Ich schreibe gerade an einem umfangreicheren Werk und weil es mein Midlifecrisis-Projekt ist, erlaube ich mir andere Luxuseskapaden, die mir dabei helfen könnten. Ich lasse mich zur Zeit z.B. virtuell von Harlan Coben coachen. Warum ich ausgerechnet Harlan Coben ausgewählt habe, weiß ich nicht genau, aber er ist richtig, richtig gut. Er sagt zum Beispiel »Only writing is writing« und meint damit, dass man für seine Geschichten nicht allzu viel recherchieren und sich auch keine elaborierten Pläne machen sollte, da man so dem eigentlichen Ziel – dem fertiggestellten Buch – nicht bzw. nur langsam näherkommt.
Zwei Wochen hat mir das sehr geholfen. Wann immer ich durch Gartenarbeit oder aufwändigem Kochen prokrastinieren wollte, sagt Harlan Cobens Stimme in meinem Kopf »Only writing is writing« und schon sitze ich am Rechner und tippe die nächsten zehn Seiten in das Textverarbeitungsprogramm.
Pünktlich zur Lektion writer’s block habe ich eine Schreibblockade und diesmal hilft mir Harlan Cobens Tipp nicht. Als er nämlich mit Fool Me Once nicht weiterkam, setzte er sich in ein UBER und fuhr 40 Meilen nach New York. Auf dem Rücksitz küsste ihn die Muse, er klappte seinen Laptop auf, schrieb 20 Seiten und ab da fuhr er jeden Tag mit einem UBER nach New York bis das Buch fertig war.
Für mich sind es leider 6.560 Kilometer nach New York, was mit dem UBER grob 16.000 Euro kostet, wobei ich natürlich nicht genau weiß, mit welchem Kilometer- oder Zeitpreis das Taxameter während der Atlantiküberquerung per Schiff läuft. Ich will mich da jetzt auch nicht in den Details vertiefen, ich denke, es ist korrekt zu behaupten, dass für mich die UBER-Fahrt nach New York zu kostspielig wäre.
Wobei ich gestehen muss, dass mir das UBERfahren natürlich sehr entgegenkommen würde. Ich leide nämlich seit Jahren an einer Autofahrphobie. Besser gesagt Autoeigenfahrphobie. Das wiederum gestaltet sich hier in der Einöde als eher nachteilig, denn, ich schrieb es schon an anderer Stelle, allein der nächste Supermarkt ist 16 km entfernt. Ich musste mich also in den letzten Wochen überwinden und Auto fahren.
Wie es so ist, wenn man sich überwindet, wird es nach und nach besser und irgendwann hatte ich Flashbacks in meine Jugend auf dem Land und fühlte mich plötzlich beim Autofahren jung und frei. Was gibt es schöneres als an den Feldern und Alleen vorbeizurauschen und … dabei Musik zu hören?
Nur leider ist es eben nicht mehr 1995 und ich friemel Musikkasetten (und später CDs) in die Musikanlage, sondern ich muss im hochmodernen Auto per Spracheingabe Apps steuern. Das hat in meinem Alter gleich mehrere Nachteile. 1. Ich muss mich an Namen von Künstlern erinnern und 2. ich muss so sprechen, dass das Assistenzsystem mich versteht.
Ganz so blöd bin ich zum Glück nicht und mir fiel sofort ein, dass mein derzeitiger Lieblingskünstler Sombr ist. Ein sehr dünner 21jähriger Mann, der eigentlich ausschließlich über toxische Liebesbeziehungen singt – genau das mit dem man sich als ü50 Frau verbinden kann! Ich drücke also das Sprachassistenzknöpfchen und sage »Spiele Sombr auf Quobuz« und mein kluges Car-Play antwortet »Ok, ich spiele Zombie von Cranberries« Ich drücke wieder den Knopf »Spiele SOMBR auf Quobuz« »Ok, ich spiele Zombie von Yungblud« Ich drücke den Knopf nochmal »SPIELE S O M B R auf Quobuz« »Ok, ich spiele Samba auf Quobuz«
Ich habe es etwas abgekürzt, denn es gibt weitaus mehr Titel mit Zombie, aber da ich weder Cranberries noch Samba-Musik hören wollte, hab ich mich dann für Taylor Swift entschieden, weil mich Herzschmerz einer Multimillionärin fast so gut abholt, wie wenn ein 21jähriger nicht über seine Ex hinwegkommt.
