Schaffe, schaffe Häusle baue

Der heutige Newsletter zum Thema Eigenheim (und Finanzierung desselbigen) von Teresa Bücker war sehr erkenntnisreich für mich. Inwiefern? Dazu muss ich etwas ausholen.

Mitte zwanzig ca. ging es los: Als der Freundeskreis so mehr oder minder mit festen Einkommen versorgt war, kam bei den allermeisten das Thema Eigenheim auf. Vor allem meine Freundinnen malten sich gerne ihr Häuschen aus. Bestenfalls irgendwo im Grünen, damit die zukünftigen Kinder draußen spielen konnten. Davor natürlich eine Hochzeit und die natürlich im weißen Kleid.

Oft fühlte ich mich, als sei in meiner Sozialisation irgendwas grundlegend schief gelaufen. Heiraten? Weißes Kleid? Womöglich noch kirchlich (obwohl die meisten doch komplett atheistisch lebten?) Eigenheim? Fragezeichen auf Fragezeichen.

Die Jahre vergingen und die ersten setzten ihre Träume um. Ich lebte schon länger in Berlin und wenn ich nach Franken zurückkam und die Eigenheime mit ihren Gärten sah, kam in mir ein Gefühl der Beklemmung auf.

Nach und nach geriet das Thema in den Hintergrund. Ein kurzes Aufflackern als ich Kinder bekam: „Ja willst du denn nicht mit deinen Kindern raus aus der Stadt ziehen?“ Und wenngleich mein Leben viele unbeantwortete Fragen für mich bereit hielt, war ich mir bei dieser Frage immer total sicher: „Nein.“

Meine Elternzeiten hätten nicht schöner sein können. Ich bekam Elterngeld und um mich herum war alles voller Möglichkeiten. Ich hab mir ein Jahresticket für die Berliner Museen des preußischen Kulturbesitzes gekauft und konnte einmal in der Woche stundenlang ins Museum. Im Umkreis von einem Kilometer überall Eltern-Treffs. Babyschwimmkurse, Babyzeichensprache, PEKIP. Allein in meinem Kiez ca. zehn Spielplätze, immer gut gefüllt – überall die Möglichkeit Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Ich glaube, ich war noch nie so frei und glücklich wie damals (wobei ich auch sagen muss, ich habe ein wohlwollendes Gedächtnis. Wahrscheinlich war es auch manchmal anstrengend, weil das Baby nicht schlafen, essen oder pupsen konnte oder wollte… aber ach! alles vergessen!).

Ich stellte mir immer vor, wie es wäre, wenn ich in einem Eigenheim vor den Toren Berlins wohnen würde. Wie einsam ich wäre – ganz allein mit den Kindern den ganzen Tag. Der eine Spielplatz, den es pro Dorf maximal gab – immer leer. Ohne eigenes Auto könnte ich vermutlich nicht mal einkaufen gehen. Außerdem hasste ich Autofahren.
Und außerdem – so ein ganzes Haus? Wer putzt das? Und ein Garten? Wer pflegt den? Meiner damaligen Erfahrung nach eher nicht der Partner…

Nein, ein großes Eigenheim war nie mein Traum. Trotzdem kam ich mir in der Sache komisch vor. So wie man sich eben komisch vorkommt, wenn man gegen den Strom schwimmt.

Ich habs irgendwann auf den Umstand geschoben, dass ich so nicht aufgewachsen bin. Meine Eltern haben kein Eigenheim besessen und deren Eltern schon mal gar nicht.

