Ich bin immer noch alleine im Wald. Aber weil ich sonst unter unerträglicher FOMO gelitten hätte, bin ich eine Stunde im strömenden Regen in die nächstgelegene Stadt gefahren, um The Odyssey OV in der Startwoche anschauen zu können. Wenn ihr nichts über den Film wissen wollt, müsst ihr jetzt aufhören zu lesen.
Ich habe etwas aufregendes wie Gladiator (II) erwartet und habe etwas langweiliges wie Master and Commander bekommen. Immerhin nicht ganz so öde wie Oppenheimer, der ja auch von Nolan ist. Man muss auch die positiven Dinge sehen und benennen!
Wenn ich Filme nicht so richtig verstehe, dann lese ich gerne im Nachhinein im Internet dazu. Bei Master and Commander hatte mir sehr geholfen erklärt zu bekommen, dass dieser Film so zäh und ereignislos war, weil er wiedergeben sollte, wie es früher war mit einem Segelschiff von A nach B zu fahren. Wenn der Wind nämlich nicht oder nicht in die richtige Richtung weht, dann passiert im Wesentlichen: nichts. Das hat der Film damals sehr gut transportieren können. The Odyssey hat mir ein ähnliches Gefühlt vermittelt. Ein paar Soldaten in immer weniger Schiffen fahren random von A nach B und erleben dort Erratisches. Schlägt man das Wort Odyssey nach, so erhält man folgende Erklärung. Lange Irrfahrt. Der Begriff ist heute ein Synonym für eine beschwerliche Reise voller Hindernisse. Filmische Umsetzung 10 von 10!
Das hab ich sehr gefühlt. Was ich nicht gefühlt habe, war die Intelligenz von Odysseus selbst, mit der er, so wird es im Film mindestens fünf mal in einen Nebensatz eingebracht, offenbar gesegnet war. Wenn er sie wirklich hatte, so hat er sie ganze 172 min gut versteckt. Warum z.B. muss er, nachdem ein Großteil der Mannschaft gerettet war, dem armen Zyklopen noch einen Pfeil ins Auge schießen? Warum geht er als sie an der Laistrygoneninsel anlegen mit 90% seiner Mannschaft an Land? War das Konzept der Späher zu Zeiten Homers noch nicht erfunden? Warum musste er am Ende gegen 50 Männer kämpfen? Hatte er nicht gerade ein Gespräch mit der Nymphe Kalypso geführt, das ihm dabei geholfen hatte, die Wahrheit über seine Taten zu erkennen? Und hatte er nicht gerade erst für seine Überheblichkeit gebüßt? Und wenn ihm das Gespräch mit Kalypso vielleicht doch nicht geholfen hatte, hatte er Dank der Vision von Athena nicht vor 10 min verstanden, dass der Krieg in Troja besonders brutal war und er schuld auf sich geladen hatte, weil er das Gemetzel aktiv unterstützt hatte? Hätte es nicht ausgereicht, wenn er seinen Bogen aufgezogen und seinen Angeberschuss durch die gekreuzten Äxte abgegeben hätte, um dann zu sagen: Ja, Partypeople, guess who is back?
Naja, ich hab das Genie von Nolan (mal wieder) nicht verstehen können, befürchte ich. Für mich war The Odyssey am Ende die langweilige Reise eines selbstherrlichen Feldherren, der ohne Rücksicht auf Verluste Entscheidungen trifft, weil er sich für die allerhellste Kerze auf der Torte hält. Erst als alle seine Verbündeten tot sind, reflektiert er einen Moment, um dann wieder in das alte Muster zu verfallen. Verzeihlich einerseits wenn man bedenkt, dass die Vorlage aus dem 8. Jahrhundert v. Chr stammt. Schade andererseits, dass man 2026 keine andere Interpretation des Stoffs hinbekommen hat.
Aber das ist eben alles eine Entscheidung, so wie Nolan entschieden hat, dass Odysseus und friends zum größten Teil weißwurstweiß sein mussten. Er aber exakt genauso viele nicht-weiße Menschen eingesetzt hat (z.B. Lupita Nyong’o als Helena), sodass es ausreicht, um rassistische Aufregung zu erzeugen (Helena wird doch mit weißen Armen beschrieben!11!), so dass es dem Marketing des Films dient. Die Leute dann aber trotzdem in den Film gehen konnten, weil sie sich ausreichend repräsentiert finden. Aber mir ist nicht mehr zu helfen, ich bin so woke, ich fands irgendwann irritierend, dass die Menschen in The Odyssey Englisch sprechen. Ich hätts lieber in Altgriechisch OMU gesehen.
Am Ende war mein Gehirn ingesamt einfach zu abgelenkt. In Deutschland gibt es insgesamt 16 Kinos, die den Film in der Qualität (und dem Ausschnitt) zeigen können, wie Nolan ihn gedreht hat. Natürlich war das Kino in dem ich war, keines davon. Mir war also zu jedem Zeitpunkt vollständig bewusst, dass unten und oben im Bild insgesamt 20% (?) Film fehlen. Mit diesen fehlenden Prozenten war ich geistig sehr beschäftigt. Man kennt es ja von Comics. Da findet die Handlung zwischen den einzelnen Panels im eigenen Kopf statt. So auch in den nicht gesehenen Bildausschnitten bei The Odyssey. Fliegt da über Telemachos vielleicht ein Archaeopteryx? Wie weit gehen die abgeschnittenen Helmbüsche und werden sie nach oben ganz verrückt mit Federn und Glitzer?
Oder wie Odysseus es sagt:

Will ihn trotzdem sehen, allein schon weil ich es interessant finde wie man diesen Stoff überhaupt auf die Leinwand bringen kann. Denn ehrlich, das Buch ist schon öde! Lg
Danke. Zeit und Geld gespart. Lieber selber Bötchen fahren.
Aloha