auszumachen. Denn wenn unter Menschen, muss mein Basin an Kraft und Zuversicht für mehr als mich reichen.

    Wegschauen, das geht für mich nicht, aber ich weiss, dass ich auch das Schöne regelmässig schauen muss, es suchen und fördern muss.

    Manchmal frage ich mich, wie Funny van Dannen heute diesen Song schreiben würde, weil „Räumliche Distanz“ gibt’s heute zwar auch noch, aber die Welt ist kleiner geworden durch das Internet. Und wir haben kulturell und individuell noch nicht gelernt, damit umzugehen. https://www.youtube.com/watch?v=ufvUTBlHzxo

       0 likes

  26. Huhu,

    durch eine andere Geschichte, von der ich mich wieder einmal nicht abgrenzen konnte, habe ich vor einer Woche Tweetbot von meinem Smartphone gelöscht und lebe seitdem in Ruhe. Dadurch kann ich momentan die Bilder nicht sehen – ich bin froh drum. Es wäre mir gerade auch zu viel.

    Nach einem Ereignis wie diesem bin ich ohnehin sehr gern mit meinen Gedanken komplett alleine, um Worte und eine Haltung zu finden. Das ständige Geplapper im Netz, das sofort eine Meinung, eine Haltung und eine „Lösung“ parat haben ist mir da zu viel. ich kann das nicht, ich will das nicht.
    Eine Woche AUS – minimum – hilft bei sowas enorm. Die Fakten an sich veschwinden ja nicht, die Nachrichten bleiben, im Wikipedia-Artikel und anderswo kann man alles in Ruhe nachlesen.

    Dennoch denke ich, dass sowohl du, als auch Philipp Ruch einen wichtigen Punkt haben: Die meisten Menschen interessieren sich für Flucht, Flüchtlinge und Fluchtursachen einen Dreck. Seit Jahren tobt der Krieg in Syrien – aber die Flüchtlinge müssen erst vor unserer* Haustür ankommen, ehe die Politik sich regt. Seit Jahren gibt es Tote durch den IS. Aber es muss erst Paris passieren, ehe wir* so richtig merken, dass es auch uns* was angeht. Und seit Jahren ertrinken Menschen im Meer, aber erst ein kleiner toter Junge am Strand in der Türkei macht den meisten Menschen wirklich klar, was passiert. Und deswegen finde auch ich das Bild wichtig. Auch wenn ich es persönlich nicht bräuchte. Aber andere Menschen brauchen leider genau das. Bevor sie darüber nachdenken, dass sich vielleicht was ändern sollte…

    * wir/uns meint hier: westliche Europäer und Politiker

       4 likes

  27. Danke für diese ehrlichen Worte.
    Ich selber habe einen recht guten Distanz-Mechanismus und habe mich vor einer Weile über eine Aussage meiner Schwester geärgert: „Ich schaue keine Nachrichten mehr, das deprimiert mich alles zu sehr.“
    Ich konnte diese Haltung zwar schon ein Stück weit nachvollziehen, aber wirkliches Verständnis hatte ich nicht. Du hast das eigentliche Problem gut erklärt, jetzt verstehe ich sie etwas besser und kann mehr Rücksicht nehmen.

       0 likes

  28. eine menschliche und nachvollziehbare reaktion. aber auch ein symptom eines europäischen, intellektuellen und urbanen milieus, dass die mitunter verstörenden realitäten des lebens zunehmend delegiert und sich mehr und mehr in einem ideologischen lalaland ghettoisiert.

    nicht weg zu schauen, könnte man auch als zeichen der solidarität mit denen werten, die sich ungefragt der realität und ihren bildern stellen müssen, wie die opfer, die sanitäter, die ärzte, die polizisten und soldaten. Nicht wenige werden die (realen) bilder ihr leben lang mit sich herumtragen. während „ihr“ die facebook- und youtube-postings spätestens in ein paar wochen vergessen habt.

       3 likes

    1. „Ihr“…
      Ich weiß wirklich nicht wem es dient sich soldarisch mitzutraumatisieren (auch wenn das im viel geringeren Ausmaß ist). Wichtiger ist doch, dass man seine priviligierte Position nutzt um die Lebensbedingungen für alle zu verbessern?