Bzw. ganz richtig ist das nicht. Meine italienischen Großeltern, die als Gastarbeiter nach dem Krieg nach Deutschland kamen, die hatten ein „Eigenheim“. Nachdem sie nämlich verzweifelt versucht hatten eine Mietwohnung zu bekommen und deutlich zu spüren bekommen hatten, dass Ausländer in der Nachbarschaft nicht erwünscht waren, haben sie sich gemeinsam mit vielen anderen Gastarbeitern entschlossen am Rhein entlang Barracken zu bauen und dort zu leben. Ich nehme an, dass diese Barracken ihnen gehörten. Fließend Wasser gabs aus der Pumpe, es war oft so klamm, dass die Tapete Wellen schlug und klein und eng war es auch – aber das ist nochmal eine andere Geschichte.

Jedenfalls: Wahrscheinlich weil ich nicht im schnieken Eigenheim aufgewachsen bin und auch völlig klar war, dass es nichts zu erben gibt, kam ich nie auf die Idee, dass ich unbedingt ein Eigenheim brauche. Denn ohne kleinen Erbzuschuss in Sachen Eigenanteil war vor zehn/fünfzehn Jahren keine Bank bereit einen >150.000 EUR Kredit zu gewähren.

Dann heute bei Teresa Bückers Newsletter das große „Aha“:

„Denn eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus versprechen Sicherheit und Stabilität. Sich nicht mehr um die Miete sorgen zu müssen, wenn ein Haus abbezahlt ist, kann Mental-Load nehmen oder es möglich machen, weniger zu arbeiten und darüber Stress zu reduzieren.“

Soweit so einleuchtend.

„Aber macht ein eigenes Haus wirklich freier?“

Spoiler: nein, nicht unbedingt.

Höhere Kosten tragen oft dazu bei, dass sich Paare weiter in Sorge- und Erwerbsarbeitspersonen spezialisieren und damit in alle bekannten Probleme rutschen, die diese Spezialisierung mit sich bringen kann.

Einen Kredit abzubezahlen (und das wollen die meisten ja so schnell wie möglich), bedeutet sparen und sparen bedeutet Verzicht. Und woran wird gespart? An der Kinderbetreuung z.B. – kann doch die Mutter machen! Total logisch. Wenn sie schon den Großteil der Elternzeit genommen hat – wieso jetzt der Stress alles zu ändern, nur weil sie unbedingt arbeiten will?

„Meine Frau muss nicht arbeiten!“ Was für ein Statussymbol! Sie kann zuhause bleiben! Denn, seien wir doch mal ehrlich, das was sie am Ende mit Lohnsteuerklasse V netto erwirtschaftet, das lohnt doch kaum! Zumal wenn man jetzt gegenrechnet, dass man auf dem Land dann auch noch ein 2. Auto braucht, die Kinderbetreuung ggf. extra kostet etc. Ne, da lohnt es natürlich nicht, dass eine Frau arbeiten geht. Das macht nur zusätzlichen Orgastress, weil man natürlich on top Druck hat, wenn die Kinder mal krank sind zum Beispiel.

Noch absurder wird es rechnerisch, wenn die Erwerbsarbeit der Frau überhaupt erst möglich wird, wenn der Mann seine Arbeitszeit reduzieren muss. Das bedeutet nämlich, dass dem Familieneinkommen etwas abgezogen wird – und da die Frau oft nicht so viel wie der Mann verdient[1], bedeutet das dann ein fettes Minus für das Familieneinkommen…[2]

Klingt alles total logisch und spiegelt sich dann auch in den Zahlen wieder.

Im Update zum Väterreport 2021 sieht man z.B. je mehr ein Mann verdient, desto unwahrscheinlicher, dass er überhaupt Elternzeit nimmt.[3] Auch die aktuellen Studien zur Pandemie zeigen das: je mehr der Mann verdient, desto wahrscheinlicher, dass alle Versorgungsengpässe durch die Reduktion oder komplette Aufgabe der weiblichen Erwerbstätigkeit kompensiert wurden.

