Das kleine Glück

Gerade ging wieder ein Artikel durch meine Timeline, den ich sehr gerne gelesen habe: Es ging um das Joberfüllungsparadigma, sprich um die Vorstellung ein Job müsse erfüllen. Der Artikel heisst: Warum man für seinen Job nicht brennen muss.

Er handelt von einem Herzchirurgen, der aus Passion LKW-Fahrer wird (Spoiler: und das am Ende wegen des Wettbewerbs in der Branche wieder aufgibt):

„Solche inspirierenden Geschichten richten Schaden an. Sie suggerieren, dass niemand sich im Arbeitsleben mit weniger als dem makellosen Glück zufrieden geben dürfte. Dass jeder etwas ändern muss, der seinen Job nicht mit bis an Besinnungslosigkeit grenzender Leidenschaft ausübt. Über Generationen hat dieser Leidenschaftszwang einen Schleier des Unglücklichseins gelegt. Millionen Menschen sitzen jeden Tag im Büro, stehen am Fließband oder kriechen für ihren Job auf dem Boden herum und fragen sich: „Was läuft falsch bei mir, wenn ich dabei keine Leidenschaft verspüre?“ Sie suchen, grübeln und trauern, weil in ihrem Leben offenbar „etwas nicht stimmt“.“

Quelle: SPON, Warum man für seinen Job nicht brennen muss

Das Thema des Leidenschafts– und Selbsterfüllungszwangs hat mich schon öfter beschäftigt.

Ich habe gerade erst gestern gedacht, dieser ewige Glückszwang, er ist so ermüdend und dumm – und dass obwohl ich mich gerade glücklicher denn je fühle (jaja Leben und Widersprüche).

Wie kommt das?

Ich habe die letzten Jahre meinen Perfektionismusdrang – ja, ich weiß nicht genau wie man das sagt – aufgegeben. Ich weiß nicht mal, ob das ein bewußtes, gesteuertes Loslassen war. Vielleicht war es auch ein wenig Resignation. So wie wenn man ein Ungetüm an der Leine hat und über die Zeit merkt, dass man es ohnehin nicht bändigen kann. Ich glaube, es hat so stark gezogen und gezerrt, dass ich die Leine loslassen musste.

Jedenfalls: Es gibt kaum noch Perfektionismus in meinem Leben.

Die Wohnung sieht mal schön aus und mal chaotisch. Ich sehe mal schön aus und mal chaotisch. Die Kinder sehen mal schön aus und chaotisch. Meine Beziehungen sehen mal schön aus und mal chaotisch.

Ich habe keine abstrusen Ziele mehr. Mal geht es mir gut und wenn es mir mal nicht gut geht, dann ist das so. Der eine Einbruch reißt nicht alles andere ein. Er ist eine Ausnahme (die mehr oder weniger oft und mal länger und mal kürzer anhält).

Abends liege ich oft im Bett neben meinen Kindern und wir reden über den Tag und wir haben uns angewöhnt uns gegenseitig zu fragen: „Was war das schönste heute am Tag?“

Manchmal ist mein Impuls stark übellaunig zu sagen: Es war alles blöd. Zu früh aufgestanden, keine Zeit, nur Stress, langweilige Pflichterledigungen, der Paketbote hat mal wieder nicht geklingelt. (Bei den Kindern ist das genauso: Der Paul hat geschubst, die Clara hat nicht geteilt, die Lehrerin doofe Hausaufgaben aufgegeben, die Mama hat nie Zeit zum Spielen.)

Also bohren wir nach: War wirklich ALLES doof? WIRKLICH WIRKLICH?

Und dann kommen sie, die schönen Dinge: Heute morgen war es schon hell als wir in die Schule gelaufen sind. Es gab süßes Frühstück im Kindergarten. Der Kollege hat mir einen Kaffee mitgekocht. Ich habe Zeit gehabt eine Folge meiner Lieblingsserie zu schauen.

Und plötzlich kehrt sich dieses Glücksding langsam um. Die kleinen Momente werden sichtbar. Und damit muss ich keinen großen Zielen hinterherhecheln. An jedem beliebigen Morgen gibt es eine neue Chance auf einen guten Tag und die guten Momente und Tage fädele ich mir auf eine Kette.

(Was mir dann rückblickend sehr hilft, ist zusätzlich meine Vergesslichkeit. Ich merke mir die schönen Erlebnisse, dem Rest schenke ich weniger Beachtung.)

Mich tragen die kleinen Worte und Gesten durch den Alltag. Kind 3.0, das erst zappelnd und grölend nach sieben Aufforderungen 20 min lang die Zähne putzt und dann völlig unvermittelt seine Hand auf meine legt und sagt: „Isch mag disch, Mama.“

Kind 2.0, das mich nach einem langen, stressigen Arbeitstag zuhause mit: „Warum bist du heute so spät, Mama? Ich hab mich so dolle gelangweilt, ich hab die Wäsche vom Wäscheständer wegsortiert.“ begrüßt.