So oder so. Ich schaffe es jetzt alleine Auto zu fahren, was ja eine gute Sache ist. V.a. mein Freund möchte das gerne bzw. er möchte gerne, dass ich ein Auto habe, wenn ich fernab der Zivilisation bin. Für den Fall der Fälle. Ja und darüber denke ich jetzt seit Wochen nach. Was könnte so ein Fall der Fälle sein? Ich hacke mir beim Holzhacken in den Fuß. Was dann? Es blutet wie verrückt. Ich habe im letzten 1. Hilfe-Kurs gut aufgepasst und ziehe die Axt nicht raus, sondern klebe sie mit Gaffatape fest, kühle alles (ich habe nur gefrorenes Spaghettieis im Eisfach) und fahre in die nächste Notaufnahme, die ich mit blutigen Händen erstmal googeln muss. Dann sage ich »Navigiere in die nächste Notaufnahme!« und ganz bestimmt bringt mich mein Auto dann genau dahin, wo ich hin möchte.
Gleiches Szenario mit Nagel im Auge oder kleiner Schnitt im Bein mit der Heckenschere.
Also: gut, dass das Auto hier ist!
Na, ich bin ehrlich. Ich denke, es ist unter den gegebenen Umständen sicherer, wenn ich vorübergehend aufs Holzhacken verzichte. Ich habe hier in der Einöde ohnehin vor ganz anderes Sachen Angst. Zum Beispiel, dass ich meinen Schlüssel verliere. Immer wenn ich das Haus verlasse, denke ich: Was, wenn ich nicht mehr reinkomme? Wo auf dem Grundstück könnte ich die Nacht überstehen? In welche Richtung müsste ich laufen, um zur nächsten Bushaltestelle zu kommen? Würde der Busfahrer mich ohne Deutschlandticket und Geld mitnehmen (beides liegt im Haus)? Was könnte ich essen, um zu überleben?
Die Spaziergänge waren dementsprechend unentspannt. Ich musste mir ja all die Fragen beantworten und ich sag mal so: so richtig schön wäre es nicht, nicht mehr ins Haus zu kommen.
Also habe ich mir Schlüssel nachmachen lassen. Und weil es hier keine Nachbarn gibt, bei denen man sie hinterlassen kann, bleibt nur sie zu verstecken. Nur wo versteckt man einen Schlüssel. Natürlich möchte ich nicht, dass ein Einbrecher ihn findet und ich mich dann zu Tode erschrecke, wenn ich zurück komme, weil der sich gerade in meinen ausgelatschten Flipflops auf dem Weg nach Hause macht (keine Ahnung was er sonst noch hier klauen sollte).
Unter einem Stein kann man einen Schlüssel natürlich nicht verstecken. Einerseits viel zu offensichtlich und zum anderen – es gibt hier wirklich viele Steine. Wie könnte sich sicher stellen, dass ICH mich noch erinnere unter welchem Stein der Schlüssel liegt? Und wenn ich ihn nicht finde: Wo auf dem Grundstück könnte ich die Nacht überstehen? In welche Richtung müsste ich laufen, um zur nächsten Bushaltestelle zu kommen? Würde der Busfahrer mich ohne Deutschlandticket und Geld mitnehmen (beides liegt im Haus)? Was könnte ich essen, um zu überleben?
Unter einem Blumentopf? Auch hier würde ich als Einbrecher als allererstes schauen. Auf dem Vordach? Im Goldfischteich? Unter dem Auto? Am Brunnen? Unter den Solarpanels? Die grundlegende Frage bleibt immer dieselbe: Wie soll ich mir das merken? Denn sicher sein, dass ich den Ersatzschlüssel tatsächlich finde, kann ich eigentlich nur sein, wenn ich mehrere Schlüssel verstecke. So wie ein Eichhörnchen Nüsse versteckt. Die erinnern sich nämlich nicht, wo sie Nüsse verstecken , sondern sie verstecken so viele, dass sie dann zufällig welche finden, wenn sie irgendwo hinschauen.
Das wiederum ist auch wieder sehr einbrecherfreundlich, denn wie der Volksmund sagt: Auch ein blindes Einbrecherlein findet mal einen Schlüssel!
Bleibt wie immer nur eines: Nicht das Haus verlassen und dafür brauche ich auch kein Auto.