Das väterliche Engagement stieg v.a. in den Schichten, in denen Männer aufgrund der Pandemie in Kurzarbeit geschickt wurden. Logisch. Kurzarbeit ist ja die erzwungene Reduktion von Erwerbsarbeit. Und je weniger Erwerbsarbeit, desto mehr Raum für Sorgearbeit…

Wenn man sich durch alle möglichen Studien und Zahlen gearbeitet hat, dann ist am Ende eine Sache wirklich sehr klar: Wer auf Gleichberechtigung steht, sollte sich einen Partner suchen, der auf keinen Fall mehr als man selbst verdient. Denn in den meisten Fällen wird Aufgabenverteilung über Einkommen in Euro verhandelt. Allein wegen des Gender Pay Gaps – nochmehr aber, wenn man sich auf die weiter oben beschriebene Reise begeben hat – sind Männer statistisch gesehen immer im Verhandlungsvorteil. Zumal Sorgearbeit ja unentgeltlich ist und rechnerisch nicht ins Gewicht fällt. Denn klar: Kurzfristig und oberflächlich gesehen, stimmen diese Überlegungen ja auch und werden durch alle möglichen strukturellen Rahmenbedingungen gefördert.

Warum es sich also so kompliziert machen? Und so ein Eigenheim? Das ist doch hübsch!

Ich habs jetzt jedenfalls für mich verstanden, warum das für mich alles kein Ziel war.


[1] Ich werde es nicht müde zu betonen, die Paare rechnen wirklich mit ihren Nettoeinkommen! Lohnsteuerklasse 3 Gutverdiener vs. Lohnsteuerklasse 5 Gutverdiener – ja, das treibt einem zurecht Tränen in die Augen, wenn man sich die Zahl anschaut.

[2] Ganz anders fallen die Überlegungen aus, wenn man von Anfang an auf Gleichberechtigung hinarbeitet. Man 4/4 (mit Faktor) wählt, sich Elternzeit aufteilt und alles tut um die jeweilige Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten, um auch finanziell einander Backup zu sein. Über Zeit statt Geld verhandelt und Sorgearbeit als notwenige und wertvolle Ermöglichung von Erwerbsarbeit berücksichtigt.

[3] Ich erinnere mich sehr gut an wütende Reaktionen auf meine Feststellung, dass man sich mit 10.000 EUR netto (!) Einkommen sehr wohl Elternzeit leisten könnte, wenn man denn wollte. KANN MAN NATÜRLICH NICHT WEIL ELTERNGELD IST MAX. 1.800 EUR!!1!

P.S. Der Newsletter beschäftigt sich zusätzlich mit ganz anderen Fragen und ist deswegen unbedingt zu empfehlen. Wie jede Woche eigentlich. Ich habe nach einigen kostenlosen Leseproben sehr gerne ein Abo abgeschlossen.

159 Gedanken zu „Schaffe, schaffe Häusle baue“

  1. Hallo,

    ein Eigenheim ist in der heutigen Zeit für die meisten Leute gar nicht mehr finanzierbar. Leider steigen Baukosten und Zinsen weiter an und aus dem Freundes und Bekanntenkreis hört man immer wieder wie schwierig es wird das Traumhaus zu halten.

    Wir suchen auch gerade nach einem schönen kleinen Häuschen in NRW – leider scheint der Markt für Häuser und Grundstücke einfach gerade kaputt zu sein. Ich blicke aber weiter positiv in die Zukunft.

    Beste Grüße
    Patrick

  2. Mit dem ständigen Anstieg der Wohnungspreise in der Stadt steigt auch der Zugang zur Infrastruktur. Alle Vorteile des Lebens in der Stadt wurden teuer. Am Ende muss man selbst entscheiden.

  3. Man sollte sich vor dem Erwerb eines Eigenheims im ländlichen Raum vor Augen halten, welchem demografischen Segment man immer wieder am eigenen Gartenzaun begegenen wird, egal wie hoch man diesen baut: dem deutschen Kleinbürgertum. Meist aus dem Handwerk stammend, ist man in dieser Bevölkerungsgruppe noch Stolz auf die Lebensarbeitsleistung, klopft sich bei gelungenen Projekten auf die Schulter, und freut sich über das klare Bekenntis zum Stillstand der Stein gewordenen Geschmacklosigkeit, dem Eigenheim; per Unterschrift unter den Bausparvertrag den eigenen Kindern gerne schon vorweg genommen.