Mein Freund, der auch noch nach 24 Uhr zu mir kommt (und nicht in sein eigenes, sehr viel näheres Bett fällt), damit wir zusammen in einem Bett kuscheln können, wohlwissend, dass bei uns der Tag um 6 Uhr startet (was bei ihm nicht zwangsläufig so ist). Eine Freundin, die mir völlig unerwartet einen Nikolausgruß schickt. Ein fremdes Kind in der U-Bahn, das über mich lacht, weil ich ihm heimlich Grimassen schneide… der Alltag ist voll von Glück. Wirklich fast jeden Tag.

Ich musste nur lernen das zu sehen und ich hoffe, ich kann mir das erhalten.

Autor: dasnuf

Aha! Google doch "dasnuf" Muhahahahaha!

34 Gedanken zu „Das kleine Glück“

  1. Nur ein Gedicht, das alles sagt:
    Willst du immer weiter schweifen, sieh das Gute liegt so nah.
    Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da. Goethe

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  2. Was ist der Unterschied zwischen einem Heiligen und einem Märtyrer? Diese Frage stellte vor Jahren ein Referent (Jesuit) bei einem Kommunikationsseminar. Antwort:
    „Der Heilige ist ein Mensch ohne Fehler, Sünde, Perfekt, ein leuchtendes Vorbild ….
    und ein Märtyrer? … Ist der Mensch der mit Diesem zusammen leben darf/muß!“
    Dies hat mir sehr geholfen, dieser Mut zur Lücke und ebenso daß fehlendes Glück ja noch lange nicht Unglück bedeutet.

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  3. Hallo Patricia
    Wir haben zu unserer Hochzeit ein 10-Jahresbuch geschenkt bekommen. Da ist für jeden Tag des Jahres eine Seite mit zehn breiten Zeilen – für zehn Jahre eben. Dort kann man dann (mehr oder weniger zuverlässig) täglich einen Gedanken oder ein schönes Erlebnis oder etwas anderes positives eintragen. Ich musste mich am Anfang erstmal rein finden, weil es etwas ungewohnt ist. Jetzt finde ich es einfach toll, jeden Tag auch zu sehen, was z.B. am gleichen Tag vor drei Jahren schön war. Leider vergesse ich es manchmal oder komme längere Zeit nicht dazu (ich bin da eher unzuverlässig), aber ich finde es trotzdem echt schön – einfach mal ein Perspektiven-Wechsel: das gute und positive in den Mittelpunkt stellen

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    Made my day
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  5. Mir fällt dazu ein „Lerne die Dinge zu akzeptieren, die Du nicht ändern kannst und ändere die Dinge die Du nicht akzeptieren kannst“. Vielleicht gehts auch stärker in die Richtung zu wissen, welche Dinge änderbar sind oder wie und es dann anzugehen – wenn es einem wichtig genug ist.

    Immerhin hat mich Dein Artikel inspiriert mal wieder selber etwas (zu diesem Thema) zu schreiben. Danke dafür!

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  6. Es muß auch nicht jeder Tag funktionieren. Ich versuche nicht, in jedem Tag einen guten Moment zu sehen. Manche Tage funktionieren einfach nicht. Da hilft Fluchen, sich durchbeißen, und wissen, daß es auch andere Tage gibt. Glück und Unglück gehören zusammen, und wir müssen uns beides erlauben.

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  7. Danke! Du sprichst mir aus der Seele!
    Ab und zu sollten wir uns zusätzlich auch noch bewusst machen, dass wir nur deshalb so unzufrieden wegen eigentlich Kleinigkeiten sein können, weil/wenn wir keine existenziellen Sorgen haben. Und das alleine ist ein riesiger Grund, glücklich zu sein.

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  8. Danke für den tollen Artikel! Ich bin auch gerade dabei, die Perfektions-Leine langsam loszulassen. Es ist ein toller, befreiender Prozess, auch wenn ich erst am Anfang bin.
    (Habe zum Beispiel diesen Beitrag 2x durchgelesen und was korrigiert :)

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  9. Vollste Zustimmung, dass die kleinen Freuden, die man sich nicht in den Lebenslauf schreiben kann, deutlich unterschätzt werden.

    Ich glaube aber keineswegs, dass diese Dinge ganz von allein kommen. Man muss dafür sowohl in den passenden Settings unterwegs sein, als auch die Fähigkeiten haben, solche möglichen Quellen von Freude oder Glück zu erkennen und auch zu befördern.
    Persönlich finde ich es viel anstrengender, mir die entsprechenden sozialen Kompetenzen anzueignen, damit das gelingen kann. Mir wird dabei deutlich, dass es deutlich einfacher und auch opportun sein kann, sich in seinen Beruf hineinzusteigern, um Erfüllung zu erlangen.

