Der Alltag, das Lesen und der Tod

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Der Alltag fließt dahin und lässt mir kaum Schreibzeit. Voller Ver- und Bewunderung stelle ich dann fest, dass andere Blogs stetig und immer hochwertige Texte produzieren (so z.B. Herr Buddenbohm) und frage mich: „Wie machen die das? Wie???“

Ich hingegen sitze abends, nachdem die Kinder ins Bett gebracht sind, sehr schlapp auf meinem Sofa und scrolle mich durch die Scheinwelten von Instagram. Einen seltsamen Reiz üben die aufgeräumten, weißen Wohnungen auf mich aus. Wenn ich dann auf „Erkunden“ klicke, führt mich der Algorithmus in eine Welt voller Widersprüche. Er zeigt mir auf der einen Seite unfassbare Tortengebilde mit zentimeterhohen Frosting-Schichten, zarte Steaks und saisonale Fressgelage und auf der anderen Seite präsentiert er mir Frauen Kleidungsgröße 36, die dank diverser Kohlenhydratverzichtspraktiken gestützt durch viermal die Woche Sport endlich Size Zero tragen können. Vorher – Nachher.

Ermattet lege ich dann irgendwann mein Handy zur Seite und versuche ein Buch zu lesen, doch nach fünf Seiten fallen mir die Augen zu.

Ein Buchlesedisziplinierungscamp wäre nötig. Zehn Seiten! Weiter! Fünfzehn! Ein Drill-Instructor müsste neben mir stehen und mich jedes Mal, wenn die Augenlider schwer werden, an den Schultern packen und rütteln: EIN WACHER GEIST BRAUCHT HOCHWERTIGEN INPUT! NOCH ZEHN ZEILEN MEHR!!

Wenn er „Input“ schreit, spuckt er ein bißchen. Ich erschrecke und lese um mein Leben. Ein Jahr später merke ich, wie ich mit Leichtigkeit auch abends um 23 Uhr noch fünfzig Seiten weglese, wie ich mich an jeden Protagonisten erinnere und weiß, in welchem Verhältnis er zu wem steht. Ein Game-of-Thrones-House of irgendwas-Organigram zeichne ich fehlerlos aus dem Kopf. Die besonders geistreichen Passagen der besten Bücher kann ich auswendig zitieren. Im Schlaf und auch während jedes Business-Meetings. Es wird anerkennend genickt. Die Cammarata, das ist doch die, die abends noch Bücher liest!

Doch leider steht da kein Sergeant und macht mich klug und so schlafe ich eben ein und träume seltsame Dinge.

Neulich zum Beispiel, dass der Boden meiner Wohnung porös wird und in großen Stücken abbricht. Ich kann in die Wohnung unter mir schauen, ich sehe altmodische Perserteppiche in dunkelrot mit goldenen Ornamenten. „Ach,“ denke ich „nicht so schlimm, so ein löchriger Boden, hat noch niemanden umgebracht und wenn dann falle ich maximal 2,50 aufs Sofa der Nachbarn.“

Just in diesem Moment bricht ein weiteres Stück Boden unter mir weg. Das Haus hat an dieser Stelle einen Vorsprung. Ich sehe die letzten Steine in die Tiefe stürzen. Ich befinde mich mindestens im achten Stock.

Morgens wache ich auf und wundere mich: Welche Gefahr nehme ich auf die leichte Schulter? Vor was will mein Unterbewußtes warnen?

Nach dem ersten Kaffee ist mir das schon wieder egal. Ich habe eine ausgeprägte Ader entwickelt Schlechtes zu ignorieren. In jedem Schlechten ist etwas Gutes zu finden und wenn man trainiert, werden die schlechten Dinge im Leben retrospektiv größtenteils unsichtbar und man erinnert sich lediglich an ein erfülltes Leben.

Anscheinend pflege nicht nur ich diese Praktik. Von „Gratidtude Lists“ lese ich in einem Blogbeitrag von Judith Holofernes.

In ihrem Beitrag schreibt sie über ihr Krankheitsjahr und das, was sie daraus mitgenommen hat. Der Beitrag hat mich sehr berührt, denn meine (in der Zwischenzeit ausgeheilte) Herzkrankheit und der Tod nahstehender Menschen haben mein Leben in den letzten Jahren sehr gerade gerückt und helfen mir sowohl beim Loslassen von Last und beim Festhalten und Pflegen bereichernder Beziehungen.

Ähnlich berühren mich die Newsletter von Sue Reindke. Ich lese sie nie zwischendurch sondern hebe sie mir immer für einen Moment auf, in dem mein Kopf aufnahmefähig ist. Wie einen besonderen Nachtisch.

Im letzten schreibt sie über Krisenkommunikation – die Art und Weise wie man z.B. als Ersthelferin nach einem Unfall mit den Verletzten spricht. Man weiß gar nicht, wie man all den mutigen Menschen, die anderen in schweren Situationen beistehen, danken soll.

In meinem Leben gibt es eine Frau, die vor langer Zeit einem meiner Kinder vermutlich das Leben gerettet hat, zumindest hat sie es vor Schlimmen bewahrt, doch ich konnte ihr nie danken, denn sie hat das Kind an die Polizei übergeben, ohne dass diese ihre Daten aufgenommen haben und erst dann wurde ich alarmiert.

Oft denke ich an diese Frau und bin so unendlich dankbar, dass sie aufmerksam war und aktiv wurde und hoffe auf viele, viele Menschen, die Mitmenschen in Not unterstützen und nicht wegsehen und sie über schwere Wegstrecken begleiten.

Es gibt so viele von ihnen und ich bin ihnen unbekannterweise dankbar. So wie z.B. Lucky Hundertmark, der ich auf Twitter folge, ohne sie persönlich zu kennen.

Der Tod ist auch so ein Thema, das mich begleitet. Ich frage mich immer wie viel leichter der Tod würde, wenn man über ihn sprechen könnte, wenn er Teil des Lebens wäre und kein Tabu.

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Gerne habe ich deswegen Daddy in Distress Podcast Folge 19 über den Tod gehört und bin den ganzen Links gefolgt und habe dort weitergehört und gelesen. Viele interessante Artikel und Podcasts (wie z.B. den endlich-Podcast  oder The End) lassen sich außerdem über den Twitteraccount Thanatos Bestattungen entdecken.

Den Tod nicht wegzudrücken, ihn im Gegenteil sogar eng bei sich behalten, das macht das Leben manchmal sogar einfacher.

 

63 Gedanken zu „Der Alltag, das Lesen und der Tod“

  1. Im letzten Jahr trat der Tod zum ersten Male in meine Nähe, als eine gute Freundin aus heiterem Himmel ihre ultimative Diagnose bekam. Obwohl Single, wurde sie von vielen Menschen begleitet und umsorgt (ich hab sie ein paarmal bekochen dürfen). Sie war unglaublich tapfer und ist ohne Selbstmitleid und mit erhobenem Kopf dem Ende entgegen geschritten. Sie ist bis fast zu ihrem letzte Tag ihrem Hobbies nachgegangen und dann war es vorbei. Sie hat sogar noch drei Wochen vor ihrem Tod ihren 56. Geburtstag groß gefeiert. Sie war eine tolle Frau.

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  2. Jajaja! Der Tod gehört ins Leben. Wenn man ihn nicht wegdrückt, sondern zulässt, setzt man sich automatisch und aktiv mit seinem Leben auseinander. Das kann sehr wohltuend sein. Leider hat Tod und auch Krankheit im hochtourigen Leben kaum Platz.

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  3. Natürlich macht der Tod das Leben einfacher. Letzenendes ist er dann doch die ultimative Erlösung. Ich führe ein sehr schönes Leben, aber für ewig würde ich es nicht aushalten.

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