    Hat man dann so eine Immobilie neu gebaut oder gar geerbt, wird es spanned: Auch in der ländlichen Natur, zwischen Feldern und grünen Weiden, romantischen Wäldchen und idyllischen Seen, haben es Menschen für nötig gehalten in Überflutungsgebieten zu bauen, ehemalige, illegale Deponien als Baugrund auszuschreiben oder den Boden mit Ställen auf Generationen zu Sondermüll zu machen. Glücklich wer eine solche Überraschung nicht erleben muss.

    Steht das Haus pflanzt man die Flagge der jeweiligen Region, am besten zwischen den gemauerten Grill und der Kirschlorbeer-Hecke. Das kommt gut an, da weiß man woran man ist, da weiß man wo man hin gehört. Am Gartenzaun gibt es so keine Mißverständnisse. Nur weil man im Grünen lebt muss man ja nicht gleich Grün wählen. Und ein Bier steht immer kalt, falls der Nachbar doch mal länger bleibt. Nur mit dem Schlaf ist es nicht so einfach, denn den Hausherren drücken kleinere und größere Sorgen. Wer gebaut hat hört jedes Blubbern oder Brodeln, leises Rauschen, Knistern, jedes Zischen und Knacken, und unterbewusst wird es gegen mögliche Katastrophen abgeglichen. Im Hinterkopf werden schon mal die Versicherungspolicen wie ein Rosenkranz aufgezählt. An Katastrophenpotential bietet die Natur so einiges. Fliegt das Trampolin beim nächsten Sturm auf den Pickup des Nachbarn? Den hatte er noch nicht abbezahlt, also besser gleich beim Versandhandel Sturmanker bestellen. Es gibt ja keine Einzelhändler im Umkreis von 20km, die so etwas nicht auch bestellen müssten. Am besten gleich ein Notstromaggregat und Tauchpumpen mit bestellen, man weiß ja nie. Das Dach wurde erst neu gemacht, das darf nichts abbekommen, es ist keine Reserve mehr für eine Ausbesserung da. Schließlich mussten drei Kinder mit Rollern ausgestattet werden, man kommt ja sonst nirgends hin. Außer in die Kirche.

    Vergisst der Hausbesitzer mal für fünf Minuten welche Verantwortung er trägt, und lässt sich die Kohlroulladen seiner Frau schmecken, scheint die Sonne und es haben sich Freunde für den Abend angekündigt, dann spürt der Hausbesitzer fast die gleiche Freiheit wie ein Dauercamper. Nur eben mit Eigenheim. Doch halt, stop! Der Rasen muss noch gemäht werden!

  4. Hm, so ganz haut das aber nicht mehr hin, bzw. jetzt bei den Immobilienpreisen vielleicht dann doch wieder, aber: Wir sind 2015 so mehr oder weniger aus unserem Kiez rausgentrifiziert worden. Mir war damals immer klar, okay, wenn, dann kaufen wir eine Wohnung in der Stadt, aber das hat noch Zeit. Dann jedoch ging es los mit der Mietwohnungssuche. Na ja, Berlin halt, das muss ich ja nicht erläutern, auf jeden Fall waren die Mietpreise für eine Wohnung, in der man sich selbst zu zweit nicht ständig auf den Füßen steht, derart horrend, dass ich anfing, mich nach Alternativen umzuschauen.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben dann ein Haus am Stadtrand gekauft. Ein Auto hatten und haben wir übrigens nicht. Hier fährt ein Bus. Anfangs alle 20 Minuten, inzwischen alle 10, aber ich habe mir irgendwann ein Fahrrad gegönnt und muss sagen, das geht prima ohne Auto. Jetzt zu den Preisen: Wir haben damals entschieden, dass wir das Haus nur kaufen, wenn wir das zusammen gut stemmen können. Das Abzahlen haben wir entsprechend der Gehaltshöhe aufgeteilt, also nicht fifty-fifty oder so. Und die monatliche Belastung ist durch die niedrigen Zinsen (selbst mit Absicherung über einen Bausparvertrag) deutlich geringer als eine vergleichbar große Mietwohnung (vor allem in der City) und immer noch gleichauf mit den Wohnungen, die wir damals gerne zur Miete gehabt hätten (und das waren keine Paläste). Sparen und Verzicht sind also gar kein Problem.