         2 likes

  29. Auch mir gehen die Bilder nah, sehr nah. Auch ich würde zwar lieber nicht sehen, was geschehen ist, nicht darüber lesen (müssen). Und auch ich hatte schon Zeiten, zu denen ich lieber sämtliche Medien vermieden habe, aus lauter Angst vor Konfrontation mit schlimmen, schwierigen Themen.

    Aber: Für sehr viele Menschen ist alles Realität. Der Krieg, der Terror, Hunger, Not, vieles mehr.

    Da komme ich mir irgendwie bisschen blöd vor, hier in meinem sicheren Heim, mit Kaffeee neben mir, mein spielendes Kind hörend etc, mich darüber zu beklagen, dass mir das alles zu viel sei, wenn dieses Elend an mich herangetragen wird und man möge mich doch bitte verschonen. Versteht mich richtig, aber ich merke, mir wird etwas flau dabei….

    Damit möchte ich sagen, bei allem Verständnis und sogar bei teilweise ähnlichem Verhalten, sehe ich eben dieses auch kritisch. Wir sind einfach verdammt priviligiert in unserer heilen Welt. So priviligiert, dass wir das Leid wegklicken können und uns Erfreulicherem widmen können.

       1 likes

    1. Das ist es ja eben nicht. Ich klicke nicht weg und interessiere mich nicht. Ich versuche mich handlungs- und empathiefähig zu halten. Ich bin nicht gegen Bilder und nicht gegen Informiertheit und schon gar nicht gegen Mitgefühl. Ich bin gegen Schockstarre.

         4 likes

    2. Wir sind privilegiert, keine Frage. Das wird aber nicht weniger, davon, dass wir uns solche Bilder anschauen. Dieses Argument kommt immer wieder, „dann müssen wir *wenigstens* das ertragen“, so als würde es das Leid dort mindern, wenn wir uns ein paar explizite Bilder mehr anschauen. Aber das ist ja nicht der Fall.
      Wir bleiben so privilegiert, ob wir wollen oder nicht, ob wir uns Bilder anschauen oder nicht. Das Bewusstsein um dieses Privileg ist wichtig, aber wenn jemand dieses Bewusstsein schon hat, dann ist die Forderung nach hinschauen mehr Inszenierung als Nutzen, finde ich.

         2 likes

      1. Da hast du absolut recht. Natürlich ändert es nichts an unserem Privileg, ob wir nun hinschauen oder nicht.

        Einzig, was mich beschäftigt ist, dass wir uns darüber beklagen, diese Bilder über uns „ergehen lassen“ zu müssen, ihnen nicht ausweichen zu können, weil uns das so fertig macht. Wir können einerseits tatsächlich wegschauen, wenn wir wollen und wir es nicht sind, die das alles erleben müssen.

        Wir müssen es uns nicht reinziehen, uns fertig machen, „nur“ weil es uns besser geht. Davon hat keiner was und so meine ich das nicht. Aber ich finde, wir sollten uns wenigstens nicht darüber beklagen, dass „auf allen Kanälen“ das Elend an uns herangetragen wird.

        Und wie bereits gesagt, auch mir fällt es schwer, auch ich kann manches Leid, was passiert und worüber berichtet wird, kaum ertragen.

           0 likes

  30. Bildern verweigere ich mich ebenfalls. Ich brauche keine Bilder von Tatorten oder von weinenden Menschen, um mitzufühlen. Zumal ich mir immer vorstellen muss, dass sie zustande kommen, weil jemand jemand anderem sagt „halt da mal drauf, wir brauchen noch x oder y für z“, somit weiß ich bei jedem einzelnen Fernsehbeitrag, dass er schon choreografiert ist und etwas ganz Bestimmtes von mir will. Mit Musik dazu dann auch noch.
    Ich bin ein Textmensch.
    Ich will gerne alles wissen, ich will es gerne erfassen, ich will sehr gern verstehen, was mit etwas anderem zusammenhängt: schriftlich. Denn Fernsehbilder sind, mit Verlaub, äußerst billig und immer manipulativ. Und ich glaube auch, was Ups hier oben sagt, sie stumpfen ab weil sie immer gleich sind. So verlieren sie jeden Inhalt.

       1 likes

  31. Ja, das kenne ich auch. Ich habe am Freitagabend glücklicherweise schon geschlafen, als die Nachrichten einliefen, und den ganzen Samstag nicht auf Facebook geguckt. Twitter schon, aber ohne Bilder. Nun habe ich das Sonderproblem, dass ich bei den Anschlägen des 11. September in New York war, ziemlich dicht dran, und das alte Trauma bei solchen Gelegenheit sehr hässlich wieder hervorkommt. Die Tatsache, dass immer wieder irgendwelche Fernsehsender meinen, ohne Vorwarnung die brennenden Türme zeigen zu müssen, ist ein Grund, weshalb ich schon lange keinen Fernseher mehr habe.
    Sich ausklinken ist auf Dauer ja auch keine Lösung. Ich glaube, wir müssen viel stärker öffentlich dafür eintreten, dass es Menschen gibt, die sensibel sind, und die das Recht haben, das Grauen nicht auch noch in Farbe und ungebeten sehen zu müssen. Ich kämpfe in Redaktionskonferenzen immer wieder dafür, keine blutigen, verstörenden Bilder zu zeigen – mal mit, mal ohne Erfolg. Zumal ich überzeugt bin, dass die ständige Konfrontation mit solchen Bildern zum Gegenteil führt, nämlich zur völligen Abstumpfung. Aber das ist leider keine Mehrheitsmeinung.

       2 likes

  32. Vielen Dank für diesen Blogbeitrag. Mehr möchte ich gar nicht sagen. Einfach Danke für die Ehrlichkeit und den Mumm dies zu schreiben.

       5 likes

  33. Meiner Frau geht es auch so, übrigens auch bei Fiktion. Viele US-Serien können wir nicht mehr zusammen kucken, weil die Macher auf der expliziten Darstellung von sexueller Gewalt und Co. bestehen.

       2 likes

    1. Das geht mir genau so, Uli.
      Ich habe mir vor vielen Jahren so ziemlich alles an Filmen oder Serien ansehen können – aber ziemlich genau seit ich Mutter bin, verkrafte ich das alles nicht mehr so gut.
      Dann war mein Mann vor Jahren schwer krank, lag auf der Intensivstation. ich sah Menschen, die schwere Autounfälle gerade so überlebt hatten und andere Schwerverletzte/Kranke.
      Seitdem kann ich gar nichts mehr sehen, das explizit ist. Weil ich weiß, dass es eben auch eine Realität gibt, in der es die dargestellten Dinge wirklich gibt.

         3 likes

  34. Ich kann das absolut nachvollziehen.
    Und manchmal muss ich bei Facebook Freunde muten, bei Twitter über liebgewonnene Zwitscherlinger hinwegscrollen und im realen Leben das Thema wechseln. Manchmal sage ich dann auch einfach gar nichts mehr.

    Und das ist, finde ich, das Schlimmste.
    Ich mag mich nicht in meinen Kokon einwickeln (müssen), um weitermachen zu können.Wenn das alle machen, gewinnen die Fanatiker. Wobei jetzt schon die zu gewinnen scheinen, die am lautesten brüllen – in welche Richtung auch immer.
    Dabei mag ich gerade die leisen, bedachten, sachlichen Stimmen.

    LG Tina

       1 likes

  35. Mir geht es ähnlich. Meine Reaktion war den Tab mit Twitter einfach zuzumachen und bis auf Weiteres auch nicht wieder aufzumachen.

       0 likes

  36. Ja, vollkommen ja.
    Ich kenne das aus einem anderen Zusammenahng, wo ich teilweise gute Freunde wegfiltern musste, weil ich etwas, was sie teilen, nicht ertragen kann.
    An Tagen wie diesen ziehe ich mich oft vollkommen zurück, denn, wie Du sagst: Ich will aber nicht handlungsunfähig sein, ich will meinen Teil zu einer besseren Welt beitragen, egal wie verschwindend winzig und am Ende lächerlich er sein mag.
    Und auch ich weiß keine Lösung, ich weiß nur: Manches ertrage ich nicht.

       2 likes

  37. Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich muss meine Empathie auf einer irgendwie distanzierten Ebene halten weil es mich ansonsten um den Verstand bringt. Gerade wenn es Kinder betrifft kann ich mich absolut nicht davor schützen wenn ich mit Bildern bombardiert werde.

       3 likes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken