Mental Load@work

Guten Tag, mein Name ist Patricia Cammarata und ich habe eine Sauklaue.

Tatsächlich habe ich mir diese angewöhnt, weil ich einen bestimmten Satz schon ziemlich kurz nach meinem Einstieg ins Berufsleben nicht mehr hören konnte: „Wer schreibt den heute unsere Gedanken mit am Flipchart?“ (Jemand tippt ins Handy, einer schaut aus dem Fenster, eine weitere Person blättert pseudointeressiert in den Handouts…) „Ach, Frau Cammarata! Sie sind die einzige Frau hier in der Runde und Frauen haben doch immer so eine schöne Handschrift…“

Ja… äh, nein.

Auch im Berufsleben übernehmen oft Frauen wesentliche Teile von Carearbeit und Mental Load. Früher hatte jeder Chef dafür eine Sekretärin. Die hatte alles im Kopf. Die beruflichen Termine, die Deadlines, die Firmenjubiläen, wie Cheffe seinen Kaffee mag, wann die Gattin Geburtstag hat und welche Blumen sie am liebsten mag.

In vielen Branchen gibt es diesen Job noch und es ist oft ein undankbarer Job. Denn es gibt zwar ein Mädchen für alles, doch Lob gibt es kaum, denn die Arbeit ist nahezu unsichtbar.

In manchen Branchen wurde dieser Job abgeschafft und nahtlos von anderen (Frauen) übernommen, die für dieses Plus an Arbeit nicht mal ein Gehalt bekommen. Sie machen alles neben ihrer eigentlichen Arbeit.

In besonders männerlastigen Branchen ist die unsichtbare Arbeit irgendwie liegen geblieben: das war die Geburtsstunde des Berufsbildes der Feel-Good-Managerin. Diese sorgen dafür, dass das Arbeiten in allen Bereichen nachhaltig verbessert wird. Sie sind dazu da, die Bedürfnisse aller Mitarbeitenden aufzufangen und eine konstruktive Zusammenarbeit zu fördern. Sie sind Mädchen für alles (sehr selten Junge für alles) und halten den Laden zusammen. Fragt mal eine Feel-Good-Managerin wie anstrengend der Job ist. Immer alles im Kopf haben, immer alles im Blick und meistens kommen die Leute, um sich zu beschweren, seltenst um sich zu bedanken.

Weil Equal Care auch im Job gelten soll, haben Almut Schnerring und ich für die zivilgesellschaftlichen Initiative Equal Care Day einen Fragebogen entwickelt, der dem oben beschriebenen Ungleichgewicht auf die Schliche kommen soll – v.a. dort, wo es eben keine extra dafür ausgeschriebene (und bezahlte) Stelle gibt.

Der Fragebogen ist v.a. eine Gesprächsgrundlage für Teams. Er ist kein wissenschaftlicher Test. Die Grenzen von Care Arbeit und Mental Load sind fließend. In meinem Buch „Raus aus der Mental Load-Falle*“ schreibe ich das auch:

„Im Grunde sagt der Begriff Mental Load erst einmal nichts anderes, als dass es neben den sichtbaren Aufgaben im Alltagsleben sehr, sehr viele unsichtbare Aufgaben gibt, die nie explizit genannt werden und die dennoch alle so nebenher identifiziert, bedacht, geplant und dann erledigt werden müssen. […] Dieses Buch befasst sich mit Mental Load – mit den unsichtbaren Aufgaben des Alltags und mit der damit verbundenen Dauerverantwortung und -belastung. Am Mental Load hängen auch sichtbare Aufgaben […] . Es ist nicht möglich, diese beiden Themen sauber zu trennen. In der Mengenlehre würde man vielleicht sagen: Die beiden Mengen sind nicht disjunkt. Sie sind miteinander verwoben.“

So ist es im Arbeitsleben auch. Aber schaut euch den Fragebogen zu Mental Load@work einfach an. Er klappert u.a. die Themenfelder Veranstaltungen/Sitzungen (z.B. Wer bereitet den Raum vor?), Küche (z.B. Wer räumt schmutziges Geschirr in die Spülmaschine?), Miteinander (z.B. Wer denkt an den Geburtstag von Kolleg:innen?) ab und ihr habt noch Raum für eigene Ergänzungen.

Wenn ihr den Fragebogen gemeinsam ausgefüllt habt, habt ihr eine tolle Gesprächsgrundlage diese Aufgaben neu zu verteilen – oder mindestens mal sichtbar zu machen und wertzuschätzen.

33 Gedanken zu „Mental Load@work“

  1. Hm, viele dieser Punkte übernimmt in meinem Team der Chef (ein Mann), also z.B. sich um Geschenke zur Geburt / Hochzeit kümmern, Team-Events planen und organisieren oder auch zu Weihnachten Schokonikoläuse verteilen.

    Andere Dinge sind klar geregelt, für die Küche z.B. ist das Reinigungspersonal explizit zuständig. Meetingräume richtet der Veranstalter her, bei „größeren“ Sachen mit Kunden manchmal die Kollegen vom Empfang (tatsächlich überwiegend Frauen in dem Team, aber auch 1-2 Männer).

    1. Das ist doch dann schön.
      So ganz verstehe ich Kommentare dieser Art übrigens nicht. Sollen sie mehr sagen als: Das ist bei uns wahrscheinlich kein Thema?

  2. Jetzt in Corona-Zeiten habe ich übrigens den Job gewonnen, einmal die Woche ins Büro zu fahren und alle Pflanzen zu gießen. Schlicht, weil ich den kürzesten Arbeitsweg habe. Soll ich jetzt auch rumheulen, weil ich als Senior Spezialist wesentlich höher qualifiziert bin als die meisten anderen Männer und Frauen im Team oder lösen wir das pragmatisch? Ich bewahre u.A. die anderen davor, sich ohne Not in die U-Bahn setzen zu müssen, weil ich das mit dem Fahrrad erledigen kann.

    Bei uns gibt es die berühmten Vorzimmerdamen übrigens nur noch in den obersten Etagen und diese Frauen sind nicht nur hoch qualifiziert, sondern auch ziemlich mächtig und einflussreich. Das ist die andere Seite der Medaille.

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