    Der dauerhafte Niedrigzins zusammen mit dem Mangel an Wohnungen und den chronisch steigenden Mieten hat da, glaub ich, ganz schön was durcheinandergewirbelt. Wenn ich mir die aktuellen Kaufpreise anschaue, mag sich das schon wieder etwas relativiert haben, aber so grundsätzlich haut das mit der Mehrbelastung nur hin, wenn man eine sehr günstige Wohnung freiwillig fürs Eigenheim aufgibt und nicht ohnehin an der Klippe zum Rausschmiss steht. Und auf Garten und Co. müssen beide auch dauerhaft Bock haben, da bin ich ganz bei dir. Meiner Erfahrung nach kommt das von alleine, wenn man erst mal sieht, wie Dinge wachsen und gedeihen.

    PS: Ich hab den Newsletter auch gelesen, der war sehr erhellend, weil ich tatsächlich über manche Aspekte noch nie nachgedacht hatte. Danke für den Story-Tipp. :)

  5. Aber was, wenn innerstädtisch die Wohnungen so viel mehr kosten als der Kredit für das Haus in der Vorstadt? Wir sind jetzt da, wo ich eigentlich nie hinwollte,aber wir konnten uns eine größere Wohnung in unserem alten Kiez nicht mehr leisten,mit Kindern war die Studibudi zu eng.

  6. Bei mir ist es so, dass ich genau in diesem Haus auf dem Land-Ding aufgewachsen bin und dass das ganz viele in meinem Umfeld so auch jetzt als Erwachsene nachleben. Wir sind da mit 4 Leuten in einer 3-Zimmer-Mietwohnung fast schon die exotische Ausnahme. Ich hab zwischendurch auch immer wieder das Gefühl gehabt: jetzt musst Du aber doch Richtung Eigentum und v.a. Richtung Land abbiegen, weil die Kinder da ja im Grünen spielen können, weil ich das auch so von früher kannte etc.

    Dann denk ich aber an meine Kindheit zurück und so richtig geil fand ich es auf dem Land ehrlich gesagt nur bedingt. V.a. so ab Teenager-Zeit war das alles sehr, sehr einengend. Ich fand und finde auch die ganzen Vorteile, die du aufzählst für mich in der Stadt so vor.

    Andererseits: unsere Stadt ist mittlerweile so teuer, dass wir zu viert eben in einer 3-Zimmerwohnung festsitzen und da die nächsten 3-4 Jahre noch mal ein Stück mehr zusammenrücken müssen, bis das erste Kind wahrscheinlich auszieht. Günstigere Mieten und ein Zimmer mehr wären schon nett. Am Ende ist es dann immer ein Abwägen und Kompromiss und die Vorteile, bei aller Beengtheit, überwiegen für uns immer noch.

    Ich hab beim Lesen des Newsletters auch gedacht, dass das mit der gleichberechtigten Aufgabenteilung bei uns wahrscheinlich u.a. auch wegen unserer Wohnsituation so gut klappt. Weil die beschriebenen Zwänge eines eigenen Hauses nicht so da sind. Aber das ist echt ein Riesenfass das ganze Thema. Da muss ich noch mal bisschen länger drüber nachdenken.

    1. Ich bin auch auf dem Land aufgewachsen und ein wirklich wichtiger Punkt in Sachen Erleben war für mich auch die trostlose Jugend und später dann diese typische Dorfdiskosache, dass man entweder bei Menschen mitfahren musste oder selbst ein Auto brauchte.

      1. Habe ich ebenso erlebt. Nach der Schule fuhr stündlich ein Bus nach hause, und dort war dann nichts anzufangen: keine Freunde in der Nähe, keine Bibliothek und kein Kino, kein Sportverein. Blieb man für die Freizeit noch in der Stadt, dann fuhr abends kein Bus mehr heim und man musste sich abholen lassen.

        Ich hab als Teenie immer die Stadtkinder beneidet.

  7. Ich hatte das Vergnügen als Kind. Zugegezogen sowieso chancenlos. Mit spätestens 14 hat man als Kind die Schnauze voll. Nachbarn gehen einem auf die Nerven, die ständig unzufriedenen Eltern auch.
    Heute Altbauwohnung innenstadtnah zur Miete, wir beide mit Job, kein Auto nötig.

  8. Die Vorstellung von den „Kindern, die im Grünen spielen können“ ist auch eine merkwürdige Motivation. Wie lange finden Kinder das spannend, bevor sie ganz andere Interessen entwickeln? 10, 15 Jahre?

  9. Ich würde dem kosten argument wiederaprechen und dem folgen ja alle beschriebenen Nachteile. Wir sind eine 5-köpfige Familie. Wenn wir eine Wohnung/Haus mieten würden in dem alle Platz haben würden wir deutlich mehr Miete zahlen als wir aktuell für unseren Kredit zahlen.

    Wir haben also mehr finanzielle Freiheit und die Gewissheit das uns niemand über Nacht die Miete erhöhen oder sogar ganz (auf Eigenbedarf) kündigen kann. Auch hat jeder Euro den wir in den Kredit stecken einen Gegenwert der sich jeder Zeit wieder in Geld verwandeln lässt, wenn nötig. Während man von dem Geld für die deutlich höhere Miete nie wieder etwas sieht.

    1. Jederzeit stimmt bei selbstgenutztem Eigentum aber auch nur bedingt bzw. eher mittel- als kurzfristig. Und ob der Euro dann auch immer den angestrebten Gegenwert erzielt, hängt ja auch von äußeren Faktoren ab.
      Grundsätzlich kann ich die Gedanken /Argumentation aber nachvollziehen.

  10. Kann ich alles so unterschreiben. Leben in der Stadt in einer Wohnung ist mit Kindern und doppelter Berufstätigkeit mega praktisch: relativ kurze Wege zu Arbeit, Kita, Ärzten, Hobbies, Supermarkt etc. 1000 Freizeit-Optionen. Wohnung lässt sich fix aufräumen und in Schuss halten.

  11. Ich „muss“ in einem Haus wohnen, allerdings zur Miete (gehört Verwandten. Ortsübliche Mieten können wir uns nicht leisten, auch nicht für ne Wohnung). Ich beneide Leute, die keinen Garten haben und alles Relevante in einem Stockwerk. Häuser sind total unpraktisch.

  12. Das Schlimme auf dem Land mit den Eigenheimen ist ja auch: Die Pappnasen bleiben.

    Und dass es mit ‚abgezahlt‘ vorbei ist mit der hohen finanziellen Belastung, ist ja auch ne Mär. Kaputte Heizung, Fassadensanierung, Fenster wechseln …

  13. Guter Artikel, danke! Für mich ist es auch unbegreiflich, dass so viele das mit der Steuerklasse 4/4 bzw. 3/5 einfach nicht verstehen, geschweige denn mal darüber nachdenken es zu ändern! Und bei Gesprächen dann nur den Nettoverdienst, meist nur auf Teilzeit gerechnet, wissen!

  14. Wir wollten eigentlich auch kein Eigenheim aber jmd. anderem so viel Geld für eine kleine Wohnung zu geben fühlte sich dann auch nicht besser an… mit 2 Kindern mittlerweile sehr froh über Entscheidung :) haben aber auch noch Tram/ Bus und in 13 min Ubahn Anschluss ;)

  15. Wir sind eher unfreiwillig zu unser DHH in Pankow (15 m zu Brandenburg/ 25 m zu Schönhauser): 2017 Kündigung mietswohnung wg (vorgetäuschten) Eigenbedarfs, dann mieten genauso teuer wie Eigenheim… in berlin kostet die Kita nichts, daher können/müssen beide weiterarbeiten

  16. Es gibt doch für beides PRO. Muss und kann doch jeder selbst entscheiden… nur den Rückschluss, wer wann (ob) arbeit und zu Haus bleibt oder nicht… Das hab ich nicht verstanden. Und ist m.M.n. auch nicht von der Wohnsituation abhängig…

  17. „Wer auf Gleichberechtigung steht, sollte sich einen Partner suchen, der auf keinen Fall mehr als man selbst verdient.“
    Ich weiß wie es gemeint ist, aber der Struggle den ein Mann verursacht, wenn er in der Beziehung anders versucht zu kompensieren, daß er weniger verdient,ist ein Killer.
    Toxische Männlichkeit ist ein Problem.

  18. In unserem Fall ist es günstiger Raten fürs Haus zu bezahlen als Miete. Und damit ist es auch einfacher uns Arbeit- und Carearbeit gut aufzuteilen. Auf jeden Fall toll, dass ihr für euch den richtigen Platz habt und du nun weißt, warum ?

  19. Super spannend, habe ich gerne gelesen – und ich persönlich sehe/erlebe es tatsächlich komplett anders. Der Erwerb unserer Eigentumswohnung (in der Stadt und ja, wir haben mehrere Jahre gesucht, bis wir etwas finanzierbares mit genug Platz gefunden haben, für das wir uns nicht komplett überschulden mussten) war in meiner Ehe definitiv ein Turn in Richtung mehr Gleichberechtigung. Mein Mann verdient zwar mehr als ich und arbeitet 100%, vs. ich 75%, trotzdem war die Finanzierung nur über beide Gehälter möglich, womit mein Gehalt eben kein „Add On“ ist.
    Dazu ist die Wohnung für meine persönliche Rechnung auch eine wichtige Säule der Altersvorsorge, denn für den Fall, dass es mit uns beiden schief geht, stehen wir gleichberechtigt im Grundbuch, die Hälfte gehört also mir und für den Fall, dass es gut geht, muss ich im Rentenalter keine Miete zahlen.
    In meiner Kindheit habe ich es ebenfalls anders kennengelernt. Zwar bin ich in einem, von Dir beschriebenen Dorfeigenheim im Grünen aufgewachsen, habe dabei das Haus meiner Eltern – die in allen anderen Fragen wirklich weit davon entfernt sind, auch nur im Ansatz eine gleichberechtigte Ehe zu leben (klassische Nachkriegs-Hausfrauenehe) – ebenfalls als eine Art Ausgleichsinstrument erlebt. Das Haus gehörte ganz bewusst schon immer beiden Elternteilen und war somit für meine Mutter eine Versicherung in zwei Richtungen: Zunächst für den Fall einer Trennung, hier hätte sie zwar ohne nennenswerte Karriere und Gehalt dagestanden, aber immerhin mit einem halben Haus und für ihre Altersvorsorge, da sie als Hausfrau nur eine Witwenrente beziehen würde, aber eben auch Hausbesitzerin ist.
    Danke auf jeden Fall für Deine Sichtweise – wir haben gerade beim Mittagessen noch intensiv weiter darüber diskutiert…

    1. Danke dir für den Kommentar.
      (Glaube übrigens aber dass Eigentum in einer Stadt mit kompletter Infrastruktur diese möglichen negativen Effekte auf die Gleichberechtigung nicht oder zumindest wesentlich weniger hat als Eigentum auf dem Land.)

