Ich liebe es ja alleine zu sein. Vor allem, wenn ich ein Projekt voran bringen möchte. Denn wenn ich eines gut kann, dann wie besessen an einer Sache, die mich begeistert, zu arbeiten. Ich stehe um 5 Uhr auf, werfe meine 120 dB laute Kaffeemühle an und bereite mir einen Flat White, esse drei Käsestullen und dann setze ich mich an meinen Rechner und tippe bis mein Körper vermeldet, dass ich dringend wieder etwas essen müsste. Meistens ist es dann 8 Uhr und ich nehme mein zweites Frühstück ein, um mich dann wieder in meine Arbeit zu vertiefen. Dabei bin ich oft genervt, denn ich kann nicht so schnell tippen wie ich denken kann. Glücklicherweise fällt mir dann irgendwann wieder ein, dass man heutzutage auch diktieren kann. Folglich diktiere ich meine Gedanken in mein Gerät, um dann festzustellen, dass ich zu viel atme und die Stimme an den seltsamsten Stellen im Satz nach unten geht und zack sieht mein Text aus wie Arno Schmidts Gelehrtenrepublik. Um 12 mache ich mir dann Mittagessen. Etwas leichtes, bekömmliches: z.B. Schweinebraten und Klöße. Das Problem ist nur, wenn man alleine ist, kann man ja nicht nur zwei Klöße kochen, also muss ich 12 Klöße essen. Sechs Stück zu Mittag und die anderen als Nachmittagssnack vor der Kuchenpause und die letzten drei zum Abendbrot.
Es zeichnet sich dem Lesenden langsam vermutlich ab, dass ich relativ viel esse. Da ich es hasse einkaufen zu gehen, mache ich mir vor der Abreise einen 10 Tagesplan und kaufe alles in einem Rutsch ein.
Für meinen letzten Einkauf habe ich drei IKEA-Taschen und eine Kühltasche benötigt. Wenn ich später alles auspacke und in das Regal und den Kühlschrank räume, höre ich eine Stimme, die mit dramatischer Hintergrundmusik etwas sagt wie: »Majestätisch zieht die Elefantenkuh durch die brandenburgische Landschaft. Dabei ist sie stets auf der Suche nach ihrer nächsten Mahlzeit. Ihr großer Körper verlangt nach gewaltigen Mengen an Nahrung: Sie frisst täglich etwa 150 bis 200 Kilogramm Klöße Pflanzen. Bis zu 19 Stunden am Tag verbringt die größte Landbewohnerin der Erde damit, Nahrung zu suchen, zu fressen und von einer Futterquelle zur nächsten zu wandern. Es ist ein unermüdlicher Kreislauf, der ihr Überleben sichert.«
Damit ich mich haltungsmäßig im Laufe meines Aufenthalts nicht vollständig in eine Garnele verwandle, mache ich morgens und abends Kurzhantelworkouts und gehe nach der Hauptmahlzeit mindestens 30 Minuten spazieren. Dabei ziehe ich mir, egal wie heiß es ist, eine lange Hose an, über die ich Socken stülpe, denn ich habe furchtbare Angst vor Zecken.
Genauer gesagt – ich finde Zecken ekelig, aber ich habe nicht wirklich Angst vor ihnen, ich habe aber schreckliche Angst, ich könnte eine beim abendlichen Check übersehen und die krabbelt mir nachts die Beine hoch und heftet sich an eine Stelle, an die ich nicht rankomme. An den Rücken – oder noch schlimmer – an den Po.
Weil man sich seinen Ängsten stellen muss und es meistens auch hilft prophylaktisch eine Lösung parat zu haben, habe ich vorab schon gegoogelt, was man in so einem Fall macht. Bedauerlicherweise war das Internet hier nicht sehr hilfreich. Man solle sich einen Spiegel nehmen und dann die Zecke entfernen. Haha, wenn ich aber nicht dran komme, du dumme KI???
Unter keinen Umständen möchte ich in so einem Fall zurück nach Berlin. Viel zu aufwändig und eine unglaubliche Stromverschwendung wäre das. Also habe ich mich beim Mittagsspaziergang mal umgeschaut, ob es vielleicht Nachbarn gibt, mit denen ich mich anfreunden könnte, um sie dann um einen kleinen Gefallen zu bitten. Das Problem ist nur: ich habe hier im Umkreis von 3 km keine Nachbarn und der nächste Nachbar hat eine schwarz-weiß-rote Flagge im Vorgarten. Da könnte ich mich vermutlich nicht mal höflich mit Namen vorstellen und schon würde der wollen, dass ich hingehe, wo meine Ahnen hergekommen sind. Ich müsste also auf jeden Fall einen schönen deutschen Namen haben, damit ich überhaupt auf Hilfsbereitschaft hoffen könnte: »Guten Tag, mein Name ist Edeltraut Zimmermann, ich wollte mich mal vorstellen – ich wohne dahinten im Wald. Ich habe Ihnen ein paar Klöße mitgebracht und wollte mal fragen, ob sie mir freundlicherweise eine Zecke am Arsch entfernen könnten?«
Gefällt mir auch nicht so richtig. Ich schätze, ich habe deswegen zwei Szenarien zur Auswahl: Erstens: ich verzichte vollständig darauf das Haus zu verlassen oder zweitens: ich lasse die Zecke sich vollsaugen und warte bis sie abfällt. Drei bis fünfzehn Tage dauert das. Ich schätze, ich entscheide mich für ersteres, denn ja, ich könnte schon Freundschaft mit einer Zecke schließen – jedes Wesen in Gottes Schöpfung ist ja auf seine eigne Art liebenswert – man braucht einfach nur einen niedlichen Namen, z.B. Sir Saugbert, Baron von Beiß, Fürstin von Zapfheim oder oder Graf Zapfula von Stichingen – nur hilft das alles nichts, wenn der kecke Sauger Borreliose überträgt (gegen FSME bin ich geimpft).
Also bleib ich jetzt drinnen.
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Gerne gelesen
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