    Wäre ich mit meinem Leben außerhalb des Jobs unzufrieden, würde man mir raten, eben etwas zu ändern. Warum sollte das im Beruf großartig anders aussehen? Ich denke ja nicht, dass niemand ein geringeres Ziel haben sollte, als die Welt zu retten. Den Glauben zu verbreiten, dass Arbeit mit Leiden verbunden sein muss (ergo: die Bezahlung/Gratifikation ist zu gering für die erbrachte Leistung), fände ich dann aber auch übertrieben.

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  10. Du hast Recht – es sind die kleinen Dinge, die wirklich glücklich machen und ich genieße es auch sehr abends mit den Kindern über die „Hochs“ und „Tiefs“ des Tages zu sprechen!

    Ich denke allerdings, dass man das große Glück, dass man in den kleinen Dingen finden kann nur dann erkennt, wenn man zumindest einigermaßen zufrieden mit seinem Leben ist.

    Wenn der Job (oder das Privatleben) ein gewisses Glücks-Level unterschreiten, verliert man die Fähigkeit, diese sehr erfüllenden Momente (z.B. mit den Kindern) als solche wahrzunehmen und rennt nur noch schlecht gelaunt und gestresst durchs Leben.

    Vielleicht hat der Herzchirurg einfach alles richtig gemacht: Er weiß nun zu schätzen, was er macht (brennt vielleicht nicht für seinen Job, ist aber dennoch zufrieden) und kann die Gedanken, dass er als LKW Fahrer noch glücklicher wäre aus seinem Kopf streichen! ;-)

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  11. Es ist erschreckend, wie sehr ich mich immer in Deinen Gedanken und Deinem Humor wiederfinde und verstanden fühle. =:-o Bei dem im Dating-Artikel vom letzten Jahr in den Kommentaren erwähnten okcupid würde es „100 % Match“ heißen. ;-)

    Vielen lieben Dank deshalb an dieser Stelle mal für dieses Blog und Deine „gedankenvollen“ (eine bessere Übersetzung für „thoughtful“ habe ich nicht gefunden) Artikel. Ist schön zu wissen, dass man mit seinen Gedanken nicht ganz alleine ist auf dieser manchmal „komisch“ anmutenden Welt. („Ein Geisterfahrer? Hunderte!“)

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    1. Ach, dafür blogge ich gerne und lese andere Blogs so gerne: ich hab da auch oft das Gefühl OMG ich bin nicht alleine.
      Wenn ich dieses Gefühl auch erzeugen kann, landet das auf meiner „kleines Glück“ Liste heute :)

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  12. Wir haben uns schon beim Kennenlernen gesagt, dass wir gar nicht glücklich sein wollen, nur zufrieden. Man muss nur aufpassen, dass man sich nicht irgendwann einfach mit allem zufriedengibt, egal wie blöd es ist.

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    1. Wie Antje Schrupp sagt: Das Gegenteil ist genauso falsch.

      (Ja, Du hast Recht! Das wäre dann ja fatalistisch irgendwie und das muss ja auch nicht sein)

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  13. Ich bewundere das und hoffe, ich bin auf dem selben Weg. Ich glaube auch, dass das Älterwerden, Kinder haben und zuletzt auch das Erleben eines schlimmen Verlustes das Wegfallen des Perfektionismus begünstigt. Loslassen, das ist ein wichtiges Wort. Gestern stand ich auch in der Wohnung und packte Geschenke ein, es war gemütlich, warm und ich nicht unter besonderem Druck, da dachte ich mir: wie schön. Gerade geht es mir richtig gut.
    Schade, dass man das viel zu selten denkt. Mir hilft auch, wenn ich mich quasi dazu bringe, nicht immer zu sagen, wie es mir „wirklich“ geht, sondern auch mal die angelsächsische Variante: „Mir geht es gut! Und Dir?“ zu wählen. Man muss auch nicht jedem gleich sein Leid klagen – und schlechte Laune macht es obendrein.

    Nicht perfekt zu sein ist nicht nur wahnsinnig erleichternd, sondern auch der einzig wahre Weg. Denn niemand ist am Ende perfekt, egal wie sehr man sich plagt – und das ist auch gut so.

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  14. Oh, wie schön. Mich nervt dieses Thema „Selbsterfüllung im Job und auch sonst überall“ auch so sehr. Dabei dreht sich das Gedankenkarussell immer nur um einen selbst. Danke dir für deine schönen Anregungen. Alles Liebe, Laura

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  15. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
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