      Und weil ich mich so gerne mit Finanzen befasse: Eigentum alleine ist leider keine Altersvorsorge. Das ist eine ungemeine Erleichterung, keine Frage. Aber gerade bei Häusern hat man, nachdem man schön 20-30 Jahre lang den Kredit abgezahlt hat, dann wieder riesige Kostenblöcke, die man auch stemmen muss (Heizungsanlage, Dah, irgendwelche Infrastrukturkosten die plötzlich anfallen etc.). Das vergessen viele in ihrer Planung.
      Es ist ein komplexes Thema… (ich fange gar nicht erst an wie es ist dann die frisch ausgezogenen Kinder zu finanzieren…).

  20. Für introvertierte mit Gartenliebe hat das Haus im Grünen schon deutliche Vorteile ? (wir haben aber auch 8-12 Spielplätze hier im Ort, 7 Kitas, alle nötigen Ärzte und Einkaufsgelegenheiten plus ne tolle ÖPNV und Verkehrsanbindung.)
    Jetzt in der Pandemie erst Recht.

  21. Interessant!
    Für mich überraschend hat sich die Verteilung des Mental Loads mit dem Umzug von Mietswohnung ins eigene Haus tatsächlich verbessert. So ein Haus schafft nämlich mehr Arbeitsaufgaben des Typs Handwerk, Garten und Energieverbrauch, und für diese hegt zumindest mein Mann eine größere intrinsische Motivation als für die Aufgaben, die sonst so anfallen. In unserem Fall ist es allerdings auch schon immer so, dass wir ähnlich viel verdienen und gleich viel Elternzeit und Kinderkrank nehmen.

    1. D.h. das sind Sachen, die in der (Miet)Wohnung nicht anfallen und weil es zusätzliche Aufgaben gibt, die es vorher nicht gab, ist es jetzt gerechter?

      Abgesehen davon: Es entspricht völlig der Statistik, dass Männer sich in Sachen handwerksnahe Aufgabenbereiche stärker engagieren als Frauen.
      Nur ist das ungefähr eins von zehn Aufgabenfeldern, die man als Familie abzuarbeiten hat.
      Für mich war auch sehr erhellend, dass typisch männliche Aufgaben wie »Gartenhaus aufbauen«, »Rauchmelder recherchieren« und »Rasen mähen« relativ selten vorkommen, wohingegen typisch weibliche Aufgaben oft zu den täglichen Routinen gehören. Plus: die typisch weiblichen Aufgaben laufen oft gegen harte Deadlines. »Kind vom Kindergarten abholen«, »kochen«, »Kind zum Sport bringen«.

      Am Ende ist mir übrigens total egal, wie jede*r für sich entscheidet. Der Artikel erklärt ja nur warum ICH kein Interesse am Eigenheim im Grünen hatte.

      1. Danke für die Antwort! Ja, am Ende muss das jede*r für sich selbst entscheiden. Wir hatten die häufigen Aufgaben (Kindergarten, kochen, etc) vorher schon 50/50 verteilt, nur die seltenen (Kinderkleider kaufen etc) nicht. Von den Vorteilen eines Hauses (Kinder betreuen sich dank Rückzugsräumen und Garten leichter von alleine, durch mehr Platz und praktischer Einrichtung wird Haushaltsarbeit leichter) profitieren bei uns alle, während die neu anfallenden seltenen Aufgaben eher meinem Mann zufielen.
        Ich finde deine Analyse zum Mental Load sehr hilfreich, vielen Dank dafür.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Mehr als 5x können Sie in einem Monat nicht kommentieren. So sorry! Ist das Gegenteil der Fall und sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen, dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken