Die Maus

Wir leben ebenerdig nahe eines Waldes. Es hat also nicht lange gedauert, da lebte auch eine Maus mit in unserem Haus.
Das erste Mal begegneten wir uns auf der Toilette. Zu meiner Überraschung habe ich vor Schreck geschrien – obwohl ich mich überhaupt nicht für die Art Mensch halte, die schreit, wenn sie ein Tier sieht. Die Maus hat vermutlich auch geschrieen, aber vor allem ist sie weggelaufen.
Von da an haben wir uns nicht mehr persönlich getroffen, sondern viel mehr indirekt. Zum Beispiel morgens beim Frühstück wenn ich mein Toast holen wollte und im Toast ein riesiges Loch fand. Ich finde das sehr unanständig von der Maus, warum frißt sie sich durch das ganze Toastbrot, wenn doch die Menge ungefähr zwei Schreiben entspricht. Ich kann ja teilen, so ist es nicht. Ich hätte ihr zwei Scheiben Toast abgegeben, aber so ein durchgefressenes Toast, das ist etwas unappetitlich.

Also bin ich in den Baumarkt gefahren und habe eine Lebendfalle geholt und die am Abend schön vor dem Toast aufgestellt.

Schon am nächsten Tag war die Maus gefangen. Sie tat mir furchtbar leid. Es war 5 Uhr als ich feststellte, dass die Mausefalle zugeschnappt war und die Maus drückte verzweifelt von innen dagegen. Ich dachte mir: “Die arme unschuldige Maus! Hoffentlich ist sie nicht klaustrophobisch. Ich muss sie schnell aussetzen.”

Also habe ich mir trotz der Minusgrade einfach die Stiefel übergestreift und den Wintermatel angezogen und bin mit der Mausefalle in der Hand in den Wald gelaufen. Sie sollte nicht länger als unbedingt notwendig gefangen sein.
Mindestens einen Kilometer entfernt vom Zuhause soll man sie aussetzen stand auf der Verpackung der Falle. Ein Meter, das sind ungefähr 15 Mauslängen. Hundert Meter also 1.500 Mauselängen und Tausend Meter entsprechend 15.000 Mauselängen Entfernung. Das ist schon sehr weit. Außerdem war es wahnsinnig kalt. Ich weiß nicht, ob Mäuse frieren, aber ich stelle es mir einfach ungemütlich vor. In unserem Haus ist es ja warm und vieles ist weich und jetzt stelle man sich vor ein Riese käme und trüge einen 15.000 Menschenlängen weit weg und würde einen im Wald aussetzen. Abgesehen davon hatte die Maus einen tüchtigen Appetit und während ich über den gefrorenen Boden stapfte, fragte ich mich, was die Maus jetzt wohl essen können würde im kalten, kalten Wald.

Also lief ich zurück und hämmerte aus ein paar Dielenresten in der Werkstatt ein Maushaus zusammen, legte es mit Stoffresten aus und gab ein paar Scheiben Toast, ein Stück Schokolade und ein paar Nüsse hinein. Das Maushaus packte ich dann zusammen mit der Maus in der Mausefalle wieder ein und lief wieder der imaginären Markierung 15.000 Mauslängen entgegen.

Endlich angekommen, legte ich das Maushaus ab und öffnete die Falle Richtung Maushauseingang. Aber die dumme Maus sprang mit einem großen Haken weg, so als wäre sie ein Hase und verschwand im Wald.

Nun, ich musste mir zumindest keine Vorwürfe machen. Ich hatte alles getan der Maus ein mauswürdiges Dasein zu ermöglichen und lief wieder zurück in mein Menschenhaus.

In der nächsten Nacht war die Maus wieder da. Offensichtlich war sie sauer. Sie fraß nämlich wie Schneewittchen höchstpersönlich alles mögliche ohne erkennbares Muster an. Die Erdnusstüte, die Röstzwiebeln, den Baumkuchen.

Aber ich hatte Mitgefühl. So eine Maus, die sich auf einen warmen Winter um Trockenen eingerichtet hatte, die hat natürlich auch Emotionen. Verständlich. Ich meine, keine Ahnung wie lange man als Maus auf dem Land sucht, um ein katzenfreies Haus zu finden, das viele kleine Schlupf- und Verstecklöcher bietet. Die Mauswohnsituation ist bestimmt ähnlich angespannt wie die Menschenwohnsituation in Städten. Vielleicht wollte die Maus auch eine Familie gründen und war froh über ihren Hausfund. Perspektivisch hatte sie genug Platz für ihre Nachkommen – und so einen Wohnraum muss man erstmal finden.

Denn so eine durchschnittliche Maus, die gebiert 4-8 Junge pro Wurf und ungleich der Menschen wirft sie auch gut und gerne 4-6 Mal im Jahr. Wir sind dank der Pandemie ja alle besser in Mathe geworden und so ist schnell klar, dass die Maus inkl. Kinder und Kindeskinder für 2022 auf etwa 2.000 Kinderzimmer gehofft hatte.

Auf der anderen Seite: 2.000 Mäuse (im 1. Jahr …) wären dann vielleicht doch … naja … viel. Also stellte ich wieder die Falle auf und die Maus fand sich dann auch sehr bald ein.

Um es kurz zu machen: Ich brachte die Maus wieder in den Wald und die Maus kam wieder zurück.

Am nächsten Tag dann entdeckte ich etwas schreckliches! Die Maus hatte meinen nutfree, vegan Superkeks entwendet. Den nutfree, vegan Superkeks hatte ich mir für die richtige Gelegenheit augespart. Er war einzigartig! Nur für mich! Nur ich alleine hatte so einen. Eingepackt in Seidenpapier. Und jetzt halte ich die leere Hülle des nutfree, vegan Superkeks in der Hand. Säuberlich auf einer Seite aufgenagt und nicht etwa schüchtern angefressen! Nein. Bösartig entwendet. Komplett mitgenommen. Ich hasse die Maus! Ich hasse sie! Bei einzigartigen Superkeksen hört die Freundschaft eben auf!

(Offenes Ende!)

143 Gedanken zu „Die Maus“

  1. So eine schöne Geschichte.
    Vermutlich ist es eine ganze Familie. Bei uns ziehen sie auch im Trupp ein.
    Wo eine ist, sind viele. Die letzte fraß Löcher in Birnen und Pflaumen und hatte ein Nest angefangen hinter der Mikrowelle. Unsere mögen übrigens Nutella.

  2. Eine sehr sehr rührende Geschichte! Aber letztendlich habe ich dann doch die Lüge durchschaut: „in unserem Haus ist es warm“. Denke NFT Scam oder so.

  3. Zoohandlung, Mäusekäfig, haben die Kinder gleich auch was davon?
    So arg hat sie es mit der Freiheit ja offenbar eh nicht…

    (Man kann das Mäuseproblem übrigens auch mit Katze haben. Speziell immer dann, wenn Katze Maus noch zum Spielen mit rein nimmt, Maus aber mit Toxoplasmose infiziert und dementsprechend größenwahnsinnig ist. Weil Katze jagt und tötet keine Maus, die nicht wegläuft oder sich sogar wehrt.)

  4. Beim nächsten mal die Maus farbig markieren bitte.
    Mich würde ja schon interessieren ob es wirklich dieselbe Maus ist.

    Ich könnte auch anbieten die Maus auf unserem Grundstück auszusetzen, da wimmelt es von Feldmäusen. Vielleicht fraternisiert sie dann mit denen und bleibt?


  5. Süüüß. Und moralisch ein Dilemma, weil die Maus vermutlich eine Hausmaus sein wird, die nur im Haus überleben kann. Die Lebendfalle beruhigt unser Gewissen, weil wir Mäusezähnchen nicht getötet habe. Wenn sie nicht in ein Haus kommt, verhungert sie. Ich such mal den Artikel dazu.

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