Der Spaghetti-Puttanesca-Körper

Ich bin ehrlich. Als ich vor ca. 11 Monaten angefangen habe regelmäßig ins Gym zu gehen, hatte ich die leise Hoffnung ein bisschen abzunehmen. Gar nicht so sehr, um einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen – sondern eher, weil ich gehofft habe, wieder besser in meine Klamotten reinzupassen. Denn, ich hab mir diese Worte schon als Stickerei an die Wand gehängt: Wenn der Herr wollte, dass ich schlank bin, hätte er gemacht, dass ich scheiße koche.*

Wollte der Herr aber nicht und zusätzlich sind alle Alters-Klischees eingetroffen: Seit ca. 15 Jahren ist eines meiner größten Hobbys essen und Jahr für Jahr kommen neue Lebensmittel dazu, die ich lieben lerne. Rote Bete, Rosenkohl, Cannellini Bohnen, stinkender Käse.
Früher habe ich nur gegessen, um nicht zu verhungern. Essen war langweilig und v.a. mochte ich so gut wie nichts. Gemüse, Salat, Obst, Käse – bäh.

Egal. Ich dachte wirklich, wenn man 3-4 mal die Woche Sport macht, nimmt man automatisch ab, aber nachdem ich ein paar mal meine Smartwatch beim Training getragen habe, wurde mir schnell klar: eine Stunde Krafttraining, entspricht ungefähr zwei Kartoffeln. Die zwanzig Minuten Cardio, die ich mache, ziehe ich mir nach dem Training in Form eines Duploriegels eh gleich wieder rein. Die muss man gar nicht erst mitrechnen.

To make a long Story short: Ich habe in 11 Monaten zwei Kilo abgenommen. Das liegt sicherlich auch daran, dass Muskeln schwerer als Fett sind und davon hab ich echt erstaunlich viel aufgebaut. Die Abduktoren-Maschine und so gut wie alle Kickback-Maschinen hab ich geoutmaxt. Beinpresse schaffe ich mein zweifaches Körpergewicht und ich finde mein Bizeps ist kurz vor Markus Rühl.

Noch vor einem halben Jahr hätte ich meine Familie nur aus einem brennenden Haus retten können, indem ich sie mit den Beinen über die Türschwelle trete und von da außer Gefahr rolle. Heute kann ich mit Stolz sagen, ich kann sie mir alle einzeln über die Schulter legen und die Treppe runtersquotten.

Meinen Freund kann ich Huckepack den Berg hochtragen und beim Einkaufen auf jeder Seite einen Bierkasten schleppen, ist wirklich gar kein Problem. Ich mache schließlich regelmäßig mit 28 kg Kettlebell auf jeder Seite drei Runden Farmerswalks.

Von all dem sieht man mir absolut nichts an. Ich sehe aus wie immer: eine leicht pummelige ü50 Frau. Ist mir aber auch egal. Mein Ehrgeiz ist ein anderer. Ich möchte z.B. Chirurgen überraschen. Wenn man z.B. aufgeschnitten wird, weil man die Gallenblase entfernt bekommt, dann möchte ich, dass der Chirurg oder die Chirurgin sich durch meine erste Fettschicht schneidet und dann total unerwartet auf eine massive Schicht Muskeln trifft und sagt: »Holla die Waldfee! Das überrascht mich jetzt aber!«

Ich nenne mich deswegen oft Muskel im Speckmantel und ich finde das ist eine schöne Assoziation, wer z.B. liebt nicht Saltimbocca alla romana? Das ist doch was schönes.

Vor zwei Tagen erschien nun in der Zeit ein Text, der mich wissen ließ, dass speckige Frauen mit Muskeln Carbonara-Frauen heißen und seitdem ist die Aufregung in meiner Timeline groß. Mir ist das alles egal. Es ist die Gnade des fortgeschrittenen Alters. Meine Body-Egalness ist auf ihrem Peak. Ich seh aus wie ich aussehe, ich will nur keine Osteoporose oder Fettleber. Mehr motiviert mich nicht mehr. Der Male-Gaze ist mir schnuppe. Da dazu auch die Jugend gehört, kann ich mir sicher sein: That ship has sailed

Ich frage mich nur eine einzige Sache: Carbonara mit oder ohne Sahne?


*Deutschlehrer:innen dürfen diesen Satz gerne als Unterrichtsbeispiel verwenden, um zu demonstrieren, dass Groß- und Kleinschreibung wichtig sind.

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