Arbeit und Konsum

Konsum
Offenbar gibt es Menschen, die gerne und freiwillig in Shopping-Malls gehen.

Viele Themen interessieren mich, aber ich habe Hemmungen darüber zu schreiben, denn oft startet der Diskurs mit einem vorwurfsvollen Nachfragen: „Hast Du XY nicht gelesen? Ja, wenn Du XY nicht gelesen hast, dann brauchst du gar nicht erst  mitreden!“

Also wird man mit einem unendlichen Lesestapel in seine Ecke geschickt und kann perspektivisch dort bleiben. So geht es mir z.B. mit dem Feminismus und eben auch mit dem Thema (Anti-)Kapitalismus. Gerne lese ich in diesem Zusammenhang Artikel zur Post-Work-Bewegung.

Mich beschäftigen grob zwei Dinge, von denen ich weiß, dass viele sie komplett anders sehen.

Zum einen habe ich eine ausgeprägte Konsumunlust. In einem Nowaste-Buch las ich neulich die Einstiegsübung: „Kaufe einen Monat keine Kleidung“ und ich dachte nur „WTF? Es gibt Menschen, die jeden Monat Kleidung kaufen???“ Ich kaufe Kleidung im Großen und Ganzen weil ich muss. Ich habe z.B. drei dunkle Stoffhosen, die ich abwechselnd trage. Irgendwann sind die zwischen den Beinen durchgewetzt. Dann kaufe ich mir eine neue. Sehr gerne genau die selbe – sofern das möglich ist. Ich habe auch schon überlegt, ob ich die Hose einfach fünfmal kaufe und damit die nächsten zehn Jahre nicht mehr meine Lebenszeit mit Hosenkauf verschwenden muss. Was die Kleidung für den Job angeht – wie gerne würde ich Arbeitskleidung tragen. Ein Outfit für alle, immer das selbe, Ende.

Ich kaufe mir gerne Kleider, die Freundinnen tragen. Niemals würde ich freiwillig mit dem unspezifischen Auftrag „Heute kaufe ich mir ein Kleid“ in die Innenstadt, um unterschiedliche Geschäfte zu besuchen bis ich schließlich fündig werde. Shopping als Freizeitbeschäftigung ist für mich weniger erstrebenswert als Feuerameisen-Dressur.

Mit allen anderen Dingen geht es mir auch so. Ich bin so froh, wenn ich von jedem habe, was ich brauche. Wieso sollte man jemals neues Geschirr kaufen? (Also es sei denn man hat das alte aus Versehen kaputt gemacht) Wieso sollte ich noch mehr kaufen? Acht Teller genügen doch.

Kind 2.0 hat neulich festgestellt: „Wir geben nicht so viel Geld für Zeug aus, oder? Lieber für schöne Erlebnisse.“ und hat damit recht. Lieber hole ich 30 mal für die ganze Familie eine Runde Pizza und wir picknicken an einem schönen Sommertag als dass ich mir eine bekloppte Designer-Lampe kaufe.

Das zweite „Ding“, das ich oben meinte, ist meine Nicht-Bereitschaft mich über meinen Job zu definieren. Ich gehe gerne arbeiten und ich bin gerne finanziell unabhängig. Nach einer kurzen Elternzeit war für mich auch klar, dass ich zügig wieder arbeiten gehe. Aber ich mache mir nichts aus Status, Macht und Titel. Gerne würde ich eine Fachkarriere machen – aber leider sind 99% der Unternehmen ausschließlich auf Führungskarrieren ausgerichtet (aber das ist nochmal ein anderes Problem). Um es etwas abzukürzen und in eine Plattitüde zu fassen: Ich arbeite um zu leben, nicht umgekehrt. Mich nervt es auch unendlich, dass mein Kopf abends im Bett all seine Kapazitäten auf meinen Job lenkt. Viel lieber würde ich Primzahlzwillinge finden.

Vermutlich bin ich da insgesamt sehr durch meine Kindheitserfahrungen geprägt und durch einen abwesenden Karrierevater, der bestenfalls kurz vor der Tagesschau nach Hause kam und dann auch nicht ansprechbar war. Ich frage mich oft, was er von seinen Kindern mitbekommen hat, was er von seinem Leben überhaupt mitbekommen hat.

Das wird mir in vielen Momenten bewusst, wenn ich mir Zeit nehme ganz bei meinen Kindern zu sein. Ich richte dann mein Gehirn wie einen Fotoapparat auf den Moment aus und erfreue mich meiner Kinder. Sehr präsent ist z.B. aus dem letzten Monat ein Bild, wie mein jüngstes Kind in der untergehenden Abendsonne auf einem handbetriebenen Kinderriesenrad fährt und fröhlich winkt, seine Locken kringeln sich wie beim Nürnberger Christkind unter seiner Mütze, es strahlt über das ganze Gesicht, im lachenden Mund  sind die noch weit auseinander stehenden Kindermilchzähne zu sehen. Ich sammle solche Augenblicke, von denen ich unendlich viele in mir trage in der Zwischenzeit. Denn irgendwann wird mein Kind nicht mehr fröhlich: „Hallo Mama, ich winke!“ über einen ganzen Platz rufen, dann werde ich uncool sein und irgendwann gar nicht mehr dabei, weil an meine Stelle die Peergroup tritt.

All diese Momente sind irgendwann vergangen, nicht wiederzuholen, einfach weg. Deswegen liegt mir nichts ferner als Wochenenden durchzuarbeiten und auch noch die wenigen Stunden am Abend zu vergeuden, die uns nach Arbeit und Hort bleiben.

Aus dem „Leitfaden für faule Eltern“ (den ich nicht uneingeschränkt empfehlen kann, wobei ich denke, dass er absichtlich an manchen Stellen sehr provokante Aussagen trifft) ist mir eine Stelle besonders präsent geblieben – nämlich die, die erklärt, dass der Konsumverzicht gleichzeitig bedeutet, dass man weniger Geld verdienen muss, was in der Regel bedeutet, dass man weniger Zeit mit Arbeiten vergeuden muss, was wiederum heißt, dass man mehr Zeit für das Leben hat. Eine sehr banale Erkenntnis, aber da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Bestimmte Lebensvorstellungen (die ich sowieso nie hatte), wie z.B. der Traum vom eigenen Häuschen, der unvergeßliche Hochzeitstag (für 20.000 Euro??? WTF!), das eigene Auto oder der Traumurlaub im Hotel, ziehen bestimmte Zwänge automatisch nach sich. Stark verkürzt: Wenn ich meine (Fest)kosten in einem bestimmten Rahmen halte, bin ich viel freier.

(Das ist die Stelle übrigens, in der ein zweites Totschlagargument im Diskurs ausgepackt werden kann: nämlich das der Privilegierten. Ja, ich gehöre zu den privilegierten Akademikerinnen in einem guten Job etc. pp. und ich weiß, dass sich andere Menschen ganz andere Gedanken machen müssen und auch darüber denke ich nach – nur nicht gerade.)

Jedenfalls, was ich sagen will: Je mehr ich darüber nachdenke, desto seltsamer erscheint mir diese Arbeitsfixiertheit und ich lese dann mit großem Interesse Artikel wie „Post-work: the radical idea of a world without jobs“ im Guardian. In dem auch nochmal zusammengefasst wird, wie ungesund diese Haltung langfristig ist:

„Unsurprisingly, work is increasingly regarded as bad for your health: “Stress … an overwhelming ‘to-do’ list … [and] long hours sitting at a desk,” the Cass Business School professor Peter Fleming notes in his new book, The Death of Homo Economicus, are beginning to be seen by medical authorities as akin to smoking.“

Tatsächlich ist die Idee Arbeit als sinnstiftenden, zentralen Aspekt des Lebens zu sehen, nicht allzu alt:

„One of post-work’s best arguments is that, contrary to conventional wisdom, the work ideology is neither natural nor very old. “Work as we know it is a recent construct,” says Hunnicutt. Like most historians, he identifies the main building blocks of our work culture as 16th-century Protestantism, which saw effortful labour as leading to a good afterlife; 19th-century industrial capitalism, which required disciplined workers and driven entrepreneurs; and the 20th-century desires for consumer goods and self-fulfillment.“

Interessant sind v.a. die Prognosen, dass der Wegfall der Arbeitsfixiertheit, wie sie heute vorherrscht, noch ganz andere Effekte haben könnte:

„Instead, she would like the movement to think more radically about the nuclear home and family. Both have been so shaped by work, she argues, that a post-work society will redraw them. The disappearance of the paid job could finally bring about one of the oldest goals of feminism: that housework and raising children are no longer accorded a lower status. With people having more time, and probably less money, private life could also become more communal, she suggests, with families sharing kitchens, domestic appliances, and larger facilities.“

Und auch die Innenstädte würden sich verändern, denn im Moment sind sie durch Bürogebäude und Einkaufszentren geprägt.

Übrigens auch ein Punkt, warum ich diesen Appell „Der Einzelhandel leidet massiv, Innenstädte werden zu Geisterstädten – nur, weil lieber vom Sofa aus geshoppt wird.“ schwachsinnig finde. Dann wandeln sich die Innenstädte eben und es steht nicht mehr das Konsumieren im Mittelpunkt sondern das Soziale einer Gemeinschaft. Ich stelle mir solche Innenstädte jedenfalls lieber vor als mir eine weitere Shopping-Mall zu erträumen.

Und mit diesem Gedanken endet der Artikel ohne Pointe.

19 Gedanken zu „Arbeit und Konsum“

  1. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Made my day
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

    Schön geschrieben. Auch der Schwenk zum Thema armer Einzelhandel :)

  2. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************
    Plus:
    Danke für den Link! Lese nun schon den ganzen Tag am Guardian-Artikel. Und kichere noch immer über
    ‚The postwar years, when people worked less and it was easier to be on the dole, produced beat poetry, avant garde theatre, 50-minute drum solos, and all Britain’s great pop music – art forms that take time to produce and consume.‘

    The return of the drum solo may not be everyone’s idea of progress. But …“

  3. Es gibt Menschen, die mit der Maßgabe in ein Arbeitsleben starten, so früh wie möglich in Rente zu gehen bzw. sich seine finanzielle Unabhängigkeit gesichert zu haben. Im Prinzip läuft das auf Sparsamkeit hinaus, von Anfang an. Auch wenn ich mich mit der neuen Begrifflichkeit als Frugalist bezeichnet habe, verhinderte meine Biografie doch ein Anhäufen von Kapital von der Pike auf, so daß ich jetzt eben doch nur der stinknormale Downsizer & Minimalist bin, der ohne Anhang naturgemäß kaum etwas zum Leben braucht. Konsumverweigerung MIT Familie stelle ich mir als weit schwierigeres Unterfangen vor.

  4. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

  5. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

  6. Umso bitterer, dass derzeit vieles eher auf mehr Arbeit ausgerichtet zu werden scheint. All das Gerede von der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, das derzeit dominiert (und ja auch tatsächlich wichtig ist), scheint mir manchmal in die Idealvorstellung vom Doppel-Vollzeitpärchen (vielleicht noch die Frau mit 80%) zu münden, wo die Kinder bis 17h in der Betreuung sind.
    Es gibt leider genug Paare, bei denen das ökonomisch gar nicht anders geht – ich kenne auch einige – , aber dann holt man nach der Arbeit die Kinder ab bzw. begrüßt sie zuhause, macht Abendessen und dann ist eigentlich auch schon fast wieder Schlafenszeit? Mir würde das nicht reichen.

  7. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Gerne gelesen
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

    Dieser Themenkomplex treibt mich als zweifachen Vater auch um und bin froh, für mich einigermaßen die Balance zwischen Familie und Beruf gefunden zu haben. Ganz wichtig meiner Meinung nach ist es, sich nicht von den Erwartungen anderer treiben zu lassen.

  8. Ich vermisse in der weniger-Arbeiten-Diskussion, dass oft nur Geld und Status als die Vorteile des Arbeitens genannt werden. Dabei gibt es doch so viel mehr Gründe zu arbeiten. Was ich persönlich am Arbeiten mag, verglichen mit Freizeitbeschäftigungen oder Ehrenamt:
    Alle haben mehrere Stunden am Tag hundertprozentig den Fokus auf das gemeinsame Projekt. Selten passiert es, dass wichtige Leute unangekündigt wegbrechen, weil die Haupttätigkeit plötzlich doch wieder Vorrang hat.
    Alle sind superkompetent in ihrer Aufgabe und bilden sich ständig weiter, um am Ball zu bleiben. Wir arbeiten effektiv und mit allen nötigen Arbeitsmitteln. Nie muss ich mich plötzlich in Öffentlichkeitsarbeit oder Buchführung einarbeiten, obwohl das nun überhaupt nicht meine Stärke ist.
    Und weil wir also so fokussiert, kompetent und mit allen nötigen Resourcen arbeiten, werden die Resultate auch richtig gut. Ach, und bezahlt werden wir auch dafür.
    (Es gibt natürlich auch viele Gründe, die für Nicht-Arbeiten sprechen. Die große Freiheit zum Beispiel. )

  9. Prima Artikel.
    Hauptschulblues kauft nur in seinem Buchladen, bei seinem Bäcker, bei seinem Gemüsehändler, geht in „sein“ Ruffini und kauft dort den Wein. Und so weiter.
    „Ja, wenn Du XY nicht gelesen hast, dann brauchst du gar nicht erst mitreden!“: Da steht Hauptschulblues auf und geht. Der Spruch kommt kaum mehr vor, die Beziehungen haben sich mittlerweile sortiert.

  10. Das mit den Kleidern geht mir ähnlich. Manchmal gucke ich sogar gerne danach, wenn ich einen Laden finde, der sehr meinem Stil entspricht, aber ansonsten kaufe ich dann, wenn ich was brauche und da meine Mutter regelmäßig auf dem Flohmarkt Kleider und Schuhe findet und dann mal auf Verdacht mitnimmt, ist das auch sehr selten der Fall.

    Bei anderen Sachen ist es nicht ganz so einfach, ich möchte oft Dinge haben, aber dann, weil ich etwas damit anfangen möchte. Deswegen steht zum Beispiel die Küche voll mit Zeug, weil ich halt gerne koche. Etwas zu besitzen, nur um es zu haben, ist mir allerdings eher fremd, es steht eigentlich immer irgendein Interesse dahinter.

    1. Stimmt, ich hätte das besser differenzieren müssen. In manchen Bereichen finde ich es auch gut „ausgestattet“ zu sein. Allerdings hab ich auch da keine Lust ewig zu recherchieren, was ich bestenfalls kaufe. An sowas haben manche Menschen ja auch Spaß. Selbst da kaufe ich v.a. das, was ich bei jmd anders mal gesehen habe.

  11. Tja, ich versuche den Konsum einzuschränken, wo ich nur kann. Immer mit dem Ziel, so schnell wie es geht aus diesem idiotischen Hamsterrad zu entkommen. Nur bei meiner konsumistischen Ehefrau ist das noch nicht angekommen, außer das sie möglichst viele Ausgaben als Fürsorge für die Kinder tarnt.

  12. Also mir geht das mit der Konsumunlust speziell bei Kleidung sehr ähnlich, ich entsorge nur Dinge die Löcher haben oder komplett unansehlich geworden sind. Und auch dann ärgere ich mich oft, wenn man die Sachen gefühlt eben erst gekauft hat und versuche irgendwie möglichst langlebige Produkte zu bekommen. Der Preis scheint hier leider kein wirklicher Indikator zu sein, was ziemlich frustrierend ist. Außerdem scheint es hier einen großen Gender Gap zu geben.

    Mein Verhältnis zu meiner Arbeit hat sich seit der Geburt meiner Tochter ziemlich verändert, früher fand ich es auch normal morgens schon vor 8 im Büro zu sein und nicht vor halb 6 zu gehen. Heute ist mir die Zeit viel zu wertvoll, um ständig Überstunden vor mir her zu schieben. Das gilt übrigens auch für andere Lebensbereiche, inzwischen zerreißt es mich fast, wenn ich 1-2 mal pro Woche Free-TV mit zig Werbeunterbrechungen kucken muss. Früher lief das bei uns stundenlang, gerne auch irgendwas „was gerade läuft“, heute ist meine Netflix Watchlist permanent übervoll.

  13. Ich glaube, wir würden uns sehr gut verstehen.
    Bei solchen „Minimize“ Ratgebern wundere ich mich auch des Öfteren, dass ich meinen Konsum erhöhen müsste, um die Ratschläge zum Minimieren einzuhalten.

Mentions

  • Maximilian Buddenbohm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken