Das Ende der Niedlichkeit

Wenn man ein Neugeborenes hat und es öffentlich herumträgt, strömen von allen Ecken und Enden Menschen herbei, um in die Hände zu klatschen und zu rufen „Ach, das ist aber noch ganz frisch. Wie niedlich!“. Dann betatschen sie es.
Mit dem jakobsonschen Organ eines Aals und den 30.000 Augen einer Libelle scanne ich die Fremden. Zigarettenrauch, altes Fett, Schweiß, schmutzige Finger, eiternde Blasen und Nagelmykose überall!
Ich drücke meinen Säugling an mich, zücke eine Fliegenklatsche und wedele die verkeimten Greifer weg.
Mit der Zeit jedoch härtet man ab, denkt an das kindliche Immunsystem und hält das Baby selbst den interessierten Punkerhunden unter die Nase.
Immerhin erntet man dafür Komplimente und Ausdrücke des Wohlgefallens.
In dieser Phase der Glückseligkeit verharrt man einen weiteren Monat. Doch dann kommt eines Tages der Tag des Erwachens.
Das Baby ist schon vier (!) Monate als sich eine ältere Frau dem Kind, das im Tragetuch an meinem Dekolletee gedrückt befindet, nähert.
„Ach, was haben Sie denn da?“ Ihre Augen strahlen. „Was ganz Kleines noch?“ Sie streckt mir ihre knochigen Finger entgegen. Ich lächle (… die Hormone!).
Sie schaut aufs Kind und ihre Mundwinkel fallen nach unten.
„Bah! Ist ja schon groß!“ und wendet sich ab.

 P.S. Schaaahaaatz, wir brauchen Nachschub!

4 Gedanken zu „Das Ende der Niedlichkeit“

  1. Man glaubt es kaum, aber in Italien wenden sich die Menschen noch nicht einmal von fremden Einjährigen ab. Stattdessen nehmen sie sie in Bars auf den Schoß und spielen mit ihnen. Und man selbst kann in Ruhe dasitzen, lesen und Weinbierkaffee trinken. Herrlich.

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